Biotechnologie und Globalisierung - Technikgeschichte der ETH ...

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Biotechnologie und Globalisierung - Technikgeschichte der ETH ...

Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2003 / Nr. 18

Institut für Geschichte

Technikgeschichte

Carmen Baumeler

Biotechnologie und Globalisierung:

Eine Technikfolgenabschätzung

Lizentiatsarbeit Universität Zürich. Eingereicht bei

Prof. Dr. Volker Bornschier, 1999

© beim Autor / bei der Autorin

Eidgenössische

Technische Hochschule

Zürich


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 1

Inhalt

Einleitung _________________________________________________________________ 2

1. Technikfolgenabschätzung und Technikbewertung _____________________________ 18

2. Was sind biotechnische Rohstoffsubstitutionen? _______________________________ 30

3. Das globalisierte Weltsystem ______________________________________________ 43

4. Akteure im Bereich der Biotechnologie ______________________________________ 57

5. Fallbeispiel einer biotechnischen Rohstoffsubstitution___________________________ 66

6. Die Szenariogestaltung ___________________________________________________ 74

7. Technikbewertung in einer globalisierten Welt _______________________________ 104

8. Schlussfolgerung _______________________________________________________ 110

Bibliographie_____________________________________________________________ 114

Anhang _________________________________________________________________ 124


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 2

Einleitung

„Genfood“, „Klonen“, „transgene Tiere“, „Genpharming“ und „Gentherapie“ – Wortneuschöpfungen

im Zeitalter der Gentechnologie, die in den alltäglichen Sprachgebrauch übergingen.

Auch der Name „Dolly“ wird heute eher mit einem geklonten Schaf als mit einer

Puppe in Verbindung gebracht. Die Gentechnologie ist aber nur ein Fachgebiet der

Biotechnologie. Nebst den spektakulären Manipulationen an der Desoxyribonucleinsäure

(DNS) gibt es weitere Biotechniken, denen – befreit vom ethischen Diskurs – weniger

Beachtung zukommt. Diese Biotechniken, wie zum Beispiel Enzym- oder

Gewebekulturtechniken, bergen ebenfalls ein nicht zu verachtendes Potential. Dieses

Potential soll in dieser Arbeit untersucht werden.

Die Biotechnologie gilt – ähnlich wie die Informations- und Kommunikationstechnologien –

als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Insofern werden grosse Erwartungen in diesen

Wachstumsmotor gesetzt. Die Diffusion der Informations- und Kommunikationstechnologien

rückt das Weltsystem als angemessenen Bezugsrahmen in den Vordergrund.

Neue Technologien machen nicht an nationalstaatlichen Grenzen halt: Es wird

angenommen, dass gerade der Prozess der Globalisierung auch ursächlich durch die

Informations- und Kommunikationstechnologien begründet wird. Da diese Technologien

nachweislich bereits Weltsystemstrukturen verändert haben, liegt die Frage nahe, ob auch

die Biotechnologie fähig ist, Veränderungen im – auch durch die Globalisierung geprägten –

Weltsystem hervorzurufen.

Die Biotechnologie wird in bezug auf das Weltsystem unterschiedlich diskutiert: Während

gewisse Forscher betonen, dass nur transgene Pflanzen die Ernährungssicherheit einer

ständig wachsenden Weltbevölkerung aufgrund höherer Erträge sicherstellen können

(Potrykus 1998: 15), wird der Erfindung von biotechnischen Rohstoffsubstituten weniger

Publizität zu teil: Bestimmte Biotechniken machen es möglich, tropische Rohstoffe zu

substituieren. Mittels Innovationen im Bereich der Biotechnologie ist es Firmen

industrialisierter Staaten gelungen, Agrarrohstoffe der (semi)peripheren Länder im eigenen

Labor zu substituieren und so auf dem Weltmarkt im Bereich der Exportgüter peripherer

Staaten zu konkurrenzieren.

Es stellt sich die Frage, welche Folgen eine grössere Einführung von biotechnischen

Rohstoffsubstituten im Weltsystem haben wird. Wird es aufgrund dieser neuen Technik zu

einer Aufwärts- und Abwärtsmobilität im Weltsystem kommen und wie sehen die

Verteilungseffekte aus? Das Ziel dieser Untersuchung ist folglich die Beantwortung der

Fragestellung:

„Können biotechnische Rohstoffsubstitutionen die – auch durch die Globalisierung geprägte

– Weltsystemstruktur verändern?“

In den 1970er Jahren wurde ein biotechnisches Rohstoffsubstitut entwickelt, das im darauffolgenden

Jahrzehnt zu einer ersten grösseren Substitution geführt hat: Die Erzeugung von

enzymatisch verändertem Mais als Zuckerersatz. In den USA und in Japan verdrängte der

maishaltige High Fructose Corn Syrup einen Grossteil der Zuckerimporte. Periphere Staaten,

die traditionell Zucker in diese Gebiete lieferten, hatten das Nachsehen. Seit dieser Zeit forschen

vor allem private Unternehmen an weiteren biotechnischen Rohstoffsubstituten.

Als betroffene Gruppen werden die semiperipheren und peripheren Staaten thematisiert, da

ihre Exportstruktur hauptsächlich durch Rohstoffe dominiert wird und diese Exporte durch

den Einsatz von biotechnischen Rohstoffsubstituten verdrängt werden können. Aufgrund

dieser technischen Entwicklung stellt sich die Frage, wie die Stellung (semi)peripherer

Staaten innerhalb des Weltsystems in Zukunft aussehen wird: Wird es dem Zentrum


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 3

gelingen, Rohstoffe in grossem Umfang zu substituieren? Können (semi)periphere Staaten

eventuell selbst diese Biotechniken anwenden, oder droht gewissen Staaten aufgrund ihres

Exportverlusts die Marginalisierung im Weltsystem?

Da die Forschung an Rohstoffsubstituten hochaktuell ist und bis jetzt nur einige wenige Substitutionen

bereits in die internationale Arbeitsteilung eingegriffen haben, verlagert sich die

Diskussion in die Zukunft. Diese Untersuchung versucht deshalb, die oben ausgeführte

Fragestellung mit einer Methode der Zukunftsforschung zu beantworten: mit der

Technikfolgenabschätzung.

Der Aufbau dieser Arbeit ist folgender: Nachdem eine theoretische Einführung in

soziologische Technikfolgetheorien und in die Methode der Technikfolgenabschätzung und

Technikbewertung gegeben worden ist, wird die Technikfolgenabschätzung durchgeführt.

Diese besteht aus mehreren Teilen: Nach der Darstellung der relevanten Technologie und

dem globalen Umfeld werden verschiedene Prognosen bezüglich einer möglichen

Weltsystemstrukturveränderung aufgestellt. Eine empirische Analyse versucht darauf,

besonders betroffene Länder zu identifizieren. Nachdem die Ergebnisse der

Technikfolgenabschätzung vorliegen, befasst sich die Technikbewertung mit der Frage nach

politischer Regulierung von Technikrisiken auf der globalen Ebene. Welche Akteure sind

legitimiert, in einer globalisierten Welt über die (Un)Erwünschtheit bestimmter Techniken zu

entscheiden? Die Schlussfolgerung schliesslich fasst die wichtigsten Erkenntnisse noch

einmal zusammen. Die nachfolgende Kapitelübersicht gibt detailliertere Informationen:

Das Kapitel 1 befasst sich mit soziologischen Technikfolgentheorien. Verschiedene Logiken des

Zusammenhangs zwischen neuen Techniken und ihren Folgen werden diskutiert. Auch der

Frage nach Verteilungseffekten als eine wichtige Form einer Technikfolge wird

nachgegangen.

In Kapitel 2 wird darauf die Methode der Technikfolgenabschätzung dargestellt. Sie scheint

geeignet zu sein, zukünftige Folgen einer bereits entwickelten Technik zu ermitteln: die

Technikfolgenabschätzung versucht, prospektiv und mit Instrumenten der

Zukunftsforschung mögliche Folgewirkungen ex ante zu analysieren. Die Technikbewertung

als Konzept der politischen Technikregulierung befasst sich mit der Frage der

gesellschaftlichen Antizipation und Regulation unerwünschter Folgewirkungen.

Mit Kapitel 3 beginnt die eigentliche Technikfolgenabschätzung. Dieses Kapitel bespricht die

Biotechnologie. Kann die Biotechnologie tatsächlich als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts

gelten? Verschiedene Autoren vertreten unterschiedliche Auffassungen. Im Bereich

der Landwirtschaft erhält die Biotechnologie als Substitutionsagentin epochalen Charakter.

Weiter werden die relevanten substitutiven Biotechniken identifiziert und der Begriff der

Substitution diskutiert. Zum Schluss versuche ich, alle Rohstoffe zu identifizieren, die

möglichen Substitutionsbestrebungen unterliegen und die beteiligten Forschungsorganisationen

zu benennen.

Kapitel 4 stellt die Frage nach dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem die substitutiven

Biotechniken diffundieren. Vorab erfolgt die Darstellung des Weltsystems und der ökonomischen

Globalisierung. Die politische Globalisierung wird durch die Diskussion der WTO

dargestellt: das 'Agreement on Agriculture' des GATT und die Ratifizierung des TRIPS-

Vertrags können Anreize zu vermehrten Rohstoffsubstitutionen ausüben.

In Kapitel 5 werden der Staat und die Unternehmen als relevante Akteure im Bereich der

technischen Entwicklung besprochen. Die Analyse der Bioindustrie zeigt die Vorherrschaft

von multinationalen Unternehmen in oligopolistischen Strukturen. Während im Zentrum die

Kooperation zwischen Unternehmen und dem Staat gut funktioniert, stossen

(semi)periphere Staaten auf Ineffizienzen im Bereich der biotechnologischen Forschung und


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 4

Anwendung. Verschiedene Fallbeispiele geben Auskunft. Zum Schluss folgt die Darstellung

der im Weltsystem unterschiedlich verteilten technologischen Potentiale.

Kapitel 6 zeigt anhand des Fallbeispiels der Zuckersubstitution durch den maishaltigen High

Fructose Corn Syrup HFCS in den USA und Japan den Ablauf einer Rohstoffsubstitution. Es

zeigt sich, dass erst geeignete politische Massnahmen Rohstoffsubstitutionen rentabel

werden lassen: die Variable 'politische Einflussnahme' darf bei der Fragestellung, ob

substitutive Biotechniken die Weltsystemstruktur verändern können, nicht vernachlässigt

werden.

Kapitel 7 versucht schliesslich, aus den in den Kapiteln 3 bis 6 gefundenen relevanten

Bausteinen Szenarien zu gestalten. Vier verschiedene mögliche Weltsystemtrukturveränderungen

werden diskutiert und evaluiert. Das plausibelste Szenario wird als Prognose

formuliert.

In Kapitel 8 erfolgen darauf einzelne Länderprognosen. Mittels einer empirischen Rangsummenberechnung

sollen diejenigen Länder im Weltsystem identifiziert werden, die aufgrund

ihrer ökonomischen und technischen Strukturdaten die grösste Verwundbarkeit bezüglich

biotechnischen Rohstoffsubstitutionen aufweisen.

Nachdem mit den Länderprognosen die eigentliche Technikfolgenabschätzung beendet ist,

stellt sich in Kapitel 9 die Frage, wie Technikbewertung im Prozess der Globalisierung organisiert

und demokratisiert werden könnte. Die Ermittlung möglicher Handlungsoptionen führt

mich zur Frage nach der Institutionalisierung der Technikbewertung auf internationaler

Ebene und nach der Möglichkeit der Partizipation von peripheren Staaten. Diskutiert

werden die Konzepte der 'Global Governance' und der globalen Zivilgesellschaft.

Die Schlussfolgerung in Kapitel 10 fasst die Ergebnisse dieser Arbeit schliesslich zusammen,

versucht eine Verknüpfung mit den Technikfolgetheorien in Kapitel 1 und gibt einen

Ausblick auf zukünftige Entwicklungen im Gentechbereich.


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1. Technikfolgen und die Logiken ihrer Erzeugung

Das folgende Kapitel bespricht die Wechselwirkungen zwischen Technik 1 und Gesellschaft.

Techniksoziologische Theorien befassen sich mit der Frage, ob die Technik als naturwissenschaftlich-technisches

Artefakt neutral auf gesellschaftliche Strukturen einwirkt, ob sie dem

Sachzwang ökonomischer Prinzipien folgt oder ob das Zusammenspiel zwischen Technik

und Gesellschaft durch Machtkonstellationen bestimmt wird. Auch Verteilaspekte sind von

Interesse: Ruft die Diffusion neuer Techniken im Sinne eines 'trickle down-Effekts'

vermehrten Wohlstand für alle hervor, oder werden nur einige wenige bevorzugt?

In einem ersten Schritt wird die Techniksoziologie als soziologische Teildisziplin eingeführt.

Im Hinblick auf meine Fragestellung interessieren mich vor allem soziologische Theorien

über die Entstehung von Technikfolgen. Darauf werden, ausgehend von Karl Marx,

verschiedene soziologische Techniktheorien diskutiert, die sich alle auf die eine oder andere

Weise mit der Erzeugung von Technikfolgen durch die Diffusion neuer Techniken

beschäftigen. Darauf bildet die Darstellung neuerer techniksoziologischer Ansätze den

Abschluss dieses Kapitels.

Dieses erste Kapitel stellt mit der Darstellung verschiedener soziologischer Techniktheorien

eine Klammer dar, die um die Untersuchung der Auswirkungen biotechnischer Rohstoffsubstitutionen

auf die Weltsystemstruktur gelegt wird. Am Ende dieser Arbeit wird nach der

Beantwortung der Fragestellung Rekurs auf die hier dargestellten allgemeinen

soziologischen Techniktheorien genommen.

1.1 Techniksoziologie

Technik und Soziologie – ein auf den ersten Blick ungleiches Paar. Schliesslich scheint die

Entstehung von technischen Artefakten in einem losgelösten, rational und frei von Interessen

gesteuerten Wissensbereich stattzufinden. Vielleicht führte die Techniksoziologie gerade aufgrund

dieses Eindrucks lange Zeit ein Mauerblümchendasein: Obwohl Technik in der

Soziologie niemals ein unbekannter Gegenstand war, nahm sie doch nie einen zentralen

Platz ein.

1 Es ist nicht möglich, die terminologische Trennung zwischen Technik und Technologie trennscharf zu ziehen.

Da kein allgemeingültiger interdisziplinärer Technikbegriff existiert, werden die Begriffe Technik und Technologie

vielfach synonym verwendet (beispielsweise bei Hotz-Hart/Reuter/Vock 1996: 30). Auch in der englischen

Spracfoohe wird nicht zwischen 'technic', 'technics' und 'technology' unterschieden (Zweck 1993: 7).

Eine Reduktion des Begriffes Technik auf das blosse Artefakt greift zu kurz, werden doch die sozialen Handlungszusammenhänge

der Technik weggelassen. Eine mögliche Definition, die eben diese Handlungszusammenhänge

integriert, liefert Ropohl (1981): „Technik umfasst (a) die Menge der nutzenorientierten,

künstlichen, gegenständlichen Gebilde (Artefakte); (b) die Menge menschlicher Handlungen und

Einrichtungen, in denen Artefakte entstehen; und (c) die Menge menschlicher Handlungen, in denen

Artefakte verwendet werden.“ (Ropohl 1981: 14)

Unter Technologie verstehen einige Autoren das Know-how, so auch Zeilhofer (1995: 88): „Unter Technologie

soll die Menge des für Entstehung, Verwendung und Entsorgung von Artefakten konstitutiven Know-hows

verstanden werden.“ Da technisches Know-how stets in Artefakten inkorporiert ist, scheint diese

Unterscheidung problematisch zu sein.

Es erscheint mir in dieser Untersuchung nicht sinnvoll, zwischen diesen beiden Begriffen eine scharfe

Trennlinie zu ziehen. So wird beispielsweise häufiger von der Biotechnologie als von der Biotechnik

gesprochen, obwohl unter Biotechnologie nicht nur das Know-how, sondern vor allem auch Artefakte wie

veränderte Enzyme oder transgene Pflanzen mitgemeint sind. Auf die Gefahr der Unschärfe hin werde ich

also in dieser Arbeit zwischen den beiden Begriffen nicht unterscheiden und hauptsächlich den Begriff

'Technik' verwenden.


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Das Dogma der Neutralität von Technik und von wissenschaftlich-technischem Fortschritt in

dem Sinne, dass sich – gesteuert durch den technischen Sachzwang – die bestmögliche

Innovation durchsetzt und dass technischer Fortschritt per se die Wohlfahrt der Menschheit

erhöht, hält sich hartnäckig aufrecht.

Die Ansicht einer autonomen Logik der Technikentwicklung, die einer technischen Eigendynamik

folgt, vertraten ebenfalls SozialwissenschaftlerInnen. So impliziert beispielsweise

Arnold Gehlens Konstrukt des Mängelwesens Mensch, dass technische Artefakte als

Verlängerungen menschlicher Gliedmassen quasi naturhaft entstehen. „Diese Bilder der

Verbundenheit mit dem menschlichen Organismus [...] verliehen den Produkten der Technik

die Aura des naturhaft Unausweichlichen.“ (Strasser/Traube 1982: 244) Diese Ansicht unterstreicht

die These der Autonomie und Neutralität der Technik, da quasi durch die Natur

vorherbestimmt keine Alternativen möglich sind. Auch Helmut Schelsky vertritt eine

technokratische Ansicht: „Die moderne Technik bedarf keiner Legitimität; mit ihr herrscht

man, weil sie funktioniert und so lange sie optimal funktioniert. Sie bedarf auch keiner

anderen Entscheidungen als der nach technischen Prinzipien [...].“ (Schelsky 1965: 456)

Geradezu konträr zu diesen Aussagen steht die Ansicht Marcuses, der die Technik als eine

wirksame Form sozialer Kontrolle sieht, die sich sogar auf die vorindustriellen Gebiete der

Welt auswirkt. Angesichts dieser Erkenntnis spricht er der Technik die Neutralität ab:

„Technik als solche kann nicht von dem Gebrauch abgelöst werden, der von ihr gemacht

wird; die technologische Gesellschaft ist ein Herrschaftssystem, das bereits im Begriff und

Aufbau der Techniken am Werke ist.“ (Marcuse 1969: 18)

Heute besteht ein weitverbreiteter Konsens in der Ansicht, dass Technik nicht autonom und

neutral ist. Deshalb lässt sich das Postulat: Technik den Technikern! nicht aufrechterhalten.

Auch sozialwissenschaftliche Fragestellungen, denen die Techniker wenig Aufmerksamkeit

zollen, wollen beantwortet werden. Zwei Überlegungen machen Technik zu einem soziologischen

Thema: a) Die Einführung einer neuen Technik erzeugt soziale Folgen und b) Technik

entsteht durch einen historisch-sozialen Prozess (Baron 1995: 36).

Mit dem Punkt a) beschäftigt sich die soziologische Forschung über Technikfolgen, die den

durch technische Innovationen generierten sozialen Wandel untersucht. Sie betrachtet unter

anderem die sozialen Wirkungen der Technikdiffusion auf verschiedene gesellschaftliche

Teilsysteme. Ebenfalls im Erkenntnisinteresse steht die Institutionalisierung und Aneignung

der neuen Technik (Rammert 1993: 9).

Den Punkt b) untersucht die Technikgenese. Es wird davon ausgegangen, dass neue

Techniken innerhalb eines sozialen Kontextes entstehen. Der wissenschaftlich-technische

Fortschritt wird nicht von interessenfreien Eliten betrieben, die ausschliesslich das Wohl der

Menschheit im Auge haben. Die Genese einer neuen Technik wird geprägt durch

wirtschaftliche Interessen, politische Machtkonstellationen und kulturelle Einflüsse, kann

also ebenfalls nicht als neutral betrachtet werden. Die Forschung der Technikgenese stellt so

stets die Frage nach technischen Alternativen (Rammert 1993: 19).

1.2 Drei Logiken der Erzeugung von Technikfolgen

Techniken generieren Technikfolgen. Technikfolgen können allgemein als Veränderungen

innerhalb gesellschaftlicher Systeme definiert werden, die durch die Diffusion einer Technik

ausgelöst werden. Beispiele sind: Veränderungen der Arbeitsorganisation, die Entstehung

neuer Berufe, eine neue Ausrichtung des Bildungssystems usw. Auch die Art und Weise der

Verteilung des durch die neue Technik erzeugten Wohlstands kann als Technikfolge

bezeichnet werden.

Welcher Logik folgt die Erzeugung von Technikfolgen? Sind es Sachzwänge naturwissenschaftlicher

oder ökonomischer Art, die Folgen eindeutig festlegen, oder werden


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 7

Technikfolgen durch Machtkonstellationen innerhalb der Gesellschaft geprägt? Diese Frage

wurde von verschiedenen Soziologen über die Zeit kontrovers diskutiert. Ich werde im

weiteren auf drei häufig rezipierte Logiken verweisen: die 'Eigenlogik des technischen

Fortschritts', die 'Logik ökonomischer Verwertung' und die 'Logik der Herrschaft und

Kontrolle' (vgl. auch mit Rammert 1993: 155 ff.).

Den Ansätzen, welche sich unter dem Titel 'Eigenlogik des technischen Fortschritts' zusammenfassen

lassen, ist die Vorstellung gemeinsam, dass die technische Entwicklung dem

Sachzwang naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnissen folgt. Weiter vertreten diese

Theorien die Ansicht, dass ein quasi exogener technischer Fortschritt, der in seiner Genese

nicht durch gesellschaftliche Beeinflussung gestaltet wird, in der Gesellschaft diffundiert

und diese zu Anpassungsleistungen zwingt. Die Technikfolgen werden somit allein durch

den Sachzwang des technischen Fortschritts festgelegt.

Die 'Logik der ökonomischen Verwertung' liegt denjenigen Konzepten zugrunde, die davon

ausgehen, dass „der Gang der technischen Entwicklung in der Regel den Gesetzen der

Ökonomie folgt“ (Rammert 1993: 156). Die technische Entwicklung wird bestimmt durch die

Möglichkeiten der Kostenersparnis und der Profitmaximierung, und die Technikfolgen

ergeben sich dadurch, weil sich die effizienteste Technik durchsetzt.

Oftmals werden die beiden oben genannten Logiken gekoppelt. So folgt die 'Eigenlogik des

technischen Fortschritts' nicht nur dem Sachzwang des naturwissenschaftlich-technischen

Wissens, sondern wird in einem kapitalistischen System zugleich durch den Zwang der

Profitmaximierung determiniert. Technikfolgen werden so durch das ökonomische und

technische gesellschaftliche Subsystem geformt.

Theorien, die mit der 'Logik der Herrschaft' argumentieren, betonen, dass Herrschaftsverhältnisse

in Form der „Hegemonie der herrschenden Klasse, als Dominanz des

männlichen Geschlechts, als Vorrang militärischer Interessen oder als asymmetrische

Kontrollmacht des kapitalistischen Managements“ (Rammert 1993: 158) Technikentwicklung

und Technikdiffusion beeinflussen. Technikfolgen werden in dieser Perspektive durch die

gegebenen Machtkonstellationen bestimmt.

Die Frage nach Verteilungswirkungen des technischen Fortschritts thematisiert eine – auch im

Hinblick auf die dieser Untersuchung zugrundeliegenden Fragestellung – wichtige

Folgewirkung und wird deshalb speziell betrachtet: ist technischer Fortschritt per se

erwünscht, da er den allgemeinen Wohlstand erhöht oder kann technischer Fortschritt

vermehrt soziale Ungleichheit erzeugen?

Die im folgenden dargestellten Techniktheorien wurden ausgewählt, weil sie die Beziehung

zwischen Technik und Gesellschaft zu ihrem Thema gemacht haben. In all diesen Theorien

stellt sich die Frage, wie technologischer Wandel auf das gesellschaftliche System wirkt:

insofern können diese Theorien auch als Technikfolgentheorien interpretiert werden 2 . In den

verschiedenen Theorien wird jeweils auf die drei Logiken und das Thema der Verteilung

bezug genommen – manchmal auf alle Punkte, teilweise auch auf nur einen einzigen. Die

Tabelle 1 soll einen Überblick über die Beachtung dieser Punkte in den nachfolgend

dargestellten Theorien geben. Diese werden gemäss ihrer historischen Abfolge besprochen.

