Bilder Idstein III

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Bilder Idstein III

Vater, Sohn, Heiliger Geist (Idstein No. III)

Wieso hat Gott verschiedene Namen?

Ein Abend, der verschiedene Seiten zeigt;

rund um Gott selbst, voller Bilder und Vergleiche.

Philosophieunterricht, Jahrgangsstufe 12. Nietzsche.

Die Klasse liest den Satz: Gott ist tot.

„Gott ist tot?“, fragt eine Schülerin erschrocken überrascht.

„Kommt er jetzt in den Himmel?“

Gott. Das ist – meine ich – das Größte, was wir Menschen sagen können.

Gibt es Gott wirklich?

Ich weiß es nicht. Das mit Gott – das kann man ja nicht beweisen.

Was ich sagen kann:

Ich gewöhne meine Seele jetzt seit vielen Jahren an diese Idee –

dass es in dieser Welt eine große segnende Kraft gibt, die wir Gott nennen.

Beweisen kann man Gott nicht, aber erleben –

erleben, dass dieses Vertrauen trägt und stärkt.

Ich berge mich mit diesem Vertrauen in einer Glaubenstradition,

die weit älter ist als ich, weit älter auch als Jesus von Nazareth.

Und das Wichtigste, was diese Tradition über Gott sagt, ist:

Gott ist ein Du. Gott ist Gott in Beziehung.

Eine Tradition, deren Weisheit gewachsen ist,

in Jahrhunderte, Kulturen, weltweit;

die für mich in Jesus einen einzigartigen Funken schlug.

Darüber reden – ist gar nicht so einfach; das braucht etwas Dezentes;

doch wünscht es gleichzeitig, sichtbar zu werden.

Und bleibt dabei doch immer vorläufig:

Was ich als Kind meinte, wenn ich Gott sagte, ist anders als das,

was ich als Zwanzigjährige dabei dachte, als Dreißigjährige empfand,

ist anders als das, was ich heute sage.

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Und ich denke, es wird sich noch weiter verändern.

Als Kind war Gott für mich da, wenn meine Großmutter Geschichten erzählte.

Gott war der Schöpfer.

Ich dachte damals, dass der Satz

„Eine Zensur findet nicht statt“ ein Zitat von Jesus sei.

Als 20-­‐jährige war Gott der einzige, der nicht korrupt war.

Ehrlich gesagt: Die einzige. Unbestechlich, bedingungslos treu, engagiert.

Eine schwarze, starke Mutter.

Ich mochte die kosigen Gottes-­‐Namen meiner afrikanischen Vertrauten:

Große Schwester. Lieblingsfreundin. Große Mama. Brunnenbauer in der Wüste.

Land der Versöhnung. Bank, die die Schulden erlässt.

Ich lernte auch: Wenn Gott nur „lieb“ ist, ist sie nicht Gott.

Als 30-­‐jährige war Gott für mich Liebhaber,

wieder der Schöpfer, Künstler und Hüter der inneren Stärke.

Ich bin immer neugieriger auf Gott geworden mit der Zeit.

Der Zweifel war mir dabei ein Bruder des Glaubens.

Kein unbeliebter Verwandter, ein Bruder.

Als 40-­‐jährige

bekomme ich neuen Zugang zu den gewaltigen Worten über Gott.

Nicht gewalttätigen, gewaltigen.

Ich bin nicht mehr so kontrolliert wie in jüngeren Jahren;

ich merke, dass ich überwältigt sein kann;

von Glück oder Schmerz oder Zorn.

So bekomme ich in diesen Jahren auch zum 1. Mal Zugang zum zornigen Gott.

Ich weiß, dass mein Zorn längst nicht immer heilig ist;

aber ich ahne, dass Zorn nicht nur entsteht aus beleidigtem Stolz,

sondern auch aus Hunger nach Gerechtigkeit, aus Ohnmacht, aus Ungeduld.

Ich ahne, dass Zorn angemessen sein kann in dieser Welt.

Und damit er nicht die eigenen Rache-­‐Bedürfnisse befriedigt,

ist es gut, wenn er Orte hat, Platz im Leben, wo er sich austoben darf...

Gott ist der Ort, an dem ich mich mit meinem Zorn berge; gut zu wissen,

dass diese Regung Gott nicht fremd ist und auch Jesus nicht.

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Wieder sind wir, bin ich begrenzt und beteiligt.

Dass ich eine Frau bin, prägt meinen Glauben.

Dass ich reich bin und satt, prägt meinen Glauben.

Im Westen aufgewachsen und zur Schule gegangen.

Dass ich gesund bin, laufen kann, dass ich Arbeit habe, prägt meinen Glauben.

Was ich bin und wer ich bin, wer Sie sind, einflussreich, klug oder einsam,

prägt auch unser Denken von Gott.

Daher sind wir auf Gemeinschaft angewiesen,

damit wir Gott nicht einsperren und auf unsere Erfahrungen reduzieren.

Gott. Was können wir sagen, wie über ihn sprechen, wie Gott ansprechen?

Vielleicht können wir uns vorläufig einigen:

Gott erklären – für tot oder für lebendig – das können wir nicht.

Gott verteidigen – und warum alles so ist, und so sein muss, wie es ist –

das sollen wir nicht.

Gott auf den Punkt bringen – auch das können wie nicht;

wir können Gott aber umkreisen; das Leben auf Gott hin an-­‐deuten.

Wie reden wir über Gott? Mit welchem Namen sprechen wir Gott an?

Und wie bleibt Gott dabei frei?

Ein Mensch fragte Mal: Gott! Wie lange ist für dich ein Jahrtausend?

Gott: Eine Sekunde.

Der Mensch fragte weiter: Und wie viel ist für dich 1.000.000 €?

Gott: 1 Cent.

Der Mensch fragt drittens: Kannst du mir so einen Cent geben?

Gott: Ja, warte mal ne Sekunde...

Gott. Schon in der Bibel hat Gott verschiedene Namen. Schwer zu übersetzen.

Elohim. Gottheit. Ha-­‐Maqom, der Raum, der Ort. Schechina, die Gegenwart.

Jahwe, der war, ist und bleibt; der Seiende, Dein Immerda für Dich.

Im Judentum nicht auszusprechen, so heilig.

Daher wird Adonaj wo JHWH steht, übersetzt heißt das HERR.

Oder gläubige Juden sagen: Ha-­‐Schem (der Name).

Der Name ohne Bild...

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Hermann van Veen singt es z.B. so:

Gott ist der Wind. Gott ist der Wind,

Junge, der durch dein Haar weht.

Gott ist die Sonne, die dein Gesicht wärmt.

Gott ist kein Beil, Gott ist kein Gesetz,

Gott ist kein Standbild, Gott ist kein Urteil.

Gott ist eine Flocke, eine Schneeflocke, Junge,

die auf deiner Hand, auf deiner Hand schmilzt.

