Zufall Idstein I

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Zufall Idstein I

Zufall, Schöpfung, Evolution (IDSTEIN 2013 No. I)

Ist die Welt gewollt oder wurde sie ins Leben geliebt?

Ein Abend, der unterschiedet zwischen Zufall & Ziel, zwischen Wissen & Weisheit.

Heute, an dem Tag, an dem sich die Katastrophe von Fukushima jährt,

denken wir über Schöpfung nach.

Einfach zu schweigen, scheint manchmal angemessen.

Wegen ihrer Schönheit und wenn wir sehen, was wir aus ihr gemacht haben.

Die Schöpfungsgeschichte – so faszinierend:

Der erste Text der Bibel, der jüdischen, der christlichen,

die erste Seite, die ersten Worte… darüber wie Gott die ersten Worte spricht.

„Es werde!“ und es wurde...

Man könnte ganze Bücher damit erfüllen,

alleine über die ersten beiden Worte der Bibel „Am Anfang“ nachzudenken.

Bereschit bara.

Alleine mit dem ersten Buchstaben „B“ oder „Beth“

könnten wir jetzt eine Stunde lang Entdeckungen machen.

Das vorweg.

Ich kann mich an der ersten Seite der Bibel nicht satt sehen,

nur immer noch hungriger lesen nach mehr;

die Erzählung vom Anfang aller Anfänge hat immer etwas Neues…

Die erste Seite der Bibel – ist einer der wunderbarsten Texte der Weltliteratur;

es lohnt sich, sich in ihn zu versenken. Abzutauchen.

Und dann haben wir ja aber nicht nur diesen Text von der Schöpfung,

und die Theologie,

sondern wir haben auch diesen Planeten Erde und die Wissenschaft

und ihre Theorien,

und dann haben wir auch noch die Natur und Greenpeace.

Und etwa 30 Minuten hab ich.

Guten Abend. Schön, wieder in Idstein zu sein.

Am Anfang dieser Woche, damit anzufangen, zu fragen:

Wie hat eigentlich alles angefangen?

Ein Thema, das viele Facetten hat.

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Und eine große Frage im Hintergrund: Glaubst du an die Schöpfungsgeschichte?

Diese Frage will ich versuchen zu beantworten.

Nicht mit Ja oder Nein. Das wäre ja zu kurz.

Ich will sagen, wie ich sie glaube und wie ich sie nicht glaube.

Ein erstes Bekenntnis:

Ich glaube an die Schöpfungsgeschichte – als Erzählung.

Ich denke an die Nomaden, die diese Geschichte zum ersten Mal erzählt haben;

wie sie um ein Feuer herum sitzen,

unter dem Sternenhimmel oder bei aufgehender Sonne,

das Blöken der Schafe und die Lieder der Kinder im Hintergrund;

in Wolldecken eingehüllt erzählen sie:

Bereschit bara, am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Sie erzählen, sie singen das heilige Lied von den sechs Tagen

und dem einen, der anders ist. Und im Refrain singen alle:

„Und es wurde Abend und es wurde Morgen, ein erster Tag.“

Das ist ein Gedicht. Es ist Weltliteratur. Theo-­‐Poesie in Höchstform.

Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Jehi or. Wahi or.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. Tow.

Und sie erzählen sich die Entstehung, die Entwicklung der Welt;

und singen gemeinsam den zweiten Refrain:

Gott sah an, was Gott gemacht hatte und siehe, es war gut.

Ich glaube an die Schöpfungsgeschichte als Erzählung,

als Theo-­‐Poesie, Lyrik, ein Lied.

Ich lese den alten Text mit den Sinnen.

Ich mag sie, ich lerne sie, ich weiß sie auswendig, als Liebesgeschichte;

eine der ganz großen Erzählungen, mit denen ich mein Herz füttere.

