Über Grenzen gehen – - Høgskolen i Østfold
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<strong>Über</strong> <strong>Grenzen</strong> <strong>gehen</strong> <strong>–</strong><br />
Kommunikation zwischen Kulturen und Unternehmen<br />
Crossing Borders <strong>–</strong> Communication between Cultures and Companies<br />
Festschrift für Ingrid Neumann<br />
Jutta Eschenbach & Theo Schewe (Hrsg./Eds.)<br />
Sonderdruck / Reprint:<br />
Jan Engberg: "Zeitlicher und kultureller Wandel von Texthandlungsmustern in<br />
Geschäftsbriefen", pp. 57-72.<br />
<strong>Høgskolen</strong> i <strong>Østfold</strong><br />
Rapport 2001:3
Reprinted from: Jutta Eschenbach & Theo Schewe (Hrsg./Eds.) (2001): <strong>Über</strong> <strong>Grenzen</strong> <strong>gehen</strong> <strong>–</strong> Kommunikation<br />
zwischen Kulturen und Unternehmen (Crossing Borders <strong>–</strong> Communication between Cultures and Companies).<br />
Festschrift für Ingrid Neumann. <strong>Høgskolen</strong> i <strong>Østfold</strong>. Rapport 2001:3. Halden/Norway. 57-72.<br />
Jan Engberg<br />
Zeitlicher und kultureller Wandel von<br />
Texthandlungsmustern in Geschäftsbriefen<br />
1. Einleitung<br />
Die folgende Miniatur hat nicht die Absicht, den Bereich der konkreten Formulierungsregelmäßigkeiten<br />
bei Geschäftsbriefen zu beschreiben. 1 Ich nehme stattdessen<br />
die Feierung unserer geschätzten Kollegin zum Anlass, mir über die<br />
Anwendbarkeit eines immer wieder auftauchenden Elements zur Beschreibung<br />
sprachlicher Regelmäßigkeiten im Bereich der kontrastiven Textologie Gedanken<br />
zu machen: über die Anwendbarkeit des Texthandlungsmusters. Folglich<br />
kommt es mir nicht in erster Linie auf die Ermittlung von Regelmäßigkeiten bei<br />
der Formulierung von Geschäftsbriefen an, sondern auf die Untersuchung der<br />
Frage, ob durch die Anwendung des Texthandlungsmusters bei der Beschreibung<br />
einheitliche Erklärungen von Unterschieden in der Textformulierung über<br />
kulturelle und zeitliche Distanzen hinweg erzielt werden können.<br />
Da ich aber nicht in den luftleeren Raum herumspinnen möchte, untersuche<br />
ich - wenn auch nur tentativ - eine konkrete Textsortenregelmäßigkeit, und zwar<br />
die Realisierung der Funktion des abschließenden Grüßens in Geschäftsbriefen.<br />
Diese Wahl habe ich aus zwei Gründen getroffen: Erstens spielt diese Funktion<br />
eine zentrale Rolle für einen Bereich, auf dem Ingrid Neumann wichtige und<br />
wertvolle Arbeit geleistet hat, nämlich für den Bereich der sprachlichen Höflichkeit.<br />
Und zweitens handelt es sich um einen Bereich, wo es bei in etwa<br />
gleichbleibenden Handlungskontexten über diachrone Kulturgrenzen hinweg interessante<br />
und relevante Unterschiede gibt. Verglichen werden sollen textuelle<br />
Realisierungen derselben mit Höflichkeit gekoppelten Funktionen aus modernen,<br />
älteren und alten deutschen Geschäftsbriefen.<br />
1<br />
Für konstruktive Kritik an einer früheren Version dieses Beitrages danke ich Marianne<br />
Grove Ditlevsen, Sigmund Kvam und John Swales. Für Fehler und Unzulänglichkeiten<br />
bin ich selbstverständlich alleine verantwortlich.<br />
- 57 -
2. Texthandlungsmuster: Der dynamische Aspekt der Textsorte<br />
2.1. Unterscheidung von Textsorte und Texthandlungsmuster<br />
Der Untersuchungsgegenstand der Textsortenlinguistik ist schillernd. Er beruht<br />
zentral auf einer Intuition darüber, dass sowohl bei der Produktion als bei der<br />
Rezeption von Texten die Ähnlichkeit des Textes mit anderen Texten und damit<br />
seine Normgerechtheit eine wesentliche Rolle spielt (de Beaugrande / Dressler<br />
1981, 12-13; Steger 1983, 27). 2 Der Gegenstand der Studien dieses Linguistikzweigs<br />
ist das Gemeinsame in der Individualität eines jeden Textes.<br />
In Anlehnung an die Unterscheidung einer musterbeschreibenden und einer<br />
klassifizierenden Entwicklungsrichtung in der Textsortenlinguistik bei Adamzik<br />
(1995, 29-30) plädiere ich für eine analytische Unterscheidung zwischen Textsorten<br />
als Bezeichnung für Klassen realisierter Texte auf der einen und Texthandlungsmuster<br />
als Bezeichnung für die prototypischen und schemahaften<br />
Muster, die zu dem Wissen gehören, das der Textproduktions- und -rezeptionsfähigkeit<br />
der Sprachteilhaber einer Sprachgemeinschaft zugrunde liegt. 3 Die<br />
Grundintention in der Forschungsrichtung, die sich auf die Textsorte konzentriert,<br />
