ACTIVITIES 2005 - European Academy of Sciences and Arts

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ACTIVITIES 2005 - European Academy of Sciences and Arts

Nun behaupten zwar böse Zungen manchmal, dass ich an einem guten, ja sogar

allzu guten Gedächtnis leide. Wahr ist jedoch vielmehr, dass ich – wenn überhaupt –

an einem guten Archiv leide, das meinem Gedächtnis immer wieder auf die Sprünge

hilft. Da ich mich nicht mehr erinnern konnte, wann genau dieser zuletzt erwähnte

Vortrag von Karl Rahner stattgefunden und ob sich dabei wirklich alles so abgespielt

hat, wie es in meiner Erinnerung erhalten geblieben ist, sah ich in einem meiner

alten Ordner aus der Studienzeit nach und fand darin tatsächlich zwei Zeitungsausschnitte

– den einen aus den Tiroler Nachrichten und den anderen aus dem

Volksboten (einer katholischen Wochenzeitschrift) –, in denen über Rahners Vortrag

berichtet wird. Im Volksboten hieß es dazu: “Das Katholische Bildungswerk Innsbruck

hatte für Donnerstag, 16. Februar 1961, einen Vortrag von Prälat Prof.

Schmaus aus München über die Alleinseligmachende Kirche angekündigt. Weil der

Redner nicht erschien, übernahm Prof. Karl Rahner, der zum Zuhören gekommen

war, ohne jede Vorbereitung den Vortrag zu diesem schwierigen Thema. Wie sehr

das Publikum mit diesem ‘Ersatz’ einverstanden war, zeigte der langanhaltende

Applaus, der diese Mitteilung auslöste.” Und in den Tiroler Nachrichten stand: “Es

war einer der eindrucksvollsten Vorträge seit langem.” 3

Nun behaupten zwar böse Zungen manchmal, dass ich an einem guten, ja sogar

allzu guten Gedächtnis leide. Wahr ist jedoch vielmehr, dass ich – wenn überhaupt –

an einem guten Archiv leide, das meinem Gedächtnis immer wieder auf die Sprünge

hilft. Da ich mich nicht mehr erinnern konnte, wann genau dieser zuletzt erwähnte

Vortrag von Karl Rahner stattgefunden und ob sich dabei wirklich alles so abgespielt

hat, wie es in meiner Erinnerung erhalten geblieben ist, sah ich in einem meiner

alten Ordner aus der Studienzeit nach und fand darin tatsächlich zwei Zeitungsausschnitte

– den einen aus den Tiroler Nachrichten und den anderen aus dem

Volksboten (einer katholischen Wochenzeitschrift) –, in denen über Rahners Vortrag

berichtet wird. Im Volksboten hieß es dazu: “Das Katholische Bildungswerk Innsbruck

hatte für Donnerstag, 16. Februar 1961, einen Vortrag von Prälat Prof.

Schmaus aus München über die Alleinseligmachende Kirche angekündigt. Weil der

Redner nicht erschien, übernahm Prof. Karl Rahner, der zum Zuhören gekommen

war, ohne jede Vorbereitung den Vortrag zu diesem schwierigen Thema. Wie sehr

das Publikum mit diesem ‘Ersatz’ einverstanden war, zeigte der langanhaltende

Applaus, der diese Mitteilung auslöste.” Und in den Tiroler Nachrichten stand: “Es

war einer der eindrucksvollsten Vorträge seit langem.” 3

Diese Diese persönlichen Erinnerungen haben haben aber aber nicht nicht nur nur anekdotischen Charakter,

sondern sondern sie sie haben haben uns uns bereits bereits unversehens zu einem zu einem der der beiden beiden Grundzüge von von

Rahners Rahners Philosophieren hingeführt, auf auf die die ich ich jetzt jetzt eingehen möchte: möchte: In den In den beiden beiden

erwähnten Vorträgen hat hat sich sich ein ein Paradigmenwechsel in der in der Auseinandersetzung

mit mit anderen anderen Religionen und und speziell speziell mit mit dem dem evangelischen Christentum angekündigtdigt

und und bereits bereits abgezeichnet: Die Die früher früher stark stark ablehnende, abgrenzende oder oder zuzumindestmindest apologetische Haltung Haltung wurde wurde von von einer einer Einstellung abgelöst, die die sich sich der der

