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Sigmund Kvam - Høgskolen i Østfold

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Über Grenzen gehen –<br />

Kommunikation zwischen Kulturen und Unternehmen<br />

Crossing Borders – Communication between Cultures and Companies<br />

Festschrift für Ingrid Neumann<br />

Jutta Eschenbach & Theo Schewe (Hrsg./Eds.)<br />

Sonderdruck / Reprint:<br />

<strong>Sigmund</strong> <strong>Kvam</strong>: "Drehscheibe Auftrag – zur Relevanz der Gesprächsanalyse für<br />

eine empirisch fundierte Übersetzungswissenschaft", pp. 87-101.<br />

<strong>Høgskolen</strong> i <strong>Østfold</strong><br />

Rapport 2001:3


Reprinted from: Jutta Eschenbach & Theo Schewe (Hrsg./Eds.) (2001): Über Grenzen gehen – Kommunikation<br />

zwischen Kulturen und Unternehmen (Crossing Borders – Communication between Cultures and Companies).<br />

Festschrift für Ingrid Neumann. <strong>Høgskolen</strong> i <strong>Østfold</strong>. Rapport 2001:3. Halden/Norway. 87-101.<br />

<strong>Sigmund</strong> <strong>Kvam</strong><br />

Drehscheibe Auftrag - zur Relevanz der Gesprächsanalyse<br />

für eine empirisch fundierte Übersetzungswissenschaft<br />

1. Problemstellung<br />

In der vorliegenden Arbeit werden wir uns mit der vielleicht grundsätzlichsten<br />

Frage der Translationswissenschaft beschäftigen: Wodurch unterscheidet sich<br />

Übersetzen von anderen kommunikativen Handlungen? Dabei wird in dieser<br />

Arbeit nicht versucht, eine mehr oder weniger neue Translationsdefinition auf<br />

die Beine zu stellen. Ganz im Gegenteil: Wir gehen davon aus, daß wir nicht<br />

wissen, oder vielleicht auch nicht wissen können, was unter Übersetzen zu verstehen<br />

ist. Das liegt u. E. zum einen daran, daß die meisten translationstheoretischen<br />

Ansätze von deduktiv aufgebauten Modellen ausgehen und oft im geringen<br />

Maße empirisch fundiert sind. Zum anderen wird oft eine theoretische<br />

Grundlage von Übersetzen abgelehnt und Übersetzen ausschließlich durch normative<br />

Aussagen beschrieben. In der vorliegenden Arbeit wird ein alternativer<br />

Weg vorgeschlagen: Ausgehend von der Tatsache, daß Übersetzen ein historisch<br />

gewachsenes und konventionell geregeltes Kommunikationsphänomen ist, soll<br />

versucht werden, einen Ansatz zu skizzieren, der Übersetzen 1 auf der Basis von<br />

authentischen, von der Diskursgemeinschaft als Translation akzeptierten kommunikativen<br />

Handlungen analysiert.<br />

2. Übersetzungswissenschaft - eine Wissenschaft ohne Eigenständigkeit?<br />

Bei der Lektüre der Fachliteratur zur Übersetzungswissenschaft ist es oft<br />

schwierig, zwischen eigentlichen Übersetzungstheorien und Ansätzen zu unterscheiden,<br />

die Übersetzen im Rahmen von Forschungsinteressen anderer Fächer<br />

betrachten. Es würde hier zu weit führen, auf die vielen Fälle einzugehen, in<br />

denen Übersetzen im Dienste anderer Disziplinen aufgegriffen wird; zwei Beispiele<br />

sollen jedoch kurz dieses Problem zu beleuchten suchen.<br />

1 In der vorliegenden Arbeit wird Übersetzen auf geschriebene Kommunikation eingeschränkt,<br />

von Translationsfällen im Bereich der gesprochenen Kommunikation wird hier<br />

abgesehen.<br />

- 87 -


Fall I: Übersetzen im Dienste der kontrastiven Systemlinguistik: In Prause 1994<br />

werden englische Verb-Partikel-Verbindungen wie in sit-in, wash-down,<br />

breakout in 'Scientific American' und deren deutschen Übersetzungen untersucht.<br />

Dabei ist das Erkenntnisinteresse nicht translatologisch, sondern als klassische<br />

kontrastive Wortsemantik einzustufen: Eine Definition von Übersetzen<br />

oder eine Analyse des untersuchten Textexemplars als spezifische Kategorie von<br />

Übersetzen fehlen; die untersuchten Übersetzungen werden ohne weitere Analyse<br />

ganz einfach als äquivalent betrachtet. Anschließend werden sie im Rahmen<br />

traditioneller Satzsemantik beschrieben und strukturell verglichen. Text und<br />

Kommunikationssituation werden in der Untersuchung weitgehend ausgeklammert:<br />

Es bleibt bei einer Art Wort-im-Satz-Analyse auf der Basis von Übersetzungen<br />

als empirischer Grundlage. Übersetzungen bilden hier also nur die Materialgrundlage,<br />

das Erkenntnisinteresse ist kontrastiv semantisch, bezogen auf die<br />

Sprachsysteme des Deutschen und des Englischen.<br />

Fall II: Übersetzen im Dienste universeller Pragmatik: In Gutt 1991 wird Übersetzen<br />

im Rahmen der Relevanztheorie betrachtet. Übersetzen wird hier lediglich<br />

als Beispiel eines allgemeinen, empirisch nicht zugänglichen mentalen<br />

Kommunikationsprinzips betrachtet und verschwindet als eine Art "interpretative<br />

use of language" (ebd., 44ff.) als eigenständiges Phänomen. Bei Gutt wird<br />

Kommunikation generell diesem universellen pragmatischen Relevanzprinzip<br />

untergeordnet, was nicht nur beim Kommunikationsfall Übersetzen, sondern<br />

auch in bezug auf sprachliche Kommunikation generell eine fragwürdige<br />

Reduktion darstellt.<br />

Charakteristisch für die Übersetzungswissenschaft sind oft auch normative<br />

Ansätze, die teils ohne theoretische Grundlage vorgestellt werden 2 , teils theoretisch<br />

solide untermauert sind, jedoch in empirischer Hinsicht über die Analyse<br />

von ausgewählten Translationsbeispielen zur Beleuchtung von im Grunde normativen<br />