2 Da diese Theorien allgemeine Theorien sind, äussern sie sich nicht nur zu Technikfolgen und der Logik ihrer

Koppelung an neue Techniken. Ab und an diskutieren sie auch technikgenetische Prozesse. Ich werde bei

ihrer Darstellung die Aussagen zu den Technikfolgen ins Zentrum rücken.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 8

Tabelle 1: Drei Logiken der Erzeugung von Technikfolgen und die Berücksichtigung von

Verteilungseffekten

AutorIn Eigenlogik des

technischen

Fortschritts

Logik der ökonomischenVerwertung

Logik der Herrschaft

Karl Marx (1847) • • • •

J.A. Schumpeter • •

(1912)

W. Ogburn •

(1957)

Herbert Marcuse

(1967)

J. Habermas

(1969)

Gerhard Lenski • • •

(1977)

H. Elsenhans

• • •

(1977/1987)

Carlota Perez • • •

(1983/1985)

V. Bornschier • • (•) •

(1988)

1.2.1 Technik als Teil der Produktivkräfte



Berücksichtigung

von Verteilungseffekten

Karl Marx verbindet Mitte des 19. Jahrhunderts die drei Logiken im 'Historischen

Materialismus'. Gemäss der Theorie des historischen Materialismus bestimmt das

wirtschaftliche Leben (Unterbau), welches hauptsächlich durch die Produktivkräfte 3 und die

Produktionsverhältnisse 4 definiert ist, die politischen, juristischen und ideologischen

Verhältnisse einer Gesellschaft (Überbau) (Dubs 1987: 70ff.). In der Perspektive Marx' ist

Technik 5 ein Teil der Produktivkräfte (Reinhold/Lamnek/Recker 1991: 610), die

'Maschinerie' dient der Verkörperung der bestehenden Sozialbeziehung. Marx stellt im Jahre

1847 seine Sicht folgendermassen dar:

„Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der

Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise

3 Produktivkräfte ist die Art und Weise der Gütererzeugung, die durch die benutzten Werkzeuge bestimmt wird

(Dubs 1987: 71).

4 Produktionsverhältnisse ist die Art und Weise, wie Eigentumsverhältnisse organisiert sind (Dubs 1987: 71).

5 Karl Marx subsumiert unter dem Begriff Technik die Artefakte (sachliche Anlagen und Produktionsinstrumente),

die Organisierung der Arbeitskräfte, qualifikatorische Kompetenzen und wissenschaftlichtechnologisches

Wissen (Rammert 1993: 14).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 9

und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu

gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (Marx 1971: 130)

Marx versucht, seine These durch historische Epochenanalysen zu untermauern (Dubs 1987:

71). So entstand im Sinne der 'Eigenlogik des technischen Fortschritts' durch das primitive

Pflügen in der Urgesellschaft eine Gesellschaft ohne Staat und Klassen. In der Antike führte

der Ackerbau, die Viehzucht und Arbeitsteilung zu einer Sklavenhalterordnung. Im

Mittelalter bestimmte die verfeinerte Technik im Ackerbau und das Handwerk die

gesellschaftliche Ordnung des Feudalismus.

Neue Techniken als Teil der Produktivkräfte lösen einen gesellschaftlichen Wandel aus, so

Marx' Perspektive. In der kapitalistischen Gesellschaft wird die Erfindung neuer Techniken

vorangetrieben, da der Konkurrenzdruck zwischen kapitalistischen Unternehmen diese

zwingt, Kosten zu senken (Logik der ökonomischen Verwertung). Neue Techniken dienen

zur Rationalisierung der Arbeit: kann die neue Technik die gleiche Produktivität günstiger

als die Arbeiter erzeugen, wird Arbeit durch Technik substituiert. Als illustrierendes Beispiel

zu dieser Überlegung lässt sich Engels zitieren. Er führt die Entstehung des Proletariats

direkt auf die Erfindung von Maschinen zurück:

„[Die] industrielle Revolution wurde herbeigeführt durch die Erfindung der

Dampfmaschine, der verschiedenen Spinnmaschinen, des mechanischen Webstuhls

und einer ganzen Reihe anderer mechanischer Vorrichtungen. Diese Maschinen,

welche sehr teuer waren und also nur von grossen Kapitalisten angeschafft werden

konnten, veränderten die ganze bisherige Weise der Produktion und verdrängten die

bisherigen Arbeiter, indem die Maschinen die Waren wohlfeiler und besser lieferten,

als die Arbeiter sie mit ihren unvollkommenen Spinnrädern und Webstühlen

herstellen konnten.“ (Engels 1971: 363/364)

Weiter betont Marx, dass die technischen Neuerungen eine einzige Klasse begünstigen,

nämlich diejenige der Kapitalbesitzer, während die Arbeitskraft der Proletarier durch die

'Maschinerie' ersetzt wird (Logik der Herrschaft).

Die Berücksichtigung der Verteilungseffekte erfolgt in Marx' 'Mehrwertlehre' (vgl. im folgenden

mit Dubs 1987: 73-75). In seiner Perspektive erhält der Arbeiter für seine Arbeit nur

denjenigen Lohn, den er zu seiner Reproduktion benötigt. Der ganze Mehrwert seiner Arbeit

erhält der Kapitalist. Durch den Einsatz von Maschinen kann der Mehrwert der Arbeit

erhöht werden. Es kommt zu einer Konzentration von technisch überlegenen

Grossbetrieben, während immer mehr Arbeiter arbeitslos werden. Diese Arbeiter können die

erzeugten Güter selbst nicht mehr kaufen und verelenden, während die Kapitalisten weiter

ihre Produktion steigern. Die Perpetuation der ungleichen Verteilung führt gemäss Marx

schlussendlich zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems.

Marx berücksichtigt die drei genannten Logiken und äussert sich zu Verteilungseffekten. Er

ist der einzige Theoretiker, der in der Tabelle 1 alle Punkte erhält. Während die

Technikfolgen in den vergangenen Epochen durch die Eigenlogik des technischen

Fortschritts bestimmt scheinen, sieht Marx in der kapitalistischen Gesellschaft Technikfolgen

durch Machtkonstellationen und die ökonomische Verwertung beeinflusst. In seiner

Perspektive erzeugen neue Techniken in der kapitalistischen Epoche vermehrt soziale

Ungleichheit.

Marx grundlegende Idee, dass der gesellschaftliche Wandel durch Veränderungen der

Produktivkräfte erzeugt wird, beeinflusste viele der nachfolgend rezipierten Theoretiker.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 10

1.2.2 Die kreative Zerstörung

In Joseph A. Schumpeters Theorie der 'kreativen Zerstörung' gehen sowohl die 'Eigenlogik

des technischen Fortschritts' wie auch die 'Logik der ökonomischen Verwertung' ein. Die

'Logik der Herrschaft' und Verteilungseffekte werden nicht berücksichtigt.

Er fokussiert in seiner Theorie, die 1912 entstand, Folgewirkungen von Innovationen 6 auf

das gesellschaftliche Umfeld. Für Schumpeter sind Innovationen die fundamentalen

Mechanismen, die den evolutionären Prozess bestimmen (vgl. im folgenden mit

Freeman/Clark/Soete 1982: 19ff.). Schumpeter bezeichnet sein evolutionäres Konzept als

kreative Zerstörung: Innovationen erscheinen diskontinuierlich und sind verantwortlich für

zyklische Schwankungen ('Eigenlogik des technischen Fortschritts').

Schumpeter nimmt zur Veranschaulichung Kondratieff-Wellen 7 in sein Konzept auf. Am

Anfang einer Kondratieff-Welle steht eine bahnbrechende Innovation, die von einem fähigen

Unternehmer 8 verbreitet wird. Dieser Unternehmer verhält sich nicht primär gemäss der

'Logik der ökonomischen Verwertung', da er innovativ handelt und den Erfolg seiner

Handlung nicht vorhersehen kann. Der ökonomische Erfolg des fähigen Unternehmers lockt

einen Schwarm von Imitatoren an. Diese folgen nun gemäss der 'Logik der ökonomischen

Verwertung', investieren und lösen einen Boom aus. Durch den Eintritt von Konkurrenten in

den Markt schmälern sich die anfänglichen Monopolgewinne. Bevor sich das System

allerdings in ein Gleichgewicht bewegt, startet der Prozess von neuem, da ein anderer

Unternehmer eine weitere Innovation propagiert.

Der fähige Unternehmer sieht sich beim Versuch, seiner Innovation zum Durchbruch zu verhelfen,

Hindernissen gegenüber. Der Prozess des Innovierens basiert auf Mut und Intuition

und ist deshalb schwierig, weil er einen Bruch mit den Routinen des ökonomischen Lebens

darstellt. Gelingt die Innovation und folgen Imitatoren nach, werden die bestehenden

Routinen verändert, da neue Verhaltensmuster als erfolgsversprechender betrachtet werden.

Als gesellschaftliche Folge der Innovation kann im schumpeterschen Sinne die Veränderung

des gesellschaftlichen Umfelds durch die Veränderung allgemein akzeptierter Routinen

betrachtet werden. Technikfolgen im Sinne einer Veränderung von Verhaltensregeln werden

in der Perspektive Schumpeters folglich durch die 'Eigenlogik des technischen Fortschritts'

und durch die 'Logik der ökonomischen Verwertung' geformt.

Schumpeter äussert sich in seiner Theorie nicht zu den Themen der Macht und Verteilung.

So erscheint die Diffusion einer Innovation als Gewinn für die gesamte Gesellschaft, da

durch diese Diffusion das Wirtschaftswachstum (Ansteigen der Kondratieffwelle)

angekurbelt wird. Die relevanten Fragen, ob die Imitatoren überhaupt die Innovationen des

anfänglichen Monopolisten erfolgreich kopieren können, oder ob der Monopolgewinn durch

politische und ökonomische Strukturen längerfristig geschützt wird und folglich der

6 Innovationen sind neue Kombinationen von Produktionsfaktoren und die Implementation von bereits

bestehenden Erfindungen. Die Erfindung selbst wird von Schumpeter nebensächlich behandelt (Witt 1992:

10).

7 Kondratieff-Wellen sind Preis und Output-Zyklen mit einer ungefähren Länge von 50 bis 60 Jahren, die vom

russischen Oekonomen Kondratieff untersucht wurden. Untersuchungen belegten, dass langfristige Wellen–

bewegungen bei den Wachstumsraten der Produktivität und von Investitionen tatsächlich zu beobachten

sind. Die genaue Länge dieser Wellen ist von zweitrangiger Bedeutung (Hotz-Hart/Küchler 1997: 150).

Schumpeter interpretiert diese Wellen in Zusammenhang mit bahnbrechenden technischen Innovationen,

deren Wach–stumszykeln mehrere Dekaden dauern.

8 Schumpeter definiert den Unternehmer folgendermassen: „Nicht jeder, dem eine Unternehmung gehört und

auch nicht jeder, der tatsächlich an der Spitze einer solchen steht, ist Unternehmer in unserm Sinne. Nur dann

erfüllt er die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn

er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte

erschliesst, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt usw.“ (Schumpeter 1912: 174)


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 11

technische Fortschritt nicht der gesamten Gesellschaft zugute kommt, finden in seiner

Theorie keine Beachtung.

1.2.3 Die kulturelle Phasenverschiebung

William Ogburn veröffentlichte 1957 seine umstrittene Theorie der kulturellen Phasenverschiebung

– besser bekannt unter dem Begriff 'cultural lag'. Er folgt in seiner

rudimentären Theorie des Zusammenspiels zwischen Technik und Gesellschaft nur der

'Eigenlogik des technischen Fortschritts'. Verkürzt dargestellt formuliert er die These, dass

technischer Fortschritt die treibende Kraft des sozialen Wandels ist (Lutz 1987: 35).

Eine kulturelle Phasenverschiebung zeichnet sich dadurch aus, dass „[...] von zwei miteinander

in Beziehung stehenden Kulturelementen das eine sich eher oder in grösserem Masse

verändert als das andere, so dass der Grad der Anpassung zwischen den beiden Elementen

geringer wird als zuvor.“ (Ogburn 1957: 134) Die Theorie der kulturellen

Phasenverschiebung enthält vier Komponenten:

„1) Die Unterscheidung von wenigstens zwei Variablen; 2) den Nachweis, dass

zwischen den beiden Variablen ein Anpassungsverhältnis besteht; 3) den exakten

Nachweis, dass sich die eine Variable verändert hat und die andere nicht oder dass

sich die eine in grösserem Masse verändert hat als die andere; 4) den Nachweis, dass

infolge der früheren oder stärkeren Veränderung der einen Variablen eine weniger

gute Anpassung zwischen beiden besteht als vorher.“ (Ogburn 1957: 137/138)

Diese allgemein formulierte Theorie lässt verschiedene unabhängige Variablen zu, wie

Ogburn ausdrücklich betont (Ogburn 1957: 139). Die Beispiele zur Veranschaulichung seiner

Theorie sind jedoch fast ausschliesslich durch autonome, eigenen Gesetzmässigkeiten

unterliegenden Veränderungen im Bereich der Technik bestimmt ('Eigenlogik des

technischen Fortschritts'). So beschreibt Ogburn beispielsweise die gesellschaftliche

Anpassungsleistung durch die Konstruktion von Autobahnen an den Bau schnellerer Autos,

die die engen kurvigen Strassen mit erhöhter Unfallgefahr befahren mussten.

Ogburn diskutiert weder, ob die Ausgestaltung von Technikfolgen ökonomischen Prinzipien

folgt, noch, ob sie durch Machtkonstellationen bestimmt wird. Mit der alleinigen Verfolgung

der 'Eigenlogik des technischen Fortschritts' kann er als Vertreter einer technikdeterministischen

Perspektive bezeichnet werden.

1.2.4 Kritische Theorie

Herbert Marcuse veröffentlichte 1967 in 'Der eindimensionale Mensch' vor dem Hintergrund

eines möglichen atomaren Vernichtungskriegs eine Theorie, die mit den bereits dargestellten

Vorstellungen bricht. Er befasst sich ausschliesslich mit der industrialisierten Gesellschaft

und stellt fest, dass sich die fortgeschrittene Industriegesellschaft der technischen

Rationalität 9 unterwirft.

Die herrschende Technik – darunter bezeichnet Marcuse die Mechanisierung und Teil-

Automatisierung zur Befriedigung des Massenkonsums – erzeugt eine Gleichschaltung der

Menschen. Anstelle der Auflehnung gegen irrationale Verhältnisse (der Vorbereitung auf

einen atomaren Weltkrieg) werden die Menschen durch die mittels technischem Fortschritt

ermöglichte Konsumbefriedigung besänftigt: Die Kritik an der bestehenden

Gesellschaftsordnung verstummt. Marcuse äussert damit die Ansicht, dass technischer

9 Marcuse übernimmt den Begriff der technischen Rationalität von Max Weber. Es liegt immer dann eine

technische Frage vor, wenn ein gestecktes Ziel durch die rationalste Verwendung der Mittel erreicht werden

soll (Weber 1976: 32).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 12

Fortschritt sozialen Wandel unterbinden kann: „Ausgeweitet zu einem ganzen System von

Herrschaft und Gleichschaltung, bringt der technische Fortschritt Lebensformen (und solche

der Macht) hervor, welche die Kräfte, die das System bekämpfen, zu besänftigen [...]

scheinen. Die gegenwärtige Gesellschaft scheint imstande, einen sozialen Wandel zu

unterbinden [...].“ (Marcuse 1967: 14)

Die technische Rationalität – die durch die naturwissenschaftlich-technische Logik bestimmt

wird und damit eine 'positivistische' Ideologie verbreitet (Marcuse 1967: 265) – bestimmt das

Denken des eindimensionalen Menschen: ein neuer Gesellschaftsentwurf jenseits der technischen

Rationalität, der Träume, Illusionen und Metaphysisches enthält, wird in der

fortgeschrittenen Industriegesellschaft nicht akzeptiert.

Marcuse enttarnt die technische Rationalität als Ideologie. Technik ist nicht neutral, sondern

reflektiert Macht und Herrschaft 10 : „ [...] im wesentlichen ist die Macht der Maschine nur die

aufgespeicherte und projektierte Macht des Menschen.“ (Marcuse 1967: 23) Er beschreibt den

Herrschaftscharakter der Technik folgendermassen:

„Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst „nachträglich“ und

von aussen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des

technischen Apparats selbst ein; die Technik ist jeweils ein geschichtlich-gesellschaftliches

Projekt; in ihr ist projektiert, was eine Gesellschaft und die sie beherrschenden

Interessen mit dem Menschen und mit den Dingen zu machen gedenken.“

(Marcuse 1967: 127)

Auch Jürgen Habermas – als weiterer Vertreter der Kritischen Theorie – widerspricht 1969 in

„Technik und Wissenschaft als >Ideologie


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 13

„Es liegt auf der Hand, dass diese These von der Eigengesetzlichkeit des technischen

Fortschritts nicht stimmt. Die Richtung des technischen Fortschritts hängt heute in

hohem Masse von öffentlichen Investitionen ab [...]. Die Behauptung, dass sich die

politisch folgenreichen Entscheidungen in den Vollzug des immanenten Sachzwangs

verfügbarer Techniken auflösen und dass sie deshalb zum Thema praktischer

Überlegungen gar nicht mehr gemacht werden können, dient am Ende bloss dazu,

naturwüchsige Interessen und vorwissenschaftliche Dezisionen zu verschleiern.“

(Habermas 1969: 117).

Habermas betont die Wichtigkeit der „Entschränkung der Kommunikation“ (Habermas

1969: 98) und damit das Wiedererstarken des kommunikativen Handelns: „Die öffentliche,

uneingeschränkte und herrschaftsfreie Diskussion über die Angemessenheit und

Wünschbarkeit von handlungsorientierenden Grundsätzen und Normen im Lichte der

soziokulturellen Rückwirkungen von fortschreitenden Sub-Systemen zweckrationalen

Handelns“ (Habermas 1969: 98) soll die Frage nach dem „wie wir leben möchten“

(Habermas 1969: 100) beantworten.

Die Argumentation der Kritischen Theorie folgt der 'Logik der Herrschaft'. Sowohl der

quasi-neutrale wissenschaftlich-technische Fortschritt als auch die ökonomische Verwertung

werden durch die Macht der Technokratie geformt und erhalten Ideologiecharakter, welche

die bestehende Gesellschaftsstruktur legitimiert. Die Technikfolgen (die gemäss Marcuse in

der Verhinderung eines echten gesellschaftlichen Wandels bestehen) werden ebenfalls durch

Herrschaft und Kontrolle geformt. Beide Autoren äussern sich in den berücksichtigten

Schriften nicht über Verteilungsaspekte.

1.2.5 Technologischer Stand und soziale Ungleichheit

Gerhard Lenski entwickelt 1977 in „Macht und Privileg“ eine Theorie, die den

Zusammenhang zwischen Technologie und Ungleichheit thematisiert. Er wird durch Marx'

Vorstellungen stark geprägt.

Gemäss seiner Perspektive determiniert die in einer Gesellschaft vorhandene Technologie

die Höhe des wirtschaftlichen Surplus und bestimmt zudem wichtige demographische,

politische und produktive Organisationsmuster (Lenski 1977: 128). Die Verteilung des

Surplus geschieht entweder aufgrund der Bedürfnisse der Menschen oder aufgrund von

akkumulierter Macht (Lenski 1977: 70).

Während in den Jäger- und Sammlergesellschaften, die über einen primitiven

technologischen Stand verfügen, die Verteilung der Güter auf der Basis des Bedarfs

geschieht, verzeichnen diejenigen Gesellschaften, die einen technischen Fortschritt

aufweisen, eine Verteilung der Güter auf der Basis der Macht (Lenski 1977: 74). Die soziale

Ungleichheit, die durch den technologischen Stand bestimmt wird, steigt so von den Jäger-

und Sammlergesellschaften über die einfachen und fortgeschrittenen

Hortikulturgesellschaften, weiter über die Agrargesellschaften zu den

Industriegesellschaften hin an (Lenski 1977: 575). Die grösste Ungleichheit verzeichnen

jedoch – im Gegensatz zu Marx' Annahme – nicht die Industrie- sondern die Agrargesellschaften.

Der Entwicklungsstand der Industriegesellschaft mit ihrem hohen Surplus führt

aufgrund der Organisation der ArbeitnehmerInnen nämlich zu einer Umverteilung: „ [...] ist

ein bestimmter Grad an Wohlstand erreicht, hält die Elite es zuweilen für ratsam, einen Teil

des wirtschaftlichen Surplus zu opfern, um Aggressionen und Revolutionsgefahr damit

abzufangen und sich ein höheres Mass an Ansehen und Einfluss zu sichern.“ (Lenski 1977:

416)

Während in Lenskis Theorie die Genese einer neuen Technik ihrer Eigenlogik folgt, werden

Technikfolgen, wie beispielsweise die Veränderung der Verteilung eines erhöhten


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 14

technischen Surplus, durch Machtkonstellationen bestimmt: da die ArbeitnehmerInnen in

der Industriegesellschaft eine wichtige Gegenmacht darstellen, findet eine Umverteilung des

gesellschaftlichen Surplus statt.

1.2.6 Das Staatsklassenkonzept

Hartmut Elsenhans entwickelt in den späten 1970er Jahren eine Theorie, die erklären soll,

wieso industrialisierte Staaten technischen Fortschritt generieren, während in den Gesellschaften

des Südens ein deformierter Kapitalismus herrscht, der technischen Fortschritt

behindert. Er integriert in seiner Beschreibung der Ursachen des deformierten Kapitalismus

Macht- und Verteilungsvariablen.

Elsenhans beschreibt die marktwirtschaftliche Logik folgendermassen: Technischer

Fortschritt wird nur erzeugt, wenn die Eliten eines Staates gezwungen werden, ihre hohen

Geldeinkommen zu reinvestieren, um so im marktwirtschaftlichen Konkurrenzkampf nicht

zu unterliegen (Elsenhans 1977: 6). Prozessinnovationen ermöglichen, kostensenkende

Neuerungen einzuführen, um die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen zu gewährleisten.

Damit die Unternehmer überhaupt Interesse zeigen, Prozessinnovationen zu entwickeln,

muss eine potentielle Nachfrage und damit ein genügend grosser Absatzmarkt vorhanden

sein ('Logik der ökonomischen Verwertung') (Elsenhans 1987: 22).

Diese beiden Bedingungen – das Vorhandensein von Konkurrenz, das die Kapitalbesitzer

zwingt, ihre Gewinne in Investitionsgüter zu reinvestieren und kostensenkende

Innovationen einzuführen und das Vorhandensein einer Massennachfrage – werden gemäss

Elsenhans im Süden nicht erfüllt:

„Weil der kapitalistische Vorstoss in die Gesellschaften des Südens zu schwach ist,

um den für kapitalistisches Wachstum konstitutiven Mechanismus „Steigende

Masseneinkommen erlauben rentable Investitionen und damit Kapitalakkumulation“

zu schaffen, entstehen im Süden zentralisierte herrschende Klassen, die auf der

Grundlage von im Export angeeigneten Renten ihre Einkommen vergrössern.“

(Elsenhans 1987: 164)

Die im Süden herrschenden Eliten nennt Elsenhans Staatsklassen. Die Staatsklasse kann

Rohstoffexportrenten 11 abschöpfen, die sie nicht reinvestieren muss, da sie sich in keinem

marktwirtschaftlichen Konkurrenzkampf befindet. Weiter ist die Staatsklasse auch nicht zur

Schaffung einer grossen Binnennachfrage bereit, da sie ihr Einkommen als absteuerbare

Rohstoffrenten aus Exporten in das Zentrum erhält. Deshalb ist sie ebenfalls nicht daran

interessiert, mittels Einkommensumverteilungen eine genügend grosse Massennachfrage im

Binnenmarkt zu schaffen.

Elsenhans zeigt, dass Machtkonstellationen an der Bereitstellung des ökonomischen Systems

und der Innovationskapazität eines Staates mitbeteiligt sind. In Elsenhans Perspektive folgt

sowohl der technische Fortschritt wie auch die Verteilung des erwirtschafteten Gewinns

(Schaffung eines grossen Binnenmarktes durch Umverteilung) ökonomischer Logik. Die ökonomische

Logik jedoch wird durch Machtkonstellationen modelliert: während die Eliten in

den industrialisierten Staaten aufgrund ihrer Produktionsweise ökonomischen Wettbewerb

im Binnenraum veranstalten, erzeugt die Staatsklasse im Süden einen deformierten

Kapitalismus.

11 Gemessen werden kann die Rohstoffexportrentenabschöpfung an dem Verhältnis der Produzentenpreise an

den Weltmarktpreisen (Egger/Rieder/Clemenz 1992: 183). Erhält beispielsweise ein Kaffeebauer 1984 in der

Elfenbeinküste nur 26% des Weltmarktpreises, kann daraus geschlossen werden, dass die Staatsklasse beim

Export des Kaffees 74% abschöpft.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 15

1.2.7 Technologische Stile

Carlota Perez steht in der Tradition Schumpeters und baut 1983 dessen Theorie aus. Volker

Bornschier nimmt in den späten 1980er Jahren die Ideen von Perez auf und entwickelt ihre

Theorie weiter. In beiden Theorien lassen sich die 'Logik der ökonomischen Verwertung' finden.

Während Perez ebenfalls die Vorstellung der 'Eigenlogik des technischen Fortschritts'

vertritt, sieht Volker Bornschier den technischen Fortschritt durch gesellschaftliche

Wertvorstellungen geformt.

Carlota Perez entwickelt 1983 eine Theorie, in der die bei Schumpeter skizzierten

Wechselwirkungen zwischen Innovationen und Routinen in den technologischen Stil und in

das sozio-institutionelle Umfeld transformiert werden 12 .

Carlota Perez unterteilt das kapitalistische System in zwei Subsysteme: in ein techno-ökonomisches,

welches flexibel reagiert, und in ein sozio-institutionelles, in dem der Wandel träger

voranschreitet (Perez 1983: 361/362).

