Jesus Idstein IV - Evangelische Kirchengemeinde Idstein

ev.kirche.idstein.de

Jesus Idstein IV - Evangelische Kirchengemeinde Idstein

Gefoltert, gestorben, tot. (Idstein No. IV)

Was geschah mit Jesus?

Ein Abend mit Kreuz und großen Fragen: Warum hast du mich verlassen?

Ist Gott gestorben? Siegt der Tod oder siegt die Liebe? Warum hängt der da?

Tod -­‐ ist für viele, die allermeisten Menschen verbunden mit Schrecken.

Mit Angst. Tod bedeutet Lücke, Abschied, Schmerz, Verlust.

Ob er sich ankündigt oder überraschend kommt,

er stoppt alles Leben um sich herum, stört, verstört, zerstört.

Nur manchmal nennen wir den Tod Erlösung,

wenn er z.B. nach langer Krankheit eintritt, nach quälendem Warten und Leiden.

Aber dass im Christentum der Tod, ein Toter und ein Kreuz

das Zeichen für Erlösung sind, für Hoffnung, Neugeburt und Leben,

ist für viele schwer verständlich, ja eine Zumutung.

Gefoltert, gestorben, tot.

Wie können wir in diesen Ereignissen,

der letzten Wegstrecke von Jesus von Nazareth Gottes Gegenwart entdecken,

Gottes Macht und Gottes Liebe?

Das war für die Weggefährten von Jesus damals schwer.

Es ist für viele Menschen und Christenmenschen heute schwer!

Ich beginne mit zwei grundsätzlichen Voraussetzungen:

1. Das Kreuz können wir nur von Ostern her verstehen.

Anders gesagt: Dass der Tod Jesu am Kreuz überhaupt eine Heilsbedeutung hat,

versteht sich nicht von selbst.

Die Vertrauten von Jesus, Jüngerinnen und Jünger, seine Brüder, seine Mutter

waren fassungslos.

Erst das Erlebnis, das ihnen der Gekreuzigte als Auferweckter erscheint,

wirft ein neues Licht auf diesen Tod.

Dadurch blieb es nicht beim Schrecken.

Und ein Nachdenken, Einordnen, Verstehen und Interpretieren wurden möglich.

Was wir zum Kreuz sagen, ist also im wörtlichen Sinn ein Nach-­‐Denken.

Ein Hinterher-­‐Denken. Ein Nachher!-­‐Denken.

1


Auch uns wird oft erst im Rückblick klar,

dass im Schrecken, im Schweren etwas Gutes lag.

2. Es gibt eine Vielfalt von Deutungen dieses Geschehens.

Unterschiedliche Versuche sind erforderlich,

um dem Unbegreiflichen einen Sinn abzugewinnen.

Die biblischen Schriften wehren sich energisch

gegen alle dogmatischen Ambitionen,

die Heilsbedeutung des Todes Jesu auf genau einen Begriff zu bringen

Die ersten Christen deuteten den Tod von Jesus im Rückblick

als Lebensgewinn.

Denn der Tod von Jesus und seine Überwindung

erlebten sie als Kraft; als erlösende Kraft.

In vielfältigen Ausdrucksformen ringen sie dann darum,

diese erlösende Kraft zu deuten.

Aber fangen wir vorne an.

Denn schon das irdische Leben von Jesus hat Heilkraft.

Nicht erst sein Tod.

Wo auch immer Jesus hinkam, kam Leben in die Welt. Heilsames Leben.

Seit seiner Taufe ist Jesus beseelt vom Heiligen Geist, von lebendiger Geistkraft. Und

er gibt diese Kraft weiter.

Menschen werden gesund. Außenseiter erleben Gemeinschaft.

Fangen wir vorne an:

Jesus von Nazareth hat schutzlos gelebt,

von Anfang an und sein Leben lang und bis ganz zum Schluss.

Das ist noch kein Satz des Glaubens, sondern eine einfache Feststellung.

Als er, so menschlich, in dieser Welt lebte, historisch,

vor etwa 2000 Jahren, in Israel, lebte er schutzlos.

Sein Leben lang obdachlos, von Geburt an, immer unterwegs.

2


Er zog durchs Land ohne festen Wohnsitz.

Auf Gastfreundschaft und Wohlwollen und Hilfe angewiesen.

Er war erreichbar und man wusste, wo er zu finden war, wusste, wofür er steht.

Eindeutig. Er war angreifbar, weil er sich zur Debatte stellte;

man kannte sein Gesicht, er hat sich nicht versteckt:

Seine Meinung nicht, seine Liebe nicht versteckt,

sondern Liebe demonstriert, gezeigt, öffentlich gemacht.

Seine Geschichte hat sich nicht auf dem Mond ereignet.

Sondern mitten in dieser Welt. Und hier nicht irgendwo,

sondern die Ortsnamen, die im Zusammenhang mit ihm erwähnt werden,

sprechen Bände; sind Orte, die immer wieder in den Nachrichten zu hören sind.

Jerusalem, Tiberias, Bet Saida, die Golanhöhen.

In Kana, wird erzählt, wurde einst Wasser zu Wein.

Und in Kana, wird berichtet, wurde Wasser zu Blut.

Jesus ist nicht über diese Erde stolziert, nie bloß über uns hinweggegangen,

sondern hat sich tief in sie eingegraben.

Damals, er hat nicht weit ab von der Gewalt und der Tagespolitik gelebt; sondern

mitten drin.

In besetzten Städten, in Angst und Schrecken versetzt.

Dort wurden seine Ideen bekannt, seine Worte berühmt,

sprach sich seine Art herum, seine Taten.

Orte sind nicht nur Namen. Mit Orten verbinden sich Geschichten.

So wie Schalke nicht einfach ein Ort bei Gelsenkirchen ist.

Und Woodstock nicht nur eine große Wiese bei New York.

Canossa nicht nur ein Schloss in Norditalien.

Und Hiroshima nicht nur ein Ort. Und Auschwitz nicht nur ein Ort.

Jerusalem ist nicht nur ein Ort. Sondern ein Ort mit Geschichte.

3


Seine Schutzlosigkeit, so verstehe ich sie, bedeutete: Zugänglichkeit.

Weil er unter Menschen lebte und das Leben mit ihnen teilte, offen für ihre Nöte,

egal wie reich diese Menschen waren, wie alt oder jung,

wie gebildet, egal, welche Hautfarbe oder Religion

oder aus welchem Landstrich sie kamen.