Kategorien nicht hinauskommen. Kollers Erläuterung von einer für das<br />

Übersetzen grundlegenden Relation zwischen einem zielsprachlichen Text und<br />

einem ausgangssprachlichen Text (Koller 1997, 159ff.) ist stellvertretend für<br />

viele Arbeiten der Übersetzungswissenschaft. Diese Relation, bei Koller und<br />

vielen anderen Äquivalenz genannt, basiere auf Ähnlichkeit zwischen dem Ausgangstext<br />

und dem Zieltext (ebd., 189), wird aber bei Koller nicht genauer definiert,<br />

sondern eher in normative Interpretationsdimensionen differenziert (ebd.,<br />

2 Interessant ist in diesem Zusammenhang Newmark 1988, vor allem das Kapitel "Theory<br />

of translation" (ebd., 127-144). Hier werden viele interessante Einzelprobleme beim<br />

Übersetzen aufgegriffen. Dabei wird in jedem Einzelfall normativ für Übersetzungsprinzipien<br />

argumentiert, ohne daß dies auf einer theoretischen Grundlage geschieht oder daß<br />

davon eine theoretische Grundlage abgeleitet wird. Charakteristisch sind normative Aussagen<br />

wie "When extralinguistic reality is wrong in the SL text, the translator must say so.<br />

Misstatements must either be corrected or glossed" (ebd., 129).<br />

- 88 -


214ff.) und durch ausgewählte Beispiele beleuchtet. Eine theoretisch andere,<br />

aber auch eher normative Darstellung findet sich in Nord 1989. Hier wird auf<br />

der Basis einer funktionalen Translationstheorie eine Kategorie 'Loyalität'<br />

gegenüber den Handlungspartnern "Ausgangstext-Autor", "Initiator (=Auftraggeber)<br />

der Translation" und "Zieltext-Rezipienten" im Ausgangstext und im<br />

Zieltext vorgeschlagen (Nord 1989, 102). 'Loyalität' kann als konventionell und<br />

kulturspezifisch bedingte Restriktion von Übersetzen bei allen an der<br />

Übersetzungshandlung Beteiligten verstanden werden: Sowohl Auftraggeber,<br />

Zieltextrezipient als auch Ausgangstextautor müssen den Zieltext als Übersetzung<br />

akzeptieren, was in unserer Kultur heißt, daß "der Translatskopos der<br />

Intention des Ausgangsautors nicht zuwiderlaufen darf" (ebd.). Nun ist Nords<br />

Loyalitätskonzept trotz seiner Vagheit als definitorisches Kriterium der komplexen<br />

kommunikativen Handlung Übersetzen zweifellos besser geeignet als Kollers<br />

Äquivalenzbegriff: Bei Nord wird der Translationsauftrag und dessen unterschiedliche<br />

Variationen berücksichtigt, während bei Koller nur von Relationen<br />

zwischen Texten die Rede ist und dadurch Sprache in der Form eines Textes von<br />

wesentlichen Aspekten der kommunikativen Handlung getrennt wird. Nords<br />

Loyalitäts-Konzept ist eben durch die Anbindung an Handlungspartner, vor<br />

allem an den Initiator oder Auftraggeber der Übersetzung, gekennzeichnet. Dieser<br />

Ansatz ist besonders im Lichte der sehr allgemein gefaßten Diskussion einer<br />

etwaigen Translationsrelation in Reiß/Vermeer 1991, 88-94 interessant: Eine<br />

Translationsrelation ließe sich schon nachweisen, aber nicht generell. Denn charakteristisch<br />

für diese Kategorie sei deren kulturelle Einbettung, historische<br />

Variabilität und Gebundenheit an allgemeine Merkmale von Kommunikation<br />

wie Intentionalität. Nun bleiben Reiß/Vermeer 1991 bei der Betrachtung einer<br />

Translationsrelation bei diesen vagen, eher vortheoretischen Aussagen und sind<br />

oft genug für diese Vagheit kritisiert worden 3 . Aber eine logische Konsequenz<br />

dieser Betrachtung ist die Forderung nach empirischen Analysen von authentischen<br />

Translationsfällen, um eben dadurch erkennen zu können, welche Relation(en)<br />

zwischen kommunikativen Handlungen existieren, die von einer kulturellen<br />

Gemeinschaft, also von den an der kommunikativen Handlung Beteiligten<br />

als Übersetzen akzeptiert werden. Dabei wird sich aller Voraussicht nach keine<br />

für alle Fälle eindeutige Translationsrelation herausstellen, sondern eher ein<br />

Geflecht von situativ, kulturell und historisch unterschiedlichen intertextuellen<br />

Beziehungen. Eine Kategorie wie Loyalität im Sinne von Nord 1989, 102 zur<br />

Beschreibung historisch und situativ variierender Übersetzungsrelationen zwischen<br />

zwei kommunikativen Handlungen erscheint sinnvoll, da diese handlungstheoretisch<br />

über Konventionen zwischen Handlungspartnern begründet<br />

wird und dadurch Übersetzen im Rahmen seines ontologischen Status als komplexe<br />

kommunikative interlinguale Handlung betrachtet. Aber Nords Loyalitätskonzept<br />

wird nicht empirisch begründet, und ihre darauf aufbauende Typologie<br />

3 Vgl. hierzu u.a. Koller 1997, 212ff.<br />

- 89 -


von Übersetzungen in dokumentarische und instrumentelle Übersetzungstypen 4<br />

hat eher hypothetischen Charakter für die Interpretation von Übersetzungsfällen.<br />