Der technologische Stil 13 wird im techno-ökonomischen Subsystem generiert und wird folgendermassen

definiert: „[It is] the construction of an 'ideal type' of productive organization,

which defines the contours of the most efficient and 'least cost' combinations for a given period.“

(Perez 1985: 443) Das Konzept des technologischen Stils enthält sowohl technologische

wie auch organisationelle Neuerungen (Perez 1983: 361).

Carlota Perez greift ebenfalls – wie Schumpeter – auf die ungefähr 50 Jahre anhaltenden

Kondratieff-Wellen zurück. Die Kondratieff-Welle wird bei Carlota Perez definiert als der

Aufschwung und Niedergang eines technologischen Stils. Der Aufschwung jeder

Kondratieff-Welle kann mit dem Aufkommen einer spezifischen, allesdurchdringenden

technologischen Revolution identifiziert werden (Perez 1985: 443). Die letzte Kondratieff-

Welle mit dem technischen Schlüsselfaktor Erdöl und Petrochemikalien sowie dem

organisationellen Faktor des 'scientific management' 14 , der die Massenproduktion 15 erlaubte,

begann in den 1920er Jahren und ist jetzt im Abstieg begriffen (Perez 1983: 362ff.). Die Basis

des neuen technologischen Schlüsselfaktors ist die Mikroelektronik.

Die neue Schlüsseltechnologie diffundiert von ihrem Ausgangspunkt im Produktionssektor

in die Gesellschaft. Die neue Dynamik, die durch die aktuelle Schlüsseltechnologie

hervorgerufen wird, zerstört die bestehenden sozialen und institutionellen Strukturen

(Koppelung der 'Logik der ökonomischen Verwertung' mit der 'Eigenlogik des technischen

Fortschritts'). Nach und nach müssen diese Strukturen transformiert werden, denn die alten

Institutionen, die den vergangenen technologischen Stil unterstützt haben, sind obsolet

geworden. Diese Anpassung ist ein schwieriger Prozess, da die Institutionen über eine

natürliche Trägheit verfügen und durch das Vertrauen in sie, welches aufgrund des

vergangenen Erfolgs entstanden ist, gestärkt sind. Passt sich das sozio-institutionelle

Subsystem nicht dem neuen technologischen Stil an, führt dieser 'mismatch' zu einer

12 Christopher Freeman und Luc Soete schliessen sich der Theorie von Perez an (siehe auch Freeman/Soete 1987:

49-70 und Freeman/Perez 1988: 38-66).

13 Carlota Perez verwendet zwei verschiedene Begriffe für das gleiche Konzept: Wird im Artikel von 1983 vom

'technological style' gesprochen, heisst dasselbe Konzept 1985 'techno-economic paradigm', angelehnt an

Giovanni Dosi, der Thomas Kuhns Paradigmenbegriff verwendet. Einfachheitshalber verwende ich den

Begriff des 'Technologischen Stils'.

14 Das 'scientific management' geht auf Frederik Taylor zurück, der die Planung und Ausführung der formalen

Arbeitsorganisation trennte. Mit standardisierten Werkzeugen und Arbeitsabläufen, die durch präzise

Zeitvorgaben geregelt wurden, konnte die Arbeit rationalisiert und die Produktivität gesteigert werden (Perez

1983: 367ff.).

15 Dieser technologischen Stil herrschte vom Anfang bis in das zweite Drittel dieses Jahrhunderts. Im Zusammenhang

mit den sozio-institutionellen Neuerungen wird er auch Fordismus genannt.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 16

Rezession (Perez 1995: 445). Erst nach dieser Anpassung erfolgt der Aufschwung einer neuen

Kondratieff-Welle und bewirkt neues Wirtschaftswachstum. Obwohl die Diffusion des

neuen technologischen Stils eine ungleiche Verteilung hervorbringen kann, sieht Perez im

ganzen doch positive Verteilungseffekte: „Although increasing wealth can be unevenly

distributed, better distribution and greater welfare are more likely with increasing wealth.“

(Perez 1985: 457)

Volker Bornschier übernimmt 1988 die Konzepte von Perez. Er behält den Begriff des

technologischen Stils bei und ersetzt das sozio-institutionelle Subsystem durch das politökonomische

Regime. Das politökonomische Regime ist ein Bündel von sozialen Einrichtungen,

das mitunter auch durch Machtkonstellationen bestimmt wird: „Regeln des Handelns im

Rahmen eines Regimes ergeben sich aus einem Zusammenspiel zwischen

Machtverhältnissen und Begründungen jenseits partikularistischer Machtinteressen.“

(Bornschier 1988: 123) Das Zusammenspiel zwischen dem technologischen Stil und dem

politökonomischen Regime erfolgt in zyklischen Schwankungen und ist phasenverschoben.

Auch Verteilungseffekte werden berücksichtigt: So erfolgt die Diffusion des neuen

technologischen Stils mit seiner neuen Güterpalette ungleich. Die neuen Konsumgüter sind

zuerst den gehobeneren Schichten zugänglich (Bornschier 1988: 94).

Die Genese des technologischen Stils wird in beiden Theorien nicht besprochen: sie geschieht

in einer 'black box'. Indem Carlota Perez den neuen technologischen Stil als effizienteste

Kombination zu einem gegebenen Zeitpunkt beschreibt, folgt sie der Argumentation, dass

sich nur die 'besten Innovationen' quasi naturgemäss durchsetzen müssen. Beispiele haben

aber tatsächlich gezeigt, dass im Bereich der Technikentwicklung nicht ausschliesslich die

technische Rationalität vorherrscht 16 : Es setzt sich nicht immer die 'beste' Innovation durch.

Auch politische Einflussnahme kann beispielsweise dazu führen, dass sich 'schlechtere'

Innovationen durchsetzen, während die 'besten' aussen vor bleiben. Sowohl Carlota Perez

wie auch Volker Bornschier beachten Verteilungseffekte bei der Diffusion des

technologischen Stils. Während Volker Bornschier betont, dass das politökonomische

Regime unter anderem auch durch Machtkonstellationen geprägt wird, finden die Begriffe

Macht und Herrschaft keinen Eingang in Perez' Theorie.

1.3 Neuere Strömungen

Die neuere Techniksoziologie und die feministische Technikkritik (vgl. mit Wajcman 1994)

widersprechen dem 'doppelten Technikdeterminismus' vieler früheren Techniktheorien.

Unter dem doppelten Technikdeterminismus lassen sich Vorstellungen subsumieren, in

denen die Technikentwicklung eigenen Gesetzen unterliegt und – gesteuert durch die

ökonomische Rationalität – Technikalternativen auswählt. Weiter meinten frühere

Techniktheorien, dass Technikfolgen nicht alternativ denkbar sind: die eindeutigen

Wirkungen einer Technik sind durch sie vorgegeben (Manske/Moon 1996: 319). Dieser

'doppelte Technikdeterminismus', der sich in der 'Eigenlogik des technischen Fortschritts'

und einer strikt angenommenen, quasi naturgesetzlichen 'Logik der ökonomischen

Verwertung' äussert, wird heute abgelehnt. So bemerkt etwa Rammert: „Hinter jedem

Sachzwang steht ein sozial konstruierter Zwang; hinter jeder technischen Norm steckt eine

sozial definierte Norm.“ (Rammert 1993: 156)

Die neuere Technikgeneseforschung fokussiert die Machtperspektive und betont, dass

Technikentwicklung in einem sozialen Prozess abläuft: technische Entwicklungen werden

durch die Interessens- und Machtkonstellationen der beteiligten Akteure geformt

16 So haben verschiedene Studien gezeigt, dass Technikentwicklungen nicht nur von ökonomischen Ueberlegungen,

sondern auch von strukturellen Bedingungen abhängig sind – beispielsweise von Hierarchien oder

blosser Nachahmung (Rammert 1993: 157).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 17

(Manske/Moon 1996: 319ff.). Auch die Anwendung der Technik enthält Spielräume, die

wiederum durch Machtkonstellationen der eingebundenen Akteure beeinflusst werden: So

entscheidet beispielsweise der Staat über den Aufbau von Industrien und damit über die

Durchsetzung neuer Technologien. Jedoch muss die Vorstellung der technischen Herrschaft

relativiert werden: „[...] anstatt eine feste Logik der Herrschaft zu unterstellen, sollte eher

nach wechselnden Machtpositionen, Strategien und Interessendefinitionen derjenigen

kollektiven Akteure gesucht werden, die jeweils an der Projektierung und Implementierung

einer Technik beteiligt sind.“ (Rammert 1993: 159)

1.4 Zusammenfassung

Technik ist ein soziologisches Thema, da sowohl die Technikgenese als auch die

Technikfolgen durch gesellschaftliche Kräfte geformt werden. Es wurde weiter gezeigt, wie

in verschiedenen soziologischen Techniktheorien Technikfolgen modelliert werden.

Während einige Autoren – wie beispielsweise Karl Marx, Herbert Marcuse und Hartmut

Elsenhans – auf die Wichtigkeit der Machtkonstellationen bei der Modellierung von

Technikfolgen (insbesondere auch bei der Verteilung des neu entstehenden Surplus)

hinweisen, sehen andere – wie beispielsweise Joseph Schumpeter und William Ogburn –

mehrheitlich in der Eigenlogik des technischen Fortschritts oder der Verfolgung der

ökonomischen Logik die bestimmenden Grössen. Interessant erscheint mir die Vorstellung

Elsenhans', dass politische Akteure ökonomischen Wettbewerb veranstalten oder diesen

behindern: Die 'Logik der Herrschaft' bestimmt hier die 'Logik der ökonomischen

Verwertung'. Die neuere Technikentwicklung schliesslich richtet ihr Augenmerk bei der

Modellierung von Technikfolgen vermehrt auf Machtkonstellationen.

Bezüglich meiner Fragestellung, wie biotechnische Rohstoffsubstitutionen Weltsystemstrukturen

verändern können, stehen Verteilungsaspekte im Vordergrund. Ich möchte

betonen, dass der Zugang zu einer bestimmten Schlüsseltechnik und der zeitliche Vorsprung

ihrer Benutzung eine Machtverschiebung oder eine Machtperpetuation innerhalb eines

einzelnen Landes oder innerhalb des Weltsystems auslösen kann. Der 'trickle down-Effekt'

neuer Techniken, der beispielsweise von Carlota Perez postuliert wird, muss nicht

zwangsweise alle Schichten im Weltsystem erreichen. Das Vorhandensein eines bestimmten

Wissens, welches beispielsweise mittels Patentierung für alle einsehbar ist, muss auch nicht

dazu führen, dass ein technischer Wettbewerb unter Gleichen stattfindet, da nicht allen die

nötigen Ressourcen zur Umsetzung zur Verfügung stehen. So kann die Entwicklung einer

neuen Technologie zu Monopolgewinnen führen und – im Gegensatz zu der Annahme

Schumpeters – andere von der Imitation ausschliessen. Die Verteilung des durch technischen

Fortschritt anfallende Surplus muss nicht zwingend allen Schichten der nationalstaatlichen

Gesellschaft oder der Weltgesellschaft zufallen: auch im Prozess der Technikdiffusion gibt es

Gewinner und Verlierer.

Die Beantwortung der Fragen, welche Logik die Erzeugung der Technikfolgen des spezifischen

technischen Bereichs der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen verfolgen und wie die

zukünftig zu erwarteten Verteilungseffekte bei der Einführung dieser neuen Technik im

Weltsystem aussehen werden, sind Ziel dieser Arbeit und werden am Schluss beantwortet.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 18

2. Technikfolgenabschätzung und Technikbewertung

In diesem Kapitel folgt die Darstellung der wissenschaftlichen Technikfolgenabschätzung

und der gesellschaftlichen Technikbewertung.

Dieser Arbeit liegt bei der Bestimmung möglicher zukünftiger Folgen bei der Einführung

biotechnischer Rohstoffsubstitutionen im Weltsystem die Methode der Technikfolgenabschätzung

zugrunde. Es handelt sich bei der Technikfolgenabschätzung um ein Zukunftsinstrument,

das mittels verschiedenen Methoden versucht, die Frage nach zukünftigen

Folgen einer neuen Technik zu beantworten. Diskutiert werden eine vernünftige Reichweite

der Technikfolgenabschätzung, zwei Konzepte und ihre Institutionalisierung in den

industrialisierten Staaten.

Die Technikbewertung liegt in den Händen der Gesellschaft und der Politik: Hier sollen über

die (Un)erwünschtheit von möglichen technischen Folgewirkungen diskutiert und Regulierungen

im Bereich der Technik festgelegt werden. Ich werde versuchen, die Frage nach den

relevanten Akteuren der Technikbewertung zu beantworten.

2.1 Technikfolgenabschätzung als wissenschaftliche Aufgabenstellung

Die idealtypische Definition einer Technikfolgenabschätzung ist sehr weit gefasst: sie soll

dazu dienen,

„[...] neben der Früherkennung technologieinduzierter Risiken eine umfassende

Analyse des Spektrums möglicher sozialer, wirtschaftlicher, rechtlicher, politischer,

kultureller und ökologischer Auswirkungen zu leisten, in der problemorientierten

Aufbereitung der Untersuchungsergebnisse alternative Handlungsoptionen entscheidungsorientiert

aufzuzeigen und zugleich unterschiedliche gesellschaftliche Interessen

und Werturteile, die sich an die Entwicklung und Nutzung neuer Technologien

knüpfen, offenzulegen.“ (Schuchardt/Wolf 1990: 19)

Dass diese idealtypische Definition in einer realen Technikfolgenabschätzung praktisch

niemals erfüllt wird, liegt an der Totalität ihrer Formulierung: So müsste nebst den

Technikfolgen auch die Technikgenesediskussion eine Rolle spielen, die Folgen und Risiken

müssten in jedem speziellen gesellschaftlichen Subsystem einzeln prognostiziert werden,

was realiter wegen des grossen Aufwands, meist beschränkter Geldmittel und aufgrund der

Erwartung schneller Ergebnisse unmöglich ist. Trotzdem dient diese Definition als

notwendige Vorgabe, um sich die Reichweite des Themas zu vergegenwärtigen. Auch meine

ich, dass eine so breit gefasste Definition den Vorteil hat, durch das Weglassen bestimmter

Einschränkungen den Filter im Kopf eines Technikfolgenabschätzenden gar nicht erst

entstehen zu lassen und damit den Forschungsbereich nicht unnötig einengt.

Kowalski versucht eine pragmatischere Definition. Er versteht unter 'Technology

Assessment' 17 die „systemanalytische, multidisziplinäre Beurteilung von Handlungsoptionen“,

die mittels bereits vorhandenem Datenmaterial mögliche Konsequenzen aufzeigt,

ohne eine systematische Erfassung aller denkbaren Folgen zu liefern (Kowalski 1994: 8).

Dieser praxisorientierte Ansatz kommt den meisten Technikfolgenabschätzungen entgegen,

da der allumfassende Bereich einer idealtypischen Definition eingeschränkt wird.

17 Technology Assessment ist der englische Begriff für Technikfolgenabschätzung. Beide werden durch ab und

zu mit dem Kürzel TA bezeichnet.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 19

2.1.1 Die Reichweite der Technikfolgenabschätzung

Konstruktionen fast undenkbarer Kausalketten zwischen technischen Innovationen und

gesellschaftlichem Wandel sind vermehrt erdacht worden. So behauptet Lynn White 1962 in

seinem Buch „Medieval Technology and Social Change“ einen Zusammenhang zwischen der

Innovation des Steigbügels und dem Aufkommen des Feudalismus (vgl. im folgenden

Kowalski 1994: 43/44). Der Steigbügel, um 500 in China erfunden, führte gemäss White

dazu, dass der Reiter und sein Pferd zu einer Einheit verschmolzen und eine grössere

Stossenergie im Kampf entwickelten. Da die kriegerische Ausrüstung zu jener Zeit sehr teuer

war und das Fränkische Reich über wenig Geldmittel verfügte, wurden in grossen Ausmass

kirchliche Güter enteignet und unter den Vasallen verteilt, die sich zum berittenen Kampf in

der Kaiserlichen Armee verpflichten mussten. Eine neue Klasse von Elitekriegern entstand,

die sich als feudalistische Aristokratie sah. Der Kausalzusammenhang zwischen Steigbügel

und Feudalismus war hergestellt.

Ein weiterer Kausalzusammenhang kann zwischen Spinnrad und Demokratie gezogen

werden (vgl. im folgenden mit Kowalski 1994: 48). Das Spinnrad wurde im 13. Jahrhundert

in Europa bekannt. Es rationalisierte die Arbeit in den Spinnereien, die Preise für den Stoff

fielen beträchtlich. Die Produktion von Leinen stieg sprunghaft an, und mit ihr auch die

textilen Abfälle, die zur Papierherstellung gebraucht werden konnten. Papier als billiges

Speichermedium des Buchdrucks konnte in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt

werden und ermöglichte die Alphabetisierung breiter Schichten, die als Voraussetzung

demokratischer Gesellschaftsordnungen gilt. Und so wurde ein direkter Zusammenhang

zwischen Spinnrad und Demokratie behauptet.

Das Problem solcher Kausalketten ist die deterministische Ansicht ihres Zusammenhangs:

Hätte es den Steigbügel nicht gegeben, wäre keine Feudalgesellschaft entstanden und wäre

das Spinnrad nicht erfunden worden, gäbe es keine demokratischen Gesellschaften. Solch

absurde Behauptungen vergessen, dass Folgen vielschichtig und andersartig auftreten

können und dass politische Konstellationen wichtige intervenierende Variablen darstellen.

Im Gegensatz zu solchen über Jahrhunderte verbundenen Kausalketten kann die

Technikfolgenabschätzung sinnvollerweise nur die direkten Auswirkungen einer

Technologie vermuten (Kowalski 1994: 45).

2.1.2 Zwei Konzepte

Im folgenden werde ich zwei Konzepte der Technikfolgenabschätzung beschreiben, einmal

eine Kausalkette, die auf einfache Weise die Komplexität der Technikfolgenabschätzung

aufzeigt und als zweites Konzept dasjenige der MITRE-Corporation, welches den Versuch

zu einer vollständigen Abschätzung darstellt.

Renate Mayntz' einfaches Konzept einer Technikfolgenabschätzung modelliert eine

fünfgliedrige Kausalkette zwischen Wissen, angewandter Technologie und den möglichen

Folgen, die bei deren Nutzung entstehen. Obwohl dieses Konzept einfach gestaltet ist, veranschaulicht

es doch die Komplexität der Technikfolgenabschätzung: Jeder Begriff in der

Kausalkette muss mehrfach gedacht werden.

Abbildung 2.1: Kausalkette

Wissen Technologie Anwendungen Nutzung Folgen

Quelle: Mayntz 1991: 48


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 20

Die multiplen Pfeile zwischen den einzelnen Begriffen weisen darauf hin, dass jeder Begriff

als Folge des vorhergehenden und als alternativ gestaltbar gedacht werden soll:

Grundlagenwissen erzeugt unterschiedliche Technologien, eine Basistechnologie kann zu

verschiedenen Anwendungen führen, eine Anwendung kann kontingent genutzt werden,

und diese Nutzungen generieren wiederum unterschiedliche Folgen: „Es besteht ein

gravierendes Missverhältnis zwischen der Vielfalt technisch möglicher menschlicher

Einwirkungen auf die soziale und natürliche Umwelt einerseits und unserer Fähigkeit, die

dadurch über lange Kausalketten vermittelten Folgen vorherzusehen.“ (Mayntz 1991: 58)

Das einfache naturwissenschaftliche Kausalmodell 'Aus der Ursache A folgt die Wirkung B'

wird ausser Kraft gesetzt.

Ein komplexeres Verfahren schlug die MITRE-Corporation – ein US-amerikanisches Nonprofit

Unternehmen, welches Aufträge des Staates übernimmt und beispielsweise für die

Armee der USA Informationssysteme entwickelt – bereits 1971 vor. Dieser Prototyp eines

Technikfolgenabschätzungsverfahrens umfasst sieben Arbeitsschritte:

Abbildung 2.2: Technikfolgenabschätzungsverfahren der MITRE-Corporation

Umfang der Studie

Technologiekomplex

Themenbereich

betroffene Gruppen

analysierter Zeitraum

Art der Folgewirkung

Beschreibung des tech-

nologischen Hinter-

grunds

physikalisch

funktional

Entwicklungsstand

Einflussfaktoren

Verwendungszweck

Gesellschaftliche

Bedingungen und

Einflussbereiche

Werte

Umwelt

Demographie

ökonomische Faktoren

soziale Faktoren

Institutionen

Quelle: Zeilhofer 1995: 181

Sieben Schritte zur Durchführung

einer Assessment-Untersuchung

1. Definition der Assessmentaufgabe

2. Beschreiben der relevanten

Technologien

3. Entwicklung einer gesellschaftlichen

Bestandsaufnahme

4. Festlegung der Einflussbereiche

5. Erstellung einer vorläufigen

Wirkungsanalyse

6. Ermittlung möglicher Handlungsoptionen

7. Vervollständigung der Wirkungsanalyse

Kriterien zur Bewertung

der Handlungsoptionen

Kontrollierbarkeit

Bedeutung

Priorität

Effektivität

Finanzierungskosten

Externe Kosten

Unsicherheit

Vergleich der Technolo-

giefolgen mit und ohne

Handlungsoptionen

Art des Einflusses

betroffene Gruppen

Art der Betroffenheit

Zeitverlauf

Stärke des Einflusses

Zeitdauer

Ausbreitung

Verursacher

Kontrollierbarkeit

Dieses siebenschrittige Verfahren stellt einen gelungenen Versuch dar, den notwendigen

Aufbau einer Technikfolgenabschätzung zu beschreiben. Nachdem die Fragestellung

formuliert wurde (Schritt 1), werden sowohl die relevanten Technologien (Schritt 2) wie auch

die gesellschaftlichen Bedingungen und Einflussbereiche (Schritt 3 und 4) thematisiert. Diese

Betrachtungen führen zu einer vorläufigen Wirkungsanalyse. Hier liegt jedoch noch nicht

das Ende der Abschätzung: erst die Suche nach Lösungsmöglichkeiten und

Handlungsoptionen für die betroffenen Gruppen (Schritt 6 und 7) vervollständigen die

Technikfolgenabschätzung.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 21

Die zweitälteste Verfahrensbeschreibung stammt aus dem Jahre 1976 und wurde durch das

Battelle-Institut auf 14 Arbeitsschritte festgelegt. Die interessanteste Neuerung bei dem

Battelle-Verfahren stellt die Miteinbeziehung der Perspektive von betroffenen Gruppen dar.

Schliesslich entwickelte die OECD noch ein weiteres Verfahren, welches 36 Arbeitsschritte

beinhaltet und 1978 publiziert wurde. Dieser anspruchsvolle Kriterienkatalog kann als

Orientierungshilfe in einem Technikfolgenabschätzungsverfahren gelten, als eigentliche

Verfahrensvorgabe ist er jedoch zu weit gefasst (Helle 1981: 419).

2.1.3 US-amerikanische und europäische Institutionalisierung

Durch die steigende Komplexität und Undurchschaubarkeit von technischen Wirkungen

und durch die Erkenntnis, dass „der sozio-ökonomische Prozess der Entstehung und

Durchsetzung technischen Wissens grundsätzlich gestaltbar ist“ (Tichy 1996: 14), bildeten

sich eigentliche Technikfolgenabschätzungsinstitutionen heraus.

Als erste offizielle Technikfolgenabschätzungsinstitution wurde das Office of Technology

Assessment (OTA) 18 1972 in den USA konstituiert, in erster Linie, um die Folgen des zivilen

Überschallflugzeugs SST (Super Sonic Transport) auf die oberen Schichten der

Erdatmosphäre abzuschätzen (Baron 1995: 70) 19 .

Die Idee der Technikfolgenabschätzung diffundierte darauf auch in Europa. In den europäischen

Industrienationen wurden folgende Technikfolgenabschätzungsinstitutionen

implementiert: OPECST (Office Parlamentaire d'Evaluation des Choix Scientifiques et

Technologiques) in Frankreich, das Danish Board of Technology in Dänemark, das Rathenau

instituut in den Niederlanden und POST (Parliamentary Office of Science and Technology)

in Grossbritannien (Baron 1995: 84ff.). Weiter sind das Technikfolgenabschätzungsbüro

(TAB) Deutschlands, das European Parliamentary Technology Assessment (EPTA) der EU

und das Institute for Future Studies in Schweden zu nennen. Die meisten Technikfolgenabschätzungsinstitutionen

gelten als parlamentarische Beratungsinstitutionen und nehmen

Aufträge vom Parlament an.

In der Schweiz kümmert sich seit 1991 der Wissenschaftsrat (SWR) um die Technikfolgenabschätzung.

Der SWR setzt sich hauptsächlich aus WissenschaftlerInnen zusammen, die

den Bundesrat in wissenschaftspolitischen Fragen beraten. Eines der Ziele des SWR ist „die

Evaluation der Forschung, der Wissenschafts- und Technologiepolitiken und deren Auswirkungen

auf den Menschen, die Gesellschaft und die Umwelt“ (Schweizerischer Wissenschaftsrat

1999). Der SWR benennt den TA-Leitungsausschuss, der sich aus 20 Personen aus

„Wissenschaft, Industrie, Politik, Verwaltung, Gewerkschaften und ausgewählten

Interessensgruppen“ zusammensetzt (Schweizerischer Wissenschaftsrat 1998). Dieser organisiert

im Bereich der Technikfolgenabschätzung mehrere Programme, bei deren Zusammenstellung

die Anfragen des Parlaments, der Wirtschaft und der Nichtregierungsorganisationen

berücksichtigt werden. Die Schwerpunkte der vierjährigen Arbeitsetappe, die 1996

begann, liegen im Bereich der Bio- und Gentechnologie, der Informationsgesellschaft und

der Energie.