Und diese Schutzlosigkeit bedeutete außerdem: Sichtbarkeit.

Man kannte ihn, wusste, wo er zu finden war, wusste, wofür er steht,

er war angreifbar, weil er sich zur Debatte stellte; man kannte sein Gesicht,

er hat sich nicht versteckt: seine Meinung nicht, seine Liebe nicht versteckt, sondern

Liebe demonstriert, gezeigt, öffentlich gemacht. Er war angreifbar.

Seine Sichtbarkeit und Zugänglichkeit führten ihn immer weiter aus der Provinz,

wo er aufgewachsen war, Galiläa, Palästina, schließlich bis in die Stadt.

Nach Jerusalem.

Aus der ländlichen Synagoge in den Tempel,

Wäre er auf dem Land geblieben, die Geschichte hätte anders ausgehen können.

Auf dem Land, ach, da war er wohl aufgefallen, aber er war nicht weiter gefährlich.

Spinner gibt es immer Mal wieder; Idealisten auch.

Aber dann hatte er eines Tages gesagt:

„Kommt! Jetzt gehen wir nach Jerusalem!“

Ort mit Geschichte.

Was sich in unseren Ohren mehr anhört wie ein harmloser Vorschlag,

irgendein Reiseziel, muss sich schon in den Ohren der Menschen,

die Jesus nachfolgten, ganz anders angehört haben.

Jerusalem? Ok. Dann wird es eng. Schluss mit gemütlich.

Denn da gibt es gar kein Verstecken mehr.

In Jerusalem sitzen nämlich die Mächtigen:

Und zwar gleich zwei Sorten:

Die politischen Militärs und die religiösen Päpste.

Die Besatzungsmacht, das Römer-­‐Regime.

4


Und die Religionselite, die Oberpriesterkaste und der ganze Apparat. Finanzhoheit,

Wirtschaft, Militär, Gerichtsbarkeit, Kontrolle, Machtzentrale.

Denen darf man nicht ins Gehege kommen.

Ja. Es wurde enger.

Und er liebte weiter.

Es wurde noch enger. Man bespitzelte ihn. Beobachtete jetzt genau.

Pläne, ihn verschwinden zu lassen. Verabredungen hinter seinem Rücken.

Anordnungen von höchster Stelle: Behaltet den Unruhestifter im Blick!

Bestechung. Falsche Zeugen.

Das hört sich nicht wie eine alte Geschichte an.

Ja, man wünschte fast, es wäre so. Aber leider ist sie topaktuell.

In sehr vielen Ländern dieser Erde kann es auch heute momentan passieren,

dass die Freunde des Diktators einen nachts abholen

und wegbringen; und niemand weiß, wohin.

Oder in anderen Ländern, da wirst du nicht gefoltert und nicht ermordet,

aber da kann die Presse dich fertig machen, bis du tot bist.

Es wird enger für Jesus. Er liebt weiter.

Er hat sich immer weniger versteckt. Und das war gefährlich.

Warum eigentlich?

Man wurde um das Jahr 30 nach unserer Zeitrechnung nicht ermordet,

weil man sich für einen von Gott Gesandten hielt.

Jesus war längst nicht der Einzige, vom dem man das behauptet hat.

Man wurde nicht gehasst, weil man von Liebe redete.

Ach, Mensch, wer hat über die Jahrhunderte nicht alle die Liebe beschworen.

Man wurde nicht aus dem Weg geräumt,

weil man sich mit einer Gruppe von Schülern umgab,

Jüngerinnen und Jüngern, Fans und Nachfolgern…

andere Propheten vor ihm und neben ihm haben das auch schon so gehandhabt.

Auf dem Land ist das alles ungefährlich.

Religiöse Idealisten gründen ihre Sondergemeinschaften.

Johannes der Täufer, ein Verwandter von Jesus, war auch so einer.

Israel hat schon viel erlebt. Das geht wieder vorbei.

5


Aber nach Jerusalem zu gehen, bedeutet:

Einen Anspruch deutlich zu machen.

Mit Jerusalem verbinden sich Hoffnungen, Erwartungen.

Denn der Befreier, der Messias, sollte sich hier zeigen.

Jesus musste ahnen:

Wenn er das, was er bisher auf den Hügeln und Wiesen Galiläas, gesagt hat,

jetzt in Jerusalem wiederholt, im Tempel,

dann kann es eng werden, ja, sogar lebensgefährlich.

Denn Menschen erkannten Gott in ihm.

In einzigartiger Weise.

Sie erlebten seine Art und merkten:

Jesus offenbart uns etwas von Gott:

Jesus machte nicht nur sich selber schutzlos und sichtbar und zugänglich,

er machte auch Gott sichtbar und zugänglich.

Jesus demonstrierte mit seiner Schutzlosigkeit: Gott ist zugänglich.

Das ist ein anderes Wort für gnädig.

Zugänglich; Lücke im System, Fenster am Himmel, Tür in der Mauer.

Ausweg aus dem Teufelskreis. Unterbrechung.

Das störte die Gnadenlosen.

Die, die immer ganz genau wissen, wer dazugehört,

wer rausgeschmissen wird, wer es eh nicht schafft, nicht gut genug ist.

Gott wird sichtbar für uns. Gott vertraut sich uns an.

In Jesus verzichtet Gott auf alle Gewalt.

Und hätte er noch so guten Grund dafür,

zu strafen oder seine Stärke zu demonstrieren.

Er verzichtet. Er tut es einseitig und ohne darauf zu warten,

dass wir zuerst die Waffen weglegen.

Gott rüstet in Jesus, dem Menschen aus Nazareth, ab.

Er fing damit an. Er droht nicht mit dem Tod.

Er liebt. Macht sich angreifbar. Ja, Gott macht sich liebbar.

Diese Liebe ist entwaffnend.

Sie gibt alles.

6


Für uns.

Auch der Tod von Jesus wird konsequenterweise so gedeutet.

Er starb für uns.

Jesus starb für uns“.

Hinter diesem Satz steckt die Idee, dass Menschen für andere sterben:

um ihnen den Tod zu ersparen, um Unheil von ihnen abzuwenden.

Oft ist die Liebe der Grund für so eine Tat.

Für die Menschen, die man liebt, nimmt man sogar den Tod auf sich.