Gerade hier sollte empirisch weiter gearbeitet werden.<br />

Der Mangel an empirisch fundierten Studien auf der Basis von authentischen<br />

Translationsfällen und damit verbundenen empirisch abgeleiteten Regeln für die<br />

komplexe kommunikative Handlung Übersetzen scheint auch generell eine<br />

große Lücke in der Übersetzungswissenschaft zu sein. Den Kern einer empirisch<br />

ausgerichteten Übersetzungswissenschaft bilden "observable or reconstructable<br />

facts of real life rather than merely speculative entities resulting from preconceived<br />

hypothesis and theoretical models" (Toury 1995, 1). Aber viele Beispiele,<br />

darunter auch authentische Übersetzungsfälle, werden oft zu Demonstrationszwecken<br />

ausgewählt: "the main consideration underlying the selection, often<br />

even invention of an example was normally its persuasiveness, i.e., its alleged<br />

capacity to assist in driving a point home, rather than its representativeness"<br />

(ebd., 3). Eine solche vorwiegend modell- und normunterstützende Funktion von<br />

authentischen und konstruierten Beispielen ist vor dem Hintergrund normativer<br />

Traditionen in der Übersetzungsevaluation und Übersetzungstheorie verständlich.<br />

Aber auch für eine empirisch fundierte Übersetzungswissenschaft sind<br />

normative Aspekte von großer Relevanz: Als historisch gewachsene und kulturell<br />

variierende kommunikative Handlung ist Übersetzen konventionell, also<br />

durch soziale Normen, restringiert. Für eine Übersetzungswissenschaft gilt es<br />

aber, diese Normen weder als methodisch unkontrollierte Meinungsäußerungen<br />

noch als Beispiellieferant für vorgefaßte Modelle zu verwenden, sondern über<br />

die Analyse von authentischen Übersetzungen als konventionelle Restriktionen<br />

für die kommunikative Handlung Übersetzen zu rekonstruieren. Ein solcher<br />

Ansatz bedeutet aber, daß Übersetzen als historisch gewachsenes, interkulturelles,<br />

interlinguales und situativ variierendes Phänomen betrachtet werden muß.<br />

3. Aspekte einer empirisch fundierten Übersetzungswissenschaft<br />

3.1. Historische Aspekte<br />

Das Phänomen Übersetzen gibt es bekanntlich seit Jahrtausenden: Delisle et al.<br />

1995, 6 geben sumerische Wortlisten als den ersten Beleg von Übersetzungen<br />

an. Aber eigentlich spiegelt Übersetzen grundsätzliche Eigenschaften menschlicher<br />

Kommunikation wider, die weit über die Angabe eines Belegs von übersetzerischer<br />

Kommunikation hinausgehen. Es gehört zu den kommunikativen<br />

Eigenschaften des Menschen, daß er einen Sachverhalt, einen Vorgang, ja eine<br />

größere kommunikative Handlung irgendwie reformulieren kann. Diese grundlegende<br />

Paraphraseneigenschaft des Menschen 5 betrifft natürlich auch die<br />

4 Vgl. hierzu Nord 1989, 104 und ausführlicher in Nord 1997, 47ff.<br />

5 Vgl. hierzu <strong>Kvam</strong> 1996, 1f. und dortige Literaturhinweise.<br />

- 90 -


geschriebene Kommunikation, darunter auch die interlinguale Kommunikation<br />

und somit auch das, was in einer gegebenen Kultur als Übersetzen akzeptiert<br />

wird. Die Geschichte des Übersetzens zeigt auch deutlich, daß Übersetzen je<br />

nach historischer, und nicht zu vergessen politischer, Situation variiert. Grundsätzlich<br />

gilt, daß jeder Übersetzungsansatz "depended largely on the translator's<br />

position in the power structure, and on the relationship between power and<br />

knowledge in general" (Salmana-Carr et al. 1995, 117). Als Paradebeispiele<br />

gelten die politisch-religiösen Vorgaben der Übersetzer der Toledoer Schule<br />

durch den Schirmherrn und Auftraggeber Alfons X. (ebd., 116ff.) sowie die<br />

deutlich sprachpflegerischen Vorgaben für das Übersetzen durch Richelieu im<br />

Rahmen der Académie Française (Nama et al. 1995, 40ff.) und nicht zu vergessen<br />

ideologische Vorgaben in totalitären Staaten wie in der Sowjetunion und im<br />

faschistischen Italien (Lefevere et al. 1995, 144ff.). Die historische Variabilität<br />

von Übersetzen macht daher eine allgemeingültige Definition von Übersetzen<br />

unmöglich; es handelt sich hier um ein sozial und historisch gewachsenes und in<br />

verschiedenen Kulturen und Kommunikationssituationen unterschiedlich tradiertes<br />

Phänomen, das nicht für alle Zeiten definiert werden kann: Die<br />

Geschichte des Übersetzens lehrt uns mit aller Deutlichkeit, daß es keine feste<br />

Relation zwischen Ausgangstext und Zieltext geben kann. Strukturalistisch-linguistisch<br />

orientierte Definitionen von Übersetzen, die eben Übersetzen von<br />

Kommunikation trennen, sind als Wesensdefinitionen unzureichend 6 , es sei<br />

denn, man beschreibt und definiert wie Catford 1974 bewußt Übersetzen nur auf<br />

der Grundlage eines spezifischen linguistischen Modells 7 , ohne dabei den<br />

Anspruch auf eine allgemeine, alle Aspekte von Übersetzen umfassende Analyse<br />

zu erheben.<br />

3.2. Textlinguistische Aspekte<br />

Ebenso relevant für eine empirisch fundierte Übersetzungswissenschaft ist die<br />

Tatsache, daß alle Übersetzungen Texte sind, aber nicht alle Texte Übersetzungen.<br />

Diese einleuchtende Tatsache schreibt der Größe Text eine ganz entscheidende<br />

Rolle für die Entwicklung einer eigenen Übersetzungswissenschaft zu:<br />

Was allen Texten gemeinsam ist, muß auch allen Übersetzungen gemeinsam<br />

sein. Grundlegend für eine Übersetzungstheorie ist dabei eine kommunikativ<br />

orientierte Definition von Text und eben nicht eine Definition, die Text auf der<br />

Grundlage von Satz beschreibt und dabei letzten Endes Text als eine Verkettung<br />

6<br />

Vgl. hier die Definition von Übersetzen von Oettinger, zitiert nach Koller 1997, 90:<br />