18 Im Gesetzestext zur Institutionalisierung des OTAs werden seine Aufgaben festgeschrieben: „Technology

assessment is a term used to identify a process for generating accurate, comprehensive, and objective information

about technology to facilitate its effective social management by political decisionmakers. Specifically,

technology assessment is the thorough and balanced analysis of all significant primary, secondary, indirect

and delayed consequences or impacts, present and foreseen, of a technological innovation on society, the environment

or the economy.“ (U.S. Senat 1972 zit. nach Baron 1995: 70) Mit dieser Festschreibung wird die

Aufgabe der Technikfolgenabschätzung als politische Entscheidungserleichterung klar.

19 1995 wurde das (eigentlich erfolgreiche) OTA aufgrund politischer Querelen im US-Kongress bereits wieder

aufgelöst (Schweizerischer Wissenschaftsrat 1998).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 22

Abbildung 2.3: Aufbau der Technikfolgenabschätzung in der Schweiz

Bundesrat

ernennt berät

Schweizerischer Wissenschaftsrat

ernennt berät

beschliesst

TA-Leitungsausschuss

TA-Geschäftsstelle

Schwerpunktthemen

Projektgruppen Begleitgruppen

unterstützen

organisiert

schlägt vor

koordiniert

Quelle: Schweizerischer Wissenschaftsrat 1998

2.2 Technikbewertung als politischer Prozess

Externe

Experten

Wissenschaftliche Technikfolgenabschätzung soll den politischen Instanzen Informationen

über technische und gesellschaftliche Folgen neuer Techniken geben und zur Versachlichung

der Diskussion beitragen. Wissenschaftliche Technikfolgenabschätzung ist Politikberatung: es

liegt einzig in den Händen der Politiker oder Wähler, Folgen normativ zu bewerten und

politische Entscheidungen zu treffen (Tichy 1996: 15/16). Dieser Vorgang, der die normative

Bewertung der wissenschaftlichen Analyse von möglichen Technikfolgen beschreibt, nenne

ich in Anlehnung an Baron Technikbewertung (Baron 1995: 50) 20 .

Die Forderung nach einer institutionalisierten Technikbewertung besteht schon lange.

Bereits 1969 stellt Jürgen Habermas fest, dass der

„Herausforderung der Technik durch Technik allein nicht zu begegnen [ist]. Es gilt

vielmehr, eine politisch wirksame Diskussion in Gang zu bringen, die das gesell-

20 Es gibt in diesem Bereich unterschiedliche Auffassungen. Vielfach wird die Technikfolgenabschätzung

innerhalb der Technikbewertung angesiedelt (beispielsweise beim Verein Deutscher Ingenieure 1989: 321).

Hier werden die Phasen der Technikbewertung in a) Definition und Strukturierung des Problems, b) Folgenabschätzung,

c) Bewertung und d) Entscheidung unterteilt. Baron weist zurecht auf die didaktisch schwer

nachvollziehbare Doppeldeutigkeit des Technikbewertungsbegriffs – einmal als vier Phasen beinhaltendes

Verfahren und einmal als einzelne Phase in diesem Verfahren – hin (Baron 1995: 52). Mir erscheint es

sinnvoller, diese beiden Verfahren zu trennen, da – je nach unterschiedlicher institutioneller Ausgestaltung –

auch unterschiedliche Akteure beteiligt sind: im Fall der Technikfolgenabschätzung die WissenschaftlerInnen,

im Prozess der Technikbewertung das Parlament oder die Bürger.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 23

schaftliche Potential an technischem Wissen und Können zu unserem praktischen

Wissen und Wollen rational verbindlich in Beziehung setzt.“ (Habermas 1969: 118)

Technikbewertung „meint heute nicht weniger als die Beurteilung, Planung, Steuerung und

Kontrolle hochkomplexer Strukturen und Prozesse gesellschaftlicher Wechselbeziehungen,

soweit sie Bedingungen und Folgen der Technisierung sind.“ (Huisinga 1985: 13)

In die Bewertung fliessen Werthaltungen ein, die nicht quantifizierbar sind (Kowalski 1994:

12), deshalb handelt es sich bei der Technikbewertung um ein nicht-wissenschaftliches Element

der Entscheidungsfindung. Diese Definition darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass

bereits die wissenschaftliche Technikfolgenabschätzung nicht wertneutral gestaltbar ist, da

sie durch ihre geäusserten Lösungsvorschläge erwünschte und unerwünschte Folgen

bewertet.

Zwei Begebenheiten thematisierten das Problem der normativen Bewertung der Wissenschaftler

innerhalb der Soziologie (vgl. im folgenden Keuth 1991: 116ff.). Die Werturteilsdiskussion

von 1913 im Verein für Sozialpolitik, dessen hauptsächlich Beteiligter Max Weber

war, wurde in den 60er Jahren im 'Positivismusstreit' von Theodor Adorno und Jürgen

Habermas als Gegenpole zu Karl Popper und Hans Albert erneut aufgenommen (vgl. mit

Dahms 1994 und Habermas 1982: 15-88).

Max Weber äusserte sich gegen die 'Kathederwertung', in der im akademischen Unterricht

Wertäusserungen bezüglich Ethik, Ästhetik und Weltanschauung erfolgen. Seiner Meinung

nach kann eine empirische Wissenschaft nicht normativ bewerten, sondern nur

Möglichkeiten des Handelns offenlegen. Adorno und Habermas vertraten die Auffassung,

dass die Wissenschaft ethisches Wissen vermitteln soll, während Popper und Albert die

Möglichkeit ethischen Wissens anzweifelten.

Konstruktivistische Theorien (vgl. mit Glasersfeld 1992) gehen heute davon aus, dass je nach

Perspektive des Wissenschaftlers andere Ergebnisse entstehen und dass durch die

Themenwahl bereits eine Wertung gefällt wird, da das gewählte Thema wichtiger als die

anderen möglichen Themen erscheint. Das Vorhandensein von objektivem Wissen muss

verneint werden. Die wissenschaftliche Technikfolgenabschätzung darf deswegen nicht als

vollständig wertneutral betrachtet werden: Bewertungen und Werturteile aus der Sicht des

Technikfolgenabschätzers fliessen in die Technikfolgenabschätzung ein. Deshalb ist die

Offenlegung der subjektiven Bewertungen innerhalb einer Technikfolgenabschätzung ein

unverzichtbares Postulat (Baron 1995: 52).

2.2.1 Akteure der Technikbewertung

Hinter der Forderung nach einer institutionalisierten Technikbewertung steckt offensichtlich

die Forderung nach staatlicher Technikregulierung. Es veranstalten aber verschiedene – auch

nicht-staatliche Akteure – Technikbewertung. Die folgende Tabelle 2.1 gibt einen Überblick

über die Vielzahl der Akteure, ihren Technikbewertungszweck und ihre Mittel.

Die Tabelle 2.1 nennt hauptsächlich durch eine Wahl legitimierte nationale und

internationale politische Akteure, die sich mit der Technikbewertung auseinandersetzen.

Nichtsdestrotrotz werden aber auch Unternehmen, Verbände und Bürgerinitiativen

erwähnt. Das lässt die Frage entstehen, ob staatliche Institutionen technische Innovationen

bewerten sollen, oder ob andere Akteure die besseren Technikbewerter sind. Das folgende

Kapitel versucht, diese Frage zu beantworten.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 24

Tabelle 2.1: Akteure der Technikbewertung

Aggregationshöhe Technikbewertungs

-Zweck

Mittel

International UNO Frühwarnung Kommission

WTO Legitimation Studie

OECD Kompromissuche Modell

EU Alibi Empfehlung

National Regierung Interessen- Moratorium

Parlament

Quelle: nach Krupp 1989: 110

2.2.2 Wer soll bewerten?

Artikulation Geheimabsprache

Verbände Ermittlung von Marktstudie

Unternehmen Durchsetzungs-

Mög-

lichkeiten und Prognose

Konkurrenzanalyse

-Hemmnissen von Vermarktungsstrate

-

Interessen gie

Corporate-Identity-

Entwurf

Partei Kommission

Programm

Bürgerinitiative Studie

Auftrag

Informelle Technikbewertung als eine „Vielzahl begrenzter und unkoordinierter

Bewertungen, die von den verschiedensten Akteuren jeweils für ihren eigenen

Handlungsbereich vorgenommen wurden“ (Ropohl 1988: 16) existiert schon lange. So ist im

Prinzip schon die Entscheidung eines Erfinders, in einem bestimmten Bereich zu forschen,

Technikbewertung. Da diese Bewertungen aber unkoordiniert und von partikulären

Nutzenabwägungen geprägt sind, werden längerfristige Auswirkungen in der informellen

Technikbewertung nicht antizipiert.

Der häufige Hinweis, dass Techniker ihre Innovationen bereits selbst informell auf ihre

Folgen hin bewerten, da es sowieso in ihrem Interesse liegt, einen ökonomischen Erfolg ohne


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 25

imageschädigende Nebenfolgen zu verzeichnen, ist nicht glaubwürdig. Technische Forscher

kennen sich auf ihren Spezialgebieten aus. Die Anitzipation möglicher sozialer Folgen bei

der Einführung ihrer Innovation findet hingegen keinen Platz in ihrer unmittelbaren

Tätigkeit. Ihr vorrangiges Interesse muss darin liegen, ihre Erfindung auf den Markt zu

bringen: „Wissenschaftler sind in einem Konkurrenz-System tätig. Man will den eigenen

Namen mit wissenschaftlichen Durchbrüchen verbinden. Gesellschaftliche Fragen werden in

diesem System viel zuwenig berücksichtigt.“ (Nowotny 1998: 57)

Auch die Forderung, die neuen Techniken dem Markt zu überlassen und die

Entscheidungen der Marktteilnehmer zu akzeptieren, bleibt kurzsichtig. Der

Planungshorizont von Unternehmen reicht nicht über fünf bis zehn Jahre hinaus, so dass

langfristige Folgen nicht antizipiert werden können (Helle 1981: 410). Die Unternehmen

lassen sich vom Wirtschaftlichkeitsprinzip leiten, welches aufgrund von Shareholder-

Ansprüchen selten langfristig ausgerichtet ist:

„Auch die Kräfte des Marktes können [...] im allgemeinen zwischen sozial verträglichen

und unverträglichen Techniken nicht selektieren, weil es dazu einerseits der

Internalisierung aller externen Effekte bedürfte und der Horizont der Erwartungsbildung

der Marktteilnehmer dazu in der Regel nicht ausreicht.“ (Tichy 1996: 21)

Doch auch die nationale und internationale Technikbewertung von staatlichen Akteuren

kennt ihre Schwierigkeiten, denn die Technikbewertung bedarf Fingerspitzengefühl. Der

Staat sollte seine Technikregulierung effizient – mit möglichst wenig Inanspruchnahme

bürokratischer Gremien – gestalten, damit aus dem 'Technology Assessment' kein

'Technology Arrestment' wird, denn die Argumente des internationalen Wettbewerbs und

der Standortkonkurrenz werden häufig gegen die staatliche Technikbewertung ins Felde

geführt.

Die Vorstellung der neuen ökonomischen Wachstumstheorie 21 illustriert diese Position. Sie

behauptet einen Zusammenhang zwischen der Menge an Innovationen und dem

Wirtschaftswachstum. Gemäss der neuen ökonomischen Wachstumstheorie wird technologischer

Fortschritt als Zunahme des Wissensstandes definiert (Hotz/Reuter/Vock 1997: 147).

Somit kann der technologische Fortschritt als Zunahme des aggregierten Humankapitals

einer Volkswirtschaft interpretiert werden. Die neue ökonomische Wachstumstheorie

schreibt dem aggregierten Humankapital positive Wachstumseffekte zu. Positive Spillover

der Wissensakkumulation – darunter wird verstanden, dass die Wissensdiffusion in einer

Gesellschaft auch Marktteilnehmern zugute kommt, die nicht an der Wissensproduktion

teilgenommen haben – sollen zu Wachstumsschüben führen. Der Zusammenhang wird

folgendermassen formuliert: „Je höher der Bestand an Humankapital, desto höher die

positiven Externalitäten, desto grösser die Sogwirkung auf komplementäre

Produktionsfaktoren (Arbeitskräfte und Kapital) und desto höher der Entwicklungsstand

einer Volkswirtschaft.“ (Straubhaar 1997: 19)

Der staatliche Eingriff im Bereich der Innovationstätigkeit von Unternehmen kann gemäss

dieser Perspektive folglich eine Belastung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit

darstellen und negative Auswirkungen auf den Standort und das Wirtschaftswachstum

haben. Hier stellt sich jedoch die normative Frage, ob hauptsächlich quantitatives Wachstum

angestrebt werden soll, oder ob nicht die Frage nach Wohlfahrt und damit auch nach

sauberer Umwelt und – im Rahmen einer Weltsystemperspektive – auch nach einer

möglichen Entwicklung peripherer Staaten im Vordergrund stehen sollte.

21 Vertreter der neuen Wachstumstheorie sind: P.M. Romer, R.E. Lucas. R.J. Barro, G. Grossman, E. Helpman und

S. Rebelo (Bretschger 1996: 90).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 26

Die staatliche Technikfolgenabschätzung kennt nebst der neuen ökonomischen Wachstumstheorie

weitere Kritiker. Renate Mayntz betont, dass das Ideal der Erhöhung von rationalen

politischen Entscheiden in der Realität verfehlt wird, da im politischen Prozess nicht die

Rationalität erste Priorität innehat, sondern Konsensfähigkeit und finanzielle Zwänge (vgl.

im folgenden mit Mayntz 1991: 59/60). Dies führt dazu, dass Technikfolgenabschätzung

häufig politisch instrumentalisiert und zur Legitimierung von politischen

(Nicht)Entscheidungen missbraucht wird, folglich eine Alibifunktion ausübt. Renate Mayntz

sieht die wichtigste Rolle der Technikfolgenabschätzung in ihrem Legitimierungsgehalt. Sie

schlägt vor, die Ergebnisse der Technikfolgenabschätzung verschiedensten gesellschaftlichen

Akteuren zugänglich zu machen. Dies sei umso wichtiger, da die Einwirkung auf Forschung

und Entwicklung überwiegend bei privaten und gesellschaftlichen Akteuren liegt:

„Je beschränkter die Möglichkeiten politischer Steuerung der Technikentwicklung

sind, umso wichtiger wird es, dass TA-Ergebnisse denjenigen Akteuren zugänglich

und bekannt gemacht werden, die den Prozess der Technikentwicklung durch ihre

Wahlhandlungen vorantreiben.“ (Mayntz 1991: 60)

Die neuere Technikbewertung versteht sich als „Instrument, um die breite Bevölkerung am

Entscheidungsprozess zu beteiligen“ (Schweizerischer Wissenschaftsrat 1998: 3) und soll so

die Gefahr einer bürgerfernen Technikpolitik vermindern. Mit partizipativen Verfahren, die

einen Dialog zwischen Experten und Laien initiieren, sollen technokratische Lösungen von

der Bevölkerung basisdemokratisch beeinflusst werden. In verschiedenen europäischen

Ländern werden sogenannte Konsens-Konferenzen durchgeführt – in der Schweiz unter

dem Namen PubliForum bekannt. Die Diskussion zwischen Fachleuten und BürgerInnen

sollen als Stellungsnahmen den Mitgliedern des Parlaments zugänglich gemacht werden

und politische Entscheide über technikrelevante Themen beeinflussen.

2.3 Methoden der Technikfolgenabschätzung

Die Auftragserfüllung einer Technikfolgenabschätzung verlangt nach Interdisziplinarität.

Technische Folgen und Risiken 22 einer neuen Technik lassen sich am besten von Technikern

abschätzen, für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen sind Sozialwissenschaftler

zuständig, die ethische Bewertung neuer Techniken fällt in die Hände der Philosophen und

Theologen usw. Die Forderung nach Interdisziplinarität darf jedoch nicht falsch verstanden

werden: Nicht gemeint ist, dass Fachleute einer bestimmten Disziplin sich anmassen,

Expertenmeinungen in einem ihnen fremden Gebiet abzugeben. Angestrebt wird die

Möglichkeit einer Konsensfindung in einer interdisziplinären Institution, die wiederum

Interesse und Offenheit aller Beteiligten erfordert (Tichy 1996: 26).

Die Technikfolgenabschätzung geht, verglichen mit den in Kapitel 1 vorgestellten Technikfolgentheorien,

einen Schritt weiter: sie betritt Neuland, da zukünftige Folgen abgeschätzt

werden sollen, und ihre Aufgabe darin besteht, Antworten auf Nichtexistentes und Fiktives

zu finden. Demzufolge ist die Technikfolgenabschätzung wissenschaftliche

Zukunftsforschung, die im Gegensatz zur 'Science-fiction' den Zusammenhang zur

Gegenwart entwicklungsgeschichtlich darstellt, folglich also 'Real-Utopien' entwirft

(Schmidt-Gernig 1998: 66/67).

22 Die Risikodiskussion fällt natürlich spätestens nach Ulrich Becks 'Risikogesellschaft' auch in den Zuständigkeitsbereich

der Soziologie (Beck 1986). In seiner Perspektive ist Risiko nicht mehr die Eintretenswahrscheinlichkeit

natürlicher Katastrophen, die durch die Aufsummierung einzelner

Teilwahrscheinlichkeiten (analog des naturwissenschaftlichen Risikoverständnisses) berechnet werden kann.

Der sozialwissenschaftliche Risikobegriff meint die Wahrnehmung drohender Zerstörungen. Diese werden

durch die Gesellschaft der zweiten Moderne, die sich durch Globalisierung und Individualisierung

auszeichnet, selbst erzeugt und definiert (Beck 1998: 261ff.).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 27

Die Früherkennung von technischen und sozialen Folgen ist die zentrale Forderung jeder

Technikfolgenabschätzung. Auguste Comtes Ausspruch des „savoir pour prévoir, prévoir

pour prévenir“ wird zum angestrebten Ideal, welches die (umstrittene)

Frühwarnungsmöglichkeit der Technokratie in den Vordergrund rückt. Rammert spricht

vom zeitlichen Dilemma der Technikfolgenabschätzung:

„Eine empirisch fundierte Analyse der Technikfolgen kann erst dann vorgenommen

werden, wenn eine neue Technik fertig entwickelt, in verschiedenen Anwendungsfeldern

eingesetzt und unter normalen Bedingungen längere Zeit erfolgreich

genutzt wird. Dann käme sie jedoch in der Regel zu spät, um eine unerwünschte

technische Entwicklung zurückzunehmen oder sie auch nur umzusteuern.“

(Rammert 1994: 17)

Die Forderung nach Interdisziplinarität und Früherkennung stellt die

Technikfolgenabschätzung vor ein methodisches Problem. Eine einheitliche

Technikfolgenabschätzungsmethodik lässt sich aufgrund der Vielfalt der Akteure und

Themen nicht erwarten. Vielmehr werden bereits bekannte, aus den teilnehmenden

Wissenschaftsbereichen (Natur-, Technik-, Geistes- und Sozialwissenschaften) entliehene

Verfahren angewendet (Zeilhofer 1995: 180). Diese Verfahren sind auch in der

Zukunftsforschung bekannt.

Der Verein Deutscher Ingenieure VDI veröffentlichte eine tabellarische Übersicht über die

einzelnen, häufig angewendeten Technikfolgenabschätzungsmethoden. Unterschieden wird

zwischen qualitativen und quantitativen Methoden und zwischen den einzelnen Phasen, in

der die jeweilige Methode am besten eingesetzt werden kann: Die Phase der

Folgenabschätzung beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Analyse der Folgen und die

Phase der Bewertung äussert sich zur (Un)erwünschtheit von Folgewirkungen und der

Formulierung von Lösungsvorschlägen 23 .

Ich habe die verschiedenen Methoden in der Tabelle 2.2 auf der folgenden Seite grob ihren

Fachbereichen zugeordnet und werde sie kurz kommentieren. (Für die ausführlichere

Diskussion der einzelnen Methoden siehe Verein Deutscher Ingenieure 1989: 235-238;

Rammert 1993: 51/52; für praktische Beispiele siehe Porter/Rossini/Carpenter 1980.)

Eine Methode, die in allen Fachbereichen gebraucht wird, ist das Brainstorming. Eine

möglichst heterogene Gruppe sammelt Einfälle zu möglichen Folgen einer

Technikanwendung. Auch auf den ersten Blick absurd erscheinende Ideen werden nicht

eliminiert. Diese Methode verspricht, nicht beachtete Folgenbereiche zu entdecken.

Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Methoden versuchen mit Hilfe von Matrizen

(morphologische Klassifikation und Verflechtungsmatrix-Analyse) und von graphentheoretischen

Baumstrukturen (Relevanzbaum-Analyse), wie sie auch in der Spieltheorie in Form von 'Game-

Trees' benutzt werden, mögliche Folgen vorherzusehen. Spezielle Aufmerksamkeit gilt der

Risiko-Analyse: sie verwendet ebenfalls die Relevanzbaum-Methode und versucht, den

einzelnen Ereignissen eine Eintretenswahrscheinlichkeit zuzuordnen. Die Aufsummierung

der einzelnen Eintretenswahrscheinlichkeiten ergibt das Gesamtrisiko.

Diejenigen Methoden, die ich unter den ökonomischen Methoden subsumiert habe, werden

oft bei ökonomischen Analysen verwendet. Die Trendextrapolation findet häufig Anwendung

bei Konjunkturprognosen. Im Bereich einer Technikfolgenabschätzung erscheint diese

Methode als weniger geeignet, da bei ihrer Anwendung Gründe dafür bestehen müssen,

23 Bei dieser Diskussion der wissenschaftlichen Methoden zur Technikbewertung muss memoriert werden, dass

sich die Technikbewertung aufgrund meiner Definition im politischen System abspielt. Die in diesem Kapitel

aufgeführten Methoden zur Technikbewertung dienen dazu, innerhalb der Wissenschaft mögliche Lösungsvorschläge

zu äussern.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 28

dass sich die Rahmenbedingungen nicht verändern (ceteris paribus-Bedingung). Die Kosten-

Nutzen-Analyse und die Nutzwert-Analyse versuchen, den zukünftigen Nutzen einer

Technologie zu beziffern. Die Kosten-Nutzen-Analyse bewertet auch metaökonomische

Kriterien, wie beispielsweise Lebensqualität, und gerät spätestens bei der monetären

Bewertung eines Menschenlebens an ihre Grenzen. Die Nutzwert-Analyse versucht mit Hilfe

von Nutzenfunktionen über gewünschte und unerwünschte Folgen zu entscheiden. Die

Modell-Simulation schliesslich stellt wohl die komplexeste der ökonomischen Methoden dar.

Fortgeschrittene Modelle der Computer-Simulation ermöglichen das Berechnen

kybernetischer Systeme. Durch Variation der Variablen können verschiedene

Folgemöglichkeiten am Computer durchgerechnet werden. Die Ergebnisse müssen jedoch

auch hier mit Vorsicht bewertet werden, liegen der Modell-Simulation doch mathematische

Funktionen zugrunde, von denen jede einzelne eine erfahrungswissenschaftliche Hypothese

ausdrückt, die jedoch oftmals nicht unter Zuhilfenahme der Ökonometrie überprüft wird.

Tabelle 2.2: Methoden der Technikfolgenabschätzung

Methode Art Phase

Brainstorming

mathematisch-naturwissenschaftlich:

Qualitativ Quantitativ

Morphologische Klassifikation • •


Folgen-

abschätzung

Relevanzbaum-Analyse • • • •

Risiko-Analyse • • •

Verflechtungsmatrix-Analyse • • • •

ökonomisch:

Kosten-Nutzen-Analyse • •

Modell-Simulation • • •

Nutzwert-Analyse • • •

Trend-Extrapolation • •

soziologisch (geisteswissenschaftlich):

Akzeptanzforschung • •

Delphi-Umfrage • • • •

Historische Analogiebildung • • •

Szenario-Gestaltung • • •

Quelle: nach Verein Deutscher Ingenieure 1989: 234


Bewertung


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 29

Die Methoden der Technikfolgenabschätzung und -bewertung, die sich besonders für

soziologische Analysen eignen, fussen zu einem Teil auf Befragungen. Die Delphi-Expertenumfrage

kann als Prognosemethode dienen, da sie Ansichten von Experten erhebt. Die

Akzeptanzforschung hingegen befragt Laien, um deren Meinungen bezüglich einer

bestimmten Technologie festzuhalten. Diese Methode eignet sich zur Technikbewertung, da

hier ein grösserer Kreis der Bevölkerung zu Worte kommt. Die historische Analogiebildung

schliesst von einer früheren Entwicklung auf eine zukünftige. Hier stellt sich das Problem

der Vergleichbarkeit: prinzipiell ist jedes historische Ereignis unikat und kann nicht

wiederholt werden. Trotzdem erscheint mir diese Methode insofern als geeignet, da bei der

Interpretation eines vergangenen Ereignisses mögliche Einflüsse gefunden werden können,

die sonst nicht in Betrachtung gezogen würden. Die Szenario-Gestaltung schliesslich eignet

sich gut für eine geisteswissenschaftliche Technikfolgenabschätzung. Sie versucht, alle

kontextuellen Elemente zu definieren und ihre Beziehungen zueinander darzustellen. Sie ist

ihrem Wesen nach qualitativ und dient zur ganzheitlichen Beschreibung von möglichen

Technikfolgen. Diese qualitative Methode integriert so weit wie möglich auch quantitative

Ergebnisse, die durch andere Methoden gefunden wurden. So unterliegen der szenarischen

Vorschau meist verfügbare Trendextrapolationen oder ein bestehender Expertenkonsens.