Gott ist ein Wort, Gott ist eine Idee, die in deinem Herzen wohnt.

Die Gebete der christlichen Kirche beschreiben oft drei Seiten Gottes:

Wir nennen das Dreieinigkeit. Dreifaltigkeit. Trinität.

Eine Wort-­‐Bildung aus dem 2. Jahrhundert aus tres – drei und unitas – Einheit.

Drei in Einem. Drei und doch eins.

Trinity im Englischen.

Meine indischen Freunde sagen: „trini-­‐tea“,

wie Tee mit Milch und Zucker; die drei nicht voneinander zu trennen;

das Ganze heißt Tee,

sieht aus wie Milch und schmeckt vor allem süß nach Zucker.

Das ist nicht Tri-­‐Theismus – nicht drei Gottheiten werden angebetet;

sondern der Eine, der Ewige, der Name – als Schöpfer, Sohn und Kraft.

Für den Dialog mit den monotheistischen Geschwister-­‐Religionen kompliziert.

Ein frühkirchlicher trinitarischer Segen heißt:

Die Gnade Jesu Christi, des Herrn,

die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen. (2. Korinther 13,13)

Und frühkirchliche trinitarische Taufformel

(aus dem sogenannten Missions-­‐Befehl, Matthäus, 28,19):

Tauft sie auf den Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

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Wir feiern dich, Gott,

schöpferische Kraft,

die unseren Alltag gnädig umgibt.

Wir vertrauen uns dir an, Jesus,

Mensch aus Nazareth, Christus,

der seit über 2000 Jahren

den Glauben in die Welt liebt.

Wir achten dich, Heilige Geistkraft,

himmlische Energie,

die erneuernd wirkt in dieser Welt.

Drei in Einem.

Der da war, der da ist und der da kommt.

Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Regenbogen, Arche und Taube.

Sprecher, Wort und Atem.

Mutter, Kind und Umarmung.

Sonne, Licht und Strahlen. Nicht voneinander zu trennen. Aber verschieden.

Quelle, Wasser und Durst.

Schenker, Geschenk und Schenken

Ursache, Vermittler und Tröster.

Fels, Eckstein und Tempel.

Schöpfer, Menschenkind und heilige Geistkraft.

Leonardo Boff, ein südamerikanischer Theologe, sagt es so:

„Die intimste Natur Gottes ist nicht Einsamkeit, sondern Kommunion,

Gemeinschaft von göttlichen Personen.“

Das ist eine starke Idee:

Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes,

die Welt Spiegel seines Wesens:

Verschiedenartig, verschiedenartig, einheitlich

und in ihren Teil so verwoben und aufeinander bezogen.

Boff: „Gott leuchtet in jedem Wesen auf,

klingt in jeder Beziehung an und bricht in jedem Ökosystem durch.“

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Wir sprechen von Gott in Bildern.

Die Bibel tut es in besonderer Weise.

Sie ist auch meine Inspirationsquelle für das Reden von Gott.

Auf der einen Seite erhebt die Bibel Einspruch gegen das Bildermachen.

Mit dem sogenannten Bilderverbot, unmissverständlich klar:

„Du sollst dir nicht ein Bild von Gott machen!“

Andererseits redet genau diese Bibel ständig in Bildern von Gott.

In Vergleichen.

Ja, es ist geradezu typisch für die Bibel, dass sie besonders bildhaft ist.

Gott ist wie Licht, Fels, ein König, wie ein Hirte, Quelle,

wie ein Vater, wie eine Mutter.

Gott ist allmächtig, ewig, heilig, wie in Freund,

ist der Friede,

wie eine Hebamme, Heiland, Hilfe, ein großer Künstler,

Lehrer, Leben, Kraft,

wie eine Burg, wie ein Löwe, ein Adler oder ein Gänsegeier.

Gott ist ein Richter, Schutz, Stimme, Schöpfer, Tröster.

Gott wird menschlich beschrieben.

Kann zornig sein und Reue empfinden, strafen, lieben, zu Recht helfen,

oder ruht am Ende der Schöpfung „von seiner Maloche“,

wie ein alter Gewerkschaftler.

Jesus, der die geilsten Geschichten vom Größten erzählen konnte,

vergleicht ihn mit einem verreisten Hausbesitzer, einem ungeduldigen Richter,

einem Geldverleiher, einem bedenkenlosen Unkrautzupfer,

einem engagierten Hirten,

einer glücklichen armen Frau, die ein Geldstück wiederfindet.

Das sind alles Bilder, genauer gesagt Wort-­‐ Bilder.

Wir haben kein Foto von Gott.

Schade. Schade? Gut so!

Denn jedes Bild würde ihn festlegen. Eingrenzen.

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Niemand kann sagen

„So ist Gott – mein Gott – und nicht anders – ich allein weiß es…“

Vor diesem vermeintlich allgemein-­‐gültigen objektiven Festlegen

soll Gott geschützt werden.

Als Sprachmensch habe ich da die kleine Beobachtung gemacht:

Menschen, die meinen, ihr Bild von Gott sei das einzig wahre,

kommen einem oft so rechthaberisch vor; man könnte auch sagen:

Menschen, die nur ihr Bild von Gott haben, nur ein Bild, wirken oft eingebildet.

Die Bibel will aber gleichzeitig auch mehr

als nur eine allzu persönliche subjektive Vorstellung.

Dieses „für mich ist Gott“ würde Gott am Ende tot-­‐ relativieren.

Wenn Gott alles sein könnte, wäre Gott nichts mehr;

beliebig, austauschbar, willkürlich.

Aber nicht wir haben zu entscheiden, wer Gott ist.

Kann Gott also alles sein? Gibt es keine Grenze?

Kleiner Exkurs:

Grenze, im Hebräischen g´bul (gvul), damit hat es etwas Sonderbares auf sich:

mehrfach hängen an hebräischen Worten Ortsnamen;

an g´bul die phönikische Hafenstadt Gubla, hebräisch Gebal,

das heutige libanesische Djebeil, nördlich von Beirut.

Von dort aus bezogen die Griechen einen Großteil ihres Papyros,

den sie daher wie die Stadt Byblos nannten.

Die Bezeichnung wurde dann zu der für ein Buch; biblos,

schließlich zum Namen des Buches, der Bibel.

Über mehrere Stufen geht also das Wort Bibel zurück auf das Wort Grenze g`bul.

In dem Zusammenhang könnte man über die Grenzen der Bibel sprechen,

oder aber sehen, welche Grenzen sie nennt:

Du sollst nicht verrücken die Grenzen deines Nächsten.

Verrücke nicht die Grenze der Witwen und Waisen.

Und über die Brutalen Herrscher wird geklagt:

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Sie verrücken die Grenzen!

Sie betrügen, sie nehmen sich Land, was ihnen nicht zusteht.

Eine israelische Friedensgruppe heißt „Jesch-­‐ gebul!“ Es gibt eine Grenze!

