Leseprobe - Delius Klasing

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Leseprobe - Delius Klasing

Ein Layout für lange Reisen: an Backbord des aufbaus ließ der eigner vor dem salon einen modernen

Klassenraum für klassischen Frontalunterricht einbauen. Die tresen eignen sich auch als Frühstücksplatz.

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Die Alu-Ketsch Vertigo ist ein segelndes Superlativ. Das

Format aus den Hallen der neuseeländischen Werft

Alloy Yachts verblüfft schon allein mit Zahlen: 5037

Quadratmeter Segel stehen maximal an den zwei über 60 Meter

hohen Kohlefasermasten und sorgen für fast beängstigende

Lasten auf Schoten und Rigg. Der Großmast bringt einen

Stauchdruck von 387 Tonnen auf den Kiel; die Lasten in den

Vertigo-Schoten wachsen unter Extrembedingungen auf bis zu

40 Tonnen an. Dafür musste Alloy Yachts kaptive Winschen

von bisher nicht gekannter Dimension entwickeln.

Philippe Briand und die renommierte neuseeländische Werft

stießen mit der Größe von Vertigo in unbekannte Regionen vor.

Den 837 Tonnen verdrängenden Zweimaster bezeichnet der

für Racer- und Performance Cruiser-Formate wie Mari Cha III,

P2 und Gliss bekannte und in England lebende Yachtdesigner

als sein bis dato komplexestes Projekt.

Denn, wer über 800 Gross Tons baut – also mit 67 Metern und

einem Raummaß über 500 GRT in die Regionen der großen

Motoryachten vorstößt – muss strenge Vorschriften erfüllen

und sich intensiv mit SOLAS-Regularien auseinander setzen.

Bei Segelyachten ist damit allerdings erst die Hälfte der konstruktiv

schwierigen Zonen einigermaßen abgeklärt. Rigg und

Segel nämlich sind nicht Gegenstand dieser Vorschriften. Umso

wichtiger sind bei der Entwurfsphase Fingerspitzengefühl,

Erfahrung, präzise Konstruktionssoftware und ein risikofreudiger

Eigner mit klaren Vorstellungen.

Der Wunsch des Eigners mit Vertigo die ganz großen Reisen

unternehmen zu können, sorgte so beispielsweise für eine

schnelle Entscheidungsfindung im Bezug auf die Takelungsart.

Da die ganz großen Routen nun einmal durch Brücken begrenzt

sind, kam nur ein Ketschrigg in Frage. Der Suezkanal

erlaubt 68 Meter Masthöhe über Wasser. Ein entscheidendes

Maß: Der Vertigo-Großmast kitzelt in genau 67,90 Meter fast

ihre Unterkante. Die Segelfläche des Groß- und Besanmastes

reizte Briand im Hinblick auf die gewünschte Performance

voll aus und verpasste den beiden Laminaten ein ausgestelltes

Segeltop, auch Fathead genannt. Die dort oben, in über 60 Meter

Höhe, vergrößerte Segelfläche sorgt für eine beträchtliche

Perfomance-Steigerung, bedingt jedoch, dass die Ketsch statt

permanenter Backstagen bewegliche Runner fährt. Wenden

wollen also aufmerksam organisiert sein.

Der Eigner hatte nicht nur die Größe vorgegeben, sondern

als erfahrener Segler noch einen anderen Wunsch. Sensibel

sollte seine neue Yacht segeln, mit dem Zeigefinger zu steuern

und reaktionsschnell bei jedem Manöver sein. Also kamen nur

moderne Linien in Frage. Briand zeichnete einen nahezu vertikalen

Bug, um die Länge in der Wasserlinie zu maximieren.

Ein konstruktives Detail, das sich natürlich auch auf die Fahrt

unter Motor auswirkt. Arbeiten beide Caterpillar-Motoren unter

Volllast, schafft die 12,53 Meter breite Vertigo einen Topspeed

von 17 Knoten. Die Reichweite liegt bei 4000 Seemeilen.

Um einen schnellen und wendigen Rumpf zu gestalten,

sind neben Gewichtsersparnis auch die benetzte Oberfläche

und die Form der Anhänge wichtige Kriterien. Um

überhaupt kleinere Häfen und flache Buchten anlaufen zu

können, kam für Vertigo nur ein Liftkiel infrage. Eine Finne

vergrößert den Tiefgang von 5,50 auf 9,10 Meter und

sorgt am Wind für mehr Auftrieb und damit Performance.

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