Die szenarische Prognose wird häufig mit Bezug auf jeweils relevante Sozialindikatoren

gestellt. Meistens werden verschiedene Szenarios entworfen, die sich einer optimistischen

oder pessimistischen Zukunftssicht hingeben. „Die Szenario-Gestaltung ist eine Mischung

aus prognostischem Wissen, intellektueller Kombinatorik und phantasievoller Erzählkunst;

sie sagt nicht, was sein wird, sondern antwortet auf die Fragen des Typs „Was wäre,

wenn...“ (Verein Deutscher Ingenieure 1989: 237)

2.4 Zusammenfassung

Dargestellt wurde das Instrumentarium der Technikfolgenabschätzung, das prospektiv

Technikfolgen erkennen will, also im Bereich der Zukunftsforschung zu verorten ist.

Schwierig gestaltete sich die Unterscheidung zwischen Technikfolgenabschätzung und

Technikbewertung, da sich bei der Definition dieser beiden Begriffe kein Konsens gebildet

hat. Ich unterscheide Technikfolgenabschätzung als wissenschaftliche Technikfolgenanalyse

und Technikbewertung als Prozess der Entscheidungsfindung, der innerhalb politischer

Gremien stattfindet.

Im folgenden werde ich einen Teil des eingeführten Instrumentariums der Technikfolgenabschätzung

anwenden. Ich werde mich weitestgehend an dem sieben Schritte

umfassenden, grundlegenden Technikfolgenkonzept der MITRE-Corporation orientieren

(siehe Abbil-dung 2.2). Als empirische Methoden werden die historische Analogiebildung

und die Szenariogestaltung zum Zuge kommen. Die genannte Forderung nach

Interdisziplinarität im Technikfolgenabschätzungsbereich kann ich leider nicht erfüllen, in

meinen Möglichkeiten liegt einzig die Verbindung einer ökonomischen und soziologischen

zu einer wirtschaftssoziologischen Abschätzung. Trotzdem denke ich, dass die Abschätzung

in nur einer Disziplin auch zu einem interdisziplinären Dialog beitragen kann.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 30

3. Was sind biotechnische Rohstoffsubstitutionen?

Nachdem in den letzten zwei Kapiteln theoretische Vorarbeit geleistet wurde, bildet dieses

Kapitel den Anfang der Technikfolgenabschätzung. Dargestellt wird der Bereich der

relevanten Technologie: die substitutiven Biotechniken.

Nach der Definition der Biotechnologie wird diskutiert, ob von der Biotechnologie eine

ähnliche globale Diffusion wie von den Informations- und Kommunikationstechnologien im

Prozess der Globalisierung erwartet werden kann. Obwohl sich die einzelnen Autoren über

die Reichweite der Biotechnologie nicht einig sind, wird ihrem substitutiven Charakter im

Bereich der Agrarwirtschaft eine gewichtige Rolle zugestanden. Darauf werden einzelne

Biotechniken identifiziert, mit deren Anwendung es möglich ist, tropische Rohstoffe zu

substituieren. Schliesslich folgt ein tabellarischer Überblick über die aktuelle Forschung an

Rohstoffsubstituten und den beteiligten Forschungsakteuren.

3.1 Biotechnologie als Bündel von Techniken und Industrien

Gemäss einer häufig verwendeten Definition des Office of Technology Assessment OTA der

USA beinhaltet die Biotechnologie „any technique that uses living organisms (or parts of

organisms) to make or modify products, to improve plants and animals, or to develop microorganisms

for specific uses.“ (OTA zit. nach Hobbelink 1991: 25)

Die Biotechnologie konstituiert sich aus alten und neuen Techniken (vgl. im folgenden mit

Junne 1986: 66). Diesen Techniken ist gemeinsam, dass sie biologische Organismen, Systeme

und Verfahren zur Veränderung von Lebewesen und Pflanzen einsetzen.

Innerhalb der Biotechnologie kann zwischen drei Generationen unterschieden werden. Die

erste Generation ist bereits seit Jahrhunderten bekannt und beinhaltet die Herstellung von

Brot, Bier, Wein und Käse mittels Mikroorganismen (einzelligen Lebewesen), wie

beispielsweise Bakterien oder Hefe. Die gegen Ende des zweiten Weltkriegs errungenen

Fortschritte in der Enzym-Technologie und die Erfindung des Antibiotikas fallen in die

Biotechnologie der zweiten Generation. Die dritte Generation wurde 1973 durch einen

wissenschaftlichen Durchbruch begründet: durch die Extraktion von Genen aus DNS-

Molekülen und deren Übertragung in Bakterien wurde die Gentechnologie geboren.

Die Biotechnologie ist folglich nicht eine einzige Technologie, sondern ein Bündel verschiedener

Techniken. In dieser Arbeit werde ich mich auf die Darstellung derjenigen Biotechniken

beschränken, die eine Rohstoffsubstituierung ermöglichen.

Die Biotechnologie findet Anwendung in verschiedenen Industrien. Ein Überblick findet sich

in der folgenden Abbildung:


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 31

Abbildung 3: Biotechnologie und ihre Anwendung in verschiedenen Industrien

Waste Treatment

Energy

Food-Manufacturing &

Stimulants Industry

Quelle: Roobeek 1995: 68

Agriculture Stock Breeding

Biotechnology

Fine

Chemicals

Industry

Pharmaceutical

Industry

Veterinary

Health Care

Human

Health Care

In dieser Arbeit interessieren mich hauptsächlich die Anwendungen der Biotechnologie in

der Landwirtschaft und im Nahrungsmittelbereich, da hier bedeutende Auswirkungen auf

die (semi)peripheren Staaten, die grösstenteils als Rohstoffproduzenten in die internationale

Arbeitsteilung eingegliedert sind (siehe Kapitel 4), zu erwarten sind. Die weiteren Anwendungen

der Biotechnologie im Gesundheitssektor, in der Pharma- und Chemie-Industrie, in

der Viehzucht, im Energiesektor und in der Abfallbeseitigung werden in dieser Arbeit nicht

besprochen.

3.2 Die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts?

Bei der Beschreibung des technologischen Hintergrunds dieser Technikfolgenabschätzung

ist es notwendig, die Reichweite der relevanten Technik zu besprechen, da der Umfang der

Folgen vom Erfolg der Einführung der neuen Technik abhängig ist. Hier stellt sich die Frage,

ob die Biotechnologie und in ihr die substitutiven Biotechniken tatsächlich global wirken

und als weltstrukturverändernd angesehen werden können.

Dass neue Techniken die globale Struktur verändern können, wird in der neueren Globalisierungsdebatte

anerkannt: Die Diffusion der Informations- und

Kommunikationstechnologien scheint den Prozess der Globalisierung voranzutreiben

(Beisheim/Walter 1997: 161). Angeführt wird, dass erst die moderne Technik – vor allem die

Informations- und Kommunikationstechnologien – es möglich machten, zu nichtterritorialen

Formen der Organisation zu finden:

„Die Verschmelzung von Telekommunikation und Computern stellt eine ebenso elementare

Voraussetzung für die Globalisierung der Ökonomie dar, wie die Eisenbahn eine

Voraussetzung für die Herausbildung nationaler (und internationaler) Märkte im Prozess

der Industrialisierung gewesen ist.“ (Altvater und Mahnkopf 1996: 284)

Altvater und Mahnkopf vertreten die Ansicht, dass die Informations- und Kommunikationstechnologien

eine Ursache des sozialen Wandels sind, der die Globalisierung hervorruft. Die


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 32

Frage nach der potentiellen Veränderungsmöglichkeit der internationalen Arbeitsteilung

durch die Biotechnologie fügt sich hier nahtlos an.

Da die Biotechnologie mit ihren Anwendungsmöglichkeiten dem Kindesalter noch nicht

entwachsen ist, hat die Analyse ihrer Reichweite prognostischen Charakter 24 , was dazu

führt, dass die Einschätzungen durch konträre Meinungen gekennzeichnet sind.

Volker Bornschier attestiert der Biotechnologie pervasiven Charakter und setzt sie im

Vergleich zur Informationstechnik auf dasselbe Niveau: „Ähnlich wie die

Informationstechnik ist auch die Biotechnik oder die „Informationstechnik des Lebens“ eine

Querschnittstechnologie, die eine ganze Reihe von Industrien und Dienstleistungen von

Grund auf verwandelt.“ (Bornschier 1998: 123)

Christopher Freeman vertritt eine gegenteilige Meinung. Er spricht der Biotechnologie den

revolutionären Charakter ab, da sie notwendige Aufgaben einer revolutionären Technologie

nicht erfüllen kann. So kann seiner Meinung nach die Biotechnologie in der Produktion von

vielen Gütern und Dienstleistungen keine Kostenminderung gewährleisten. Auch bestehen

in der sozialen Akzeptanz dieser Technologie Vorbehalte. Deshalb bewertet Freeman den

pervasiven Charakter der Biotechnologie geringer als denjenigen der Informationstechnik

(Freeman 1995: 15 f.).

Frederick Buttel vertritt eine noch skeptischere Position (vgl. im folgenden mit Buttel 1995:

25 ff.). Er spricht der Biotechnologie jeglichen revolutionären Charakter ab. Gemäss Buttel

müsste eine revolutionäre Technologie drei Kriterien erfüllen: Erstens müsste sie eine breite

Anwendung finden, zweitens Produktionskosten senken und neue Konsum- und

Produktionsgüter herstellen und drittens in einem aufsteigenden Wirtschaftssektor –

gemessen am Anteil des BSP – Fuss fassen. Die Biotechnologie erfülle nicht jeden dieser

Punkte, so seine Meinung: Sie konstituiere nur wenig neue Güter: „[...] I hypothesize that the

development and application of biotechnology will serve primarily to cheapen or otherwise

improve the production of existing products or to provide substitutes for existing products

or services.“ (Buttel 1995: 32) Substitute seien hauptsächlich kostengünstigere

Produktionsalternativen von Gütern, die bereits in den entwickelten Staaten weithin bekannt

sind. Weiter werde die Biotechnologie nur in abnehmenden Sektoren wie der Landwirtschaft

und dem Industriesektor genutzt, der wichtige postindustrielle Sektor der Dienstleistungen

werde vernachlässigt. Aufgrund dieser Argumentationskette scheint die Biotechnologie im

Gegensatz zu den Informations- und Kommunikationstechnologien keine revolutionäre

Bedeutung zu erlangen: „[...] biotechnology will be a subordinate technology, subsidiary to

or derivative from the social relations of the predominant information technologies.“ (Buttel

1995: 40)

Gerardo Otero widerspricht Buttels Ansicht und weist auf die wichtige Rolle der Biotechnologie

in der Landwirtschaft hin (vgl. im folgenden Otero 1991: 551 ff.). Obwohl der

Primärgütersektor und damit die Landwirtschaft in der westlichen Welt einen abnehmenden

Wirtschaftssektor darstellt, ist sie lebenswichtig für näherungsweise 60% der Dritt-Welt-

Population. So betrachtet Otero den epochalen Charakter der Biotechnologie unter dem

Stichwort „Bringing the Majority of the People in“ (Otero 1991: 560) und verlagert die

Perspektive auf die Weltsystemebene. In dieser Perspektive löst die Biotechnologie nicht nur

die von Buttel dargestellten Landwirtschaftsprobleme der industrialisierten Staaten, sondern

beeinflusst die Mehrheit der Bevölkerung der Dritten Welt. Selbst wenn die Biotechnologie

hauptsächlich Produkte substituiert und nicht neu erfindet, hat sie dennoch einen grossen

Einfluss: „Even confined to a substitutionist role, biotechnology could have profound impli-

24 So prognostiziert Regina Galhardi, dass Resultate im Bereich der Forschung an biotechnischen

Rohstoffsubstituten von Kaffee und Kakao nicht vor 10 bis 15 Jahren erhältlich sein werden (Galhardi 1995:

642).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 33

cations for both productivity and the international division of labor, which are bound to generate

major social changes.“(Otero 1991: 555/556)

Da meine Fragestellung die Auswirkung von biotechnischen Agrarsubstitutionen auf die

Weltsystemstruktur betrifft, tritt die Frage nach dem revolutionären Charakter in den

Hinter- und nach den sozialen Auswirkungen der biotechnischen Anwendungen in den

Vordergrund. Ich stimme deshalb Oteros Argumentation zu. Betrachtet man die grosse

Anzahl der im weltweiten Agrarsektor Beschäftigten, lässt sich der potentielle Einfluss der

biotechnischen Rohstoffsubstitutionen nicht mehr als blosse westliche Agrarproblemlösung

bezeichnen. Die beachtliche Reichweite der Biotechnologie in der Frage nach der

Veränderung der Weltsystemstruktur scheint somit aufgrund ihres substitutiven Charakters

als gegeben.

3.3 Identifikation der substitutiven Biotechniken

Bezüglich meiner Fragestellung nach den internationalen Auswirkungen der Biotechnologie

im Bereich der Landwirtschaft scheinen die Biotechnologien der zweiten Generation und nicht

diejenigen der dritten Generation im Vordergrund zu stehen. Das liegt mitunter daran, dass

die Techniken der zweiten Generation in den 1970er Jahren aufgekommen sind und bereits

Zeit hatten, sich weiter zu entwickeln (OECD 1989: 81 ff.). Die DNS-

Rekombinationstechnologien treten folglich in den Hintergrund. Junne schätzt diesen

Sachverhalt gleich ein:

„Important early shifts in international commodity trade will not result so much from

advances in the genetical manipulation of higher organisms such as plants, but from

applications of new and modern biotechnology to microorganisms, a field in which

much more experience has been gained.“ (Junne 1995: 355)

Mehrere Autoren schlugen unterschiedliche Klassifikationen der relevanten substitutiven

Biotechniken vor. Ich werde im folgenden diejenigen der OECD und von Gerd Junne

besprechen. Die OECD klassifiziert die Biotechniken namentlich, während Junne eine

funktionale Klassifikation vorschlägt.

Die OECD nennt drei wichtige rohstoffsubstituierende Biotechniken:

„i) The measurable impacts of advances in immobilized enzyme technology, through

the extraction of fructose from starch;

ii) Potential competition from single cell protein fermentation technologies;

iii) The impacts arising from in vitro cloning and plant tissue culture on a growing

number of crops used as raw material sources by industry.“ (OECD 1989: 85)

Zu i): Die Enzymtechnik beschreibt die Applikation eines Enzyms zur Beschleunigung einer

chemischen Reaktion (Towalski und Rothman 1995: 104). Sie ermöglicht, dass anstelle des

Einführens ganzer Mikroorganismen zur Fabrikation bestimmter Substanzen nur einzelne

spezifische Enzyme isoliert werden müssen. Enzyme eignen sich ideal als industrielle

Katalysatoren, da sie zu relativ geringen Kosten und in praktisch unlimitierten Quantitäten

produziert werden können. „La possibilité d'employer des enzymes dans la production alimentaire

et dans bien d'autres domaines a favorisé la création d'une industrie entièrement

nouvelle, qui produit des enzymes à une échelle commerciale.“ (Hobbelink 1988: 17)

Zu ii): Einzellige Proteine (aus dem englischen 'single-cell protein', abgekürzt SCP) sind

mikrobielle Proteine, die mittels Massenkulturen von Hefe oder Bakterien auf Kohlenwasserstoffen

oder anderen Substraten produziert werden können. „SCP ist wegen seines hohen

Proteingehalts sehr nahrhaft und enthält zusätzlich Vitamine und andere für den Körper

notwendige chemische Stoffe.“ (Katz/Sattelle 1991: 14) Das hauptsächliche Ziel der

Produktion von einzelligen Proteinen ist die Bereitstellung von Tiernahrung.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 34

Zu iii): Durch die Gewebekulturtechniken lassen sich Pflanzenzellen und Pflanzengewebe

extrahieren. Diese Bestandteile ergeben wieder vollständige, identische Pflanzen (sogenannte

Klone): „Une culture de tissu pas plus grosse qu'un centimètre cube peut contenir un million

de cellules presque identiques, chacune ayant la possibilité de devenier une nouvelle plante

entière.“ (Hobbelink 1988: 15) Diese neue Technik verkürzt die Zeit gegenüber der

traditionellen Züchtungstechnik einer neuen Varietät um ein Vielfaches. Die in vitro-

Produktion ermöglicht das Aufziehen dieser Pflanzen unter kontrollierten Bedingungen, die

störende Umwelteinflüsse ausschliessen und ein ganzjähriges Angebot gewährleisten: „The

key advantages of tissue culturing are that it will become a routinized industrial process in

which quality can be controlled, and product supply will no longer be subject to the vagaries

of weather, transportation, seasons or politics.“ (Kenney/Buttel 1985: 73) 25

Gerd Junne klassifiziert die Biotechniken der zweiten Generation im Vergleich zur OECD-

Klassifizierung funktional. Er nennt vier biotechnische Subgruppen, die Veränderungen

innerhalb des Welthandels hervorbringen könnten:

1. Einführung von zusätzlichen Charakteristika in bereits bestehende Pflanzen,

2. Veränderung in der Herstellung von Nahrungsmitteln,

3. Industrielle Produktion von Pflanzenkomponenten oder -substituten und

4. ungleiche Verteilung von neuen Produktionsprozessen (Junne 1995: 354-358).

Die Einführung von zusätzlichen Charakteristika in bereits bestehende Pflanzen (Punkt 1) führt

dazu, dass die Pflanzen von ihrer ursprünglichen Umgebung getrennt werden können. So

können die geoklimatischen Grenzen von spezifischen Pflanzen verschoben werden, da sie

eine bessere Toleranz gegen umweltbedingte Stressfaktoren erhalten. Daraus resultiert, dass

einige Pflanzen, die bis anhin nur im subtropischen oder gemässigten Klima wachsen

konnten, nun immer nördlicher angebaut werden können. Als Beispiel nennt Junne die

Entwicklung eines Futtergrases, welches auch in Zonen mit kalten Wetter wächst 26 .

Die Veränderung in der Herstellung von Nahrungsmitteln (Punkt 2) wird voraussichtlich

zuerst durch die biotechnischen Veränderungen der Mikroorganismen geschehen.

Fortschritte im Bereich der Herstellung von Nahrungsmitteln führen dazu, dass Pflanzen in

ihre verschiedenen Bestandteile zerlegt und diese in neuen Nahrungsmitteln wieder

unterschiedlich zusammengesetzt werden können. Dieses Vorgehen ermöglicht, dass

Pflanzen von ihren spezifischen Charakteristika getrennt werden können und folglich

austauschbar werden. Als Beispiel nennt Junne die Substitution von Zucker durch

Stärkeprodukte 27 .

Die industrielle Produktion von Pflanzenkomponenten und -substituten (Punkt 3) ermöglicht den

direkten Wettbewerb zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Produkten. International

handelbare Rohstoffe können beispielsweise durch mikrobielle Fermentation

industriell hergestellt werden. Dies führt zur Trennung der Produktion von pflanzlichen

Rohstoffen vom Boden ins Labor. Als Beispiel für diesen Substitutionsprozess nennt Junne

25 Die Protoplast-Fusion geht noch einen Schritt weiter: Protoplasten erhält man durch die enzymatische

Behandlung von Gewebe und Zellkulturen. Durch chemische oder elektrische Behandlung können

Protoplasten von zwei verschiedenen Pflanzen verschmolzen werden, die die Grundlage für eine neue

Hybrid-Pflanze bilden (Biotechnology and Development Monitor 1991 Nr. 8: 9).

26 Dieser Punkt wird auch durch die OECD beschrieben: Gewebekulturtechniken beschleunigen die Züchtung

von neuen Pflanzenvarietäten. Auch die Gentechnologie kann neue Pflanzencharakteristika hervorbringen.

27 Dieser Punkt kann durch die OECD-Gruppierung der Enzymtechniken und der Produktion von einzelligen

Proteinen (SCP) bezeichnet werden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 35

den Süssstoff Aspartam, der in vielen Diät-Getränken verwendet wird und mit dem Zucker

als Rohstoff konkurriert. 28

Die ungleiche Verteilung der neuen biotechnischen Produktionsprozesse (Punkt 4) kann zu

Substitutionen innerhalb der Weltagrarmärkte führen. Staaten, die die Möglichkeit haben,

die substitutiven Biotechniken selbst anzuwenden, werden ihren Marktanteil erhöhen und

die Anteile anderer Exportstaaten ersetzen können. Als Beispiel nennt Junne die direkte Konkurrenz

zwischen Palmöl- und Kakaoproduzenten.

Zusätzlich wird durch die moderne Anwendung der Biotechnologie eine Dematerialisation

der Produktion prognostiziert (Junne/Komen/Tomeï 1989: 128ff.). Die hauptsächliche

unternehmerische Absicht der Entwicklung neuer Technologien lag früher darin,

Arbeitskosten zu senken 29 . Da dies mitunter auf vielfältige Weise geschehen ist (Stichwort

Informations- und Kommunikationstechnologien), wenden sich die Unternehmen nun neuen

Kostensenkungsmöglichkeiten zu. Die Entwicklung der Biotechnologie, aus der

verschiedene moderne Techniken hervorgingen, ermöglicht den Ersatz von grösseren

Beständen von traditionellen Rohstoffen: Während seit der industriellen Revolution

Rationalisierungsbestrebungen den Produktionsfaktor Arbeit betrafen, tangieren sie mit den

neuen Entwicklungen innerhalb der Biotechnologie neuerdings den Produktionsfaktor

Boden. Vergopoulos fasst diesen Sachverhalt pointiert zusammen: „[...] agriculture will not be

industrialized, as some had long been anticipating, but will be replaced by industry.“

(Vergopoulos 1985: 297)

3.4 Rohstoffe und Substitutionsprozesse

Nach diesem Überblick über die substitutiven Biotechniken stellt sich nun die Frage nach der

Beschaffenheit von biotechnischen Rohstoffsubstitutionen. Durch die Anwendung der diskutierten

Biotechnologien der zweiten Generation (Enzymtechniken, Produktion von

einzelligen Proteinen und der Gewebekulturtechnik) werden Substitutionsprozesse

innerhalb des internationalen Handels erwartet.

Zuerst muss der Begriff 'Rohstoff' klar eingegrenzt werden. In der Ökonomie konkurrieren

zwei unterschiedliche Definitionen: eine volkswirtschaftliche und eine

betriebswirtschaftliche. In der Volkswirtschaft gelten Rohstoffe als unbearbeitete

Grundstoffe. In der Havanna-Charta der Bretton-Woods-Organisation wird der Begriff

folgendermassen aufgefasst:

„Jedes Erzeugnis der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft oder der Fischerei und jedes

Mineral, einerlei, ob dieses Erzeugnis sich in seiner natürlichen Form befindet oder

ob es eine Veränderung erfahren hat, die i. a. für den Verkauf in bedeutenden

Mengen auf dem internationalen Markt notwendig ist.“ (Gabler 1997: 3286)

Bei der Durchsicht der Datenlage zu den einzelnen Biotechniken und möglichen Substituten

wurde mir klar, dass ein so weit gefasster Rohstoffbegriff die Datenanzahl im Datensatz

(Anhang 1) drastisch ansteigen lässt, da sehr viele Staaten die Biotechniken der zweiten

Generation für die einheimische Produktion anwenden und so eine Übersichtlichkeit nicht

gewährleistet werden kann. Der betriebswirtschaftliche Rohstoffbegriff, der Rohstoffe als

Werkstoffe auffasst, kann hier Abhilfe schaffen. Rohstoffe sind demzufolge elementare

Produktionsfaktoren, die „nach der im Betrieb erfolgten Veränderung der Form oder

Substanz oder durch den Einbau in andere Fertigerzeugnisse Bestandteil neuer Produkte

28 Dieser Punkt kann durch die OECD Gruppierung der Enzymtechniken abgedeckt werden.

29Siehe in diesem Zusammenhang auch die direkte Konkurrenz zwischen Arbeit und Technik in Karl Marx

'Historischem Materialismus' in Kapitel 1.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 36

[werden].“ (Gabler 1997: 4343) Gemäss dieser Definition fallen alle Nahrungsmittel, die zum

Sofortverzehr bestimmt sind – wie Kartoffeln, Tomaten, Äpfel usw. – weg.

Die Biotechnologie als zweifelsohne alte Technologie ist in der Lage, neue Substitutionsprozesse

von bis anhin von Industrieländern importierten tropischen Rohstoffen einzuleiten.