Es gibt – biblisch – eine Grenze: eine geografische, eine moralische,

gegen alle, die schrankenlos, maßlos geworden sind

und immer mehr für sich haben wollen, grenzenlos.

Das wäre unsere Grenze, unser Rahmen, auch für die Rede von Gott.

Es gibt Dinge, dafür kann Gott nicht vereinnahmt werden.

Aber wer weiß, wie Gott unsere Grenzen noch erweitern wird.

Interessant wird es dann, und die Reise mit Gott beginnt,

wenn wir uns nicht mehr einfach heraussuchen,

was zu uns passt, was wir mögen, für richtig halten,

sondern auch konfrontiert werden, überrascht mit dem, was Gott noch alles ist;

anders als ich dachte, über meine Vorstellung hinaus, fremd, herausfordernd.

Interessant wird es dann, wenn sich deine Geschichte, deine Bilder

mit der Gottesgeschichte und den Gottesbildern verbinden.

Wenn Du Deine Erfahrungen verbindest mit den alten Erzählungen.

Interessant wird es, wenn ein Gespräch beginnt.

Die Neugier auf Gott – die zähmt unsere Sehnsucht nicht; sie lockt uns.

Das sind Bilder, die eine Kraft beschreiben und Beziehungsbilder, beides;

abstrakt, transzendent und persönlich personale.

Wenn Gott sich selbst vorstellt, sagt Gott: Ich bin da.

Ich war immer und werde immer da sein und bin jetzt da.

Gott ist eigentlich kein Name, sondern ein Beruf. Der Name ist „Ich bin immer“.

Ich könnte sagen:

Gott – ist wie das Meer. So unmittelbar, bewegend.

Du bringst nichts mit zum Meer – doch es verändert dich.

Du schweigst, Du staunst, Du ahnst das Größere.

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Gott – damit verbinde ich ja, eine Kraft.

Eine Kraft, die uns wappnet gegen Schicksalslaunen.

Die Güte, die uns besänftigt,

dass wir nicht hart werden, böse, gemein und bitter.

Gelassenheit, die stärker ist als Verzweiflung.

Trostkraft in dieser unvollkommenen Welt.

Mut in einer Zeit, die so irritierend ist mit ihrem Leiden und Kriegen.

Einen Blick für das Wesentliche.

Weisheit, die weit mehr ist als wiki und Wissen.

Empfindsamkeit für unsere Grenzen.

Morgenglanz der Ewigkeit. Grünkraft. Lebenstrotz.

Es gibt Grund zu vertrauen, dass diese Welt eine Mitte hat.

Gott, der unendliche Grund unter allem. Schöpfer und Vollender.

Den wir mit Du ansprechen können.

Schreibwerkstatt

Ich biete regelmäßig, etwa drei Mal im Jahr eine Schreibwerkstatt an.

Menschen kommen für ein paar Tage zusammen, um Worte zu finden.

Ihre Sprache. Formulierungen, Ausdruck.

Stelen sie sich vor; bei der letzten Werkstatt war es so:

Eine Runde von Frauen, verschieden was Alter, Ausbildung und Arbeit,

Familie und Glauben angeht, haben ein Wochenende lang nach Worten gesucht.

Am Sonntag lasen wir den 23. Psalm „Der HERR ist mein Hirte“.

Einigen waren die Worte sehr vertraut,

vor allem in der Übersetzung von Martin Luther.

Andere lasen ihn wie zum 1. Mal.

Wir hörten die Worte in verschiedenen Übersetzungen und Übertragungen.

Am Ende stand die Aufforderung, ein eigenes Gebet zu verfassen.

In Anlehnung an den 23. Psalm, mit Tälern und Vertrauen und Happy-­‐End.

Einzige Bedingung: Der Vergleich, den wir für Gott wählten, sollte weiblich sein.

Einige reagierten zunächst irritiert, sogar ärgerlich, dann wurden sie neugierig:

(außerdem kann ich streng sein...) Was würde passieren?

Wenn wir Gott anders ansprechen als gewohnt?

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Bei Gott berge ich mich

ein Psalm

Bei Gott berge ich mich wie bei meiner Großmutter

in ihrem Haus brennt im Ofen ein Feuer

es ist warm, hier muss ich nie frieren

es duftet nach Holz und frischen Freesien

sie reicht mir einen Becher mit heißer Milch und Honig

am Abend ein Glas roten Wein

wir unterhalten uns, sie erzählt mir Geschichten

ich höre die Weisheit in ihren Worten

sie liest mir vor aus dem Buch der Lebenserfahrung

ich liebe ihre warme Altstimme

wir essen Gemüse aus ihrem eigenen Garten

Möhren, Pastinaken, Kartoffeln, Petersilie mit Salz

auch meine Fragen und Zweifel kann ich mit ihr teilen

wenn ich weine, reicht sie mir ein Taschentuch

und nimmt mich in den Arm oder legt ihr Hand in meine

sie bringt mich oft zum Schmunzeln und auf schöne Ideen und gute Gedanken

im Gästezimmer ist das Bett bezogen

und die frischgewaschene Wäsche duftet nach Frühling

der Blick aus dem Fenster geht über ein weites Feld bis zum Himmel

ich bin immer willkommen, Mal ruhe ich einfach aus, Mal diskutieren wir

Mal bekomme ich eine Aufgabe und erfülle ihr eine kleine Bitte

immer inspiriert sie mich und beseelt mich

mit ihrer unsterblichen, grenzenlosen Liebe

ich bin nicht alleine, ich werde älter mit ihr, ihre Stimme begleitet mich

und die Erinnerungen an ihre Nähe wärmen mich

ich kenne den Ort, an dem ich mich bergen kann © CB 2013

Im Nachgang noch eine kleine Beobachtung.

Da wurde in einer Bibelübersetzung formuliert, für die Weihnachtsgeschichte:

Und es waren in derselben Gegend Hirtinnen und Hirten auf dem Felde

bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

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Hirtinnen? Dass ein einziges Wort so viel Unruhe auslösen kann!

Ausgerechnet zu Weihnachten!, sagt eine Person:

Die alte Geschichte in neuer Übersetzung! Das Altvertraute!

Sonst immer wie eine Gutenachtgeschichte, die mich an Kindheit erinnert

und daran, dass die Welt irgendwann ein Mal in Ordnung war,

jetzt in neuem Gewand irritierend fremd...

Ausgerechnet an diesem Abend, der davon lebt, dass alles so ist wie immer.

Die Rollen verteilt: Vater, Mutter, Kinder.

Baum, Geschenke, Gänsebraten, Engel, Stall und Hirten.

Alle Jahre wieder.

Und plötzlich waren da nicht nur Hirten auf dem Felde, sondern auch Hirtinnen?

Wo kamen die denn auf ein Mal her? Wer hatte sie entdeckt?

Wie passten sie ins Bild? Sie störten, sie störten die Weihnachtsruhe.