"Interlingual translation can be defined as the replacement of elements of one language,<br />

the domain of translation, by equivalent elements of another language, the range".<br />

7<br />

Vgl. hierzu Catford 1974, 1-19, wo die theoretischen Rahmenbedingungen seiner Analyse<br />

von Übersetzen dargelegt werden.<br />

- 91 -


von Sätzen betrachtet 8 . Eine solche, rein strukturorientierte Betrachtung von<br />

Text wäre nichts anderes als eine Art verlängerte Satzlinguistik und würde konstitutive<br />

Textualitätsmerkmale wie Intentionalität und interaktive Bearbeitung<br />

von konventionalisierten Handlungen außer acht lassen 9 . Auch Toury betont die<br />

Gefahr einer satz- und äußerungsbasierten Linguistik als Grundlage einer<br />

Translationswissenschaft: Sowohl die allgemeine Linguistik als auch die Textlinguistik<br />

und die kontrastive Textologie greifen laut Toury zu kurz, wenn sie<br />

Übersetzen im Rahmen einer linguistischen Betrachtungsweise auf das Reproduzieren<br />

von Äußerungen reduzieren (Toury 1995, 53): "Translation activities<br />

should rather be regarded as having cultural significance. Consequently, 'translatorship'<br />

amounts first and foremost to being able to play a social role, i.e., to<br />

fulfil a function allotted by a community ... in a way which is deemed appropriate<br />

in its own terms of reference. The acquisition of a set of norms for determining<br />

the suitability of that kind of behaviour, and for manoeuvring between<br />

all the factors which may constrain it, is therefore a prerequisite for becoming a<br />

translator within a cultural environment" (ebd.). Solche Restriktionen für das<br />

Phänomen Übersetzen bilden auch den Kern einer Übersetzungstheorie, die<br />

beansprucht, Übersetzen im Einklang mit dessen ontologischem Status als sozial<br />

restringierte komplexe kommunikative Handlung zu analysieren. Eine solche<br />

Analyse ist jedoch trotz der von Toury geäußerten Kritik im Rahmen der Textlinguistik<br />

möglich, vorausgesetzt, daß 'Text' und dadurch auch 'Translation' verstanden<br />

werden als kommunikative Handlung und eben nicht als eine Substitution<br />

von Strukturphänomenen: 'Text' und 'Translation' im letzteren Sinne zu<br />

betrachten, hieße, zwischen Sprache und Kommunikation zu trennen, und das<br />

ist, wie auch aus obigem Zitat aus Toury 1995 abzuleiten ist, nachweislich<br />

falsch.<br />

Grundlegend für einen solchen empirischen Ansatz ist eine Definition von<br />

Text 10 als das strukturierte und delimitierte Ergebnis einer kommunikativen<br />

8 Relevant scheint hier die von Halliday stark geprägte britische functional grammar, wo<br />

Text und damit auch Kommunikation auf der Grundlage von satzinternen Verhältnissen<br />

und besonderen Verbindungen zwischen Sätzen beschrieben werden, vgl. hierzu u.a. Halliday<br />

1991.<br />

9 Besonders interessant in diesem Zusammenhang Beaugrande 1997, der trotz einer äußerst<br />

relevanten Kritik an satzorientierten Ansätzen strukturalistischer und generativer Provenienz<br />

(vgl. Beaugrande 1997, 1-6) Text beschreibt im Rahmen der funktionalen Satzanalyse,<br />

die lediglich um eine Text- und Textsortenebene erweitert wird (ebd., 8f.). Dieses<br />

satzbasierte Modell wird nicht empirisch, sondern rein theoretisch begründet. Es reflektiere<br />

"die neuen Ergebnisse in solchen Bereichen wie Kognitionswissenschaft, Komplexitätstheorie<br />

und künstliche Intelligenz, welche zeigen, daß Bedeutungen on-line produziert<br />

werden und eine 'Selbst-Organisation' erfahren" (ebd., 8). Auf die Frage, ob Texte in<br />

der kommunikativen Wirklichkeit so konstituiert werden, wird jedoch nicht eingegangen.<br />

10 Der Begriff Text wird hier auf geschriebene Kommunikation eingeschränkt. Für die<br />

Diskussion einer Unterscheidung zwischen Text und Diskurs sowie des Verhältnisses<br />

- 92 -


Handlung. Eine kommunikative Handlung ist vor allem durch ihre Intentionalität,<br />

verstanden als die mit der kommunikativen Handlung intendierte Wirkung,<br />

charakterisiert. Diese Intentionalität wird realisiert in einem Umfeld von soziokulturellen<br />

Konventionen und mit Rekurs auf Sachverhalte einer gegebenen<br />

Welt. Besonders wichtig ist jedoch die Tatsache, daß die kommunikative Handlung<br />

reziprok, das heißt, von allen an der Handlung Beteiligten konstituiert wird.<br />

Soll die Kommunikation gelingen, müssen die Beteiligten durch unterschiedlich<br />

verteilte, aber immerhin gemeinsame Leistungen ein gemeinsames Spielfeld für<br />

die Handlung etablieren. Im Rahmen der Analyse von authentischen Dialogen<br />

kann die Relevanz eines solchen gemeinsamen Spielfelds für die Konstitution<br />

von kommunikativen Handlungen exemplarisch dargestellt werden, indem hier -<br />

im Gegensatz zu der Analyse geschriebener Kommunikation - durch unmittelbare<br />

Rückmeldungen der Beteiligten Turbulenzen in der Kommunikation empirisch<br />

nachgewiesen werden können 11 . Bezogen auf Übersetzungen bedeutet das,<br />

daß eine Übersetzung vorliegt, wenn die an der Kommunikation Beteiligten die<br />

geäußerte kommunikative Handlung als Übersetzung akzeptieren. Die Frage ist<br />

nun, wer die an dieser komplexen Handlung Beteiligten sind und wie die als<br />

Übersetzen akzeptierte komplexe Handlung beschrieben werden kann. Für eine<br />

solche Analyse von Übersetzungen in einer gegebenen Kultur erscheint ein<br />

rekonstruktivistischer Ansatz relevant: Mit Hilfe einer Rekonstruktion der<br />

kommunikativen Schritte in konkreten Übersetzungssituationen in einer Kultur<br />

zu einem gegebenen Zeitpunkt soll versucht werden, Restriktionen für diese<br />

komplexe kommunikative Handlung zu analysieren. Anders als Toury 1995<br />

gehen wir von keiner spezifischen Restriktionstypologie vor der empirischen<br />