Joachim Spangenberg gibt eine mögliche Definition des Begriffs Substitution:

„Substitution ist die Verdrängung etablierter Produzenten durch neue Konkurrenten,

sei es, dass diese durch ertragreichere Sorten und/oder besseres Management an

anderen Orten, auch in anderen Erdteilen die selben Pflanzen nutzen, um dasselbe

Endprodukt herzustellen, oder sei es gar, dass sie Ersatzpflanzen produzieren, die

die ursprünglichen Produzenten aus dem Markt verdrängen.“ (Spangenberg 1992:

145) 30

Die drei substitutiven Biotechniken der zweiten Generation unterscheiden sich gemäss der

Verursachung verschiedener Substitutionsprozesse. Die Substitutionsdefinition von

Spangenberg verfügt über zwei Dimensionen: Eine erste Dimension umfasst den

Wettbewerb zwischen Produzenten, die den gleichen Rohstoff mittels unterschiedlicher

Anbautechnik mit unterschiedlichen Erträgen anbauen. Dieser Substitutionsprozess spiegelt

den Einsatz von Gewebe- und Zellkulturtechniken wieder, der primär die traditionelle

Züchtung beschleunigt und bei Erfolg ertragreichere Sorten produziert. Durch den Einsatz

der Gewebe- und Zellkulturtechnik kann eine Steigerung des jeweiligen Rohstoffangebots auf

den Weltmärkten vermutet werden. Als Folge davon sinkt der Rohstoffpreis, da ein

Überangebot meistens auf eine unelastische Nachfrage trifft. Der Verdrängungswettbewerb

kennt Opfer: gewisse Produzenten müssen aus den jeweiligen Rohstoffmärkten aussteigen.

Die zweite Dimension bespricht die Entwicklung von Ersatzstoffen, die die ursprünglichen

Rohstoffe aus dem Markt drängen. Als Beispiele für diese Substitutionsdimension gelten die

einzelligen Proteine (SCP), da die benötigten Proteine beispielsweise im Tierfutter nicht

mehr durch Pflanzenmehl zugemischt werden müssen. Auch die neue Enzymtechnik gilt als

direkte Substitutionstechnik, da mit ihrer Hilfe die ursprünglich verwendeten Pflanzen

durch andere, enzymatisch veränderte Pflanzen ersetzt werden können – als Beispiel gilt der

Ersatz von Kakaobutter durch enzymatisch verändertes Palmöl. Durch den Einsatz von SCP

und den Enzymtechniken kann ein Rückgang der jeweiligen Rohstoffnachfrage auf den

Weltmärkten vermutet werden, da diese Rohstoffe durch andere ersetzt werden können.

Aufgrund des entstehenden Überangebots sinken die Preise der jeweiligen Rohstoffe und

gewisse Produzenten müssen aus den Märkten aussteigen, so die ökonomische

Argumentation.

Substitutionsprozesse an sich sind nichts Neues. Trotzdem lässt sich eine neue Qualität von

Substitutionsprozessen im Bereich der Biotechnologie gegenwärtig beobachten. Sie zeichnet

sich durch folgende Punkte aus:

1. Substitutionsprozesse können mit Hilfe der neueren Biotechnologie schneller

stattfinden als in früheren Perioden,

2. die Anzahl der Güter, die durch die wechselnde Nachfrage und das veränderte

Angebot betroffen ist, ist grösser als zuvor und

30 Dies ist eine der Fragestellung angepasste Substitutionsdefinition. In der Ökonomie gelten Substitutionsgüter

als Güter, die einander ersetzen können. So soll die Preiserhöhung eines Guts zur Steigerung der Nachfrage

des Substitutionsguts führen. Die tatsächliche Substitutionspotenz eines Guts kann nicht theoretisch bestimmt

werden. Sie ist abhängig von technischen Eigenschaften, der Nachfrageelastizität, den

Verbrauchsgewohnheiten und der Grösse der Preisdifferenz (Gabler 1997: 3681). Diese ökonomische

Definition ist bedeutend enger gefasst, wird doch ein Substitutionsgut nur durch die tatsächliche Substitution

zu einem solchen. Die Definition von Spangenberg ist weiter gefasst und definiert die Substitution als

potentielle Möglichkeit, was meiner Fragestellung nach zukünftigen Technikfolgen besser dient.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 37

3. alternative Quellen zum Erlangen von fehlenden Exporteinnahmen werden im

Vergleich zur vergangenen Zeit als beschränkter eingestuft (Junne 1995: 354).

3.5 Die aktuelle Forschung

Die Durchsicht der relevanten Literatur und aller Ausgaben des Magazins 'Biotechnology

and Development Monitor' ergab einen Überblick über die aktuellen Forschungen an

biotechnischen Rohstoffsubstituten. Dem Anhang 1 sind die einzelnen Quellen zu

entnehmen. Gemäss der betriebswirtschaftlichen Rohstoffdefinition wurden hauptsächlich

Rohstoffe erfasst, die zur Weiterverarbeitung gebraucht werden. Trotzdem habe ich auch

einige Rohstoffe aufgeführt, die zum Endverbrauch nur noch wenig Veränderung benötigen.

Es sind dies Kaffee, Kakao und Zucker: Rohstoffe, die über einen hohen Weltmarktanteil

verfügen und in deren Bereich heftig geforscht wird. Die nachfolgende Tabelle 3 bietet eine

Zusammenfassung des Datensatzes im Anhang 1. Die Tabelle stellt keinen Anspruch auf

Vollständigkeit, da die biotechnischen Forschungen der jeweiligen Unternehmen geheim

gehalten und der Öffentlichkeit meist erst bei der Patentierung zugänglich gemacht werden.

So ist es schwierig, die neuesten Daten in diesen Forschungsbereichen zu erhalten. Deshalb

scheint es wichtig, die Jahreszahlen der Quellen (siehe Anhang 1) zu betrachten. Es besteht

die Möglichkeit, dass ältere Angaben bereits überholt sind: So kann die erfolgreiche

Entwicklung der Substitute bereits eingetreten, oder aber die Forschung der Firma in dem

genannten spezifischen Gebiet mangels Erfolg aufgegeben worden sein.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 38

Tabelle 3: Rohstoffe, Substitute und Forschungsorganisationen

Rohstoff substitutive

Biotechnik

Substitut Funktion Forschungsor-ganisation

Erdnuss-Mehl SCP SCP Tiernahrung UK-Firmen

Fisch-Mehl SCP SCP Tiernahrung UK-Firmen

Gummiarabikum

Kaffee

Kakao

Kakaobutter

bakterielle

Fermentation

Gewebekulturtechnik

biotechnische

Herstellung

(unspezifiziert)

Gewebekulturtechnik

„Aragum

3000“

Acacia

Senegal,

Klone

Kreuzung

mit

Mascaro

Kaffee,

Klone

Enzymtechnik Malaysischer

Kakao

Gewebekulturtechnik

Protoplast-Fusion

Verbesserung

der

Fermentation

biotechnische

Herstellung

(unspezifiziert)

Kakao,

Klone

Kakao

(niedrige

Qualität)

Sucrosepol

yester

andere

Pflanzenöle

Enzymtechnik Palmöl,

andere Öle

Gewebekulturtechnik

Kakao,

Klone

Dickungsmittel

Tic Gums (USA)

Tic Gums (USA)

Genussmittel Madagaskar

Kaffee mit

weniger

Koffein

Nahrungsmittel

Nahrungsmittel,

Margarine,

Kosmetik

Nahrungsmit

tel,

Margarine,

Kosmetik

Synthelabo (F), Native Plants (USA),

DNA Plant Technology (USA), A.V.

Thomas (Indien), KARI (Uganda),

Kenya, Simbabwe

CIRAD (F)

Nestlé (CH), Mars (UK/USA)

Pennsylvania University (USA), DNAP

(USA), Hershey Food, Cadbury

Schweppes (USA/UK), Station des

Cultures Frutières (B), IAEA/FAO

(Austria), Université de Lille (F),

Multinationale Firmen, Nigeria, Ghana,

Elfenbein-küste

University of Manchester (UK), University

of Liverpool (UK)

unbekannt

Procter&Gamble (USA)

mutierte Hefe unbekannt Wessanen (NL)

Nestlé (CH), Calgene (USA), Ajinomoto

(J), Fuji Oil (J), USDA/ARS (USA),

Unilever (NL/UK)

Ajinomoto (J), Unilever (NL/UK),

Genencor (USA), KAO Corp. (J), Karlshamn

(S), CPC Int. (USA), Ferrero (I)

University of Cornell (USA), Hershey,

Nestlé (CH)


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 39

Rohstoff substitutive

Biotechnik

Kautschuk Gewebekulturtechnik

Kokosnussöl

Gewebekulturtechnik

Palmöl Gewebekulturtechnik

Pflanzenöle biotechnische

Herstellung

(unspezifiziert)

Pyrethrum

Substitut Funktion Forschungsor-ganisation

Kautschuk,

Klone

Palmöl,

Klone

Kokosnuss

palme,

Klone

Ölpalme,

Klone

Sucrosepolyester

Gummi A.V.Thomas (Indien), US-Firmen

Margarine,

Salben,

Kosmetik

Speisefett,

Kerzen,

Seifen

kalorienloses

Fett

Enzymtechnik Pyrethrum natürliches

Insektizid

Gewebekulturtechnik

modifizierte

Mikroorganismen

Pyrethrum,

Klone

Malaysia in Zusammenarbeit mit

Unilever (NL/UK)

National Chemical Laboratory (Indien)

Indien, Elfenbeinküste, Nigeria, IRHO

(F), ORSTOM, Unilever (NL/UK)

Simplesse Company (Monsanto)

McLaughlin Gormley King (USA)

University of Minnesota (USA), Kenya

Pyrethrum AgriDyne Technologies (USA)

Sojabohnen SCP SCP Tiernahrung Hoechst, ICI (UK), Ajinomoto (J), UK-

Firmen

Sojaöl Enzymtechnik Palmöl Speisefett,

Kerzen,

Seifen

Thaumatin Gewebekulturtechnik

Tierfutter

(trad.)

Vanille

Zucker

Thaumatococcus,

Klone

Lubrizol Corpo-ration (USA)

Süssstoff Tate and Lyle (UK)

SCP 'Pruteen' Tiernahrung ICI (UK)

biotechnische

Herstellung

(unspezifiziert)

Zellkulturtechnik

Gewebekulturtechnik

biotechnische

Herstellung

(unspezifiziert)

biotechnische

Herstellung

(unspezifiziert)

Vanille,

synthetisch

Phyto-

Vanille

Vanille,

Klone

Acefulsam-

K

Aroma Rhône-Poulenc (F)

ECSAgenetics (USA)

Süssstoff Hoechst (D)

D. Michael&Co., IPRI, Firmenich (F)

Sucralose Tate&Lyle (UK), Johnson&Johnson

Maulbeerb

aum

Süssstoff Shakai Chemical Industries (J)


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Enzymtechnik HFCS Coca Cola, Pepsi Cola, 7-Up, Sunkist,

Michigan Biotech Institute (USA)

Gewebekulturtechnik

Modifikation

durch

Mikroben

Modifizierte

Hefe

Zellkulturtechnik

Quellen: siehe Anhang 1

Aspartam Ajinomoto (J), Asahi Chemicals (J),

Bioeurope (F), Blaise Pascal University

(F), Centro del CNR (I), CSIRO

(Australia), Genencor (USA), Tate &

Lyle (UK), WR Grace (USA), Toyo-Soda

(J), Showa (J), Nutrasweet (USA)

Thaumatin Ingene (USA), University of Kent (UK),

University of London, Tate & Lyle

(UK), Unilever (NL/UK), Beatrice

Foods (USA), Nabisco (USA)

Mais NOVO Industries

(Dk)

Stärke Nippon Food (J)

Stevia Hiroshima University of Medicine (J),

Morita Chemical (J)

Rohrzucker

in vitro

Kenya und Simbabwe

Stevioside Dainippon (J), Nippon Tobacco (J)

Stärke Daiwa Chemicals (J)

Fructose Lotte (J)

unbekannt Delft University (NL), Kyoto University

(J)

Monellin Lucky-Biotech (USA), University of

California (USA)

Bei der Durchsicht der alphabetisch geordneten Tabelle 3 lassen sich sieben verschiedene

Rohstoffgruppen unterscheiden, die von biotechnischen Substitutionen tangiert werden können.

Geordnet nach ihrer Bedeutung im Welthandel 31 sind dies:

Gruppe 1: Tierfutterbestandteile (Erdnussmehl, Fischmehl, Sojabohnen),

Gruppe 2: Pflanzenöle (darunter auch Kakao und Kakaobutter),

Gruppe 3: Zucker und Thaumatin,

Gruppe 4: Kaffee,

Gruppe 5: Gummiarabikum und Kautschuk 32 ,

Gruppe 6: Vanille und

31 Die Bedeutung wird gemäss der Grösse des Dollarwertes der weltweit gehandelten Menge 1991/1992 identifiziert

(UNCTAD 1994: 172-175).

32 Kautschuk und Gummiarabikum sind keine identischen Rohstoffe, obwohl aus beiden Gummi gewonnen

wird. Gummiarabikum wird aus der Rinde der Gummiakazie gewonnen, Kautschuk aus der Rinde des

Gummibaums.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 41

Gruppe 7: Pyrethrum.

Die erste Gruppe wird bestimmt durch die potentielle Substitution durch einzellige Proteine

(SCP, single cell protein). Traditionelle Proteinbeimischungen der Tiernahrungsmittel wie

Erdnussmehl, Fischmehl und Sojabohnen können durch die Beimischung von einzelligen

Proteinen ersetzt werden. Die Firma ICI – als Beispiel eines multinationalen Konzerns, der in

diesem Gebiet forscht – hat sogar schon erfolgreich ein Tiernahrungsmittel namens 'Pruteen'

entwickelt, welches auf der Basis von einzelligen Proteinen produziert wird (Katz/Sattelle

1991: 15).

Eine zweite Gruppe umfasst die Substitution von Pflanzenölen. Mittels Gewebekultur- und

Enzymtechniken wird an der Austauschbarkeit der verschiedenen (langkettigen versus

kurzkettigen) Ölen gearbeitet (Katz et al. 1996: 91). Als Sieger scheint das Palmöl hervorzugehen,

welches sowohl das Kokosnussöl als auch das Sojaöl ersetzen kann. Durch die

angewendete Gewebekulturtechnik bei Palmöl zeigen sich Bemühungen sowohl von

multinationalen Konzernen als auch von peripheren Staaten, dessen Marktanteil zu erhöhen.

Das von der Monsanto-Tochter Simplesse Company hergestellte Sucrosepolyester ist ein

kalorienloses Pflanzenölsubstitut, welches in industrialisierten Staaten Pflanzenfett ebenso

substituieren könnte wie kalorienarme Süssstoffe den Zucker (Biotechnology and

Development Monitor 1990, Nr. 3: 9).

Zur Gruppe zwei zu zählen sind ebenfalls Kakao und die aus Kakaoöl hergestellte Kakaobutter.

Die relativ teure Kakaobutter soll durch billigere Speiseöle ersetzt werden. So gibt es

Forschungsbestrebungen, mittels Enzymtechniken an Palmöl und anderen

minderwertigeren Ölen einen Kakaobutterersatz zu finden:

„The use of cocoa butter equivalents (CBEs) is of great interest for the manufacturer

of chocolate products because the prices of CBEs are much lower than those of cocoa

butter. The incentives to use CBEs are particularly strong in periods of high cocoa

prices.“ (Braunschweig/Gotsch 1998: 48)

Schätzungen behaupten, dass in der EU – unter der Prämisse gesetzlicher Erlaubnis – bis zu

20% der totalen Kakaobutterkonsumation durch Substitute ersetzt werden können (Braunschweig/Gotsch

1998: 48). Der Konzern Procter&Gamble erhielt für die Entwicklung eines

Sucrosepolyesters bereits ein Patent, welches wiederum eine fettfreie Alternative zur Verwendung

von Kakaobutter bieten soll (Katz et al. 1996: 93). Ebenfalls sollen mit der

Anwendung substitutiver Biotechniken hohe Kakaoqualitäten durch niedrigere

Kakaoqualitäten ersetzt werden. Weiter wird mittels Gewebekulturtechnik versucht,

grössere Kakaoerträge zu erzielen. Auch die Technik der Protoplast-Fusion wird im Bereich

des Kakaos angewendet.

Die dritte Gruppe besteht aus Zucker und Thaumatin. Der Rohstoff Zucker war bereits

Gegenstand vermehrter Substitutionen. Die Substitution des Zuckers durch biotechnisch

veränderte Maisstärke (High Fructose Corn Syrup) in den USA und Japan in den 1980er

Jahren bildet die Grundlage eines in Kapitel sechs folgenden Fallbeispiels. Weiter wird

mittels verschiedensten Biotechniken versucht, kalorienlose Zuckersubstitute (wie das

bereits patentierte Aspartam) zu entwickeln. Als Zuckersubstitut wird ebenfalls an

Thaumatin geforscht. Thaumatin ist 3000mal süsser als Zucker und könnte sich bei

industrieller Produktion als Substitut eignen.

Kaffee als vierte Gruppe zieht ebenfalls die Aufmerksamkeit biotechnischer Forschungsbestrebungen

auf sich. Sowohl Unternehmen wie auch periphere Staaten versuchen die

Anwendung der Gewebekulturtechniken zur Optimierung der Kaffeeernten. Intensiv

geforscht wird hauptsächlich an Kaffee arabica-Sorten.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 42

Gummiarabikum und Kautschuk stellen die fünfte Kategorie. Das Unternehmen Tic Gums

(USA) versucht, Gummiarabikum (traditionell extrahiert aus Akazienbäumen) mittels bakterieller

Fermentation und Gewebekulturtechnik zu substituieren. Sowohl indische wie auch

US-amerikanische Firmen interessieren sich für die Möglichkeit, den Ertrag von natürlichem

Kautschuk mit Hilfe der Gewebekulturtechnik zu erhöhen.

Die Gruppe sechs weist auf die Forschungsanstrengungen im Bereich der Substitution von

Vanille als Aromastoff mittels Gewebekultur- und Zellkulturtechniken hin. Durch die

Behandlung von Gewebekulturen der Vanilla planifolia-Pflanze und dem Wachstum der

extrahierten Zellen in einer speziellen Flüssigkeit vervielfältigen sich diese Zellen, die das

Vanillearoma produzieren (RAFI 1991b: 1). Die Vanilla planifolia an sich wird nicht mehr

gebraucht. Der von ESCAgenetics entwickelte Stoff PhytoVanilla, welcher den originalen

Vanillegeschmack noch nicht genau trifft, scheint weiterentwickelt zu werden

(Biotechnology and Development Monitor 1992, Nr. 11: 12).

Pyrethrum schliesslich bildet als siebte Klassifikation das Beispiel einer Pflanze, aus der ein

natürliches Insektizid gewonnen werden kann, das ebenfalls durch die Anwendung

verschiedener Biotechniken substituiert werden soll (vgl. Biotechnology and Development

Monitor 1994, Nr. 21: 12).

3.6 Zusammenfassung

Die Biotechnologie findet Anwendung in vielen unterschiedlichen Industrien. In den

Bereichen der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie werden Entwicklungen

erwartet, die die peripheren Staaten als Rohstoffexporteure verdrängen könnten. Gerardo

Otero beschreibt als mögliche Auswirkungen biotechnischer Rohstoffsubstitutionen

Änderungen in der Produktivität und innerhalb der internationalen Arbeitsteilung. Er zeigt

so die Möglichkeit zur Veränderung der Weltsystemstruktur auf, selbst wenn die

Biotechnologie nur eine substitutive Technik bleibt (Otero 1991).

Vor allem den Biotechniken der zweiten Generation werden grössere Einflüsse zugestanden

(OECD 1989, Junne 1995). Es sind dies die Enzymtechniken, die Produktion von einzelligen

Proteinen (SCP) und die Gewebekulturtechniken, die im Weltsystem Rohstoffsubstitutionsprozesse

auslösen könnten. Weiter ist der Trend zur Dematerialisation der Produktion

festzustellen (Junne et al. 1989), da aufgrund neuer Biotechniken immer weniger Rohstoffmengen

benötigt werden. Dies kann als Rationalisierungsbestrebung im Bereich des

Produktionsfaktors Boden aufgefasst werden.

Der Begriff der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen wurde von mir klarer definiert. In

meiner Arbeit verwende ich den betriebswirtschaftlichen Rohstoffbegriff, der Rohstoffe als

Bestandteile von Fertigerzeugnissen auffasst (Gabler 1997: 4343). Der Substitutionsbegriff

enthält gemäss Spangenberg zwei Dimensionen: die Verdrängung etablierter Produzenten

durch neue Konkurrenten, da diese über ertragreichere Sorten oder ein besseres

Management verfügen, und die direkte Substitution durch Ersatzpflanzen (Spangenberg

1992). Da Substitutionsprozesse an sich nichts neues sind, wird darauf hingewiesen, dass

diese Substitutionsprozesse im Bereich der Biotechnologie der zweiten Generation eine neue

Qualität aufweisen (Junne 1995): So wird die Substitutionsgeschwindigkeit und die Anzahl

der betroffenen Güter als grösser als zuvor und die Möglichkeit zu alternativen Strategien

der Einnahme von Exporterlösen peripherer Staaten als beschränkter eingestuft.

Aufgrund der betriebswirtschaftlichen Rohstoffdefinition entstand der Datensatz im Anhang

1, der durch die Tabelle 3 zusammengefasst wird. Als tatsächlich von biotechnischen

Rohstoffsubstitutionen tangierte Rohstoffe gelten aufgrund dieser Auswertung Tierfutterbestandteile

(Erdnussmehl, Fischmehl, Sojabohnen), Pflanzenöle (darunter auch Kakaobutter), Zucker

und Thaumatin, Kaffee, Gummiarabikum und Kautschuk, Vanille und Pyrethrum.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 43

4. Das globalisierte Weltsystem

Nach der Beschreibung der substitutiven Biotechniken in Kapitel drei stellt sich nun die

Frage nach der Darstellung des Umfeldes, in dem diese Techniken diffundieren. Kapitel vier

versucht folglich, die ökonomische Struktur des Weltsystems zu bestimmen, die sich durch

Handelsasymmetrien auszeichnet. Durch die neuen Prozesse der ökonomischen und

politischen Globalisierung wird die Weltsystemstruktur zusätzlich verändert. Während die

ökonomische Globalisierung anhand von Güterströmen und Auslanddirektinvestitionen

besprochen wird, wird die politische Globalisierung anhand des internationalen Regimes

der WTO dargestellt: das Agrarabkommen 'Agreement on Agriculture' und der TRIPS-

Vertrag können zukünftig direkte Auswirkungen auf biotechnische Rohstoffsubstitutionen

haben.

4.1 Die soziale Schichtung in der Weltgesellschaft

Es existieren drei verschiedene analytische Gliederungen, die sich mit der Einteilung von

sozialer Schichtung in der Weltgesellschaft beschäftigen (vgl. im folgenden mit Bornschier

1997/1998). Der Statusansatz beschäftigt sich mit der Frage, wie ein einzelner Staat an den

verschiedenen Dimensionen der Entwicklung teilnimmt und ist der Modernisierungstheorie

verpflichtet. Der Interaktionsansatz thematisiert die paarweise Verknüpfung von Staaten in

bezug auf ihre Transaktionen und wird empirisch mit Hilfe der Netzwerkanalyse geprüft.

Der Integrationsansatz schliesslich betrachtet die politische Weltökonomie und ihre

Arbeitsteilung.

Im folgenden werde ich auf Vertreter des Interaktions- und des Integrationsansatzes bezug

nehmen. Die rezipierten Autoren Johan Galtung und Immanuel Wallerstein sind als

Vertreter des Integrationsansatzes zu bezeichnen (Kapitel 4.1.1), während David Smith and

Douglas White mittels einer Netzwerkanalyse der Güterströme im Weltsystem den

Interaktionsansatz repräsentieren (Kapitel 4.1.2), der die theoretischen Vorgaben des

Integrationsansatzes testen soll.

4.1.1 Die Weltsystemstruktur

Die Welt kann als soziales System – ausgestattet mit Struktur und Funktion – betrachtet

werden. Johan Galtung schlägt in diesem Sinn 1971 in „A structural Theory of Imperialism“

ein grundlegendes Modell eines dualen Weltsystems vor: Die Welt unterteilt sich in

Zentrums- sowie auch in Peripherienationen (Galtung 1971: 81 ff.). Die Nation im Zentrum hat

die Möglichkeit der Machtausübung über die periphere Nation. Diese Beziehung bezeichnet

Galtung als imperialistisch.

Johan Galtung – ein Vertreter einer dependenztheoretischen Perspektive, welche die

Ursachen für eine fehlende Entwicklung hauptsächlich im Aussenraum der jeweiligen

Staaten sucht – beeinflusste die Weltsystemanalyse. In der Weltsystemanalyse, die in den

1970er Jahren ausgebaut wurde, wird die Welt als soziales System betrachtet, welches mehr

ist als die Summe der involvierten Staaten und somit einer eigenen Entwicklungslogik folgt.