Hier in dieser Kirche... habe ich gelernt „Der Herr ist mein Hirte“

Und früher war er das auch. Auswendig gelernt.

Aber Gott, eine Hirtin? Gott sollte einen nicht irritieren, finde ich...

An diesem Abend sind die Rollen doch schon verteilt, so wie immer.

Ein Blick nach links zu meinen Eltern,

sie haben mich immer beide behütet, auf ihre Art.

Ich will zuhören, hier in dieser Kirche wurden mir früher Geschichten erzählt.

Als ich fünf war, sieben, elf, Abraham, Petrus, Jakob, Jesus

und ich erinnere mich an Rahel, die hütete Schafe, eine Hirtin,

aber früher nannte man sie nicht so, auch wenn es sie wohl gab...

Und hatten wir nicht eigentlich immer schon gesungen

„Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Fraun...?

Aber so, ausgesprochen, Hirtinnen, störten sie die Ruhe.

Alles aufgescheucht, durch die Anwesenheit dieser Frauen

die auf dem Feld waren und im Stall mit dabei

(Schön eigentlich für Maria, denke ich kurz).

Dann aber kreuze ich die Arme vor der Brust: Gott sollte einen nicht irritieren.

Gott wird uns irritieren. Zu unserem Gück.

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Ich denke auch an dieser Erfahrung:

Einmal habe ich mit einer Konfirmandinengruppe, in einer Mädchengruppe,

über das „Vater unser“ gesprochen.

Und ich fragte nach den Assoziationen zu „Vater“.

„Meinen Vater kenne ich nicht“, sagte eine.

„Mein Vater ist nie zuhause“, eine andere.

„Mein Vater schlägt mich manchmal“, die Nächste.

„Mein Vater verdient viel Geld, aber ich wünsche mir, dass er zuhört.“

Es war schwer, das alles zu hören.

Ich hab erst widersprochen: „Gott ist ja ganz anders.

Er ist wie der Vater vom verlorenen Sohn.“

Und ich habe die Geschichte erzählt, eine wunderbare Geschichte.

Und ein Mädchen sagte: „Sohn? Sind wir nicht.“

„Ich bin eine Tochter, wenn ich ein Sohn wär, dann, wer weiß?“

Da habe ich gemerkt:

Die biblische Geschichte kommt nicht so einfach gegen die Lebensgeschichte an.

Das Bild ist besetzt. Und ich habe entschieden:

Ich will ihnen keine Geschichte verkaufen,

sie müssen nicht meinen Lieblingstext gut finden.

Mir geht es darum, dass die Mädchen Gott seine Liebe glauben.

„Mutter“ übrigens war überhaupt keine Alternative für diese Gruppe.

Gott, die schweigt und sich nicht traut, zu widersprechen.

Wir haben dann zusammen in der Bibel gelesen

und sind auf den ersten Seiten in Genesis 16 hängen geblieben,

wo Hagar zu Gott sagt: „Du bist der Lebendige, der mich sieht!“

Das erreichte diese Mädchen; die Erfahrung:

Dass Gott lebendig ist und mich persönlich kennt, weckte ihr Interesse.

Oh ja, es gibt Bilder von Gott die können Gift für uns sein.

Gott, unsichtbar, anders, frei, unverfügbar, überraschend, legt uns ans Herz:

Du sollst dir also nicht ein Bild von Gott machen.

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Arundhati Roy, die indische Schriftstelerin und Aktivistin, wollte nie,

dass aus ihrem Bestseller „Der Gott der kleinen Dinge“ ein Film gemacht würde.

Weil überall, wo sie zu Lesungen hinkam,

in ihrer Heimat Indien, in Japan, Italien oder in Lettland, sagten Leute:

„Das war meine Kindheit, die Du da erzählst.“

Es gibt also ein paar Millionen Filme, in den Köpfen, in den Herzen.

Die Personen und Orte unterscheiden sich dann vom Original.

Sie mögen sogar im Widerspruch zu manchem stehen.

Das Risiko ist es wert – nur so kann jede einzelne Person sich identifizieren.

Du sollst dir nicht ein Bild von Gott machen.

Dazu möchte ich heute Abend auch eine Geschichte der Bibel mit Ihnen ansehen.

(Aus dem Buch Könige; dem ersten von zweien.)

Hier wird berichtet vom Propheten Elia.

Er lebte im 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. 3000 Jahre zurück.

Er war ein mutiger und gewaltiger Prophet.

Prophet, das kann man nicht lernen wie Banker, Lehrer oder Bäcker.

Das wird man, weil man leidet. Unter der Zeit, in der man lebt.

Weil man Gott vermisst. Gerechtigkeit.

Weil man merkt: Nichts ist mehr heilig.

Weil man sie gerufen weiß, etwas zu tun, sich einzumischen, aufzustehen,

etwas zu sagen; sei es unbequem. Prophet kann jeden erwischen.

Elia lebte in einer Krisenzeit. 3 ½ Jahre lang hat es nicht geregnet.

Nicht, wie bei uns: Krise, weil kein Geldregen,

sondern mehr wie anderswo, 2/3 Welt, Hungersnot,

weil nichts mehr wuchs auf den Feldern.

Die Bäche führten kein Wasser mehr, die Vorräte waren aufgebraucht,

die Mütter kochten Steine, um ihre Kinder zu beruhigen,

ihnen vorzugaukeln, es gäbe etwas zu essen.

Elia kämpft für das Recht. Und, wie sein Name sagt:

Eli-­‐Jah, Gott ist Jahwe, Gott ist der Gott Israels:

er kämpft für die ausschließliche Verehrung Jahwes.

Er war ein Verfechter des jüdischen Glaubens gegen die anderen Kulte seiner Zeit.

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Ursprünglich, historisch bezieht sich das Bilderverbot

auf dreidimensionale Götterbilder, geschnitzte, gehauene, gegossene Figuren.

dann aber immer mehr auch & gerade auf unsere Sprach-­‐ und Denkbilder von Gott.

Weil sie Gott ebenso festlegen.

Dabei sollte aber nicht eine Bild-­‐Losigkeit erreicht werden,

sondern Vielfalt der Bilder erfüllt das Bilderverbot.

Bilder, die sich in der Geschichte & der Gemeinschaft bewahrheiteten.

Zurück zu Elia.

Der sah einen Zusammenhang zwischen der Krise seiner Zeit

und menschlichem Verhalten und Versagen.

Er meinte:

Nicht ein blindes Schicksal, nicht einfach die launische Natur sind Schuld,

sondern der Staat, die Regierung, die Beamten, die Priester und die Vorbilder,

und letztlich auch die einfachen Leute, mindestens deshalb, weil sie Mitläufer sind.

Sprich: Alle hatten die Krise miteinander zu verantworten.

Seine Überzeugungen machten ihn anstrengend. Nervig.

Er war der Störenfried des Jahres. So wurde er beschrieben:

„Und der Prophet Elia brach hervor wie ein Feuer.