Jesus, der Mensch aus dem Herzen Gottes

liebte das Gottvertrauen in das Herz der Welt.

Konsequent liebte er weiter.

Als man ihn schließlich verhaftete, hat er sich nicht gewehrt.

Sondern hat auch in dem Moment noch konsequent auf Sicherheit verzichtet.

Einer seiner Freunde wollte ihn verteidigen, mit einem Schwert

und da ermahnte Jesus ihn, es nicht zu tun.

Und doch behandelten ihn die Mächtigen wie einen Gewaltverbrecher.

Wie einen, von dem man äußersten Widerstand erwarten muss.

Wie einen Terroristen.

Sie trauten sich nicht, ihn zu verhaften.

Und dann kamen sie heimlich in der Nacht, mit einer Truppe,

mit Schwertern und Stöcken und nahmen ihn mit.

Was genau passierte, wird uns in den vier Evangelien erzählt.

Allein dadurch haben wir vier Deutungen im Angebot.

Der Rahmen ist gleich:

Verhaftung, Verhör vor dem Synedrium und vor Pilatus.

Verurteilung, Hinrichtung und Grablegung.

Innerhalb dieses groben Rasters gibt es eine Menge Erzähl-­‐Unterschiede.

Jesus wird zwar durch die Römer hingerichtet.

Das Urteil nennt einen politischen Grund: König der Juden (Mk 15,26).

Jesus stirbt wegen des Vorwurfs, als politischer Aufrührer agiert zu haben.

7


Die Initiative ging aber von der obersten Behörde,

dem Synedrium in Jerusalem aus.

Dessen Eingreifen hatte zwar auch einen politischen Stellenwert,

der entscheidende Grund lag aber im Bereich der Theologie, des Glaubens.

Bei aller grundsätzlichen Gemeinsamkeit

mit den jüdischen Gläubigen aus den verschiedenen religiösen Gruppierungen

hatte Jesus doch in zentralen Fragen der Gottesverkündigung,

der Gültigkeit von Gesetz und Tradition, einen Standpunkt eingenommen,

der in Widerspruch zur allgemeinen anerkannten Glaubensnorm stand.

Alle vier Evangelien stimmen darin überein:

Die Tötungsabsicht gegen Jesus entsteht

aufgrund eines Konfliktes um das Sabbatgebot.

„Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn

mit den Anhängern des Herodes, wie sie ihn umbrächten.“

Wer kann sich über die Tora stellen? Und behaupten, sie zu erfüllen?

In welcher Vollmacht lehrt Jesus? Wer hat Macht, Sünden zu vergeben?

Wenn man ihn umbrächte, würde bewiesen, dass er keinen Anspruch hat.

Und so erlebten es seine Vertrauten:

Sie mussten seine Ohnmacht am Kreuz verstehen

als die eindeutige Widerlegung von Jesu Vollmachtsanspruch,

den er in seiner Gottesverkündigung erhoben hatte.

Wie sagte die Tora? Ein Gehängter ist ein von Gott Verfluchter. (Dtn. 21.23)

Diese Erfahrung ist der Ausgangsprunkt zu aller späteren Deutung.

Jesus wurde verurteilt in einem kurzen Prozess,

gefoltert und dann öffentlich mit der Todesstrafe gerichtet.

Er lehnte ab, sich zu wehren; verzichtete auf die natürliche Reaktion,

wenn man angegriffen wird, zurückzuschlagen

und hofft auch nicht auf das Eingreifen der höheren Macht, drohte nicht.

Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man im Namen von Jesus

immer wieder und bis heute Gewalt rechtfertig konnte, Krieg sogar.

8


Jesus demonstrierte mit seiner Schutzlosigkeit

eine beeindruckende Unabhängigkeit von den gängigen Sicherheitssystemen. Man

ahnte wohl:

So sichtbar kann nur einer sein, der eine ganz andere Geborgenheit kennt.

Eine innere Stärke, die unabhängig ist von äußeren Sicherheiten.

Ich denke an Martin Luther King.

Am 4. April 1968 sprach er von einem Traum von Gerechtigkeit.

Gewaltlos trat er dafür ein.

Und bekannte, woher er seine innere Stärke nahm:

Von Jesus, der ein Mensch war wie ein Lamm.

Und wenn alle mit den Wölfen heulten – er vertraute sich ihm an.

Der jesuanischen Kraft, die ihn so überzeugte, so beseelte,

dass er alles geben konnte.

Lebensgefährlich, immer wieder; auch für ihn.

Du kannst das nur ablehnen, den Kopf schütteln und dich abwenden,

oder du bleibst fasziniert stehen und willst mehr wissen.

Und so beobachteten viele Menschen seinen Tod, aus sicherer Entfernung.

Sie sehen ihn hängen. Zwischen Himmel und Erde.

An einem Kreuz, Übliche Foltermethode seiner Zeit.

Und sie sind gleichzeitig abgestoßen und angezogen.

Ängstlich und fasziniert.

Was sehen sie? Woran denken sie?

Niemand denkt an Sühne.

Niemand denkt an die Erfüllung der Schrift.

Niemand denkt an Satisfaktionslehre.

An Lösegeld. An das versöhnende Opferlamm.

Sie denken an ihre Erinnerungen.

An Berührungen, Gespräche, Wunder. An ihre Hoffnungen.

Wie sie gelacht haben. Geweint Diskutiert.

Ob sie am Ende doch alles falsch verstanden hatten.

An seine Worte. Was für ihn das Wichtigste war. Die Liebe.

9


Wie er Gott liebte, wie nah und wie respektvoll er von ihm sprach.

Die Gottesliebe verlieh seinem Leben Glanz.

Und jetzt hing er hier so allein?

Wie er seine Nächsten liebt, alles für sie gab, wie zugänglich er war, wie liebevoll.

Und hatten sie ihn nicht alle geküsst und im nächsten Moment verraten?

Und wie er gleichzeitig sich selbst liebte, auf sich achtete,

ruhte, seine Ideale ernst nahm, Würde ausstrahlte; um seine Identität wusste.

Jetzt war er ausgeliefert. Hatte er zu viel riskiert?

Und wie er seine Feinde liebte, sie suchte zu gewinnen.

Jetzt würde wohl Schluss damit sein? Wer konnte die lieben, die ihn folterten?

Fragen, so viele Fragen.

Seine Schutzlosigkeit gipfelt darin, dass er an einem Kreuz stirbt.