ist die Aufstellung einer Typologie von Texten, normalerweise von Texten<br />
eines abgegrenzten Kommunikationsbereichs. 4 Dabei stehen Fragen der Variabilität,<br />
der obligatorischen und fakultativen Merkmale und der gegenseitigen Abgrenzung<br />
unterschiedlicher Textsorten im Mittelpunkt des Forschungsinteresses.<br />
Die zweite Forschungsrichtung, die sich mit dem Texthandlungsmuster beschäftigt,<br />
das hier eine zentrale Rolle spielen wird, hat als Grundintention die Ermittlung<br />
der sprachlichen Regelmäßigkeiten, der kommunikativen Routinen (Adamzik<br />
1995, 28; Sandig 1983, 93), die bei Produktion und Rezeption von Texten<br />
bestimmten Typs eine Rolle spielen. Dabei stehen Fragen der Konvention, des<br />
Musters oder auch des Standards im Mittelpunkt. Somit sind beide Forschungsrichtungen<br />
ähnlich gerechtfertigt und tragen je ihren wichtigen Teil zu der Beschreibung<br />
des Gemeinsamen der individuellen Textproduktion bei. Sie können<br />
(und sollten) aber jedenfalls analytisch unterschieden werden: Es ist möglich<br />
2<br />
Ob solche Normierungstendenzen sich tatsächlich am besten in der Form von an kleineren<br />
Typen von Texten gebundenen Normen modellieren lassen (vgl. z.B. Pörksen 1983,<br />
103, der eher von Sphärensprachen als von Textsorten sprechen möchte), soll hier nicht<br />
näher ausgeführt werden. Für eine Diskussion von Modellierungsmöglichkeiten eines<br />
möglichen Zusammenhangs zwischen Textsortenkonventionen und Domänensprachen,<br />
siehe z.B. Engberg (1997, 35-38; 265-272) und Engberg (2000b).<br />
3<br />
Ähnlich definieren auch Beaugrande / Dressler (1981, 13).<br />
4<br />
Der frühe Versuch, eine übergreifende, homogene Typologie von Texten zu schaffen<br />
(siehe z.B. Lux 1981) ist in Weiterentwicklung der Erkenntnisse von Isenberg (1983) von<br />
domänenspezifischen Typologien abgelöst worden, weil nur so eine (relative) Monotypie<br />
und Homogenität der Typologisierungskriterien erzielt werden kann (siehe z.B. Gläser<br />
1990, Göpferich 1992 und Engberg 1993).<br />
- 58 -
und gerechtfertigt, Textsortenaspekte zu untersuchen, ohne zentral eine Klassifikation<br />
der Texte im Blickpunkt zu haben. 5<br />
2.2. Texthandlungsmuster als Beschreibungselemente<br />
Texthandlungsmuster möchte ich in Anlehnung an die Definition von Sandig<br />
(1989) bestimmen: 6<br />
"Textmuster … sind konventionelle komplexe Einheiten zu sozialen Zwecken: Einheiten<br />
für das Sprachhandeln mit Texten; das komplexe Sprachhandlungsmuster weist hierarchisch<br />
und/oder sequentiell relationierte Teilhandlungsmuster auf: für die Textgestaltung<br />
gibt es mehr oder weniger stark festgelegte sprachliche Vorgaben." (Sandig 1989, 135)<br />
Zentral in dieser Definition ist die Koppelung des Texthandlungsmusters mit<br />
sprachlichen Handlungen unter bestimmten sozialen Bedingungen. Es handelt<br />
sich also um Ausdrucksmöglichkeiten, die konventionell als für die Realisierung<br />
bestimmter sprachlicher Handlungen besonders geeignet angesehen werden<br />
(Sandig 1983, 93). Das folgende Modell basiert auf der angeführten Definition<br />
und setzt die unterschiedlichen Elemente in Relation zueinander:<br />
Funktion<br />
Engere Situation<br />
- 59 -<br />
Darstellungsmittel<br />
Abb. 1: Handlungsmuster<br />
Jede Ecke des Dreiecks bezeichnet eine Sammlung wesentlicher Faktoren für<br />
die Realisierung (komplexer) sprachlicher Handlungen. Mit Engere Situation<br />
sind diejenigen wiederkehrenden Faktoren gemeint, die in der aktuellen Kommunikationssituation<br />
vorhanden sind und somit den Textformulierungsprozess<br />
am direktesten beeinflussen (Jakobs 1997, 10). Beispiele sind 'Schreibaufgabe',<br />
'Kontakt zum Empfänger' und 'Person und Rolle des Senders'. Mit Funktion ist<br />
das vom Sender beabsichtigte Ziel der Textformulierung und somit der Handlungsrealisierung<br />
gemeint. Und mit Darstellungsmittel sind die tatsächlichen<br />
5<br />
Für eine nähere Beschreibung der Unterschiede zwischen den Heran<strong>gehen</strong>sweisen und<br />
den jeweiligen Objekten, siehe Engberg (2000a).<br />
6<br />
Diese Definition von Sandig ist das Ergebnis einer Entwicklung in ihrer Beschäftigung<br />
mit dem Gegenstand. Ähnliche Definitionen, jedoch z.T. mit anderen Bezeichnung finden<br />
sich in Sandig (1983) und (1987). Aus diesen Arbeiten geht auch hervor, dass für Sandig<br />
die Bezeichung Textmuster eine Kurzform der von mir bevorzugten Bezeichnung Texthandlungsmuster<br />
darstellt.