Und sein Wort brannte wie eine Fackel.“ (Sirach 48)

Er war ein feuriger Mensch. Leidenschaftlich.

Über die Jahrhunderte hat er Menschen inspiriert und irritiert.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat ein ganzes Oratorium für ihn geschrieben.

Der Koran erwähnt und würdigt ihn.

Paulo Coelho schreibt ein ganzes Buch (Der 5. Berg) über seine Geschichte.

Elia wird verfolgt. Kämpft ums Überleben. Für sich, seinen Glauben.

Für seine Heimat. Er kämpft um seine Leute. Und er ringt mit seinem Gott.

Ein Rebell. Ein Mensch im Widerstand. Darin sicher ein Vorbild.

Allerdings ist er auch einer, der seine Konkurrenz niedermetzelt.

Nicht nur gewaltig, beeindruckend, sondern gewalttätig, grausam.

Sein Eifer ließ ihn das Gebot „Du sollst nicht töten“ brechen.

Solche Propheten gab es immer wieder, gibt es immer noch.

Elia bringt seine Gegner-­‐Propheten mit dem Schwert um.

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Es wird nicht erzählt, dass es ihm danach besser ging.

Im Gegenteil. Er gerät in eine tiefe seelische Krise.

Zweimal begegnet ihm wunderbarer Weise ein Engel.

Zweimal wird er aufgefordert, zu essen und zu schlafen.

40 Tage pilgert er durch die Wüste, auf dem Weg zu einem heiligen Berg.

40 Tage Auszeit. Und sucht Gott.

Ich habe wenig emotionales Verstehen für diese Mords-­‐Geschichten.

Aber ich ahne eine Wahrheit dahinter:

Idols (engl.), Götzen, Idole können sehr gefährlich sein.

Und wenn wir Menschen vor ihnen in die Knie gehen,

können wir unsere Freiheit und Lebendigkeit verlieren.

Wir können Gefangene unserer eigenen selbsterschaffenen Götter werden.

wenn wir das Werk unserer eigenen Köpfe und Hände verehren.

(!)Wenn also gerade hier bei den Gottes-­‐ und Götzenbildern

nicht nur vom Eifer des Propheten gesprochen wird,

sondern auch von der Eifersucht Gottes, dann wohl deshalb,

weil Gott es nicht leiden kann, wenn Menschen die Freiheit aufgeben.

Weil Gott leidet, wenn die Menschen, die er befreit, sich wieder selbst versklaven.

Ja, wo Gott nicht mehr Herr ist, höchstes Korrektiv,

gewinnt die Herrschaft von Menschen über Menschen erneut an Boden.

Wenn Dir das ganze Thema Gott, Bilder

und die kleinen Geschichten vom Größten selber ganz fremd sind,

weil Du kein Gottesbild hast, keins haben willst

oder froh bist, deins gerade losgeworden zu sein:

Ein Weltbild hast Du ja trotzdem.

Ein Menschenbild. Ein Bild von dir selbst. Ein Bild vom Glauben.

Oder von Menschen, die an Gott glauben.

Wir sind mit unserer Erzählung schon mittendrin in jüdischem Kulturgut.

Mittendrin in jüdischem Gedankengut und Erzählgut.

Wir leben in Europa, wo dieses Gut fast komplett vernichtet wurde.

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In Deutschland, das diese Vernichtung plante und durchführte.

Festlegungen schürte. Gott für sich vereinnahmte.

Eingebildet, arrogant, gemein, gefährlich.

Am Anfang war Beziehung, sagt Martin Buber, der große jüdische Philosoph.

Auch eine Beziehung zwischen Menschenbild und Gottesbild.

Festlegungen auf Bilder sind gefährlich.

Unser Thema bekommt eine brisante Relevanz.

Denn wie auch immer der Gott Israels festgelegt wurde, ignoriert, missbraucht,

die Menschen jüdischen Glaubens wurden auch festgelegt.

Kleines Wilhelm Busch-­‐ Gedicht:

Kurz die Hose, lang der Rock,

krumm die Nase und der Stock,

Augen schwarz und Seele grau,

Hut nach hinten, Miene schlau –

So ist Schmulchen Schievelbeiner.

Schöner ist doch unsereiner.

Festlegungen. Stereotypen. Klischees. Feindbilder.

Ein alter Jude läuft schwerbepackt über einen Bahnhof

und fragt nach längerem Zögern einen seiner Mitreisenden:

Was halten Sie eigentlich von Juden?

Darauf erwidert der Mann: Ich bin ein großer Bewunderer des jüdischen Volkes.

Der alte Jude geht weiter und fragt den nächsten die selbe Frage.

Dieser erwidert: Ich bin fasziniert von den Leistungen jüdischer Mitmenschen

in der Kultur und der Wissenschaft.

Der Jude bedankt sich für diese Antwort und geht zu einem weiteren Mann.

Dieser erwidert auf die Frage:

Ich mag Juden nicht besonders und bin froh, wenn ich nichts mit ihnen zu tun habe.

Darauf der alte Jude: Ich merke, sie sind ein ehrlicher Mann.

Könnten Sie bitte für einen Moment auf mein Gepäck aufpassen?

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Festlegungen. Stereotypen. Klischees. Feindbilder.

Sie schnüren die Luft ab. Nehmen die Freiheit.

Einstein sagte: Wenn ich mit meiner Theorie Recht behalte,

dann werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher,

und die Franzosen, ich sei Weltbürger.

Wenn mit meiner Theorie ich Unrecht habe,

dann werden die Franzosen behaupten, ich sei Deutscher,

und die Deutschen, ich sei Jude.

Du sollst dir nicht ein Bild machen.

Wir können Gott nicht begreifen.

Und sollen uns am Menschen nicht vergreifen.

Wir können über beide nicht verfügen.

Wir dürfen sie beide nicht in unsere Entwürfe pressen.

„Ich werde mir ein Bild machen“ klingt klug;

noch weiser ist: auszuhalten, dass wir uns nicht alles ausmalen können;

dass Gott uns fremd bleibt, geheimnisvoll,

und unsere Mitmenschen in ihrer Andersartigkeit zu achten sind.

Gott ist am Ende unvergleichlich; immer noch anders;

und der Mitmensch ist im Vergleich zu uns:

ein Mensch wie wir und ein Mensch nur wie er/sie selbst.

Ja! Wir Menschen sollen uns kein Bild von Gott machen,

wohl eben auch deshalb,

weil sich Gott selbst längst ein Bild von sich gemacht hat,

nämlich in der Erschaffung des Menschen als Bild Gottes.

Unsere Gottesbilder verfehlen nicht nur Gott,

sie verpassen auch unsere Mitmenschen.

Wo wir meinen, Gott neu festlegen zu müssen,

übersehen wir, dass uns tagtäglich die Bilder Gottes begegnen,

die Gott selbst gemacht hat.

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Wir alle sind sein Bild.