Dass er ausgeliefert hier hängt, so dass ihn alle sehen können,

fast nackt, Gespött der Leute, ausgestreckt, ohne Bettdecke;

kein Sterbezimmer,

keine Wand, zu der man sich wegdrehen könnte, um seine Tränen zu verbergen,

sondern total sichtbar, vollkommen schutzlos, brutal unversteckt.

Was denken sie? Die vorbeikommen?

Sie sind verzweifelt. Komplett irritiert. Überfordert.

Sie bekommen Angst. Dass ihnen dasselbe passieren könnte.

Dass eine Kreuzigungswelle und Verfolgung beginnt.

Sie sind maßlos enttäuscht.

Einer bleibt stehen, ein römischer Soldat,

sieht zu ihm auf, und sagt einen erstaunlichen Satz:

„Dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“

Jesus war schwach, ausgeliefert, hatte Todesangst, Schmerzen, blutete,

hatte Durst, bekam keine Luft mehr.

Und jetzt schreit er:

Warum? Mein Gott? Hast du mich verlassen?

Ja, es ist noch schlimmer für ihn geworden:

10


Auch seine Seele hat ihre Sicherheit verloren,

hat kein Dach mehr, keinen Schutz.

Er schreit zu seinem Gott, fragend: Warum?

Warum lässt du mich so hängen?

Warum lässt du mich hier so hängen?

Lässt du mich hier so hängen?

Hast du mich denn verlassen? Mein Gott?

Jesus ruft nach seinem Gott.

Letzte Worte großer Menschen sind wichtig.

Letzte Worte: das, was ein Mensch im Angesicht seines Todes der Nachwelt

als Quintessenz, als abschließendes Fazit, seines Lebens hinterlässt.

Letzte Worte zeigen, woran man hängt, gehangen hat.

Dietrich Bonhoeffer, deutscher Theologe und Widerstandskämpfer

gegen den Nationalsozialismus, sagte vor seiner Hinrichtung diesen Satz:

„Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.“

Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Dichter, rief nach mehr Licht.

Charlie Chaplin, britischer Schauspieler, hörte noch wie der Priester sagte:

„Gott sei deiner Seele gnädig!“ und meinte daraufhin:

„Warum nicht? Schließlich gehört sie ihm.“

Humphrey Bogart, amerikanischer Schauspieler, sagte als Letztes:

„Ich hätte nicht von Scotch zu Martinis wechseln sollen.“

Nancy Astor, britische Politikerin, fragte, an ihre Familie gewandt,

die versammelt um ihr Sterbebett stand:

„Sterbe ich oder ist heute mein Geburtstag?“

Albert Einsteins letzte Worte sind leider nicht überliefert,

weil die Krankenschwester, die ihn pflegte Amerikanerin war

und seine deutschen letzten Worte leider nicht verstehen konnte.

11


Buddha gab, wie man es wohl für einen Religionsstifter als angemessen empfindet,

noch einen letzten Appell weiter: „Bemüht euch, unablässig achtsam zu sein.“

Und Jesus von Nazareth, Wanderprediger und ebenfalls Religionsstifter,

fragte bei seiner Hinrichtung: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Letzte Worte können viel aus der Seele eines Menschen offenbaren.

Wie ein Mensch stirbt kann viel darüber sagen, wie dieser Mensch gelebt hat.

Wo seine Hoffnung liegt, seine Stärke;

ob er auf Ewiges vertraut oder auf Menschen hofft,

ob er ablenken muss oder sich dem Tod stellen kann.

An wen er sich hängt?

Von wem er ganz am Ende Hilfe erwartet, Antwort, Liebe, Willkommen.

Kennen sie diese Frage:

Warum? Warum ich? Warum musste das geschehen? Warum so früh?

Warum zu spät? Warum, mein Gott?

Kennen sie diese Erfahrung:

Das Gefühl, dass einen alle hängen lassen?

Und die verzweifelte Frage nach Gott und seinem Eingreifen in der Luft hängt?

Oder unter der Zimmerdecke?

Oder an einem leeren Himmel ohne Zeichen.

Und da hängt Jesus. Und fragt: Warum?

Das ist keine Antwort auf unsere bitteren Fragen.

Aber: Hier ist einer, der mit-­‐schreit.

(Das ist auch ein Gedanke, der bei der Theodizee-­‐Frage helfen kann:

Sie entsteht, wenn Schlimmes geschieht, das nicht mit Menschen erklärbar ist.

Und wir fragen: Wollte Gott nicht? Oder konnte Gott nicht?

Die jüdisch-­‐christliche Tradition kennt drei Axiome für Gott:

Allmächtig. Gnädig. Verstehbar; im Sinne von er offenbart sich.

Eins der drei muss ich aufgeben, will ich nicht verrückt werden in dieser Welt.

Entweder Gott ist verstehbar, allmächtig, aber nicht gnädig:

Er hätte helfen können, wollte aber nicht.

Oder Gott ist verstehbar, gnädig, aber nicht allmächtig.

Er hätte helfen wollen, konnte aber nicht.

Oder Gott ist allmächtig und gnädig, aber wir verstehen nicht.

Wir halten die Fragen aus. Schreiend Gott entgegen.

12


Ich weiß, das ist schwer zu vermitteln, aber ich entdecke hier große Trostkraft.

Er schreit mit uns mit. Leidet mit dir mit.

Er hängt da. Und ich hänge mich an ihn dran.

Und weiß:

Hier werden meine Fragen geteilt. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Er weiß, er versteht, nicht theoretisch, sondern wahrhaftig.

Er weiß, was Einsamkeit ist. Verlassenheit. Tränen.

Seine Freunde haben kein einziges Versprechen gehalten.

Er kennt Liebe. Abschied. Enttäuschung.

Er weiß, was es heißt, verzweifelt zu beten, Gott möge doch eingreifen

und einen anderen Weg finden.

Er weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Er kennt das Leben mit seinen vielen Irritationen.

Er teilt es mit dir.

Er lässt dich nicht… alleine hängen.

Gerade in den dunklen Momenten, ist er nah.

Eben sogar diese schwerste Frage stellt er mit dir mit: Warum, mein Gott?

Er hängt da. Und ich hänge mich an ihn dran.

Ich habe hier eine tiefe Erfahrung gemacht:

Manchmal gibt es wirklich nichts und niemand,

der dich über den Schmerz hinwegtrösten kann.