sprachlichen konventionellen Realisierungsmöglichkeiten gemeint. 7 Es kann<br />
sich bei den Darstellungsmitteln je nach Hierarchiestufe und Grad der Konventionalisierung<br />
innerhalb der Textsorte z.B. um Teiltextstrukturen (z.B. Inventar<br />
und Abfolge von Teiltexten bei Geschäftsbriefen), um inhaltliche Gruppen von<br />
sprachlichem Material (z.B. Ausdrücke für Untergebenheit) oder um konkrete<br />
sprachliche Formulierungsweisen (z.B. formalisierte Grußformeln) handeln. Die<br />
Heterogenität der Füllungsmöglichkeiten der Ecken macht dieses relativ<br />
abstrakte, dafür aber sehr einfache Beschreibungsmodell auf den unterschiedlichen<br />
hierarchisch geordneten Teilstrukturen, die aus der Definition von Sandig<br />
hervor<strong>gehen</strong>, anwendbar. So können mit dem Modell sowohl die übergeordnete<br />
Teiltextstruktur von Geschäftsbriefen als auch die sprachlichen Mittel, die die<br />
einzelnen Teile dieser Teiltextstruktur konventionell realisieren, in ihrer Relation<br />
zur spezifischen Funktion und Situation beschrieben werden, wie unten zu<br />
zeigen sein wird. Damit können durch Verschachtelung von Mustern unterschiedlicher<br />
Hierarchiehöhe komplexe Texthandlungsmuster aufgebaut werden,<br />
die das formulierungs- und rezeptionsrelevante Muster- oder Typenwissen der<br />
Sprachteilhaber modellieren (Steger 1983, 29). Abb. 2 auf der folgenden Seite<br />
zeigt den Ansatz zu einem solchen hierarchisch geordneten komplexen Texthandlungsmuster<br />
für den Geschäftsbrief. 8<br />
7<br />
Sandig (1983, 92-93) unterscheidet zwischen Handlungsmuster als "typischem Zusammenhang<br />
von Voraussetzungen, Zielsetzungen und Folgen" (entsprechend Engere Situation<br />
und Funktion in meinem Modell) und Textsorte als vorgefertigtem Plan für die Formulierung<br />
von bestimmten Typen von Texten (in etwa entsprechend den Darstellungsmitteln<br />
in meinem Modell). Die Kombination beider Elemente nennt sie Textmuster. Wir<br />
sehen also eine ähnliche Aufteilung wie in meinem Modell. Terminologisch interessant<br />
ist, dass bei ihr mit Textsorte nur die oberflächensprachliche Seite des Textmusters<br />
gemeint ist. Diese nicht besonders glückliche Terminologie wird später verlassen, indem<br />
Sandig (1989, 135) in Verbindung mit der oben genannten Definition von Synonymie<br />
zwischen Textmuster und Textsorte spricht. Wie oben angeführt, ist nach meiner Auffassung<br />
eine solche Synonymie nicht optimal für die Beschreibung des Gegenstands, obwohl<br />
sie eher der üblichen Verwendung der Terminologie in diesem Bereich entspricht. So<br />
definiert z.B. Brinker wie folgt: "Textsorten sind konventionell geltende Muster für<br />
komplexe sprachliche Handlungen …" (Brinker 1988, 124).<br />
8<br />
Eine ähnliche Aufteilung finden wir bei Yates / Orlikowski (1992, 301), die Genre definieren<br />
als "a typified communicative action invoked in response of a recurrent situation."<br />
Diese Handlung teilen sie dann auf in substance (u.a. soziale Motive) und form (observierbare<br />
gegenständliche und linguistische Kennzeichen). Anders als diese Verfasser sehe<br />
ich jedoch die Situation im engeren Sinne als Bestandteil des Handlungsmusters und nicht<br />
lediglich als auslösenden Faktor einer einsetzbaren Konstellation, da semiotisch gesehen<br />
mit der Verwendung des Handlungsmusters auch auf die wiederkehrende Situation verwiesen<br />
wird. Alle drei Elemente bilden damit zusammen ein sprachliches Zeichen.<br />
- 60 -
2.3. Veränderbarkeit von Texthandlungsmustern<br />
Die vorgeschlagene Aufteilung des Gegenstandes der Textsortenlinguistik in<br />
Textsorte und Texthandlungsmuster hat den weiteren Vorteil, dass es die Erklärung<br />
von synchroner und diachroner Variation bei der Realisierung von Texten<br />
einer Textsorte erleichtert: Die Textsorte kann über Zeit- und Kulturgrenzen<br />
hinweg Bestand haben, obwohl Änderungen im Handlungsmuster vorkommen.<br />
Für diese Beschreibungsmöglichkeit ist wichtig, dass die Texthandlungsmuster<br />
normalerweise nicht mit vollständigen Texten oder Teilen von Texten gleichgesetzt<br />
werden können. Ein Texthandlungsmuster kann, wie aus der Abb. 2<br />
hervorgeht und wie auch im anschließenden empirischen Teil ersichtlich sein<br />
wird, sehr wohl lediglich aus Angaben zu inhaltlichen Beschränkungen bei der<br />
Auswahl sprachlicher Mittel bestehen. In diesem Sinne handelt es sich um<br />
schemahafte Einheiten (Mauranen 1998, 308). Ähnlich argumentiert auch Hanks<br />
(1987):<br />
F<br />
"The idea of objectivist rules is replaced by schemes and strategies, leading one to view<br />
genre as a set of focal or prototypical elements, which actors use variously and which<br />
never become fixed in unitary structure." (Hanks 1987, 670)<br />
S<br />
F<br />
S<br />
Teiltextgliederung<br />
von Geschäftsbrief<br />
D<br />
D<br />
F<br />
S<br />
F<br />
Was hier genre genannt wird, entspricht dem in dieser Arbeit verwendeten Begriff<br />
des Texthandlungsmusters. Dass es sich um schemahafte Einheiten handelt,<br />
D<br />
- 61 -<br />
S<br />
D<br />
Inhaltliche Vorgaben eines Teiltexts<br />
(z.B. Ausdruck für Untergebenheit<br />
oder Freundlichkeit) bzw. konkrete<br />
sprachliche Realisierungen<br />
