Ein Segler im Himmel gibt Auskunft - ASC

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Ein Segler im Himmel gibt Auskunft - ASC

Keine Kosten und Mühen hat

die Redaktion vorliegenden

Jubiläumsbuches gescheut, Zeitzeugen

über die Vergangenheit zu

befragen. Dank modernster Kommunikationstechnik

hat sie im

Seglerhimmel jemanden gefunden,

der seine ersten Jahre im ASC als

jugendlicher Draufgänger verbrachte,

kurz danach aber schon als zweiter

Hausverwalter, später als

Beisitzer und schließlich von 1942

bis 1945 als erster Vorsitzender

Verantwortung im Club übernommen

hatte. Wir sprachen mit

Wilhelm Bauer.

Ein Segler im Himmel gibt Auskunft

I N T E R V I E W M I T E I N E M E H E M A L I G E N V O R S T A N D

Die Clubdamen im praktischen

Segeldress aus Leinen.

von links: Ida Wolfrum, Maria Kürn,

? ? ? , Lina Wolfrum,

Emmi Wolfrum

Wie war es denn nun damals vor

achtzig oder neunzig Jahren am

Ammersee?

Es war die Zeit, als wenige

Jahre zuvor in Augsburg die Pferdetram

durch die Elektrische ersetzt

wurde. Die Damen trugen Wagenräder

mit großen Nadeln als Hüte.

Auch unsere Clubdamen hatten

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damals als Segeldress lange blaue

Leinenkleider, die sich gerade bei

Wind als außerordentlich praktisch

und bequem erwiesen.

Wie kam man denn an den See?

Wir fuhren am Samstagnachmittag

oder Sonntagmorgen im

blauen Segleranzug mit einem


2003

100 Jahre

Augsburger

Segler-Club

1 0 0 J A H R E A U G S B U R G E R S E G L E R - C L U B

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Koffer in der Hand und der Clubmütze

auf dem Kopf mit der

Bummelbahn in zwei Stunden nach

Utting. Fahrpreis einfach eine Mark,

im ersten Weltkrieg als Soldat 50

Pfennige. Autos gab es damals nur

wenige, aber bei uns noch gar keine.

Außerdem war die Bahn sicherer.

Erst nach dem ersten Weltkrieg

erschienen bei uns vereinzelt Motorräder,

die dann nach einigen

Jahren durch die ersten Wagen

abgelöst wurden.

oben: das Clubhaus anno dazumal

unten links: die geselligen Segler

beim Feiern.

unten rechts: Das Cafe Mittermayer,

neben dem Gasthof Summer ein

beliebter Versammlungsort.


E I N S E G L E R I M H I M M E L G I B T A U S K U N F T

Vom Bahnhof ging‘s gleich in den

Club?

Treffpunkt war am Samstagabend

das Cafe Mittermayer, an der

Stelle, wo heute das Gemeindehaus

Utting ist. Das Nebenzimmer war

für uns reserviert und dorten wurden

dann auch vielfach hitzige

sportliche Schlachten geschlagen,

bei denen aber Magen und Kehle

auch nicht zu kurz kamen. Spät,

manchmal sehr spät, ging es dann

die schmale Seestraße mit Handlaternenbeleuchtung

ins Clubhaus

hinaus. Vielleicht gab es dann noch

ein Glas der Hausmarke „Bamberger

Klosterlikör“ – aber erst nachdem es

gelungen war, die Spiritusglühlampe

im Clubzimmer zum Brennen

zu bringen.

Wurde damals schon im Clubhaus

übernachtet?

Im ersten Stock hatte die

Prominenz ihre Betten: Dr. Gollwitzer,

Dr. Clairmont, Himmer,

Wolfrum. Im zweiten Stock war das

Mannschafts-Logis: Klopfer, Brönner,

Albert, Wildenrother, Stebich,

Sturzenegger und ich. In den Ecken,

im Bootshaus und später auch auf

dem Dachboden schliefen auf Strohsäcken

dann auch noch welche,

aber am Morgen wurden wir – ob

wir wollten oder nicht – von

Brönner herausgeworfen und der

Tag begann mit Petroleumlampen

putzen – elektrisches Licht gab es ja

erst ab 1915 –, dann Schuhe schmieren

und was so andere schöne Hausfrauenarbeit

war.

