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haufe.de

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Mat.-Nr. 06051-5096

Deutschland 6,80 €

0 5

4 194333 006801

Das Magazin für den innovativen Unternehmer

MAI 2011

www.profi rma.de

ROUNDTABLE FINANZIERUNG

Mittelständler und Banken diskutieren

über Krisenbewältigung und

Kreditklemme. Seite 38

SPAREN BEIM TRANSPORT

Kontraktlogistik senkt in vielen

Firmen die Kosten und optimiert

die Produktion. Seite 64

Reden, vernetzen,

verkaufen

Wirkungsvolle Werbung ist auch

mit kleinem Budget möglich. Neben

Kreativität und klarer Kontur helfen

dabei auch soziale Netzwerke.

Seite 22

Claudia Kieserling hat sich einen

guten Ruf als Expertin für maßgefertigte

Designerschuhe erworben. Ihr Geschäft

in der Münchener Innenstadt besucht

auch die weibliche Prominenz aus dem

Film- und Showgeschäft. Seite 12


Abb. zeigt Sonderausstattung.

1990: ERSTE VERZINKTE KAROSSERIE, 1994: ERSTMALS SCHALTHEBEL IN DER

ARMATURENTAFEL, 2000: DIESELDIREKTEINSPRITZUNG „COMMON RAIL“:

SEIT 30 JAHREN ÜBERZEUGT DAS ERFOLGSMODELL MIT IMMER NEUEN INNOVATIONEN

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, rund 30 Milliarden Euro geben deutsche Unternehmen

im Jahr für Werbung aus. Diese Zahl mag sich gewaltig anhören, aber als

Chefi n oder Chef stehen Sie dennoch vor einem klassischen Dilemma: Sie wollen

und müssen auf Ihre Produkte oder Dienstleistungen aufmerksam machen,

haben jedoch nur ein begrenztes Budget zur Verfügung. Das geht zwar großen

Firmen prinzipiell auch nicht anders, aber mit einem kleinen Unternehmen

müssen Sie ganz besonders sorgfältig überlegen, auf welches Pferd Sie setzen.

Erzielen Anzeigen, Kino- oder Radiospots für Sie die größte Wirkung?

Ab Seite 22 zeigen wir Ihnen anhand erfolgreicher Beispiele gute Strategien für

Werbung mit kleinem Budget. Es beginnt mit der Überlegung, wie Sie bei Ihren

Aktionen mögliche Streuverluste gering halten. Da scheiden dann Postwurfsendungen

rasch aus, denn ein Großteil fl iegt ungelesen ins Altpapier. Auch

Schaltungen in Adressverzeichnissen bringen – gedruckt oder online – wenig.

Gut für viele Zwecke sind hingegen Anzeigen in regionalen Wochenblättern,

weil Sie damit häufi g Ihren potenziellen Kunden nah sind.

Nicht mehr wegzudenken ist für Unternehmen jeder Größe und Branche die

Werbung über das Internet, mit Bannern oder über die eigene Homepage.

Online lässt sich mit wenig Aufwand und manchmal sogar kostenlos Aufmerksamkeit

wecken – etwa wenn Sie es schaffen, dass zufriedene Kunden in

Communities positive Kommentare über Sie hinterlassen. Überhaupt bieten

soziale Netzwerke eine gute Möglichkeit der Kontaktaufnahme und -pfl ege –

die wichtigsten Tipps hierzu lesen Sie ebenfalls in unserer Titelgeschichte.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

dieter.roemer@profi rma.de

ProFirma 05 2011

Chefredakteur Dieter Römer

Besser werben

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Wissen und Werkzeuge für Unternehmer.

Wirtschaftsmagazin, Themenportal und

Unternehmer-Cockpit.

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Inhalt 05.2011

Titelthema:

Reden, vernetzen,

verkaufen

Wirkungsvolle Werbung ist auch mit kleinem

Budget möglich. Neben Kreativität und klarer

Kontur helfen auch soziale Netzwerke.

26 Interview Marketingexperte Stefan Kolle

über die Macht sozialer Netzwerke und

das süße Gift der Preiskommunikation.

08

Bettstatt in freier Natur: Es braucht nur zwei

Befestigungspunkte für das Luftkanu von Rainer

Brenner.

30

Licht am Ende des Tunnels Krisenbewältigung

gehört zum Unternehmeralltag.

08 Wir Unternehmer

08 Innovator des Monats Das Luftkanu von Rainer Brenner vereint

Hängematte und Schlafsack zu einer luftigen Bettstatt.

10 Debatte Obwohl vom 1. Mai an in Deutschland die Arbeitnehmerfreizügigkeit

für Zuwanderer aus osteuropäischen Staaten gilt, rechnen

Experten nicht mit einem Ansturm qualifi zierter Arbeitskräfte.

12 Unternehmerporträt Eine Leben für den Schuh – Claudia Kieserling

hat sich zur führenden Expertin für Designerschuhe hochgearbeitet.

16 Mittelstand 2.0 Der Öko-Online-Shop „Lilli Green“ zeigt, dass

sich hochwertige Designerprodukte und Nachhaltigkeit nicht widersprechen

müssen.

18 Auszeit Gute Nacht im Cadillac.

20 Wirtschaft und Politik Der Fördermittelexperte Rudolf Spitzmüller

sieht Reformbedarf bei staatlichen Förderprogrammen.

22 Unternehmensführung

22 Titelthema Werben mit kleinem Budget Kundengewinnung ist nicht

nur eine Frage des Geldes. Kreativität, klare Konturen und soziale

Netzwerke sind oft unterschätzte Instrumente.

30 Unternehmensführung Ob kleine Unternehmen Krisen überstehen

können, hängt oft vom Chef ab. Es kommt daher darauf an, ob er den

Umgang mit Rückschlägen gelernt hat.

33 Querdenker Prof. Martin Beck über den vergessenen Einfl uss des

Italienischen auf die deutsche Sprache.

34 Recht Die digitale Personalakte bringt zwar viele Erleichterungen

für Arbeitgeber, aber auch neue rechtliche Hürden.

4 ProFirma 05 2011

22


ProFirma 05 2011

www.profi rma.de

36 Finanzen & Steuern

36 Trends Der Mittelstand will mehr in das unternehmenseigene

Risikomanagement investieren.

Special Finanzierung

38 ProFirma-Roundtable Die Bankenexperten erwarten eine

Renaissance des Eigenkapitals im Mittelstand.

44 Mezzanine Der clevere Weg zu frischem Geld für neues Wachstum.

47 Soll und Haben Gabriel Hopmeier über den Schein vermeintlich

einfacher Lösungen.

48 GmbH-Chef Der Geschäftsführer als Diener vieler Herren.

50 Steuertrends Der Fiskus legt privaten Hausbesitzern beim Bau von

Photovoltaikanlagen unnötig Steine in den Weg.

52 Firmenwagen Die unendliche Geschichte.

54 IT & Investition

Das Portal für den innovativen Unternehmer

Diese vier ausgewählten Arbeitshilfen aus dem

umfangreichen Angebot von ProFirma Professional haben

wir in diesem Monat für Sie kostenlos freigeschaltet:

■ Internet-Marketing

Vier Checklisten zur Optimierung des Web-Auftritts.

■ Unternehmensfi nanzierung

Fachbeitrag über die Formen des Eigenkapitals.

■ Dienstwagen

Musterformular Fahrtenbuch 2011.

■ Geschäftsbericht

So gestalten Sie Ihren Geschäftsbericht mit MS Offi ce.

54 Smart Grid Intelligente Stromnetze werden in Zukunft die Energieversorgung

steuern. Betriebe müssen den Stromverbrauch senken,

sonst wird es teuer.

58 Büro-Software Zu den Microsoft-Produkten gibt es eine Reihe

kostenloser Alternativen. Sie eignen sich aber nicht für jeden Zweck.

62 Cole‘s Corner Digitale Kleinstaaterei in Europa.

63 Produkttipps Druckermodelle für den Unternehmensalltag.

64 Logistik Schlankheitskur im Lager: Immer mehr Firmen lagern

interne Logistikprozesse an spezialisierte Dienstleister aus.

Gratis-

Downloads

Die vier

des Monats

68 Business English

44

Lektion 15 Zeit ist Geld. Der

englische Wortschatz kennt viele

Begriffe rund um die Themen

Zeiteinteilung, Ressourcenmanagement

und Selbstorganisation.

Rubriken

03 Editorial

06 ProFirma Professional

72 Rückschau, Termine

73 Vorschau, Impressum

74 Schluss mit lustig (34)

Die Flexicon AG nutzt bei der weiteren Expansion

Mezzanine-Kapital und kann damit bei den Kreditverhandlungen

mit der Bank punkten .

64

Logistikexperten: F. Hofmann und D. Wiesler

optimieren unternehmensinterne Fahrwege.

5


ProFirma Professional

DAS UNTERNEHMER-COCKPIT: LÖSUNGEN FÜR ENTSCHEIDER

Von welchem Zeitpunkt an rechnet sich die Produktion für mich? Welche Unterlagen

brauche ich für das Bankgespräch? Darf das Finanzamt mir Einnahmen einfach unterstellen?

Als Chef müssen Sie jeden Tag Entscheidungen fällen und Strategien festlegen. ProFirma Professional

unterstützt Sie in der täglichen Arbeit mit praktischen Rechnern, Checklisten, Mustertexten und Fachbeiträgen

zu den Themen Unternehmensführung, Marketing, Vertrieb, Personal, Steuern und Finanzen.

DAS TOP-THEMA DES MONATS

Mit dem Top-Thema des Monats bietet ProFirma Professional seinen

Abonnenten eine Zusammenstellung von Fachbeiträgen und Arbeitshilfen

zu einem aktuellen Thema.

Operativer Erfolg aus guten Strategien

Jedes Unternehmen braucht eine sorgfältige Jahresplanung für das

Personal, die Budgets und die Erfolgsrechnung. Der Haken dabei:

Ohne eine schlüssige Unternehmensstrategie gibt es keinen nachhaltigen

Erfolg, ohne Erfolg keine Liquidität. Lesen Sie, wie man

eine solche Strategie entwickelt. Haufe-Index: 2655108

Strategie im Unternehmen Haufe-Index: 654150

Finanzplanung mit Soll-Ist-Vergleich Haufe-Index: 1828510

Balanced Scorecard Haufe-Index: 1120265

NEU IM PROFESSIONAL

Eine kleine Auswahl von neuen Dokumenten und Arbeitshilfen auf

ProFirma Professional.

■ Social Media im Personalmanagement Haufe-Index: 2595685

Der Beitrag zeigt, wie Unternehmen die vielseitigen Möglichkeiten

der sozialen Netzwerke besser ausschöpfen können.

■ Innovations-Controlling Haufe-Index: 2575908

Ein Überblick zu den möglichen Aufgaben und den organisatorischen

Strukturen eines betrieblichen Innovations-Controllings.

■ Business-Plan mit Excel Haufe-Index: 2258974

Bei der Gewinnung von Investoren für ein bestimmtes Vorhaben ist

ein perfekt ausgearbeiteter Geschäftsplan das A und O..

■ Verkaufskennzahlen Haufe-Index: 935168

Dieses Programm enthält Verkaufsmesszahlen, wobei Kundendienstbesuche,

gefahrene Kilometer von Außendienstmitarbeitern und weitere

relevante Daten zueinander ins Verhältnis gesetzt werden.

THEMEN IM MAI

ONLINE-SEMINARE

ProFirma Professional bietet Abonnenten regelmäßig kostenfreie

Online-Seminare zu aktuellen Themen oder Fragen an.

Informieren Sie sich bequem und vom eigenen Schreibtisch aus

über neueste Entwicklungen.

Nächste Themen:

Interaktive Markenführung im B2B-Verkauf

Donnerstag, 5. Mai 2011, 14 Uhr, Dauer zirka 60 Minuten,

die Teilnahmegebühr ist in Ihrem Abo enthalten.

In den meisten B2B-Unternehmen ist der Vertrieb eine Black

Box, und das Thema Marke steckt in den Kinderschuhen.

Interaktive Markenführung ist ein Ansatz für eine optimierte

Zusammenarbeit von Vertrieb und Marketing mit der B2B-

Marke als Integrationsmechanismus. Unser Experte Prof. Dr. Lars

Binckebanck von der Nordakademie Hochschule der Wirtschaft in

Elmshorn erklärt, wie sie gelingen kann.

Online-Marketing mit kleinem Budget

Freitag, 6. Mai 2011, 17 Uhr, Dauer zirka 60 Minuten,

Kosten 49 Euro.

Der schönste Internet-Auftritt nützt nichts, wenn keine Besucher

auf die Seiten kommen. Und die höchste Zahl von Besuchern ist

nichts wert, wenn aus ihnen keine Kunden werden. Der Internet-

Experte Sanjay Sauldie erklärt, wie KMU ihre Website mit wenig

Aufwand optimieren. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Suchmaschinenoptimierung.

Hier zeigt er, wie Ihre Internet-Seiten mit

Google und Co. besser gefunden werden, um auch mit kleinem

Budget möglichst viele Kunden zu gewinnen.

■ Die aktuellen Themen der Online-Seminare und die Anmeldung

fi nden Sie auf Ihrer Startseite unter Services/Online-Seminare

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Wir Unternehmer – Innovator des Monats

Rainer Brenner

Süße Träume im Luftkanu

Während seiner Wanderjahre als Zimmermann-Geselle hatte Rainer Brenner die Idee, wie man

Hängematte und Schlafsack zu einer luftigen Bettstatt vereinen kann. VON MICHAEL BAHNERTH

Es gibt diesen schönen lateinischen Ausspruch: „Solvitur ambulando“

– es wird im Gehen gelöst. Rainer Brenner war drei

Jahre unterwegs, als Zimmermann auf der Walz, den Wanderjahren

zünftiger Gesellen. Mit Hängematte und Schlafsack.

„Das war immer ein wenig umständlich. Hängematte aufhängen,

Schlafsack rein, der Einstieg war schwierig, weil der

Schlafsack immer verrutschte. Kippsicher war es auch nicht.“

Dann kam ihm die Idee, irgendwo während der Wanderschaft.

Hängematte und Schlafsack sollten ein geschlossenes System

bilden. Zusammen mit einem Bekannten, Ralph Singler, der

das Gefummel vor dem Schlafengehen auch satthatte, tüftelten

sie eine Weile und bereicherten die Outdoor-Welt um

das H-Bag-System, den Hanging Sleeping Bag. „km276“, heißt

ihre Firma, weil sie beide am Main leben, am Flusskilometer

276, das ist bei 97340 Segnitz.

Drei Jahre dauerte die Entwicklung, zwei Autos hätten sie sich

für das Geld kaufen können, „allein die Patentkosten gingen

in die Zehntausende“, sagt Brenner. Die Schwierigkeit bei der

Entwicklung war lange Zeit die Kippsicherheit. „Mit einem

dreidimensionalen Schnitt konnten wir das Problem dann lösen.“

Ein aufgehängter H-Bag sieht ein wenig aus wie ein Kanu

Ralph Singler (li.) und Rainer Brenner beim Selbstversuch im

H-Bag. Es braucht nur zwei Befestigungspunkte und schon hängt

im Handumdrehen die luftige Bettstatt in der freien Natur.

in der Luft. Befestigt ist er schnell und problemlos, am Boden

der Hängematte wird noch eine Isomatte eingeschoben für

die Bequemlichkeit und als Kälteschutz von unten. Es gibt

Taschen für persönliche Effekten und Schlaufen, an denen

man die Schuhe aufhängen kann, um etwa Skorpionen keine

Schlafgelegenheit zu bieten. Zwei Kilo wiegt das System, der

Schlafsack ist mit Polyurethan beschichtet, mit Baumwolle

gefüttert und atmungsaktiv. 179 Euro kostet der H-Bag II, mit

Extras wie Moskitonetz und Isomatte kommt das Ganze auf

gut 300 Euro. 2.000 Stück sind inzwischen weltweit unterwegs.

Gefertigt wird der H-Bag in Südostasien. „Wir wollten

ihn in Deutschland herstellen lassen, aber die haben das hier

mit dem dreidimensionalen Schnitt nicht hinbekommen“,

sagt der 40-jährige Brenner. Man kann den H-Bag auch einfach

auf den Boden legen, wenn einmal keine zwei Bäume

oder zwei Geländewagen oder ein Geländewagen und ein

Baum zur Verfügung stehen. Aber wer den H-Bag aufhängen

kann und sanft schaukelnd und ein bisschen entrückt zwischen

Erde und Himmel schläft, hat in der Regel ein paar Probleme

weniger, die er am nächsten Morgen im Gehen lösen

muss. www.km276.de

8 ProFirma 05 2011

Fotos: Michael Deppisch/km276


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Wir Unternehmer – Debatte

Arbeitnehmerfreizügigkeit

Kein Massenansturm

Professor Klaus F. Zimmermann rechnet mit einer moderaten

Zahl von Arbeitsmigranten aus Osteuropa – und eher wenigen

Hochqualifi zierten. AUFGEZEICHNET VON MONIKA HOFMANN

Herr Professor Zimmermann, vom 1.

Mai an gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit

für Polen, Ungarn, Tschechien, die

Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland

und Litauen. Wie hoch schätzen Sie die

Zahl der Migranten aus diesen Ländern?

Zimmermann: Nach seriösen Schätzungen

kommen maximal 150.000 Zuwanderer

pro Jahr nach Deutschland.

Dies ist aber kein dramatischer Zuwachs,

denn auch heute gibt es Zuwanderung

von dort über andere Kanäle

mit etwa 50.000 Personen jährlich. Das

wird sich nach dem 1. Mai möglicherweise

erst einmal verdoppeln, bewegt

sich dann aber immer noch auf eher

schwachem Niveau.

Qualifi ziert und heimatverbunden

Dirk Wölfer, Deutsch-Ungarische Industrie- und Handelskammer,

erwartet keine Massenbewegungen.

Mit großem Ansturm rechnen wir nicht. Dennoch verzeichnen

wir Anfragen deutscher Unternehmen, die in Ungarn Mitarbeiter

suchen. Zahlreiche Fachkräfte hier sind gut qualifi ziert.

Ingenieure, IT-Spezialisten, Ärzte, Pfl egekräfte oder Fachleute

aus anderen Bereichen sind nicht nur in Deutschland, sondern

etwa auch in Großbritannien sehr geschätzt, zumal es bislang

bereits viele Ausnahmeregelungen gab. Wer überlegt, im Ausland

zu arbeiten, bringt inzwischen auch gute Sprachkenntnisse

in Englisch und Deutsch mit. Allerdings ist die Zahl der migrationswilligen

Fachkräfte nicht allzu groß. Denn die Ungarn

neigen dazu, in der Region zu bleiben, aus

der sie stammen – abgesehen von der Sogwirkung

Budapests. Zudem werden die

Lohnunterschiede zwischen Ungarn und

Deutschland ohnehin immer geringer.

Dirk Wölfer ist Bereichsleiter bei der

Deutsch-Ungarischen Industrie- und

Handelskammer in Budapest.

Welche Gründe hat das?

Zimmermann: Deutschland hat sich

eben noch nicht als attraktives Zielland

etabliert. Ob die Hochqualifi zierten

künftig verstärkt zu uns kommen, bezweifl

e ich deshalb. Außerdem wird

ihre Arbeitskraft auch in ihrer Heimat

mehr denn je – bei dort steigenden Löhnen

– nachgefragt.

Welche Qualifi kationen bringen die

Osteuropäer mit?

Zimmermann: Das Qualifi kationsniveau

wird stark davon abhängen, inwieweit

die deutschen Unternehmen aktiv

qualifi zierte Bewerber ansprechen, etwa

indem sie vor Ort Informationsstellen

Prof. Klaus F. Zimmermann

leitet das Forschungsinstitut zur

Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.

schaffen, Eigenwerbung betreiben und

Kooperationspartner suchen. Ohne

solche Aktivitäten wird es sich voraussichtlich

in der Mehrzahl um eher gering

qualifi zierte Migranten handeln.

Fachkräfte auch in Polen gefragt

Michael Kern, Deutsch-Polnische IHK, rät Mittelständlern,

sich als attraktive Arbeitgeber zu positionieren.

Schätzungen reichen von 200.000 bis 400.000 Migranten für

die Zeit nach dem 1. Mai. Wir halten dies für zu hoch gegriffen.

Viele wanderwillige qualifi zierte Polen nutzten bereits

in den vergangenen Jahren die Ausnahmeregelungen, um

in Irland, Großbritannien oder weiteren EU-Ländern zu arbeiten.

Zudem bot die Dienstleistungsrichtlinie die Chance, in

anderen europäischen Ländern Fuß zu fassen. Zweitens sind

gut ausgebildete Fachkräfte im nicht akademischen Bereich,

etwa Nachrichtentechniker oder Mechatroniker, in Polen

sehr gefragt. Der Trend zur Hochschulausbildung verstärkt

sich hier, sodass sich bei den klassischen

Fachkräften schon Engpässe abzeichnen.

Angesichts des demografi schen Wandels

sollten sich Firmen daher als attraktiver

Arbeitgeber positionieren.

Michael Kern ist Hauptgeschäftsführer

der Deutsch-Polnischen Industrie- und

Handelskammer in Warschau.

10 ProFirma 05 2011

Fotos: privat


Wir Unternehmer – Porträt

Claudia Kieserling

Ein Leben für den Schuh

Mit Beharrlichkeit, richtigem Riecher und kreativem Potenzial hat sich Claudia Kieserling

zur führenden Expertin für maßgefertigte Designerschuhe entwickelt. Ihre Selve

AG kann auf eine ebenso treue wie exklusive Kundschaft vertrauen. VON JÜRGEN CHRIST

Ob es stürmt, regnet oder schneit: Die Vorstandsvorsitzende

der Münchner Selve AG steigt wie jeden Morgen um sieben

Uhr auf ihr Fahrrad, um von ihrer Stadtwohnung in das

Büro in der Sendlingerstraße zu fahren. Claudia Kieserling

trägt eines ihrer 60 Paar Schuhe, Größe 38 1 /2, es sind für sie

Gebrauchsgegenstände. Im ersten Stock des historischen Singelspielerblocks

mit idyllisch begrüntem Hinterhof und historischem

Brunnen residiert ihr Unternehmen: Selve, „The Shoe

Individualizer“, so der Firmenslogan.

Neben den klassischen Büros sorgt hier im ersten Stock ein

spezieller Showroom für eine angenehme Atmosphäre der

meist besser verdienenden Kunden, von denen etwa 15 bis

20 täglich nach individueller Terminvereinbarung vorbeischauen.

An diesem Morgen kümmert sich Claudia Kieserling

persönlich um eine ganz besondere Kundin. Die Schauspielerin

Franka Potente besucht Selve, um sich ein exklusives

Paar Designerschuhe für eine Filmgala abzuholen. Potente,

eine gemeinsame Freundin von Kieserling und ihrem Ehemann,

einem Münchner Filmproduzenten, weiß die Dienste

der 47-jährigen Schuhfabrikantin zu schätzen: „Bei Selve bekomme

ich individuelle Schuhe, die garantiert immer passen.“

Franka Potente ist nicht die einzige prominente Künstlerin,

die sich bei Selve speziell angepasste Schuhe fertigen lässt.

Kein Schuh, der drückt

Die Schauspielerin gehört zu den zahlreichen Kundinnen,

deren Füße mit einem speziell entwickelten 3D-Scanner in

München vor Ort vermessen wurden. Kunden können ihren

Wunschschuh auch per Internet bestellen. Dazu füllen

sie online einen Fragebogen aus und erhalten anschließend

eine Schablone zum Ausdruck, um die exakte Passform zu

überprüfen, damit der fertige Schuh später nicht drückt. Alle

Daten werden nach einem von Kieserling eigens entwickelten

Vermessungssystem anschließend in einer Datenbank gespeichert.

So bleibt das Design allein der weiblichen – oder

auch männlichen – Fantasie überlassen: Kunden bestimmen

für jedes Paar neue Schuhe Material, Farbe und Form – Selve

garantiert die Passform. Kieserling besetzt mit ihrem Unternehmenskonzept

eine Nische: Modische Designerschuhe,

exakt passend und funktional. Und das zu einem Preis unter

300 Euro.

Die Idee, Schuhfabrikantin zu werden, entstand nicht spontan.

Claudia Kieserling blickt auf eine langjährige Leidenschaft zurück,

die bereits in ihrer Kindheit begann. „Meine Mutter verzweifelte

manchmal mit mir, weil die Schuhe, die mir gefi elen,

immer die teuersten waren“, erinnert sie sich und lehnt sich

hinter ihrem aufgeräumten Schreibtisch zurück. An ihren

„Ich vergesse manchmal Namen und

Gesichter von Menschen, aber niemals

die Schuhe, die sie tragen.“

CLAUDIA KIESERLING

hohen Bürowänden hängen zwei Bilder von Künstlern: Ein

großformatiges Foto sowie ein Gemälde, als Motiv natürlich

Schuhe. Auf dem Holzschreibtisch in der Ecke liegen mehrere

Material- und Farbmuster, Reste einer Besprechung vom Vortag

mit Materiallieferanten. Der Raum, mit edlem Parkett ausgestattet,

riecht nach Leder. Claudia Kieserling wird heute das

Büro nicht vor 19 Uhr verlassen, wie jeden Tag.

Schon als Teenager interessierte sie sich stark für Mode, nähte

und bedruckte Textilien und entschied sich schließlich mit 18

Jahren für die Schuhe als Gegenstand ihrer Kreativität. Die gebürtige

Bochumerin war eine unwillige, eher unruhige Schülerin.

„In der Grundschule hatte ich nur verstörte Nachkriegslehrer,

wir haben immer nur mit Angst und Drohungen

12 ProFirma 05 2011


ProFirma 05 2011

13


Wir Unternehmer – Porträt

gearbeitet“, erinnert sie sich heute. Am Gymnasium entwickelte

sich die heutige Schuhfabrikantin zu einer aufsässigen

Jugendlichen, die Noten wurden schlechter, und sie machte

schließlich ihr Abitur mit einer knappen Drei.

Kein Lehrer ahnte, dass der rebellische Teenager Jahrzehnte

später den begehrten Red-Dot-Design-Award für eine von ihr

patentierte Schuhsohle erhalten und für den Designpreis von

Deutschland nominiert werden würde. Die Risikofreudigkeit

als Unternehmerin erbte sie vom Vater. Ein Angestellter, der

nebenbei unternehmerisch tätig war, während die Mutter als

Hausfrau die Familie zusammenhielt. Claudia Kieserling hat

Komfort, Mode und Passform müssen für Claudia Kieserling bei Frauenschuhen

stimmen – Qualitätskriterien, die ihre maßgefertigten Schuhe zu Unikaten machen.

zwei Schwestern, eine arbeitet heute als Requisiteurin, die

andere als Künstlerin und Mediengestalterin. Ihr Handwerk

lernte sie in einer zweijährigen Lehre bei Ara, einer großen

deutschen Schuhfabrik, ansässig in Langenfeld, einem kleinen

Nest, das der Kosmopolitin schnell langweilig wurde: „Ich

mochte Köln viel lieber, zum Ausgehen und für Konzertbesuche“,

sagt sie und lacht. Ihre Lehre schloss sie als Schuhfertigerin

ab, was dem Schuhmacher in der Industrie entspricht.

Anschließend zog es sie nach Italien, wo sie in zahlreichen

Designbüros arbeitete, bevor sie schließlich bei namhaften

Schuhherstellern höhere Positionen besetzte.

Richtiger Riecher für weibliche Füße

Im schweizerischen St. Gallen machte sie im Jahr 1997 dann

ihren MBA-Abschluss, inzwischen gereift und entschlossen,

etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Etwas, das sich „schnell

auf kurzen Wegen und ohne Konzernstruktur umsetzen lässt“.

Claudia Kieserling sieht sich selbst als Teamplayer, räumt aber

ein: „Ich bin einfach keine gute Befehlsempfängerin.“ Ungeduld

und Willenskraft sind ihre Stärken und gleichzeitig ihre

Schwächen. „Manchmal bin ich auch verbohrt und starrköpfi

g“, meint sie nachdenklich. Die kinderlose Unternehmerin

liebt ihre Arbeit und meidet nach Möglichkeit öffentliche

Auftritte: „Ich bin sozial nicht sehr ausgeprägt, mag mich

selbst nicht gerne darstellen. Als Small-Talkerin für Cocktail-

Empfänge bin ich partout nicht geeignet“, sagt sie.

Kieserling arbeitete von Beginn an eng mit Wissenschaftlern

zusammen. Für das Selve-eigene Schuhvermessungssystem

gab sie eine Untersuchung bei der Technischen

Universität München in Auftrag. Sie bewies

mit ihrer Starrköpfi gkeit ihren guten Riecher

für den weiblichen Fuß, wie sich Jahre später

herausstellte. Eine Untersuchung der „Initiative

passender Schuh“ aus dem Jahr 2010 ergab,

dass die Deutschen der Schuh drückt: Mehr als

82 Prozent der Bevölkerung tragen demnach

unpassende Fußbekleidung.

In Deutschland gilt Claudia Kieserling auch

als Expertin für „Mass Customization“ (MC),

der Massenfertigung von personalisierten Produkten,

was ihr in der Branche einen guten

Ruf bescherte. „Claudia Kieserling ist eine der

deutschen Mass-Customization-Pioniere. Sie

ist mit ihrem Produkt und ihrem Anspruch

an die Qualität und das Erlebnis, das sie ihren

Kunden vermitteln will, in einen sehr anspruchsvollen

Bereich eingetreten und hat

einen sehr hohen Anspruch an sich selbst.

Wie kaum ein anderer Unternehmer hat sie

sich aber sehr innovativ und fl exibel über die

Jahre weiterentwickelt“, bescheinigt ihr Professor

Frank Piller von der RWTH-Aachen,

einer der weltweit führenden MC-Experten.

Kieserling beschritt ihren Weg des ewigen Lernens

weiter konsequent, kooperierte stets mit Forschungsinstituten

oder Universitäten und nimmt derzeit wieder an einer

Öko-Studie teil, die die Nachhaltigkeit von Massen- und Einzelproduktionen

untersucht.

Die perfekte Manufaktur in China

Die Einzigartigkeit, Mode, Komfort und Passform für Frauenschuhe

erfolgreich umzusetzen, musste sich die Münchner

Geschäftsfrau hart erkämpfen. „Die ersten drei Jahre waren

sehr mühsam – und dann kamen die Jahre der Verzweifl ung,

weil die Produktion nicht lief. Ich habe sehr darunter gelitten“,

erinnert sie sich. „Ohne die Unterstützung meines Mannes

und meiner Familie hätte ich es nicht geschafft.“ Von 2000 bis

2007 setzte die 1,76 Meter große „Powerfrau“, wie sie ihre Mitarbeiterinnen

bezeichnen, auf italienische Manufakturen. „Es

ging einfach nicht voran, sie waren nicht schnell genug, unzuverlässig

und unfl exibel“, schimpft sie. Erst später fand sie

14 ProFirma 05 2011

Fotos: Bernhard Huber


eine eigene Manufaktur mit 20 Mitarbeitern – im Süden

Chinas. „Die langen Wege sind zwar scheußlich, aber die

Mitarbeiter sind hoch motiviert und gut ausgebildet. Es

fehlt vor allem nicht an Nachwuchs“, attestiert sie ihren

asiatischen Kollegen. Am Münchner Standort arbeiten

inzwischen fünf Mitarbeiterinnen, zuständig für Verwaltung

und Verkauf. Darunter Leila Alavi, die seit drei

Jahren fest angestellt ist. Sie ist zuständig für Grafi k und

Webdesign. „Wahnsinnig effi zient, vielseitig, nüchtern,

kühl, aber mit großer Leidenschaft für ihren Beruf“, beschreibt

sie ihre Chefi n. Ihre Mitarbeiterinnen schätzen

an ihr, dass sie Verantwortung teilt und ihnen Freiräume

lässt. Der Umgangston ist locker, alle sind per „Du“. Das

Konzept ging auf, die Stammkundschaft wächst, und im

Jahr 2005 kam eine Londoner Filiale hinzu.

Um kaufmännisch und vom Management sicher aufgestellt

zu sein, gründete sie eine kleine Aktiengesellschaft

mit erfahrenen Männern aus der Branche, darunter der

Geschäftsführer des kanadischen 3D-Fußscanner-Herstellers.