Abb. 2: Modellhafte Darstellung von Texthandlungsmuster
edeutet, dass es sich um keine vollständigen Texte handeln muss, sondern eben<br />
um (möglicherweise unvollständige) Angaben zu den Punkten, für die es bei<br />
Texten der entsprechenden Textsorte eine Konventionalisierung gibt. Damit ist<br />
auch gesagt, dass das Texthandlungsmuster nicht angibt, wie ich eine Texthandlung<br />
zu realisieren habe. Dagegen gibt das Texthandlungsmuster darüber Aufschluss,<br />
wie ich die Texthandlung so realisieren kann, dass sie wie ähnliche<br />
Texthandlungen aussieht. Das Texthandlungsmuster ist keine Beschreibung<br />
davon, wie ein konkreter Text zu formulieren ist, denn das hängt in hohem<br />
Maße von der jeweiligen konkreten Situation ab, und sie wird immer zu einem<br />
gewissen Grad zu notwendiger Variation Anlass geben. Es gibt in jeder konkreten<br />
Situation einen (zwar unterschiedlichen, aber immer vorhandenen) Spielraum<br />
bei den Formulierungen (Steger 1983, 29). 9 Dagegen sind sie Anleitungen<br />
dazu, wie ich meinen Text anderen Texten ähnlich mache oder wie ich Texte als<br />
anderen Texten ähnlich wiedererkenne (Briggs / Baumann 1992, 148).<br />
Ein solches Wissen ist, wie von Hanks (1987) oben angeführt, nicht fest,<br />
obwohl es sich um die Grundlage für die Formulierung von konkreten Texten<br />
handelt. Praktisches Handeln mit Texten erfolgt unter Bezug auf die erworbenen<br />
Texthandlungsmuster, mit dem von uns gewünschten bzw. als möglich eingeschätzten<br />
Grad an Variation im konkreten Fall. Da es sich aber bei den im<br />
Muster angelegten Regelmäßigkeiten nicht um einen "Ursache-Wirkungs-<br />
Zusammenhang in einem mechanischen Sinne [handelt] …, sondern [um]<br />
freier[e] Entscheidungen im Rahmen von Konventionen" (Steger 1983, 29), ist<br />
das Muster mit den Erfahrungen des Textproduzenten bzw. des Textrezipienten<br />
abänderbar: Die Muster beeinflussen die Praxis, aber gleichzeitig erfolgt eine<br />
Einwirkung von der praktischen Tätigkeit auf das Muster, und das Muster wird<br />
nie völlig stabil, sondern unterliegt andauernden Kontrollen und Anpassungen<br />
im Hinblick auf seine <strong>Über</strong>einstimmung mit der Praxis. 10<br />
Wie platzieren wir nun diese Möglichkeiten der Abänderung in dem Modell<br />
des Texthandlungsmusters, wie es in Abb. 1 dargestellt ist? Eine mögliche<br />
Lösung liegt in der Aufteilung dessen, was als situationelle Faktoren angesehen<br />
wird, in Situation im engeren und im weiteren Sinne nach Jakobs (1997, 10):<br />
9<br />
Auch die Untersuchung eines größeren Korpus deutscher und dänischer Landgerichtsurteile<br />
hat gezeigt, dass selbst bei den standardisiertesten Teiltexten dieser recht stark<br />
konventionalisierten Textsorte immer Formulierungsvariation vorhanden war (Engberg<br />
1997, 265-268).<br />
10<br />
Hanks (1987) sieht diese Aufteilung und die gegenseitige Beeinflussung der beiden Teile<br />
parallel zu der Unterscheidung bei Bourdieu (1977) zwischen Habitus als "system of<br />
durable dispositions, underlying the generation and structuring of practice" und Practice<br />
(Hanks 1987, 677).<br />
- 62 -
F<br />
S Situation<br />
im weiteren<br />
Sinne<br />
Abb. 3: Texthandlungsmuster in situationeller Einbettung<br />
Die Situation im engeren Sinne umfasst wie oben angeführt die wiederkehrenden<br />
Faktoren, die die Produktion und Rezeption des Textes unmittelbar beeinflussen.<br />
Im Beispiel des Geschäftsbriefes handelt es sich u.a. um die professionellen<br />
Rollen von Sender und Empfänger sowie ihr gegenseitiges Verhältnis. Es<br />
handelt sich dabei um zwei Personen, die in Erfüllung ihrer institutionellen<br />
Rollen als Geschäftspartner handeln und die in einem gegenseitigen Interessenverhältnis<br />
zueinander stehen. Je nach spezifischem Situationstyp kann Sender<br />
oder Empfänger die stärkere Position haben, aber generell gilt, dass beide Seiten<br />
ein in etwa ähnliches Interesse an der Kommunikation haben. Dieses Faktorenbündel<br />
ist unmittelbar für die Produktion und Rezeption von Geschäftsbriefen<br />
relevant, und es ist auch über Kulturen und Zeiten hinweg relativ konstant. Es<br />
gehört sozusagen zum Grundstock des Handlungsmusters und damit zur Situation<br />
im engeren Sinne. Wie aber die sonstigen Normen der jeweiligen Kultur<br />
sind, wie höflich man sich generell ausdrückt, welche Position man generell im<br />
gegenseitigen Umgang einnehmen muss usw., das unterliegt Schwankungen, die<br />
mit der Situation im engeren Sinne wenig zu tun haben, jedoch z.B. die sprachliche<br />
Realisierung unterschiedlicher Funktionen erheblich beeinflussen. Diese<br />
generellen Aspekte rechne ich mit Jakobs (ibid.) zur Situation im weiteren<br />
Sinne. Ich meine, dass es durch eine solche Aufteilung gelingen kann, Faktoren<br />
der Variation von Faktoren der Konstanz zu trennen: Faktoren der Konstanz, die<br />
zur Situation im engeren Sinne gerechnet werden, gewährleisten, dass wir über<br />
Zeit- und Kulturgrenzen hinweg von Texten derselben Textsorte reden können.<br />
Ein Geschäftsbrief ist durch dieselben Faktoren im Jahre 1820, 1960 und 1980<br />
beschreib- und definierbar. Faktoren der Variation, die der Situation im weiteren<br />