Gucken Sie sich Mal um.

Wir alle. Und Gott daher eine wundervolle Mischung

aus Albert Einstein, Michelle Obama, Momo und Helmut Schmidt,

aus Desmond Tutu, Mutter Teresa, Franziskus und Jürgen Trittin,

aus Katrin Göring-­‐-­‐-­‐Eckardt, Winnetou, dem neuen Papst, mir und Dir.

Familie Mensch. Von außen alle so verschieden.

Unsere Hautfarbe ist unterschiedlich.

Und unsere Augen, Wangenknochen, ihre Münder.

Einige Menschen sind größer, andere kleiner, schmal,

rund oder faustdick, blass, dunkel oder sommersprossig,

viele haben Locken, viele nicht.

Von außen so verschieden, aber innen – innen haben alle ein Herz.

Und das Herz macht, dass wir das Größte tun können, was es gibt – lieben.

Und die Liebe macht, dass wir menschlich sein können.

Wir sollen uns kein Bild von Gott machen.

Wir sollen selber eins sein.

Gott will nicht festgelegt werden.

Und wir wollen nicht, dass man uns festlegt.

Wer über uns sagt „Typisch. Die war schon immer so“ gibt uns keine Chance.

Keine Offenheit zum Neuanfang. Zur Veränderung.

Du sollst auch Dich nicht festlegen; im Sinne von:

Das schaffe ich ja eh nicht. Das wird doch wieder nichts. Ich bin halt so.

Festlegungen schnüren einem die Luft ab.

Keine Offenheit zum Neuanfang. Zur Veränderung.

Ebenbild sein – das bedeutet auch für uns:

Dass wir mehr sind als nur die von außen bewirkten Bilder.

Mehr als die Erfahrungen der Vergangenheit. Mehr als unsere Beschreibungen.

Gott eröffnet uns neue Erfahrungen.

Neue Bilder.

Weltbilder, Selbstbilder, Gottesbilder. Ein buntes Album. Eine Galerie.

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Du sollst Dir kein Bild machen.

Das alte Gebot prallt auf die harte Wirklichkeit unserer Welt.

Überall wird eingeteilt, beurteilt, getrennt.

Die Liebe ist immer wieder umgeben von Apartheid, Urteilen und Klischees,

die es ihr schwer machen, in Freiheit zu leben.

Aber Festlegungen sind unchristlich!

Hier wird das Evangelium sehr konkret in unserer heutigen Kultur.

Wir hören oder sagen:

Männer sind vom Mars und Frauen von der Venus.

Gut verkaufter Unsinn, das. Männer und Frauen sind beide von Erde,

und dort müssen sie auch miteinander leben…

Es ist unchristlich, unmenschlich:

Deutsche sind so. Italiener. Amis. Araber. Arme, Reiche, Gebildete…

Sauerländerinnen, ach du Schreck. Esoteriker! Alle so und so…

Rothaarige. Lehrer. Politiker. Alle sowieso. Studenten! Katholiken!

Ach du liebe Güte: Idsteiner“ kennst Du einen, kennst Du alle…

Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, alle sowieso…

Und, ganz schlimm: Christen!

Die Liebe ist immer in der Gefahr vergiftet zu werden, bedroht von den Urteilen,

den Meinungen, die uns apart / getrennt voneinander halten.

Aber wer sein Herz gewöhnt an die gute Nachricht,

der wird nie wieder Menschen abschreiben können,

der wird nicht mitsprechen können bei Sätzen wie:

Der kann nichts anders. Die wird immer so bleiben.

Das ändert sich nicht mehr. Das wird eh nix. Das war immer schon so.

Klischees sind unchristlich.

Weil sie dem Gestern mehr glauben als dem Morgen.

Weil sie der eigenen Erfahrung mehr Recht geben als der Hoffnung.

Aber dagegen wehrt sich der Glaube mit allen seinen Texten und Feiern.

Advent bedeutet: Wir erwarten noch mehr von Gott.

Und Abendmahl bedeutet: Wir glauben an Wandlung.

Und Auferweckung bedeutet: Alles ist möglich.

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Als Gast bitte ich Euch höflich, als Eure Schwester mahne ich Euch:

Nehmt Euch niemals den Glauben an die Überraschung.

Bestehlt Euch selbst nicht um das Vertrauen,

dass der andere / die andere Euch zum Staunen bringen kann!

Erwartet mehr!

Jesus war tot.

Alle Vorurteile, die man im Laufe des Lebens gegen Tote sammeln kann, sagen,

dass sie nicht anders können als tot zu bleiben.

Alle Erfahrungen sagen dir, dass dein Klischee stimmt:

Man vermisst sie und sieht sie nicht wieder.

Und Jesus widerspricht selbst dieser Erfahrung,

unterbricht diese härteste schmerzliche Festlegung, das grausamste Klischee.

Mit Trotzkraft und Auferweckungsenergie:

Ewiges Leben, pure Lebendigkeit, Neuschöpfung, alles ist möglich.

Ich lebe und Ihr sollt auch leben.

Und Eure Liebe soll auch leben. Euer Glaube und Eure Hoffnung.

Ehrlich: Wenn ein Toter auferweckt werden kann zum Leben,

dann können Frauen einparken lernen…

dann kann Deutschland gastfreundlich sein,

dann kannst Du Dich ändern, verwandelt werden, aufgeweckt.

Diese Abende könnten eine Entscheidung bewirken:

Nicht die Festlegung zu wählen, sondern die Offenheit.

Nicht unsere Grenze, sondern Gottes Möglichkeiten.

Die Liebe beendet das Festlegen.

Von Menschen, die wir lieben, können wir gar nicht genug Bilder haben.

Wir können auch gleich mehrere Lieblingsbilder haben.

Aber schon die nächste Live-­‐Begegnung zeigt uns ein neues Bild.

Eine andere Seite.

Weil wir lebendiger sind als unsere Fotos.

So ergeht erst Recht dem lebendigen Gott!

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Gesprächspause

Ich habe vorhin gesagt: Wir sind auf Gemeinschaft angewiesen,

damit wir Gott nicht einsperren und auf unsere Erfahrungen reduzieren.

Das Gespräch an den Tischen mag dabei helfen.

1. „Du sollst dir nicht ein Bild von Gott machen.“

Welches Bild ist für Sie das Vertrauteste? Welches das Fremdeste?

2. Was würde wohl passieren,

wenn Sie Gott bei einem neuem Namen nennen würden?

Wenn Sie Gott mit einem für Sie neuen Vergleich verbinden?

3. Welche Festlegungen empfinden Sie als gefährlich?

Was könnten wir gegen solche Klischees tun?

Als Christin glaube ich, was meine Tradition voller Vertrauen so ausdrückt:

„Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes.“ (Kolosser 1, 15)

Jesus ist die göttliche Ikone mit menschlichem Gesicht.