Aber Jesus tröstet mich nicht über mein Leid hinweg,

er tröstet mich zu sich hin. Zu sich hin.

Oh ja. Ich kenne das Suchen, das Fragen. Das Ringen.

Nach der Macht Gottes.

Und es scheint mir, dass er, wenn es ihn denn gibt,

so ohnmächtig ist in dieser Welt.

Und da entdecke ich die Ohnmacht von Jesus am Kreuz

und entdecke darin ganz überraschend verrückt die Macht des Trostes,

die Macht der Liebe und der Nähe.

13


Viele starben so, Helden, Märtyrer, er starb und liebte weiter.

Diese Liebe macht den Unterschied.

Er starb nicht gegen(!), sondern für uns, für alle, aus Liebe, ohne Ende.

Das Kreuz ist der Weg der Versöhnung.

Jesus zeigt, wie wir uns dem Hass entgegenstellen können,

ohne selber zum Hass zu werden.

Seine Liebe hört im Tod nicht auf.

Er stirbt nicht gegen andere. Er stirbt für alle.

Nicht wegzudenken – dieser Gegenentwurf.

„Unsere Waffe ist keine zu haben“, sagte Martin Luther King.

Die Waffe von Jesus ist, keine zu brauchen.

Deshalb ist er so entwaffnend. So faszinierend. So anders.

Und jetzt?

Ich habe zunächst nur eine Frage gefunden.

Und vor allem: Ich habe jemanden gefunden, der sie mit mir mitfragt.

Und ich erwarte – mit ihm mit – dass Gott antwortet.

„Nur der leidende Gott kann helfen“, sagt Dietrich Bonhoeffer.

Und der unerkannte Jesus, der Auferweckte, fragt auf dem Weg nach Emmaus:

„Musste Christus dies nicht erleiden?“,

Sollte Gott, der Ewige,

der durch sein Wort unsere Erde und alles Leben ins Dasein liebte,

sollte Gott, der Befreier, der sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten

und später die in Babylon Verbannten aus dem Exil führte,

sollte dieser Gott seinen geliebten Sohn dem Tod überlassen?

Muss der endgültige Sieg über den Tod

durch Sterben und Tod hindurch errungen werden?

Ja, denn nur so können wir wissen: Dass Gott auch mit dem Tod zu schaffen hat.

Ja – denn wie kann und wie soll Liebe zeigen,

dass sie stärker ist als alle Todesmächte, wenn sie Leiden und Tod vermeidet?

14


Das Warten kann einem lang werden.

„Ewig und drei Tage“ warten, sagen wir.

Ich hab mich schon oft gefragt, woher eigentlich diese drei Tage kommen.

Und jetzt? Siegt die Liebe, oder siegt der Tod?

Jesus hing am Kreuz. Wie meine Frage in der Luft.

Der Schrei „Warum, mein Gott?“ hallte über den Berg Golgatha.

Und er starb und sagte ganz zum Schluss, beim Ausatmen

noch einen Satz: Vater, ich vertrau mich deinen Händen an.

Das ist so absurd. So anders.

Du kannst das nur ablehnen, den Kopf schütteln und dich abwenden,

oder du bleibst fasziniert stehen und willst mehr wissen.

Denn, wenn es nicht absurd ist, dann weiß dieser Mensch ein Geheimnis.

Nicht zu erklären, dann wäre es keins, aber doch zu erleben:

Große Seele, Geheimnisbewohner,

Jesus birgt sich in der unsichtbaren Kraft, die wir Gott nennen.

Gibt es noch mehr zu wissen?

Ja. Wirklich.

Jesus grub sich tief in die Erde ein. Er ließ sich richtig runterziehen.

Er ging durch die Hölle. Das meint:

Er begab sich in die dunkelsten Erfahrungen dieser Erde

und in ihre tiefste Verlorenheit und Verlassenheit.

Und dort, wo der Tod lauert, beschenkte er das Innerste der Welt mit Leben.

Die Hölle ist erreicht; es gibt keinen Ort mehr ohne Tür;

sie ist erreicht von der Liebe und vom Leben; sie ist leer geliebt.

Und dann, nach ewig und drei Tagen, wurde er auferweckt.

Der Mensch, der seinem Wesen und seinem Willen nach einig war mit Gott,

wurde von Gott wieder ins Leben gerufen. Wie neugeboren.

Gott ließ ihn nicht hängen!

Gott bestätigt ihn.

Zeigt damit, demonstriert damit, dass er ein Gott des Lebens ist.

Er lässt ihn nicht hängen!

15


Er stellt sich zu ihm. So dass er aufstehen kann.

Was ist das?

Die Liebe ist stärker als der Tod!

Wie sagte die Tora? „Ein Gehängter ist ein von Gott Verfluchter.“

Und sie sagt auch: „Wer die Tora hält, der wird leben.“

Jesus zeigt sich als der Gerechte, der die Tora erfüllte und daher lebt.

Zentrum meines Glaubens, meines Gottvertrauens ist dieser Mensch,

der an einem Kreuz hing und nicht hängen gelassen wurde.

Mitte meines Lebens, Sinn für mein Herz, mein Glück, mein Ziel

ist Jesus, der ein Mensch aus Liebe war;

Liebe, die stärker ist als der Tod.

Und unsere Sehnsucht, die so unendlich groß ist,

ja, diese Sehnsucht, geliebt zu werden,

Vergebung zu erleben und Heil,

findet hier ihren Frieden;

denn unendliche Sehnsucht wird nur mit Unendlichkeit gestillt.

Wenn die Ermordung Gottes und der Liebe

zur Erlösung des Menschen wird,

dann kann in alle Ewigkeit das Schlimmste sich zum Besten wandeln.

Nichts ist mehr ausweglos.

Alles in der Lage, einen neuen Sinn, eine neue Gestalt zu bekommen.

Was tue ich?

Ich hänge mich an Jesus.

Er ist vorläufig der Erste, der dieses Wunder erlebt hat.

Ja, vorläufig – wie einer, an dem schon ein Mal vorgelaufen ist,

auf dem Weg, den wir alle gehen;

alle, die sich an ihn dran hängen; die sich mitreißen lassen von ihm,

durch den Schmerz und Tod hindurch in das ewige Leben.

Wie durch eine Geburt hindurch.

Das glaube ich:

16


Dass in einem von uns

der Tod hinter uns und vor uns die Liebe ist.