anderen anderen Auffassung öffnet, öffnet, auf auf sie sie eingeht, eingeht, sie sie zu verstehen zu verstehen und und so weit so weit wie wie mögmöglichlich mit mit der der eigenen eigenen Auffassung zu vereinbaren zu vereinbaren und und zu verbinden zu verbinden versucht. Genau Genau

diese diese Einstellung, die die hier hier im theologischen im theologischen Bereich Bereich beispielhaft vorgeführt wurde, wurde,

prägte prägte aber aber auch auch von von allem allem Anfang Anfang an Rahners an Rahners Philosophieren. Für Für Rahner Rahner stellte stellte

sich sich dabei dabei in erster in erster Linie Linie die die Aufgabe, vom vom Boden Boden der der scholastischen bzw. bzw. neuscholastischen

Philosophie aus aus “in “in ein ein lebendiges Gespräch mit mit der der modernen PhilosoPhilosophiephie zu kommen” zu kommen” (SW (SW 2, p. 2, 431) p. 431) und und dadurch dadurch die die eigene eigene Philosophie lebendig lebendig weiweiterzuentwickeln. Zwar Zwar hat hat sich sich die die Scholastik, wie wie Rahner Rahner betont, betont, immer immer schon schon mit mit

der der modernen Philosophie auseinandergesetzt, aber aber diese diese Auseinandersetzung war, war,

wie wie er bedauernd er bedauernd hinzufügt, “leider “leider meistens meistens wirklich wirklich eine eine Auseinandersetzung”

(SW2, (SW2, p. 431). p. 431). Dabei Dabei hat hat man man in erster in erster Linie Linie Irrtümer Irrtümer zurückgewiesen und und den den ei- ei-

3 3

Man Man wird wird sich sich vielleicht vielleicht wundern, wundern, warum warum ich diese ich diese zwei zwei kleinen kleinen Zeitungsausschnitte aus dem aus dem Jahre Jahre

1961 1961 bis heute bis heute aufbewahrt habe. habe. Dafür Dafür gibt gibt es eine es eine einfache einfache Erklärung: Erklärung: Ich war Ich war in meinen in meinen letzten letzten GymGymnasial-nasial- und und ersten ersten Studienjahren journalistisch tätig tätig und und habe habe die beiden die beiden Berichte Berichte über über Rahners Rahners Vortrag Vortrag

selbst selbst verfasst. verfasst.

genen genen Standpunkt verteidigt (SW2, (SW2, pp. pp. 431 431 f.). f.). Demgegenüber will will sich sich Rahner Rahner

vom vom sicheren sicheren Boden Boden der der scholastischen bzw. bzw. thomistischen Philosophie aus aus den den

Herausforderungen der der modernen Philosophie stellen stellen und und sich sich für für deren deren Fragestellungenlungen

und und Probleme öffnen. öffnen. Aus Aus einer einer nicht nicht bloß bloß oberflächlichen und und gewissermaßenßen

antiquarischen, sondern sondern einer einer echt echt philosophie-historischen Perspektive zeigt zeigt

sich sich nach nach Rahner Rahner sogar, sogar, dass dass die die gleichen gleichen Fragestellungen, um um die die es in es der in der modermodernennen Philosophie geht, geht, bereits bereits in den in den Werken Werken von von Thomas Thomas von von Aquin Aquin angelegt angelegt sind sind

(SW (SW 2, p. 2, 435); p. 435); und und Rahner Rahner bekennt, bekennt, dass dass gerade gerade diese diese Fragen Fragen es sind, es sind, “die “die auch auch

sein sein Herz Herz und und seinen seinen Geist Geist bewegen” (SW (SW 2, p. 2, 437). p. 437).

Drei Standpunkte der modernen Philosophie sind es in erster Linie, die Rahner von

innen her zu verstehen versucht, indem er sie in sein eigenes – von Thomas geprägtes

Denken – integriert und in seiner eigenen Philosophie verlebendigt: Es ist die

Philosophie Kants, die Philosophie von Hegel bis Marx und schließlich die Existenzphilosophie

– vor allem in der Version von Heidegger. Heute kräht kein Hahn

mehr danach, wenn sich ein christlicher Philosoph mit solchen philosophischen

Strömungen konstruktiv beschäftigt und sich von ihren Ideen befruchten lässt. Dass

dies heute eine Selbstverständlichkeit geworden ist, gehört zu den großen Verdiensten

von Karl Rahner. Das Revolutionäre seiner damaligen Öffnung für diese modernen

philosophischen Richtungen (SW 2, p. XVI) bestand darin, dass deren Vertreter

damals als große Gefahr für das Christentum angesehen wurden und dessen erklärte

Gegner waren. Die Werke von vielen ihrer Vertreter – von Kant angefangen über

Marx bis zu Sartre – standen lange auf dem Index librorum prohibitorum. 4 Drei Standpunkte der modernen Philosophie sind es in erster Linie, die Rahner von

innen her zu verstehen versucht, indem er sie in sein eigenes – von Thomas geprägtes