Und dann fange ich an zu staunen:

über die Ordnung von Tag und Nacht, über Farben, über die Vielfalt,

die Phantasie dahinter, ich habe Bilder vor Augen, ich schwärme:

Von Butterblumen, Tulpen, Rosen, Gänseblümchen, Ranunkeln;

von Wiesen, Wellen und Wasserfällen, von Sternen, Sonnen wie Lichterketten,

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von weinrot, königsblau, gold, lila, orange und blond,

von Diamanten, Muscheln. Zitronen und Himbeeren, Kokosnüssen. Und Zimt.

Und Kaffeebohnen. Honig. Giraffen. Vom Meer. Vom Strand.

Von Wimpern, Händen mit Fingern, von Gelenken,

von Sommersprossen und Zebrastreifen.

Dieser Planet, dieses Sonnensystem, der Nil, der Kilimandscharo,

der Lago Majiore, das Kap der Guten Hoffnung, die Sahara, die Toskana,

das Ruhrgebiet.

Ich muss eigentlich immer lächeln, wenn ich diese Erzählung lese;

weil ich mir vorstelle, wie Gott die kleinen Details erfunden hat:

wie eine Pusteblume aus einem Löwenzahn entsteht.

Wie Ebbe und Flut funktionieren.

Wie Augen, Ohren, Füße koordiniert werden können

und wie lustig es aussieht, wenn man das nicht hinbekommt.

Wie Sprechen möglich ist, Kommunikation, Worte finden, Geschichten erzählen.

Lachen, Tränen, Tanzen, Niesen, Kitzeln, Kugeln, Küssen, Purzelbäume.

Schlafen, träumen, schenken, teilen, lieben… Was Gott alles erfindet:

Spaghetti. Büroklammern. Und Pudel.

Ich meine, spätestens daran sieht man, dass Gott Humor hat.

Sagte aber neulich jemand: Also bei den Pudeln, da ist Schluss.

Die Pudel hat Gott nicht erfunden. Die seien eine menschliche Züchtung.

Der Typ war richtig vergrätzt, weil ich so einen Unsinn behauptet habe.

Spaghetti und Büroklammer haben ihn irgendwie nicht gestört,

aber die Pudel haben ihn irgendwie sehr genervt.

Ich habe ihm gesagt:

Ich glaube an die Schöpfungsgeschichte als Erzählung,

als Gedicht, als große lyrische Komposition.

Eine Liebesgeschichte, ein heiliges Statement,

eine Liebeserklärung an diese Welt:

Du, liebe Erde, bist nicht einfach vom Himmel gefallen,

und du, Menschenskind, bist auch nicht einfach nur zufällig hier,

du wurdest ins Leben geliebt.

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Die alte Erzählung möchte sagen: Gott hat die Idee gehabt.

Seine Geschichte, sein Schaffen, reicht weiter zurück.

Gott ist die Ursprünglichkeit. Die Idee hinter der Idee.

Der Anfang hinter dem Beginn. Die Erzählung vor aller Geschichte.

Die Idee von der Locke hinter dem Pudel.

Schöpfung zu glauben, bedeutet für mich nicht Züchtung zu leugnen.

Oder Entwicklung zu verneinen. Oder die Ideen der Menschen zu schmälern.

Aber Patentrecht auf den Menschen hat Gott. Gott erfand die Erfindung.

Gott schuf das Schaffen. Er entwickelte die Entwicklung.

Er brachte alles ins Rollen. Er steckt dahinter.

Gott schafft die Erde segnend, hat Gutes im Sinn, als er sie ruft,

so dass die Welt und jedes Leben göttlichem Sinn entsprungen ist.

Ursprung ist Gott. Der nicht alleine für sich Gott sein will.

Das bedeutet:

Ich glaube an die Schöpfungsgeschichte nicht als Reportage.

„Montag, 1. Erstensmonat, im Jahre lange vor Unzählbar

schuf ein großer Unbekannter, aus dem Nichts,

das nach letzten Berechnungen wüst und leer aussah,

ein System von Planeten und eine Erdkugel, überzogen mit Wasser und Grün

und bewohnt von einer Menge seltsamer Geschöpfe.