„Sie haben mir Mut gemacht, und ich weiß ihre

Meinung sehr zu schätzen, wenn ich sie frage, ob ich

noch auf dem richtigen Weg bin“, meint Kieserling. Sie

ist eine Unternehmerin, die vieles oft infrage stellt und

erst nach mehr als zehn Jahren mit mehr Gelassenheit

auf ihr risikoreiches Vorhaben zurückblickt.

Berghütte statt Luxus

Geld und Erfolg zählten nie zur Motivation der erfolgreichen

Unternehmerin. „Es ist die Freude, das zu tun,

was ich mag, das ist das Schönste an meiner Arbeit“, sagt

sie und vergisst dabei nicht die Menschen, die ihr geholfen

haben: „Mein Mann ist ein ganz großer Förderer. Er

glaubt an mich und an Selve. Auch mein Schwiegervater

hat sehr viel geholfen.“ Ihr Startkapital kam aus privatem

Kreis und betrug nur wenige Tausend Euro. Claudia Kieserling

fährt weiterhin Fahrrad, sie empfi ndet mit ihrer

pragmatischen Veranlagung große Autos eher als hinderlich.

Der Luxus, den sie sich gönnt, besteht aus einer

eigenen Berghütte in den Alpen und gemeinsamen Reisen

mit ihrem Mann, im vergangenen Winter nach Argentinien,

an Ostern zuvor nach Peking oder mit Freunden

zur Biennale nach Venedig. Im Alltag haben ihr

Mann und sie kaum Zeit, deshalb sind die beiden Meister

im Kurzurlaub machen, sei es zu einem Filmfestival oder

einfach mal für ein Wochenende nach Hongkong.

Trotz manchen Gedanken, die Firma einmal zu verkaufen,

und sich einstellenden Altersweisheiten („Irgendwann

wird es wichtig, auch etwas anderes wichtig zu

fi nden“) bleibt Claudia Kieserling dem Schuh an sich

verbunden, der für sie Schönheit und Ästhetik bedeutet,

aber auch etwas rein Praktisches ist, ein „diffi ziles

Teil“, das dem Fuß hilft und ihn nicht quält. „Ich vergesse

manchmal Namen und Gesichter von Menschen, aber

niemals die Schuhe, die sie tragen.“

ProFirma 05 2011

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Wir Unternehmer – Mittelstand 2.0

Lilli Green

Alles Öko, aber schick

Der Berliner Öko-Online-Shop „Lilli Green“ zeigt, dass

sich hochwertige Designerprodukte und Nachhaltigkeit

nicht widersprechen müssen. VON JÜRGEN CHRIST

Ein Reisewecker aus vollständig abbaubarem

Bio-Plastik, mit Bambus

beschichtet und bei gutem Wetter mit

Solarstrom betrieben: Im Online-Shop

von „Lilli Green“ fi nden umweltbewusste

Kunden so ziemlich alles, was

ihr Herz begehrt. Dort werden nämlich

nur solche Produkte verkauft, die

nachhaltigen Qualitätskriterien entsprechen.

Fairer Handel, Recycling, Verwendung

nachwachsender Materialien,

Kompostierbarkeit oder Energieeffi -

zienz sind dafür entscheidend. Zum

Recycling im Sinne von „Lilli Green“

gehören demnach auch edle Designertaschen

aus ehemaligen Lkw-Planen.

Der Online-Shop führt neben Waren

aus der Region Berlins auch Hunderte

von nachhaltigen Öko-Produkten aus

ganz Deutschland sowie Asien und

Südamerika – überwiegend aus Holz,

Bambus, Algen oder Baumwolle. Auch

Verpackung, Versand, Lager, Büro und

Marketing unterliegen strengen Aufl agen

und werden darüber hinaus ständig

optimiert. Neben hauseigenem Öko-

Strom und Recycling-Verpackungen

kommen nur biologisch abbaubare

Polster und Kunststoffe zum Einsatz.

Der Versand erfolgt klimaneutral über

„DHL Go Green“. Darüber hinaus „ernährt

sich Lilli Green rein biologisch

und nutzt sooft es geht das Fahrrad“,

heißt es auf der Website.

Ein ergänzendes Blog informiert über

Öko-Trends und gibt Tipps zur Schonung

der Umwelt wie: „Spare Wasser

„Wir sind auf sozialen

Netzwerken wie Facebook

aktiv. Ein großer

Faktor für unseren Erfolg

ist Mundpropaganda.“

LEOPOLD BRÖTZMANN,

LILLI GREEN-INHABER

und bade mit einem Freund.“ Das von

Lilli-Green-Inhaber Leopold Brötzmann

entwickelte Konzept beweist, dass ökologische

Produkte und edles Design im

Trend des heutigen Kunden liegen. Der

Erfolg ließ nicht lange auf sich warten:

Sein Ende 2009 gegründetes Unternehmen

beschäftigt heute drei Mitarbeiter,

der Umsatz verdoppelte sich binnen

eines Jahres, und Brötzmann schreibt

heute schwarze Zahlen. Zu seinen

Kunden gehören inzwischen auch viele

Unternehmen und Agenturen, die zu

Ostern oder Weihnachten ausgefallene

Designerwaren ordern – Geschenke

von zwei bis 100 Euro.

Leopold Brötzmann wuchs in einem

umweltbewussten Elternhaus auf und

entwickelte schon früh starkes Interesse

an Design. Sein Studium schloss er als

Kommunikationswirt in Wiesbaden ab.

Schon während seines Studiums stand

für Brötzmann fest: „Ich werde Unternehmer.“

Ein Buch war schließlich der

Auslöser: „Design inspired by nature.“

Brötzmann wollte zeigen, dass Ökoprodukte

nicht nur aus grauem Recyclingpapier

bestehen müssen oder als

unförmige Sandalen daherkommen.

Der Marketingfachmann bewirbt die

nachhaltigen Produkte im Online-Shop

unter Rubriken wie „Genießen“, „Geschenke“,

„Spielen“ oder „Wohnen“.

Bereut hat er seinen Weg bisher nicht:

„Ich wollte eigene Entscheidungen treffen,

meine eigenen Ziele defi nieren und

Ideen umsetzen“, erklärt Brötzmann

seine unternehmerische Motivation.

Durch akribische Pressearbeit, kleinere

Anzeigen sowie geschickte Marketingaktivitäten

in sozialen Gemeinschaften

wie Facebook – mit heute knapp 1.500

Fans – wuchs die kleine Firma stetig. „Ein

großer Faktor für den Erfolg ist Mundpropaganda“,

meint der 29-Jährige.

Geplant ist neben der Erweiterung der

kleineren und handlichen Produkte

auch die Ausdehnung des Sortiments

auf Möbel. „In einem Verkaufsraum

wollen wir als nächstes solche Produkte

zeigen und verkaufen, es wird aber kein

klassisches Ladenlokal werden“, erklärt

er seine weiteren Visionen.

16 ProFirma 05 2011

Foto: Lilli Green


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AUSZEIT

V8-Hotel im „Meilenwerk“

Gute Nacht im Cadillac

So mancher Mann zieht den Geruch von Benzin jenem von

Damenparfüm vor. Es sind Männer, deren wirkliches Leben

und deren echte Leidenschaften sich in Hinterhof-Werkstätten

abspielen. Wo sie alten Autos neues Leben einhauchen,

Bier trinken und Benzingespräche führen. „Schrauber“, nennt

man sie, „Autophile“ auch, und wenn sie aus Baden-Württemberg

stammen, steht ihnen ein Jahrhundertsommer bevor.

Vor 125 Jahren erhielt Carl Benz das Reichspatent Nummer

37435 für ein „Fahrzeug mit Gasmotorbetrieb“, und das

Geburtsland des Automobils wird aus diesem Anlass bis zum

10. September 125 Tage lang feiern.

Es gibt nur eine adäquate Unterkunft für all jene Autoafi -

cionados. In Böblingen, unweit von Stuttgart, steht auf dem

„Meilenwerk“ seit zwei Jahren das V8-Hotel, das, so schreibt

es über sich, eine Mischung aus „Linien im Bauhausstil und

Automobilraritäten“ sei. Ausgestattet sind die Zimmer mit

Elementen und Originalteilen aus der Autowelt, und worauf

der Gast schläft, war vielleicht einmal ein alter Merz oder ein

Cadillac. Für all jene, die Autos mögen, aber nicht abgöttisch

lieben, gibt es auch relativ normale Zimmer, in denen sich das

Automobilmotiv auf ein paar Bilder an der Wand reduziert.

Das ist vor allem für jene praktisch, die mit einer Frau anreisen,

die die Leidenschaft fürs Vierrädrige nur bedingt teilt. Härter

gesottene Automobilliebhaber greifen da besser auf eines der

zehn Themenzimmer zurück. „Rennsport“ etwa, eine Formel-

1-Illusion, oder „Werkstatt“ oder „Tanksstelle“. Natürlich ist

das Ganze ohne wirkliches Auto zwischendurch in etwa so

spannend wie auf Dauer alkoholfreies Bier. Das Hotel offeriert

Im V8-Hotel in Böblingen können sich Automobilbegeisterte

standesgemäß zur Ruhe betten.

deshalb für 350 Euro pro Person ein „Emotion-Pur“-Paket.

Zwei Nächte, Frühstück, ein Besuch im Meilenwerk, einem

Marktplatz für Oldtimer und Leidenschaften. Und vor allem

ein Roadster aus der Wiesmann-Manufaktur, der MF3, 343 PS,

4,9 Sekunden auf 100 km/h, 3.246 Kubik Hubraum, zur freien

Verfügung. Ziemlich opitmal für ein fl ottes Ausfl ugsfährtchen

nach Stuttgart zum Porsche- und Mercedes-Museum

etwa. Dann, hinter dem Steuer, wird einem wahrscheinlich

wieder einmal klar, warum Hubraum wichtiger sein kann als

Wohnraum. (mib) www.v8hotel.de

Das schöne Ding

Der Weg zum perfekten Klang klingt nach Raumfahrttechnik: Dezentrale Schallwandleranordnung,,

Mu-Metall-Abschirmung, OFC-Kabel mit Aramidfasern. Der Edition 10 ist ein kleines, handgearbeitetes

Meisterwerk der Klangoptimierung, das eigentlich alles kann, außer selbst Musik machen,

und der Kopfhörer kommt daher wie eine Highend-Ode an Kopfhörerphile. Seine Ohrkapseln sind

mit Ruthenium, einem Platinmetall, beschichtet und mit äthiopischem Langhaar-Schafsleder überzogen.

Der 2.000 Euro teure Edition 10 ist auf 2.010 Stück limitiert, aber aus der Manufaktur im

bayrischen Tutzing hört man, dass es noch gut 1.000 Stück geben soll. www.ultrasone.com

18 ProFirma 05 2011

Fotos: Dino Eisele, Ultrasone, Stadt Weingarten


Der Blutritt zu Weingarten

Religiöses Spektakel hoch zu Ross

Der Ausdruck lässt Schlimmes vermuten:

Blutritt. Klingt nach einem

dieser blutgetränkten Western von

Sam Peckinpah, bei denen spätestens

nach zehn Minuten alles, was lebt, Blut

spritzt. Aber dieser Blutritt fi ndet nicht

im staubigen Arizona, sondern im baden-württembergischen

Weingarten

statt. Es geht um die Blutreliquie, die

Judith von Flandern im Jahre 1094 dem

Abt des Klosters Weingarten übergab,

ein Klumpen Erde vom Hügel Golgatha

soll es gewesen sein, getränkt mit dem

Blut Jesu. Die Übergabe soll angeblich

am Tag nach Christi Himmelfahrt gewesen

sein, und seit dem Jahr 1529 reitet

morgens an diesem Tag (heuer der

2. Juni) ein Mann hoch zu Ross und als

Allegorie auf den Heiligen Martin (den

geschäftstüchtich

Kostenlose Kontoführung

0,00 Euro *

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Klasse, wie meine Bank

ihr Geschäft versteht …

und auch meines!

Mantelteiler) durch Weingarten. In der

linken Hand hält er die Reliquie dem

Pilgervolk entgegen. Ihm folgen rund

3.000 uniformierte Blutreiter, die in

100 Blutreitergruppen organisiert sind.

Es ist ein Spektakel und der „religiöse

und gesellschaftliche Höhepunkt“ der

26.000-Einwohner-Stadt.

Ein anderer Brauch Weingartens übrigens

hat nicht überlebt. Bis ins 17.

Jahrhundert zogen Väter mit ihren

volljährig gewordenen Söhnen den

Grenzen der Stadt entlang und erteilten

ihnen an den Grenzsteinen jeweils

eine Ohrfeige als Gedächtnisstärkung.

Man kann sich jetzt fragen, weshalb

dieser Brauch in Vergessenheit geraten

ist. (mib)

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Wir Unternehmer

WIRTSCHAFT & POLITIK

Öffentliche Fördermittel

„Innovationsförderung

ist nicht effi zient“

Viele staatliche Programme sind zu wenig auf

die Bedürfnisse kleiner Betriebe zugeschnitten,

meint Rudolf Spitzmüller, Vorstand der Technischen

Unternehmensberatung Spitzmüller AG

in Gengenbach. DAS GESPRÄCH FÜHRTE PAUL LAUER

Herr Spitzmüller, der Bund hat mit Fördermitteln dem Mittelstand

durch die Krise geholfen. Auch sonst gibt es viele Programme.

Ist dieses breite Angebot überhaupt notwendig?

Spitzmüller: Das Sonderprogramm der KfW und das Programm

ZIM des Bundeswirtschaftsministeriums haben vielen

Firmen in der Krise ein Überleben gesichert. Die derzeitige

Struktur der Programme des Bundesforschungsministeriums

ist gerade was die Förderung von Innovationen betrifft, nicht

effi zient genug. Sie unterschätzt zum einen die Innovationskraft

des Mittelstands, zum anderen werden kleinere und mittlere

Betriebe mit den Programmen oftmals nicht erreicht. Das

Instrument KMU Innovativ zeigt in die richtige Richtung.

Woran liegt das?

Spitzmüller: Das liegt vor allem daran, dass die Förderung

auf Cluster- und Leitprojekte sowie Großverbünde ausgerichtet

ist. Für die staatlichen Projektträger hat das den Vorteil,

dass dabei Aufgaben auf die Verbundpartner abgewälzt

werden können. Bei Betrachtung eines Förderrahmens von

beispielsweise 100 Millionen Euro ist es einfacher, zehn Großverbünde

zu dokumentieren als 100 Kleinverbünde.

Gibt es weitere Kritikpunkte?

Spitzmüller: Ja. Meiner Ansicht nach sind auch die Vorlaufzeiten

bei der Projektanbahnung und der Verwaltungsaufwand

für alle Beteiligten viel zu hoch. Außerdem entstehen

insgesamt zu wenige erfolgreiche Produkte, Verfahren oder

Dienstleistungen. Das belegen wissenschaftliche Erhebungen.

Auch das Ziel, den Mittelstand zu fördern, wird oft nicht erreicht:

Denn die Beteiligung echter mittelständischer Firmen

mit bis zu 250 Mitarbeitern liegt unter drei Prozent.

Was müsste geändert werden?

Spitzmüller: Als Erstes müsste die Ausrichtung der Programme

überarbeitet werden. Ich bin überzeugt, dass eine

regionalspezifi sche Technologieförderung höhere Umsetzungserfolge

garantieren würde. Vereinfacht gesagt: Sizilien,

Nordspanien oder Baden-Württemberg benötigen unterschiedliche

Förderinstrumente. Notwendig ist außerdem eine

stärkere Ausrichtung auf den Mittelstand. Denn nach meinen

Erfahrungen bringen Fördersummen von 0,2 bis 0,5 Millionen

Euro sehr oft bessere Ergebnisse als Großverbünde.

Was müsste bei den Antragsverfahren geändert werden?

Spitzmüller: Die derzeitigen zweistufi gen Verfahren führen

zu Bewilligungszeiträumen von bis zu zwei Jahren. Das ist zu

lange angesichts der Innovationsgeschwindigkeit im globalen

Wettbewerb. Ich plädiere daher für ein einstufi ges Verfahren,

bei dem in vier bis acht Wochen über eine Startförderung entschieden

wird. Danach sollte ein praxisorientiertes Projektmonitoring

die weitere Bewertung übernehmen. Nach einem

Jahr Projektlaufzeit sind die Ergebnisse zu prüfen und über

die weiteren zwei Drittel der Fördersumme innerhalb von vier

Wochen zu entscheiden.

Welche Vorteile hätten die Änderungen für die Haushalte?

Spitzmüller: Gerade mit Blick auf die Lage der öffentlichen

Haushalte ließen sich 30 Prozent des Fördervolumens einsparen

– bei vergleichbaren Umsetzungserfolgen. Und über

eine schnellere Einführung neuer Produkte, Verfahren und

Dienstleistungen und die daraus erzielbaren Steuereinnahmen

könnten sich die Transferzahlungen schon nach zwei

Jahren amortisieren.

20 ProFirma 05 2011

Foto: Spitmüller AG


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CO 2-Emission kombiniert 174–119 g/km (gemäß 1999/100/EG).


Unternehmensführung – Titelthema

Werben mit kleinem Budget

Hauptsache gesprächsbereit

Auch kleine Unternehmen wollen wirkungsvoll auf sich und ihre Angebote aufmerksam

machen. Häufi g jedoch fehlt das Geld für große Werbeaktionen. Aus diesem Dilemma

helfen Kreativität, klare Kontur – und jetzt auch soziale Netzwerke. VON BIJAN PEYMANI

22 ProFirma 05 2011

ProFirma

Titelthema


Foto: privat

Als einzelner Hotelbetrieb profi tieren wir

von unserem Internet-Auftritt überproportional.“

MARCUS VAN RIESEN, HOTELIER, HAMBURG

Es war ein abenteuerliches Unterfangen, die Aussicht auf Erfolg

nach Lehrbuchmeinung sehr überschaubar: Als sich Saskia

Streich und Thorsten Brachmann Ende 2006 entschlossen,

ein Restaurant im Hamburger Stadtteil St. Pauli zu eröffnen,

hatten sie keine Branchenerfahrung, wenig Ahnung von Werbung

und dazu noch einen Standort gewählt, an dem zuvor

bereits ein gestandener Gastronom gescheitert war. Doch ihr

Konzept – europäische Hausmannskost mit schwäbischem

Akzent – war etwas Neues und Besonderes für den Kiez. Heute

ist ihr Laden „Kult“.

„Brachmanns Galeron“ steht beispielhaft dafür, wie man auch

und gerade als Existenzgründer trotz geringem Werbebudget

mit klarer Kontur, viel Kreativität und konsequentem Kontakten

reüssieren kann. Von Beginn an spielten Brachmann, ein

Koch mit abgebrochener Lehre, und Streich, ausgebildete Kosmetikerin,

im Wortsinne die Schwaben-Karte (Einladungstext

zur Eröffnung: „An die Theke, Spätzle, Soß“). 5.000 Flyer –

Druckkosten 240 Euro –, Propaganda für das Restaurant bei

Freunden und Bekannten: Mehr hatten die beiden nicht im

Startgepäck.

„Trotzdem bekamen wir gleich am Anfang gute Presse, obwohl

wir keine aktive PR betrieben hatten“, wundert sich

Streich noch heute. Neben dem Neuigkeitseffekt war der Erfolg

offenbar insbesondere ihrem guten Netzwerken geschuldet:

Schnell gaben sich im „Galeron“ Musiker, Schauspieler

und Künstler die Klinke in die Hand. Ein Quartiermagazin, die

„Hamburger Morgenpost“ und das „Hamburger Abendblatt“

berichteten über das Restaurant, ein Jahr später dann sogar

die „Welt am Sonntag“ – „gerade dieser Artikel brachte uns

große Resonanz“, betont Streich.

Internet und Community

Ein eigenständiges Konzept, eine originelle Aktion – mit ein

wenig Glück schaffe es auch ein Kleinunternehmer in Reichweitenmedien,

ohne dafür zu zahlen, bestätigt Werbeprofi

Stefan Kolle (siehe Interview Seite 26). Folgt man den Argumenten

des Co-Geschäftsführers der Hamburger Agentur

Kolle und Rebbe, haben Brachmann und Streich in puncto

Außenwahrnehmung vieles richtig gemacht. So haben sie

etwa für einen professionellen Internet-Auftritt gesorgt und

auf aktives Social-Community-Engagement gesetzt. Die Facebook-Seite

ihres Lokals hat inzwischen mehr als 600 Fans.

ProFirma 05 2011

WIE SIE SICH AUCH

MIT K(L)EINEM BUDGET IN SZENE SETZEN

SELEKTIEREN

Nicht alle Medien und alle Kanäle kommen infrage, um das

eigene Angebot zu bewerben. Abgesehen vom Preis sollten

die Streuverluste beachtet werden. Statt in regionalen Tageszeitungen

zu inserieren, ist es ratsamer, eine Anzeige im

örtlichen Wochenblatt zu buchen. Schaltungen in Adressverzeichnissen

– verstärkt auch online angeboten – bringen in der

Regel nichts. Das gilt auch für Werbung in Hausbriefkästen:

Der überwiegende Teil landet ungelesen im Müll oder aktiviert

erst mit erheblicher Zeitverzögerung. Je nach Branche

funktionieren auch Stadt- und Szenemagazine gut. Parallel

dazu sollten Funkspots eingeplant werden.

NETZWERKEN

Vernetzen Sie sich mit anderen Menschen – persönlich und

virtuell. Infrage kommen Unternehmer, Geschäftspartner und

Institutionen vom regionalen Marketingclub (Details: Deutscher

Marketing-Verband, Düsseldorf) bis zur örtlichen IHK

sowie (potenzielle) Kunden. Neben der Teilnahme an Informationsveranstaltungen

empfi ehlt sich die Einrichtung von

Online-Nutzerprofi len auf Xing und LinkedIn. Die Grundfunktionen

sind gratis und reichen in aller Regel aus. Auch über

eine eigene Facebook-Seite, ebenfalls kostenlos, sollten Einzelunternehmer

nachdenken. Für alle Accounts gilt: Halten Sie

die Inhalte aktuell, das jedoch erfordert Zeit und Disziplin.

DELEGIEREN

Lassen Sie Ihre Kunden für sich online werben. Waren diese

mit Ihrer Leistung zufrieden, bitten Sie sie, positive Kommentare

in entsprechenden Communities zu schreiben – etwa

auf Empfehlungsplattformen wie Qype (alle Branchen, sehr

starker lokaler Bezug) oder branchenbezogenen Bewertungsportalen

wie Tripadvisor (für die Hotellerie). Belohnen Sie

dieses Engagement Ihrer Kunden, etwa mit Rabatten. Der

Vorteil dieser virtuellen Mundpropaganda liegt darin, dass

ein solcher Kommentar gegenüber offl ine ausgesprochenen

Empfehlungen ein Vielfaches an Interessenten erreicht.

23


Unternehmensführung – Titelthema

Leben ist auch deshalb auf der Seite, weil die beiden Gastronomen

ihren Facebook-Account gewissenhaft pfl egen; Party-Termine

für den separat buchbaren Kellerraum, spezielle

Menüs, eine geänderte Rufnummer fürs Restaurant – Brachmann

und Streich halten die Facebook-Gemeinde auf dem

Laufenden. Die goutiert das mit positiven Kommentaren und

Empfehlungen. Auch offl ine wirbt das „Galeron“, etwa per Inserat

in einem Hamburg-Stadtführer oder in Kooperation mit

einem Gutscheinheft. „Ganz schwer reingefallen bin ich aber

mit Branchenbüchern und Adressverzeichnissen“, gibt Saskia

Streich zu.

Das seien zum Teil Trickbetrüger, sagt die resolute Geschäftsfrau

und ärgert sich über jeden neuen Werbeanruf. Damit

steht sie nicht allein. Auch Ira Reichstein hat in puncto Werbung

anfangs manches Lehrgeld zahlen müssen. „Im ersten

halben Jahr habe ich mich ganz schön bequatschen lassen“,

bekennt die Betreiberin eines Sonnen-, Nagel- und Kosmetikstudios

in unmittelbarer Nachbarschaft des „Galeron“ – damals,

im Jahr 2002, in dieser Kombination neu für die Hansestadt.

Sie schwört inzwischen auf den unmittelbaren Kontakt

mit potenziellen Kunden.

So sei sie in der Startphase über den „Dom“ gelaufen – dieses

Volksfest ist eine Hamburger Institution – und habe den Besuchern

ebenso wie den Schaustellern ihre kopierten Werbezettel

in die Hand gedrückt. Parallel dazu setzte Reichstein auf die

Zusammenarbeit mit Einzelhändlern im Umfeld. Unter anderem

gestattete ihr eine Filiale des Drogisten Budnikowsky,

Bücher zum Thema

Werbung mit kleinem Budget

Egal, ob Existenzgründer oder etabliertes Unternehmen:

Bezahlbare und erfolgreiche Werbung braucht jeder. In der

Praxis aber fehlt es häufi g an Budget und zündenden Ideen.

Was ist das richtige Werbemittel für die gesteckten Ziele?

Welche Medien kommen infrage? Was kann, was muss der

Unternehmer selbst machen, wann braucht er Expertenhilfe?

In auch für Werbelaien verständlicher Sprache zeigt

dieser Ratgeber, wie man effi zient

und effektiv wirbt. Der Autor

gibt praxisnahe Tipps und Handlungsanleitungen,

stiftet zu neuen,

unkonventionellen Ideen an,

die nicht die Welt kosten, jedoch

maximale Wirkung zeigen.

Bernd Röthlingshöfer,

Werbung mit kleinem Budget

Deutscher Taschenbuch Verlag,

München; 2008, 9,90 Euro, 256 Seiten,

ISBN 978-3-423-50876-6

Flyer für ihre „Beautyworld“ in jede Kundentüte zu stecken.

In einem kleinen Café und bei Edeka ein paar Hundert Meter

weiter durfte Reichstein ihre Werbung immerhin prominent

auslegen.

„Am Ende ist und bleibt aber meine Schaufensterfront das

wichtigste Medium“, betont die gelernte Einzelhandelskauffrau.

Sie nutzt die Scheiben vorrangig für Preiskommunikation

und betreibt darüber hinaus nach eigenem Bekunden „seit

etwa einem Jahr keine aktive Werbung mehr“. Handzettel für

ein paar Hundert Euro, das ist alles, was Reichstein regelmäßig

verteilt. Sie kann es sich leisten, lebt „nach zwei Jahren Anlaufzeit“

heute von der Mundpropaganda. Dazu tragen – neben

der Homepage – auch ihre eigenen Facebook-Aktivitäten bei.

Es braucht Multiplikatoren

„Natürlich darf man nicht mit 10.000 Fans rechnen“, relativiert

Felix Maria Arnet, Chef der Werbeschmiede Ahoi in Wiesbaden,

„aber die Multiplikatoren sind wichtig, und es gibt gute

Rückverlinkungen auf die eigene Web-Präsenz.“ Allerdings

mahnt Petra Hermann, Mitbegründerin der Kölner Agentur

KGGK: „Social Media ist nicht kostenlos; wenn’s gut funktionieren

soll, kostet dieser Kanal viel Zeit.“ Eine ungepfl egte

Xing-Seite beispielsweise bringe nichts, ein Facebook-Account

ohne Bewegung ebenso wenig, „und wer weder etwas

zu twittern noch Spaß damit hat, sollte es einfach selbstbewusst

sein lassen“.

Viral Marketing

Der Autor, Experte für Internet-Marketing, erläutert ebenso

anschaulich wie kompetent, was virales Marketing ausmacht,

wie man eine virale Kampagne professionell plant

respektive umsetzt und worauf man bei der Erfolgskontrolle

achten sollte. Die Lesetipps ermöglichen es, das Buch in

die betriebliche Alltagspraxis zu integrieren. In der 3. Aufl age

des Standardwerks zur Mundpropaganda wurden bestehende

Fallbeispiele aus Deutschland,

Großbritannien und den

USA um spannende Best Cases

unter anderem von Burger King

und Wrigley ergänzt.

Sascha Langner,

Viral Marketing

Gabler Verlag, Wiesbaden; 2009

39,90 Euro, 256 Seiten,

ISBN 978-3-8349-1490-3

24 ProFirma 05 2011

Foto: Bijan Peymani, Miquel Martinez


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Saskia Streich und Thorsten Brachmann eröffneten ohne große Branchenerfahrung

in St. Pauli ein Restaurant mit schwäbischer Küche. Das Wagnis hat sich gelohnt.

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Unternehmensführung – Titelthema

INTERVIEW

„Minimum ist eine Online-Präsenz“

Stefan Kolle, Kreativgeschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg, über

„Versuch und Irrtum“ in der mittelständischen Werbung, die Macht sozialer Online-Netzwerke

und das süße Gift der Preiskommunikation. DAS GESPRÄCH FÜHRTE BIJAN PEYMANI

Herr Kolle, kleine Unternehmen haben

meist kein großes Budget für Werbung,

müssen aber auf sich und ihre Angebote

aufmerksam machen. Wie lässt sich

dieses Dilemma aufl ösen?

Kolle: Pauschal gesagt, durch gute

Ideen. Die Zeiten dafür sind besser denn

je, wir verfügen heute über Medien, die

nur geringe oder gar keine Schaltkosten

verlangen. Nehmen Sie den gesamten

Social-Media-Bereich mit Plattformen

wie Facebook und Twitter. Sie ermöglichen

es Start-ups und etablierten Unternehmen

gleichermaßen, wesentlich

kostengünstiger auf sich aufmerksam zu

machen, als das noch vor vielleicht zehn

Jahren der Fall war. Und früher gab es

die Gelben Seiten, heute gibt es Google.

Dort können ein Schlosser, ein Schreiner

oder ein Schuster für sehr kleines Geld

Online-Anzeigen schalten, sogenannte

Google Ad-Words – deutlich preiswerter

übrigens als Einträge im damaligen

Branchenbuch.

Mal abgesehen davon, dass das Wissen

darum vielfach nicht stark ausgeprägt

ist, mag das für Spezialdienstleistungen

gelten. Was aber machen der Metzger

oder der Bäcker um die Ecke?

Kolle: Sie haben recht, hier erscheint

es eher unwahrscheinlich, dass Menschen

bei Google suchen. Einkäufe des

täglichen Bedarfs werden eher fußläufi g

oder mit dem Auto in einem Radius von

fünf bis zehn Kilometern erledigt. Nach

meiner Beobachtung gehen Firmen aus

diesen Segmenten vor allem nach dem

Schema „Versuch und Irrtum“ vor – mit

bemerkenswertem Geschick. Da ist

etwa der Bäcker mit vier Filialen, der

ein neues Brot auf den Markt bringen

wollte. Das nannte er „Hans“ und ließ

eigens hierfür ein Brotkostüm nähen. Darin

ist ein Mensch dann durch die Stadt gelaufen

und hat Handzettel verteilt, eine Aktion

im Kostenrahmen irgendwo zwischen 500

und 1.000 Euro, würde ich schätzen. Andere,

die das sehen – hier schließt sich der

Kreis zur Online-Welt –, machen vielleicht

Fotos oder drehen Filmchen und stellen

diese ins Netz. Mit viel Glück berichtet auch

noch eine Lokalzeitung über die Aktion.

Welche Medien, welche Kommunikationskanäle

kommen denn für kleine, regional

tätige Unternehmen grundsätzlich infrage

– und welche scheiden aus?

Kolle: Ein TV-Spot erscheint mir aufgrund

der enormen Streuverluste sinnlos. Auch

die Schaltung einer Anzeige in der Tageszeitung

sollte gut überlegt sein. Wer sein

Geschäft in Hamburg-Harburg betreibt,

dürfte mit einer Annonce im „Hamburger

Abendblatt“ eher schlecht beraten sein.

Das lesen zu viele, die praktisch nie nach

Harburg kommen. Interessant sind aber

die Wochenblätter, die in ihren Mikroregionen

starke Beachtung fi nden – mehr als

Beilagen und Postwurfsendungen, die in

den allermeisten Haushalten direkt in den

Müll fl iegen. Statt der reinen Präsenzanzeige

sollte der Auftritt in einem solchen Blatt

aber mit einem Angebot verbunden werden,

das nachprüfbar besonders ist und

dazu motiviert, in den Laden zu kommen.

Um Ihre Ausgangsfrage zu beantworten:

Generell scheiden alle kostenintensiven

Medien aus. Mit einer sehr originellen Idee

können es aber auch der einzelne Bäcker

und die Friseurin um die Ecke in solche Medien

schaffen, ohne dafür zu zahlen.

Kommen wir noch einmal auf Online zu

sprechen: Muss sich der Kleinunternehmer

wirklich auch noch in den sozialen

Netzwerken engagieren? Reicht eine gute

Internet-Seite nicht aus?