Sinne zugeschrieben werden, helfen uns erklären, warum es starke Unterschiede<br />
zwischen den genannten Texten gibt, obwohl sie zur selben Textsorte gehören.<br />
Diese Hypothese wollen wir jetzt an einem konkreten Beispiel testen.<br />
D<br />
- 63 -
3. Das Texthandlungsmuster "Abschlussgruß"<br />
Zu untersuchen ist die Realisierung der Texthandlung "Abschlussgruß" in<br />
deutschsprachigen Geschäftsbriefen aus drei Quellen:<br />
1. Aus dem Briefarchiv von Carsten Tank, Halden (19 Briefe aus den Jahren 1814-28) 11<br />
2. Aus der 1968 erschienenen 36. Auflage der Brieflehre von Securius (61 Briefe, genaues<br />
Alter unbekannt)<br />
3. Aus der 1991 erschienenen 2. Auflage des Lehrbuches der Geschäftskorrespondenz<br />
von Hansen et al. (137 Briefe, genaues Alter unbekannt)<br />
Nur bei der unter 1. angeführten Quelle handelt es sich um völlig originale<br />
Briefe. Aus zwei Gründen finde ich diesen Umstand für den hiesigen Zweck<br />
nicht problematisch: Erstens möchte ich vorwiegend die Effizienz des vorgeschlagenen<br />
Beschreibungsinstrumentariums zeigen, und dazu sind Originalbriefe<br />
nicht notwendigerweise erforderlich. Und zweitens bauen jedenfalls die Briefe<br />
des neuesten Lehrbuches auf Originalkorrespondenz, weshalb eine erhebliche<br />
Ähnlichkeit mit den Normen der jeweiligen zeitgenössischen Originalkorrespondenz<br />
angenommen werden kann. 12<br />
Zu untersuchen ist zuerst, inwiefern das Texthandlungsmuster in Briefen aus allen<br />
drei Epochen vorhanden ist und wie es beschrieben wird. In der Untersuchung<br />
der tankschen Briefe schreibt Wilberg wie folgt:<br />
"Die Peroratio. In der Schlußrede verabschiedet sich dann der Verfasser, indem er<br />
Unterwürfigkeitsfloskeln verwendet, um den Briefempfänger zu ehren. Die Peroratio<br />
bringt keine individuelle Information und kann aus diesem Grund in den Briefstellern aus<br />
Fertigteilen angeboten werden. […] Häufig läßt sich eine Vermischung zwischen den<br />
verschiedenen Bestandteilen des Dispositionsschemas beobachten […]." (Wilberg 1999,<br />
84-85)<br />
Aus dieser Beschreibung ist für die Festlegung der Funktion des Teiltextes ersichtlich,<br />
dass die Schlussrede lediglich der Verabschiedung, dem förmlichen<br />
Briefabschluss, und nicht der eigentlichen Information dient. 13 Diese Funktion<br />
11<br />
Als Grundlage für die Arbeit mit diesen Briefen hat die Arbeit von Wilberg (1999)<br />
gedient, die eine Edition der alten Briefe mit einer Typologisierung und Aufteilung in<br />
funktionale Teiltexte darstellt.<br />
12<br />
Auf Anfrage haben die Verfasser von Hansen et al. (1991) bestätigt, dass lediglich unveränderte<br />
Originalbriefe als Grundlage für das Buch verwendet worden sind.<br />
13<br />
Mit dieser Funktionsbestimmung ist nicht gesagt, dass der Teiltext, mit dem die hier beschriebene<br />
Funktion ausgeführt wird, lediglich diese Funktion hat oder dass ihre Formulierung<br />
nur von dieser Funktion bestimmt wird. Besonders in den alten Briefen, wo eine<br />
syntaktische Vermischung der Grußformeln mit anderem sprachlichen Material gewöhnlich<br />
ist, haben mehr Faktoren Einfluss auf die Formulierung, und es können auch andere<br />
Faktoren als der zeitliche Wandel (Art des Briefes, Gesichtswahrung, etc.) die Formulie-<br />
- 64 -
wird durch Unterbreitung von Untergebenheitsfloskeln realisiert. Wir haben damit<br />
zwei Kandidaten für die beiden fehlenden Beschreibungsfaktoren in unserem<br />
Texthandlungsmuster, nämlich [VERABSCHIEDUNG] als Funktion und<br />
"Untergebenheitsfloskeln" als entsprechende Darstellungsmittel. Die empirische<br />
Analyse des Materials soll zeigen, ob wir besonders den Faktor Darstellungsmittel<br />
genauer beschreiben können.<br />
In Securius (1968) wird die folgende Beschreibung des entsprechenden Teiltextes<br />
gegeben:<br />
"Eine Grußformel schließt den Geschäftsbrief; sie wird mit dem letzten Satz verbunden<br />
oder selbständig daruntergesetzt: Ich danke Ihnen für den mir erteilten Auftrag und<br />
begrüße Sie hochachtungsvoll." (Securius 1968, 36)<br />
Als Funktion wird hier ebenfalls angegeben, den Brief (förmlich) abzuschließen<br />
(und sonst keine kommunikative oder informative Funktion). Zu den Charakteristika<br />
der Darstellungsmittel wird hier nichts gesagt, es wird aber angeführt,<br />
dass die Grußformel selbständig oder unselbständig sein kann.<br />
In Hansen et al. (1991) wird das Folgende angeführt:<br />
Abschlussgruß<br />
Obwohl der Abschlussgruß mehr oder weniger als Floskel angesehen wird, so spiegelt er<br />
jedoch die "Temperatur" zwischen den korrespondierenden Firmen. Hier gibt es eine<br />
kleine Auswahl, abgestuft von den formellsten zu den unformellsten:<br />
Hochachtungsvoll<br />
Mit vorzüglicher Hochachtung<br />
Mit verbindlichem Gruß<br />
Mit verbindlicher Empfehlung<br />
Mit freundlichen Grüßen*<br />
Mit freundlichem Gruß*<br />
Mit herzlichem Gruß<br />
Viele Grüße<br />
Mit den besten Grüßen / Wünschen<br />
* heute am gebräuchlichsten<br />
(Hansen et al. 1991, 16-17; <strong>Über</strong>setzung des Verf.)<br />
Hier gibt es keine Angabe zu der Funktion des Teiltextes (außer in seiner Bezeichnung).<br />
Dafür erhalten wir hier konkrete Kandidaten für den Faktor Darstellungsmittel.<br />