Ewige Zugänglichkeit. Größte Unterbrechung der Geschichte überhaupt.

Hoffnung ohne Ende. Die Lücke in der Mauer, offenes Grab.

Sonntag zwischen allen Alltagen.

Gnade, Zugänglichkeit, unendliche Liebe.

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es:

„Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

Dieses Bekenntnis enthält über Jesu Tod keine explizite Deutung.

Vielmehr beschreibt es die Fakten, die Abfolge, den Kreuzweg, seine Stationen.

Und dann wurde der Kreuzestod spiritualisiert. Und individualisiert.

Aber zuallererst ist dieser Tod am Kreuz

ein realistisches und ein politisches Ereignis –

und damit mehr als ein Symbol.

„Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben…“

ist ein historischer Satz.

Wenn das Kreuz (auch) ein Symbol ist,

dann eins der Qual, der Verzweiflung und Demütigung,

nicht ein Symbol des Triumphes und der Herrschaft.

Und dann kamen die Deutungen. Die wichtigsten seien kurz erwähnt:

(Können Sie noch?)

Eine Deutung meint: Das Kreuz zeige, dass Gott wieder versöhnt ist.

Das Kreuz war Gottes Plan.

Die Welt ist im Minus. Wir alle produzieren ständig Minus.

Der unschuldige Tod Jesu, der einzige im Plus, spendiert seinen Plus-­‐Überschuss

(„meritum“) und bringt die Welt insgesamt wieder in den grünen Bereich.

Wir hätten den Tod verdient, er übernimmt die Strafe.

Gottes Zorn ist besänftigt. Dies Mal ein für alle Mal.

Es klingt wie eine Rechenaufgabe. (Anselm von Canterbury)

17


Und es beschreibt Gott als Größe, die Blut sehen muss, um vergeben zu können.

Ich meine:

Nicht „für Gott“, sondern „für uns“ und „für mich“ ist Jesus am Kreuz gestorben.

Gott brauchte das Opfer Jesu zu seiner Versöhnung mit der Welt

nicht „für sich“, wir brauchen dieses Zeichen der totalen Nähe und Hingabe.

Gott hat Jesus hingestellt als Sühne

in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit. (Röm 3,25)

Gott braucht keine Opfer.

Wenn Gott vergeben kann, dann kann er vergeben.

Gott muss nicht versöhnt werden, gnädig gestimmt.

Aber die Menschheit braucht Versöhnen.

Gott war in Christus und versöhnte Welt mit sich.

(Nicht sich, sondern die Welt.

Die Welt und nicht nur die, die das bejahen.)

Jesus kam nicht, um Gottes Einstellung zum Menschen zu ändern,

sondern er kam, um die Einstellung des Menschen zu Gott zu ändern.

Golgatha hat nichts verändert (in Gott),

aber alles offenbart, so dass wir uns ändern können.

Eine Deutung:

Die Menschheit wurde versöhnt.

Freiwillig übernommenes Leid hat verändernde Kraft.

Es gibt keine Versöhnung ohne Opfer. Versöhnung kostet uns etwas.

Und wir erleben:

Menschen, die den Gekreuzigten sehen,

werden bis in ihre tiefen Schichten geheilt

von Schmerz, Unversöhntheit und Aggressivität.

Das erklärt Dir kein Dogma, das ist eine Erfahrung des Glaubens.

18


Gott hatte in vorherigen Zeiten sein Verzeihen gezeigt

zum Beispiel, stellvertretend (!)

durch das Ritual des Sündenbocks, der in die Wüste gejagt wurde,

durch ein Opferlamm, das die Sünden des Volkes trug,

durch die Zeichen am Altar.

So jetzt ein für alle Mal und für alle Welt:

Jesus ist das Lamm Gottes. Das makellose Opfer. (Jesaja 53)

Sehr hilfreich, große Zeichen, Rituale, Yom Kippur, Versöhnungstag, Passah,

für Menschen, die Gott seine Verzeihen, seine Güte nicht glauben konnten.

Zu schön, um wahr zu sein.

Auch die Geschichte von der so genannten Opferung Isaaks

wird noch ein Mal bestätigt.

Kein Menschenopfer. Für keine noch so heilige Sache.

Isaak lebt. Jesus lebt.

Es heißt: „Von dem Tage an war Abraham alt; er konnte nicht vergessen.

Isaak gedieh wie vordem; Abrahams Augen aber waren verdunkelt.“

Gott war nicht mehr so wie vorher.

Gott ist ein Gott in Mitleidenschaft gezogen.

Das Leid hat Spuren in Gott hinterlassen.

Die Erzählung erwähnt zwei Namen für Gott. Elohim und Jahwe.

Das führte dazu, dass man dachte, es seien zwei Texte.

Oder man liest es so:

Der Eigenname des Gottes Israels JHWH wird zum ersten Mal erwähnt

beim rettenden Auftritt des Engels.

Elohim versucht, Jahwe rettet.

Der die Forderung des Menschenopfers erhebt, ist Gott ‚der Elohim‘ –

als der, der rettend eingreift, ist Gott ‚Jhwh‘.

Der Wechsel in den Gottesbezeichnungen wird hier also nicht dadurch erklärt,

dass der Text auf verschiedene Autoren zurückgeht,

sondern dass den unterschiedlichen Bezeichnungen eine erzählerische Taktik zugrunde liegt

Eine Deutung:

Das Kreuz war die unausweichliche Konsequenz

aus der Übereinstimmung von Jesus mit dem Willen Gottes.

19


Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann sagt es so:

„Sein leidender Gehorsam ist nicht ein Opfergang für die Sünden der Welt,

sondern seine rückhaltlose Hingabe für die Gottverlassenheit bis zum Letzten.

In dieser Hinsicht Jesu wird eine Liebe Gottes offenbar,

wie sie noch in keinem Gott gedacht wurde.

Die Gottheit Gottes, die sich hier offenbart ist eine Liebe,

die nicht zur leidensfähig ist, sondern auch des Todesschicksals fähig.

Von dieser Liebe kann uns nichts und niemand trennen, sagt Paulus:

Angst nicht, Verfolgung, Hunger, selbst der Tod nicht. (Röm 8)

Die Zuwendung Gottes findet an Gewalt und Tod nicht ihre Grenze,

sondern offenbart sich hier sogar in besonderer Weise.