Kolle: Im Grunde braucht es keinen Twitter-Account

und keine Facebook-Seite, obwohl

ich Letztere empfehlen würde. Dort

tummeln sich immerhin rund 500 Millionen

Menschen, unter ihnen wahrscheinlich

auch 500 im unmittelbaren Umfeld des eigenen

Geschäfts. Tatsächlich halte ich es für

das Minimum, eine eigene Online-Präsenz

zu errichten – und wenn es nur eine einzige

Seite ist, die sagt: Wir sind der freundliche

Friseur, Ihr Spezialist für gefärbte

Haare. Wie gesagt, in vielen Fällen suchen

potenzielle Kunden über Google, und was

sie dort nicht fi nden, existiert für sie nicht.

Und dann gibt’s im Web ja auch noch Emp-

„Viele potenzielle Kunden suchen bei Google.

Was sie dort nicht fi nden, existiert für sie nicht.“

fehlungsplattformen, die man für sich nutzen

kann. Bleiben wir beim Friseurbeispiel:

Bitten Sie Ihren Kunden, auf Plattformen

wie Qype zu schreiben, wenn er mit Ihrer

Dienstleistung sehr zufrieden war – dafür

bekommt er beim nächsten Mal Rabatt

oder einen Schnitt umsonst. Früher nannte

man das Mundpropaganda, da hat es

einer seinen drei Freunden weitererzählt.

Online kann er das heute theoretisch einer

Gruppe von 500 Leuten sagen. Lassen Sie

andere für sich werben, das kostet nichts

26 ProFirma 05 2011


und ist am glaubwürdigsten. Diesen Mechanismus

muss man nur mal begreifen.

Am Ende bleibt für viele Unternehmer aber

doch der Preis die größte Versuchung – das

zieht die Menschen am schnellsten ins Geschäft


Kolle: Der Preis ist tatsächlich ein probates

Mittel, um Kundschaft anzulocken, und

zugleich ein ruinöses. Wie eine Droge, die

einen – wenn man einmal damit anfängt

– am Ende zerstört. Sie gehen mit Ihrem

Preis runter, dann kommen erst mal ganz

viele Menschen zu Ihnen. Nach einer Weile

nutzt sich das ab, also gehen Sie weiter mit

dem Preis runter, und immer weiter – und

irgendwann sind Sie insolvent. Es spricht

im Prinzip nichts gegen gezielte Preisaktionen,

aber diese sollten stets limitiert bleiben.

Ich plädiere vor allem für Kreativität.

Wer mit seinem Geschäft dauerhaft Geld

verdienen will, wählt damit vermutlich die

bessere Methode. Der Preis senkt die eigenen

Margen, Kreativität hebt sie eher.

ProFirma 05 2011

Schon aufgrund des eigenen Geschäftsmodells ist Oliver

Wulf online ausgesprochen aktiv. Der Geschäftsführer des

Reisebüros Urlaubsexperte.de in Düsseldorf betreibt parallel

auch mehrere Websites im Kreuzfahrtsegment. Auf Facebook

hat Wulf nach eigenen Angaben „binnen acht Monaten 5.000

Fans gewonnen, mit denen wir täglich kommunizieren“. Eine

Erfahrung nach dem Start war hier, dass sich der Kanal nicht

für Werbung eignet. „Die User erwarten vielmehr Informationen,

die sie für sich als Mehrwert verstehen“, erklärt Wulf.

„Der Online-Kanal ist für uns im Moment entscheidend“,

sagt der Unternehmer, „aber wir beschäftigen uns auch mit

Print, besuchen Messen und buchen Sonderwerbeformen.“

Eine erfolgreiche, gemeinsam mit einer Kreuzfahrt-Reederei

durchgeführte Aktion aus jüngerer Vergangenheit war die

Präsenz auf 600.000 ICE-Fahrplänen zu Jahresbeginn. Zu den

Kosten äußert sich Wulf nicht,

aber „innerhalb kürzester Zeit

haben wir den Return of Investment

erreicht“ – ermittelt

mithilfe eines auf der Fahrplananzeige

eingedruckten

Gutschein-Codes.

Für den Hamburger Hotelier

Marcus van Riesen sind das

Haus und die eigenen Mitarbeiter

die optimalen Werbeträger:

„Unsere fi nanziellen

Ressourcen fl ießen maximal in das Produkt, wir leben von der

Mundpropaganda.“ Mit der Übernahme des väterlichen Hotels

„St. Annen“ im Jahr 1992 verschob van Riesen den Fokus

von Gruppenreisenden und Bustouristen auf Geschäfts- und

Einzelreisende – „weil sowohl die Hotelinfrastruktur als auch

das Dienstleistungsangebot schon immer besser auf den einzelnen

Gast zugeschnitten waren als auf eine Dienstleistung

für größere Gruppen“. Wichtigste Werbeinvestition war in

der Folge der Aufbau einer eigenen Website.

Website auf dem neuesten Stand

LINK-TIPPS

> www.xing.com

> de.linkedin.com

> www.qype.com

> de-de.facebook.com

> www.marketingverband.de

Derzeit renoviert van Riesen das 36-Zimmer-Haus, und mit

Abschluss der Arbeiten im Juni soll auch die Homepage aktualisiert

werden. Das lässt sich der Unternehmer inklusive

Fotograf rund 15.000 Euro kosten. Für van Riesen ist es gut

investiertes Geld: „Das Internet bietet für uns eine unfassbare

Chance gegenüber den großen Ketten: Es macht alle gleich,

alle haben nur einen Platz, und alle sind weltweit auffi ndbar.

Als Einzelbetrieb profi tieren wir überproportional!“ Deshalb

plant van Riesen als nächsten Schritt Suchmaschinenmarketing

und -optimierung.

An Facebook, Twitter & Co. hat sich der Hotelier bisher nicht

gewagt. Doch Kontakte zum Umfeld zu knüpfen und zu pfl egen,

ist ihm besonders wichtig. Das macht er lieber persönlich

– etwa in Form einer Werbepartnerschaft mit dem FC St.

Pauli, die bis zum Aufstieg des Vereins in die 1. Liga in Form

von drei bezahlten Sitzplätzen bestand. „Der Erfolg für das

27


Unternehmensführung – Titelthema

Oliver Wulf betreibt neben einem eigenen Reisebüro in Düsseldorf (rechts) auch mehrere Kreuzfahrt-Webseiten. Er hat 5.000 Fans auf Facebook.

MEDIUM: TAGESZEITUNG, MAGAZIN

Kosten: Abhängig von Reichweite und

Qualität eines Titels, online sind jeweils

aktuelle Mediadaten abrufbar; für die

halbe Seite in einer Tageszeitung muss

mit 10.000 Euro aufwärts kalkuliert

werden, beim Magazin liegt der Anzeigenpreis

mindestens im vierstelligen

Bereich.

Bewertung: Ist grundsätzlich nur dann

sinnvoll, wenn regelmäßig ein adäquater

Etat zur Verfügung steht; für Kleinunternehmer

– vor allem solchen mit

nur einem Firmenstandort – aber wenig

geeignet (Stadt-/Szenemagazine ausgenommen),

da mit zu großen Streuverlusten

verbunden.

Quelle: Agentur-/Unternehmensangaben,

eigene Recherche

Mit diesen Kosten müssen Sie rechnen

MEDIUM: RADIO

Kosten: Abhängig von Senderreichweite,

Tag und Sendezeit; der Preis pro ausgestrahlter

Sekunde liegt zwischen gut fünf

und über 60 Euro, im Einzelfall auch deutlich

höher; für eine gute Kampagne, die

genug Frequenzen erreicht, sind im Schnitt

rund 20.000 Euro zu kalkulieren.

Bewertung: Als Werbeträger zu empfehlen,

weil Spots regional aussteuerbar sind;

Kleinunternehmer sollten aber darauf

verzichten, zur besten Sendezeit oder mit

exklusiver Platzierung zu werben; die Sender

helfen bei der Spotkonzeption, viele

übernehmen zudem die Herstellungskosten.

MEDIUM: AUSSENWERBUNG

Kosten: Variieren je nach Ortsgröße,

Werbeträger und Qualität; so kostet eine

beleuchtete Großfl äche in Kerpen pro

Tag im Schnitt knapp zehn Euro, in Bonn

um die zwölf Euro, in Hamburg 17 Euro,

zzgl. Gestaltungskosten/Agentur sowie

Druckkosten/Plakat von mindestens 40

Euro.

Bewertung: Eignet sich für Kleinunternehmer

– wenn überhaupt – nur im Falle

mehrerer Geschäfte, die Plakatstandorte

müssen in der Regel für mindestens

zehn Tage gebucht werden; Vorteil: Im

Preis sind Ersatzmengen für beschädigte

Plakate einkalkuliert.

28 ProFirma 05 2011

Fotos: privat


Studie zur digitalen Vermarktung

„Enormer Nachholbedarf“

Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) in Deutschland

sind noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Zu

diesem Ergebnis kommt die Studie „Mittelstand und Werbung“

im Auftrag des Multichannel-Anbieters Telegate in

München. Demnach investieren die KMU ihr Kommunikationsbudget

zu 75 Prozent in klassische Medien, während die

Verbraucher heute mehrheitlich im Internet nach lokalen Informationen

zu regional ansässigen Firmen suchen.

Mehrheitlich geben deutsche KMU pro Jahr zwischen 1.000

und 5.000 Euro für Werbung und Marketing aus. Beliebtestes

Medium sind der Studie zufolge die gedruckten Branchenbücher

(48 Prozent), gefolgt von regionalen Tageszeitungen

(40 Prozent). Unter den digitalen Werbemedien fi nden sich

nur die Online-Branchenverzeichnisse im vorderen Feld (37

Prozent). Suchmaschinenmarketing betreibt nur knapp ein

Viertel der befragten Betriebe.

Überschaubar ist auch das professionelle Engagement der

KMU in den Social Communities: In einem solchen Netzwerk

registriert sind nur ein Viertel der befragten Betriebe – und

diese nutzen die Portale zu 70 Prozent aus privater Motivation.

Gerade sieben Prozent setzen der Telegate-Studie zufolge

populäre Plattformen wie Facebook, Xing oder Twitter aktiv

als Vermarktungsinstrument für ihr Geschäft ein. Besonders

beliebt ist bei ihnen dabei Xing.

Enormer Nachholbedarf besteht selbst bei den Online-Basics:

Knapp die Hälfte der befragten KMU hat keine eigene

Internet-Präsenz. Die Gründe liegen in mangelnder Zeit und

fehlendem Know-how, aber auch in intransparenten Kostenstrukturen

der Anbieter: Fast 30 Prozent der befragten Firmenchefs

wissen nicht, wie viel die Erstellung ihrer Website

gekostet hat. Und vier von zehn Befragten geben an, keinen

Etat für die Pfl ege ihrer Online-Präsenz einzuplanen.

Für die Telegate-Studie hatte die Marktforschung Psyma

Research & Consulting mehrere Hundert kleine und mittelständische

Unternehmen der Branchen Handwerk, Fachärzte,

Immobilien- und Versicherungsmakler, Gastronomie und Hotellerie

im Zeitraum August bis September 2010 zu ihrem

Werbeverhalten befragt.

ProFirma 05 2011

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Optimierung Ihres Web-Auftritts.

Hotel war nicht wirklich messbar, aber das war mir bewusst“,

so van Riesen, „es ging mir um die Bindung zum Stadtteil.“

Verankerung und gute Nachbarschaft seien unverzichtbar.

Umgekehrt zeigte van Riesen „immer große Skepsis gegenüber

fl ächendeckender, eher undifferenzierter Printwerbung

– man entwickelt mit der Zeit ein sehr sicheres Gespür dafür,

wo es sinnvoll ist zu schalten und wo nicht“. Entsprechend

limitierten ihn weniger fi nanzielle Gründe, „ein großes

Werberad zu drehen“ – immerhin investiert van Riesen im

Schnitt rund 12.000 Euro pro Jahr ins Eigenmarketing –,

„sondern weil wir überzeugt sind, mit manchen Engagements

keinen angemessenen Effekt für unser Hotel erzielen zu

können“.

Laut Expertin Hermann verfolgt der Hotelier damit eine kluge

Strategie: „Entscheidend ist, dass der Unternehmer einen –

und eben nicht jeden Tag einen neuen – Weg fi ndet, der für

seine Idee, sein Geschäft richtig erscheint.“ Prinzipiell schließt

Hermann keinen Kommunikationskanal und kein Medium

aus, aber der rote Faden müsse stimmen und erkennbar sein.

Eine feine Modeboutique außerhalb der Stadt erreiche ihre

Kunden besser in der regionalen Tageszeitung, das Fitness-

Studio direkt neben einem großen Supermarkt bewege mehr

mit Aktionen im unmittelbaren Umfeld.

Anzeigen weiterhin erfolgreich

Abstrahiert man von einzelnen Betrieben und Branchen, fahren

Unternehmen nach Analyse von Agenturchef Arnet vor

allem mit Anzeigen in regionalen Wochentiteln, aber auch

mit Annoncen in Stadt- und Szenemagazinen gut. Radio-

und Außenwerbung sollten nicht nur aus Kostengründen gut

überlegt sein (siehe auch Kasten Seite 28). Für Filialisten können

sie sinnvoll sein, für den Einzelbetrieb eher nicht – vor

allem, wenn dessen Trumpf erst im Produkterlebnis vor Ort

sticht. Beautyworld-Chefi n Reichstein etwa hatte auf 900 Euro

teure Funkspots „null Resonanz“.

Während Arnet auch Schaltungen in regionalen TV-Sendern

für möglich hält – 30-Sekünder sind hier in der Regel von unter

500 Euro bis an die 9.000 Euro buchbar –, rät er von Reklame

im Kino dringend ab: „Wir haben die Erfahrung gemacht,

dass regional oder lokal agierende Betriebe im Kino weniger

ernst genommen werden. Die Werbetreibenden werden sogar

belächelt, was sehr unangenehm für die Unternehmen werden

kann. Außerdem ist ein guter Spot sehr teuer.“ Schließlich

entstünden Kinospots heute nicht mehr aus Kleinbild-Dias.

Am Ende gilt für Kleinunternehmer vor allem eines: Der

direkte, permanente Dialog mit ihren Zielgruppen. Kommunikation

ist für sie Kontaktsport. Wer dafür unbedingt

professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will, muss für eine

durchdeklinierte Direktmailing-Aktion mit 1.500 Adressen

mindestens 6.000 Euro ansetzen. Darin enthalten sind Mailing,

Porto, Druck und Agenturhonorar. In der Regel aber

geht es ohne Profi s. Der Kundenbrief, die Karte zum Geburtstag

oder das Einladungsschreiben zu einem Event sind ja kein

Hexenwerk.

29


Unternehmensführung – Strategie

Krisenbewältigung

Biegen statt Brechen

Je kleiner das Unternehmen, umso enger ist sein Schicksal mit dem Chef

verbunden. Dessen Krisenfestigkeit entscheidet über die Zukunft des Betriebs. Die gute

Nachricht: Guter Umgang mit Rückschlägen lässt sich erlernen. VON DR. ULRIKE FELGER

Licht am Ende des Tunnels: Krisenbewältigung

gehört zum Unternehmer-Alltag.

Insolvenz, Auftragseinbruch oder

Schicksalsschlag – vieles kann einen Firmenchef

zum Straucheln bringen. Doch

längst nicht nur Katastrophenereignisse

lassen Unternehmer verzweifeln und

nehmen ihnen die Lust am Unternehmer-Sein

– auch Dauerbelastung und

die vielen Ärgernisse des Alltags zehren

die seelische Widerstandskraft von Mittelständlern

auf.

Dass existenzielle Krisen aber auch stärken

können, weiß Angelika Mersinger,

Bauunternehmerin aus Ludwigshafen.

Vor sechs Jahren meldete ihr Mann mit

dem väterlichen Betrieb Insolvenz an.

Ein Jahr später fi el mit einer handverlesenen

Truppe hoch motivierter und engagierter

Mitarbeiter der Startschuss für

den Neuanfang. Heute hat ihre Firma

wieder zehn Mitarbeiter. „Wir wussten,

dass wir gut waren, die nötigen Qualitäten

haben, aber die wirtschaftliche

Ausgangsposition war einfach zu

schlecht“, erinnert sich Kauffrau Mersinger.

In der Niederlage war es für sie

und ihren Mann maßgeblich, dass die

Ursache des Scheiterns nicht bei ihnen

selbst, sondern in den Bedingungen für

das ererbte Unternehmen selbst lag.

„Der Gedanke ‚jetzt erst recht’ war für

uns eine wichtige Motivationsquelle“,

sagt Mersinger.

Unterstützung fand sie bei treuen Kunden,

die Aufträge zurückhielten, bis das

Unternehmerpaar wieder einsatzfähig

war. Das soziale Umfeld der Familie

wandte sich nach der Insolvenz eher ab

– eine Erfahrung, die die Unternehmerin

schmerzlich verarbeiten musste. Was

blieb, war die Familie: „Als ich dachte, es

geht nicht mehr weiter, hat mich mein

halbwüchsiger Sohn erinnert, dass es

ein Licht am Ende des Tunnels gibt“,

erinnert sich die Bauunternehmerin

an den vielleicht emotionalsten Moment

der Insolvenz. Seit dem Jahr 2007

plant das Unternehmerpaar mit dem

Helfrecht-System und schöpft aus konkreten

Plänen sowie festen Terminen

Schwung für neue Projekte. „Hätten wir

es früher gekannt, wäre es uns anders

ergangen“, ist Mersinger überzeugt.

Auf Krisen schlecht

vorbereitet

„Krisen können völlig unerwartet

über uns hereinbrechen“, warnt Julia

Scharnhorst, Diplompsychologin und

Inhaberin von Health Professional Plus

in Wedel. Regelmäßig sollten sich Unternehmer

deshalb die Frage stellen:

„Was mache ich dann?“ Genau an diesem

Punkt bemängelt Scharnhorst im

Mittelstand gravierende Defi zite: „Manche

Betriebe pfl egen eine regelrechte

Behördenmentalität, das ist Gift für die

privat

Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit

gegen Belastungen und Krisen“, so ihr

Urteil. Nur wer sich seine Lernfähigkeit

und Neugierde bewahre, aufmerksam

bierchen/shutterstock,

beobachte, was um ihn herum pas- Foto:

30 ProFirma 05 2011


ProFirma 05 2011

INTERVIEW

„Die Fehlererkenntnis im Mittelstand geht gegen null“

Die Erbengeneration trägt eine schwere Bürde. Nicht jeder Nachfolger ist aus vollem Herzen

Unternehmer, sagt Bernd Tovar, KMU-Berater aus dem westfälischen Walstedde.

Herr Tovar, Sie beraten Betriebe in

schwierigen Situationen. Woran zeigt

sich, dass Unternehmer „die Lust verlieren“?

Tovar: Die Interessenschwerpunkte verschieben

sich ins Private. Freizeit, Vereine,

Politik – alles ist wichtiger als die

eigene Firma. Man könnte auch sagen,

das Unternehmen „verlottert“. Wer

Freude an seiner Tätigkeit hat, will nicht

im Chaos leben. Dann sind Fahrzeuge

sauber, es herrscht Ordnung, wo etwas

kaputt ist, wird für Ersatz gesorgt. Man

kann nicht im Betrieb nach dem Rechten

sehen und gleichzeitig Golfen. Und

eines darf man nicht vergessen: Wenn

die Katze aus dem Haus ist, tanzen die

Mäuse auf dem Tisch – wenn der Chef

keine Lust mehr hat, lassen sich auch die

Mitarbeiter hängen.

Frustrationstoleranz und Selbstmotivation

– gehört das nicht zur Grundausstattung

eines erfolgreichen Mittelständlers?

Tovar: Sicher, idealtypisch gehört eine

gute Widerstandsfähigkeit zum Profi l,

ebenso wie eine regelmäßige Refl exion

des eigenen Handelns. Aber seien wir

ehrlich: Wer macht das schon? Wer zieht

sich regelmäßig zurück und überdenkt,

was er so macht? Das setzt voraus, dass

man strukturiert vorgeht. Meine Erfahrung

als Berater sagt mir, dass die Realität

völlig anders aussieht: Wir kommen

zwei vor zwölf in ein Unternehmen und

sehen, dass in allen Bereichen Chaos

herrscht – dass wir überall gleichzeitig

sein müssten. Vor uns sitzt ein frustrierter,

abgekämpfter Unternehmer, der versucht,

zu retten, was es zu retten gibt.

Wie erklären Sie sich diese Beobachtung?

DAS GESPRÄCH FÜHRTE DR. ULRIKE FELGER

„Nur wenn der Chef

seine Führungsrolle

beherzt annimmt, kann

er sein Unternehmen

vernünftig steuern.“

Tovar: Der typische Mittelständler ist in der

Regel Sklave seiner Bank, der von morgens

bis abends am Rad dreht, weil das

Finanzhaus ihm sonst den Saft abdreht.

Gerade kleinere Unternehmer, die unter

acht Prozent Eigenkapital haben, sind häufi

g in diesem Hamsterrad gefangen. Deren

Motivation resultiert nicht vom Hinstreben

zum Wohlgefühl, sondern aus der Flucht

vor der Pein.

Sie zeichnen ein düsteres Bild. Das Bekenntnis

zum Unternehmertum ist im Mittelstand

also gar nicht so ausgeprägt?

Tovar: Mancher sagt mir: „Ich wurde nie

gefragt, ob ich das will – oder ob ich das

kann“ – oft leben Unternehmer lange Jah-

re unter der Bürde ihrer Unternehmerschaft,

bis sie erkennen, dass sie völlig

verkehrt sind. Es geht darum, sich bewusst

für das Unternehmertum zu entscheiden.

Wer weiß, was er riskiert und

sein eigenes Geld in einen Betrieb hineingesteckt

hat, zeigt ein viel höheres

Interesse an seinem Erfolg. Er klemmt

sich mit Elan hinter die Dinge und berappelt

sich wieder, wenn etwas schiefgeht.

Wer dagegen qua Geburt in ein

Unternehmerleben hineinschlittert, nie

auch nur einen Cent eigenes Geld in die

Firma investiert hat, hat eine ganz andere

Grundeinstellung.

Schlechte Zeiten gibt es in jedem Unternehmerleben.

Wie kann sich ein Firmenchef

gegen Frustmomente wappnen?

Tovar: Als Erstes sollte er sich fragen,

woher Stress oder Frust kommen und

was das mit ihm zu tun hat. Beispielsweise

resultieren Misserfolge und Rückschläge

oft aus 20 Prozent der Kunden –

die könnte man einfach weglassen. Eine

gesunde Portion Selbsterkenntnis hilft:

Viele Mittelständler können alles und

wissen alles, aber bei Fehlern tragen die

anderen Schuld. Doch wer als Chef über

seine Mitarbeiter schimpft, muss sich

klarmachen, dass er sie selbst eingestellt

hat, dass der Ausbilder schlechte Azubis

selbst verantwortet. Leider geht die Fehlererkenntnis

im Mittelstand gegen null.

Doch seien wir ehrlich: Letztlich ist der

Chef die Ursache allen Übels, er ist das

erste Glied in der Stresskette. Nur wenn

er seine Führungsrolle beherzt annimmt,

kann er den Betrieb vernünftig steuern.

Ein persönliches Wochen-Logbuch ist

eine gute Möglichkeit, herauszufi nden,

was eigentlich los ist, und hilft, konkrete

Anknüpfpunkte für Veränderungen zu

fi nden.

31


Unternehmensführung – Strategie

siert, fl exibel reagiere und sein Reaktionsrepertoire

ständig erweitere, habe

die Chance, zu biegen, statt zu brechen,

so Scharnhorsts Überzeugung.

Nach 27 Jahren in der Jugendpfl ege hat

sich Kai Brumberg, Caravan-Händler aus

Marl, mit seiner Frau für ein Leben als

Unternehmer entschieden. „Wir haben

schon Höhen und Tiefen erlebt: Enttäuschungen

beim Personal, misslungene

Umstrukturierungen, Umweltaufl agen,

Überraschungen beim Finanzamt, am

gravierendsten aber war unser Einbruch

2007/08, direkt nach der Investition von

rund einer Million Euro“, resümiert der

gelernte Sozialpädagoge.

Die Rückendeckung sichern

Trotz wiederkehrenden Rückschlägen

hat Brumberg seine Lust am Unternehmertum

noch nie verloren. Für ihn ist es

eine Frage des Durchhaltevermögens,

der Verbindlichkeit,

ja der Ehre, auch bei Schwierigkeiten

weiterzumachen:

„,Ich habe keine Lust mehr’,

wäre das letzte Motiv, das

Ganze sein zu lassen.“ Seine

Mitarbeiter sind für Brumberg

Ansporn, gut zu wirtschaften:

„Leute einzustellen, ist eine

hochmoralische Entscheidung,

da hängen eine ganze

Menge Menschen dran.“ Als

Unternehmer rede man von

Geld – „in unserer Zeit in der

Jugendarbeit haben wir viel

persönlichere Rückschläge

erleben und verkraften müssen“,

relativiert der Händler,

der sich selbst als Optimisten

und Stehaufmännchen beschreibt.

Jedes Debakel sei

ein Lernfeld, dabei gewinne

er selbst der verfahrensten Situation

noch etwas ab. Was

ihm damals wie heute hilft, ist

sein sonniges Gemüt und ein

hohes Maß an Selbstmotivation.

Schießt diese bisweilen

über das Ziel hinaus, kommt

es seiner Familie zu, ihn in

seiner eher mäßigen Fehlereinsicht

„wieder zu erden“.

Der Rückhalt aus der Familie gibt den

meisten Unternehmern Kraft, auch bei

Rückschlägen weiterzumachen. Fehlt

diese Unterstützung allerdings, geht

es für viele „ans Eingemachte“: „Mangelnder

Erfolg als Unternehmer und

die erschütternde Erkenntnis, allein zu

sein, führen oft zu einer gefährlichen

Lähmung“, weiß Thomas Schader,

KMU-Berater und Geschäftsführer von

Succeed in Dieburg. Wenn ein Unternehmer

den Kopf in den Sand stecke, die

Post nicht mehr öffne, sich Gesprächen

verschließe, sich treiben lasse und seine

Kernaufgaben vernachlässige, herrscht

aus seiner Sicht Alarmstufe Rot. Dabei

könne sich jeder Unternehmer in guten

Zeiten die Rückendeckung anderer

sichern, davon ist Schader überzeugt:

„Wer offen auf Menschen zugeht und

ehrlich mit ihnen ist, der entscheidet

maßgeblich über die Unterstützung, die

Fünf Voraussetzungen,

um Krisen gut zu bewältigen

1. optimale körperliche und psychische Gesundheit

gesunder Lebensstil, günstiger Umgang mit psychischen

Belastungen

2. gut ausgeprägte Problemlösungsfähigkeiten

schnelles Verstehen, aktives Anpacken und Bewältigen

problematischer Situationen

3. starkes Selbstvertrauen, gesundes Selbstwertgefühl,

positives Selbstkonzept

Schlüsseleinstellungen: Gefühl der Selbstwirksamkeit,

Bekenntnis zu einem Sinn, Lust auf Veränderung

4. ausgeprägte Lernfähigkeit, -bereitschaft, Neugier

und Experimentierfreude

Persönlichkeitsentwicklung durch selbstmotiviertes und

selbst gesteuertes Lernen, Fragen statt Antworten

5. Bewältigung von Krisen als Ausgangspunkt

für Stärkung und Entwicklung

Hausforderungen willkommen heißen, emotionale

Balance herstellen, Überlebensfragen stellen, spielerisch

und neugierig sein, aktiv werden

nach: Al Sieber, u.a. The Survivor Personality, 2010, New York.

er später einmal in Krisensituationen erfahren

wird.“

Werner Wassermann, geschäftsführender

Gesellschafter von Wassermann

& Kress in Karlstein, hat genau diesen

Kurs eingeschlagen. Er schöpft aus

mehr als zwei Jahrzehnten Unternehmertätigkeit

Zuversicht und Zutrauen

in die eigenen Fähigkeiten. „Wir sind

im Markt etabliert. Auch wenn wir uns

darauf nicht ausruhen können, gewinne

ich dadurch innere Sicherheit und die

Option, einmal ‚Nein’ zu sagen“, sagt

der 51-Jährige.

In den Jahren 2008/09 stand sein Unternehmen

auf der Kippe. Binnen kürzester

Zeit brachen weite Teile des Umsatzes

weg, zwei Mitarbeiter mussten gehen.

Die Delle währte ein Jahr, heute kann

sich Wassermann vor Aufträgen nicht

retten – Frust und Überlastung resultieren

nun eher aus übervollen Auftragsbüchern

und Kunden, die

überfl üssigen Druck verbreiten.

Der Unternehmer möchte

Elan und Energie aus dem

Spaß an der Arbeit und dem

Kontakt mit Kunden oder Lieferanten

ziehen. Doch dieser

wird immer spärlicher, denn

statt fester Gesprächspartner

bestimmen inzwischen Einkaufsabteilungen

mit jungen,

dynamischen Absolventen

das Geschehen. „Als Kleinunternehmen

schätzen wir

das Menschliche, hier sind

wir stark, und das fehlt mir

immer öfter“, gibt der Metallbauer

zu bedenken.

Mit dem Auf und Ab des Unternehmerlebens

hat Wassermann

dennoch seinen

Frieden gemacht. Der Blick

auf die Firmenvertreter, die

bei ihm ein und aus gehen,

führt ihm die Vorzüge seines

Unternehmerlebens vor Augen:

„Was ich an einem Tag

mache, bewegen die nicht

in einem Monat“, schätzt er

seine Gestaltungsmöglichkeiten

– und nimmt deren Belastungen

mit pragmatischer

Gelassenheit in Kauf.

32 ProFirma 05 2011


Sprachpuristen, zu denen beileibe nicht nur Deutschlehrer

gehören, beklagen gerne den angeblich schädlichen Einfl uss

fremder Sprachen und Sprachfetzen. In Deutschland verläuft

das vergleichsweise moderat. In Frankreich wird ein regelrechter

Sprachkrieg geführt, in dessen Rahmen auch Wörter

für Anglizismen neu erfunden werden. Aber das sind Scheingefechte.

Keine Sprache in Mitteleuropa ist „rein“. Das gilt insbesondere

für Fachsprachen, die international vernetzt sind

und verstanden werden wollen. Sie „leben“ über die Grenzen

hinweg.

Im angelsächsischen Sprachraum ist es besonders kompliziert:

Seit dem Sieg der französischsprachigen Normannen

über die Angeln und die Sachsen im Jahre 1066 bei Hastings

haben sich französische und angelsächsische Sprache und

Kultur angenähert. Durchdrungen haben sie sich bis heute

nicht. Deshalb auch besitzt die englische Sprache im Vergleich

zum Deutschen den mehrfachen Wortschatz. Für viele Dinge

und Vorgänge gibt es einen Begriff aus der Alltagssprache, die

vom Angelsächsischen beeinfl usst wird, und einen deutlich

vornehmeren Begriff, der aus dem Französisch-Romanischen

stammt. Kenner können Englischsprecher auf diese Weise

schnell einer Gesellschaftsschicht zuordnen. Diese feine Differenzierung

haben wir im Deutschen nicht, aber wir sind

eben keine Klassengesellschaft mehr.

Es ist etwas in Vergessenheit geraten, aber hinter all den

großen Taten früherer und heutiger Kaufl eute stecken vor

allem italienisches Fachwissen und italienische Handelskompetenz.

Lange bevor in Deutschland die vielen Anglizismen

auftauchten, nahm die italienische Fachsprache einen massiven

Fremdeinfl uss auf das Geschäftsleben. Die italienischen

Handelsherren aus Venedig oder Genua waren führend und

erschlossen neue Märkte für Waren aller Art. Und sie führten

auch die Grundlagen der heutigen Buchführung ein. Mit ihren

Waren und Diensten exportierten sie neue Zahlungsformen,

ProFirma 05 2011

Querdenker

Martin Beck Der Unternehmensberater

ist Großhandelskaufmann, Diplom-

Betriebswirt (FH) und Honorarprofessor

an der Hochschule Nürtingen.

www.prof-beck.net

Wo das Italienische weiter wirkt

Von Professor Martin Beck

eine geordnete Buchführung und verlässliche Kreditregeln.

Marco Polo, der Asienreisende, war einer ihrer Vorläufer.

Auch Cristoforo Colombo, unser guter alter Christoph Kolumbus,

oder Giovanni Caboto, den die Engländer John Cabot

nennen und ihn wegen seiner Entdeckungsreisen als ersten

Europäer auf dem amerikanischen Festland nach den Wikingern

verehren, waren Italiener.

Was sie damals einführten und verbreiteten, ist heute in der

westlichen Welt Standard – und die Fachbegriffe sind weitgehend

noch im Gebrauch. Hier eine Auswahl der bei uns

eingebürgerten und gut integrierten, Begriffe: Bilanz, Konto,

Saldo, Debitor, Kreditor, Insolvenz, Konkurs, Agio, Disagio,

A-Konto-Zahlung, Tratte, Prolongation, Bankrott – also Begriffe

für Sieg und Niederlage und alle Wechselfälle des Unternehmerlebens.

Wir haben in unserem amerikanisierten Eifer vergessen, dass

die Wurzeln unserer kaufmännischen und weltumspannenden

Tätigkeit nicht in Harvard oder New York liegen, sondern

in Venedig und in Mailand. Und das heute manchmal

so beklagte „Denglisch“ hat im Geschäftsitalienisch seinen

würdigen Vorgänger. Nur dass sich heute kein Deutschlehrer

darüber erregt, dass wir vom Saldo und nicht vom „Unterschied“

oder vom „Subtraktionsergebnis“ reden – aber das

wäre ja schon wieder lateinisch-italienisch. Heute heißen die

umstrittenen Begriffe eben in der Logistik fi fo (fi rst in – fi rst

out), in der Unternehmensführung Corporate Governance

und bei den Verkaufsbemühungen Marketing.

Der Autor (auch so ein Fremdwort, aber „der Schreiber“ klingt

etwas respektlos …) empfi ehlt: Entspannt bleiben! Sprachen

leben, verändern sich, und so lange sie leben, besteht keine

Gefahr. Wer aber Pfl ege braucht, auch Sprachpfl ege, der kann

sich offensichtlich nicht mehr selbst helfen. Und davon kann

bei unserer quicklebendigen Sprache nun wirklich keine Rede

sein.

Kolumne

33


Unternehmensführung

Digitale Personalakte

„Auf in die Cloud!“, hämmert die Werbung

auf uns ein. Die Digitalisierung

unseres Lebens erfasst die private und

berufl iche Umwelt. Im Personalbereich

wird schon seit Jahrzehnten heftig über

die (vermeintlichen) Vor- und Nachteile

der digitalen Personalakte gestritten.

Die Befürworter werden als zwanghafte

Modernisierer verschrien, die für Praktikabilität

und Datenschutz nichts übrig

hätten, die Gegner als altmodische Umweltzerstörer

angegriffen, die mit dem

Festhalten an Papierakten für die Abholzung

des Regenwalds verantwortlich

seien.

Die Einführung der digitalen Personalakte

kann für Unternehmen, Arbeitnehmer,

Personalabteilung und Vorgesetzte

erhebliche Vorteile bringen. Die Digitalisierung

ermöglicht ein Selbstbedienungsverfahren

(Self Service), bei dem

mittels präziser Defi nition der Zugriffsrechte

auch der Datenschutz gewahrt

wird. Der Aufwand durch die händische

Erfassung der Personalakte in die Abrechnungs-

und Personalverwaltungssysteme

wird gemindert. Die digitale

Personalakte ist zudem besser gegen

Missbrauch wie heimliches Hinzufügen

oder Entfernen von Bestandteilen der

Personalakte gesichert – Zugriff auf sie

und Änderungen werden schließlich

protokolliert und somit beweisbar. Ein

RECHT

Fluch, Segen oder Haftungsrisiko?

Der Verzicht auf Ausdrucke und Aktenordner wäre wünschenswert, aber das

Thema ist komplexer, als es zunächst scheint. Bei allen Angeboten und Überlegungen

lohnt wirtschaftlich wie rechtlich ein zweiter Blick. VON BERND WELLER

Wer Original-Personalakten vernichtet, sollte dennoch wichtige Dokumente, die der

Schriftform unterliegen, etwa den Arbeitsvertrag, aussparen und zentral lagern.

34 ProFirma 05 2011


Nachteil der digitalen Personalakte liegt

auf der Hand: Wer liest schon gerne am

Bildschirm? Die Gefahr ist hoch, dass

Aktenbestandteile immer und immer

wieder ausgedruckt und der Papieraufwand

damit erhöht wird. Unterschätzt

werden oft auch die rechtlichen Implikationen

der digitalen Personalakte.

Dokumentationspfl ichten

Jedes Unternehmen muss die eigenen

Geschäftsunterlagen, unter anderem

für Fiskus und Sozialversicherungsträger

aufbewahren und verfügbar halten.

Für elektronische Daten gelten die

„Grundsätze ordnungsgemäßer datenverarbeitungsgestützterBuchführungssysteme“

(GoBS) und die „Grundsätze

zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit

digitaler Unterlagen“ (GDPdU). Für den

Unternehmer bedeutet dies, dass er nur

solche Software-Angebote für digitale

Personalakten in die engere Wahl ziehen

soll und darf, die diesen Anforderungen

gerecht werden.

Beweisschwierigkeiten?

Die Einführung der digitalen Personalakte

wird oft mit erspartem Archivraum

begründet. Unternehmer stehen vor der

Frage, ob die digitale Personalakte als

Doppel zur weiterhin archivierten Papierakte

besteht oder ob jegliches Papierexemplar

zerstört wird. Für die zweite

Variante sprechen scheinbar fi nanzielle

Erwägungen. Die zentrale Einlagerung

von Personalakten lohnt sich nur für

Großunternehmen und Konzerne. Die

damit verbundenen Kosten fressen einen

Großteil der durch den Wegfall örtlicher

Lagerung ersparten Mietkosten auf.

Bei der Entscheidung zur Zerstörung

der Papierakten werden die damit verbundenen

rechtlichen Risiken oft übersehen.

Eine Reihe arbeitsrechtlicher

Vereinbarungen und Bedingungen bedürfen

der Schriftform, zum Beispiel

der Abschluss eines Aufhebungsvertrags,

der Ausspruch einer Kündigung

oder die Vereinbarung einer Befristung.

Liegt kein schriftliches Exemplar vor,

sind Aufhebungsvertrag, Kündigung

und Befristungsabrede unwirksam.

ProFirma 05 2011

Die Schriftform erfordert das Vorliegen

eines Papierexemplars, welches

im Original von beiden Parteien unterzeichnet

ist. Die digitale Reproduktion

(Scan) eines solchen Dokuments

entspricht nicht der Schriftform. Mit

der vorschnellen Zerstörung von Originalunterlagen

vergibt der Arbeitgeber

die Möglichkeit, das Vorliegen einer

schriftlichen Vereinbarung im Arbeitsgerichtsprozess

zu beweisen.

Die Lösung dieses Dilemmas scheint auf

der Hand zu liegen: Bei der Zerstörung

werden wichtige schriftliche Originaldokumente

ausgespart und zentral gelagert.

Die Kosten- und Fehleranfälligkeit

eines solchen Verfahrens sollten nicht

unterschätzt werden. Alternativ ist daran

zu denken, bei der Digitalisierung

von Dokumenten Erklärungen mit Beweiswert

zu erstellen, gemäß derer bei

der Digitalisierung ein von beiden Seiten

unterzeichnetes Originalexemplar

vorlag. Solche Verfahren gibt es. Ganz

billig sind sie freilich nicht.

Datenschutz

Nach der Novelle des BDSG im Herbst

2009 fi ndet dieses nach § 32 Abs. 2

nicht nur Anwendung auf automatisierte

(das heißt digitale) Personaldaten,

sondern auch auf Papierakten. An sich

ändert sich also beim Wechsel von

der Papier- zur digitalen Personalakte

rechtlich nichts. Auf einem anderen

Blatt steht aber, welche Unternehmenseinheiten

im In- und Ausland Zugriff

auf die Personalakte oder Teile von ihr

haben möchten. Insoweit ist zunächst

zu bedenken, dass andere Unternehmen

auch innerhalb eines Verbunds

oder Konzerns datenschutzrechtlich

wie jeder Dritte zu behandeln sind; es

muss also besondere Gründe für eine

Datenübermittlung geben. Sofern ein

Software-Provider mit dem Betrieb

der Digitalakte beauftragt wird, ist an

die Voraussetzung von § 11 BDSG zu

denken.

Der Autor: Bernd Weller ist Fachanwalt für

Arbeitsrecht in der Kanzlei Heuking Kühn

Lüer Wojtek, Frankfurt am Main.

Urteils-Ticker

HANDYVERBOT AUCH OHNE

BETRIEBSRAT

Der Arbeitgeber kann die private

Nutzung des Handys während der Arbeitszeit

verbieten, ohne dass es der

Zustimmung des Betriebsrats bedarf,

entschied das Landesarbeitsgericht

(LAG) Rheinland-Pfalz. Nur Regelungen

der betrieblichen Ordnung

sind mitbestimmungspfl ichtig. Die

Handynutzung dagegen tangiere unmittelbar

das Arbeitsverhalten, das

der Arbeitgeber mit seinem Direktionsrecht

bestimmen könne.

INFO: LAG Rheinland-Pfalz,

Az. 6 TaBV 33/09

FALSCHE SCHUFA-AUSKUNFT,

KREDIT NICHT KÜNDBAR

Enthält eine von der Bank eingeholte

Schufa-Auskunft keine Angaben

darüber, dass der Kunde vor mehr als

zwei Jahren eine eidesstattliche Versicherung

abgegeben hat, handelt der

Bankkunde nicht pfl ichtwidrig, wenn

er die Bank nicht selbst darüber aufklärt,

urteilte das Oberlandesgericht

(OLG) Frankfurt. Die vorzeitige Kündigung

eines so zustande gekommenen

Kreditvertrags vonseiten der Bank

„aus wichtigem Grund“ sei daher

rechtswidrig.

INFO: OLG Frankfurt, Az.19 U 41/10

SERVICE MUSS TATSÄCHLICH

KOSTENLOS SEIN

Ein Internet-Anbieter darf Sicherheitspakete

nicht als kostenlos anpreisen,

wenn die Gratisleistung ohne Zutun

des Kunden nach einer gewissen Zeit

in ein kostenpfl ichtiges Abonnement

übergeht, entschied das Landgericht

(LG) Koblenz. Das Angebot des Internet-Anbieters

war tatsächlich nur die

ersten sechs Monate kostenlos, danach

mussten Kunden 4,99 Euro im

Monat zahlen. Dies sei irreführend

und deshalb unzulässig.

INFO: LG Koblenz, Az. 1 HK O 85/09

35


Finanzen & Steuern

FINANZTRENDS

Mittelstand vernachlässigt Risikomanagement

Der deutsche Mittelstand hat beim Risikomanagement

noch großen Nachholbedarf.

81 Prozent der Unternehmen

planen Investitionen, um Risiken

zukünftig professioneller begegnen zu

können. Treiber dieser Entwicklung

sind neben dem neuen deutschen Bilanzrecht

vor allem die gestiegenen Anforderungen

der Kreditgeber, Investoren

und Gesellschafter. Hinzu kommt das

Ziel der Inhaber und Geschäftsführer,

Haftungsrisiken zu vermeiden. Dies

sind die Ergebnisse der ersten repräsentativen

Studie zum Stand des Risikomanagements

im deutschen Mittelstand

von Funk RMCE, Rödl & Partner und

Weissman & Cie.

„Die Wirtschaftskrise hat bei vielen

Unternehmen offengelegt, dass Risiken

noch nicht professionell genug gesteuert

werden“, erklärt Hendrik F. Löffl er,

Geschäftsführer von Funk RMCE, der

auf Risikomanagement spezialisierten

Beratungsgesellschaft der Funk Gruppe.

Die Untersuchung zeige, dass das

Risikomanagement häufi g an operative

Bereiche wie Controlling, Rechts- oder

Personalabteilung delegiert werde. Nur

bei einem Drittel der befragten Unternehmen

befassten sich die Geschäftsführung

oder der Vorstand direkt mit

dem Risikomanagement.

Bislang kommt der Studie zufolge die

Initialzündung, ein Risikomanagement

einzuführen oder bestehende Systeme

zu verbessern, primär von außen. Die

in den vergangenen Jahren verschärf-

Factoring-Branche schafft

die Wende

Nach dem erstmaligen Rückgang des Factoring-Volumens im Jahr 2009 als Folge

der Finanzkrise boomte im vergangenen Jahr der deutsche Factoring-Markt

so stark wie noch nie zuvor: Der Gesamtumsatz der im Deutschen Factoring-

Verband vertretenen 26 Factoring-Institute stieg um 37 Prozent und erreichte

die Rekordmarke von 132 Milliarden Euro (2009: 96 Milliarden Euro).

„Die Kunden, die Factoring in der Krise kennen und schätzen gelernt haben,

sind der Finanzdienstleistung auch im Jahr 2010 treu geblieben“, fasst Joachim

Secker, Sprecher des Vorstands des Deutschen Factoring-Verbands, die

Gründe des bisher stärksten Umsatzanstiegs zusammen. Auch die Anzahl der

Neukunden nahm auf nunmehr rund 12.000 zu. Gegenüber 2009 ist das ein

Zuwachs von 36 Prozent (8.840).

ten gesetzlichen Anforderungen an das

interne Kontrollsystem sowie die verpfl

ichtende Einführung und Dokumentation

eines Risikomanagements für alle

kapitalmarktorientierten Unternehmen

haben insbesondere den gehobenen

Mittelstand zum Umdenken gebracht.

Aber auch Kunden und Lieferanten tragen

dazu bei, Risikomanagementsysteme

einzuführen.

Rettungsschirme sind

nicht die Lösung: Der

deutsche Mittelstand will

mehr in die Risikoabsicherung

investieren.

ZAHL DES MONATS

940.000

Personen haben im Jahr 2010 in

Deutschland eine selbstständige Tätigkeit

begonnen. Im Vergleich zum

Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme

um rund acht Prozent oder 66.000 Personen.

Dies geht aus dem KfW-Gründungsmonitor

2011 hervor. Die Gründerzahl

stieg damit im zweiten Jahr in

Folge, wobei diesmal der Konjunkturaufschwung

dem Gründungsgeschehen

einen Schub gegeben hat.

36 ProFirma 05 2011


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Finanzen & Steuern – Special Finanzierung

ProFirma-Roundtable

Die Renaissance des Eigenkapitals

Ob der Mittelstand genug Kredit bekommt, darüber waren sich die Experten beim

ProFirma-Roundtable nicht einig. Übereinstimmung herrschte darin, dass die Eigen-

fi nanzierung des Mittelstands gestärkt werden muss. DAS GESPRÄCH FÜHRTE PAUL LAUER

Die Finanzkrise ist wohl glimpfl icher verlaufen

als lange befürchtet. Trotzdem sind

die Klagen über eine Kreditklemme nicht

verstummt. Gibt es genügend Geld für den

Mittelstand im Aufschwung?

Lütkenhaus: Das Jahr der größten Verunsicherung

war 2009 mit einem drastischen

Rückgang der Kreditnachfrage. Wir haben

allerdings schon im Jahr 2010 mit einem

Anziehen der Nachfrage gerechnet, weil

die Zeichen für den deutschen Mittelstand

gut standen. Diese blieb aber erstaunlicherweise

in den ersten sechs Monaten des

Jahres aus. Der eigentliche Schub setzte

erst im zweiten Halbjahr ein, und der hält

auch bis heute an. Ich bleibe daher dabei:

Es hat keine Kreditklemme gegeben, sondern

als Folge der Krise einen deutlichen

Nachfragerückgang. Probleme gab es in

Einzelfällen, vor allem größere Unternehmen

hatten mehr Schwierigkeiten als die

kleineren.

Müller: Das ist eine überraschende Bestandsaufnahme.

Wenn wir über den

Mittelstand gemäß der EU-Defi nition und

damit von 3,2 Millionen Betrieben mit bis zu 49 Mitarbeitern

reden, dann war die Kreditklemme real gegeben. Diese Betriebe

sind deswegen durch die Krise gekommen, weil die Inhaber

an ihre Reserven gegangen sind, soweit sie nur konnten. Gerade

der kleine Mittelstand ist eigenkapitalschwach und jetzt

noch schwächer. Eine besondere Achillesferse, die ich als Unternehmensberater

beobachte, sind die Liquiditätsprobleme.

Gestiegene Zinsen und eine restriktive Kreditvergabe der Banken,

die sich zudem mit einem Prozent bei der Zentralbank

refi nanzieren und anschließend 18 oder 19 Prozent Überzie-

DIE TEILNEHMER

Dr. Stefan Breuer

Bereichsleiter Vertrieb der KfW

Bankengruppe, Frankfurt

Martin Fischedick

Bereichsvorstand Corporate

Banking, Commerzbank AG,

Frankfurt

Dr. Altfried M. Lütkenhaus

Mitglied des Vorstands der

Frankfurter Sparkasse, Frankfurt

Hans-Joachim Metternich

Kreditmediator Deutschland,

Frankfurt

Wolfram Müller

Vorsitzender der Vereinigung

Beratender Betriebs- und

Volkswirte e.V., Hamburg

Baptista

Kredithürden sinken. Der Mittelstand bekommt also wieder

Fernando

hungszinsen verlangen, sind als Ursachen dafür zu nennen. Fotos:

38 ProFirma 05 2011

ProFirma

Round Table

ProFirma

Special

Das sind zwei konträre Standpunkte. Gilt in

der Praxis vielleicht beides?

Fischedick: Zunächst einmal: Die Zinssätze,

die Herr Müller erwähnt hat, kenne

ich bei uns nicht. Zu Ihrer Frage: Nein, es

gibt keine Kreditklemme. Wir hatten uns

für das Jahr 2010 vorgenommen, fünf Milliarden

Euro neue Kredite auszulegen, und

dies ist uns gelungen. Gleichwohl sind wir

– und dort schließt sich der Kreis – nicht

gewachsen. Denn viele Firmen nutzten die

Krise, um sich von der Kreditfi nanzierung

unabhängiger zu machen, indem sie ihr

Working-Capital optimierten. Dadurch ist

die Nachfrage nach Krediten in der Breite gesunken.

Alle Banken würden derzeit gerne

mehr Kredite vergeben. Wir gehen aber jetzt

davon aus, dass mit der weiteren Expansion

der Unternehmen der Kreditbedarf wieder

steigen wird.

Herr Metternich, Sie sind als Kreditmediator

in viele Betriebe gegangen. Was waren Ihre

Eindrücke?

Metternich: Der Rückgang der Nachfrage

nach Krediten ist zum einen auf einen deutlichen Rückgang

der Investitionstätigkeit im Jahr 2009 zurückzuführen. Zum

anderen hat der Mittelstand in der Tat versucht, aus der Innenfi

nanzierung heraus Liquidität zu schaffen. Trotzdem

muss man festhalten, dass die Kreditnachfrage im Jahr 2010

rückläufi g geblieben ist. Wachstum sehen wir jetzt vor allem

bei den Sparkassen und Volksbanken. Ob sie aufgrund der guten

Konjunktur wieder generell anzieht, wird man sehen. Die

Umfragen des DIHK bei den Unternehmen zeigen, dass die

leichter als vor ein oder zwei Jahren Mittel von den Banken.


„Es gibt kleine Unternehmen,

für die die Kreditklemme Realität ist.“

DR. STEFAN BREUER, BEREICHSLEITER VERTRIEB

DER KFW BANKENGRUPPE, FRANKFURT

Breuer: Auch wir haben beobachtet, dass die Kreditinstitute

gerne noch mehr Kredit vergeben hätten. Natürlich ist für

manches kleine Unternehmen die Kreditklemme Realität.

Deshalb sollte der Begriff der Kreditklemme nur konkret verwendet

werden und nicht pauschal. Wenn ein Unternehmen

mit seinem Antrag auf einen KfW-Kredit keinen Erfolg hat,

kann das verschiedene Ursachen haben. Als Förderbank arbeiten

wir bei der Finanzierung von Kleinunternehmen nach

dem bewährten Hausbankprinzip. Zu uns kommen nur solche

Kreditanträge, bei denen auch die Hausbank mitmacht,

weil sie das Finanzierungsvorhaben positiv einschätzt und unterstützt.

Gerade bei den Krediten mit Volumina von 200.000

bis 300.000 Euro verzeichneten wir gute Ergebnisse.

An der Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben, scheint

es nicht zu liegen. Gibt es andere Hürden für den Mittelstand?

Müller: Herr Metternich hat ja darauf hingewiesen, dass die

Kreditbestände deutlich zurückgehen. Fakt ist, dass seit der

Durchsetzung des Shareholder Value Konzepts im Bankwesen

Mitte der neunziger Jahre sich einige Banken aus dem Kreditgeschäft

zurückziehen, weil es als ertragsschwach und risikobehaftet

gilt. Eigenkapitalrenditen von 25 Prozent und mehr soll

jetzt das Investmentbanking bringen. Die gigantische Finanzmarktkrise

ist das Resultat. Eine weitere gravierende Fehlentwicklung

ist die im Kreditgeschäft erfolgte Trennung zwischen

Markt und Marktfolge, weil es die enge Verbindung zwischen

Unternehmer und dem Kreditverantwortlichen nicht mehr

gibt. Kredit bedeutet immer noch Vertrauen. Jetzt gilt: Bürokratie

statt Vertrauen. Und schließlich haben wir in der Tat eine

Kreditlastigkeit in der Finanzierung. Es gehört daher zu den

ProFirma 05 2011

„Der Kredit wird ein unverzichtbarer Bestandteil

der Unternehmensfi nanzierung bleiben.“

DR. ALTFRIED M. LÜTKENHAUS,

VORSTAND DER FRANKFURTER SPARKASSE, FRANKFURT

wichtigsten Forderungen der Vereinigung beratender Betriebs-

und Volkswirte und des Bundesverbandes der Selbständigen,

die Eigenfi nanzierung der Betriebe zu stärken.

Lütkenhaus: Ich kann Ihre Einschätzung so nicht teilen.

Die Trennung zwischen Markt und Marktfolge, in der die

Kreditanträge bearbeitet werden, ist eine Folge der verschiedenen

Regulierungen. Die gute Botschaft ist aus meinen

Erfahrungen heraus, dass die Entscheidungen besser geworden

sind. Der Nachteil ist, dass die Unternehmer das Gefühl

haben, es dauerte länger als früher. Es ist zwar richtig, dass

das Verhältnis zwischen Eigenkapital und Kredit gerade im

kleinen Mittelstand ausgewogener werden muss. Dennoch

wird der Kredit ein unverzichtbarer Bestandteil der Unternehmensfi

nanzierung bleiben. Und das Erfreuliche ist:

Damit können Banken sogar Geld verdienen, wenn sie mit

ihren Kunden eine langfristig vertrauensvolle Beziehung

aufbauen.

Fischedick: Zum Thema Regulierung ist zu sagen, dass sich

die Banken nicht jede Regel gewünscht haben. Es bringt in dieser

Diskussionsrunde auch wenig, die bestehenden Regeln zu

diskutieren, wir müssen hier darüber sprechen, wie wir unter

Beachtung der geltenden Regeln den Mittelstand unterstützen

können. Die Trennung in Markt und Marktfolge ist auf

alle Fälle sinnvoll. Jeder Kredit bis zu einer Million Euro wird

bei uns binnen einer Woche nach Antragseingang entschieden,

wenn die Unterlagen vollständig sind. Dass der Kredit als

Produkt nicht profi tabel sein soll, bestreite ich ebenso. Für ein

profi tables Kreditgeschäft brauchen wir auch keine Kreditfabrik.

Unser Anspruch ist es, die Nachfrage des Kunden bestmöglich

zu befriedigen, mit vernünftigen Ratschlägen

39


Finanzen & Steuern – Special Finanzierung

und mit einem Kredit der dazugehört. Dafür braucht es also

keine Fabriken, sondern funktionierende Prozesse.

Herr Metternich, wie bewerten Sie das Zusammenspiel zwischen

Banken und Unternehmer?

Metternich: Ich glaube, die Banken sind im Schnitt bemüht,

den Unternehmern zu helfen, auch wenn aus meiner Sicht in

der Zusammenarbeit noch einiges verbessert werden kann.

Nach unseren Erfahrungen muss das Thema Finanzkommunikation

deutlich verbessert werden. Gerade Mittelständler

– ich nenne jetzt mal die Handwerksunternehmen – tun sich

schwer, zur Bank zu gehen. Ihnen ist nur schwer verständlich

zu machen, warum die Bank so viele Informationen und Zahlen

braucht. Und da müssten gerade die Berater mehr Aufklärung

betreiben, um die Sprachlosigkeit zwischen beiden

Seiten zu beheben.

Breuer: Nach meiner Beobachtung wird die ganz überwiegende

Zahl der Kredite in sehr schneller Zeit von uns bearbeitet.

Dass der eine oder andere Unternehmer unsere Anforderungen

als bürokratisch oder übertrieben empfi ndet, kann ich

im Einzelfall verstehen. Deswegen sind wir bemüht, gerade

bei kleineren Beträgen weitere Erleichterungen einzuführen.

Ich muss aber auch um Verständnis werben: Denn wir setzen

in den Förderprogrammen oft Garantien oder Zinssubventionen

aus den öffentlichen Haushalten ein, die zweckgerichtet

eingesetzt werden müssen. Mit diesen Mitteln gehen wir verantwortungsbewusst

um.

Der Schlüssel zu besseren Finanzierungsbedingungen scheint

also mehr Eigenkapital zu sein. Was können Mittelständler

dafür tun?

Müller: Die Nutzung der klassischen Instrumente wie Gewinnthesaurierung

und Beteiligungskapital muss im Bereich

der kleinen und mittleren Unternehmen steuerlich

begünstigt werden. Darüber hinaus ist es dringend notwendig,

die gesamte Finanzierungskultur wieder vom Kopf auf

die Füße zu stellen. Denn wir haben schon seit langer Zeit

ein Steuerrecht, das die Eigenkapitalbildung bestraft und die

Fremdfi nanzierung begünstigt. Das geht auf die 50er - Jahre

zurück, als die damalige Bundesregierung und die Banken

die Weichen dafür neu stellten - gegen die Vorstellungen

von Ludwig Erhard. Die steuerliche Bevorzugung des Kreditgeschäfts

hat aber die Finanzkraft des Mittelstands nicht gestärkt,

sonst bräuchten wir keine öffentlichen Förderkredite.

Ziel der Steuerpolitik muss es daher sein, dass Handelsbilanz

und Steuerbilanz wieder eine Einheit sind.

Im Prinzip sitzen die Banken und der Mittelstand ja in einem

Boot, denn auch die Kreditinstitute müssen mehr Eigenmittel

bereithalten. Ist mehr Eigenkapital für den Mittelstand also

auch im Sinne der Banken?

Lütkenhaus: Es ist sinnvoll, dass der Mittelstand mehr Eigenkapital

aufbaut. Nach unserer Beobachtung ist das dem Mittelstand

erstaunlicherweise sogar in der Krise gelungen. Wie

hat er das gemacht? Die Inhaber haben sicher auch Privatver-

„Die Kreditmediation wird sich auch

in Zukunft bewähren.“

HANS-JOACHIM METTERNICH,

KREDITMEDIATOR DEUTSCHLAND, FRANKFURT

mögen, also Eigenkapital, ihren Betriebe zugeführt. Aber viele

kleinere und mittlere Unternehmen haben vor allem die gute

Konjunktur vor der Krise genutzt, um Reserven aufzubauen.

Herr Müller hat aber richtig beobachtet, dass es bei den ganz

kleinen, noch stärker inhabergeprägten Betrieben in dieser

Hinsicht Defi zite gibt.

Fischedick: Bei diesem Thema gibt es keinen Dissenz. Der

Mix Eigenkapital und Kredit muss stimmen. Da helfen dem

Mittelstand aber keine Vorgaben und Regeln, weil der Bedarf

an Eigenkapital je nach Branche und Sektor völlig unterschiedlich

ist. Man muss auch das Steuerrecht nicht komplett

umkrempeln. Mit der Unternehmensteuerreform 2008 hat

die Bundesregierung ja die Eigenkapitalbildung über die Thesaurierungsrücklage

begünstigt. Darüber hinaus gibt es eine

Vielzahl guter Instrumente. Dazu gehören stille Beteiligungen

und Individual-Mezzanine-Kapital.

Breuer: Nach unseren Erhebungen hat sich die Working-

Capital-Quote im Mittelstand während der Finanzkrise um

etwa drei Prozentpunkte verbessert. Ursache hierfür ist zum

einen die in der Krise in vielen Unternehmen verkürzte Bilanz.

Zum anderen konnten Unternehmensinhaber weiteres

Eigenkapital in die Unternehmen einbringen und so die Bilanzstruktur

verbessern. Sie haben sich also sehr rational verhalten.

Daher sieht die Eigenkapitalsituation heute besser aus

als etwa im Jahr 2008.

In der Krise hat sich eine neues Instrument etabliert, über

dessen Sinn kontrovers diskutiert wird: Die Kreditmediation.

Welche Ergebnisse hat sie gebracht, und welche Schlussfolgerungen

sind daraus zu ziehen?

40 ProFirma 05 2011


„Die Banken würden derzeit gerne

mehr Kredite vergeben.“

MARTIN FISCHEDICK, BEREICHSVORSTAND CORPORATE BANKING,

COMMERZBANK AG, FRANKFURT

Metternich: Bei meiner Berufung zum Kreditmediator der

Bundesregierung im Jahr 2009 stand ganz klar das Szenario

im Vordergrund, dass eine Kreditklemme eintreten kann, auf

die die Politik vorausschauend reagieren muss. Da ich aber

schon damals der Auffassung war, dass die Krise nach zwei

Jahren bendet sein wird, wurde mein Auftrag auf zwei Jahre

bis Ende 2011 befristet. Diese Vorgehensweise bewährt sich.

Wir hatten im vergangenen Jahr Anfragen von 1.000 Unter-

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Die SüdFactoring ist eine Tochtergesellschaft der LBBW-

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eine bedeutende Rolle spielt. Diese Verbindung steht nicht

nur für Seriosität und Sicherheit, sondern auch für die

enge Verzahnung klassischer Finanzierungsformen mit

innovativen Instrumenten, wie der Forderungsfinanzierung.

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nehmen. In 700 Fällen konnten wir weiterhelfen, indem wir

neue Gespräche mit den Banken anstießen. Sehr oft ging es

um Kreditsicherheiten, bei denen wir dann die Bürgschaftsbanken

oder die KfW ins Spiel brachten. Darüber hinaus hat

die Initiative der Politik dazu geführt, dass Banken und Bundesländer

eigene Mediatoren installiert haben. Ich glaube daher,

dass sich dieses Instrument als zusätzliche Hilfe in strittigen

Fällen auch in Zukunft bewährt.

Fischedick: Wir haben mit Michael Schmidt einen hauseigenen

Kreditmediator im Rang eines Bereichsvorstands installiert,

den wir beibehalten werden. Er ist in unserem Hause in

250 Fällen aktiv geworden. Es hat sich dabei gezeigt, dass beiden

Seite manchmal bei bestem Wissen und Gewissen nicht

zueinanderfi nden können, weil es vielleicht mit der Kommunikation

nicht geklappt hat. Deshalb können bei uns sowohl

der Kunde als auch der Betreuer direkt mit dem Kreditmediator

Kontakt aufnehmen.

Müller: Den Kreditmediator habe ich stets kritisch gesehen.

Aber wir wissen, dass in der Wirtschaft 50 Prozent auf Psychologie

beruht. Und in diesem Sinne war es gut, dass die

Banken und ihre Kunden wussten, dass es diese Einrichtung

gibt, die im Zweifel eingreift. Insofern war der Kreditmediator

mehr als nur eine Schaufensterveranstaltung. Trotzdem

ist es gut, dass seine Tätigkeit zeitlich befristet ist. Es ist die

originäre Aufgabe der Landesförderinstitute, der Selbsthilfeeinrichtungen

der Wirtschaft wie der Bürgschaftsbanken oder

auch der KfW, eine den Erfordernissen entsprechende Finanzierung

der Betriebe zu unterstützen. Diese gilt es künftig zu

stärken, das gilt vor allem für die Bürgschaftsbanken.

Nach der Finanzkrise sollen die Banken mit der geplanten

Bankenabgabe stärker an die Kandare genommen werden.

Hinzu kommen mit Basel III neue, strenge Eigenkapital-

Die schönsten Rechnungen

sind die, die sofort bezahlt

werden.


Finanzen & Steuern – Special Finanzierung

vorschriften. Mit welchen neuen Belastungen muss der Mittelstand

rechnen?

Lütkenhaus: Die Sparkassen stehen vor den gleichen Herausforderungen

wie alle anderen Geschäftsbanken. Mit einer

Gesamtkapitalquote von mehr als 16 Prozent stehen wir zwar

gut da, aber es wird Optimierungsbedarf geben. Mit Blick auf

die Refi nanzierung wird unter den Banken der Wettbewerb

um Kundeneinlagen zunehmen, weil die Kundeneinlagen

nach Basel III in jeder Beziehung günstiger behandelt werden

als Refi nanzierungsinstrumente am Kapitalmarkt. Bei der

Kreditvergabe wiederum könnte es für die Banken attraktiver

werden, Immobilienkredite zu vergeben statt normale Kredite,

weil nur Immobilienkredite als Deckungsmaterial für

Pfandbriefe genutzt werden können. Beides kann natürlich

dazu führen, dass sich die Refi nanzierung insgesamt verteuert

und die Kreditzinsen steigen werden.

Breuer: Wir glauben, dass sich der Mittelstand darauf einstellen

muss, dass die Anforderungen an das Rating noch einmal

steigen werden. Die Unternehmer sind daher gut beraten, sich

frühzeitig darum zu kümmern. Das ist auch kein Nachteil.

Denn wir stellen immer wieder fest, dass Unternehmen alleine

schon durch eine transparente und verbesserte Darstellung

der wirtschaftlichen Situation zu einem besseren Rating kommen.

Wir wollen die Unternehmen daher bei ihrer Finanzkommunikation

unterstützen.

Metternich: Vieles ist derzeit bei diesem Thema noch Spekulation.

Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass die

eine oder andere Bank – die Sparkassen und Genossenschaftsbanken

haben wahrscheinlich weniger Probleme als die Privatbanken

– noch selektiver im Kreditgeschäft auswählt. Gerade

bei den Großbanken ist es möglich, dass sie versuchen

werden, durch Bilanzverkürzungen die strengeren Kriterien

zu erfüllen. Wenn dies zulasten des Kreditgeschäfts geht, wäre

das natürlich für den Mittelstand nicht günstig. Man muss daher

genau beobachten, wie sich die Banken auf die Veränderungen

einstellen werden.

Fischedick: Letztlich bewirken die Effekte von Basel III, dass

Banken im Durchschnitt einen höheren Bedarf an Eigenkapi-

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„Wir müssen wieder dahin kommen,

dass auch eine große Bank in Konkurs

gehen kann.“

WOLFRAM MÜLLER, VORSITZENDER DER VEREINIGUNG

BERATENDER BETRIEBS- UND VOLKSWIRTE, HAMBURG

tal und langfristiger Refi nanzierung haben werden. Dies wird

über kurz oder lang die Kosten der gesamten Branche anheben.

Inwiefern und wann sich die Regularien auf Kreditzinsen,

Einlagevergütungen oder Provisionen auswirken werden, ist

aufgrund der Vielzahl der Einfl ussfaktoren und unterschiedlichen

Wettbewerbssituationen in den Kundenbeziehungen

von kleineren und mittleren Unternehmen bis hin zu multinationalen

Konzernen heute aber noch nicht vollständig absehbar.

Müller: Die Bankenabgabe geht am Thema vorbei. Es ist offensichtlich

schon wieder aus dem Blickfeld geraten, dass wir

eine Systemkrise haben. Wir müssen wieder dahin kommen,

dass auch eine große Bank in Konkurs gehen kann, ohne dass

es zu einem Zusammenbruch des Finanzsystems kommt. Das

ist ohne Weiteres möglich. Dazu muss man nur den regulatorischen

Mut haben. Eine geringfügige Eigenkapitalerhöhung

reicht nicht aus. Es ist fragwürdig, dass Volks- und Raiffeisenbanken

sowie Sparkassen mit betroffen sind, obwohl sie an

den Ursachen der Finanzkrise fast schuldlos sind. So wie ein

Unternehmer einen Kredit aus seinem Geschäft erwirtschaften

muss, muss gewährleistet sein, dass eine Bank die Einlagen

ihrer Kunden - das sind schlicht Kredite der Kunden an

die Bank - aus dem Kerngeschäft fi nanziert. Und wenn das

nicht mehr der Fall ist, dann geht es an die Grundlagen des

Vertrauens und die Bestandskraft unserer Gesellschaftsordnung.

Beim Thema Basler Eigenkapitalvorschriften vermisse

ich eine redliche Diskussion. Denn ein Akkord Basel II ist nie

geschlossen worden, deshalb gibt es auch kein Basel III.

42 ProFirma 05 2011


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Cleverer Weg zu frischem Kapital

Mezzanine-Finanzierungen spülen Kapital in die Firma und eröffnen Spielräume für

neues Wachstum. Mittelständler können aktuell von individualisierten Programmen

profi tieren. VON EVA NEUTHINGER

Die Flexicon AG im westfälischen Halle

ist steil auf Erfolgskurs. Das Familienunternehmen

mit rund 18 Millionen Euro

Jahresumsatz und mehr als 300 Mitarbeitern

weltweit entwickelte sich innerhalb

weniger Jahre von einem regionalen

Zulieferer zum global agierenden

Dienstleister. Die Flexicon AG ist auf die

Druckvorstufe von Verpackungen spezialisiert

und beliefert die Markenartikelindustrie.

Für Vorstandsvorsitzende

und Inhaberin Gabriele Kison (42) ist

klar: „Wir expandieren weiter.“

Wer wachsen will, braucht liquide Mittel.

Rund 1,5 Millionen Euro fi nanziert

die Flexicon AG über sogenanntes Equity

Mezzanine oder Genussrechtskapital.

Für Andreas Biermann, Prokurist und

kaufmännischer Leiter der Flexicon AG,

liegen die Vorteile auf der Hand: „Bilanziell

ist dies reines Eigenkapital, das unser

Rating verbessert.“ Insgesamt sind

20 Investoren beteiligt. Als Gegenleistung

für ihre Einlage zahlt die AG eine

Grunddividende von neun Prozent plus

einer anteiligen Überschussbeteiligung.

„Wir konnten insbesondere in unserem

regionalen Umfeld Interessenten gewinnen“,

so Biermann. Das Unternehmen

offerierte das Angebot in Anzeigen und

über lokale Finanzmakler. „Innerhalb

von anderthalb Jahren hatten wir das

Kapital zusammen“, sagt Biermann.

Die Geldgeber mussten mit mindestens

10.000 Euro einsteigen. Das Genusskapital

unterstützt die Wachstumsfi nan-

INTERVIEW

„Management muss überzeugen“

Carsten Röhrs, Geschäftsführer der Haspa-BGM,

zur Zielrichtung des Haspa-Eigenkapitalprogramms.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE EVA NEUTHINGER

Herr Röhrs, mit dem neuen Eigenkapitalprogramm

bieten Sie mittelständischen

Unternehmen Mezzanine-Finanzierungen.

Welche Erwartungen haben

Sie an Interessenten?

Röhrs: Beteiligungsanlässe sind für uns

etwa Wachstumsfi nanzierungen, Investitionen,

Zukäufe oder die Ablösung

auslaufender Mezzanine-Programme.

Infrage kommen Unternehmen mit fünf

44 ProFirma 05 2011

ProFirma

Special

bis 250 Millionen Euro Jahresumsatz. Wir

erwarten in erster Linie ein überzeugendes

Management sowie ein profi tables

und zukunftsfähiges Geschäftsmodell.

Entscheidend ist für uns ferner eine

gute Markt- und Wettbewerbsposition.

Mit welchen Renditeerwartungen steigen

Sie ein?

Röhrs: Das hängt von der Bonität des

Unternehmens ab. Prinzipiell bewegen

wir uns bei Eigenkapital in Form von Genussrechten

bei unseren Renditeerwartungen

in einem Rahmen von neun bis

15 Prozent im Jahr.

Sind die Verträge standardisiert?

Röhrs: Wir sehen uns als Partner der Unternehmer

und kommen mit ihnen persönlich

ins Gespräch. Zwar orientieren

wir uns an standardisierten Verträgen,

sie können jedoch individuell auf die

Bedürfnisse der Gesellschaft angepasst

werden.


Fotos: privat

Die Flexicon AG nutzt bei der weiteren Expansion Mezzanine-Kapital. Prokurist Andreas Biermann (rechts) kann damit bei den Banken punkten.

zierung der Flexicon AG. „Auch die

Banken reagieren sehr positiv auf diese

zusätzliche Projektfi nanzierung. Wir

können in den nächsten Jahren somit

die Unternehmensziele weiter ausbauen“,

so Biermann.

Beliebte Mischform

Flexicon ist kein Einzelfall. Nach einer

Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

PwC im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums

beträgt das

Volumen des sogenannten Mezzanine-

Kapitals im Mittelstand mehr als 4,7

Milliarden Euro. Dabei handelt es sich

um eine Mischform zwischen Eigen-

und Fremdkapital. Björn Katzorke, Geschäftsführer

der Gündel & Katzorke

Rechtsanwalts GmbH in Göttingen,

erklärt einen der wesentlichen Vorteile:

„Mezzanine-Kapital ist gegenüber

Fremdkapital nachrangig, beim Eigenkapital

aber vorrangig.“ Das bedeutet:

Im Falle einer Insolvenz kommen zuerst

externe Darlehensgeber zum Zuge und

erst danach die beteiligten Gläubiger.

Mezzanine-Kapital steht als Eigenkapital

in der Bilanz. Steuerlich wird es

als Fremdkapital bewertet. Deshalb

sind die Zinsen als Betriebsausgabe

absetzbar und mindern den Gewinn.

Mezzanine-Finanzierungen gelten al-

ProFirma 05 2011

lerdings als teuer. Denn die Renditeerwartungen

der Investoren liegen bei

Genussrechtskapital zwischen 7,5 und

9,5 Prozent. Absolut gesehen liegen die

Sätze damit auf dem Niveau des Kontokorrentkredits.

Professor Dr. Karl-W.

Giersberg, Inhaber des Instituts für fi -

nanzwirtschaftliche Beratung GmbH

in Rödermark und Vorsitzender des

Fachverbands Finanzierung im Bundesverband

der Unternehmensberater

MEZZANINE

BELIEBT BEI DER GMBH

Besonders häufi g fi nanzieren sich

Kapitalgesellschaften über Mezzanine-

Programme

GmbH

53,4%

AG

19,7%

GmbH

& Co.KG

22,1%

4,8%

KG, OHG, e.K., GbR, eG

Quelle: Emissionsprospekt der Verbriefungsprogramme/Studie IKB

(BDU) in Bonn, hält allerdings dagegen:

„Da sich durch das höhere Eigenkapital

das Rating verbessert, lassen sich vielfach

bessere Konditionen bei weiteren

Kreditfi nanzierungen aushandeln, und

es kann eventuell noch Skonto gezogen

werden.“ Die Kapitalgeber erwarten

auch keine Sicherheiten. Das verschafft

Luft für kurzfristige Finanzierungen.

Außerdem hängt die Vergütung aus der

Überschussbeteiligung vom Gewinn ab.

„In schlechten Jahren kann das Unternehmen

weniger ausschütten und die

Lücke in guten Jahren wieder füllen“, erklärt

Dr. Jürgen Kaack, Inhaber der STZ-

Consulting Group in Erftstadt bei Köln.

Standard-Mezzanine

Zu unterscheiden sind die standardisierten

Mezzanine-Fonds von individuellen

Lösungen. Zu Ersteren zählen die am

Kapitalmarkt gehandelten Produkte wie

Preps oder Equi-Notes. Diese Standardprogramme

bieten den Betrieben in

puncto Konditionen keinen Spielraum.

Zwischen den Jahren 2004 und 2008

fl uteten sie den Markt (siehe „Risiko

Anschlussfi nanzierung“ auf Seite 46).

„Seit diesen Boomjahren ist das Angebot

jedoch weitgehend ausgetrocknet“,

erklärt Giersberg. In der Krise suchten

Anleger nach sicheren Anlagen.

45


Finanzen & Steuern – Special Finanzierung

Aktuell engagieren sich zum Beispiel

die Sparkassen mit neuen Programmen,

die aber nicht am Kapitalmarkt

gehandelt werden. Die Firmen treten

mit den Beteiligungsgesellschaften der

Sparkassen in direkten Kontakt. Insofern

besteht die Möglichkeit, einzelne

Bedingungen individuell auszuhandeln.

So haben zum Beispiel jüngst die

Hamburger Sparkasse (Haspa) und ihre

Tochter Haspa Beteiligungsgesellschaft

(Haspa BGM) einen Eigenkapitalfonds

für mittelständische Unternehmen

aufgelegt. 50 Millionen Euro liegen für

norddeutsche Firmen ab fünf Millionen

Euro Jahresumsatz bereit. Die Haspa

interessiert sich für Gesellschaften, die

bereits seit einigen Jahren erfolgreich

am Markt sind und ein zukunftsfähiges

Geschäftsmodell vorlegen können.

Vom Haspa-Eigenkapitalprogramm

profi tiert zum Beispiel der Schiffszulieferer

Becker Marine Systems in Hamburg:

Die Haspa BGM hat sich für acht

Jahre mit fünf Millionen Euro in Form

von standardisierten Genussrechten

am Unternehmen beteiligt. Becker gilt

als Marktführer für Hochleistungsruder

und innovative Manövriertechnik. Dirk

Lehmann, Geschäftsführer von Becker

Marine Systems, erklärt: „Für uns war es

besonders wichtig, einen verlässlichen,

fi nanzstarken und unternehmerisch

denkenden Partner an unserer Seite

zu haben.“ Mit der Beteiligung will das

Haus seinen Wachstumskurs sichern

und Produktneuheiten am Markt positionieren.

Carsten Röhrs, Geschäftsführer

der Haspa-BGM, beschreibt die Zielrichtung

der Beteiligung: „Wir wollen

mit dem Eigenkapitalfonds mittelständische

Firmen langfristig begleiten.“

Individuelle Lösungen

Noch mehr Flexibilität bietet sich Mittelständlern

bei den sogenannten Small-

Capital-Finanzierungen. Deren Laufzeit,

der Zinssatz sowie die Kündigungsmodalitäten

sind frei verhandelbar. „Eine

Vielzahl kapitalmarktrechtlicher Vorgaben

sind allerdings strikt zu beachten“,

erklärt Dr. Horst-Siegfried Werner, Inhaber

der Dr. Werner Financial Service

AG in Göttingen (www.fi nanzierungohne-bank.de).

Werner hat sich auf diese

Form der individuellen Mezzanine-Finanzierung

spezialisiert und unterstützt

Unternehmen wie die Flexicon AG bei

der Suche nach Kapitalgebern und in

rechtlichen Detailfragen. Für Small-

„Genussrechtskapital kann später in eine

stille Beteiligung umgewandelt werden.“

DR. JÜRGEN KAACK, STZ-CONSULTING GROUP, ERFTSTADT

Capital-Finanzierungen bedarf es keiner

Genehmigung einer Aufsichtsbehörde.

Es dürfen allerdings nicht mehr als 20

Kapitalgeber einbezogen werden.

„Diese Mezzanine-Finanzierungen eignen

sich im Prinzip auch für kleinere

Mittelständler“, sagt Werner. Der Aufwand,

das Kapital zu beschaffen, ist

allerdings groß. Die Geldgeber müssen

wie bei Flexicon einzeln angeworben

werden. Dies beinhaltet etwa, das Entwicklungspotenzial

der Firma in einem

Prospekt erfolgreich und innovativ

darzustellen. „Der Unternehmer muss

die richtige Ansprache für potenzielle

Geldgeber fi nden“, so Werner.

In der Regel bleiben die Investoren fünf

bis sieben Jahre dabei. Ein Knackpunkt

ist vielfach die Anschlussfi nanzierung

– ganz unabhängig davon, ob es sich

um individuelles oder um ein standardisiertes

Mezzanine handelt (siehe „Risiko

Anschlussfi nanzierung“). „Bei einer

Darlehensfi nanzierung ist das aber auch

nicht anders“, sagt STZ-Berater Kaack.

Die Anschlussfi nanzierung sollte bereits

zwei bis drei Jahre im Voraus geplant

werden. Ein Darlehen aufzunehmen, ist

nur ein praktikabler Weg. „Alternativ

kann Genussrechtskapital etwa in eine

stille Beteiligung ohne Stimmrechte

oder in eine direkte Beteiligung umgewandelt

werden“, so Kaack. Die Vorteile

der Mezzanine-Finanzierung blieben

dann erhalten.

RISIKO

ANSCHLUSSFINANZIERUNG

Derzeit laufen die ersten Tranchen der

standardisierten Programme aus, die

gerade in den Jahren 2004 bis 2008

im Trend lagen. Damit stellt sich für

die betroffenen Unternehmen die Frage

der Anschlussfi nanzierung.

Rund 550 Unternehmen sind nach einer

Studie des Strategic Finance Institute

der EBS Business School und der

IKB betroffen. Insgesamt belief sich

das Finanzierungsvolumen auf 3,7 Milliarden

Euro. Zwischen 2011 und 2014

werden noch bis zu 3,1 Milliarden

Euro fällig, so die Studie. Die meisten

Unternehmen sind allerdings gut aufgestellt.

40 Prozent sehen ihre Finanzierung

gesichert. Die Refi nanzierung

wollen sie aus dem laufenden Cashfl

ow oder aus Einlagen stemmen.

Alternativ kommen auch Gesellschafterdarlehen

infrage. Professor Dr. Karl-

W. Giersberg, Inhaber des Instituts für

fi nanzwirtschaftliche Beratung GmbH

in Rödermark, geht davon aus, dass

es lediglich für 150 Unternehmen eng

werden könnte. Auch die IKB Studie

kommt zu dem Schluss, „dass die Probleme

letztlich geringer sind als vielfach

befürchtet.“ Als Lösung zeichnen

sich individualisierte Konzepte von

Beteiligungsgesellschaften sowie öffentliche

Förderprogramme ab.

46 ProFirma 05 2011

Foto: privat


ProFirma 05 2011

Soll & Haben

Gabriel Hopmeier ist Certifi ed

Financial Planner (CFP) und Sachverständiger

für Anlageberatung

und Finanzplanung in Freiburg.

Info: www.hopmeier.de

Der Schein der einfachen Lösung

Ein Fall aus der Praxis: Eine fast 80-jährige ehemalige Handwerksmeisterin

möchte ihre Enkelkinder, darunter auch ein

behindertes Kind, als Erben ihres Anlagevermögens einsetzen.

Aus diesem Kapital sollen insbesondere deren Ausbildungswünsche

und später auch eine Altersvorsorge fi nanziert werden.

Die eigene Tochter will sie mit ihren Immobilienwerten

bedenken. Die Dame macht sich allerdings Sorgen, dass irgendwann

einmal das Sozialamt bei einer sozialrechtlichen

Betreuung der geistig behinderten Enkelin Zugriff auf deren

Vermögen erhalten könnte. Gerne möchte sie bei der Übergabe

des Vermögens auch das Finanzamt außen vor lassen.

Bei einem Besuch bei der Hausbank trägt sie ihrem Berater

die Sorgen vor. Dieser hat auch gleich die scheinbar passende

Lösung parat: Die Bank könnte der Kundin bei der Gründung

einer steuerbefreiten Stiftung behilfl ich sein.

Denn grundsätzlich könne eine steuerbefreite Stiftung bis zu

einem Drittel ihres Einkommens steuerfrei dazu verwenden,

um in angemessener Weise den Stifter und seine nächsten

Angehörigen zu unterhalten. Die Bank könne dann das Geld

der Stiftung ganz im Interesse der Handwerksmeisterin verwalten.

Ganz regelkonform übergibt der Berater der Dame

einen Verkaufsprospekt, damit sie diesen Vorschlag genauer

überdenken kann.

Da die Handwerksmeisterin in ihrem aktiven Geschäftsleben

viele schlechte Erfahrungen mit Banken gemacht hat, trägt

sie die Unterlagen zu ihrer Rechtsanwältin. Diese kann nach

Durchsicht der Unterlagen nur staunen über den Vorschlag.

So macht sie zunächst darauf aufmerksam, dass mit der Gründung

einer Stiftung die Pfl ichtteilsansprüche nicht erlöschen.

Das bedeutet, dass das Sozialamt im Betreuungsfall einen Verzicht

der behinderten Enkelin anfechten kann.

Dem Willen der vererbenden Großmutter würde es zudem

widersprechen, dass durch die Stiftungsgründung den Erben

das Vermögen entzogen wird. Denn lediglich das von

Von Gabriel Hopmeier

der Bank erwähnte Drittel der Erträge darf privat verwendet

werden. Wird eine Familienstiftung gegründet, bleibt diese

nur steuerfrei, wenn sie gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche

Zwecke verfolgt. Ihr Zweck muss es dann sein, die Allgemeinheit

zu fördern. Wird der Stiftungszweck aber auf die

Familie beschränkt, entsteht ein geschlossener Kreis – und die

Stiftung wird körperschaftsteuerpfl ichtig. Beachtet werden

muss zudem, dass eine Familienstiftung alle 30 Jahre erbschaftsteuerlich

veranlagt wird. Gerade aufgrund des jungen

Alters der Enkelkinder besteht daher das Risiko, dass diese

Erbschaftsteuer, anders als bei einer direkten Übertragung,

öfters anfällt.

Nicht zuletzt führt auch der Vergütungsanspruch der Bank zu

einer erheblichen Kostenbelastung. So fallen Gebühren von

0,5 Prozent pro Jahr für die Verwaltung des Stiftungsvermögens

an. Da die Bank das Kapital in einen aktiv verwalteten

Dachfonds nach luxemburgerischem Recht einbringen will,

entstehen zusätzlich laufende Kosten von knapp einem Prozent

pro Jahr auf Ebene des Stiftungsfonds. In guten Jahren –

das sind laut Verkaufsprospekt Jahre mit einem Wertzuwachs

von mehr als fünf Prozent – gönnt sich die Bank zusätzlich

eine Gewinnbeteiligung von mindestens 7,5 Prozent. Und

bei der Lektüre des Verkaufsprospekts fällt noch ein weiteres

Schmankerl auf: „Der Fonds richtet sich ausschließlich an institutionelle,

professionelle und sachkundige Anleger“ – also

kaum an die knapp 80-jährige Handwerksmeisterin und ihre

Familie.

Das Misstrauen der Dame war also berechtigt. Ihr Steuerberater,

die Anwältin und ein Finanzplaner entwickelten eine

bessere Lösung: Eine Dauertestamentsvollstreckung in Verbindung

mit einer einfachen, kostengünstigen und Wert erhaltenden

Anlagestrategie. Die Einbindung dieser Berater hatte

zwar ihren Preis, die vermögende Dame erhielt damit aber

die langfristig tragfähigere Lösung.

Kolumne

47


Finanzen & Steuern

Ticker

SPENDEN

Greift ein Unternehmen einem durch

die Erdbebenkatastrophe in Japan geschädigten

Geschäftspartner fi nanziell

unter die Arme, liegen abziehbare

Betriebsausgaben vor (BMF, Schreiben

vom 24.3.2011, Az. IV C 4 – S

2223/07/0015).

MIETGARANTIE

Verkauft ein Unternehmen Immobilien

und sagt vertragliche Mietgarantien

zu, darf für eine wahrscheinliche

Inanspruchnahme eine Rückstellung

gebildet werden (FG Berlin-Brandenburg,

7 K 9247/05 B).

AKTIVIERUNG

Die Kosten für eine Grundsteinlegung

und für das Richtfest sind als

Herstellungskosten zu aktivieren und

abzuschreiben, wenn das Gebäude

vermietet werden soll (FG Berlin-

Brandenburg, 6 K 2428/04 B).

ABGELTUNGSTEUER

Leiht ein naher Angehöriger eines Gesellschafters

der GmbH Geld, greift die

günstige Abgeltungsteuer nicht, wenn

der Gesellschafter mindestens zehn

Prozent Stammkapital der GmbH hält.

Ob das rechtens ist, prüft das FG Niedersachsen

in zwei Musterprozessen

(Az. 14 K 335/10, 4 K 322/10).

DIENSTWAGEN

Nutzt ein Arbeitnehmer einen Dienst-

Pkw zu Fahrten zwischen Wohnung und

Firma, muss ein geldwerter Vorteil nur

bei tatsächlicher Nutzung versteuert

werden (BMF, Schreiben vom 1.4.2011,

Az. IV C 5 – S 2334/08/10010).

STEUERTRENDS

Fiskus behindert Sonnenstrom

vom eigenen Dach

Nach dem schweren Reaktorunfall in

Japan wollen alle Parteien in Bund und

Ländern den Umstieg auf erneuerbare

und damit dezentraler produzierte

Energien beschleunigen. Doch dabei erweisen

sich die Finanzämter als Bremser.

„Wer zum Beispiel auf seinem Dach

eine Photovoltaikanlage errichtet und

dann als Umsatzsteuerpfl ichtiger die

Vorsteuer auf notwendige Dachumbauten

abziehen möchte, dem wird das

nur zu oft mit allen erdenklichen Argumenten

verwehrt“, kritisiert Rainer

Haid, Steuerberater bei der Beratungsgesellschaft

Ecovis in Berlin. Jetzt muss

der Bundesfi nanzhof (BFH) entscheiden

– und Betroffene können mit Hinweis

auf die dort anhängigen Revisionsverfahren

Einspruch einlegen.

Wer eine Photovoltaikanlage errichtet

und den Strom ins Netz einspeist, ist

grundsätzlich umsatzsteuerpfl ichtig

und kann deshalb die Vorsteuer auf die

Herstellungskosten sofort abziehen.

Strittig ist, inwieweit das auch für die

Vorsteuern beim oft notwendigen Umbau,

der Sanierung des Dachs oder einer

anderen vorhandenen Trägerkonstruktion

gilt, auf der die Solarpanels

und Wechselrichter installiert werden.

Die Finanzverwaltung stellt sich hier

bundesweit quer nach dem Motto: Dach

ist Dach, es bildet mit der Photovoltaikanlage

keine Einheit. Umgekehrt heißt

das, ein dachintegriertes Mini-Solarkraftwerk

wird auch kein unternehmerisch

genutzter Gebäudebestandteil, der

bei einem entsprechenden Nutzungsanteil

von mehr als zehn Prozent zum

Vorsteuerabzug für das Gebäude berechtigen

würde.

Auch die Rechtsprechung kann bisher

nicht weiterhelfen: Während die

Finanzgerichte München und Niedersachsen

die Linie der Finanzämter

unterstützen, haben sich die Finanzgerichte

Nürnberg und Rheinland-Pfalz

auf die Seite der Steuerzahler geschlagen.

In beiden Fällen (Aktenzeichen:

2 K 952/2008 und 6 K 2607/08) haben

die Finanzämter beim BFH Revision

eingelegt. „Betroffene Steuerzahler sollten

also mit Verweis auf die beim BFH

anhängigen Verfahren Einspruch einlegen,

wenn ihnen das Finanzamt in

vergleichbaren Fällen den Vorsteuerabzug

verwehrt“, rät Ecovis-Steuerexperte

Rainer Haid.

48 ProFirma 05 2011


Spezialisten der

JAHRESABSCHLUSS 2010

Sonderregelung zum Sammelposten

Entscheidet sich ein Unternehmen bei der Abschreibung geringwertiger

Wirtschaftsgüter (GWG) für die Sammelposten-Methode, müssen die Anschaffungskosten

für Güter im Preissegment 150,01 Euro bis 1.000 Euro in

einem Sammelposten erfasst und gleichmäßig auf fünf Jahre abgeschrieben

werden. Scheidet eines dieser Güter vor Ablauf dieser fünf Jahre aus

dem Unternehmen aus oder ist defekt, ändert sich an der fünfjährigen

Abschreibung nichts.

ProFirma rät: Es gibt eine Ausnahme: Wird ein GWG erworben und scheidet

im Jahr der Zahlung durch Verkauf, Entnahme oder Verschrottung

gleich wieder aus, kommt ausnahmsweise ein sofortiger Betriebsausgabenabzug

in voller Höhe in Betracht (BMF, Schreiben vom 30.9.2010,

Az. IV C 6 S 2180/09/10001, Tz. 10).

Beispiel: Unternehmer Huber hatte im Jahr 2010 einen Kopierer für 950

Euro erworben, der im gleichen Jahr beim Aufstellen vom Schreibtisch

fi el. Da sich eine Reparatur nicht lohnte, wurde der Kopierer entsorgt. Folge:

Der Kaufpreis von 950 Euro muss nicht im Sammelposten 2010 erfasst

werden, es kommt zum sofortigen Betriebsausgabenabzug.

VORSTEUERABZUG

GILT NUR BEI KORREKTER RECHNUNG

Wird eine fehlerhafte Eingangsrechnung berichtigt,

steht dem Rechnungsempfänger die Vorsteuer nicht

rückwirkend zum Zeitpunkt der erstmaligen Rechnungserteilung

zu, sondern erst im Zeitpunkt der Rechnungsberichtigung.

Kürzt das Finanzamt also die Vorsteuer

während einer Betriebsprüfung, fallen für den

zu Unrecht in Anspruch genommenen Vorsteuerabzug

trotz späterer Rechnungsberichtigung Nachzahlungszinsen

an (Erlass des Finanzministeriums Brandenburg

vom 9.3.2011, Az. 31 – S 7300 – 3/10).

PRAXISFRAGEN ZUR UMSATZSTEUER

Bei der Umsatzsteuer tauchen regelmäßig neue Fragen

auf, die leider in keinem Gesetz beantwortet werden.

Deshalb hat der Deutsche Steuerberaterverband

dem Bundesfi nanzministerium einen Fragenkatalog

vorgelegt. Die Antworten des Finanzministeriums zur

Ist-Besteuerung bei Freiberufl ern, zur rückwirkenden

Rechnungsberichtigung, zu Warengutscheinen und zur

Erstattung von Guthaben bei Dauerfristverlängerungen

fi nden Interessierte im Internet unter www.dstv.de.

Spielraum

schreibt man

mit F.

Wer nanziell unabhängig ist, kann sich ganz auf sein

Geschäft konzentrieren. Mit Factoring gewinnen Sie

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Forderungen zeitgemäß managen


Finanzen & Steuern – Steuertipp

Firmenwagenbesteuerung

Eine unendliche Geschichte

Der Firmenwagen ist der Zankapfel schlechthin zwischen Unternehmer und Fiskus.

ProFirma nennt die zehn wichtigsten Tipps im Kampf gegen allzu strenge Finanzbeamte.

VON OTTFRIED WEISS

Ende Januar feierte das Auto seinen 125.

Geburtstag. Gefühlt dauert der Streit

zwischen Unternehmern und Finanzamt

um den Betriebsausgabenabzug

und die Privatnutzung im Zusammenhang

mit betrieblichen Fahrzeugen

schon genauso lange. Die Kläger gaben

sich in den vergangenen Jahren in den

Gerichtssälen die Klinke in die Hand.

Neben zahlreichen Schlappen verzeichneten

Selbstständige auch tolle Erfolge.

Hier die Top10, wie Firmenchefs und

deren Arbeitnehmer steuerlich besonders

günstig fahren.

1

Geldwerter Vorteil: Der neueste

Coup mehrerer Kläger ist bei der

Ermittlung des geldwerten Vorteils für

Fahrten von Arbeitnehmern zwischen

Wohnung und Arbeitsstätte mit einem

Dienstwagen zu vermelden (Bundesfi

nanzministerium, Schreiben vom

1.4.2011, Az. IV C 5 – S 2334/08/10010).

Wird kein Fahrtenbuch geführt, bestand

das Finanzamt bisher darauf, dass der

geldwerte Vorteil mit 0,03 Prozent des

Listenpreises, den Entfernungskilometern

zwischen Wohnung und Arbeitsstätte

und mit zwölf Monaten multipliziert

werden musste. Die tatsächlichen

Fahrten interessierten nicht. In offenen

Fällen darf neu gerechnet werden. Danach

akzeptiert das Finanzamt, dass der

geldwerte Vorteile mit 0,002 Prozent

des Listenpreises, den Entfernungskilometern

und den tatsächlichen Fahrtagen

multipliziert wird. Doch damit nicht

genug. Der geldwerte Vorteil muss für

höchstens 180 Fahrten im Jahr versteuert

werden (siehe Beispiel unten).

2

Einzelbewertung kein Muss:

Die Ermittlung des geldwerten

Vorteils für Fahrten zwischen Wohnung

und Arbeit nach den tatsächlichen

Fahrten ist bei der monatlichen Lohnab-

Beispiel: Arbeitnehmerin Maier darf einen Dienstwagen privat und für Fahrten zwischen Wohnung und

Arbeitsstätte nutzen. Der Listenpreis des Fahrzeugs beträgt 40.000 Euro, die einfache Strecke zwischen

Wohnung und Arbeit 35 Kilometer. Pendelt Frau Maier an 150 Tagen (Variante 1) oder an 210 Tagen

(Variante 2) mit diesem Dienstwagen zur Arbeit, sieht die Rechnung wie folgt aus:.

Geldwerter Vorteil für

Privatnutzung

Geldwerter Vorteil

für Fahrten zwischen

Wohnung und Arbeit

Zu versteuernder

geldwerter Vorteil

Bisherige Methode Neue Methode,

Variante 1

4.800 Euro

(1% von 40.000 Euro

x 12 Monate)

5.040 Euro

(0,03% von 40.000 Euro

x 35 km x 12 Monate)

4.800 Euro

(1% von 40.000 Euro

x 12 Monate)

4.200 Euro

(0,002% von 40.000

Euro x 35 km x 150

Fahrten)

Neue Methode,

Variante 2

4.800 Euro

(1% von 40.000 Euro

x 12 Monate)

5.040 Euro

(0,002% von 40.000

Euro x 35 km x maximal

180 Fahrten)

9.840 Euro 9.000 Euro 9.840 Euro

rechnung übrigens kein Muss. Das Bundesfi

nanzministerium erlaubt Arbeitgebern

die Ermittlung des geldwerten

Vorteils nach der bisherigen Methode.

In diesem Fall muss der Arbeitnehmer

bei Abgabe seiner Steuererklärung die

Minderung des geldwerten Vorteils beantragen.

Spielt der Arbeitgeber jedoch

mit und ermittelt den geldwerten Vorteil

anhand der tatsächlichen Fahrten (sogenannte

Einzelbewertung), muss der

Arbeitnehmer ihm monatlich schriftlich

mitteilen, an welchen Tagen der Dienstwagen

tatsächlich für Fahrten zwischen

Wohnung und Arbeit genutzt wurde.

ProFirma rät: Arbeitgeber sollten ihre

Mitarbeiter mit Dienstwagen informieren,

dass die Minderung des geldwerten

Vorteils für alle noch offenen Steuerjahre

gilt. Hat ein Arbeitnehmer also für

die Jahre 2008 oder 2009 noch keine

Steuererklärung abgegeben, winkt bei

Minderung des geldwerten Vorteils eine

Steuererstattung für die Vorjahre.

50 ProFirma 05 2011

3

Vorsteuerabzug: Selbstständige,

die ihren betrieblichen Firmenwagen

bei einem Privatmann ohne Vorsteuerabzug

gekauft haben, sollten folgende

Besonderheit kennen: Verkaufen

sie den Pkw, muss in der Rechnung Umsatzsteuer

ausgewiesen werden. Wird

der Pkw dagegen ins Privatvermögen

entnommen, wird keine Umsatzsteuer

fällig (FG Baden-Württemberg, Urteil

vom 16.2.2011, Az. 1 K 4834/08).


ProFirma rät: Da aufgrund dieser Differenzierung

Selbstständige den Firmenwagen

lieber entnehmen und nach

Ablauf einiger Monate privat verkaufen

werden, möchte das Finanzamt detaillierte

Nachweise dafür haben, dass

tatsächlich eine Entnahme erfolgt ist.

Die Entnahme sollte deshalb zeitnah

gebucht und dem Finanzamt durch den

Steuerberater angezeigt werden.

4

Kürzeste Verbindung: Bei Ermittlung

des geldwerten Vorteils

für Fahrten zwischen Wohnung und

Arbeit mit dem Dienstwagen ist die

kürzeste Verbindung maßgeblich. In

der privaten Steuererklärung darf der

Arbeitnehmer dem Finanzamt jedoch

eine längere Strecke präsentieren,

wenn diese verkehrsgünstiger ist (FG

Köln, Urteil vom 22.5.2003, Az. 10 K

7604/98).

ProFirma 05 2011

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5

Kundendienst: Nutzt ein Arbeitnehmer

einen Dienstwagen für

Fahrten zwischen Wohnung und Arbeit,

weil er für Kunden seines Arbeitgebers

Rufbereitschaft hat, muss kein

geldwerter Vorteil versteuert werden

(FG Niedersachsen, Az. 1 K 11553/04).

Dasselbe gilt, wenn der Arbeitnehmer

einen mobilen Werkstattwagen mit eingebauten

Werkzeugschränken nutzt,

um von zu Hause zu seinen Kunden

fahren zu können (FG Berlin-Brandenburg,

Az. 12 K 7078/05 B).

6

Sonderausstattung: In einem

kuriosen Urteilsfall hat der Bundesfi

nanzhof entschieden, dass eine

nachträglich eingebaute Flüssiggasanlage

den Listenpreis des Fahrzeugs und

somit den Wert für die Privatnutzung

und für die Fahrten zwischen Wohnung

und Betrieb nicht erhöht. (BFH, Urteil

vom 13.10.2010, Az. VI R 12/09).

7

Privatnutzung widerlegen:

Selbstständige, die vorgeben, ihre

betrieblichen Fahrzeuge nicht privat

zu nutzen, müssen dem Finanzamt für

diese gewagte Aussage hieb- und stichfeste

Beweise liefern. Erste Wahl wäre

natürlich ein Fahrtenbuch. Doch das

dürfte in der Praxis selten geführt werden.

Muss es auch nicht, wie die Richter

des Finanzgerichts Hessens aktuell

entschieden (Urteil vom 10.2.2011, Az.

K 1679/10).

ProFirma rät: Es genügen einfache Aufzeichnungen

und plausible Erläuterungen

(Schlüssel wurde jeden Tag bei

Sekretärin abgegeben, im Privatvermögen

befi nden sich mehrere Fahrzeuge,

10 Pkw von A bis Z

bei denen eine hohe Fahrleistung nachgewiesen

werden kann, etc.).

8 Investitionsabzugsbetrag:

Der 40-prozentige Investitionsabzugsbetrag

für den geplanten Kauf

eines Fahrzeugs ist zulässig, wenn das

Fahrzeug im Jahr der Investition und im

Folgejahr zu mindestens 90 Prozent betrieblich

genutzt wird. Nutzt ein Einzelunternehmer

das Fahrzeug privat und

ermittelt seine Privatnutzung nach der

Ein-Prozent-Methode, wird eine 30-prozentige

Privatnutzung unterstellt. Folge:

Das Finanzamt kippt den Investitionsabzugsbetrag

rückwirkend. Nutzt

jedoch ein Arbeitnehmer das Fahrzeug,

wird stets eine mindestens 90-prozentige

betriebliche Nutzung unterstellt.

Das gilt auch, wenn der Gesellschafter-

Geschäftsführer als Angestellter einen

Firmenwagen nutzen darf.

9

Betriebs- oder Privatvermögen?

Selbstständige können einen

Pkw ihrem umsatzsteuerlichen

Unternehmensvermögen zuordnen,

den Pkw jedoch ertragsteuerlich im

Privatvermögen belassen. Die Vorteile:

Das Finanzamt gewährt den vollen Vorsteuerabzug

aus dem Kaufpreis, vorausgesetzt,

dass der Selbstständige zum

Vorsteuerabzug berechtigt ist. Es muss

kein Privatanteil versteuert werden. Für

betriebliche Fahrten können Betriebsausgaben

abgezogen werden. Beim

Verkauf des Pkw sind Gewinne nicht zu

versteuern. Einziger Wermutstropfen:

Wenn das Finanzamt die Vorsteuer aus

dem Kaufpreis erstattet, wird für die Privatnutzung

Umsatzsteuer fällig.

Fahrtenbuch I: Entdeckt der Prüfer nur kleinere Fehler im Fahrtenbuch, darf er

deshalb nicht das ganze Fahrtenbuch als unwirksam abstempeln (BFH, Urteil vom

10. April 2008, Az.: VI R 38/06).

Fahrtenbuch II. Ein elektronisches Fahrtenbuch darf im Nachhinein nicht mehr

änderbar sein. Wer sein Fahrtenbuch mit Excel erstellt, hat deshalb ein steuerlich

unwirksames Fahrtenbuch geführt. Das Finanzamt wendet in diesem Fall die

Ein-Prozent-Regelung an oder schätzt die Privatnutzung.

Minijob: Auch Mini-Jobbern darf der Arbeitgeber einen Firmenwagen zur Verfügung

stellen, ohne dass diese ihre Privilegien verlieren.

51


Finanzen & Steuern

Tochtergesellschaften

In vielen verbundenen Unternehmen

haben leitende Angestellte wie Techniker,

Produktionsleiter, Marketing- und

Vertriebsleiter gute Chancen, aus einem

Angestelltenverhältnis zum Geschäftsführer

eines Teilbereichs bestellt zu

werden. Das geschieht häufi g bei der

Übernahme eines Unternehmens in

den Konzern. Der Vorteil: Damit ist sichergestellt,

dass der Geschäftsbereich

kontinuierlich weitergeführt wird. Für

den ehemaligen Angestellten bedeutet

dies zwar in der Regel eine Aufwertung

seines berufl ichen Status, aber es gibt

viele vertragliche Risiken.

Auf den Vertrag kommt es an

Der Geschäftsführer der Tochter-

GmbH wird von den Gesellschaftern

bestellt. Damit ist er gesetzlicher Vertreter

der Gesellschaft. Er allein handelt

im Außenverhältnis rechtsverbindlich

für die Gesellschaft. Unabhängig von

seiner Organstellung im Konzern gibt

es verschiedene Möglichkeiten, den Geschäftsführer

vertraglich einzubinden:

1. Der Geschäftsführer ist als (Leitender)

Angestellter der Konzern-Obergesellschaft

tätig und wird im Rahmen

seines Anstellungsvertrags mit der

Geschäftsführung der Tochtergesellschaft

beauftragt.

GMBH-CHEF

Diener vieler Herren

Der Geschäftsführer steht zwischen vielen Fronten. Besonders kritisch wird es

aber, wenn er als Chef einer Tochtergesellschaft abwägen muss zwischen dem Konzern-

interesse und den strengen gesetzlichen Vorgaben. VON LOTHAR VOLKELT

2. Der Geschäftsführer wird im Rahmen

seines bestehenden Anstellungsvertrags

mit der Tochtergesellschaft

zusätzlich mit der Führung der Geschäfte

der Tochtergesellschaft beauftragt.

3. Der Geschäftsführer kann aber auch

auf der Grundlage eines Anstellungsvertrags

mit einem Drittunternehmen

als Geschäftsführer der Tochtergesellschaft

tätig werden.

4. Der Geschäftsführer wird auf der

Grundlage des Geschäftsführer-Anstellungsvertrags

tätig, der mit der

Tochtergesellschaft abgeschlossen

wird.

Wird der Geschäftsführer im Rahmen

eines bestehenden Vertragsverhältnisses

bestellt, wie in den drei ersten

Fällen beschrieben, ist die Stellung des

Geschäftsführers einigermaßen sicher.

Vorteil: Wenn die Tochter-GmbH verkauft

oder der Betrieb eingestellt wird

und der Geschäftsführer deswegen abberufen

werden muss, bleibt sein bestehendes

Angestelltenverhältnis davon

unberührt.

Anders ist die Rechtslage, wenn der Geschäftsführer

auf der Grundlage eines

mit der GmbH (oder der GmbH & Co.

KG) abgeschlossenen Geschäftsführer-

Anstellungsvertrags tätig wird. Wird

der Geschäftsführer dann von seinem

Amt abberufen, führt das in der Regel

auch zur Kündigung des Vertrags. Er

trägt also das wirtschaftliche Risiko der

GmbH mit.

ProFirma rät: Um dies zu vermeiden, ist

er gut beraten, wenn er mit der Konzern-

Obergesellschaft vereinbart, dass ein

vorher bestehendes Arbeitsverhältnis

weiter besteht oder nach Beendigung des

Geschäftsführer-Anstellungsvertrags

wieder „aufl ebt“.

Stimmt das Vertragswerk, sind die Voraussetzungen

für eine Zusammenarbeit

recht gut. Aber längst nicht alle

Vorkommnisse und Eventualitäten

lassen sich in einem ausgetüftelten Vertragswerk

regeln. Gerade in mittelständischen

Konzernen im Familienbesitz

basiert die erfolgreiche Zusammenarbeit

auf ganz anderen, in der Regel

„weichen“ Faktoren. Folgende Anforderungen

an Fremdgeschäftsführer stehen

ganz oben:

> Fachkenntnisse und Fachkompetenz,

> Branchenkenntnisse,

> Sozialkompetenz,

> Loyalität und Integrität.

Doch auch wenn der Geschäftsführer

der Tochter-GmbH im Konzern nur wie

ein (weisungsgebundener) Arbeitnehmer

agieren kann, ist er der nach außen

verantwortliche Geschäftsführer dieser

GmbH. Das betrifft die gesellschafts-

52 ProFirma 05 2011


Einer gegen alle: Geschäftsführer müssen die unterschiedlichen Interessen aller Mitspieler

im Umkreis der Firma genau abwägen.

Checkliste: Pfl ichten des Geschäftsführers

Auszahlung

von Stammkapital

Erwerb eigener

Anteile

Wirtschaftliche

Krise

Falsche

Angaben

ProFirma 05 2011

Der Geschäftsführer ist verantwortlich dafür, dass das Vermögen, das zur Erhaltung des

Stammkapitals erforderlich ist, nicht an die Gesellschafter – also auch nicht an die

Konzern-Obergesellschaft – ausgezahlt wird. Auszahlungen sind nur zulässig, solange das

Reinvermögen der Gesellschaft (Summe der Aktiva minus Fremdkapital plus Rückstellungen)

größer ist als die ausgewiesene Stammkapitalziffer. Bei einem Verstoß entsteht eine Rückzahlungsverpfl

ichtung des Gesellschafters. Unter Umständen haftet der Geschäftsführer persönlich

– dann muss er die ausgezahlten Beträge an die GmbH aus seinem Privatvermögen

zurückerstatten. Das ist der Fall, wenn die Gesellschafter die Auszahlung wegen Vermögenslosigkeit

oder einer privaten Insolvenz nicht zurückgeben können.

Der Geschäftsführer ist außerdem verantwortlich dafür, dass die GmbH keine eigenen

Geschäftsanteile erwirbt, auf die die Einlagen nicht vollständig eingezahlt sind. Außerdem

ist zu beachten, dass der erworbene Anteil nicht aus eigenen Mitteln der Gesellschaft wie

offene Rücklagen gezahlt wird.

Der Geschäftsführer haftet für Zahlungen, die nach Vorliegen eines Insolvenzgrunds

(Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit, Überschuldung) geleistet werden.

Diese Ersatzpfl icht entsteht unabhängig davon, ob ein konkreter Schaden entsteht. Ausnahme:

Er kann nachweisen, dass die Zahlung nicht zu einer Masseschmälerung geführt hat.

Eine persönliche Haftung des Geschäftsführers entsteht auch bei der Gründung oder Eintragung

der GmbH. Macht der Geschäftsführer hierzu falsche Angaben, kann er mit seinem

privaten Vermögen zur Haftung herangezogen werden. Häufi gster Fall in der Praxis: Fehlerhafte

Angaben zu den eingezahlten Einlagen. Sind diese nicht in der angegebenen Höhe

geleistet oder werden diese im engen zeitlichen Zusammenhang (sechs Monate) an die

Gesellschafter zurückgezahlt, dann haftet der Geschäftsführer für die fehlerhaften Angaben.

rechtlichen Verpfl ichtungen gegenüber

der GmbH und den Gesellschaftern

(gemäß GmbH-Gesetz), aber auch

alle hoheitlichen Pfl ichten, die er zu

erfüllen hat (Handelsrecht, Steuerrecht,

Sozialversicherungsrecht).

Besonders wichtig ist die aktive Teilnahme

des Geschäftsführers der

Tochter-GmbH im Falle der wirtschaftlichen

Krise. Hier ist die vor allem die

Drei-Wochen-Frist zu beachten mit

den entsprechenden Haftungsfolgen.

Dabei muss der Geschäftsführer darauf

achten, dass er an allen Entscheidungen

beteiligt ist. Gegebenenfalls muss er

sich beim Steuerberater zusätzlich

informieren und absichern, wenn beispielsweise

eine Fortführungsprognose

erstellt wird.

Gesetzliche Verantwortlichkeit

und Treuepfl icht bleiben

Daneben muss der Geschäftsführer

zahlreiche kaufmännische und handelsrechtliche

Verpfl ichtungen beachten.

Außerdem unterliegt der (Gesellschafter-)

Geschäftsführer einem weit reichenden

Gebot zur Treuepfl icht gegenüber

„seiner“ GmbH. Die Treuepfl icht

verlangt von ihm, dass er alles tun muss,

um den Gegenstand und Zweck der Gesellschaft

zu fördern, und alles unterlassen

muss, was dem Gegenstand und

Zweck der Gesellschaft schadet.

Eine schuldhafte Treuepfl ichtverletzung

führt zu einem Schadensersatzanspruch.

Dieser besteht gegenüber

der Gesellschaft. Beispiele für Treuepfl

ichtverstöße gegenüber der eigenen

GmbH sind: Untätigkeit, Unterlassen

von Geschäften, mangelhafte Ausführung

von Geschäften oder Geschäfte

auf eigene Rechnung im Gegenstand

der GmbH (Verstoß gegen das Wettbewerbsverbot).

Und schlussendlich:

Der Geschäftsführer im Konzern ist

„Organ“ der Gesellschaft – und damit

zuständig dafür, dass er seine Rechte

und Pfl ichten aus dem für ihn geltenden

GmbH-Gesetz kennt und befolgt. Das

wird immer dann zum Problem, wenn

die Eigentümer besondere Weisungen

erteilen oder Aufgaben zentral für alle

Unternehmensteile erledigt werden.

53


IT & Investition – Energieversorgung

Smart Grid

Das Netz der Zukunft

Intelligente Stromnetze, sogenannte Smart Grids, sichern die Energieversorgung der

Zukunft. Klar ist: Der durchschnittliche Strompreis wird steigen. Aber wer seinen Ver-

brauch steuern oder Energie speichern kann, wird weniger zahlen. VON GERLINDE KÜSEL

Wenn die Sonne scheint, speist Markus Reitberger Strom ins

örtliche Niederspannungsnetz ein. Der Inhaber der Reitberger

Energietechnik betreibt seit zehn Jahren eine Photovoltaikanlage

auf dem Dach seines Firmengebäudes in Starnberg und

ergänzt damit die Stromproduktion der großen konventionellen

Kraftwerke. „Schon heute deckt Solarstrom im Sommer,

speziell zur Mittagszeit, einen wesentlichen Teil des

Bedarfs“, sagt Reitberger. Laut der Deutschen Gesellschaft für

Sonnenenergie produzieren erneuerbare Energien insgesamt

derzeit rund 16 Prozent des in Deutschland verbrauchten

Stroms.

In seiner jüngsten Novelle sieht das Energieeinspeisungsgesetz

(EEG) 2009 vor, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der

„Die Netze sind nicht auf Tausende Windräder und

Solarmodule ausgelegt, die Strom einspeisen.“

PROF. DR. JÜRGEN SCHMID, FRAUNHOFER INSTITUT FÜR WINDENERGIE, KASSEL

Stromversorgung in den kommenden Jahren deutlich steigen

soll – bis 2020 auf mindestens 30 Prozent, bis 2050 sogar auf

mehr als 80 Prozent. Das stellt die Netzbetreiber vor gewaltige

Herausforderungen. Damit die Spannung im europäischen

Verbundnetz konstant bleibt, richten sich die Kraftwerksbetreiber

mit der Leistung der großen Anlagen nach dem aktuellen

Energiebedarf.

Sonne und Wind lassen sich nicht steuern

Mit den erneuerbaren Energien funktioniert das Prinzip

„Nachfrage bestimmt Angebot“ allerdings nicht mehr so zuverlässig

wie bisher. Der Grund: Die Energiegewinnung aus

Sonne und Wind lässt sich nicht so einfach steuern. Da große

Energiespeicher fehlen, müssen die Netzbetreiber den Strom

aus Wind- und Solarenergieanlagen in dem Moment ins Netz

einspeisen, in dem er erzeugt wird – egal, ob er gerade benötigt

wird oder nicht. Das führte im vergangenen Jahr sogar

dazu, dass an besonders windigen oder sonnigen Tagen so

viel Strom produziert wurde, dass die Preise an der Leipziger

Energiebörse EEX ins Negative drehten. Eine paradoxe Situation:

Um die Netze stabil zu halten, mussten die Betreiber dafür

zahlen, dass ihnen jemand die Energie abnahm. An solchen

Tagen profi tieren fl exible Verbraucher.

Eine weitere Herausforderung ist die immer dezentralere

Stromerzeugung. Früher gelangte Strom in einer Einbahnstraße

von den großen konventionellen Kraftwerken über

die Übertragungs- und Verteilnetze

bis zum Verbraucher. Künftig werden

immer mehr kleine Erzeuger Strom

produzieren. Privatleute, aber auch Unternehmen,

die Solarmodule und lokale

Kleinstkraftwerke zur Abdeckung des

eigenen Basis-Energiebedarfs nutzen

und – je nach Bedarf – entweder aus dem

Netz zukaufen oder ins Netz abgeben.

„Für die Netze ist auch der zusätzliche Stromtransport eine

enorme Belastung, weil sie nicht für Tausende von Windrädern

im Norden Deutschlands und Millionen von Solarmodulen

ausgelegt sind, die ihren Strom einspeisen“, sagt Prof. Dr.

Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer Instituts für Windenergie

und Energiesystemtechnik IWES in Kassel.

Die Experten sind sich einig: Damit das Stromnetz funktionstüchtig

bleibt, muss es für das anbrechende Ökostrom-

Zeitalter umgebaut werden. „Die Netzbetreiber brauchen vor

allem neue Steuerungsinstrumente für die Kraftwerkseinsatzplanung“,

erklärt Schmid. Die Lösung ist das Stromnetz der

Zukunft. In einem Smart Grid sind sämtliche Komponenten,

Anlagen und Geräte, die für die Erzeugung, Speicherung, das

Netzmanagement und den Verbrauch von Energie benötigt

54 ProFirma 05 2011


Umspannwerke und Transformatoren spielen in der Stromverteilungs-Infrastruktur eine entscheidende Rolle: Sie sorgen für die richtige Spannung.

ProFirma 05 2011

55


IT & Investition – Energieversorgung

werden, intelligent miteinander vernetzt. „Auf diese Weise

können auch kleine Erzeuger oder Verbraucher Tarifi nformationen

beziehen und ihre Produktion oder den Verbrauch

steuern“, erläutert Julia Benkert von der B.A.U.M. Consult

GmbH in München.

Sechs Modellregionen entwickeln

Wie das in der Praxis funktionieren kann, wird in Deutschland

im Rahmen des Technologieförderprojekts „E-Energy

– IKT-basiertes Energiesystem der Zukunft“ erforscht, das

Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium im Jahr

2008 gestartet haben. In sechs Modellregionen mit jeweils eigenem

Schwerpunkt werden Technologien, Marktrollen, Tarif-

und Geschäftsmodelle entwickelt und erprobt.

In Aachen wird beispielsweise untersucht, ob sich intelligente

Stromzähler (sogenannte Smart Meter), die seit Anfang 2010

für Neubauten und grundsanierte Gebäude vorgeschrieben

sind, zu einer Art Energiezentrale weiterentwickeln lassen.

Auf diese Weise sollen Haushalts- und Bürogeräte selbsttätig

in die Lage versetzt werden, Strom primär dann zu verbrauchen,

wenn er gerade besonders günstig ist.

In der Smart-Energy-Region Cuxhaven wiederum arbeiten

IT-, Umwelt- und Energieexperten des Projekts E-Telligence

an der Entwicklung eines komplexen Regelsystems, um die

hohe Volatilität bei der Windenergieerzeugung durch eine

intelligente Verbrauchssteuerung und die Verschiebung von

Lasten auszubalancieren.

Neben Haushaltskunden nehmen in Cuxhaven auch regionale

Gewerbebetriebe an dem Modellversuch teil: Die Cuxhavener

Kühlhaus GmbH beispielsweise kühlt ihre Räume bevorzugt

dann, wenn viel Windenergie zur Verfügung steht. Auf diese

Weise erzeugt das Unternehmen einen Kältepuffer von bis zu

drei Grad, von dem es zehrt, wenn der Strompreis am Markt

hoch ist. „In dieser Zeit schalten wir unsere Kühlaggregate ab,

zumindest solange die Temperatur nicht über den kritischen

Wert von minus 21 Grad steigt“, berichtet Geschäftsführer

Axel Stahlbuck. In dem 4.500 Quadratmeter großen Kühlraum

beträgt der Kälteverlust etwa ein Grad pro Tag. „Der

Puffer reicht also maximal drei Tage“, so Stahlbuck.

Windprognosen für die Börse

Netzinvestitionen der deutschen Stromversorger

Milliarden

Euro

5,0

4,0

3,0

2,0

1,0

2,7

Damit gewerbliche Verbraucher wissen, welcher Strom gerade

fl ießt und wie viel er kostet, verknüpft Energieversorger

EWE Windprognosen des Dienstleisters Energy und Meteo

Systems aus Oldenburg mit den Daten aus seinem regionalen

Energiehandel und überträgt die Informationen zu Tarif und

Energieart über das örtliche DSL-Netz an die Anlagensteuerung.

„Anhand der präzisen Windprognosen können wir

auf die Viertelstunde genau sagen, wann wie viel Strom aus

Windenergie im Netz sein wird“, erläutert Volker Diebel, Konzernsprecher

bei der EWE AG in Oldenburg.

Überschüssige Windenergie wird in der Modellregion Cuxhaven

auf einem virtuellen Energiemarktplatz angeboten,

der nach einer erfolgreichen Testphase Mitte Januar offi ziell

Quellen: BDEW, BNetzA; Stand: 12/2010

Trotz der seit einigen Jahren wieder steigenden Investitionen in die Netzinfrastruktur gilt: Für ein modernes Stromnetz, mit dem auch

erneuerbare Energien effi zient genutzt werden können, ist ein Vielfaches der derzeitigen jährlichen Investitionen nötig.

4,0

3,6

3,0

2,4

1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011*

*2011: Planungsstand der Unternehmen Frühjahr 2009

56 ProFirma 05 2011

2,2

Solarinverter sind die Kraftwerke der Solaranlage. Hier wird

die Sonnenenergie in Strom transformiert und anschließend

ins Netz eingespeist.

1,7

2,0

2,4

3,1

3,6


als digitale Handelsplattform für Strom gestartet ist. Jetzt erst

wird sich auch bei der Cuxhavener Kühlhaus GmbH zeigen,

ob und wie viel das Unternehmen mit der intelligenten Nutzung

spart. In der Testphase wurde nur virtuell gerechnet.

Unternehmer werden lernen müssen, mit den neuen Möglichkeiten

umzugehen. Doch gerade wenn Strom teurer wird,

zahlt es sich für sie aus, über intelligente Nutzungszeiten nachzudenken.

Erst im Februar hatte EU-Energiekommissar Günther

Oettinger angekündigt, er erwarte deutlich höhere Strompreise.

Der Grund: Der Ausbau der europaweiten Energienetze

muss fi nanziert werden. In einem von SAP veröffentlichten

Whitepaper ist von rund 200 Milliarden Euro die Rede.

Erste Ergebnisse der Feldtests in den sechs Modellregionen

zeigen, dass Privathaushalte mit einer intelligenten Energienutzung

im Zusammenspiel mit dynamischen Tarifen etwa

20 Prozent ihrer Stromkosten sparen könnten. Dafür müssten

sie jedoch erst einmal in intelligent vernetzte Hausgeräte investieren,

was sich derzeit – rein monetär betrachtet – noch

nicht lohnt. „Erst über neue Marktrollen, Tarifstrukturen und

Geschäftsmodelle entsteht der Nutzen für die privaten und gewerblichen

Verbraucher“, sagt Julia Benkert von der B.A.U.M.

Consult GmbH in München.

In der Cuxhavener Modellregion gibt es bereits einen „Event-

Tarif“, der Infos über einen besonders günstigen Strompreis

auf ein Smartphone der Versuchsteilnehmer schickt. Auch für

Unternehmen wird es künftig wohl deutlich mehr und zeitlich

gestaffelte Tarife geben. Seit Anfang 2011 sind die Energieversorger

sogar verpfl ichtet, variable Strompreise anzubieten

(EnWG § 40,3). „Die Tarifstruktur wird sich in jedem Fall

ändern“, sagt EWE-Sprecher Diebel.

Eine Schlüsselrolle bei Smart Grid spielen Technologien und

Verfahren, die uns aus dem Internet und dem Telekommunikationssektor

vertraut sind: SIM-Karten beispielsweise,

die nicht nur SMS zwischen Handys hin- und herschicken

können, sondern auch Datenpakete zwischen Maschinen

und Anlagen; Software, die Daten in Echtzeit auswertet und

Steuersignale über das mobile oder kabelgebundene Internet

weiterleitet; Smartphone-Apps, die Haushaltskunden informieren,

wann der Strom gerade besonders günstig ist und es

sich lohnt, die Waschmaschine anzuschalten.

Die Industrie erforscht außerdem weitere Möglichkeiten zur

Stromspeicherung. Eine vielversprechende Lösung könnte

Wasserstoff sein, der laut EU-Forschungsprogramm als Speichermedium

für Strom aus erneuerbaren Energien grundsätzlich

geeignet ist. Auch die Automobilhersteller sind gefragt:

In den intelligenten Energienetzen der Zukunft könnte überschüssiger

Strom in Elektroautos zwischengespeichert werden.

Getankt wird, wenn die Sonne scheint. Den Fantasien

und Visionen sind kaum Grenzen gesetzt.

Dass sich auch die Unternehmen auf die veränderten Voraussetzungen

einstellen werden, steht für Markus Reitberger außer

Frage. Er erwartet sich von dem Netzausbau und der verstärkten

Nutzung erneuerbarer Energien aber vor allem eins:

„Dass ich meinen Betrieb und meinen Lebensstandard auch

langfristig zu bezahlbaren Preisen aufrechterhalten kann.“

ProFirma 05 2011

INTERVIEW

„Neues Geschäftsmodell

für KMU“

Dr. Uwe Hartmann, Vizepräsident

der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie

mit Sitz in München, zur Stromproduktion

in Deutschland.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE GERLINDE KÜSEL

Herr Dr. Hartmann, wie ist die deutsche Stromproduktion

heute organisiert?

Hartmann: Mehr als 80 Prozent des Stroms wird zentral in

den großen Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken erzeugt und

über das überregionale Verteilnetz zu den Verbrauchern

transportiert.

Nach dem Willen der Bundesregierung soll der Anteil der erneuerbaren

Energien in den kommenden Jahrzehnten steigen.

Wird das dazu führen, dass die Stromproduktion künftig

eher dezentraler wird?

Hartmann: Auf jeden Fall. Wir haben heute bereits weit mehr

als eine Million Photovoltaikanlagen in Deutschland. Deren

Leistungsvermögen entspricht in etwa der installierten Leistung

von 17 Atomkraftwerken. Wir schätzen, dass bis zum

Jahr 2020 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von

rund 50.000 Megawatt (das entspricht in etwa der Leistung

von 40 Atomkraftwerken, Anm. d. Red.) hinzukommen.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen in diesem Szenario

zukünftig?

Hartmann: Die Eigenstromverbrauchsregelung im EEG sieht

vor, dass Betreiber von Photovoltaikanlagen eine Sondervergütung

erhalten, wenn sie einen möglichst großen Anteil des

erzeugten Stroms gleich selbst verbrauchen. Da eröffnet sich

ein neues Geschäftsmodell für KMU. Die Situation wird umso

besser, je höher die konventionellen Strompreise sind.

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57


IT & Investition – Software

Büroanwendungen

Welches Offi ce ist das beste?

Microsoft dominiert mit seinen Offi ce-Anwendungen seit mehr als einem Jahrzehnt

den Weltmarkt. Inzwischen gibt es aber zahlreiche kostenfreie Alternativen fürs Büro.

Für wen lohnt sich ein Umstieg? VON JÜRGEN CHRIST

Ob für Geschäftsbriefe, Preiskalkulationen

oder Verkaufspräsentationen:

Jede Firma braucht Büroanwendungen.

Die meisten Unternehmen setzen

dabei auf Microsoft Offi ce. Es gibt jedoch

auch andere Möglichkeiten, etwa

die kostenfreie Open-Source-Software

OpenOffi ce.org, die etwa bei den beiden

Leipziger Existenzgründern Jana Schlegel

und Thomas Kujawa im Einsatz ist.

Sie hatten nach einer preisgünstigeren

Lösung anstelle von MS Offi ce gesucht,

das sie zuvor stets verwendet hatten. „Es

war keine große Umstellung“, berichtet

Thomas Kujawa, Prokurist der Familienfreund

KG, die Dienstleistungen für

Unternehmen anbietet, um Beruf und

Familie in Einklang zu bringen. „Ich

nutzte zwar bestimmte Funktionen bei

Excel, aber in der Regel arbeitet man im

Alltag ohnehin nur mit Basisfunktionen

wie Sortierung oder Formatierung.“

Bürostandard MS Offi ce

Microsoft dominiert seit der ersten

Offi ce-Version den Weltmarkt. Zu den

Büroanwendungen des Pakets, auch als

Offi ce Suite bezeichnet, gehören seit

1989, der ersten Veröffentlichung für

Apple-Computer, die Textverarbeitung

Word, die Tabellenkalkulation Excel sowie

das Präsentationsprogramm Powerpoint.

1990 erschien die erste Windows-

Variante. Auf vielen PC und Notebooks,

die bei Discountern erhältlich sind, ist

heute eine MS Offi ce-Basisversion oder

Testversion vorinstalliert.

Der Internet-Dienstleister Webmasterpro.de

ermittelte im vergangenen Jahr

mit einer neuen Methode die installierte

Büro-Software von mehr als einer Million

deutschsprachiger Internet-Nutzer.

Demnach dominiert MS Offi ce mit rund

72 Prozent den Desktop, gefolgt von

OpenOffi ce.org und Staroffi ce – aus

dem OpenOffi ce.org hervorging – mit

21,5 Prozent. Weit abgeschlagen bringen

es WordPerfect Offi ce auf 2,7 Prozent

und Apple iWork auf 1,4 Prozent.

„Der Erfolg und die Marktdominanz

„An der Position der Marktführerschaft von

Microsoft Offi ce wird sich so schnell nichts ändern.“

MICHAEL WOLF, MARKETINGBERATER, MÜNCHEN

von MS Offi ce beruhen darauf, dass

Microsoft den Markt zuerst besetzt und

auch kommunikativ tief durchdrungen

hat. Von dem daraus entstandenen

Image als Markt- und Technologieführer

profi tiert Microsoft noch heute.

„Das Geheimnis liegt eher im gefühlten

Standard. Daran wird sich so schnell

nichts ändern“, erklärt der Münchener

Marketingberater Michael Wolf. So

konnte das kostenfreie OpenOffi ce.org

2010 nur drei Prozent zulegen.

Zunehmender Beliebtheit erfreut sich

OpenOffi ce.org vor allem bei Selbstständigen

und Freiberufl ern. „Bei kleinen

Firmen ist der Umstieg wesentlich

unproblematischer, vor allem wenn das

Offi ce-Paket nur für einfache Tabellen,

Texte und Mail-Funktionen genutzt

wird“, konstatiert Manuel Schreiber, Redakteur

des Computermagazins Chip.

Anders schaue es in größeren Unternehmen

aus. „Vor einem Umstieg sollte

man nicht nur die Lizenzkosten im

58 ProFirma 05 2011

Foto: privat


Verbreitung

Offi ce-Lösungen

2010

21,5 %

OpenOffi ce, StarOffi ce ...

Quelle: Webmasterpro-Untersuchung 2010

2,7 %

WordPerfect Offi ce

ProFirma 05 2011

1,4 %

Apple iWork

Auge haben, die etwa bei Open-Source-

Lösungen wegfallen, sondern den gesamten

Migrationsprozess. Das fängt

schon bei den bereits vorhandenen Dokumenten

an. Das Unternehmen muss

prüfen, ob wichtige Makros auch in dem

Alternativprogramm funktionieren, ob

Software von Drittherstellern MS Offi

ce voraussetzen und welche Pakete die

Alternative überhaupt umfasst“, sagt

Schreiber. Weil etwa OpenOffi ce.org

keinen integrierten Mail-Client habe,

müsse zusätzlich ein E-Mail-Programm

wie Thunderbird eingerichtet werden.

Kurzfristig muss sich nach Schreibers

Ansicht ein größeres Unternehmen sogar

darauf einstellen, dass der Umstieg

wesentlich teurer wird als eine Lizenzverlängerung,

da man zum Beispiel eine

Testumgebung aufbauen und Mitarbeiter

schulen müsse. Entscheidend sei

Microsoft Offi ce

72,0 %

0,3 %

Softmaker Offi ce

0,3 %

KOffi ce 1.6

auch, ob teambasiertes Arbeiten eine

Rolle spiele. Microsoft Offi ce 2010 erlaubt

es, dass mehrere Personen gleichzeitig

eine Datei bearbeiten, zusammen

chatten, off- und online arbeiten.

Offi ce-Lösungen im Mittelstand

Der Gütersloher Familienkonzern

Westafl ex setzt seit Jahren konsequent

auf Open Source. Die Notebooks der

Außendienstmitarbeiter wurden zunächst

mit Staroffi ce und später mit

PortableOpenOffi ce.org auf USB-Sticks

ausgerüstet. „Bei den freien Handelsvertretern

konnten wir nur begrenzt

Einfl uss nehmen auf den installierten

Software-Bestand – deshalb wählten

wir PortableOpenOffi ce.org“, erklärt

Klaus Polke, Vertriebsleiter der Westafl

ex-Gruppe. Eine große Akzeptanz ge-

lang jedoch erst mit der Verteilung des

Buches „OpenOffi ce.org Espresso“ aus

dem Franzis Verlag. Jeder der knapp

200 Mitarbeiter erhielt dieses Taschenbuch

mit CD zur Nutzung in Schule, Familie

und Freizeit. Die Erstellung einer

privaten Geburtstagseinladung wurde

damit so einfach wie die Kreation eines

Werbe-Flyers im Büro. „Wir fühlen uns

pudelwohl mit OpenOffi ce.org“, so Geschäftsführer

Jan Westerbarkey.

Das Unternehmen Montanhydraulik

ging den umgekehrten Weg. Mit neun

Standorten weltweit braucht der Hersteller

von Hydraulikzylindern, -motoren

und -ventilen eine reibungslose interne

und externe Kommunikation. Bei

der Software-Lösung auf Open-Source-

Basis mussten die Mitarbeiter verschiedene

Programme einsetzen, auch fehlte

eine mobile Lösung. Montanhydraulik

ersetzte OpenOffi ce.org durch Microsoft

Offi ce Small Business 2007 mit

einem Exchange-Server, der den mobilen

Zugang zu E-Mails, Terminen und

Kontakten ermöglicht. „Es zeigte sich,

dass Messaging-Lösungen auf Linux-

Basis gar nicht so günstig waren wie angenommen“,

berichtet IT-Leiter Harald

Richter. Für die Administratoren verringerte

sich nun der Aufwand.

„Auf Probleme stoßen wir nach dem

Umstieg auf OpenOffi ce.org höchstens

beim Dokumentenaustausch mit anderen

Unternehmen, die beispielsweise

ein Original-Word einsetzen“, berichtet

der Leipziger Unternehmer Thomas

Kujawa. Anwender der verschiedenen

Offi ce-Pakete klagen im Internet häufi g

über Formatprobleme zwischen MS Offi

ce und kostenfreien Open-Source-Paketen,

aber auch unter einzelnen Offi ce-

Versionen, etwa für Mac und Windows.

Laut Microsoft sollen die Schwierigkeiten

bei Mac-Computern mit der Ende

2010 erschienenen Microsoft Offi ce

für Mac 2011 behoben sein. Gleiches

gilt bei der Implementierung des

ISO-standardisierten OOXML-Formats

bei Offi ce 2010 für Windows-Rechner.

Aber: OOXML ist zwar ein genormtes,

aber eben wieder nur ein Microsoft-eigenes

Format, das sich gegen den weitverbreiteten

„Open-Document-Format“-

Standard (ODF) für Bürodokumente

59


IT & Investition – Software

nicht durchsetzen konnte. Wie bei der

rasanten Verbreitung des Webbrowsers

Mozilla Firefox, der Microsofts Internet-

Explorer den Spitzenrang ablief, setzt

sich die weltweite Open-Source-Bewegung

mit ODF durch, was sogar Microsoft-Technikchef

Stuart McKee schon

2008 eingestehen musste.

Es sind aber nicht nur die Formate für

Texte, Tabellen oder Präsentationen, die

Anwendern den Umstieg erschweren.

„Wir bei Microsoft implementieren verabschiedete

Standards. Manche Open-

Source-Angebote verwenden Dateiformate,

die schon intensiv diskutiert

werden, aber noch nicht verabschiedet

sind“, erklärt Oliver Gronau, Direktor

der Business Group Information Worker

bei Microsoft Deutschland. Werde

ein Dokument dann abgespeichert und

auf einem anderen System wieder geöffnet,

könne das ein Grund für Inkompatibilitäten

sein, ebenso wie Makros.

Offi ce-Anwendungen im Web

Auch Google bietet mit seiner Webapplikation

„Google Docs“ scheinbar eine

Offi ce-Alternative, mit der Dokumente

unter mehreren Nutzern bearbeitet werden

können. Doch sind diese webbasierten

Lösungen, die auch Microsoft unter

der Bezeichnung „Offi ce Web Apps“

anbietet, kein Ersatz für lokal installierte

Büro-Software. „Die Offi ce Web

Apps sind keine Alternative, sondern

eine funktional reduzierte Ergänzung

der lokal installierten Vollversionen von

Offi ce 2010“, erklärt Oliver Gronau von

MEHR WISSEN ONLINE

www.profi rma.de

Weitere Informationen und Fachbeiträge

haben wir als Dossier für Sie auf

www.profi rma.de zusammengestellt.

Dort fi nden Sie unter anderem:

> Die Qual der Wahl: So fi nden Sie die

richtige Offi ce-Lösung

> Diese Möglichkeiten bietet MS Offi ce

> Fachbeitrag: Geschäftsbericht erstellen

Lesen Sie mehr unter

www.profi rma.de/knowledgeStart

Microsoft. Es gehe dabei darum, auch

unterwegs auf im Web gespeicherte

Dokumente zu greifen zu können und

sie zu aktualisieren. Gronau: „Es geht

auch etwas mehr, aber die Kunden werden

ihre Verkaufspräsentation weiterhin

am PC oder Notebook erstellen.“

Fazit: Vor einem Umstieg ist zu beachten,

welche Anwendungen überhaupt

notwendig sind und ob vorhandene und

noch benötigte Dokumente mit selbst

erstellten Makros konvertierbar sind.

Zusatzfunktionen wie das Bearbeiten

von PDF-Dokumenten bieten nur weni-

Verschiedene Offi ce-Lösungen

ge Programme, etwa das rund 400 Euro

teure WordPerfect. Weitere Optionen

stehen bevor: Zum Beispiel das neue

Open-Offi ce-Derivat LibreOffi ce. Führende

Mitglieder von OpenOffi ce.org

verließen im vorigen Herbst das Projekt

aufgrund des nachlassenden Engagements

des Software-Herstellers Oracle

und kündigten die Gründung einer

unabhängigen Stiftung an. LibreOffi ce

soll künftig in Linux-Distributionen wie

Ubuntu oder Fedora sogar OpenOffi ce.

org ablösen. Die neue Version erscheint

Anfang Mai.

Microsoft Offi ce

Der Platzhirsch: Die neue Home & Business Edition von MS Offi ce 2010 (Windows) umfasst Textverarbeitung,

Tabellenkalkulation, Präsentation und Outlook (E-Mail, Kontakte, Termine, Aufgaben) sowie

OneNotes (Informationsmanagement). Die Lizenz für einen Benutzer und zwei Installationen (auf einem

PC und Notebook) ist ab 250 Euro erhältlich. Die mobile Version von Microsoft Offi ce ist speziell für Mobiltelefone

mit Windows Mobile programmiert worden. Zum Standardumfang gehören die drei Komponenten

Word Mobile, Excel Mobile und PowerPoint Mobile. Info: offi ce.microsoft.com

OpenOffi ce.org

Der Hauptkonkurrent: Kostenfreie Open-Source-Software mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation,

Zeichnen und Datenbank. OpenOffi ce.org verwendet das standardisierte Format ODF, kann aber

auch MS Offi ce-Formate einlesen und speichern – sowie PDF-Dokumente erzeugen. Info: openoffi ce.org

LibreOffi ce

Der Frischling: Unter den Linux-Distributionen löst LibreOffi ce künftig OpenOffi ce.org ab. LibreOffi ce läuft

unter allen Betriebssystemen wie Windows, Mac OS X und Linux. Die nächste große Veröffentlichung mit

Version 3.4 soll Anfang Mai erfolgen. Im Gegensatz zu OpenOffi ce.org, das von Oracle unterstützt wird,

soll LibreOffi ce – ähnlich wie bei Mozilla Firefox – von einer Stiftung getragen werden.

Info: de.libreoffi ce.org

WordPerfect Offi ce

Für PDF-Freunde: Mit etwas mehr als 400 Euro die Alternative zu Adobe Distiller und Microsoft Offi ce.

WordPerfect, in der neuen Version bisher nur in Englisch verfügbar, bietet zusätzliche Instrumente

zur Bearbeitung von PDF-Dokumenten. Es unterstützt Microsofts OOXML-, aber auch ODF-Dokumente.

Info: corel.com

iWork

Für Apple-Fans: Ein Gegenstück zu MS Offi ce ab 79 Euro. Enthaltene Programme: Pages (Text), Numbers

(Tabellen) und Keynote (Präsentation). Mit einem Zugang zu iwork.com ist Teilen mit anderen Nutzern

möglich. Kompatibel zu MS Offi ce-Formaten und ODF.

NeoOffi ce

Für OpenOffi ce.org- und Apple-Fans: NeoOffi ce ist ein Mac-Derivat von OpenOffi ce.org mit den Eigenschaften

und dem Aussehen eines typischen Mac-Programms. NeoOffi ce Mobile erlaubt die Speicherung

der Dokumente auf sicheren Servern und erleichtert somit den Zugriff von verschiedenen Macs oder

Smartphones. Info: neooffi ce.org

Calligra Suite (vormals KOffi ce)

Für Linux-KDE-Anwender: Leistungsstarkes, kostenfreies Büro-Paket mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation,

Präsentation, Datenbank, Flussdiagramme, Editor für Vektorgrafi ken, Bildbearbeitung und Projektmanager.

Unterstützt wie OpenOffi ce.org gängige Dokumentenformate. Info: www.calligra-suite.org

PortableApps

Die mobile Open-Source-Alternative: PortableApps ist ein Paket mit mehreren Programmen, darunter

auch mit den Offi ce-Paketen OpenOffi ce.org und LibreOffi ce. Eine Installation ist nicht erforderlich, die

Programme können direkt vom USB-Stick gestartet werden. Info: portableapps.com/de

Google Documents

Mobile Ergänzung fürs Team: Mit dieser rein webbasierten und kostenfreien Variante können Nutzer

Texte, Tabellen, Präsentationen, Zeichnungen und Galerien erstellen und mit anderen Internet-Nutzern

teilen. Die Dokumente können anschließend im ODF- oder Microsoft-Format, aber auch als PDF heruntergeladen

werden. Info: docs.google.com

Tipps zum Arbeiten mit MS Offi ce und OpenOffi ce.org: offi cewissen.net

Übersicht über alle derzeitigen Offi ce-Pakete: de.wikipedia.org/wiki/Offi ce-Paket

60 ProFirma 05 2011


Die Online-Messe für CRM-Software.

Veranstaltungsort:

Picknickdecke

Veranstaltungszeit:

Montag, 17:20 Uhr

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über CRM-Software wissen wollten. Schnell, aktuell und kostenlos!


IT & Investition – Kolumne

Cole's Corner

Digitale Kleinstaaterei

Neulich hatte ich mal wieder den historischen Weltatlas in der

Hand und habe mit leichtem Schmunzeln die Deutschlandkarte

von 1795 betrachtet, als es mehr als 300 Kleinfürstentümer

gab, was aussah wie ein ziemlich bunter Flickenteppich.

Das ist zum Glück ja längst Geschichte, aber wenn wir Pech

haben, droht so etwas Ähnliches im Internet.

Das globale Netz verspricht grenzenlose Kommunikation,

und das gilt ganz besonders für das Thema Cloud Computing:

Statt meine Daten auf der heimischen Festplatte abzulegen,

soll ich sie demnächst irgendwo auf fremden Servern speichern,

wo sie von einem „Provider“ sicher verwahrt und mir

bei Bedarf jederzeit und an jedem Ort der Erde zur Verfügung

gestellt werden. Gerade mittelständische Firmen versprechen

sich von der Computer-Wolke riesige Kostenvorteile, denn sie

müssen nicht mehr selbst teure IT-Abteilungen unterhalten,

sich dauernd um Updates und Backups kümmern und ständig

Angst haben, dass beim nächsten Hochwasser der Serverraum

im Keller vollläuft – so wie seinerzeit in Dresden, als Tausende

von Computern in den Fluten der Elbe versanken.

Doch die Cloud-Provider haben wohl die Rechnung ohne den

Wirt gemacht, sprich ohne die Datenschützer. In Europa gilt

nämlich die europäische Datenschutzrichtlinie von 1995. Und

da steht explizit drin, dass personenbezogene Daten nicht das

Gebiet der EU verlassen dürfen. Wenn doch, dann drohen

Geldstrafen von bis zu 300.000 Euro.

Das alles beweist nur, dass dem angeblich so „grenzenlosen

Internet“ in Wirklichkeit doch zum Teil recht enge Grenzen

gesetzt sind. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“,

hat mir neulich der Chef des Bundesamts für Informationssicherheit

(BSI), Michael Hange, gesagt, als ich ihn bei einer

Pressekonferenz nach der grenzenlosen Online-Freiheit

Von Tim Cole

Tim Cole Der IT-Journalist und Chefredakteur

mehrerer Elektronikzeitschriften

ist ein gefragter Autor und Redner zum

Thema E-Commerce.

Info: www.cole.de

fragte. Und das ist andererseits ja auch irgendwie beruhigend.

Das wissen natürlich auch die Cloud-Betreiber, und einige haben

auch schon reagiert, wie ich neulich in einem Vortrag von

Amazon gehört habe. Dort hat man das Problem auf sehr elegante

Art und Weise gelöst, indem man einfach eine zweite,

nämlich eine europäische Cloud geschaffen hat. Sie wird von

Dublin aus betrieben, und Amazon garantiert seinen Kunden,

dass die Daten niemals die Grenzen Europas verlassen. Der

Referent hat auch erklärt, wie das geht, aber das war mir, ehrlich

gesagt, viel zu hoch. Es geht dabei um Dinge wie „regionale

IP-Adressen“ und anderes, aber im Grunde kann mir das

als Kunde ja völlig wurscht sein, Hauptsache Amazon gibt mir

schriftlich, dass alles rechtskonform ist und nichts schiefgehen

kann.

Aber wenn Europa seine eigene Cloud bekommt, was ist dann

mit anderen Ländern, deren Rechtssystem anders gestrickt ist

als das unsere? China zum Beispiel oder Russland? Neulich

ging die Nachricht durch die Gazetten, dass die indische Regierung

vom Blackberry-Hersteller RIM einen „Nachschlüssel“

verlangt, damit die dortigen Behörden auf den verschlüsselten

Datenverkehr zugreifen können, der über diese Geräte

läuft – und zwar wann immer der indische Staatsanwalt das

will. Was, wenn die Inder auf die Idee kommen, eine eigene

Cloud zu verlangen?

Und was, wenn erst die richtig exotischen Länder nachziehen:

Diktaturen in Nordafrika, Monarchien auf der arabischen

Halbinsel – oder gar landwirtschaftlich geprägte, infrastrukturell

kaum erschlossene Gebiete unter Verwaltungsaufsicht.

Bayern zum Beispiel. Was machen wir denn, wenn der Freistaat

seine Mia-san-mia-Mentalität auch im Netz beweisen

will? Eine Wolke in weiß-blau?

62 ProFirma 05 2011


Klein & kompakt

DER LEXMARK C792DE ist ein zuverlässiger

Farblaserdrucker für mittelgroße Arbeitsgruppen,

der ein stabiles Design mit einer

herausragenden Medienhandhabung verbindet.

Der 10,9 Zentimeter große, intuitive

Farb-Touchscreen sorgt für eine einfache

Bedienbarkeit. Durch vorinstallierte Anwendungslösungen

von Lexmark lassen

sich Arbeitsprozesse erheblich vereinfachen.

Weiterer Pluspunkt: Die ergiebige

Druckkassette schafft bis zu 20.000 Seiten.

Der Preis: ab 1.491 Euro. www.lexmark.de

Gut & günstig

ProFirma 05 2011

Zuverlässig zu Papier

DER DELL 2155CDN ist die preiswerte Variante für kleine Unternehmen

und Arbeitsgruppen. Das praktische All-in-One-Gerät

meistert den schnellen Farbdruck genauso wie Kopieren, Faxen

und Scannen. Der automatische, beidseitige Duplexdruck

hilft dabei, Druckkosten zu sparen. Die fortschrittliche Farblaser-Drucktechnologie

liefert Farbdrucke in hoher Qualität.

Mit der automatischen Farbraum- und Bildkorrektur lassen

sich klare Grafi ken, Texte und Fotos in natürlichen Farben erzeugen.

Bei der Kontrolle der niedrigen Druckkosten pro Seite

unterstützt die Software ColourTrack 2.1, mit der auch

der Benutzerzugriff auf Farbdruckfunktionen gesteuert wird.

Der Preis: ab 636 Euro. www.dell.de

Schnell & produktiv

DER HP LASERJET P4015 ist ein

leistungsstarker Schwarzweiß-

Drucker mit umfangreichen

Sicherheitsfunktionen, hoher

Druckgeschwindigkeit (bis 50

Seiten pro Minute) und fl exibler

Kapazitätserweiterung über verschiedene Ausgabeoptionen.

Dank der Instant-on-Technologie entfallen lange Wartezeiten,

was die Produktivität von Arbeitsgruppen erhöht. Abgerundet

wird das Profi l durch einen leistungsfähigen 540-MHz-

Prozessor und verschiedene Erweiterungsmöglichkeiten.

Der Preis: ab 879 Euro. www.hp.com

Fotos: Hersteller

63


IT & Investition – Transport und Logistik

Kontraktlogistik

Schneller, höher, weiter

Logistikprozesse verschlingen oftmals mehr als zehn Prozent der Herstellungskosten

der meisten Produkte. Um Kosten zu sparen, lagern immer mehr Unternehmen interne

Abläufe an Kontraktlogistiker aus. VON HEINZ SIEBOLD

Logistikfi rmen übernehmen heute mehr als den reinen Warentransport.

Die meisten Männer in der Produktion

des Automobilzulieferers Vibracoustic

in Neuenburg tragen blau. Sie stehen

an ihren Maschinen und nehmen kaum

Notiz von den etwa 35 grün gekleideten

Männern und dem kleinen Bähnlein, das

zwischen Produktionshalle und Lager

hin und her fährt. Selbst wenn der Routenzug,

so der offi zielle Name, direkt

an ihrem Arbeitsplatz hält und einer

der emsigen grünen Helfer Teile ablädt,

unterbrechen die Vibracoustic-Männer

ihre Arbeit kaum einmal. Das müssen

sie auch nicht, denn was sie brauchen,

wird prompt angeliefert – von den Mitarbeitern

eines externen Logistikunternehmens.

Nicht nur die Portionierung

der zu montierenden Teile, sondern

auch die Verpackung und das Herrichten

der Gebinde von Fertigprodukten

für den Versand an die jeweilige Autofabrik

übernimmt der Dienstleister.

„Wir haben die komplette interne Logistik

unseres Kunden übernommen

und optimiert“, sagt Daniel Wiesler.

Er ist Geschäftsführer der KD-Project-

Consulting, einem Tochterunternehmen

der Dischinger-Gruppe aus Ehrenkirchen

bei Freiburg. Wieslers Aufgabe

ist es, die Logistikprobleme seiner Kunden

zu beheben und Prozesse zu optimieren.

Bei der Freudenberg-Tochter

Vibracoustic sieht das so aus: Dischingers

KD-Project-Consulting hat mit

dem Automobilzulieferer nicht nur die

Wege der an- und ausgelieferten Teile

bis zur Laderampe analysiert und optimiert,

sondern auch die internen Pfade

zwischen dem Lager und den einzelnen

Montageschritten.

Die Arbeitssicherheit verbessern

Begonnen hat die Zusammenarbeit

vor etwas mehr als zehn Jahren, als

Vibracoustic die Logistik ausschrieb.

Natürlich mit dem klaren Ziel, einen

ordentlichen Block von 20 Prozent der

bisherigen Logistikkosten einzusparen.

Aber auch, „um sich auf die Kernkompetenz

zu konzentrieren“, betont

Roland Lampp, Logistikleiter des Vibracoustic-Werks

in Neuenburg. „Wir

wollten vor allem den Staplerverkehr

aus der Produktion heraus haben, um

die Arbeitssicherheit zu verbessern.“

Neben der Kosteneinsparung stand

privat

auch die Qualitätsverbesserung auf Fotos:

64 ProFirma 05 2011


der Agenda. Vor allem die Fehlerquote

sollte reduziert werden, denn diese

wirkt sich bei einem Zulieferer auf die

Zertifi zierung aus – und darauf achten

Hersteller. „Wir haben zunächst einmal

Wildwuchs beseitigt und die verschiedenen

Lieferstationen im Werksgelände

auf einen einzigen Flaschenhals konzentriert“,

erklärt Florian Hofmann,

der KD-Projektleiter vor Ort. „Dadurch

haben wir mehr Transparenz geschaffen

und die Qualität der logistischen

Bewegungen verbessert.“ Die Reklamationen

über fehlgeleitete Sendungen

seien dadurch radikal zurückgegangen.

Mit der Einführung eines Staplerleitsystems

wurden außerdem viele Wege

eingespart. Früher waren die Staplerfahrer

pro Schicht viereinhalb Kilometer

unterwegs, heute legen die Fahrer

nicht einmal die Hälfte der Strecke zurück.

Diese Effi zienz macht sich direkt

bezahlt: Während früher 25 Stapler bei

Vibracoustic im Einsatz waren, sind

es heute nur noch 20. Bei einem Preis

von rund 30.000 Euro pro Gerät ist das

ProFirma 05 2011

NÜTZLICHE ADRESSEN

UND KONTAKTE

Bundesvereinigung Logistik:

www.bvl.de

DSLV Deutscher Speditions-

und Logistikverband:

dslv.org

Bundesverband Güterkraftverkehr

Logistik und Entsorgung (BGL):

www.bgl-ev.de/web/daten/index.

htm

Fraunhofer-Arbeitsgruppe für

Supply Chain Services SCS

www.scs.fraunhofer.de/

ein Posten, bei dem sich Einsparungen

deutlich lohnen.

Der Kunde ist zufrieden – und denkt bereits

weiter: „Was in Neuenburg derzeit

als Modellprojekt durchgeführt wird,

soll überall bei Vibracoustic Standard

werden“, sagt Logistikleiter Lampp. 80

Prozent der Vulkanisierung und ein

großer Teil der Montagelinien werden

bereits stündlich durch den Routenzug

versorgt. „Wir wollen alle Arbeitsplätze

einbinden“, sagt Lampp. Gestapelte

Teile und Produkte, Stapler und Hebezeug

soll es in der Produktion nicht

mehr geben, der Werker soll sich dann

nur noch um seine Maschinen kümmern.

Das Modellprojekt soll

zum Standard werden

„Logistik ist weitaus mehr als Transport“,

sagt Karlhubert Dischinger, Chef

der Dischinger Gruppe. Vor 130 Jahren

als Fuhrunternehmen mit Pferdewagen

gegründet, ist das Unternehmen mit seinen

500 Mitarbeitern an sieben Standorten

heute auch am bundesweit tätigen,

mittelständischen Logistiknetzwerk

„Dialog“ beteiligt. Auch wenn Karawanen

und Postkutschen modernen

KONTRAKTLOGISTIK –

WAS BRINGT MIR DAS?

Vor allem Zulieferbetriebe in der Industrie,

aber auch Lebensmittelhersteller,

Fleischereien, Süßwarenhersteller,

Winzergenossenschaften oder

Weingüter haben die Distribution ihrer

Produkte ganz oder teilweise an

Logistikdienstleister vergeben; man

spricht dabei von Kontraktlogistik.

Falls der Vertrag auch die interne Logistik

des produzierenden Unternehmens

umfasst, leitet der Produzent

die eingehenden Bestellungen sofort

an seinen Dienstleister weiter, der

sich dann um alle weiteren Schritte

kümmert: Verpacken, Kommissionieren,

Transportieren und eventuell

Umpacken (z.B. für den Einzelhandel).

Der wichtigste Grund für viele Unternehmen,

ihre Logistikprozesse auszulagern,

sind die Kosten. Versierte Logistikdienstleister

können bestimmte

Tätigkeiten aufgrund ihrer Erfahrung

und ihrer Ressourcen (zum Beispiel

Lager- und Transportkapazitäten, aber

auch geschulte Mitarbeiter) effi zienter

und damit günstiger ausführen.

„Langfristige Erfolge durch robuste

Logistikstrategien“ – Ein Forum

für Inhaber, Geschäftsführer und

Logistiker aus mittelständischen

Firmen.

www.bvl.de/mfm/

Information-und-Programm Florian Hofmann (links) und Daniel Wiesler von der KD-Project-Consulting optimieren für ihre

Kunden auch die unternehmensinternen Fahrwege, etwa mit Gabelstaplern.

65


IT & Investition – Transport und Logistik

Jede einzelne Maßnahme zum Spritsparen bringt nur wenige Prozent Verbesserung, aber

in der Gesamtheit lassen sich die Kosten deutlich senken.

Maßnahme Treibstoffreduktion Zusätzliche Erklärungen

Fahrpersonalschulungen 3-9 % Um dauerhaft positive Effekte zu erzielen,

sollten die Trainings mit einem Kontrollund

Anreizsystem verbunden werden

Entschleunigung 5 %

(bei Herabsetzen von

88 auf 83 km/h)

Start-Stopp-Automatik 5-15 %

(im Stadtverkehr)

Automatisierte Schaltgetriebe 2-8 %

Leichtlaufreifen 3 %

Reifendruck (Überprüfung

und Überwachungssystem)

3 %

Aerodynamikpaket/

Sattelzugmaschine

Aerodynamikmaßnahmen

für Sattelanhänger

Anpassung der Motorkennfelder

an den Einsatzzweck

(Chiptuning)

Einsatz von Telematiksystemen

5 %

5-7 %

2-10 %

5 %

Quelle: Bundesvereinigúng Logistik Treibstoffreduktion in der Logistik

Verkehrsmitteln gewichen sind, die

Herausforderungen sind die gleichen

wie früher: Es geht darum, Transporte

günstiger, schneller und effi zienter zu

machen. Allerdings längst nicht mehr

nur „ab Werk“, sondern entlang der

gesamten „Supply Chain“, der Prozess-

oder Wertschöpfungskette, die beim

Rohstoff beginnt und beim Kunden endet.

Egal, ob es sich um ein Auto handelt

oder um eine Tafel Schokolade.

In Ehrenkirchen hat der Dienstleister

Dischinger vor einigen Jahren große

Lagerhallen errichtet, in denen für Hersteller

und Händler von Lebensmitteln,

Automobilzulieferer und andere Auftraggeber

auf- und umgeladen, zwischengelagert

und sogar umgepackt

wird. Das Unternehmen bekommt

und verteilt Ware von Winzergenossenschaften,

Weingütern, Metzgereien,

Keks- und Pizzaherstellern, Sektkellereien

und Spirituosenbrennern. Auch

verderbliche Lebensmittel, die während

der gesamten Transport- und Lagerdauer

eine bestimmte Temperatur halten

Konsequente Nutzung des Überwachungssystems

ist Voraussetzung, um positive

Effekte zu erzielen, Leichtlauföle

2,5 % Treibstoffreduktion

Etwa 39 % des Kraftstoffverbrauchs auf

ebener Strecke bei 85 km/h sind auf den

Luftwiderstand zurückzuführen.

Seitenvollverkleidung, Radkappen,

Heckdiffusor etc.

Optimierung der Disposition, Vermeidung

von Leerfahrten, Erhöhung der Auslastung,

Stauumfahrung etc.

müssen, sind dabei. Hinzu kommt die

Herausforderung, immer genau dann

an der richtigen Stelle sein zu müssen,

wenn der Kunde die Ware braucht.

Denn Lagerhaltung gibt es – aus Kostengründen

– bei vielen Unternehmen

nicht mehr. Die logistischen Herausforderungen

sind gewaltig – Grund genug,

sie Profi s zu überlassen.

„Kosten sparen, schnell sein, immer genau

so viel an einem bestimmten Platz

haben wie sie brauchen“, zählt Karlhubert

Dischinger zu den entscheidenden

Kriterien für einen guten Logistikdienstleister.

Und Partner sein. Wobei

„Partnerschaft“ nicht als „der Partner

schafft“ missverstanden werden dürfe,

„Win-Win“ nicht so, dass einer doppelt

gewinne und der andere nichts.

Die Erfahrungen aus der Vibracoustic-

Umstellung hat Dischinger auch bei der

Einführung eines „Just-in-Sequence“-

Lieferkonzepts für den amerikanischen

Automobilzulieferer Johnson Control

genutzt. Der amerikanische Konzern

mit weltweit 140.000 Mitarbeitern an

1.300 Standorten stellt in Neuenburg

unter anderem Autositze her, die zu

den Peugeot-Citroen (PSA)-Standorten

im Elsass geliefert werden. Auch hier

ist der Dienstleister vollständig für

die Transportlogistik verantwortlich:

Der Wareneingang von 40 Lieferanten

muss entladen und bedarfsgerecht an

die Produktionsbänder gebracht werden;

immer im Takt der Fertigung zwischen

sechs Uhr morgens und zwei Uhr

nachts, 325 Tage im Jahr. Die fertigen

Fahrzeugsitze – rund 235.000 Stück

pro Jahr – bringt Dischinger mit einem

eigens entwickelten Aufl ieger über den

Rhein nach Sochaux und Mulhouse.

Größeres Ladevolumen

Dass auch dieser Kunde sich von einem

Mittelständler überzeugen ließ, liegt

wesentlich an der Transportlösung, mit

der das Logistikunternehmen ins Rennen

ging: Statt wie sonst üblich in zwei

Ebenen, kann der neuartige Aufl ieger,

den das Unternehmen verwendet, dank

einer ausgeklügelten Fördertechnik in

drei Ebenen Autositze unterbringen.

Der Spareffekt der neuen Methode ist

eindeutig berechenbar: Der Dischinger-

Aufl ieger fasst 66 statt 48 Gebinde, was

einem um 37 Prozent größerem Ladevolumen

entspricht.

Die Folge: Wartungs-, Sprit- und Personalkosten

sinken. Im Prinzip ist die

pfi ffi ge Lösung beim sogenannten Tri-

Deck ganz einfach, man muss nur darauf

kommen: Durch Einzelrad- anstelle

der üblichen Achsaufhängung und die

außen angebrachten Antriebsmotoren

der Fördertechnik wurde im Inneren

des Anhängers Platz für die dritte Ebene

geschaffen. Der Preis: 100.000 Euro pro

Stück. Weitere 150.000 Euro sind in die

Entwicklung und Installation spezieller

Software und Telematik gefl ossen, die

für effi ziente Organisation, Transparenz

und Sicherheit sorgen. Gelohnt hat

es sich trotzdem: Allein die Spritkosten

– durch die geringere Zahl der Fahrten

– sind pro Jahr um einen sechsstelligen

Betrag niedriger als zuvor. Von der Bundesvereinigung

Logistik wurde das neue

Aufl iegerkonzept mit dem „Logistic-

Service-Award“ ausgezeichnet.

66 ProFirma 05 2011


Foto: privat

ProFirma 05 2011

INTERVIEW

„Jede Zwischenstufe kostet

Zeit und Geld“

Die Testo AG in Lenzkirch stellt High-Tech-Messgeräte her und

beliefert Kunden in aller Welt. Mit dem Logistikvorstand des Mittelständlers,

Lothar Walleser, sprach Heinz Siebold über die

Herausforderungen der Transportlogistik.

Herr Walleser, worauf kommt es in der

Transportlogistik an?

Walleser: Auf möglichst direkte Wege.

Die Waren sollten bis zum Endkunden

möglichst wenige Stationen durchlaufen.

Jede Zwischenstufe kostet Zeit und

Geld und bedeutet ein Risiko.

Woher bekommt der Testo-Kunde seine

Ware?

Walleser: Wenn er in Europa sitzt, meist

direkt von Lenzkirch. Wir haben den Versand

im Prinzip hier zentralisiert, wir pro-

duzieren auch die meisten Geräte hier.

Nur der chinesische Markt wird von unserem

dortigen Standort aus beliefert.

Wie gelangen die Teile zur Produktion in

Lenzkirch?

Walleser: Wir haben für einen Großteil

der Produktteile kein zentrales Materiallager

mehr. Die unterschiedlichen Teile

werden direkt in die Produktion an die

einzelnen Fertigungsinseln geliefert, wo

sie weiterverarbeitet werden. Die erforderlichen

Mengen werden automatisiert

beim Lieferanten bestellt.

Wo liegen die logistischen Herausforderungen?

Walleser: Wir haben rund 1.200 verkaufsfähige

Gerätevarianten, viele davon

konfi gurieren wir individuell für den

Kunden. Bei dieser hohen Produktvielfalt

liegt die Herausforderung nicht in

einer möglichst geringen Lagerhaltung,

sondern darin, immer schnell reagieren

und ausliefern zu können.

Die neue Einteilung des Aufl iegers in

drei Ebenen vergrößerte das vorherige

Ladevolumen um 50 Prozent. Das sparte

Zeit und viel Geld.

TRANSPORTLOGISTIK

IN ZAHLEN

Das Logistikgewerbe ist keine sauber

abgrenzbare eigenständige Branche

und wird in keiner amtlichen Statistik

geführt. Die Bundesvereinigung

Logistik stützt sich auf Zahlen der Arbeitsgruppe

für Supply-Chain-Services

(SCS) des Fraunhofer Instituts in Nürnberg,

das die Studie „Die Top 100 der

Logistik“ führt. Demnach liegt die

Zahl der Mitarbeiter in logistischen

Arbeitsbereichen in Deutschland seit

2004 stabil bei rund 2,6 Millionen.

Der Umsatz hat sich im gleichen Zeitraum

von 170 auf 210 Milliarden Euro

im Jahr 2010 erhöht. Logistikkosten

haben durchschnittlich einen Anteil

zwischen 10 und 15 Prozent am Preis

des Endprodukts. Der Bundesverband

Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung

(BGL) meldete zum 1. Januar

dieses Jahres 51.292 Unternehmen im

gewerblichen Güterkraftverkehr mit

581.000 Beschäftigten. Mehr als die

Hälfte der Unternehmen haben weniger

als sechs Mitarbeiter, nur vier

Prozent mehr als 50. Auf den Straßen

sind etwa 700.000 Fahrzeuge mit

etwa einer Million Tonnen Ladekapazität

unterwegs.

67


Business English

Busy does not equal organised

According to some sources, we tend to

confuse being organised with appearing

constantly busy – as if we were following

a carefully conceived work programme,

all day long. But this is clearly an error

in judgement. Before jealously eyeing

the colleague next to us who seems to

be in an industrious frenzy of activity

most of the time, we should perhaps

consider a few basic principles which

form the foundation of good, solid time

management.

Start analysing

Even though it might feel that you are

adding to your workload, advocates of

time management encourage activity

analysis or activity logs to assess how

Business English

Zeit ist Geld

Get ahead of your time! *

Zeit ist ein wertvolles Gut im berufl ichen Leben ebenso wie im privaten. Der englische Wortschatz kennt

viele Begriffe rund um die Themen Zeiteinteilung, Ressourcenmanagement und Selbstorganisation.

Mit der Serie „Business English“ können Chefs

jede Aufgabe souverän in perfektem English lösen!

Business-English bietet Ihnen die ideale Kombination

aus Informationen, Mustervorlagen, Arbeitshilfen,

Experten-Know-how und Lernspaß für ein

fehlerfreies English im Job. Verbessern Sie Ihre

Fähigkeiten, Präsentationen, Verhandlungen und

Meetings in englischer Sprache erfolgreich zu gestalten.

much time you spend doing certain

tasks. This might be a shock at fi rst.

Writing down how long you spend answering

emails (and how often you do

so, perhaps midway through another

unrelated task) could be an eye-opener.

Once this is done, it is time to consider

some strategies to change periods of ineffectively

used time.

Four ways to make time work

Let’s start with a brief overview of four

possible approaches to time management.

These have been developed since

time management became a buzzword

in the late seventies in most corporate

settings. They range in character from

last minute scheduling to active integration

of time management principles into

workfl ow. In the fi rst category, a system

of reminders lets the user know that something

has to be done. The second approach

goes one step further and advocates

using planning and preparation;

the third makes use of prioritizing and

controlling tools; and lastly, being effi cient

and proactive form the most advanced

approach. Each approach could be

assessed for its relevance to a particular

project and used accordingly.

Lektion 15

things to do written on post-its stuck all

over their computer? The key is how to

write the schedule so that it becomes a

tool. There are two basic models which

appear in most time management environments:

the Pareto analysis and the

ABC analysis.

Pareto analysis

This tool for analysing tasks, which was

observed by the American industrialist

Joseph M. Juran and named after the

Italian economist Vilfred Pareto in the

1940s, states that 80 % of tasks can be

done in 20 % of the time available. It

will take up the rest of the time to do

the remaining work, so the theory goes.

This implies that there are a few things

which are vital to do and many things

which are trivial. It almost goes without

saying that the art lies in distinguishing

between the two.

Vocabulary

Pareto analysis Pareto-Prinzip

Tools for time management

procrastination Aufschub, Verzögerung

Exklusiv für ProFirma-Leser:

Haufe business-english professional

für Leser der Profi rma mit kostenlosem

4-Wochen-Test. Mehr Informationen unter:

www.business-english.de/profi rma

We have already mentioned that activity

logs can help analyse how our time is

spent. What other tools are there? Naturally,

work schedules play an important

part. But that does not sound very

sophisticated – who doesn’t have lists of

to acknowledge anerkennen, zugeben

justifi able gerechtfertigt

mediocre mittelmäßig

to overcome überwinden

* Get ahead of your time! ist ein Wortspiel auf

‘to be ahead of your time’ = seiner Zeit voraus sein

68 ProFirma 05 2011

ProFirma

Serie

to eye so./sth. beobachten

advocate Befürworter/Verfechter

eye-opener etw., das einen zum

Staunen bringt

buzzword Modewort


ABC analysis

Similarly, the ABC analysis works on

a three-tiered principle where tasks in

category A are of high importance, B

less so and C least of all. Neither analysis

suggests that there are tasks which are

not worth doing; but inevitably, we put

off doing the ones we do not enjoy until

last regardless of their priority because

we are only human. And that’s where

the word procrastination comes in.

Procrastination

Technically, procrastination refers to

putting off something unpleasant which

has to be done. The causes behind it are

surprisingly diverse. People are certainly

not machines and sometimes, we

just do not feel like doing something.

However, it is just as common that we

do not feel competent enough to carry

out a task and we are unsure where to

fi nd help. Other causes could be that the

task is personally irrelevant to us, especially

if the task is imposed on us from

another department; we simply don’t

understand what we are being asked to

do or we are afraid of making a mistake

(closely linked to being a perfectionist).

Communication, it would seem, is a

major key to time management.

Simple solutions?

There are no quick routes here. Acknowledging

that we have good days

and bad days is progressive rather than

an excuse! We all have different peak

work hours and conditions and failing

to take these into account might result

in many ineffective hours sat trying to

ProFirma 05 2011

slog through a diffi cult task. Knowing

your energy levels at different times of

the day is likely to help avoid this. A

little self-analysis is likely to go a long

way too. Ask yourself the following

questions:

Do you…

> hope that a task will disappear if you

ignore it long enough?

> take lots of fi les home at the weekend

to deal with without opening them,

just to return on Monday with a guilty

conscience? (Despite the fact that you

turned down an invitation to a party

on Saturday and played computer

games instead?)

> spend hours substituting one task

for another?

> believe that many small delays are

justifi able?

> believe that mediocre performance

is acceptable?

> become paralysed by indecision

where to start on your workload and

so go and make a coffee instead?

Conclusion

By imagining yourself in the scenarios

above, you might help yourself overcome

time management killers and be

able to take steps in planning more effectively.

In summary, this involves breaking

down the task into segments, being honest

about how much time is required

for each segment (and readjust for future

planning if you miscalculate).

And remembering that you need moti-

EXERCISE: TIME IDIOMS

Each sentence contains a time idiom.

The meaning can be guessed by the

rest of the sentence. Can you translate

the idioms into German?

1) We got there just in the nick

of time. Another minute and

she’d have passed out.

2) „How was your New Year?”

„Oh, we had a whale of a time.

The party was great.”

3) I don’t want to rush. Can’t we

just slow down and take our

time?

4) Excuse me, do you have the

time? I don’t have a watch on.

5) I’m a late starter in my job. I

have to make up for lost time.

6) Although John says he likes

Jenny, I don’t have much time

for her.

7) Long time no see! It’s been

ages! How are you?

8) When Simon forgot to phone

that client, Jill gave him a really

hard time.

9) Well, that’s all for the time

being. I’ll be off then.

10) About time! Where were you?

11) A: How are you? Still looking

for a new job?

B: Nothing yet. I‘m just biding

my time.

12) I thought they were a happy

couple but apparently she’s

two-timing him.

13) Everyone please stop writing

now! The time is up!

vation and no one can keep going on a

task they see as unnecessary.

Finally, it might be worth considering C.

Northcote Parkinson‘s words, a British

scholar (1909-1993) who stated that

“work expands to fi ll the time available

for its completion”, otherwise known

as Parkinson‘s Law. There is certainly

more than a grain of truth there!

S. 70 Small Talk, S. 71 Kreuzworträtsel

Answers Exercise: 11. gerade rechtzeitig, 2. sich großartig amüsieren, 3. sich Zeit lassen, 4. die Uhrzeit „haben“, 5. die Zeit einholen, 6. jmd. nicht leiden können,

7. Lange nicht gesehen! 8. jmd. das Leben schwer machen, 9. vorläufi g, vorübergehend, 10. Das wird aber auch Zeit!, 11. den richtigen Augenblick abwarten,

12. den Partner betrügen, 13. Die Zeit ist abgelaufen.

69


Business English

Personen beschreiben

Small Talk: Talking about others

Personen anschaulich zu beschreiben, zählt zur hohen Kunst im Gebrauch einer Fremdsprache.

Bei vielen Gelegenheiten im Small Talk kommt Ihnen ein ausgefeiltes Vokabular auf diesem Gebiet zugute.

General physical descriptions

“Ah ha!” you think. “I’ll ask Colin to describe

himself next time I chat to him.”

What a great idea! The result is, you hear

the following:

Don’t worry mate, I’ll fi nd you! But as

you’re worried, well, I guess I’m sort

of middling to tall, not exactly a Brad

Pitt lookalike, more of a Vinny Jones

really, and I’m a keen rugby player if

that tells you anything.

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Als Experte sind Sie im internationalen

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Downloads und Trainings.

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It doesn’t really, does it? Would you

be able to spot this person in a crowded

coffee bar? Probably not. So it can

be rather useful to be able to give brief

personal descriptions, whether of yourself

or another person, in various situations.

Your British business partner could

have given the following description:

Well, I’m sure we’ll fi nd each other,

but OK, just in case: I’m 35, around

6 foot tall - that’s just over 1.8 metres

– quite a solid build, short, curly dark

hair, brown eyes, a bit of a tan from

my last holiday. I’ve been described

as tough-looking, but I think that’s

due to the scar through my left eyebrow

that I got playing rugby!

Now you might stand a chance of getting

together with this person!

If you’re in the position of doing the describing,

use a mental checklist to include

whichever of the points below you

think are most important:

Height: tall, short, shortish, middling/

medium height

Hair colour: black, dark, darkish, blonde,

blondish, strawberry blonde, auburn,

red, ginger, grey, greying, white,

salt and pepper

Hair length/style: long, shoulderlength,

short, bald, crew cut, straight, curly,

wavy, streaked, plaited/braided, up,

shaved, fringe/bangs

Facial hair: beard, moustache, goatee,

sideburns, stubble, clean-shaven

Age: young, middle-aged, old, elderly,

teenager, youthful, well-preserved, in

(your) 20s/30s/40s/50s

Facial shape/complexion: round,

square, heart-shaped, oval, long, dimpled,

clear, wrinkled, freckled, reddish,

rosy, olive, dark, tanned, pale, scarred

Eyes: brown, black, blue, light, dark, ha-

Vocabulary

(the adjectives listed in this article describing

people are not given here – use a good

dictionary or online dictionary to check words

you are not sure of)

scar Narbe

checklist Prüfl iste

fringe/bangs Pony

particulars die Einzelheiten

to chat klönen

to fl esh out ausarbeiten

the bare bones das Wesentliche

attitude Einstellung, Verhalten

zel, green, grey, almond-shaped, round,

narrow

Nose: straight, Roman, up-tilted, broad

Mouth: narrow, broad, wide, rose-bud

Build: heavy, full, plump, slight, average,

slim, skinny, muscular, well-built

You may also want to add some details

of clothing if appropriate, or jewellery

and any other noticeable particulars

such as tattoos/piercings.

Describing character/personality

If you are chatting to someone and describing

a third person, you will probably

want to describe their character/personality

in some detail too; after all, this

is what people usually want to know

about others once they have an idea of

appearance: is the person nice, friendly,

hard-working, approachable …

You could have a mental checklist when

it comes to describing character or personality,

helping you to fl esh out the

bare bones of a description.

Describing intellect: intelligent, wise,

bright, shrewd, quick, clever, smart,

intellectual, brainy, talented, creative,

gifted, fl exible, good at, not so good at,

dumb, slow

70 ProFirma 05 2011


Describing attitudes to others: sociable,

outgoing, extroverted, empathetic,

easy-going, even-tempered, gentle, patient,

loyal, honest, reliable, trustworthy,

generous, dependable, fair, polite, courteous,

unreliable, introverted, arrogant,

aggressive, impolite, rude, diffi dent,

awkward, selfi sh, shy, mean

Die Autoren: Lucy Renner Jones und Anita Duncan

CROSSWORD PUZZLE

1 2 3 4

5 6

12

14 15

19

Across:

2. something that is diffi cult to do

5. make stronger

7. short form of advertisement

10. a place for terminally ill

people to spend their last days

12. characteristics

17. saying things that are clever

but not well thought out

18. short form of advertisement

19. naughty or rude but still

amusing

20. a synonym for „diffi cult“

ProFirma 05 2011

11

18

Describing attitudes to life in general:

optimistic, tolerant, sunny disposition,

happy, calm, tranquil, modest, sensitive,

curious, ambitious, daring, courageous,

brave, fearless, helpful, practical,

pragmatic, relaxed, tense, pessimistic,

careful, worried, inquisitive, nosy.

Now, it shouldn’t be a problem any more

to describe your business partners.

10

8 9

16 17

20

13

Answers: Across: 2. challenging, 5. reinforce, 7. ad, 10. hospice, 12. particulars, 17. glib, 18. advert, 19. cheeky, 20. tricky

Down: 1. abrupt, 3. hone, 4. grab, 6. outgoing, 8. oodles, 9. sparingly, 11. drawbacks, 13. habit, 14. depict, 15. convey, 16. draft

Down:

1. short and brusque almost to the point of being rude

3. improve on a skill

4. take in an abrupt way

6. a person who has no problems talking to others,

even to strangers

8. lots

9. to use something with care

11. negative factors

13. something you do in the same way regularly

14. show in picture form

15. a synonym for “give“

16. not the fi nished written product


Rückschau & Termine

START

Von der Idee zum

erfolgreichen Unternehmen

Am 6. und 7. Mai fi ndet in Nürnberg die nächste Ausgabe der Start-

Messe statt. Sie bietet Gründern und jungen Unternehmen an zwei

Tagen eine Plattform für Informationen und Kontakte rund um

die erfolgreiche Selbstständigkeit. Neben den Ausstellern – von

Sparkassen und Finanzdienstleistern über Franchise-Anbieter bis

hin zu Beratungsunternehmen und Weiterbildungseinrichtungen

– geben vor allen Dingen die Vorträge in den verschiedenen Foren

viele Anregungen und wertvolle Informationen.

Die Themenpalette ist breit gefächert. So gibt es unter anderem

Basisinformationen zum Business-Plan und zur Vorbereitung

des Bankgesprächs, aber auch speziellere Vorträge zum Thema

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für junge Unternehmen sowie

Online- und Offl ine-Networking am Beispiel von Xing, Facebook

und Co. Außerdem sind auch Unternehmer vor Ort, die von ihren

Erfahrungen berichten, wie man eine Firma erfolgreich führt.

Weitere Informationen über die Start-Messe unter

www.start-messe.de

TERMINE

6. Mai – 7. Mai 2011

Start-Messe, Nürnberg

www.start-messe.de

10. Mai – 13. Mai 2011

Transport Logistic, München

www.transportlogistic.de

8. Juni – 10. Juni 2011

Intersolar, München

www.intersolar.de

L-Bank erweitert

Förderrahmen

Die L-Bank in Karlsruhe hat ihre Förderung

für Existenzgründer und Übernehmer ausgebaut:

Am 1. April erhöhte sie die Obergrenze

für Finanzierungen über Mikrokredite

von zwei auf zehn Millionen Euro.

Außerdem soll die neu konzipierte „Startfi -

nanzierung 80“ zukünftig Finanzierungen

bis 100.000 Euro abdecken. Das Programm

schließt eine 80-prozentige Risikoentlastung

der Hausbank durch die Bürgschaftsbank

ein.

Bei der Startfi nanzierung wurde außerdem

die Kredituntergrenze von 2.500 Euro abgeschafft.

Das ist insbesondere für Dienstleistungsunternehmen

wichtig, die in der

Regel wenig Startkapital benötigen. Darüber

hinaus wurden neue Varianten bei den

Laufzeiten, tilgungsfreien Jahren und Zinsbindungen

eingeführt.

Die endfällige Variante ist besonders für

Gründer ab etwa 50 Jahren attraktiv: Es ist

möglich, beispielsweise eine Lebensversicherung

zur Tilgung einzusetzen. Die verschiedenen

Darlehensvarianten bieten die

Möglichkeit, auf die unterschiedlichsten

Finanzierungsanlässe und -konstellationen

passgenau einzugehen. Die Erhöhung der

Obergrenze im Rahmen der Mikrokreditfi

nanzierung schafft vor allem bei Unternehmensnachfolgen

zusätzlichen Finanzie-

Start-Messe

rungsspielraum. Foto:

72 ProFirma 05 2011


Vorschau 06.2011

Titelthema: Von der Öko-Bilanz

Nachhaltigkeit, umweltfreundliches Produzieren und Ökostrom sind nicht erst

seit der jüngsten Atomdebatte ein wichtiges Thema in vielen Unternehmen. In

unserer Titelgeschichte gehen wir der Frage nach, ob ökologisches Bewusstsein

tatsächlich mehr bringt als ein gutes Gewissen. Schlägt der Imagegewinn auch

eine Brücke zu einer besseren Bilanz? Würdigen Kunden und Geschäftspartner

guten Willen und vorbildliches Handeln? Firmenbeispiele geben Aufschluss.

IMPRESSUM

Redaktion:

Dieter Römer (Chefredakteur)

E-Mail: Dieter.Roemer@ProFirma.de

Paul Lauer (Redakteur)

E-Mail: Paul.Lauer@ProFirma.de

Christoph Lorenz (Redakteur)

E-Mail: Christoph.Lorenz@profi rma.de

Hans-Walter Neunzig (Redakteur)

E-Mail: Hans-Walter.Neunzig@ProFirma.de

Gabi Reuys (Assistentin)

E-Mail: Gabi.Reuys@ProFirma.de

Telefon 07 61/89 83 031, Fax 07 61/89 83 112

Hausadresse der Redaktion:

Haufe-Lexware GmbH & Co. KG

Munzingerstr. 9, 79111 Freiburg

Autoren dieser Ausgabe:

M. Bahnerth, Prof. M. Beck, J. Christ, T. Cole, A.

Duncan, U. Felger, M. Hofmann, G. Hopmeier, G.

Küsel, E. Neuthinger, B. Peymani, L. Renner Jones,

H. Siebold, O. Weiss, L. Volkelt, B. Weller,

Grafi k: Hanjo Tews

ProFirma 05 2011

Anzeigen-Verkauf:

Bernd Junker (Anzeigenleitung)

Telefon 09 31/27 91 556

Oliver Cekys (Senior Key Account Manager)

Telefon 09 31/27 91 731

Thomas Horejsi (Senior Key Account Manager)

Telefon 09 31/27 91 451

Michaela Dotzler (Disposition)

Tel. 09 31/27 91 559, Fax 09 31/27 91 477

E-Mail: Anzeigen@ProFirma.de

Verbreitete Aufl age,

4. Quartal 2010: 80.244

Verkaufte Aufl age: 62.691

IVW-geprüft. ISSN 1435-6082

Abonnentenservice:

Haufe Service Center GmbH, Postfach,

79091 Freiburg

Telefon 01 80/50 50 169*, Fax 01 80/50 50 441*

E-Mail: Zeitschriften@Haufe.de

* 0,14 €/Min. aus dem dt. Festnetz, max. 0,42 €/Min. mobil.

Ein Service von dtms.

Die Ausgabe 06/2011 erscheint am 25. Mai 2011

Weitere Themen:

STRATEGIE

Entscheidungen

Innere Stimme, Bauchgefühl, Eingebung:

Es gibt viele Begriffe für die Intuition.

Zur erfolgreichen Unternehmensführung

gehört nicht allein Fachwissen.

ALTERSVORSORGE

Kein Selbstläufer

Immobilien gelten als solide Möglichkeit,

fürs Alter vorzusorgen. Doch viele Objekte

haben ihre Tücken. ProFirma sagt, was bei

Immobilien zu beachten ist.

NUTZFAHRZEUGE

Ab ins Gelände

Kraftpakete im Sondereinsatz: Was

Pick-ups und geländegängige Transporter

unter außergewöhnlichen Bedingungen

abseits der Straße leisten.

Verlag: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG

Verlagsleitung: Reiner Straub

Munzinger Straße 9, D-79111 Freiburg

www.Haufe.de

Druck: Druckerei Echter, Würzburg

Vertrieb im Handel:

SPECIAL INTEREST

Zeitschriften Distribution & Marketing GmbH

Nordendstraße 2; 64546 Mörfelden-Walldorf

Der jährliche Bezugspreis beträgt für ProFirma im Inland: 64 Euro inkl. MwSt. und Versand, im Ausland 79 Euro inkl. Versand. Das Kombi-Jahresabo ProFirma

Professional kostet im Inland 237,60 Euro inkl. MwSt. und Versand, im Ausland 252,60 Euro inkl. Versand. Bezieher der Produkte aus der „Lexware professional

line“ (9018, 9182, 9183, 9170, 9171, 9172, 9173, 9174, 8804, 9094) erhalten ProFirma im Rahmen ihres Abonnements. Für Mitglieder des Bundes der Selbständigen

(BDS) ist der Bezug im Mitgliedsbeitrag enthalten.

73


Schluss mit lustig

„Ich habe richtig gehört?“, fragte der Banker mit einem kleinen

Entsetzen im Gesicht, „Sie wollen Kühen Methangas, äh,

abzapfen und daraus Bioenergie machen? Und dafür wollen

Sie einen Kredit von uns?“ „Genau“, antwortete H2O, „2,2

Millionen dürften reichen. Was meinen Sie, Herr Schwalbe?“

H2Os neuer Biochemiker nickte und spreizte die Finger.

„Vorerst zumindest. Als Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung

von Hirschmüller Enterprises gehe ich davon

aus, dass wir für die Entwicklung und Herstellung eines

Back-up-Systems, welches das von den Rindern ausgestoßene

Methangas direkt dort gewinnt, wo es hergestellt wird, nämlich

in den Pansen, 300.000 Euro

benötigen dürften. Die restlichen

1,9 Millionen brauchen wir für ein

Blockheizkraftwerk, in dem wir das

Gas reinigen und transformieren.“

„Meine Herren“, seufzte der Banker,

„bei allem Respekt. Sie wollen aus

Kuhfürzen Energie gewinnen? Und

dafür wollen sie 2,2 Millionen Euro.

Von uns?“ „Genau“, sagte H2O,

„aber wenn wir nach einer erfolgreichen

Anlaufphase in Deutschland

ins globale Geschäft einsteigen,

brauchen wir natürlich mehr.“

„Aha“, antwortete der Banker. „Und

wenn Ihre, äh, Idee nicht funktionieren

sollte?“ „Da kann nichts schiefgehen“, beruhigte H2O.

„In der Tat“, pfl ichtete Herr Schwalbe bei, „es handelt sich ja

zweifelsfrei um eine erneuerbare Energie. Und ganz im Gegensatz

zu Windrädern etwa greifen wir nur insofern in die

Natur ein, als dass Kühe einen Behälter auf dem Rücken tragen

und einen Schlauch in der Nase haben.“

Also“, hob der Banker an, „einmal ganz abgesehen davon,

dass Ihre Sicherheiten nicht reichen, unser Kreditrisiko abzudecken.

Ist es denn seitens des Tierschutzes vertretbar, die

Kühe so auszustatten?“ „Ich bitte Sie, Herr Meier“, sagte H2O,

„es geht hier um die Energie der Zukunft. Wir erfi nden hier

gerade die Cash cow neu, und wahrscheinlich retten wir mit

unserem Energiekonzept auch noch die Bundesregierung.

Das hat wohl, äh, Priorität.“ „Sehen Sie“, ergänzte Schwalbe,

H 2O

... geht einem Banker auf die Nerven

von Michael Bahnerth

Unternehmer Henning Hirschmüller-Oberst, H2O genannt, fährt in seinem Kreditgespräch

schwere Geschütze auf, wird aber nur mit einem Teilerfolg belohnt.

„nehmen wir Fukushima, diese entsetzliche Tragödie mit dieser

Energieform der Vergangenheit. Dagegen ist eine Kuh, die

einen Rucksack trägt, eine Petitesse.“ „Genau“, sagte H2O, „wir

haben hier die einmalige Chance, umweltfreundlich große

Mengen an Energie zu gewinnen. Sehr große. Kommt hinzu,

dass das Methan, weil wir es ja direkt abzapfen, gar nicht mehr

nach außen dringt. Wir senken den CO 2 -Ausstoß, weltweit.

Und ganz nebenbei. Wir, also Ihre Bank, Herr Schwalbe und

ich haben die Möglichkeit, ein klein wenig die Welt zu retten.“

„Tja“, hüstelte der Banker, „um ehrlich zu sein: Wir sind eine

Bank. Wir verdienen lieber Geld, als dass wir die Welt retten.

Das ist unsere Kernkompetenz.“

„Ich bitte Sie“, sagte Herr Schwalbe,

„erkennen Sie nicht die Tragweite

unsers Vorhabens? Die Möglichkeiten

für die Bank, ich sage nur

Marketing, Prestige, Positionierung

und so weiter? Die Möglichkeit,

kommenden Generationen eine anständige

Welt zu hinterlassen? Und

damit Geld zu verdienen?“ „Ja“, fuhr

H2O dazwischen, „besser hätte ich

es auch nicht formulieren können.

Was sind dagegen schon 2,2 Millionen,

Herr Meier?“ „Was ich an Tragweite

sehe, sozusagen, ist, dass Ihre

Sicherheiten nicht wirklich tragen.

Aber wir, die Bank, sind ja keine Unmenschen. In Anbetracht

Ihrer Situation sehe ich eine potenzielle Möglichkeit, Ihr Projekt

in der Größenordnung von 800.000 Euro zu kreditieren.

Aber ich muss dies natürlich noch mit der Geschäftsleitung

abklären.“

„800.000!“, schnaubte H2O, als sie draußen waren. „Was will

man?“, seufzte Schwalbe, „wären Banker mutige Visionäre,

wären sie kaum Banker geworden.“ „Ich muss meine Villa verkaufen“,

sinnierte H2O, „ich muss mit meiner Ex-Frau reden.“

„Viel Glück“, sagte Herr Schwalbe.

DIE NÄCHSTE FOLGE:

H2O versucht, seine Ex-Frau auf seine Seite zu ziehen.

74 ProFirma 05 2011

Folge 34

Illustration: Reinhold Harwath


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