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass in allen Fällen die Funktion<br />
des förmlichen Briefabschließens vorhanden ist und dass in allen Situation von<br />
Floskeln und damit von normierten Darstellungsmitteln die Rede ist. Die Ver-<br />
rung beeinflussen. Wir wollen uns hier aber auf die Realisierung des Abschlussgrußes<br />
konzentrieren, was eine für den hiesigen Beschreibungszweck nützliche Reduktion der<br />
textuellen Komplexität bedeutet.<br />
- 65 -
gleichbarkeit der Texthandlungsmuster und das Vorhandensein einer einheitlichen<br />
(Teil-)Textsorte ist damit gewährleistet.<br />
Wenn wir uns die tatsächliche Realisierung der Funktion in den 19 Briefen<br />
an Carsten Tank anschauen, so begegnet uns trotz der oben zitierten Angabe bei<br />
Wilberg (1999), man könne diese Floskeln aus Briefstellern abschreiben, ein<br />
sehr variiertes Bild. Es gibt in den 19 Briefen keine zwei Realisierungen des<br />
Abschlussgrußes, die als gegenseitige Wiederholungen gesehen werden können.<br />
Zwar kommen bestimmte Verben häufiger vor (so wird z.B. in sieben Fällen das<br />
Verb zeichnen eingesetzt), aber die aktuelle Form (darunter auch Verbindung<br />
mit dem vorher<strong>gehen</strong>den, andere Funktionen realisierenden Teiltext) und die<br />
sonstigen Elemente des Satzes sind immer unterschiedlich. Die folgende Aufstellung<br />
zeigt die lexikalischen Elemente in den Teiltexten, die zum Ausdruck<br />
der Untergebenheit verwendet werden und die entweder als Substantive oder in<br />
abgeleiteter Form vorkommen, und ihre jeweiligen Kombinationsmöglichkeiten:<br />
14<br />
Sprachliche Mittel Anzahl %<br />
Hochachtung + Ergebenheit 5 26,00<br />
Hochachtung + Empfehlen 2 11,00<br />
Hochachtung + Empfehlen + Ergebenheit 1 5,25<br />
Hochachtung + Ehre 1 5,25<br />
Hochachtung + Ehre + Ergebenheit 1 5,25<br />
Achtung + Ergebenheit 4 21,00<br />
Achtung 1 5,25<br />
Wertschätzung + Ergebenheit 1 5,25<br />
Ehre haben 1 5,25<br />
Ehre + Ergebenheit 1 5,25<br />
Keine Realisierung 1 5,25<br />
Insgesamt 19 100<br />
Wie ersichtlich ist, gibt es zwar Kombinationen, die häufiger als andere vorkommen,<br />
aber erstens ist die Zahl der Varianten sehr hoch (insgesamt 11 Variationsmöglichkeiten<br />
bei 19 Vorkommnissen), und zweitens ist der Unterschied zwischen<br />
den häufigen und den weniger häufigen Realisierungsmöglichkeiten nicht<br />
sehr hoch. In den Kombinationen geht Ergebenheit (+ Ableitungen) in 68 % der<br />
Fälle, Hochachtung (+ Ableitungen) in fast 53 % der Fälle, Achtung (+ Ableitungen)<br />
in gut 26 % und Ehre (+ Ableitungen) in 22 % der Fälle ein. Also: Es<br />
gibt keine Kombination, die sich von den anderen deutlich abhebt, aber Ergebenheit<br />
und Hochachtung sind sehr häufig vertreten, wenn auch in unterschiedlicher<br />
sprachlicher Realisierung:<br />
14<br />
Es sind unter "Sprachliche Mittel" nur Substantive aufgeführt; in der Aufzählung <strong>gehen</strong><br />
aber auch die vorgefundenen Ableitungen ein (siehe das folgende Beispiel aus Brief 6, wo<br />
Ergebenheit in Form von ergebenst vertreten ist).<br />
- 66 -
Mit Hochachtung zeichnen wir ergebenst. (Brief 6)<br />
Mein Weinlager halte ich in vorkommenden Fällen Ihrem gütigen Andenken ergebenst<br />
empfolen und verharre mit der vorzüglichsten Hochachtung und Ergebenheit. (Brief 16)<br />
Wir können damit das folgende prototypische Texthandlungsmuster aufstellen:<br />
Abb. 4: Handlungsmuster in den tankschen Briefen<br />
Im Falle der Briefe aus Securius (1968) haben wir den folgenden Befund:<br />
Sprachliche Mittel Anzahl %<br />
Mit freundlichem Gruß / Mit freundlichen Grüßen 23 38<br />
Hochachtungsvoll 18 30<br />
Mit bester Empfehlung 8 13<br />
Mit vorzüglicher Hochachtung (Werbung, Kreditanfrage, Bewer-<br />
7 11<br />
bung)<br />
Briefabschluss<br />
Geschäftssituation<br />
Mit besten Grüßen 3 5<br />
… und empfehle mich mit freundlichen Grüßen 1 1,5<br />
Mit freundlicher Empfehlung (Werbung) 1 1,5<br />
Insgesamt 61 100<br />
Ähnlich wie bei den Briefen an Carsten Tank gibt es hier einige Formulierungen,<br />
die häufiger als andere vorkommen, aber wiederum zeigt sich ein relativ<br />
ausgeglichenes Bild. Jedoch ist der Unterschied zwischen der häufigsten und der<br />
seltensten Formulierungsmöglichkeit hier wesentlich größer als bei den tankschen<br />
Briefen. Weiter gibt es hier, trotz der erheblich größeren Zahl von untersuchten<br />
Vorkommen, eine geringere Anzahl von Varianten (lediglich sieben<br />
unterschiedliche Formulierungsmöglichkeiten vorhanden). Und schließlich<br />
haben wir ein absolutes <strong>Über</strong>gewicht von selbständigen Teiltexten (keine<br />
syntaktische Kombination mit dem vorher<strong>gehen</strong>den Teiltext) ohne finites Verb,<br />
was zu einem höheren Grad an Formularität führt. Wo wir bei den tankschen<br />
Briefen keine wörtliche und strukturelle Wiederholung vorgefunden haben,<br />
sondern lediglich wiederkehrende Inhaltselemente (Untergebenheit) und eine<br />
Auswahl an Lexemen/Ableitungen, haben wir hier eigentliche Formeln, die fest<br />
sind und rekurrent vorkommen.<br />
S<br />
F D<br />
- 67 -<br />
Hochachtung<br />
und<br />
Ergebenheit<br />
(mit Ableit.)