Das liest sich aber in alten Unterlagen

ein bißchen anders!

Wir hatten damals noch keine

ständige Hilfe im Club. Nur eine

Stundenhilfe, Frau Trost, kam zum

Betten- und Zimmerrichten. Wenn

sie aber nicht oder nicht rechtzeitig

kam, mußten wir auch noch Kaffee

kochen und Abspülen. Als wir dann

aber unser Clubzimmer am Abend

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oben: Familie Summer – rechts die

„Summerin“ nebst Gestrick,

die mütterlich für die ASCler sorgte.

mehr benützten, saßen wir bei

Gesang und Lautenspiel zusammen,

nicht gerade immer zum Vergnügen

des Herrn Oberst Weber. Um elf Uhr

war unerbittlich laut Hausordnung

Polizeistunde – aber nur für die

Damen! Nicht unerwähnt möchte

ich lassen, daß unsere Münchner

Mitglieder jeden Mittwoch im

Schottenhammel zusammenkamen

und keiner von uns Augsburgern

versäumte, sie an ihrem Stammtisch

aufzusuchen, wenn er in München

war.


oben: Zubehör für das

Clubhaus wurde von

Spezialfirmen bezogen.

unten: Sicherung

der Getränkevorräte.

Originalkorrespondenz

aus dem Jahr 1915


E I N S E G L E R I M H I M M E L G I B T A U S K U N F T

Ich dachte, es ginge um einen Seglerverein? War der ASC

schon damals eine Marina?

In Utting ging es aufs Wasser, ob die Sonne schien

oder nicht. Sogar Wind konnte uns nicht zurückhalten!

Ölzeug, Südwester, feste Stiefel hielten uns auch bei

ungünstiger Witterung warm. Die Anfänger wurden an

Bord richtig hergenommen. Takeln, spleißen, Segel setzen

und bergen, reffen, Mann-über-Bord-Manöver, steuern

usw. Alles wurde ihnen durch die Eigner oder

Clubbootsführer eingedrillt und wenn wir dann abends

sonnenverbrannt oder durchnäßt nach Hause kamen,

dann war es ein schöner Tag. Natürlich mußten dann

noch die Boote und die Segel versorgt werden, im

Clubhaus aufgeräumt und alles versperrt werden –

Freund Brönner führte hier ein strenges Regiment – bis

dann jeder mit mehr oder weniger Eile zur Summerin

zum Abendessen lief.

Das hört sich hungrig an…

‚A schöns Ganserl hätt i no‘, bot die Summerin an.

‚Ja, was soll‘s denn kosten?‘, war die Gegenfrage. ‚Ja mei,

billig, billig kriagts es ihr, zwei Mark 50.‘ – ‚Soviel Geld

hamm wir net‘, jammerten wir zurück und schlugen eine

Mark 20 vor. Und dann bekamen wir ein Gansviertel um

eine Mark 50, daß wir uns beinahe plagen mußten, um

es zu zwingen! Ja, die Summerin überhaupt: Dick und

rund, mit herrlichem Humor, ein Original und eine

Musterwirtin. Praktisch die Mutter der ASCler und

ASVler, immer hilfsbereit und doch immer auf ihren

Vorteil bedacht.Was haben wir mit ihr Schabernack

getrieben und wie konnte sie lachen, wenn wir sie wieder

einmal richtig hereingelegt hatten!

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oben: Ölzeug, Südwester und feste Stiefel hielten die

Mannschaft auch bei ungünstiger Witterung warm.

XXX unten: Lustfahrt bei schönstem Sommerwetter


Können wir wieder aufs Segeln zu

sprechen kommen?