Immer wieder wird behauptet, beide, Gott und die Liebe,

das hätten sie gemeinsam, beide seien unsichtbar.

Jesus von Nazareth widerspricht genau dem mit seinem ganzen Leben.

Nein, sagt er, lebt er: Gott begegnet dir im Nächsten. Im Fremden.

Die Liebe ist nicht unsichtbar.

Sie zeigt sich. In der Tat zeigt sie sich. :I

Der polnische Lyriker Stanisław Lec hat die schöne Frage gestellt:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,

aber wie kommen wir aber zu den Tätigkeitswörtern?

Jesus hat mit seinem ganzen Leben gesagt: Gott.

Und ich zeige euch, wie wir zum Tätigkeitswort kommen.

Nicht „gotten“, lieben. Lieben ist das Tätigkeitswort zu Gott.

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Die Gottesliebe zeigt sich in der Nächstenliebe.

Gott hat ein Bild: Jesus, der erste neue Mensch. Und jedes Geschöpf.

Gott wird sichtbar

und erfahrbar

in der Liebe zur Welt, zur Schöpfung, zum Leben, zur Gerechtigkeit,

zu Familie Mensch,

besonders in ihren Kindern, Kleinen, Armen, Hungrigen, Schwachen.

Dort entdeckst Du Gott.

Das habe ich schon oft erlebt.

Gott sucht Liebende –

in Jesus hat er definitiv schon einen gefunden.

Und der meint: Mir nach. Folgt diesem Beispiel. Geht mit mir.

Nun aber – dass Gott uns im Nächsten, im Menschen begegnet,

das überzeugt mich immer noch, immer wieder,

* und ich erlebe doch auch,

dass die Sehnsucht, Gott zu lieben, direkter zu lieben, mir keine Ruhe lässt...

Ich sehne mich noch nach etwas Anderem:

Beseelt zu werden, wäre schön.

Nicht nur etwas zu tun; sondern es geschehen zu lassen.

Gott lieben?

Wie wäre es, frage ich mich,

wir würden uns wenigstens lieben lassen?

Mich fallen lassen in dieses Geheimnis der Liebe.

Mir gefallen lasse, dass einer,

größer als ich, meine Leistungen, mein Haben & Können, mich liebt,

für mich ist, für mich da.

Ich habe es nicht.

Mit Gott komme ich nie ans Ende.

Ich suche.

Und kann aber schon sagen:

In den tiefsten Zeiten habe ich ein Vertrauen entwickelt:

Für Gott spricht alles, was nach Gott fragt.

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Das kann sehr paradox sein.

Als wir neulich bei uns Zuhause getrauert haben,

da rief eine Freundin an und sie sagte, zum Trost und es war tröstlich:

„Du weißt, ich glaube nicht an Gott, aber ich bete einen Psalm für Euch.“

„Gott ist tot“, meint sie eigentlich.

„Ist Gott jetzt im Himmel?“

Etwas anders formuliert, kann das eine sehr erwachsene Frage sein,

vielleicht die aller-­‐ sehnsüchtigste Frage des Menschen überhaupt:

Wo bist du, Gott? Wo bist du denn?

Wie finde ich dich? Wenn es Dich gibt.

Ich suche dich. Lass dich finden. Oder finde Du mich.

Hör mein Gebet. Oder sprich mich an.

Wenn, falls es Dich gibt – dann zeig Dich.

Da waren zwei Jungen, die überall in der Nachbarschaft und in der Schule

als die beiden Unruhestifter bekannt waren,

zwei Brüder, acht und zehn Jahre alt.

Wann immer in dem kleinen Dorf, wo sie lebten, irgendwas passierte,

etwas geklaut wurde oder beschädigt,

man würde zuallererst sie beschuldigen oder zumindest vermuten,

dass sie dahinter stecken könnten.

Einmal war z.B. dem Briefträger

sein Fahrrad samt Post geklaut worden.

Und schon mehr als ein Mal hatte eine alte Lehrerin erleben müssen,

dass, wenn sie vom Einkaufen aus dem Geschäft vor die Tür kam,

am Hundehalsband kein Hund mehr war.

Da bekam die Kirche einen neuen Pastor, und der hatte den Ruf,

sich besonders gut mit komplizierten kreativen Kindern auszukennen.

Also fragten die Eltern, ob er sich ihre beiden Söhne Mal ansehen würde.

Und der Pastor stimmte zu.

Zuerst wurde der Jüngere von beiden zu ihm geschickt.

Der Pastor, ein kleiner netter Kerl mit einer kräftigen Stimme,

hatte so seine eigenen Gedanken im Kopf, sah den Jungen an und fragte ihn:

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Wo ist Gott?

Der Kleine sah ihn an, mit offenem Mund, sagte nichts, zuckte nur mit den Schultern.

Der Pastor fragte noch Mal: Wo ist Gott, mein Junge?

Aber wieder sagte der Kleine nichts.

Der Pastor wurde etwas ungeduldig und meinte:

Du musst schon mit mir sprechen und mir antworten. Also: Wo ist Gott?

Da sprang der Junge auf,

lief aus dem Zimmer bis nach Hause und sperrte sich im Klo ein.

Sein älterer Bruder bekam das mit und sagte:

Ey, was ist denn passiert?

Und der Kleine sagte, immer noch ganz außer Atem:

Du, diesmal haben wir richtig Stress.

Sie suchen Gott und denken wir waren’s.

Sie suchen Gott?

Sie suchen Gott?

Dann wird Sie eine Theorie gar nicht interessieren.

Dann ahnen Sie:

Gott muss Erfahrung werden. Beziehung muss erlebt werden.

Von Gott nur zu lesen oder über ihn nur nachzudenken,

ist wie Liebesromane zu verschlingen ohne jemals zu knutschen.

Gott, dem ich vertraue, ist Gott zum Selberglauben. Zum Selberlieben.

Will dich ansprechen. Inspirieren. Auf neue Ideen bringen.

Berühren. Zum Staunen bringen. Zum Singen. Zum Schweigen.

Zum Beten. Zum Suchen. Auf den Weg.

Also:

Wer wie Elia einsam ist, sich sehnt nach Berührung,

nach einer sanften vorsichtigen Begegnung mit Gott,

ist in dieser kleinen Geschichte vom Größten ganz richtig.

1. Könige, 19. Kapitel. Lesen Sie doch noch Mal nach.

Und lassen diese Geschichte auf sich wirken, zu sich sprechen.

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Und wem es anders geht,

wer etwa vor lauter Säuseln Gott nur noch als Softi kennt,

ein Gott, der mit allem Guten und Schönen in Verbindung gebracht wird,

aber für eine Beziehung mit bösen und dunklen Erfahrungen

plötzlich zu schwach ist, der kann zusätzlich Kapitel 17 oder 18 lesen.

Du sollst dir nicht ein Bild machen.

Wir können Gott nicht in Bildern begreifen,

werden Gott nie im Griff haben,

aber wir können uns von den Bildern,

die es gibt… von Gott… ergreifen und mitnehmen lassen.