Wir können damit ein Texthandlungsmuster aufstellen, das einen höheren<br />
Grad an spezifischer Konventionalisierung als das bei den tankschen Briefen<br />
aufweist:<br />
Briefabschluss<br />
Geschäftssituation<br />
S<br />
F D<br />
Mit freundlichem Gruß / freundlichen Grüßen<br />
Hochachtungsvoll<br />
Mit bester Empfehlung<br />
Mit vorzüglicher Hochachtung<br />
Abb. 5: Handlungsmuster bei Securius-Briefen<br />
Als Letztes sehen wir uns den Befund bei den Briefen aus Hansen et al. (1991)<br />
an:<br />
Sprachliche Mittel Anzahl %<br />
Mit freundlichen Grüßen / Mit freundlichem Gruß 128 93<br />
Hochachtungsvoll 2 1,5<br />
Mit freundlicher Empfehlung 2 1,5<br />
Freundliche Grüße 1 0,8<br />
Mit vorzüglicher Hochachtung 1 0,8<br />
Mit den allerbesten Grüßen und Wünschen 1 0,8<br />
Herzliche Grüße 1 0,8<br />
Auf gute weitere Zusammenarbeit verbleiben wir<br />
mit freundlichen Grüßen<br />
1 0,8<br />
Insgesamt 137 100<br />
Ähnlich wie bei Securius sehen wir eigentliche Formeln ohne finites Verb, und<br />
darüber hinaus gibt es hier eine eindeutige bevorzugte Formulierungsmöglichkeit<br />
(93 % der Vorkommen). Der Befund kann natürlich mit dem Charakter des<br />
Buches als Lehrbuch zusammenhängen. Die Verfasser haben aber bei der Zusammenstellung<br />
des Materials versucht, sowohl modernere als auch traditionellere<br />
Formulierungsarten zu berücksichtigen (Hansen et al. 1991, 7), weshalb<br />
davon ausgegangen werden kann, dass die Verteilung in etwa den modernen<br />
Tendenzen entspricht. Wir können folglich ein Texthandlungsmuster aufstellen,<br />
das sowohl in der Konkretheit der Darstellungsmittel als auch in der Auswahl<br />
standardisierter Formulierungsmöglichkeiten den stärksten Konventionalisierungsgrad<br />
der drei untersuchten Briefsammlungen aufweist:<br />
- 68 -
Briefabschluss<br />
Geschäftssituation<br />
S<br />
F D<br />
Mit freundlichem Gruß / freundlichen Grüßen<br />
Abb. 6: Handlungsmuster bei Hansen et al. (1991)<br />
4. Diskussion des Befundes<br />
Die Ergebnisse zeigen eine Entwicklung im Handlungsmuster, also in der Realisierung<br />
der Texthandlung "Abschlussgruß" über die ca. 170 Jahr hinweg in zwei<br />
Hinsichten. Erstens sehen wir eine Entwicklung im Inhaltskriterium: In den<br />
tankschen Briefen bezeugt der Sender seine Untergebenheit dem Empfänger gegenüber.<br />
In den Securius-Briefen haben wir eine Mischung zwischen Untergebenheit<br />
(Hochachtungsvoll) und Freundlichkeit (Mit freundlichen Grüßen), die<br />
sich bei den Hansen-Briefen in absolute Bevorzugung der Freundlichkeit<br />
gewandelt hat. Darüber hinaus sehen wir eine Entwicklung von einem relativ<br />
hohen Grad an Variation bei den Briefen an Carsten Tank hin zur eindeutigen<br />
Bevorzugung eines einzelnen Formulars bei den Briefen aus Hansen et al.<br />
(1991). Eine Tendenz zur Kreativität als Ideal (obwohl auch zeitgenössische<br />
Briefsteller von floskelartigen Einheiten sprechen, Wilberg 1999, 85) wird<br />
abgelöst durch ein Ideal der Standardisierung, das von einer Änderung der relativen<br />
Wertschätzung zwischen den Faktoren Effizienz und ausdrucksmäßige<br />
Schönheit über die untersuchte Periode hinweg zeugt. 15<br />
In den Termini des hier vorgestellten Modells, dessen Beschreibungseffizienz<br />
ja durch die empirische Untersuchung zu prüfen war, heißt dies, dass die<br />
situationellen und funktionalen Elemente des Handlungsmusters unverändert<br />
geblieben sind, womit gesagt werden kann, dass die Handlung in allen drei<br />
Segmenten der Untersuchung repräsentiert ist. Die Handlungsmuster sind aber,<br />
wie aus den Abbildungen 4-6 ersichtlich, bezüglich der konventionellen<br />
Darstellungsmittel in jedem Segment anders. Nach meiner Auffassung lässt sich<br />
diese Änderung am besten als Konsequenz aus Änderungen der Situation im<br />
weiteren Sinne beschreiben: Nicht die unmittelbar kommunikationsrelevanten<br />
Faktoren der Situation haben sich geändert, sondern die generellen Ideen<br />
darüber, wie man Höflichkeit ausdrückt. Untersucht habe ich diese Behauptung<br />
nicht, aber ich nehme an, dass der hier sichtbare Wandel von Untergebenheit hin<br />
zu Freundlichkeit und von Ausdrucksschönheit hin zu Standardisierung nicht<br />
nur in der untersuchten Textsorte vorzufinden ist, sondern dass dieselbe Ent-<br />
15<br />
Ein ähnliches Ergebnis referiert Häcki-Buhofer schon für die Zeit 1838-1888 (Häcki-<br />
Buhofer 1994, 621-622). Die damalige Entwicklung hat sich also fortgesetzt.<br />
- 69 -
wicklung in allen Teilen der offiziellen gesellschaftlichen Kommunikation auffindbar<br />
ist. 16 Das vorgeschlagene Modell bietet die Möglichkeit,<br />
unterschiedliche Faktoren zu isolieren und somit sowohl Konstanz als<br />
Entwicklung einer (Teil-) Textsorte zu beschreiben. Die Verwendbarkeit von<br />
Texthandlungsmustern zur Beschreibung von änderbaren und sich tatsächlich<br />
ändernden Textsortenkonventionen, die ich mit diesem kleinen Artikel<br />
untersuchen wollte, ist somit nach meiner Auffassung dokumentiert.<br />
5. Bibliographie<br />
Adamzik, Kirsten (1995): Textsorten - Texttypologie. Eine kommentierte Bibliographie.<br />
(Studium Sprachwissenschaft, 12). Münster: Nodus Publikationen.<br />
Bourdieu, Pierre (1977): Outline of a Theory of Practice. Cambridge:<br />
Cambridge University Press.<br />
Briggs, Charles / Bauman, Richard (1992): Genre, Intertextuality and Social<br />
Power. In: Journal of Linguistic Anthropology, 2, 2; 131-172.<br />
Brinker, Klaus (1988): Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe<br />