Analyse der kommunikativen Handlung Translation aus 12 . Eine Voraussetzung<br />

für die komplexe kommunikative Handlung Übersetzen ist jedoch das Vorhandensein<br />

von zwei nicht gleichzeitig stattfindenden kommunikativen Handlungen.<br />

Jede von diesen kommunikativen Handlungen wird durch einen Text realisiert.<br />

Der Text der ersten kommunikativen Handlung ist in einer Sprache A verfaßt<br />

und bildet den Ausgangspunkt für das Verfassen des zweiten Textes in einer<br />

Sprache B 13 . Zwischen diesen kommunikativen Handlungen lassen sich Rela-<br />

zwischen Text/Diskurs einerseits und gesprochener/geschriebener Kommunikation andererseits<br />

wird auf Ehlich 1996 verwiesen.<br />

11 Vgl. hier u.a. Schröder 1994, 101ff., wo im Rahmen der Diskussion von<br />

Perspektivendivergenzen der Beteiligten an einem Beratungsgespräch auf Turbulenzen in<br />

der Kommunikation eingegangen wird.<br />

12 Zu diesem Ansatz vgl. Toury 1995, 58ff.<br />

13 In der vorligenden Arbeit wird von sog. Pseudoübersetzungen abgesehen. Darunter<br />

verstehen wir im Sinne von Toury 1995, 40ff. Texte, die in einer Kultur als Übersetzungen<br />

betrachtet und bewertet werden, ohne es eigentlich zu sein. Ein recht amüsantes Beispiel<br />

ist der Roman Papa Hamlet von dem Norweger Bjarne P. Holmsen. Dieser angebliche<br />

Roman wurde 1889 von den Herren Holz und Schlaf ins Deutsche 'übersetzt'. Das<br />

Buch wurde in Deutschland auch als Übersetzung rezipiert und heiß diskutiert. Aber in<br />

Wirklichkeit war dies keine Übersetzung, weil es den Ausgangstext nie gegeben hat: Es<br />

- 93 -


tion(en) nachweisen, über welche die gesamte komplexe kommunikative Handlung<br />

als Übersetzen interpretierbar ist. Diese Vorentscheidung wurde nach eingehender<br />

Beschäftigung mit Übersetzungen und übersetzungswissenschaftlicher<br />

Literatur über Jahre gefällt: Durch die Einengung auf die Zweisprachigkeit der<br />

kommunikativen Handlung sowie auf spezifische Relationen zwischen den an<br />

der Handlung beteiligten Texten wird gerade der zentrale Bereich der übersetzerischen<br />

Praxis als Ausgangspunkt dieses Ansatzes gewählt. Auf die in diesem<br />

Zusammenhang eher periphere Frage nach intralingualen Übersetzungsfällen<br />

wird hier nicht eingegangen. Weiterhin gilt, daß es beim Übersetzen im Sinne<br />

von Nord 1989 immer die Handlungspartner Textinitiator, Textproduzent und<br />

Textrezipient gibt. Eine wichtige Voraussetzung für die Analyse einer kommunikativen<br />

Handlung als Übersetzung ist die Annahme der kommunikativen<br />

Handlung als Übersetzung von allen Handlungspartnern. So gesehen ist dieser<br />

Ausgangspunkt mit dem Loyalitätskonzept bei Nord 1989, 102 vergleichbar. In<br />

der vorliegenden Arbeit wird jedoch, wie oben angedeutet, versucht, diese eher<br />

offene Kategorie durch empirische Rekonstruktion der kommunikativen Handlung<br />

zu konkretisieren.<br />

3.3. Methodischer Ausgangspunkt: Der Übersetzungsauftrag<br />

In methodischer Hinsicht bedeutet dieser rekonstruktivistische Ansatz, daß hier<br />

quantitative Analysen von großen Übersetzungskorpora wenig Sinn haben. Um<br />

die konventionellen Regeln für Übersetzen erkennen zu können, sind vor allem<br />

interpretative Analysen von Einzelfällen, die von der Diskursgemeinschaft eindeutig<br />

als Übersetzen akzeptiert werden, notwendig. Über viele Fallstudien werden<br />

wir vielleicht einen Kern von Regeln herausdestillieren können, die für<br />

Übersetzen in einer gegebenen Kultur prototypisch wären. Dabei sind nicht nur<br />

Analysen der im Ausgangstext und Zieltext realisierten kommunikativen Handlungen<br />

notwendig, sondern auch - neben einer Rezeptionsstudie der Übersetzung<br />

- vor allem eine Analyse vom Kommunikationsauftrag für den Zieltext. Diese<br />

Analyse bildet den empirischen Kern eines solchen rekonstruktivistischen<br />

Ansatzes: Denn gerade hier entscheiden Übersetzer und Auftraggeber (oder dessen<br />

Bevollmächtigter) gemeinsam, daß der Zieltext als Übersetzung sowie nach<br />

spezifischen Vorgaben zu konzipieren ist. Diese Zieltextvorgaben werden interaktiv,<br />

also nicht nur vom Auftraggeber oder Initiator der Übersetzung, sondern<br />

zwischen Übersetzer und Auftraggeber ausgehandelt mit Hilfe eines Beratungsgesprächs.<br />

In diesem Beratungsgespräch ist der Übersetzer Berater, der Auftrag-<br />

hat sich nämlich herausgestellt, daß es weder einen Dichter Holmsen noch einen norwegischen<br />

Roman Papa Hamlet gegeben hat: "The two (Holz und Schlaf - unsere Anm.) had<br />

also thought up the names of the author … and translator, fabricated the translator's preface,<br />

including the whole of the author's biography, and even lent the latter a face" (Toury<br />