Die Struktur des Weltsystems gilt sowohl als dezentral wie auch als hierarchisch. Diese

hierarchische Struktur ist verantwortlich für eine ungleiche Entwicklung unter den

beteiligten Staaten (Bornschier 1997/1998).

Immanuel Wallerstein gilt als ein Begründer der Weltsystemanalyse. Er befasst sich

hauptsächlich mit dem wirtschaftlichen Weltsystem und analysiert dieses grundlegend.

Wallerstein definiert das Weltsystem als eine Einheit mit einer Arbeitsteilung und multiplen

kulturellen Systemen (Wallerstein 1974: 390). Der Begriff der Arbeitsteilung wird festgelegt


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 44

als eine gegenseitige Abhängigkeit verschiedener Gebiete im Bereich des ökonomischen

Austauschs. Das Weltsystem selbst unterteilt sich in drei Schichten: in ein Zentrum, eine

Peripherie und – neu – in eine mittlere Schicht: die Semiperipherie. Diese ist zwischengelagert

und dient der politischen Stabilität des Weltsystems. Zentrum und Peripherie werden

unterschieden durch die Verfügungsgewalt über das produzierte Surplus. Die

Semiperipherie ist fähig, sowohl Zentrums- als auch periphere Aktivitäten zu mischen

(Bornschier und Trezzini 1997: 435).

Seit Wallersteins Wetsystemanalyse entwickelte das Weltsystem weitere Dynamik.

Differenzierungsprozesse veränderten die Weltsystemstruktur: es fanden sowohl Abstiege

wie auch Aufstiege gewisser Staaten statt.

Samir Amin weist 1993 darauf hin, dass der aktuell existierende Kapitalismus die weltweite

Polarisation vorantreibt (Amin 1993: 78 ff.). Einen der Pole bildet die sogenannte 'Vierte Welt':

eine Zone marginalisierter Staaten Afrikas, die für die Weltsystemstruktur ohne Bedeutung

sind.

Die Erfolgsgeschichte einiger südost-asiatischen Schwellenländer veranlasste zu einer Neukonzeptionalisierung

der Semiperipherie. Volker Bornschier und Bruno Trezzini unterteilten

die Semiperipherie 1996 in zwei Teile: in eine rohstoffarme und eine rohstoffreiche Semiperipherie

(Bornschier und Trezzini 1996: 66). Während sich die rohstoffarme Semiperipherie (Korea,

Taiwan, Hongkong, Singapur) beim Aufstieg in die Semiperipherie in einem Durchgangsstadium

befindet, scheint die rohstoffreiche Semiperipherie (Brasilien, Mexiko, Argentinien,

Südafrika) hier dauerhaft zu bleiben.

Aufgrund dieser theoretischen Aussagen kann die Struktur des Weltsystems in fünf Teile

gegliedert werden: Zentrum, rohstoffarme Semiperipherie, rohstoffreiche Semiperipherie,

Peripherie und 'Vierte Welt'. Weiter stellt sich die Frage, durch welche Handelsinteraktionen

diese fünf Schichten des ökonomischen Weltsystems miteinander verbunden sind.

Mit dem Begriff des 'Vertikalen Handelsaustauschs' beschreibt Johan Galtung die wirtschaftlichen

Beziehungen zwischen Peripherie und Zentrum: die periphere Nation verkauft der

Zentralnation Rohstoffe, diese produziert auf der Basis der in der Peripherienation

extrahierten Rohstoffe Industriegüter, die sie u.a. auch wieder den peripheren Staaten

verkauft (Galtung 1980 [1971]: 56).

1977 wurde die 'Neue Internationale Arbeitsteilung' diagnostiziert (Fröbel, Heinrichs und Kreye

1977). Sie erweitert das Konzept des Austauschs von Rohstoffen gegen Industriegüter durch

in Fabrikation von Halbfabrikaten oder einfachen Gütern in der Semiperipherie. Die 'Neue

Internationale Arbeitsteilung' zeichnet sich durch die Verschiebung von Fabriken und

Arbeitsplätzen von Hochlohnstaaten (die sich im Zentrum befinden) zu Niedriglohnstaaten

(die sich in der Peripherie befinden) aus.

Bezüglich der ökonomischen Interaktionen zwischen den verschiedenen Schichten ist das

Theorem der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo von Interesse (vgl. mit Ricardo

1988 [1817]: 146-185). Die Hauptaussage dieses Theorems ist, dass der internationale Handel

eine Steigerung des Wohlstands auslösen kann, wenn Länder daran teilhaben, die unterschiedliche

relative Kostenstrukturen bei der Güterproduktion aufweisen. Jedes Land

spezialisiert sich in dem Bereich, in dem es günstiger produzieren kann (Stevens/Jabara

1988: 362-366). Entwicklungsländer haben komparative Kostenvorteile bei der Produktion

einzelner Agrarrohstoffe, während industrialisierte Staaten komparative Kostenvorteile bei

der Herstellung von Fabrikaten aufweisen. In dieser Perspektive sollte die Konzentration der

Entwicklungsländer auf die Primärgüterproduktion Wohlstandseffekte erzeugen.

Kritik an der Strukturblindheit von Ricardos Theorem wurde unter anderem vom Konzept

des Ungleichen Tauschs geäussert. Hinter diesem Konzept steht die Idee, dass es einen internationalen

Wertetransfer gibt, der die Entwicklung bestimmter Staaten behindert (Bornschier


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 45

und Hartlieb 1981: 8). Das Prinzip der Ausbeutung der Peripherie durch das Zentrum wird

durch die unterschiedlichen Lohnniveaus vermittelt und liegt im ungleichen Austausch der

einfachen Gütern der Peripherie gegen die kapitalintensiven Güter des Zentrums (Smith und

White 1992: 862; Nohlen und Nuscheler 1993: 49).

Diese theoretischen Aussagen laden zu einer empirischen Überprüfung ein: Wie sieht die

Struktur des Weltsystems tatsächlich aus? Und durch welche Handelsströme zeichnet sich

die Interaktionsstruktur zwischen den verschiedenen Schichten konkret aus?

4.1.2 Handelsasymmetrien im Weltsystem

Smith and White versuchten 1992, mit Hilfe einer Netzwerkanalyse die oben gestellten

Fragen empirisch zu beantworten (vgl. im folgenden mit Smith und White 1992: 857 ff.). Sie

reihen sich mit der Betonung der Transaktionen zwischen den Staaten in den

Interaktionsansatz ein. Da die Fragestellung meiner Arbeit die Veränderung der

Weltsystemstruktur durch eine potentielle Substitution von Rohstoffexporten thematisiert,

erscheint mir die Rezeption einer empirischen Untersuchung, die sich mit Handelsströmen

im Weltsystem auseinandersetzt, als geeignet.

Smith und White analysierten mittels einer Längsschnittuntersuchung, basierend auf Güterströmen

33 der UNO Commodity Trade Statistics, die ökonomischen Interaktionen zwischen

63 Staaten in den Jahren 1965, 1970 und 1980. Leider wurden keine Daten für 1990 erhoben,

so dass mit dieser Analyse die Weltsystemstruktur im Jahr 1980 als neuester Zeitpunkt

dargestellt werden kann. Smith und White stellen in ihrer Längsschnittuntersuchung

allerdings fest, dass die internationale ökonomische Struktur bemerkenswert stabil bleibt

(Smith und White 1992: 886).

Mit einer Blockmodellanalyse 34 , die die reguläre Äquivalenz 35 berechnete, konnten sie das

Weltsystem in fünf Blöcke unterteilen: in Zentrum, Semiperipherie 1 und 2 und in Peripherie

1 und 2. Zur Illustration zeigt Tabelle 4.1 die Einteilung der einzelnen Staaten im Jahr 1980.

33 Die empirische Bestimmung der Zugehörigkeit von Staaten zu Zentrum, Semiperipherie und Peripherie kann

auch unter Weglassung der Güterströme mittels alternativen Indikatoren gemessen werden: Verwendet

werden können der Anteil am Welthandel, die Stabilität der Handelsbeziehungen, das Bruttoinlandprodukt,

die militärische Macht und die Anzahl von Botschaften und Diplomaten (siehe Terlouw 1993: 99).

Die hier verwendeten Güterströme wurden nicht durch die Populationsgewichtung relativiert, mit der

Begründung, dass die absolute Grösse der Handelsströme ebenfalls bestimmend für die Positionierung im

Weltsystem ist (Smith und White 1992: 867).

34 Die Blockmodellanalyse untersucht die Muster der Netzwerkbeziehungen der einzelnen Akteure und gruppiert

sie dementsprechend nach ihren relationalen Ähnlichkeiten: „Blockmodeling [...], as the principal

method for the network analysis of positions, consists of two steps: the blocking or clustering of actors on the

basis of pattern in their network ties, and the description of aggregate relations between the positions or

blocks.“ (Smith and White 1992: 859/860). Der Unterschied zur Clusteranalyse besteht darin, dass diese

Einheiten aufgrund ähnlicher Attribute gruppiert, während die Blockmodellanalyse auf der Gruppierung

ähnlicher Beziehungen fusst.

35 Die reguläre Äquivalenz ist dasjenige Kriterium, nach dem die Staaten in der Blockmodellanalyse gruppiert

werden. Dieses Kriterium basiert auf der Ähnlichkeit zweier Staaten in ihren ökonomischen Interaktionen.

Zur Erfüllung der regulären Äquivalenz müssen zwei Staaten nicht mit den genau gleichen Partnern die

genau gleichen Güter in gleicher Anzahl handeln (dies wäre die Definition für die strukturelle Äquivalenz),

sondern es reicht, dass Handelsbeziehungen mit ähnlichen Partnerstaaten, die vergleichbare Rollen

innehaben, vorhanden sind (Smith und White 1992: 888).

Bruno Trezzini weist nach einem Vergleich zwischen struktureller und regulärer Äquivalenz darauf hin,

dass „die Netzwerkanalyse dann als valides Instrument zur induktiven Bestimmung der positionalen

Struktur eines Interaktionssystems gelten kann, wenn sie auf dem Konzept der regulären Äquivalenz beruht

[...].“ (Trezzini 1996: 31)


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 46

Tabelle 4.1: Einteilung einzelner Staaten in fünf Blöcke 1980 36

Zentrum Semiperipherie 1 Semiperipherie 2 Peripherie 1 Peripherie 2

Belgien-Luxem. Argentinien Ägypten Costa Rica Burkina Faso

BRD Australien Chile El Salvador Centr.Afric.Rep.

Frankreich Brasilien Ecuador Gabon Kongo

Grossbritannien Dänemark Indien Guatemala Malawi

Italien Finnland Israel Honduras Niger

Japan Griechenland Kolumbien Jordanien Togo

Kanada Hong Kong Lybien Kamerun

Niederlande Irland Malaysia Madagaskar

Schweden Jugoslawien Marokko Nicaragua

Schweiz Neuseeland Peru Pakistan

USA Norwegen Philippinen Panama

Österreich Portugal Senegal

Singapur Thailand Sri Lanka

Spanien Tunesien Sudan

Südkorea Türkei

Venezuela Ungarn

Quelle: Smith und White 1992: 878

Die Tatsache, dass sie ihre Netzwerkanalyse aufgrund von klassifizierten Güterströmen

durchgeführt haben, ist ausserordentlich glücklich im Hinblick auf meine Fragestellung. So

können Smith und White nämlich zusätzlich noch Aussagen über die Art und Weise der

Handelsbeziehungen zwischen den fünf Blöcken machen: Sie fanden Handelsasymmetrien in

den Austauschbeziehungen zwischen den fünf Blöcken und bestätigen damit eine These, die

von Johan Galtung im Konzept des Vertikalen Tauschs, mit der These des 'Ungleichen

Tauschs' und auch innerhalb der Weltsystemanalyse geäussert wurde.

Zuerst stellen sie fest, dass innerhalb des Zentrums viele Handelsinteraktionen stattfinden,

während diese innerhalb aller anderen Blöcke zu vernachlässigen sind. Exporte von kapitalintensiven,

verarbeiteten Gütern ('high-technology heavy-manufacturing goods') finden

hauptsächlich innerhalb des Zentrums und von dort zu den anderen Blöcken statt (vgl. im

folgenden mit Smith and White 1992: 886 ff.).

Im Bereich des Exports von landwirtschaftlichen Gütern findet sich ein reziprokes Muster:

„The reciprocal pattern of exporting agricultural goods (crude animal and vegetable

material, meat products) also fits this model: while intracore exchange is still very

large, we find that interstrata exchange is more likely to move from the periphery to

higher blocks, including the core.“ (Smith und White 1992: 886)

36 Die Einteilung von Brasilien, Argentinien und Venezuela in die Semiperipherie 1 erstaunt hier. Ebenso denkbar

wäre eine Einordnung dieser Staaten in die rohstoffreiche Semipheripherie 2 (Venezuela: Erdöl, Brasilien:

Eisen, Sojabohnen, Fleischexporte, Argentinien: Tiernahrungsmittel usw.).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 47

Die einzige Ausnahme bilden hoch industrialisierte, kapitalintensive Landwirtschaftsgüter,

wie z. B. Getreide aus den USA, das von höheren zu tieferen Blöcken exportiert wird.

Weiter können Smith und White die Argumentation der 'Neuen Internationalen

Arbeitsteilung' empirisch stützen. Sie stellen über die Zeit im Zentrum ein Sinken der

Exporte der einfach verarbeiteten Güter, die sich durch Niedriglohn-Arbeit auszeichnen

('low-wage and simple manufacturing'), fest, welche sich nach und nach in die

Semiperipherie verschieben: „Emerging specialization in low-wage manufacturing

(especially cloth and clothing-related industries) may help explain the existence of an

advanced or upper semiperiphery and the differentiation of two semiperipheral roles in the

world-system.“ (Smith und White 1992: 886) Smith und White äussern sich leider kaum zu

den Handelsströmen der Semiperipherie 2.

Die Beschreibung der rohstoffreichen Semiperipherie durch Volker Bornschier und Bruno

Trezzini kann die Unterlassung von Smith und White füllen. Sie ist mittels Rohstoffexporten

stark in die Weltwirtschaft eingebettet, der eigene Industriesektor jedoch ist eher binnenorientiert

(Bornschier und Trezzini 1996: 66 ff. und Bornschier und Trezzini 1997: 445 f.) 38 .

Die von Samir Amin beschriebene Zone der 'Vierten Welt' (1993) wird ebenfalls empirisch

gefunden: Die Unterteilung der Peripherie in zwei Subgruppen erklärt sich durch die

Entstehung einer 'Vierten Welt', einer Anzahl afrikanischer Staaten, die sich aufgrund der

Handelsströme zwischen 1965 und 1980 immer mehr marginalisierten:

„[...] a striking (and depressing) result of our positional analysis for 1980, compared

to earlier periods, is that the extreme or lower periphery of „„Fourth World“ countries

appears to be becoming increasingly distinct and marginalized on this continuum

between 1965 and 1980.“ (Smith und White 1992: 886)

Smith und White liefern mit ihrer Netzwerkanalyse ein plausibles Bild eines Weltsystems,

welches in fünf Blöcke zu unterteilen ist. Obwohl Smith und White in ihrem Artikel

mehrfach darauf hinweisen, dass sie ihren Datensatz noch detaillierter in bezug auf die

qualitativ unterscheidbaren Güterströme untersuchen, ist dies leider bis heute ausgeblieben.

Die folgende Abbildung fasst vereinfacht die Befunde noch einmal zusammen und zeigt ein

idealtypisches Weltsystemmodell.

38 Anhand der Einteilung von Bornschier und Trezzini könnten in der Tabelle 4.1 „Einteilung einzelner Staaten

in fünf Blöcke 1980“ sowohl Brasilien, Venezuela wie auch Argentinien zur Semiperipherie 2 gezählt werden

(vgl. Fussnote 4).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 48

Abbildung 4.1: Idealtypisches Modell der Weltsystemstruktur und der Handelsströme

Semiperipherie 1

Peripherie 1

Legende:

Zentrum

Semiperipherie 2

marginalisierte

Zone

Peripherie 2

Exporte von kapitalintensiven verarbeiteten Gütern

Exporte von einfach verarbeiteten Gütern

Exporte von Rohstoffen (mit Ausnahme von

hochindustrialisierten, kapitalintensiven Rohstoffen)

BSP pro Kopf hoch

BSP pro Kopf tief

Quelle: Graphik aufgrund der Ergebnisse von Smith und White 1992 und der Beschreibung der

rohstoffreichen Semiperipherie von Bornschier und Trezzini 1996.

4.2 Globalisierungen

Das Schlagwort der Globalisierung findet seit Mitte der 1980er Jahre Eingang in die

Medienlandschaft. In den letzten Jahren ist es sogar omnipräsent auffindbar. Bei der

Definition des Konzepts 'Globalisierung' besteht kein Konsens (vgl. im folgenden mit

Beisheim und Walter 1997: 153 ff.). Als der kleinste gemeinsame Nenner kann die

Darstellung von neu ausgebildeten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Räumen

gelten. Beisheim und Walter formulieren nach der Durchsicht verschiedenster

Globalisierungsliteratur folgende Definition: Globalisierung kann als Prozess bezeichnet

werden, „bei dem grenzüberschreitende Interaktionen sich intensivieren, Räume

gesellschaftlichen Handelns sich über den Nationalstaat hinaus ausdehnen bzw. sich von

Territorien loslösen und das gesellschaftliche Bewusstsein um die globalisierte Welt

zunimmt.“ (Beisheim und Walter 1997: 157) Gemäss dieser Definition wird Globalisierung in

Bezug auf verschiedene Schwerpunkte untersucht: sowohl ökonomische, politische, wie

auch gesellschaftliche, ökologische und kulturelle Prozesse stehen im Zentrum der Analysen.

Im Hinblick auf meine Fragestellung möchte ich mich hauptsächlich mit ökonomischen

grenzüberschreitenden Prozessen (Investitionen und Güterhandel) und politischen

Globalisierungsbestrebungen anhand der World Trade Organization WTO beschäftigen. Die

Darstellung der Veränderungen aufgrund des ökonomischen Globalisierungsprozesses

können das mittels der Netzwerkanalyse von Smith und White entstandene idealtypische

Weltsystemmodell (siehe Abbildung 4.1) ergänzen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 49

4.2.1 Die ökonomische Globalisierung

Der Begriff der Globalisierung suggeriert vermehrte Weltmarktintegration, wie sie beispielsweise

auch von Anthony Giddens formuliert wird: „Es gibt nichts mehr ausserhalb des einen

kapitalistischen Gesellschaftssystems. Die Welt ist ein globalisierter Markt.“ (Giddens 1998:

2)

Ob der Begriff der Globalisierung glücklich gewählt wurde und somit ein realer

globalisierter Markt entsteht oder ob es sich eher um einen Euphemismus handelt, soll die

Analyse der tatsächlichen ökonomischen Transaktionen beantworten. Werden die

peripheren Staaten effektiv stärker in die internationale Arbeitsteilung integriert oder

werden sie durch eine Verstärkung der Transaktionen innerhalb der Triade USA, EU und

Japan eher ausgeschlossen?

Hirst und Thompson untersuchen in ihrem Buch „Globalization in Question“ den Prozess

der ökonomischen Globalisierung empirisch. Sie beschreiben die Idealvorstellung einer

globalisierten Ökonomie folgendermassen:

„The international economic system becomes autonomized and socially disembedded,

as markets and production become truly global. Domestic policies,

whether of private corporations or public regulators, now have routinely to take account

of the predominantly international determinants of their sphere of operations.“

(Hirst und Thompson 1996: 10)

Hirst und Thompson entwerfen ein idealtypisches Modell der globalisierten Ökonomie. Die

globalisierte Ökonomie zeichnet sich erstens dadurch aus, dass sowohl Firmen als auch

Regierungen Schwierigkeiten bei ihrer Regulation haben. Die zweite Konsequenz der

globalisierten Ökonomie ist die Transformation von multinationalen in transnationale

Unternehmen. Während multinationale Unternehmen über eine klare Heimbasis verfügen,

definieren Hirst und Thompson transnationale Unternehmen folgendermassen:

„The TNC would be genuine footloose capital, without specific national identification

and with an internationalized management, and at least potentially willing to locate

and relocate anywhere in the globe to obtain either the most secure or the highest returns.“

(Hirst und Thompson 1996: 11) 39

Drittens prognostizieren Hirst und Thompson das Schwinden des politischen Einflusses der

Gewerkschaften, da die Unternehmen im weltweiten Standortwettbewerb in Regionen mit

wenig Sozialabsicherung und tiefen Lohnkosten investieren werden. Und viertens wird

schliesslich das Schwinden der Hegemonialmacht vorausgesagt.

Hirst und Thompson zeigen anhand von empirischen Daten, dass transnationale Konzerne

gemäss ihrer Definition praktisch nicht vorhanden sind, da die meisten Konzerne nach wie

vor über eine starke Heimbasis verfügen (Hirst und Thompson 1996: 95).

Die Auslanddirektinvestitionen (Foreign Direct Investments, FDI) sind ein Indikator für

vermehrte Auslandsinvestitionstätigkeit. Gemäss einer Annahme des ökonomischen

Globalisierungsprozesses sollten die FDI aufgrund der Suche der ökonomischen Akteure

nach den günstigsten Standorten weltweit steigen. Hirst und Thompson finden bei der

Analyse der Auslanddirektinvestitionen, dass zwar die FDI seit 1985 tatsächlich markant

39 Die im folgenden rezipierten Autoren verwenden sowohl den Begriff der multinationalen als auch der transnationalen

Unternehmen. Auch in der Definition dieser Begriffe besteht kein Konsens. So werden

transnationale Unternehmen beispielsweise auch simpel als Unternehmen definiert, die in mehr als einem

Staat operieren (Kiely 1998: 46). Da die von Hirst und Thompson vorgeschlagene Definition der

transnationalen Unternehmen, auf die ich mich stütze, idealtypisch und – wie sie zeigen – in Realität nicht

erreicht wird, werde ich weiterhin den Begriff der multinationalen Unternehmen verwenden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 50

ansteigen (Hirst und Thompson 1996: 55). Diese FDI finden jedoch in grosser Zahl innerhalb

der OECD-Staaten statt (Hirst und Thompson 1996: 68f.). Deswegen kann von effektiv

verstärkter Weltmarktintegration nicht gesprochen werden. Die nachfolgende Tabelle 4.2

zeigt die Befunde: Auf 28% der Weltbevölkerung fallen zwischen 1980 und 1991 ungefähr

91.5% der Auslandsdirektinvestitionen.

Dass die multinationalen Unternehmen im weltweiten Standortwettbewerb in den Regionen

mit den tiefsten Lohnkosten investieren, erscheint nur auf den ersten Blick einleuchtend.

John Cantwell vermutet sogar, dass sich die FDI-Ströme in afrikanische Staaten zukünftig

verringern werden, obwohl viele afrikanische Staaten sehr tiefe Lohnniveaus aufweisen

(Cantwell 1997: 164). Er argumentiert, dass nicht die tiefen Lohnkosten die Attraktivität von

Investitionen erhöhen, sondern dass der relevante Indikator in dem Verhältnis von

Lohnkosten und Produktivität liegt. Dieses Verhältnis ist kleiner (und damit besser) in

Staaten, deren Produktivität durch einheimische Innovationen schneller steigt als in den

meisten afrikanischen Staaten: „In these respects, with a few exceptions, African countries

remain well behind the leading Asian and Latin American countries.“ (Cantwell 1997: 164)

Tabelle 4.2: Verteilung der Auslanddirektinvestitionen innerhalb des Weltsystems

A

Bevölkerung,

1990 (%)

USA und Kanada

EC und EFTA 14 75

Japan

B

Die neun wichtigsten Ent-

wicklungsländer und die neun 14 16.5

wichtigsten chinesischen

Küstenprovinzen 40

Investitionsströme, 1980-1991

(%)

A+ B 28 91.5 (ungefähr)

Quelle: Hirst und Thompson 1996: 68

Hirst und Thompson finden zudem eine analog ungleiche Verteilung der Exportströme im

Weltsystem (Hirst und Thompson 1996: 69). Der Begriff der Globalisierung muss deshalb als

eine Intensivierung der internationalen ökonomischen Transaktionen seit dem Zweiten

Weltkrieg verstanden werden, die aber hauptsächlich im Zentrum stattfinden: etliche

(semi)periphere Staaten und vor allem afrikanische Staaten bleiben aussen vor. Hirst und

Thompson schlagen denn auch vor, anstelle von einer globalisierten von einer internationalen

Ökonomie zu sprechen.

Auch Ray Kiely legt überzeugend anhand von empirischem Material dar, dass sich die

Operationen der grossen Unternehmen auf den heimischen oder regionalen Markt konzen-

40 Folgende Länder und Regionen wurden berücksichtigt: Singapur, Mexico, Brasilien, Malaysia, Hong Kong,

Argentinien, Thailand, Ägypten, Taiwan, Peking, Tianjin, Hebei, Shanghai, Jiangsu, Zhejiang, Fujian,

Shandong, Guangdong. Die neun chinesischen Provinzen wurden unter der Annahme berücksichtigt, dass

FDIs nicht ganz China, sondern nur den einzelnen berücksichtigten Provinzen zugute kommen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 51

trieren. Wenn diese Unternehmen ihre Aktivitäten internationalisieren, dann investieren sie

vermehrt in andere industrialisierte Staaten und nicht in die Dritte Welt (Kiely 1998: 50). Die

OECD spricht sogar von der Marginalisierung gewisser Entwicklungsländer im Prozess der

Globalisierung (OECD 1992: 209).