und Methoden. 2. Aufl. Berlin: Erich Schmidt Verlag.<br />
de Beaugrande, Robert / Dressler, Wolfgang (1981): Einführung in die<br />
Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer.<br />
Engberg, Jan (1993): Prinzipien einer Typologisierung juristischer Texte. In:<br />
Fachsprache 15, 1-2; 31-38.<br />
Engberg, Jan (1997): Konventionen von Fachtextsorten. Kontrastive Analysen zu<br />
deutschen und dänischen Gerichtsurteilen Tübingen: Narr (= Forum für<br />
Fachsprachen-Forschung, 36).<br />
Engberg, Jan (2000a): Kulturspezifische Ausprägung kulturübergreifender<br />
Texthandlungsmuster - deutsche und dänische Landgerichtsurteile im Vergleich.<br />
In: Fix, Ulla / Habscheid, Stefan / Klein, Josef (Hrsg.): Kulturspezifik<br />
von Textsorten (erscheint).<br />
Engberg, Jan (2000b): Juristische Textsorten-Konventionen - Das Lehren fachsprachlicher<br />
Normen. In: Fremdsprachen und Hochschule, 59; 75-89.<br />
Gläser, Rosemarie (1990): Fachtextsorten im Englischen. Tübingen: Narr (=<br />
Forum für Fachsprachen-Forschung, 13).<br />
16<br />
Yates / Orlikowski (1992) führen u.a. die folgenden Faktoren mit Bedeutung für die Entwicklung<br />
weg vom Handlungsmuster des Geschäftsbriefs bei der internen Kommunikation<br />
hin zum Memo in derselben Periode bei amerikanischen Unternehmen an: Abteilungsbildung<br />
(größerer Bedarf an internem Schriftverkehr als Institutionsgedächtnis),<br />
Schreibmaschine (Schreibgeschwindigkeit, typografische Möglichkeiten), Einführung<br />
von Hängemappen (ein Thema pro Text, Themenangabe im Briefkopf) (Yates /<br />
Orlikowski 1992, 311-316). Auch dies sind Einflussfaktoren, die im Kontext, aber nicht<br />
in der Situation im engeren Sinne anzusiedeln sind: Sie ändern die Bedingungen der<br />
Textproduktion, haben aber keine direkte Verbindung mit der Situation im engeren Sinne<br />
für die Textsorte Memo. Sie könnten für die hier untersuchten Briefe als Situation im<br />
weiteren Sinne auch Bedeutung haben.<br />
- 70 -
Göpferich, Susanne (1992): Eine pragmatische Typologie von Fachtextsorten<br />
der Naturwissenschaften und der Technik. In: Baumann, Klaus-Dieter /<br />
Kalverkämper, Hartwig (Hrsg.): Kontrastive Fachsprachenforschung.<br />
Tübingen: Narr (= Forum für Fachsprachen-Forschung, 20); 190-210.<br />
Häcki-Buhofer, Annelies (1994): Schriftlichkeit im Handel. In: Handbücher der<br />
Sprach- und Kommunikationswissenschaft (HSK) 10.1: Schrift und Schriftlichkeit.<br />
Berlin etc.: de Gruyter; 619-628.<br />
Hanks, Williams F. (1987): Discourse Genres in a Theory of Practice. In:<br />
American Ethnologist, 14, 4; 668-692.<br />
Hansen, Doris / Thornfield, Walter / Vesterli, Birthe (1991): Moderne Tysk<br />
Erhvervskorrespondance. 2. Auflage. København: Schønberg.<br />
Isenberg, Horst (1983): Grundfragen der Texttypologie. In: Daneš, Frantisek /<br />
Viehweger, Dieter (Hrsg.): Ebenen der Textstruktur. Berlin: Akademieverlag<br />
(= Linguistische Studien, Reihe A, Arbeitsberichte. 112); 303-343.<br />
Jakobs, Eva-Maria (1997): Textproduktion als domänen- und kulturspezifisches<br />
Handeln. Diskutiert am Beispiel wissenschaftlichen Schreibens. In:<br />
Adamzik, Kirsten / Antos, Gerd / Jakobs, Eva-Maria (Hrsg.): Domänen- und<br />
kulturspezifisches Schreiben. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang; 9-30.<br />
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Mauranen, Anna (1998): Another look at genre: Corpus Linguistics vs. Genre<br />
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Pörksen, Uwe (1983): Probleme der Sprachdifferenzierung und Sprachvereinheitlichung.<br />
Entfernung der Fachsprachen von der Gemeinsprache und ihre<br />
'<strong>Über</strong>setzung' durch populärwissenschaftliche Literatur. In: Vorstand der<br />
Vereinigung der deutschen Hochschulgermanisten (Hrsg.): Textsorten und<br />
literarische Gattungen. Berlin: Erich Schmidt; 103-117.<br />
Sandig, Barbara (1983): Textsortenbeschreibung unter dem Gesichtspunkt einer<br />
linguistischen Pragmatik. In: Vorstand der Vereinigung der deutschen Hochschulgermanisten<br />
(Hrsg.): Textsorten und literarische Gattungen. Berlin:<br />
Erich Schmidt; 91-101.<br />
Sandig, Barbara (1987): Beschreibungsmöglichkeiten und Realisierungen von<br />
Textmustern am Beispiel der Richtigstellung. In: Engelkamp, Johannes /<br />
Lorenz, Kuno / Sandig, Barbara (Hrsg.): Wissensrepräsentation und<br />
Wissensaustausch. St. Ingbert: Röhrig; 115-155.<br />
Sandig, Barbara (1989): Stilistische Mustermischungen in der Gebrauchssprache.<br />
In: Zeitschrift für Germanistik, 10; 133-150.<br />
Securius, Th. (1968): Briefe unter Kaufleuten. 36. Auflage. Bad Homburg vor<br />
der Höhe u.a.: Gehlen.<br />
Steger, Hugo (1983): <strong>Über</strong> Textsorten und andere Textklassen. In: Vorstand der<br />
Vereinigung der deutschen Hochschulgermanisten (Hrsg.): Textsorten und<br />
literarische Gattungen. Berlin: Erich Schmidt; 25-67.<br />
Wilberg, Randi (1999): Es ist uns angenehm bey dieser Gelegenheit uns<br />
Veranlassung gefunden zu haben, uns Ihnen zu Ihren hieszigen Aufträgen<br />
- 71 -
ey jetzt wiederhergestelltem Handlungsverkehr, wohlgeneigt zu empfehlen.<br />
Zu deutschsprachigen Kaufmannsbriefen an Carsten Tank in Friedrichshald,<br />
1814-1828. Halden: <strong>Høgskolen</strong> i <strong>Østfold</strong> (= Arbeidsrapport 1999:4).<br />
Yates, Joanne / Orlikowski, Wanda J. (1992): Genres of Organizational<br />
Communication: A Structurational Approach to Studying Communication<br />
and Media. In: Academy of Management Review, 17, 2; 299-326.<br />
- 72 -