Denken – integriert und in seiner eigenen Philosophie verlebendigt: Es ist die

Philosophie Kants, die Philosophie von Hegel bis Marx und schließlich die Existenzphilosophie

– vor allem in der Version von Heidegger. Heute kräht kein Hahn

mehr danach, wenn sich ein christlicher Philosoph mit solchen philosophischen

Strömungen konstruktiv beschäftigt und sich von ihren Ideen befruchten lässt. Dass

dies heute eine Selbstverständlichkeit geworden ist, gehört zu den großen Verdiensten

von Karl Rahner. Das Revolutionäre seiner damaligen Öffnung für diese modernen

philosophischen Richtungen (SW 2, p. XVI) bestand darin, dass deren Vertreter

damals als große Gefahr für das Christentum angesehen wurden und dessen erklärte

Gegner waren. Die Werke von vielen ihrer Vertreter – von Kant angefangen über

Marx bis zu Sartre – standen lange auf dem Index librorum prohibitorum. Zur Zeit

Karl Rahners erforderte eine wohlwollende Öffnung gegenüber diesen Strömungen

der modernen Philosophie nicht nur Weitblick, sondern auch Mut.

4 Zur Zeit

Karl Rahners erforderte eine wohlwollende Öffnung gegenüber diesen Strömungen

der modernen Philosophie nicht nur Weitblick, sondern auch Mut.

Die Die Annäherung an Kants an Kants Transzendentalphilosophie erfolgte erfolgte über über das das Werk Werk „Le „Le

point point de départ de départ de la de métaphysique“ la métaphysique“ des des Löwener Philosophen Joseph Joseph Maréchal.

Rahner Rahner hatte hatte dieses dieses Werk Werk schon schon sehr sehr früh früh (1927) (1927) ausführlich exzerpiert (Rahner (Rahner

1995b) 1995b) und und damit damit vielen vielen Kollegen zugänglich gemacht. Die Die Auswirkungen dieser dieser

Maréchal-Rezeption waren waren nicht nicht nur nur in Vorlesungen in Vorlesungen der der Pullacher und und Innsbrucker

Jesuiten-Philosophen wie wie Johannes Baptist Baptist Lotz, Lotz, Emerich Emerich Coreth Coreth und und Otto Otto Muck Muck

“herauszuhören” (vgl. (vgl. dazu dazu z.B. z.B. das das Skriptum von von Coreths Coreths Ontologie-Vorlesung:

Coreth Coreth 1960, 1960, pp. pp. 5 f.), 5 f.), sondern sondern in ihren in ihren Publikationen auch auch nachzulesen, so etwa so etwa in in

dem dem von von Emerich Emerich Coreth Coreth herausgegebenen Band Band „Aufgaben der der Philosophie“ (Co(Corethreth 1958, 1958, pp. pp. 17 ff., 17 ff., 112 112 f.) und f.) und in seiner in seiner „Metaphysik“ (Coreth (Coreth 1961, 1961, pp. pp. 71 ff.) 71 ff.)

4 4

Dazu Dazu nur eine nur eine kleine kleine Anekdote: Anekdote: Als Gymnasiast Als Gymnasiast wollte wollte ich in ich der invon der der vonArbeiterkammer der Arbeiterkammer eingerichteten

Bibliothek ten Bibliothek meiner meiner Heimatstadt Bludenz Bludenz ein Buch ein Buch von Sartre von Sartre entlehnen: entlehnen: Die Leiterin Die Leiterin dieser dieser Bibliothek Bibliothek

fragte fragte mich, mich, ob mir ob das mir meine das meine Mutter Mutter wohl wohl erlaubt erlaubt habe; habe; sie war sie nämlich, war nämlich, wiewohl wiewohl bei der bei(damals der (damals noch noch

sozialistisch dominierten) Vorarlberger Arbeiterkammer angestellt, angestellt, ebenso ebenso wie wie meine meine Mutter Mutter bei der bei der

Marianischen Kongregation.

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