Bilder sind wie Geschichten Wege,

um Gott zu verstehen, mit Gott ins Gespräch zu kommen.

Dabei begegne uns Gott in der Irritation, in der Inspiration .

Soweto

Zum Schluss:

Ich dachte an einen Tag zurück, in Soweto, Südafrika,

die christliche Gemeinde, zu der ich dort gehörte, gab ein Fest;

der Pastor feierte Geburtstag und hatte ein Schaf schlachten lassen;

das hatte stundenlang gebrutzelt,

im Hinterhof der kleinen Kirche über dem offenen Feuer;

jetzt saß man zusammen, es wurde geschmaust;

für alle, die so was mögen, wohl ein echter Genuss.

Ein paar Leute machten Musik, mit Gitarre, Banjo, Trommeln,

es wurde getanzt.

Ein schöner Abend, es tat gut, die Arbeit einmal zu vergessen,

die vielen Herausforderungen im Township, Ghetto.

Da klopfte es an die Tür; jemand hämmerte an die Tür.

Alle guckten, als der Sohn des Pastors, Boogee, 11 Jahre alt, öffnete.

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Ein Mann stand da, mit schäbigen Klamotten, verfilzten Haaren,

erwachsen, vielleicht so 30 Jahre alt,

aber mit einem sehr besonderen kindlichen Lachen im Gesicht.

Mancher würde sagen, er wirkte „etwas verhuscht“,

keineswegs bedrohlich, nur eben wunderlich, merkwürdig.

Er lächelte und bat um ein Stück Brot.

Und Boogee grinste ihn an und sagte: „Klar, komm rein!“

Drei Mitarbeiter, junge Männer, nahmen ihn zur Seite,

gaben ihm ein Stück Brot und ein großes Stück Fleisch;

und brachten ihn dann wieder zur Tür;

der lächelnde Mann zog dankbar weiter.

Das war Samstagabend.

Am kommenden Morgen feierten wir weiter, diesmal Sonntag; Gottesdienst.

Hier in dieser Gemeinde in Soweto

begann diese Sonntagsfeier immer damit,

dass man erzählen konnte; ungefähr eine Stunde lang;

dann wurde gebetet, eine Stunde lang, dann gesungen, eine Stunde lang,

dann gepredigt, Sie wissen schon, eine Stunde lang…

Erzählen also. Austausch. Das war immer sehr bunt.

Aber an diesem Sonntag sagten alle das Gleiche.

Alle redeten von dem lächelnden Mann.

Einige machten sich Vorwürfe, dass sie ihn nicht hatten mitfeiern lassen.

Dass sie ihn als störend empfunden hatten. Es wurde diskutiert.

Dann stand Boogee auf, der kleine Pastorensohn und sagte:

„Hey Leute, wisst ihr, was ich mich frage? Ob der Mann vielleicht Jesus war…?“

Wieder wurde diskutiert.

Hatte man gestern Abend Gott getroffen? In wunderlicher Gestalt?

Hatte Jesus nicht gesagt:

Ich stehe vor deiner Tür und klopfe an, dass wir das Abendmahl feiern?

Der Pastor hakte bei seinem Sohn Boogee nach: „Wie meinst du das denn?“

Boogee sagte:

„Naja, der war wirklich nix Besonderes, aber – aber ich kann ihn nicht vergessen.“

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Da klopfte es an der Tür. Jemand hämmerte an die Tür.

Schweigen. Seltene Erfahrung in dieser Gemeinde…

Ich weiß noch, dass ich dachte: Vor der Tür steht auf jeden Fall Gott.

Alle guckten Boogee an. Der öffnete, wie am Abend vorher.

Der lächelnde Verhuschte stand da.

Und Boogee sagte: „Da bist du ja!“

Und grinste vielsagend in die Gemeinde, als wolle er sagen:

„Darf ich vorstellen? Gott.“

Aber bevor irgendjemand etwas sagen konnte oder weiter diskutiert wurde,

sagte der Verhuschte zu Boogee:

„Hey Mann, schön, Dich wiederzusehen. Danke fürs Türöffnen.“

Und mit Blick in die Runde: „Und danke fürs Brot und fürs Gegrillte, war lecker.“

Und dann wieder zu Boogee, voll konzentriert:

„Hey Mann, du gingst mir nicht aus dem Kopf; ich dachte die ganze Nacht.

Hey, ich dachte Gott wär älter, ich hatte ihn mir nie so jung vorgestellt, aber,

danke fürs Türöffnen; hey, schön habt ihrs hier…“

Plötzlich klopft es.

Es ist Gott, der dazugehören möchte in Deinem Leben.

Gott, der mitfeiern will.

Jeden Tag. Zu Weihnachten, seinen Geburtstag, deinen.

Es ist Gott, der Dich um ein Stück Brot bittet.

Am nächsten Morgen klopft er wieder an dir Tür.

Und überrascht dich, weil er dir dafür dankt, dass du ihn satt gemacht hast.

Plötzlich klopft er an die Tür. Diesmal macht niemand auf.

Trotzdem steht Jesus plötzlich im Raum. Und sagt: Friede sei mit Euch!

Und am nächsten Morgen klopfst Du an eine Tür…

Vielleicht eine, an die du lange nicht geklopft hast,

eine, die zugeschlagen wurde; eine, die dir verhasst ist.

Und du sagst: Friede sei mit dir.

Danke fürs Zuhören.

© CB

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Unsere Bilder, wir selber und unsere Vorstellungen,

sind immer fehlerhaft, verschmiert, verzeichnet, verletzt, unkenntlich.

Jesus zeigt uns ein vollkommenes Bild von Gott.

Was daran besonders ist -­‐ hier sagt Gott:

Kein Mensch hört jemals auf Gottes Bild zu sein.

Seine Augen sehen noch in allen Fratzen das ursprüngliche Bild.

Im zynischen Grinsen des Diktators.

In der spöttischen Miene der Geizigen.

In der feigen Maske der Ärztin, die einen tödlichen Fehler vertuscht.

In der brutalen Mimik der Menschenhändler.

In allen Abgründen und unserer Armseligkeit,

wo wir am liebsten von Unmenschen sprechen,

wo das Menschliche entstellt ist bis zur Unkenntlichkeit

und Gott von uns nicht mehr zu entdecken –

da macht Jesus es möglich:

Dass wir wieder sehen, wer der Mensch ist nach Gottes Bild.

Ein Mensch vollkommen in Beziehung.

In ihm sehen wir, was menschlich ist, was göttlich, in Einem, versöhnt.

Jesus lässt sich auf alle Karikaturen ein, Spottbilder, jede noch so brutale Visage.

Jesus leidet an den verfälschten, entstellten Bildern.

Und zeigt uns ein Gesicht, das leuchtet über uns.

Gnädig. Erhaben. Und schenkt uns Frieden.

Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes...

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