1995, 49).<br />

- 94 -


geber Ratsuchender. Meines Wissens liegen kaum Aufnahmen und keine Analysen<br />

von solchen Beratungsgesprächen vor, allerdings finden sich zu Beratungsgesprächen<br />

als kommunikativer Handlung bereits grundlegende Analysen. In<br />

Nothdurft et al. 1994 werden in vier Beiträgen (von Werner Nothdurft, Ulrich<br />

Reitemeier und Peter Schröder) verschiedene gesprächsanalytische Problemstellungen<br />

durch die Rekonstruktion von sozialen Regeln an Hand von authentischen<br />

Beratungsgesprächen aufgegriffen. Dabei werden u.a. Probleme der Konstitution<br />

von Beratungsgesprächen, der besonderen Perspektivendivergenz der<br />

Beteiligten als konstitutiver und destruktiver Merkmale von Beraten sowie auch<br />

Fragen der institutionellen Anbindung von Beratungsgesprächen erörtert. Nun<br />

sind im Fall von Übersetzen solche Beratungsgespräche für die Ausarbeitung<br />

eines Übersetzungsauftrages notwendig: Falls der Übersetzer sich nur mit dem<br />

Ausgangstext und dem Abgabetermin als sog. Auftrag zufriedengibt, fehlt ein<br />

konstitutiver Teil einer kommunikativen Handlung und zwar genaue und keineswegs<br />

nur über den Ausgangstext vermittelte Angaben von Zweck, Zielgruppe<br />

und Kommunikationssituation des zu produzierenden Zieltextes. Ein solches<br />

Auftragsgespräch könnte jedoch in einigen Fällen problematisch sein, da<br />

nicht immer der Auftraggeber, sondern der Übersetzer die Beratungssituation<br />

initiieren muß. Eine solche als 'Offerte' bezeichnete Maßnahme ist eine von<br />

mehreren möglichen interaktiven Ressourcen für die Herstellung einer Beratungssituation.<br />

'Ressourcen' werden definiert als "besondere Handlungsbedingungen,<br />

unter denen sich die Beratungsinteraktion ereignet und die von Interaktionsteilnehmern<br />

bei der Herstellung der Beratungssituation ausgenutzt werden<br />

können" (Nothdurft 1994, 34). Normalerweise wird eine Beratungssituation vom<br />

Ratsuchenden initiiert und anschließend durch interaktive Leistungen der Beteiligten<br />

hergestellt, indem Rollenverteilung (als Berater und Ratsuchender) und<br />

sonstige interaktive Bedingungen dafür geschaffen werden, daß die Beteiligten<br />

"sich in ihrem weiteren Handeln an dem kulturellen Muster Beraten orientieren<br />

können" (ebd., 25). Eine Offerte liegt dagegen vor, wenn der Berater die Ratbedürftigkeit<br />

des Ratsuchenden konstatiert, d.h. wenn dieser die Ratbedürftigkeit<br />

entweder voraussetzt oder den Ratsuchenden davon überzeugen muß. Diese<br />

"Umkehrung der Initianten-Rolle" (ebd., 49) bei Offerten könnte für die Herstellung<br />

einer Beratungssituation problematisch sein: Sie sei "offenbar sozial<br />

nicht ohne weiteres akzeptabel und muß daher in vielen Fällen durch spezielle<br />

Manöver der Identitätswahrung abgepolstert werden" (ebd.). Auftraggebergespräche,<br />

bei denen der Übersetzer die (Übersetzungs-) Beratungssituation initiieren<br />

muß, fordern deshalb beim Übersetzer besondere Einsichten in die kommunikative<br />

Handlung Beraten und insbesondere in die Probleme, die Offerten<br />

für das Gelingen der Herstellung einer Beratungssituation beinhalten.<br />

Ziel der gesprächsanalytisch konzipierten Analyse des Übersetzungsauftrages<br />

ist also die Ermittlung des besonderen Geflechts an intertextuellen Beziehungen<br />

zwischen dem Ausgangstext und dem zu produzierenden Zieltext. Das<br />

- 95 -


fordert natürlich auch eine Analyse des Ausgangstextes als kommunikativer<br />

Handlung im Sinne der in 3.2. skizzierten Textdefinition. Aber ganz zentral in<br />

diesem Konzept steht die Analyse des Auftragsgespräches, was am Beispiel von<br />

Ausschnitten aus einem authentischen Gespräch kurz gezeigt werden soll.<br />

3.4. Fallanalyse<br />

In dem vorliegenden Auftrag geht es um die Übersetzung von Internet-Seiten<br />

eines Fremdenverkehrsamtes in Norwegen ins Deutsche. Die Ausgangstexte<br />

greifen Themen wie Sehenswürdigkeiten, Betriebe, Veranstaltungen, Naturparks<br />

sowie auch Geologie, Geographie, Biologie und lokalhistorische Verhältnisse<br />

auf. Auf der Basis der Ausgangstexte war anzunehmen, daß die Zieltexte appellativ<br />

zu gestalten waren mit dem Ziel, Touristen für diese Gegend zu gewinnen.<br />

Eine nähere Analyse des Auftraggebergespräches ergibt jedoch ein viel differenzierteres<br />

Bild des Auftrages. Zunächst wird durch die Frage des Übersetzers<br />

nach der Zielgruppe der Übersetzung dessen Annahme vom Auftraggeber<br />

bestätigt, indem dieser die Zielgruppe als Anreisende (tilreisende til området)<br />

charakterisiert:<br />

Auftraggeber: målgruppen for mesteparten av den teksten som vi leverer til dere<br />

nå det er eh tilreisende til området så det er eh du kan som du kan karakti<br />

karakterisere som turister eller folk som måte vil ha eh altså mer kunnskap og<br />

informasjon om området.<br />

Anschließend macht aber der Auftraggeber auf einen Unterschied zwischen der<br />