Auch im Tod ist der Mensch nicht ohne Gott.

Eine Deutung im Sinne hellenistischer Freundes-­‐Ethik:

Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.

(Joh 15, 13)

Eine Deutung:

Jesus zahlt das Lösegeld. (Mk, 10,45)

Wir sind verraten und verkauft; unfrei, Gefangene unserer Schuld,

verstrickt in unsere Vergangenheit und Knechte des Todes.

Aber Jesus bezahlt für uns und kauft uns frei.

Eine Deutung:

Jesu Tod beendet die Opfer-­‐Religion;

er spielt nicht Opfer, er macht keine Opfer, er fordert keine Opfer.

Er opfert sich in Hingabe.

Gott ruft ihn zurück ins Leben.

Um nie wieder verwechselt zu werden mit den Göttern, die Opfer fordern.

Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes.

Er ist das Grundmuster, das Ur-­‐Modell für alle.

Er tut, was auch wir tun sollen.

Er erlebt: Menschwerdung, Inkarnation, Initiation, Anklage, Glaube,

Wunden, Tod, Hingabe, Auferweckung und Heimkehr Gott.

20


Er erlebt die Transformation des wahren Menschen.

Hier wird nicht mehr eine kosmische Problemlösungen erörtert,

hier geht es um das Leben.

Das Kreuz, können wir auch sagen, zeigt uns den vierfachen Pfad der Liebe.

Gottesliebe. Nächstenliebe. Selbstliebe. Entfeindungsliebe.

Vierfach ist die Liebe ganz.

Der Gekreuzigte ist der Mensch in Balance;

sein Weg bringt uns und die Welt ins Gleichgewicht.

Gesprächspause

1. Jesus ist nicht zu trennen von seinem Leben,

seinen Worten und Taten, seinem Sterben, seinem Tod, seiner Auferweckung.

Was ist Ihnen persönlich das Wichtigste an seiner Person?

Gibt es einen Aspekt, den Sie gerne neu bedenken würden?

2. Was sehen, empfinden, denken Sie, wenn Sie ein Kreuz sehen?

(Ehrfurcht, Fragen, Nähe, Solidarität, Dankbarkeit, Stellvertretung, Hingabe...)

Fangen wir noch weiter vorne an.

Tod -­‐ ist für viele, die allermeisten Menschen verbunden mit Schrecken.

Dass im Christentum der Tod, ein Toter und ein Kreuz

das Zeichen für Erlösung sind, ist für viele schwer verständlich, ja eine Zumutung.

Auch Geburt ist auch verbunden mit Schmerz.

Aber hier, so erzählt es sich über Generationen weiter,

ist der Schmerz schnell vergessen.

So überwältigend wunderbar ist die Erfahrung, wenn ein Kind zur Welt kommt.

Die Wehen einer Mutter sind Schmerzen zum Leben hin.

Und das Leben ist am Ende bestimmender.

Geburt bedeutet Neuanfang, schon vorher guter Hoffnung sein.

Geburt ist ein Wunder, das immer wieder fasziniert, sprachlos macht vor Glück.

Ich möchte zum Abschluss einen Bibeltext mit Ihnen bedenken:

21


Aus dem Kolosserbrief; aus dem 1. Kapitel:

(15) Das Kind göttlicher Liebe ist das Abbild des unsichtbaren Gottes,

(Wir haben kein Foto von Gott, aber Jesus ist sein Bild)

erstgeboren in der Schöpfung.

(Von Anfang an dagewesen; geboren, wie jeder Mensch.

Es gibt unzählige Bilder von Maria und dem Jesuskind.

Manchmal nennt man sie „Geburtsdarstellungen“.

Aber von einer Geburt ist da im Allgemeinen gar nichts zu sehen.

Meistens sitzt die Mutter aufrecht da und ist anständig angezogen.

Kein Blut, kein Schweiß, kein Schmerz, keine Hebamme.

Geboren, nicht einfach geschaffen;

geboren, nicht sauber geformt in Gottes Labor...

Interessanterweise hat das Christentum mit seiner Bilderwelt

gar keine Scheu den Tod Jesu realistisch darzustellen,

mit Nacktheit, Blut, schmerzverzerrtem Gesicht;

für seine Geburt fehlen solchen menschen-­‐nahen Bilder...)

(16) Denn in ihm ist alles im Himmel und auf der Erde geschaffen worden,

das Sichtbare und auch das Unsichtbare,

Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten;

alles ist durch dieses Kind und auf es zu geschaffen.

(Global, total, und für die Krisenzeiten wohl bedeutend:

Keine Macht der Welt ist stärker,

nichts, was nicht berührt wäre von dem göttlichen Kind.)

(17) Und es ist vor allem dagewesen, und das All hat in ihm Bestand.

(Das All, alles, alle, das Ganze, die globale Wirklichkeit)

22


Das Kind göttlicher Liebe ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten,

damit es in allem vorausgeht.

(Er ist der Erste, der geboren wurde,

und der Erste, der zum 2. Mal geboren wurde, nach seinem Tod;

als Vorbild, Vorläufer, Vorbote für uns alle.)

Jesus ist der Erste, der es erlebte.

(19) Denn der Fülle Gottes hat es wohlgefallen, in ihm Wohnung zu nehmen

(Gott wohnte in ihm)

(20) und durch es das All zu versöhnen mit Gott.

Erbschuld

Es gibt eine lange Tradition, die sagt:

Der Mensch hat Gott verloren, sein Heil und die Folge ist: Schuld, Sünde.

Der Mensch lebt jenseits von Eden, weit weg vom Ursprung, vom Paradies

und es fällt ihm schwer, gut zu sein; er ist böse; von Geburt an.

Alle sind schuldig. Geburt ist neues Leben, ja; aber ist immer schon schuldiges Leben.

Diese Tradition erfand dafür den Begriff der „Erbschuld“, „Erbsünde“.

Die menschliche Natur erbt immer Schuld.

Eine Gnade der späten Geburt gibt es nicht.

Wer sich aber taufen lässt, wer glaubt, kann davon frei werden.

Wie? Woher kommt die Hoffnung auf Erlösung?

Weil ein Unschuldiger stirbt, Jesus, der ohne Sünde war,

kann der Mensch wieder leben.

Die Schuld ist gesühnt, bezahlt, von dem einzigen, der zahlen konnte.

Durch den Tod, den Jesus von Nazareth am Kreuz starb.