Er benötigte dazu erstaunlicherweise genau sieben Mal 24 Stunden,

bevor er sich scheinbar für immer zur Ruhe setzte;

zumindest wurde er seit dieser Zeit nicht mehr gesehen.“

Ich glaube an die Schöpfungsgeschichte nicht als Reportage.

Ich glaube sie nicht als wissenschaftlichen Bericht.

Aber enthält diese alte Ur-­‐Geschichte denn keine Informationen?

Oh ja. Im tiefsten Sinne der Bedeutung dieses Wortes:

In-­‐Formation: das ist etwas, das uns in(nen) formt;

in unserem Innersten Bedeutung formt, Sinn stiftet, Glück schenkt.

In-­‐formieren – tut mich diese Geschichte; sie bringt mich in eine Form – …

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Diese Geschichte ist mehr als eine Faktensammlung.

Und sie ist mehr als ein Mythos.

Sie ist die Geschichte vom Leben, das alles Leben beginnt.

Ich habe in den letzten Tagen und Wochen Schöpfungs-­‐Mythen gelesen,

aus Weltreligionen und kleineren Traditionen; ich habe versucht,

Evolutions-­‐Theorie zu verstehen;

ich habe mit Leuten unterschiedlicher Geisteshaltung gesprochen.

Der (für mich) faszinierendste Gedanke ist,

dass vielfache Geschichten und Bilder in dieser großen Erzählung Platz haben.

Es ist eine Geschichte, wie das Haus dieser Welt begann, wie Gott Heimat schafft;

unter diesem Himmelszelt – wie unter weiten Zelt-­‐Planen

finden viele Erklärungen und Mythen ein Zuhause.

Auf manche Fragen will und kann der Schöpfungsbericht keine Antwort geben:

Denn die Bibel betreibt keine Wissenschaft.

Das ist gar nicht ihre Absicht.

Sie hat andere Fragen: Sie fragt nach dem Sinn, nach der Liebe.

Sie fragt nach dem Anfang, vor allem anderen deshalb, weil sie wissen will:

Was ist das Ziel?

Wir fragen nach dem Anfang, nach dem Woher?,

weil wir nach dem Ziel suchen, nach dem Wohin?

Weil wir ahnen, dass die Absicht, der Ursprung einer Idee

etwas mit der Aussicht ihres Endes zu tun hat.

Auf andere wissenschaftliche, biologische, Fragen will sie keine Antwort geben.

Genau so allerdings können Darwin & Co.,

die Theorie von der Evolution

und die Theorie vom Urknall – alles Theorien übrigens, also Hypothesen –

auf manche Frage keine Antwort geben. Wie sollten sie auch?

Sie haben Fragen, stellen Hypothesen auf, sammeln Beweisen, machen

Beobachtungen, messen Werte.

Über den Sinn, die Bedeutung, das Wohin?, können sie keine Aussage machen.

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Die Bibel und die Forschung gegeneinander auszuspielen,

ist, aus meiner Sicht, ganz unangemessen.

Sich einreden zu lassen, von einem Biologielehrer,

die Evolutions-­‐Theorie beweise, dass die Schöpfung Unsinn sei,

oder gar der Schöpfer selbst Erfindung – ist ganz unangemessen.

Er ist Biologielehrer, nicht Religionslehrer.

Sich einreden zu lassen, von einem Religionslehrer,

die Schöpfungsgeschichte beweise, dass die Evolutionstheorie Unsinn sei –

ist auch ganz unangemessen. Ein Religionslehrer ist kein Biologielehrer.

Die beiden haben unterschiedliche Jobs.

Ihre Disziplin, ihr Fachgebiet, beantwortet vollkommen unterschiedliche Fragen.

Sie können sich gegenseitig inspirieren,

sie müssen sich gar nicht streiten oder ausschließen;

sie können beide klug sein und uns etwas beibringen, was uns hilft, zu leben.

Begrenzt werden sie dabei allerdings eben auch beide bleiben;

und beide die Schöpfung als Idee nicht erschöpfend behandeln –

keins ihrer Fachgebiete kann das.

Wir sind begrenzt.

Wenn wir in diesen Tagen, an 5 Abenden, über große Fragen nachdenken.

Wir sind immer beteiligt; wir alle;

niemand ist neutral, ein unbeschriebenes Blatt, nur Beobachter/in.

Es gibt, so weit ich das verstehe, keinen einzigen unbeteiligten Satz über Gott.

Wir sind Reisende, die auf Fahrt, Erfahrungen machen,

Verliebte, forschend Suchende, Ertappte, EntdeckerInnen.

Mit einer distanzierenden Methode können wir per se nicht das erkennen,

worin wir unmittelbar einbezogen sind.

Wir sind Beteiligte. Immer. Beim Geheimnis des Glaubens. In der Liebe.

Ich rede nicht neutral von Gott, dem Glauben, von Schöpfung;

ich habe ein Interesse; ich bin einseitig, einbezogen, weil ich fasziniert bin.

Und jeder Person, die meint, sie sei unbeteiligt,

sage ich, wie meinen naturwissenschaftlichen Freunden:

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Es hat auch noch nie jemand ein Gehirn beobachtet,

ohne sein eigenes Gehirn dabei zu beteiligen.

(und auch das könnte ja Auswirkungen haben auf das Ergebnis.)

Und deshalb kann ein Biologe, eine Forscherin, ein Naturwissenschaftler

auch die Schöpfungsgeschichte lesen, Gott vertrauen,

sich von der Poesie inspirieren lassen.

Deshalb können in der Kirche Ingenieure beten und Pastorinnen,

Musikerinnen, Therapeuten, Lehrer, Sozialarbeiterinnen, Architekten...

Denn unser Glaube sammelt Erfahrungen, die wir teilen und austauschen;

unser Glaube sammelt mehr als Fakten; unser Glaube feiert Geheimnisse.

Und umgekehrt:

Ich würde nie auf den Gedanken kommen, bei dem Gedanken an Schöpfung

schlecht über die Naturwissenschaften zu sprechen.

Wir verdanken ihnen so viel.

Und wir brauchen Forschung und ihre Entdeckungen.

Ich bete um ein Mittel für Aids. Ich habe Angst, dass es nie gefunden wird.

Ich habe noch mehr Angst, dass es schon gefunden wurde,

aber nicht verbreitet wird. Will sagen:

Die Wissenschaft braucht Ethik:

Ich würde aber auch nie auf den Gedanken kommen,

die Naturwissenschaften höher zu loben als die Natur selbst

oder den Erfinder der Natur –

denn die Forschung, wenn sie alles tut, was sie kann,

tut auch manches, was uns schadet und was das Leben gefährdet und zerstört.

Sie braucht eine Grenze. Sie braucht die Ethik.

Ein Biologe, ein Physiker wissen mehr über Licht als die Bibel;

sie kennen Licht bis in jede kleine Welle.

Aber es ist ein Unterschied, ob man Licht anmacht, einen Ort hell macht,

oder ob man Licht macht und etwas wahrhaft erhellt.

Über dieses Mehr an Sinn, dieses Extraordinary, Außerordentliche

spricht die Erzählung von der Schöpfung.

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Ich habe über die Intelligent-­‐Design-­‐Bewegung gelesen.

Ich mag die Vorstellung,

dass dich eine Entdeckung in der Natur so sehr fasziniert, dass du denkst:

Da muss ein Größerer hinter stecken.

Mir reicht dazu, dass ich eine Tulpe angucke.

Ich staune. Zuallererst das. Die Natur besänftigt mich wie nichts anderes.

Bei allem, was mich umtreibt, bei aller Ohnmacht und Zerrissenheit,

die ich in dieser Welt empfinde:

Die Natur und ihre kleinen wundervollen Vollkommenheiten haben die Macht,

mich zu beseelen.

Wenn die Kirschzweige blühen, steigt mein Gottvertrauen. So ist es.

Wenn ich jetzt tiefer einsteigen würde, und über Photosynthese, Licht,

Chlorophyll und Energie und Grün und Wachstum, Frühling, Sommer,

Herbst und Winter nachdenken würde – wow! Das ist Staunen.

Aber: gegen die Evolutions-­‐Theorie,

und irgendwie im Namen der Bibel,

mit den Erkenntnismitteln der Naturwissenschaften

die Existenz eines Planers oder Schöpfers zu beweisen –

und mit vorgeblich mathematischer Strenge zeigen zu wollen,

dass irgendwelche Ereignisse niemals ohne Eingriff

einer planenden Intelligenz erfolgt sein konnten… ich glaube:

Da kommt der Mensch an seine Grenzen.

Denn sowohl im Namen der Wissenschaft,

als auch im Namen der Bibel oder sogar im Namen Gottes,

wurde dieser Erde schon viel Leid zugefügt.

Wurde zerstört, ausgenutzt, eingeheimst, getötet

und nicht bewahrt, geachtet, geschützt, geliebt.

Die Schöpfungsgeschichte als Erzählung speist eine Ethik, die uns auffordert,

behutsam mit dieser Welt umzugehen;

sie als heilig und von Gott gewollt anzusehen;

zu staunen, zu beten, sie zu schützen. Sie wie ein Wunder zu behandeln.

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Die alte Geschichte fordert uns auf, diese Welt zu bewahren.

Ich erinnerte mich an ein Festival, an dem zwei Teenies nebeneinander standen,

der eine hatte auf dem T-­‐Shirt stehen: Save your soul. Rette deine Seele.

Der andere auf einem ganz ähnlichen T-­‐Shirt: Save the whales. Rettet die Wale.

Man soll das eine tun und das andere nicht lassen.

Ja, ehrlich, kleiner Nebengedanke:

Ich wundere mich über Christinnen und Christen,

deren größtes Engagement bei diesem Thema darin liegt, zu betonen,

dass die Welt nicht durch Knall oder langsames Entwickeln entstanden ist,

sondern durch die schöpferische Kraft Gottes.

Denn einmal ganz abgesehen, was man nun zu diesem Thema denkt

und wie hoch man seine Bedeutung einschätzt,

glaubwürdig wird dieses Überzeugung doch wohl vor allem dadurch,

dass man schützt, was geschaffen ist.

Eine unserer Aufgaben ist es, unseren Kindern Achtung zu lehren

(durch unser Vorbild am Besten)

die andere Aufgabe ist es, unseren Kindern Zuversicht zu vermitteln.

Global sind über 20 Prozent aller Tier-­‐ und Pflanzenarten bedroht.

Auf der Roten Liste stehen über 1000 Säugetiere, daneben über 1000 Vogelarten,

über 700 Fische, über 200 Reptilen. Sie sind vom Aussterben bedroht.

es ist 3 Uhr 23 früh am Morgen

und ich bin wach

weil meine Urgroßenkelkinder

mich nicht schlafen lassen

meine Urgroßenkelkinder

fragen mich in meinen Träumen

was hast du getan als der Lebensraum geplündert wurde

als die Jahreszeiten verschwanden

und die Walfische verschwanden, der Blauwal, der Grauwolf

und der Braunbär

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der Rotdachs, der Schneeleopard, die Wüstenratte

der Silberlachs, der Schwarzstorch, die Korallenmöwe

bist du auf die Straße gegangen um zu protestieren

damals, als die Demokratie verschwand

und sich die Stärkeren einfach durchsetzten

gegen die Kinder

die Alten, die Armen, die Artenvielfalt

als immer mehr Herzen obdachlos wurden

was hast du getan von dem Zeitpunkt an als du es einmal wusstest

Und ich suche, was ich tun kann. Sehe mich mit meinem Neffen,

meinen Patenkindern in unserem Garten; wir pflücken süße Kirschen;

wie meine Großmutter es früher mit mir tat;

und holen beim Bauern Mirabellen, Erdbeeren, Johannis-­‐ und Himbeeren,

die gibt es nur dann, wenn sie reif sind, nicht das ganze Jahr über,

so habe ich es gelernt, so gebe ich es weiter...

Und unsere Münder sind rot, und es schmeckt nach Sommer und Sonne

und dann fragen wir uns zusammen:

„Was können wir denn tun, dass noch viele andere Kinder

so ein leckeres Erlebnis haben können?“

Die wilde Artenvielfalt:

Der Schöpfer hat wohl gewusst, was er tat, als er nicht nur eine Kuh,

eine Schnecke, einen Elefanten machte und einen deutschen Schäferhund.

Oder? Was meinen Sie?

Gesprächspause mit folgenden Impulsen:

1. Zufällig hier" oder "ins Leben geliebt" -­‐ was für einen Unterschied macht das?

Für den Umgang mit der Natur, die Sicht auf mich selbst, den Umgang mit

anderen?

2. "Diese Welt ist gewollt, geplant, geliebt" -­‐ was ist die Stärke dieser Idee?

3. Theorien gibt es viele, Beweise kennt der Glaube kaum -­‐

kann es trotzdem Vertrauen geben in Ziel und Sinn? Was bräuchte es dazu?

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Ich freue mich z.B., wenn Menschen das Tischgebet pflegen oder wiederentdecken;

manchmal gemeinsam mit ihren Kindern.

Wenn Menschen nicht einfach genießen, ohne zu danken;

nicht selbstverständlich nehmen, ohne zu bedenken, wer es gegeben hat;

sondern sagen: Danke! Und damit anerkennen:

Ich verdanke mein Leben nicht mir selbst, ich verdanke mich einem anderen.

Die Beracha, der Tischsegen, unser Gebet macht das Brot nicht heilig,

sondern das Brot ist heilig, die Erde ist Gott heilig und hat das Brot hergegeben;

durch unser Gebet wird es freigegeben zum Genuss.

Achten wir mit darauf,

dass wir nicht immer noch weiter zerstören, was Gott uns anvertraut hat.

Achten wir mit darauf,

dass nicht der Mensch angebetet wird mit dem, was er alles kann, tut und unterlässt.

Sondern, dass Gott angebetet wird.

Staunen wir.

Halten einmal inne.

Und danken für diese Explosion von Farben und Fantasie.

Und gestehen uns ein, dass wir geschaffen sind, endliche Geschöpfe,

nicht die ewigen Macher; zu unserem Glück bergen wir uns in den guten Mächten.

Und wir können bitten:

Mach uns achtsam

für die Verwobenheit aller Dinge und aller Menschen.

Wir sind verbunden

mit den Generationen vor uns und nach uns.

Mit der Erde, über die wir gehen.

Mit der Luft, die wir atmen.

Mit der Kleidung, die wir tragen.

Mit dem Brot, das wir essen.

Mit der Nation, deren Pass wir jeweils tragen.

Mit der Kultur, die uns prägt.

Mit der Zeit, die uns noch bleibt.

Mit Familie Mensch

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auf allen Kontinenten und Inseln.

Mach uns achtsam für die Zusammenhänge,

das Gleichgewicht dieser Welt

und die Balance unserer Seele.

Deshalb kennt die Bibel wunderschöne Gebete, mit denen sie dazu einlädt,

Gott zu loben – und zwar zusammen mit den Geschöpfen dieser Welt.

In Gemeinschaft zu sein mit dem Schöpfer

und die Geschöpfe dabei nicht zu vergessen:

Halleluja -­‐ Preist den Herrn!

Preist den Herrn, alle seine Geschöpfe, preist ihn im Himmel!

Lobt ihn, alle seine Engel! Lobt ihn, Sonne und Mond!

Lobt ihn, ihr leuchtenden Sterne!

Lobt ihn, ihr Weiten des Himmels und ihr Gewässer.

Lobt ihn, ihr Ozeane. Lobt ihn, Blitze, Schnee und Wolken.

Lobt ihn, ihr Berge und Hügel, ihr Obstbäume und Wälder!

Lobt ihn, wilde und zahme Tiere und Vögel!

Lobt ihn, ihr Könige und alle Völker!

Lobt ihn, ihr Männer und Frauen, Alte und Junge miteinander!

Sie alle sollen den Herrn rühmen!

Denn seine Gnade strahlt über Erde und Himmel. Preist den Herrn -­‐ Halleluja!

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Es ist die große Erzählung vom Anfang.

Eine Antwort auf die Frage, woher wir kommen.

Und es ist doch sehr erstaunlich, dass die Nomaden an ihrem Feuer,

unter dem Sternenhimmel, nicht sagen: Am Anfang – da war alles da;

und alles war vollkommen; diese Welt war perfekt.

Bis sie dann chaotisch wurde…

Sondern die jüdischen Gelehrten, die dieses Gedicht verfasst haben,

hatten eine Ahnung davon, dass diese Welt aus dem Nichts entstand.

Aus dem wüsten Nichts, aus dem leeren Chaos, aus der finsteren Tiefe,

rief Gott eine Welt ins Leben.

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Und ordnete Tag und Nacht, Meer und Festland,

Füße und Augen, Wimpern und Sprunggelenke,

Leopardenfell und Zitronenfalter so an, dass es ein Ganzes ergab.

Aus dem Nichts, Dunkel, tohuwabohu, entstand die Erde.

Und diese Geschichte der Welt und der Menschen

war von Anfang an eine Geschichte, die sich entwickelte und weiterentwickelte,

eine Evolution, die sich entfaltete, die wuchs und sich veränderte, umformte,

verwandelte, anpasste, verbesserte, reagierte.

Ich bin keine Anhängerin Darwins, aber wenn ich diese Geschichte lese,

dann denke ich: Es ist eine Entwicklungsgeschichte; sie ist nicht statisch,

sie wird gerufen, sie lebt in ständiger gnädiger Verwandlung;

Gott geht mit ihr in einen Prozess; er wirft sie nicht perfekt, fertig,

an einem Tag gestrickt, aus der Tasche gezogen,

aus dem Ärmel geschüttelt ins All und gut ist.

Er formt sie, setzt etwas hinzu; macht weiter, noch weiter,

schafft Neues und noch mehr Neues.

Aus dem Nichts. Und über das Davor wissen wir nichts.

Dietrich Bonhoeffer, Theologe und deutscher Widerstandskämpfer,

schreibt es in seinem Buch über die Schöpfung so:

„Wir Menschen können nicht vom Anfang reden.

Denn dort, wo der Anfang anfängt, hört unser Denken auf.“

Und er meint:

„Am Anfang, das ist kein Datum, das ist das unwiederholbare, einmalige,

freie Geschehen – der Schöpfer schafft das Geschöpf.

Von Anfang an ist Gott der, der aus Nichts Alles machen kann, das Leben.

Vom ersten Tag der Schöpfung bis zur Auferweckung Jesu aus dem Tod.“

Am Anfang-­‐ das heisst ganz am Anfang der Bibel-­‐ auf hebräisch:

Bereschit bara. Man könnte sagen:

Die Bibel fängt nicht mit A an, die Bibel beginnt mit B.

Eigentlich-­‐ Bereschit Bara, sollte es heißen: Beim Beginn.

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Das macht keinen Unterschied, könnte man denken.

Aber, ich glaube, es gibt eine sehr gute Art,

die Bibel wörtlich zu verstehen, sie beim Wort zu nehmen,

ja eben buchstäblich zu sehen. Die Bibel beginnt mit B.

Oder – wenn man die Buchstaben als Zahlenwerte versteht –

Alef eins, Beth 2, beginnt die Welt mit Zwei, beim Beginn war Beziehung.

Das ist ihr Grund. Gott will nicht alleine für sich Gott sein, sondern in Beziehung.

Das Bet, der hebräische Buchstabe B, ist offen nach links, in Leserichtung.

Als wolle er sagen: Der Blick dahinter ist dir verwehrt,

aber zum Weiterlesen nach vorne bist du herzlich aufgefordert.

Die Spekulationen darüber was vor dem Anfang war,

werden damit gewandelt in die Einladung, nach vorne zu sehen.

Luther hat auf die Frage,

was denn Gott vor der Erschaffung der Welt gemacht habe, geantwortet:

Da hat Gott Ruten geschnitzt für Leute, die solche unnützen Fragen stellen.

Man kann sich ärgern, dass Luther dem Fragenden seine Frage so abschlägt,

grob und unkommunikativ. Aber man könnte auch sagen:

Gott ist der gnädige Schöpfer, der das Leben möchte –

und dahinter gibt es ein Zurück.

Mit B beginnt die Bibel. Mit zwei.

Mit einem Buchstaben, der in Leserichtung, Lebensrichtung offen ist.

Noch ein Kommentar: Mit Bet beginnt die Welt, um dich wissen zu lassen,

dass es zwei Welt gibt: diese und die zukünftige.

Was ist, ist nicht alles, es kommt noch mehr, eine zweite.

Sozusagen: Wer B sagt, wird auch A sagen.

Mit der Schöpfung ist der Anfang noch nicht erschöpft.

Denn erst in der ewigen Welt wird die Geschichte ganz an ihren Anfang kommen.

Das mag abgedreht klingen, bedeutet praktisch:

Der Am Anfang die Welt schuf, erhält sie und vollendet sie –

bis sie zum Ziel kommt. Von A bis Z ist sie aus Gott und in Gott gehalten.

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Die Schöpfungsgeschichte sagt:

Diese Welt hat ein Woher und ein Wohin, sie hat einen Beginn

und findet einen Anfang, wenn sie zum Ziel kommt.

Das ist das Gegenteil der Endlosschleife, der ewigen Serien im Fernsehen,

der Wiederholungen der Mode, der Muster, denen wir immer und immer folgen.

Gott hat angefangen und Gott wird auch am Ende noch reden, noch Worte haben.

Die Hoffnung, dass einer nicht sprachlos wird,

und die Kraft hat, nocheinmal "sehr gut" zu sagen,

führt uns weiter über uns selbst hinaus.

Gott kann das Leben schaffen,

auch wenn ich manchmal nicht weiß, wie ich es schaffen soll,

und dann, wenn ich es weiß, dass ich es nicht alleine schaffe.

Aus dem Nichts ruft Gott das Leben ins Leben. Am Anfang und immer.

Die Hoffnung macht aus dem Ende ein Ziel.

Deshalb liebe und brauche ich diese Geschichte vom Anfang.

Weil meine Lebenspraxis nicht von einer Evolutions-­‐Theorie gehalten wird,

sondern von der Erfahrung, dass Gott das Leben will,

und beständig neues Leben schafft.

Wenn wir am Ende sind, bleibt Gott der Schöpfer des Anfangs.

Wo wir Tod erleben und Abschied, ruft Gott uns ins Leben.

Wo wir verzweifeln, ruft Gott uns neu zum Glauben.

Wenn wir schon aufgeben wollen, beschenkt er uns mit Hoffnung.

Aus dem Nichts rief er die Welt ins Leben.

Aus dem Totenreich rief er Jesus ins Leben.

Der heilige Geist weht und erneuert das Angesicht der Erde.

Aus dem Nichts an Hoffnung, aus dem Ende deiner Phantasie,

aus der Ausweglosigkeit deiner Liebe,

aus dem Chaos deiner Gedanken ruft Gott uns. Mich. Dich.

Zur Lebendigkeit des Glaubens. Zur leidenschaftlichen Liebe.

Zur ewigen Hoffnung. Du bist kein Zufall. Du wurdest ins Leben geliebt.

Und Liebende zu werden, ist das Größte für uns.

© Christina Brudereck

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