Kommunikationsintention für die Ausgangstexte und die Zieltexte aufmerksam,<br />

und zwar, daß der Zieltext für Anreisende gedacht ist, während der Ausgangstext<br />

eher für die Bewohner der Gegend konzipiert wurde:<br />

Auftraggeber: men eh og da mest på den utenlandske teksten den norske teksten<br />

den eh den kan du også brukes da har jeg tenkt brukt av lokale da som vil vite<br />

mer om sitt eget område eller et område en da eventuelt har flyttet til.<br />

Der Übersetzer versucht anschließend, die touristische Zielgruppe für die Zieltexte<br />

zu bestätigen und eine damit verbundene eindeutige Verkaufsfunktion der<br />

Texte hervorzuheben (bruke området i rent turistisk henseende) und vom Auftraggeber<br />

sanktioniert zu bekommen (har jeg da forstått det riktig) durch die<br />

Bestätigungsfrage:<br />

Übersetzer: har jeg da forstått det riktig at det er eh at de tekstene vi skal oversatt<br />

sette er mest beregnet på å få turister til å komme til området og bruke<br />

området i rent turistisk henseende?<br />

- 96 -


Diese Interpretation des Beratungsgegenstandes (worin besteht der Übersetzungsauftrag?)<br />

wird aber nun vom Auftraggeber deutlich modifiziert: Hier seien<br />

nicht nur Touristen die Zielgruppe und hier gehe es nur bedingt um Verkauf als<br />

Handlungsinteresse. Nicht nur die reine Werbekommunikation sei beabsichtigt,<br />

sondern auch Information und Hintergrundwissen (informasjon som går litt mer<br />

i dybden) für Leute, die nicht unbedingt in die Gegend reisen wollen und statt<br />

dessen eine Internetreise machen (så reiser du på nettet). Diese für den Auftrag<br />

sehr wichtigen Spezifizierungen gegenüber der vom Übersetzer gestellten Frage<br />

fordern jedoch beim Auftraggeber eine umfassende Reflexion über zentrale<br />

Aspekte des Übersetzungsauftrages, was durch die vielen Reformulierungen und<br />

Ansätze zum Ausdruck kommt (fordi atte je eh opptatt eh asså eh det skal ikke<br />

være eh asså min tanke når det gjelder eh dette her med informasjon …), bevor<br />

der Auftraggeber mit der Äußerung at det ska vær ha et informasjons eh preg<br />

diese wichtigen Aspekte inhaltlich und logisch darlegt:<br />

Auftraggeber: Eh ja eller hente relevant informasjon fordi atte je eh opptatt eh<br />

asså eh det skal ikke være eh asså min min tanke når det gjelder eh dette her<br />

med informasjon og slik det ekke bare å at det ska måte være et sånn reklamespråk<br />

eller reklamepreg på alle ting Übersetzer: (mhm) Auftraggeber: for det<br />

ofte bli så veldig eh glatt Übersetzer: ja - (lacht) Auftraggeber: at det ska vær ha<br />

et informasjons eh preg over seg som kan være like eh måte spennende akkurat<br />

som du reiser i eh tid og rom ikke sant så reiser du på nettet og eh Übersetzer: ja<br />

Auftraggeber: kan på måte oppleve verden derifra og ska kunne finne relevant<br />

nyttig eh informasjon som ikke bare ikke sant i hver setning så kom til oss og<br />

opplev men at du ska kunne eh asså her ligger muligheter for informasjon som<br />

går litt mer i dybden at du ska lese deg til kanskje det er non som vil skrive en sti<br />

stil om eh sitter i Tyskland og England eller no slikt og ska på skolen og skal<br />

skrive en liten eh en ungdomsklasse som ska skrive en stil da eh om Norge og<br />

kanskje om nasjonalparken naturen og slikt Übersetzer: ja Auftraggeber: og dem<br />

kan da finne stoff som er såpass relevant atte det eh eh at det er eh at det dekker<br />

det behovet der og da eh du har eh og det er jo delt opp i kategorier dette her<br />

Dies führt beim Übersetzer zu einer Revision seiner Interpretation des Übersetzungsauftrages<br />

(ikke bare med tanke på at turister ska komme), was anschließend<br />

vom Auftraggeber bestätigt wird (ikke bare tenke på seg selv):<br />

Übersetzer: O key jeg skjønner eh nå mere av det at eh det er asså ikke bare<br />

bare med tanke på at turister ska komme til området at eh disse sidene er laget<br />

men også faktisk rent informativt og tenker deg at det er mennesker eh der ute i<br />

Europa et sted som eh som er interessert i eh dypere grad av informasjon som<br />

du sier for eksempel eh til forsknings eller skriveøyemed Auftraggeber: ja det er<br />

det som ss litt litt eh spennende at når vi på måte har mulighet til å legge ut<br />

såpass mye tekst og eh gjøre et eh oppdrag på denna måten her så så ska man<br />

- 97 -


ikke bare eh tenke eh måte på seg selv asså Übersetzer: Nei Auftraggeber: man<br />

ska måte fortelle om eh området det blir hvis du Übersetzer: ja Auftraggeber:<br />

drar den helt den motsatte veien så eh bare litt hvordan jeg tenker sånn reiselivsmessig<br />

Übersetzer: nei Auftraggeber: folk som kommer til stedet også Übersetzer:<br />

ja Auftraggeber: vil benytte seg av det Übersetzer: ja Auftraggeber: da<br />

har du et produkt som er ekte eh fordi det er noe som er der ikke pre bare på<br />

premissene men det er også lagt til rette for turistene og ikke omvendt at det<br />

bare er lagt til rette for de eh de fastboende<br />

Zum Schluß erfolgt eine Bestätigung des Auftrages durch die Beteiligten: Wieder<br />

stellt der Übersetzer die Bestätigungsfrage (så vi får altså …). Diese wird<br />

jetzt nicht wie früher vom Auftraggeber revidiert, sondern diesmal voll bestätigt<br />

(ja det kan du si).<br />

Übersetzer: Så da får vi altså eh forskjellige ska vi si kommunikasjonsmål Auftraggeber:<br />

ja Übersetzer: blandet her Auftraggeber: ja det kan du si<br />

Durch die Analyse dieser Ausschnitte des Auftragberatungsgespräches kann<br />

nachgewiesen werden, daß - wie sonst für Beratungsgespräche charakteristisch -<br />

der Beratungsgegenstand, hier: der Auftrag, von beiden Beteiligten, also Übersetzer<br />

und Auftraggeber, ausgehandelt und konstituiert wird. Trotz der Tatsache,<br />

daß hier die meisten Sprechbeiträge vom Auftraggeber geliefert werden, ist dies<br />

eine gemeinsame kommunikative Leistung der Beteiligten und keine einseitige<br />

Informationsvermittlung des Auftraggebers. Durch die gemeinsame Konstituierung<br />

des Beratungsgegenstandes wird hier der Übersetzungsauftrag differenziert<br />

nach kommunikativen Zielen und Teilzielen. Dadurch wird im weiteren Verlauf<br />

des Gesprächs eine Grundlage für die spätere Diskussion von Lösungsmöglichkeiten<br />

bei spezifischen Textproblemen sowie auch für konkrete Übersetzungsstrategien<br />

geschaffen. Durch diesen kleinen Ausschnitt kommt auch deutlich<br />

zum Ausdruck, daß Übersetzen ohne eine Analyse des besonderen Relationsgeflechts<br />

zwischen Ausgangstext und Zieltext nicht adäquat beschrieben werden<br />

kann. Zum einen würde ein sprachzeichenorientierter Zugang wie in Koller<br />

1997 nur Geltung haben für Fälle, bei denen alle Aspekte der Kommunikationssituation<br />

des Ausgangstextes auch für den Zieltext gelten würden. Solche Übersetzungsfälle<br />

lassen sich sicher finden, aber eine Definition auf dieser Grundlage<br />

würde Übersetzen auf nur einige der in einer Kultur als Übersetzen akzeptierten<br />

Kommunikationsfälle reduzieren. Zum anderen wird bei einer Analyse des Auftragsgespräches<br />

deutlich, daß Übersetzungen sich nicht eindeutig typologisieren<br />

lassen, wie die Einteilung in Nord 1989 andeutet: Höchst wahrscheinlich ist hier<br />

die Rede von komplexen Intertextbeziehungen, die man hypothetisch zwar nach<br />

übergeordneten Handlungsinteressen im Sinne von Nords Skala einteilen<br />

könnte, die aber im Einzelfall über so komplexe Intertextrelationen verfügen,<br />

daß für die genaue Analyse einer handlungstheoretisch begründeten Kategorie<br />

- 98 -


Loyalität nur Einzelfallanalysen und die Suche nach empiriegeleiteten Regeln<br />

methodisch angebracht erscheinen.<br />

Außerdem bietet die Analyse von Übersetzungsaufträgen auf der Grundlage<br />

gesprächsanalytischer Ansätze eine methodische Basis für die Evaluation von<br />

Übersetzungen. Mit Hilfe von Angaben zur besonderen Realisierung von Textualitätsmerkmalen<br />

sowie durch Vorgaben der besonderen intertextuellen Beziehungen<br />

zwischen Ausgangstext und dem Zieltext - also der für einen bestimmten<br />

Übersetzungsfall spezifischen Translationsbeziehung - könnten empirisch<br />

gesicherte Kriterien für die Evaluation des Zieltextes als kommunikativer<br />

Handlung geschaffen werden.<br />

4. Schlußfolgerung<br />

Sowohl die Geschichte des Übersetzens als auch empirische Studien zur heutigen<br />

Übersetzungspraxis zeigen, daß Übersetzen zweifellos ein sozial etablierter<br />

Kommunikationsfall ist, den man im Sinne von Gutt 1991 nicht theoretisch verschwinden<br />

lassen kann als beispielsweise "interpretive use of language" (ebd.,<br />

44ff.). Übersetzen gibt es ganz einfach, und dieser Tatsache muß auch in der<br />

Sprachwissenschaft Rechnung getragen werden. Problematisch ist jedoch, ob<br />

Übersetzen als besondere (Inter-) Textsorte oder eigenständiger Kommunikationsfall<br />

betrachtet werden sollte. Irgendwie definierbar ist Übersetzen als konventionalisierte<br />

komplexe kommunikative Handlung, die durch besondere<br />

Intertextbeziehungen bzw. durch eine besondere Varianz an Intertextbeziehungen<br />

gekennzeichnet ist. Charakteristisch für Übersetzen ist aber eine spezifische<br />

Textgenese. Dies spricht allerdings gegen eine Betrachtung von Übersetzen im<br />

Rahmen des Textsortenbegriffs: Bei Übersetzungen liegt zwar wie bei einer<br />

Textsorte ein konventionalisierter Kommunikationsfall vor, dieser ist aber nicht<br />

wie im Falle von Textsorten an spezifische Kommunikationssituationen gebunden:<br />

Sogar eine große Klasse von Textsorten wie Geschäftsbriefe ist auf<br />

bestimmte Kommunikationssituationen beschränkt, während Übersetzungen in<br />

nahezu allen denkbaren Kommunikationssituationen möglich erscheinen. Übersetzungen<br />

sind als Kommunikationsfall deshalb situativ variabel, während<br />

Textsorten situativ restringiert sind.<br />

Als methodischer Zugang zur Erforschung dieser komplexen kommunikativen<br />

Handlung wird hier die Rekonstruktion von authentischen Übersetzungsfällen<br />

vorgeschlagen, bei dem die Analyse des Auftrages in der Form eines Beratungsgespräches<br />

die methodische Basis darstellt sowohl für eine evaluative<br />

Analyse des Zieltextes als auch für die Ermittlung übersetzungsspezifischer<br />

Intertextbeziehungen zwischen Ausgangstext und Zieltext. Über solche empirischen<br />

Untersuchungen könnten Restriktionen oder vielleicht auch Restriktionsklassen<br />

wie generalisierbare Restriktionsmerkmale für den untersuchten Kommunikationsbereich<br />

ermittelt werden. Eine adäquate theoretische Einordnung<br />

vom Intertextphänomen Übersetzen erscheint daher eine handlungstheoretisch<br />

- 99 -


orientierte Textlinguistik zu sein, wo Übersetzen als eigenständiger interlingualer<br />

Kommunikationsfall betrachtet wird, der von der jeweiligen Diskursgemeinschaft<br />

historisch-konventionell restringiert wird.<br />

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