Tod ist Geburt, ja, sein Tod ist unser neues Leben,

sagt diese Linie, diese Denk-­‐Tradition; wer das glaubt, wird gerettet.

Diese Idee hat eine lange Wirkungsgeschichte, große Weisheit und Tiefe.

Das Leid des Unschuldigen kann uns so existentiell berühren,

dass uns sein Anblick verwandelt – und wir erleben, wie wir frei werden, beschenkt.

23


Wenn dieser Idee ihre Tiefe allerdings verloren geht,

also das Geheimnisvolle, das Macht hat, uns wirklich zu verändern,

kommt sie am Ende vor allem als Moral daher.

Weil sie sich vor allem um Schuld dreht und um Sühne.

Moral:

In der Form von ganz persönlichen Ansprüchen und individuellen Werten,

oder in Form von Weltverbessertum.

Sie kann auch jede Menge Angst bewirken, Heilsangst.

Panik, dass am Ende doch die Strafe kommt für die ganze Schuld.

Erbheil

Es gibt eine andere Traditions-­‐Linie, die eine weitere Idee entwickelt hat.

Auch sie sagt: Ja, der Mensch hat das Heil verloren, –

aber die Konsequenz ist nicht vor allem Schuld, die Konsequenz ist vor allem der Tod.

Der Mensch ist nicht vor allem sündig, er ist jetzt vor allem sterblich.

Das ist das Schlimmste.

Und jetzt? Woher kommt hier die Hoffnung auf Erlösung?

Nun, diese Denk-­‐Linie sagt:

Es ist die Geburt Gottes, die uns rettet.

Weil Gott als Mensch geboren wird, und die menschliche Natur annimmt,

gewinnt der Mensch sein Leben, seine Unsterblichkeit zurück.

Ja, wir nehmen unsere tiefsitzende Angst vor dem Tod nur wahr,

weil wir auch eine große Sehnsucht nach Leben in uns tragen.

Es ist die Sehnsucht, dass nicht der Tod und die Angst unser Leben prägt,

sondern die Liebe.

Angesichts der Kriege steigt der Wunsch nach Frieden.

Angesichts der Ungerechtigkeit der Wunsch nach Gerechtigkeit,

Wir sitzen im Todesschatten.

Und sehnen uns nach dem Licht des Lebens und er Liebe.

Diese Tradition spricht nicht von Erbschuld, sondern von Erbheil.

(Wirksam vor allem in der Ostkirche, in der orthodoxen Tradition,

mehr als bei uns im Westen, aber gut.)

24


Hier, wie in unserem Text, wird ein großes Vertrauen deutlich:

Vom Allerersten Tag bis zum Allerjüngsten eines Tages

kommt Gott mit seiner Schöpfung zum Ziel.

Gott ist nicht aufzuhalten.

Das göttliche Kind, der Lebenswillen des Heiligen wird sich durchsetzen.

Überall. Denn er hat das All versöhnt.

Auferweckung ist nicht die Vollendung von Karfreitag.

Auferweckung ist die Vollendung von Weihnachten.

In der Jesus-­‐Geschichte und Jesus-­‐Person schenkt Gott das Heil zurück:

Seine Geburt zeigt seine Nähe zu uns.

Sein Tod ist Konsequenz seines Lebens.

Und seine Auferweckung zeigt: Gott kommt mit seiner Schöpfung zum Ziel.

Gott ist ein Gott des Lebens.

Gregor von Nyssa z.B., ein Kirchenvater aus dem 4. Jahrhundert, sagte:

Damals, als Jesus geboren wurde, hat sich Gott

„auf das innigste mit unserer Natur vereinigt, wurde menschlich,

damit die Menschheit durch ihre Verbindung mit Gott göttlich würde.“

So wurde das ganze System der Menschheit von Grund auf geheilt.

Denn, wenn Gott die menschliche Natur annimmt, dann heilt er sie auch,

und zwar an ihrer Wurzel, in ihrem tiefen Sein, vollkommen.

Wenn Christus wirklich in seiner Höllenfahrt den Tod besiegt hat,

dann muss dieser Sieg vollkommen sein.

Besiegt sind Hölle und Tod aber nur, wenn es sie nicht mehr gibt.

Darin gründet ihre Hoffnung für alle.

Was Gott angenommen hat, das hat er auch erlöst.

Durch die Gottesgeburt wird der Mensch gerettet.

Die Geburt Gottes, Weihnachten, ist so eine radikale Annäherung an die Welt,

dass die Welt dadurch umfassend versöhnt wird.

25


Weil Gott, der Liebe ist, Mensch wurde,

kann der Mensch das werden, wozu er geschaffen ist, ein Liebender.

Wenn Gott sich mit der menschlichen Natur eint,

wird der ganzen Schöpfung bleibendes göttliches Leben eingepflanzt,

und damit die Kraft zum Leben, die Liebe.

Aus den Krisenzeiten der frühen Kirche wird uns zugerufen:

Der Tod macht sich breit. Der Tod macht Angst.

Aber wer Christus vertraut, wird ein Mensch der Hoffnung.

Wer das göttliche Kind bei sich wohnen lässt,

ist ein Mensch, der in jedem Raum Zuversicht hinterlässt, Mut zur Zukunft.

Gefoltert, gestorben, tot.

Gottes Lebenswille wird, wo unser Leben endet, erst so richtig munter.

Wo wir lebensmüde sind, verzagt, oder wo wir tödlich sind und hartherzig,

wird Gott erst so richtig munter und ruft uns!

Das gilt. Jetzt in der Passionszeit.

Im Frühling und im Sommer. Im Herbst und Winter des Lebens.

Es gilt am Tag nach der Geburt.

Am 1. Geburtstag und am 2. und an jedem.

Das gilt am Tag nach dem Unfall.

Am Tag nach der Diagnose. Im Sterben. Im Tod.

Und am Tag nach dem Tod.

Es gilt am Sonntag. Und am Montag.

Es gilt in der Angst. Und im Erfolg. Und im Glück.

Fürs Verliebtsein. Und im Scheitern.

Gott ist lebendig, liebevoll, nah, munter.

Es gilt für Deine Ehe. Für Euer Kind. Für Deine Arbeit.

Und es gilt für Deinen Glauben.

Der leidende und der auferweckte Jesus geht an Deiner Seite.

© Christina Brudereck

26

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine