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Fahren

Nacht-Schwärmer

Die Nacht ist wie gemacht für kleine und große Fluchten. Wenn die Neonsonnen

strahlen, beginnt das Herzflimmern. Projektionen, Impressionen,

auch Irritationen – die nie vorhersehbare Mischung macht jede Nachtfahrt

zu einem besonderen Erlebnis. Licht-Maschine Boxster.

Text

Elmar Brümmer

Fotografie

Uli Heckmann

Christophorus 326

Christophorus 326

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Christophorus 326

Christophorus 326

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Guten Abend, gut’ Nacht? Nein, dies wird kein Schlaflied, eher ein Weckruf.

Wir warnen Sie lieber gleich, diese Geschichte irrlichtert ganz bewusst.Wer

mit auf die Fahrt zwischen Hell und Dunkel geht, ist nicht verloren

– er hat sogar gute Chancen, sich selbst zu finden. Die Nacht ist eine

ewige Spirale, der Boxster dient als willkommener Beschleuniger für die

Herausforderungen, die jenseits der Dämmerung liegen.

Gedanklich nehmen wir die Spur von Eileen Gray auf, einer Irin von erlesenem

Geschmack, die ihre Inspiration aus Spritztouren im Sportwagen

durch das nächtliche Paris bezog, einen schwarzen Panther als Beschützer

für den Großstadtdschungel neben sich. Die Architektur der Nacht hatte

Einfluss auf ihre Entwürfe, die von Klarheit bestimmt sind. Aller Ballast

blieb im Dunkeln auf der Strecke.

Der Spaß am Autofahren hat natürlich etwas mit Stimmungen zu tun.

Heute stellen wir GPS-System, uns selbst und die Nacht in Frage: Muss

denn alles ein Ziel haben? Navi aus, Gedanken an. Vielmehr leiten uns Beobachtungen,

auch die Gefühle. „Ich habe die Seele der Stadt entblättert“,

beschrieb der New Yorker Fotograf Weegee seine Arbeit, die er hauptsächlich

nachts verrichtete. Der Mann wurde berühmt mit seinen Schwarz-

Weiß-Bildern aus dem Leben. Er hat einfach die Augen und die Linse aufgemacht.

Alles bekommt eine gesteigerteWirkung in der Nacht. Man muss

sich nur darauf einlassen. Merke: Träume wollen gelebt werden. Die Nacht

in der Stadt besitzt dazu ein einmaliges Patent, sie erfindet sich immer

wieder aufs Neue. Um nach der blauen Stunde nicht den Blues zu bekommen,

muss man sich nur vergegenwärtigen, dass die Nacht, die vor einem

liegt, keine Garantie für ihre Versprechen gibt. Sie zeigt nur Möglichkeiten.

Die Dunkelziffer bleibt hoch.

Das Licht malt uns die Nacht aus. Und schon sind wir mitten drin in der

schillernden Entkräftung des Vorurteils, dass nachts alle Katzen grau sind.

Die Nacht hat einfach nur andere Farben. Und ist garantiert nichts für

Schwarzseher. Das Kaleidoskop der kräftigen Blautöne, die sich aus dem

zarten Rosa der Dämmerung mischen. Es gibt wenig Betörenderes, und

dennoch ist es bloß ein optisches Vorspiel für das Geheimnisvolle.

Wir kennen noch nicht die Adressen, zu denen uns 3,4 Liter Hubraum

treiben lassen, aber wir wollen voran. Denn Nacht hat viel mit Sehnsucht zu

tun. Das ist nichts für notorische Schwarzseher. Sondern für alle, deren

Seele gern Überstunden macht, um ganz bewusst dem Zauber der Nacht zu

verfallen. Den glühenden Verehrern der Theorie, dass die Nacht Flügel verleiht.

Ein Drittel seines Lebens verschläft der Mensch ohnehin. Deshalb gilt

es die Entdeckermentalität wecken, die in uns allen wohnt. Die Dunkelheit

ist ein Kontinent, der durchquert werden will. Wenig wirkt so verlockend

wie eine Serie grüner Ampeln über einem nächtlichen Boulevard. A

„Neon Tigers“

Kleine Bettlektüre zu Asiens Megastädten

Bangkok, Kuala Lumpur, Hongkong, Shanghai, Jakarta, Singapur und

Shenzhen verschmelzen in den großformatigen Farbfotografien von

Peter Bialobrzeski zu einer einzigen virtuellen Megastadt – echte Momentaufnahmen

des urbanen Wachstums, die aber nicht mehr als reale Welt

wahrgenommen werden. Ein preisgekröntes Werk.

Hatje Cantz Verlag, 2004, 112 Seiten, ISBN 3-7757-1394-8, Euro 39,80


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City-Lights:

Die besten Reviere für Nachtschwärmer – von der Rennbahn bis zum Observatorium

HONGKONG

Im Happy Valley der Stadt suchen die Nachtschwärmer ihr

Glück – auf dem Rücken der Pferde. Dort ist der 1884

gegründete Hong Kong Jockey Club zu Hause, die Nachtrennen

zwischen den steilen Tribünen rund um die gleißend

beleuchtete Galopprennbahn garantieren ein volles Haus

und höchste Umsätze.

www.hkjc.com ⁄ english

Lediglich der Anflug über den Lichterteppich einer Stadt hält

dieser Faszination stand. Allerdings verschafft einem das Cockpit

des eigenen Sportwagens die noch bessere Perspektive. Fahrer

können das, was dem Flugzeugpiloten verwehrt wird: eintauchen

in die City, jede Faser erfahren. Egal, ob sie nun Stuttgart oder

Los Angeles heißt. Es gibt eben nicht nur eine Stadt auf der Welt,

die nie schläft. Aber viele, die auf einen Dialog mit Scheinwerferpaaren

warten, wie wir ihn in Rotterdam gesucht haben, begleitet

vom Night-Talk im niederländischen Rundfunk. Unsere Zwiesprache

mit Straßen und Gebäuden mag zwar stummer gewesen

sein, aber intensiver. Vielleicht fühlen sich vom Berufsverkehr befreite

Metropolen ja auch ein bisschen einsam? Typische Nachtgedanken.

Light on earth, die Illumination ist kein Zufall. Seit dem Segen der

Elektrizität ist der Wunsch gewachsen, sich ins rechte Licht zu

rücken. Stadtfein gemacht, wollen wir etwas vom großen Glanz

Christophorus 326

LOS ANGELES

Der Himmel in der Kuppel des Griffith-Observatoriums ist künstlich,

aber dafür liegt einem draußen das Universum der Lichter von

L.A. zu Füßen. Das Wahrzeichen auf dem Mount Hollywood wird im

Jahr von zwei Millionen Menschen besucht. Die meisten dürften

Filmfreunde sein, denn das Art-déco-Gebäude spielte als Kulisse

eine dramatische Rolle im James-Dean-Klassiker „Denn sie wissen

nicht, was sie tun“. www.griffithobs.org

abbekommen, oder uns spiegelnd messen. Die Zahl der Gleichgesinnten

ist groß. Wir sind Beobachter und Mitwirkende zugleich

im aktuellen Stück des großen Neontheaters. Die Nacht wird zur

Bühne, sie liefert den schwarzen Vorhang für das Schauspiel der

Farben. Jeden Abend eine neue Premiere. Ein steter Rausch der

Farben, eingefangen vom kühlen Schweif der Scheinwerfer.

Die Nighthawks, die Edward Hopper zu Ikonen gemalt hat, entfliehen

ihrem Rahmen. Schluss mit der meditativen Betrachtung,

Nachtfahrten jenseits der Müdigkeit strotzen vor Lebensfreude.

Es ist eine Reise gegen die Einsamkeit, mitten ins Leben. Mitten

in die Stadt, wo die Traumwelt real wird – und mitten ins Herz.

Die Dunkelheit erlaubt uns Fluchten. Wir sehen anders, nehmen

anders wahr. Meistens intensiver. Wenn draußen nicht mehr alles

klar erscheint, wird einem vieles klarer. Deshalb müssen trübe

Gedanken unbedingt hinter sich gelassen werden. Dunkle Seiten

entdecken muss nicht zwingend etwas Schlimmes haben. Selbst A

Christophorus 326

City-Lights:

Die besten Reviere für Nachtschwärmer – von der Safari bis zur Kiez-Tanke

SINGAPUR

Hat als asiatische Metropole natürlich einen Nachtmarkt, aber

noch spannender ist der Nacht-Zoo. Die 40 Hektar Urwald stehen

dem Großstadtdschungel in nichts nach. Mehr als 1000 Tiere

lassen sich bei der Night-Safari, an die sich ein Dinner anschließt,

in beinahe freier Wildbahn erleben. Nur geblitzt werden darf nicht –

zum Schutz der nachtaktiven Spezies.

80 Mandai Lake Road, www.zoo.com.sg

Fledermäuse sind, genauer betrachtet, einfach nur nachtaktive

Wesen. „Wie viele Städte habe ich mitten in der Nacht gesehen“,

fragt der Schriftsteller Vladimir Nabokov, um dann zu diagnostizieren:

„Die Neonlichter flackerten halb so schnell wie mein

Herz…“ Zur Nacht gehören auch Dinge, die sich rein wissenschaftlich

betrachten lassen, das Kurvenlicht zum Beispiel.

Aber verlockender noch erscheint die philosophische Betrachtung,

die keinerlei Grenzen setzt. In diesem Ungewissen liegt der

besondere Reiz. Reisen durch die Nacht geraten, ganz bewusst

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HAMBURG

Sprit bekommt man an der „Kieztanke“ direkt an Hamburgs

sündigster Meile natürlich auch. Eigentlich gibt es hier sowieso

nichts, was es nicht gibt – egal ob für Menschen oder Motoren.

Aber die meisten kommen ohnehin, um die illustre Kundschaft, ein

Querschnitt durch die ganze Gesellschaft, zu erleben. Der Andrang

ist so groß, dass die Tankstelle einen eigenen Ordnungsdienst

beschäftigt. Reeperbahn ⁄ Ecke Taubenstraße, Stadtteil St. Pauli

angetreten, zu beinahe spirituellen Erlebnissen – die zurückgelegten

Distanzen, das Tempo, die Umwege spielen keine Rolle.

Der eigene Rhythmus umso mehr.

Willkommen im Kreisverkehr der Gefühle. Auch die Choreographie

der Straße verändert sich bei Nacht. Verwischt sich wie der

Schweif der Rücklichter vor und nach einem. Alle werden zu

Glühwürmchen, deshalb sind Städte besonders anziehend, wenn

sie strahlen. Metropolen schaffen Reflexe und rufen welche hervor.

Zappenduster ist es nie. Die Inszenierungen am Straßenrand A


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gewinnen an Bedeutung, bilden einen Sicherheit gebenden Wall

aus Licht. Leuchtreklamen preisen das Leben und die Lust,

fordern korrekt zusammengezogen die Lebenslust heraus. Nacht-

Patrouille. Blenden und überblenden. Das Licht macht einem die

Nacht zum Verbündeten.

Nacht-Geschichten sind die Geschichten einer leuchtenden Bewegung.

Plastisch gemacht in der Boomtown Shanghai, wenn

sich die Schwärze zwischen den Turmbauten breitgemacht hat.

Die chronisch verstopften Highways der chinesischen Metropole

wirken plötzlich ganz anders, das Gewirr der Hochstraßen wird

– wo immer möglich – von unten blau illuminiert. Die Straßen

wirken dann wie das Geflecht von Lebensadern in einem riesigen

Körper. Fahrbahnen werden zu Blutbahnen. Phantasie-voll.

Als Nachtschwärmer im Boxster steuern wir unseren eigenen

Film, eine Breitwand hinter Sicherheitsglas. Die ganze Stadt vor

uns gerät zu einem einzigen Lichtspielhaus, auf den Leuchtspuren

von Martin Scorseses „Taxi Driver“. Nur dass unser Kreuzzug

friedlicher ist als der von Robert de Niro, aber mit einer ähnlich

rasenden Belichtungszeit. Die Nachtfahrt ist die Summe vieler

flüchtiger Momente, die Vergänglichkeit fährt immer mit. Mit

einem Schlag ist es hell. Das Gegenteil von Nachtleben wäre übrigens

Tagtod. Seltsam, nicht?

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen.

Warte, bis es dunkel wird.

B

City-Lights:

Von Chinatown ins Gericht

Christophorus 326

NEW YORK

Was die Justiz in Manhattan tagsüber an Kleindelikten nicht verhandeln

kann, wird vom Night Court in den Sälen 129 und 130 des Justizpalastes

an der Centre Street erledigt – unter reger Anteilnahme des

Publikums. Gleich um die Ecke von Chinatown werden die Urteile

zwischen 18 Uhr abends und ein Uhr morgens im Minutentakt gefällt.

Achtung: Waffenkontrolle bei den Besuchern!

100, Centre Street, www.nycourts.gov

Recherchen: Felix Krohmer

Lieder für eine gute Nacht hinterm Steuer

Für den stimmungsvollen Beginn:

BLUE, Lucinda Williams

Für den richtigen Rhythmus:

CROCKETT’S THEME, Jan Hammer

Für die Kreuzfahrt im Cabrio:

IN THE AIR TONIGHT, Phil Collins

Für Stadtneurotiker:

NEW YORK, NEW YORK,

Frank Sinatra

Für schlafwandlerische Sicherheit:

MOON RIVER, Henry Mancini

Für den Richtungsgeber:

DRIVER’S SEAT, Sniff’N’the Tears

Für Nachtsüchtige:

NIGHTFEVER, Bee Gees

Für Bewegungstalente:

TWISTIN’ THE NIGHT AWAY,

Leo Night & The Moonlighters

Für den Alltag:

NIGHTSHIFT, Commodores

Für alle, die durchhalten müssen:

ALL NIGHT LONG, Lionel Richie

Fürs Hochgefühl:

DOWNTOWN, Petula Clark

Für die Fahrt in den

Morgengrauen:

ONE OF THESE MORNINGS, Moby

Für alle, die nie genug bekommen

können:

ONE MORE NIGHT, Phil Collins

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