Der See war damals natürlich

auch weniger belebt als heute. Die

Flotten des ASV und AYC, der beide

damals neben dem ASC bestehenden

Clubs, waren auch noch klein

und es war möglich, daß, wenn

einer von uns mal mit dem Dampfer

fuhr, einige Maß Bier zu 24 Pfennig

(heute fünf Euro) es ermöglichten,

daß er den Dampfer steuern konnte.

Unsere Segelfahrten gingen in

alle Ecken und Winkel des Sees, wo

auch gelotet wurde, um die Untiefen

zu erforschen. Unvergesslich sind

mir auch die leider nur wenigen

Fahrten an die alte Ammermün-

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Augsburger

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dung, wo wir vor Anker liegend auf

dem Boot übernachteten, um dann

beim Morgengrauen mit dem Beiboot

die Ammer hinaufzufahren.

Was gab es damals hier und im

Moor an sonst nirgends gesehenen

Vögeln und Blumen und welch herrliche

Stimmung brachte das Erwachen

der Natur mit sich!

Mit scheint, die Segel-Ausflüge spielten

eine große Rolle?

Oder wir machten Nachtfahrten,

die dann im Morgennebel in

Stegen endeten. Damals gab es dorten

nur die alte Wirtschaft Schreyegg

über der Straße. Die schönen

Nachtgeschwaderfahrten bei Voll-

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mond in der Herrschinger Bucht,

die Wasserschlachten, die Damenwettfahrten

auf Jollen, auch bei

schwerem Wetter, aber auch die

offenen Regatten mit den vielen auswärtigen

Booten sind ebenfalls liebe

Erinnerungen.

Ging denn das immer gut, so perfekt

war das Material doch noch nicht?

Bei Seenot waren es die alte

Margarete II und Komet, die hinausfuhren

und Hilfe leisteten. Viele

haben wir herausgeholt oder hereingeschleppt,

denn seetüchtige Motorboote

gab es damals auch noch

nicht.


E I N S E G L E R I M H I M M E L G I B T A U S K U N F T

Linke Seite: Hebung der

PERLE.

Oben: Publikum – die Damen

trugen Wagenräder mit großen

Nadeln als Hüte

Oben: Die seetüchtige

MARGARETHE II und ein Blick

in die prächtig ausstaffierte

Kajüte (links).

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oben: Kilch bei Starkwind und eine

von vielen Flautenregatten auf dem

Ammersee.

unten: beim Streichen des Startballs

ganz unten: Seeschlacht in aufregender

Badebekleidung

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Augsburger

Segler-Club

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Und was war sonst so los im Club?

Ich habe vor kurzem in unserem

Gästebuch geblättert. Als ich

die Eintragungen sah, drängte sich

mir die Feststellung auf, daß sich in

der Geschichte unseres Clubs auch

die Entwicklung unseres Vaterlandes

wiederspiegelt. Die Besuche

unseres bayerischen Königs Ludwig

III, noch als Prinzregent, ein Jahr

darauf als König, der Aufenthalt

Verwundeter im 1. Weltkrieg, die

Heimkehrerfeier im März 1919 und

gleich darauf der Zwangsaufenthalt

einiger Mitglieder während der

Münchner und Augsburger Rätezeit,

die Feier zum Geburtstag von


E I N S E G L E R I M H I M M E L G I B T A U S K U N F T

oben: ASC - Postkarte aus dem

Fotoalbum um 1910

links: Mannschaft auf der „Pirat“

Hindenburg, die Besuche des Freikorpsführer

Ritter von Epp, des

Chefs der obersten Heeresleitung

Heye und dann nach 1933 verschiedene

Größen des Dritten Reichs,

wieder Verwundete, die Besatzungszeit,

das Flüchtlingselend. Alles

Zeugen von vergangenen schönen

und schweren Zeiten, später die

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letzte gesamtdeutsche Meisterschaft,

der wirtschaftliche Aufschwung

mit vielen Bootstaufen

oder der 80. Geburtstag von Mino

Schröder, schließlich der Abriß

unseres alten Clubhauses und der

Bau eines modernen Seglerheimes

kurz vor der Jahrtausendwende.

Wir danken für das Gespräch!

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