Zum Prozess der Globalisierung gehört ebenfalls die weltweite Diffusion der Technologie.

Auch in dieser Hinsicht ist eine steigende Divergenz zwischen den Staaten im Weltsystem zu

beobachten: „If OECD countries and some Asian NIEs [Newly industrialized economies,

Anm. der Autorin] may be, despite of a number of problems [...], on their way to increasing

technological homogenisation, the rest of the world is increasingly excluded.“ (OECD 1992:

233)

Das durch die ökonomische Globalisierung veränderte idealtypische Weltsystem wird in

Abbildung 4.2 dargestellt. Die durch den Prozess der Globalisierung entstandene

Intensivierung der ökonomischen Transaktionen im Zentrum wird durch einen dicken Ring

repräsentiert, und die vermehrte Einbindung der Semiperipherie 1 wird durch den

geringeren Abstand zum Zentrum symbolisiert:

Abbildung 4.2: Idealtypisches globalisiertes Weltsystem

Semiperipherie 1

Legende:

Zentrum

Semiperipherie 2

marginalisierte

Zone

Peripherie 1 Peripherie 2

Exporte von kapitalintensiven verarbeiteten Gütern

Exporte von einfach verarbeiteten Gütern

Exporte von Rohstoffen (mit Ausnahme von

hochindustrialisierten, kapitalintensiven Rohstoffen)

BSP pro Kopf hoch

BSP pro Kopf tief

Quelle: Veränderung aufgrund der Angaben von Hirst und Thompson 1996 und Kiely 1998.

Im Hinblick auf die Weltsystemstruktur der Exportströme kann aufgrund des Phänomens

der Globalisierung, welches wie dargestellt nicht tatsächlich global ist, nicht gefolgert

werden, dass die Peripherie 1 oder sogar die Peripherie 2 ('Vierte Welt') stärker in die

Weltökonomie integriert werden. Vielmehr ist sogar eher eine stärkere Marginalisierung

gewisser peripherer Akteure zu erwarten.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 52

Aufgrund der Abbildung 4.2 kann die Frage beantwortet werden, welche Teilsysteme

besonders durch die Einführung von biotechnischen Rohstoffsubstitutionen betroffen sein

werden. Die Vermutung liegt nahe, dass dies vor allem die mittels Rohstoffexporten in das

Weltsystem eingebundenen Staaten sind. Diese befinden sich gemäss dem idealtypischen

Weltsystemmodell in der Semiperipherie 2 und in der Peripherie 1. Die Peripherie 2 scheint

durch die Substitutionen nicht betroffen zu sein, da sie ausserhalb der globalen

Handelsvernetzung steht.

4.2.2 Die WTO als Vertreterin der politischen Globalisierung

Während die ökonomische Globalisierung – wie gezeigt – nicht tatsächliche Weltintegration

verspricht, kann im Bereich der politischen Globalisierung schon eher davon gesprochen

werden. Als eine Konsequenz der Zunahme grenzüberschreitender Transaktionen sehen

Beisheim und Walter in ihrer Globalisierungsliteraturübersicht die Tangierung nationalstaatlicher

Rechte:

„In Globalisierungsanalysen wird der Befund einer sich intensivierenden

Interdependenz um das qualitative Element einer Restrukturierung sozialer Räume

und Handlungszusammenhänge erweitert, in deren Folge es auch zu einer

grundsätzlichen Veränderung politischer Strukturen kommt.“ (Beisheim und Walter

1997: 164)

Die Logik der transnationalen ökonomischen Interaktionen und das Vorhandensein von

Nationalstaaten wirken konfliktiv. In einem Grossteil der Globalisierungsliteratur findet sich

die Vorstellung, dass der „Staat sich zunehmend weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen

gegenübersieht, die seine politischen Wahlmöglichkeiten erheblich einschränken“ (Beisheim

und Walter 1997: 168). Als Folge davon werden entweder nationalstaatliche Bereiche auf die

globale Ebene verschoben oder es erfolgt eine Abkehr vom Nationalstaat in Richtung Regionalismus.

Die Diskussion der politischen Globalisierung anhand der WTO ermöglicht es, die Wechselwirkungen

zwischen ökonomischer und politischer Globalisierung aufzeigen. So darf nicht

der irrigen Meinung nachgegeben werden, dass die politische Globalisierung quasi als

Korrektur der durch die ökonomischen Globalisierung hervorgerufenen Zustände

nachträglich eingesetzt wird. Vielmehr veranstaltet die politische Globalisierung die

ökonomische. Der Weltmarkt ist ein soziales Konstrukt, das durch die Regelungen der

politischen Weltökonomie bestimmt wird (Bornschier 1988: 121). Ulrich Beck unterstreicht

diese Ansicht:

„Auch und gerade ökonomische Globalisierung ist kein Mechanismus, kein Selbstläufer,

sondern durch und durch ein politisches Projekt, und zwar transnationaler

Akteure, Institutionen und Diskurs-Koalitionen – Weltbank, WTO, OECD, multinationaler

Unternehmen sowie anderer internationaler Organisationen, die eine

neoliberale Wirtschaftspolitik betreiben.“ (Beck 1997: 204)

Als Beispiel des Verschiebens nationalstaatlicher Kompetenzen auf die globale Ebene kann

die World Trade Organization WTO als internationales Regime angeführt werden, das als

Agent des Freihandels nationalstaatliche Bereiche wie beispielsweise die Agrarpolitik auf

globaler Ebene regelt. Die WTO entstand aufgrund der Uruguay-Runde des GATT 1994. Sie

umfasst das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), das Allgemeine Abkommen

über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) und das Abkommen zum Schutz geistiger

Eigentumsrechte (TRIPS) (Senti 1994: 21). GATT und TRIPS regeln den weltweiten Agrarhandel

und den Schutz geistiger Eigentumsrechte und bilden somit einen wichtigen Rahmen

bei der Einführung von biotechnischen Rohstoffsubstituten im Weltsystem.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 53

4.2.2a) Die neue Agrarmarktordnung 'Agreement on Agriculture'

Die Agrarweltmärkte sind weit entfernt von idealen Märkten. Sie werden sowohl durch die

Agrarpolitik der industrialisierten Nationen als auch durch die „Marktmacht des

internationalen Grosshandels“ (Egger/Rieder/Clemenz 1992: 21) geprägt, die die

Marktstrukturen der Weltagrarmärkte verzerren.

Die Agrarweltmärkte zeichnen sich durch allerlei Markteingriffe wie protektionistische

Zölle, nichttarifäre Handelshemmnisse und Exportsubventionen aus. Durch garantierte

produktgebundene Stützungsmassnahmen, die die Bauern der westlichen Staaten für die

meisten Agrarprodukte erhalten, erhöht sich die Agrarproduktion, da die Nachfrage-

Angebotssteuerung mit dieser Massnahme ausser Kraft gesetzt wird (vgl. im folgenden mit

Rieder 1995: 12). Die Binnenüberschüsse der industrialisierten Staaten müssen auf den

Weltmärkten verkauft werden. Um die westlichen Agrarprodukte überhaupt auf den

Weltmärkten absetzen zu können, müssen die industrialisierten Staaten Exportsubventionen

leisten, da der einheimische Produktionspreis zu hoch liegt. Dies führt zu einer

Wettbewerbsverzerrung auf den Weltagrarmärkten, da den Staaten des Südens, die über

tiefere Produktionskosten (vgl. mit Ricardos komparativen Kostenvorteilen) verfügen, eine

künstliche Konkurrenz aufgezwungen wird. Aufgrund dieser Exportsubventionen fielen die

globalen Agrarpreise in den letzten 40 Jahren tendenziell.

Die WTO als Agentin des Freihandels hat sich nun 1994 (Uruguay-Runde) zum Ziel

gemacht, einen Abbau der Handelshemmnisse durch eine neue Agrarmarktordnung

('Agreement on Agriculture') voranzutreiben (vgl. im folgenden mit Senti 1994: 69 ff.). Diese

Agrarmarktordnung will auf den globalen Agrarmärkten mehr Wettbewerb schaffen. Drei

grundlegende Punkte wurden festgelegt: „(1) Die Erleichterung des Marktzutritts auf

internationaler Ebene beziehungsweise die gegenseitig stärkere Öffnung der Agrarmärkte,

(2) die Beschränkung und Neuausrichtung der heimischen Stützungsmassnahmen und (3)

die Verbesserung des internationalen Wettbewerbs durch eine Reduktion der

Exportsubventionen und subventionierten Exportmengen.“ (Senti 1994: 69/70)

Die Marktöffnung (Punkt 1) soll erfüllt werden durch die Abschaffung der nichttarifären

Handelshemmnisse (beispielsweise mengenmässige Restriktionen, Mindestpreisvorschriften,

Importlizenzen usw.) und durch einen Zollabbau, der je nach Wirtschaftskraft

unterschiedlich ausfällt. Die heimischen Stützungsmassnahmen (Punkt 2) sollen nicht mehr

produktgebunden sein, sondern über Direktzahlungen gewährleistet werden. Die WTO-

Agrarmarktordnung will so erreichen, dass die einheimische Unterstützung der

Landwirtschaft den Aussenhandel und die Produktion nur noch wenig beeinflusst. Der

Abbau der Exportsubventionen schliesslich (Punkt 3) betrifft „direkte Staatsbeiträge an

exportierende Produzenten, Verarbeiter und Händler, der staatliche Verkauf von

Agrarüberschüssen zu Preisen, die unter dem heimischen Niveau liegen sowie

Transportbeiträge an die Landwirtschaft.“ (Senti 1994: 75)

Würden diese Bestimmungen konsequent durchgeführt werden, könnte mit einem Anstieg

der Weltagrarpreise um 10 bis 15 % gerechnet werden (Rieder 1995: 13). Trotzdem muss die

Äusserung eines vorschnellen Optimismus ausbleiben. Es wird erwartet, dass diese

Regelungen nicht konsequent umgesetzt werden (Rieder 1995: 13/14). Dies kann unter

anderem auch auf die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit des GATT-Vertrags

zurückgeführt werden.

Richard Senti weist in einem NZZ-Artikel auf die unterschiedliche Ausgestaltung der

Handelsmacht innerhalb der WTO hin (vgl. im folgenden mit Senti 1998: 83). Gemäss Senti

ist Marktmacht im Aussenhandel dann gegeben, wenn „ein Unternehmen oder eine

Regierung etwas tun oder lassen kann, auf das der Handelspartner Rücksicht zu nehmen

hat, ohne dass ersterer Rücksicht auf das Verhalten des Zweiten nehmen muss.“ (Senti 1998:

83) Senti weist darauf hin, dass besonders die USA und die EU überproportional viele


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 54

Verfahren wegen Vertragsverletzungen beim WTO-Schiedsgericht einreichen. Er folgert

daraus, dass die starke Korrelation zwischen Marktmacht und Häufigkeit der

Verfahrenseinreichung auf eine Schwäche des Schiedsgerichts schliessen lässt. Weiter

können die USA und die EU, obwohl die Urteile des Schiedsgerichts verbindlich sind,

praktisch nicht gezwungen werden, die Urteile umzusetzen, da Konsequenzen mittels

Handelsboykotten durch Staaten mit weniger Marktmacht kaum zwingenden Charakter

haben.

Die Höhe der Weltagrarpreise bildet einen zentralen Teil in dieser

Technikfolgenabschätzung. Die Argumentation ist folgende: Ist der Weltagrarpreis für die

traditionellen Rohstoffe tiefer als die Kosten für die Substitute, lohnen sich Substitutionen

nicht, wie das momentan bei durch Exportsubventionen künstlich tiefgehaltenen

Agrarpreisen gewisser Rohstoffe der Fall ist. Steigen hingegen die Weltagrarpreise durch

einen deregulierten Agrarweltmarkt an, so können sich biotechnische Rohstoffsubstitutionen

schon eher lohnen. Durch diese Liberalisierung sind vor allem Rohstoffe betroffen, die

mittels Exportsubventionen auf den Weltagrarmarkt gelangen, folglich vor allem Rohstoffe,

die ebenfalls in industrialisierten Staaten angebaut werden. Aufgrund der Exportdaten des

UNCTAD Commodity Yearbooks sind dies vor allem der Zucker und die Sojabohnen

(UNCTAD Commodity Yearbook 1994: 68/198/200). Wie Richard Senti aber darlegt (Senti

1998), ist die Einhaltung des Agrarabkommens des GATT-Vertrags nicht selbstverständlich

gewährleistet. Mit dem Steigen der Weltagrarpreise um 10 bis 15% kann also nicht ohne

weiteres gerechnet werden.

4.2.2b) Der Schutz geistiger Eigentumsrechte: TRIPS

Mit dem TRIPS-Abkommen (Trade-related aspects of intellectual property rights), propagiert

von industrialisierten Staaten unter anderem zur Vermeidung von Bio-Piraterie, verfolgt die

WTO das Ziel, mit der weltweiten Etablierung des Schutzes geistiger Eigentumsrechte den

globalen Handel zu erhöhen (vgl. im folgenden mit Burch 1995: 219).

Die TRIPS-Unterzeichnenden (im Jahr 1996 120 Staaten) verpflichten sich, bei Nichtvorhandensein

Patentsysteme in ihren Staaten einzuführen. Patente 41 sind „rights to the

exclusive manufacture, use, and/or sale of an innovation“ (Burch 1995: 219), dienen zum

Schutz von technischen Neuerungen und bilden die Versicherung, Forschungs- und

Entwicklungsinvestitionen durch den Gewinn aus dem alleinigen Gebrauchsrecht

amortisieren zu können. Gemäss TRIPS werden Patente neu 20 Jahre lang geschützt. Im

Biotechnologiebereich können Mikroorganismen patentiert werden. Weiter besteht für die

einzelnen Mitgliederstaaten die Möglichkeit, Pflanzen und Tiere von der Patentierung

auszuschliessen (Bhat 1996: 208).

Die weltweite Protektion der geistigen Eigentumsrechte sendet Signale an Unternehmen der

industrialisierten Staaten, mehr zu innovieren und diese Innovationen auch in peripheren

Staaten anzumelden, da durch die rechtliche Verhinderung der Bio-Piraterie ihre

Monopolrente weltweit geschützt wird. Von dieser Massnahme könnten folglich vermehrt

Innovationen im Bereich der biotechnischen Rohstoffsubstitute erwartet werden.

Während industrialisierte Staaten bereits eine lange Tradition im Schutz geistiger

Eigentumsrechte aufweisen, zeigt sich in Entwicklungsländern ein gegenteiliges Bild (Cottier

1995: 66). Der Ausbau von geistigen Eigentumsrechten, so befürchten die

41 Neben Patenten gelten ebenfalls „trademarks, geographical indications, copyright (including computer programs,

audio-visual, data bases), performers' rights, models and designs, [...], integrated circuits and the protection

of undisclosed informations (trade secrets)“ (Cottier 1995: 65) als Schutzinstrumente geistiger Eigentumsrechte.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 55

Entwicklungsländer, führe zu weiteren Abhängigkeiten von den industrialisierten Staaten:

Preise für essentielle Güter wie Medikamente würden steigen und die Investition in ein

staatlichen Patentsystem zum Gewinn ausländischer Patenthalter würde an notwendigeren

Stellen fehlen. Im Bereich der Biotechnologie wird erwartet, dass der Schutz von Saatgut und

Pflanzenvarietäten zu oligopolistischen Strukturen der Bioindustrie und zur Zerstörung der

Biodiversität führt.

Trotz diesen Vorbehalten sahen sich auch Entwicklungsländer gezwungen, den TRIPS-

Vertrag zu unterschreiben. Gründe dafür sind die durch das Vorhandensein von

Patentschutz steigende Attraktivität für Auslandinvestitionen, Integration in die WTO,

Technologietransfer auch in bezug auf Know-how, Schaffung von Anreizen zu

einheimischen Innovationen und der erleichterte Marktzugang zu den Märkten USA, EU

und Japan (Cottier 1995: 67).

Der Vorteil des Schutzes der geistigen Eigentumsrechte besteht darin, dass durch die

Patentierung die neuen wissenschaftlichen Biotechnologieerkenntnisse überhaupt öffentlich

und zugänglich gemacht werden. Gegen eine Lizenzgebühr kann die Erlaubnis eingeholt

werden, diese neue Technik selbst anzuwenden. Bestände kein Patentschutz, würden viele

Innovationen gar nicht bekannt, da sich die Unternehmen mit dem Geschäftsgeheimnis

schützen könnten (Junne 1991a: 294).

Das TRIPS-Abkommen wird sich unterschiedlich auf periphere Staaten auswirken.

Semiperiphere und periphere Staaten, die über genügend Humankapital, Forschungs- und

Entwicklungskapital, Infrastruktur und dergleichen verfügen, werden eventuell langfristig

Gewinn aus dem TRIPS-Abkommen ziehen können und vermehrt selbständig innovieren, da

ein Patentschutz gewährleistet wird. Periphere Staaten, die nicht über die nötigen

Kapazitäten zur Erzeugung von Innovationen verfügen, werden mit der neuen TRIPS-

Regelung eher verlieren, da Innovationen geschützt werden, die früher frei kopierbar waren.

4.3 Zusammenfassung

Zusammenfassend möchte ich noch einmal die folgenden Punkte betonen: Im Weltsystem –

welches sich in Zentrum, Semiperipherie 1 und 2 und Peripherie 1 und 2 aufteilt – sind

Handelsasymmetrien vorhanden (Smith und White 1992). Idealtypisch kann die internationale

Arbeitsteilung folgendermassen dargestellt werden: Das Zentrum exportiert hauptsächlich

kapitalintensive, verarbeitete Güter, die Semiperipherie 1 hauptsächlich einfach verarbeitete

Güter. Die Semiperipherie 2 exportiert Rohstoffe, ebenso wie die Peripherie 1. Die 'Vierte

Welt' (Peripherie 2) ist im Weltsystem handelsmässig marginalisiert. Im Hinblick auf die

Auswirkungen der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen auf rohstoffexportierende Staaten

scheinen gemäss diesem Weltsystemmodell vor allem die Rohstoffexporte der

Semiperipherie 2 und der Peripherie 1 betroffen.

Auch die Globalisierung, die in den letzten Jahren in aller Munde war, ändert an der Struktur

des Weltsystems (gemessen an den Güterexportströmen) nicht viel, obwohl mit dem Prozess

der Globalisierung die Hoffnung der peripheren Staaten einherging, stärker in die Weltwirtschaft

integriert zu werden. Grenzüberschreitende ökonomische Transaktionen nehmen

seit dem Zweiten Weltkrieg international zu, beschränken sich jedoch hauptsächlich auf die

Staaten der Triade und die Schwellenländer (Hirst und Thompson 1996; Kiely 1998).

Periphere Staaten werden im Prozess der Globalisierung eher marginalisiert (OECD 1992).

Auch die multinationalen Unternehmen, die im Zentrum der Globalisierung stehen, bleiben

vor allem auf einheimischen oder sonstigen Märkten industrialisierter Staaten präsent (Kiely

1998).

Innerhalb des Weltsystems befinden sich internationale Regime, die die politische

Globalisierung vorantreiben, unter ihnen die für die Fragestellung dieser Arbeit relevante


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 56

WTO. Die neue Agrarmarktordnung 'Agreement on Agriculture' des GATT und das TRIPS–

Abkommen können mögliche Substitutionsprozesse beeinflussen. Durch die Liberalisierung

der Agrarweltmärkte kann von einer Preiserhöhung der Rohstoffe (Rieder 1995), die von

industrialisierten Staaten dank Exportsubventionen künstlich tief gehalten wurden, ein

Anreiz für vermehrte, kostengünstigere Substitutionen ausgehen. Das TRIPS-Abkommen

verlangt, dass geistiges Eigentum auch in den peripheren Staaten durch Patentsysteme

geschützt wird (Bhat 1996). Dies kann ein Anreiz für Unternehmen des Zentrums sein,

weiter biotechnische Rohstoffsubstitute zu entwickeln, da ihre Monopolrente weltweit

geschützt wird. Für periphere Staaten werden verschiedene Auswirkungen erwartet: Das

Einführen von Patentsystemen kann je nach Innovationskapazität der einzelnen Staaten

sowohl langfristig zu vermehrten Innovationen der peripheren einheimischen Industrie

führen wie auch Widerstände im Bereich einer eigenen technologischen Entwicklung

hervorrufen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 57

5. Akteure im Bereich der Biotechnologie

Nachdem im Kapitel vier das globalisierte Weltsystem als Umfeld dargestellt wurde, in dem

die biotechnischen Rohstoffsubstitute diffundieren, befasst sich das Kapitel fünf sich mit der

Identifizierung der Akteure, die im Bereich der (Bio)-Technologie relevant sind: Die Kooperation

zwischen multinationalen Unternehmen und den Staaten wird diskutiert. Der Staat

stellt das Humankapital, die Grundlagenforschung und das rechtliche Umfeld zur

Verfügung, während die multinationalen Unternehmen, die die Biotech-Industrie

dominieren, neue Technologien anwenden und diese in Produkte transformieren. Weiter

gehe ich der Frage nach, wieso periphere Staaten Schwierigkeiten haben, im Bereich der

Biotechnologie zu innovieren: Vier Fallbeispiele sollen Antworten geben. Eine Übersicht

über die technologischen Potentiale zeigt schliesslich, dass diese analog zum Zentrum-

Peripherie-Gefälle ungleich verteilt sind.

5.1 Zwei relevante institutionelle Akteure

Gemäss verschiedenen Einschätzungen zeichnen sich zwei grosse institutionelle Akteure für

den Grossteil der technischen Entwicklung verantwortlich: es sind dies die multinationalen

Unternehmen und die Staaten (Kenney und Buttel 1985; Smith 1993): „The most effective

advanced centers of technological development are the result of a massive mobilization of

human and capital resources possible only through extensive cooperation between states and

multinational companies.“ (Smith 1993: 190)

Diese Kooperation kann mit dem Analyserahmen des nationalen Innovationssystem

erforscht werden. In dieser Perspektive ist vor allem das Zusammenspiel zwischen

Bildungsinstitutionen (Universitäten, technischen Hochschulen und Forschungs- und

Technologieorganisationen) und der Privatwirtschaft verantwortlich für den technischen

Fortschritt (Hotz-Hart/Reuter/Vock 1997: 143). Das Erkenntnisinteresse dieses

Analyserahmens liegt in der Ausgestaltung des Wissensflusses zwischen diesen

verschiedenen Akteuren. Je besser der Wissensfluss diffundiert, so die Annahme, desto

grösser ist die Innovationskapazität.

Da sich im gegenwärtig viel beschriebenen Globalisierungsprozess nach wie vor nur wenige

international orientierte Unternehmen durch 'heimatloses Kapital' auszeichnen, ist die

Kooperation mit ihren Heimbasen wichtig (Hirst und Thompson 1996: 62). Die Kooperation

zwischen den Universitäten und den Unternehmen ist insofern von Belang, da dadurch ein

Teil der Grundlagenforschung, welcher sich zur Umsetzung in Produkte eignet, auch

tatsächlich produziert und vermarktet wird (Zilinskas 1995: 503). Die Arbeitsteilung

innerhalb der Kooperation ist folgende: Der Staat stellt das Humankapital, die Infrastruktur,

die Produktionskosten der Grundlagenforschung (Gonsen 1998: 25) und das politische,

ökonomische und rechtliche Umfeld zur Verfügung, die Unternehmen investieren

Forschungs- und Entwicklungsausgaben und stellen die Endprodukte her.

David Smith benennt den Ort, in dem diese beiden Akteure erfolgreich kooperieren: „These

institutions are most likely to be located and controlled by corporate and government interests

in the advanced core states.“ (Smith 1993: 190) David Smith folgert aus der

Positionierung der relevanten Akteure im Zentrum, dass der eigentliche angemessene

Analyserahmen des technischen Fortschritts derjenige des internationalen Systems ist. Er

meint weiter, dass die industrialisierten Zentrumsstaaten und die multinationalen

Unternehmen ihre Positionen innerhalb des Weltsystems durch die technologische

Abhängigkeit der anderen Staaten erhalten können (Smith 1993: 187).

Im weiteren werde ich auf die zwei relevanten Akteure Staat und multinationale

Unternehmen getrennt eingehen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 58

5.2 Der Staat als Förderer/Behinderer des technischen Fortschritts

Staaten fördern oder behindern den technischen Fortschritt 42 in unterschiedlicher Art und

Weise. Im Weltsystem ist die Kapazität, technischen Fortschritt zu erzeugen, ungleich

verteilt. Eine mögliche Erklärung dieser ungleichen Verteilung gibt die Theorie von Hartmut

Elsenhans, die bereits im Kapitel eins besprochen wurde: Die Staatsklassen der

rohstoffreichen, peripheren Staaten reinvestieren ihre abgeschöpften Rohstoffrenten nicht

wieder in den Binnenmarkt, sondern verwenden das Geld hauptsächlich zu konsumtiven

Zwecken. Während die rohstoffarme Semiperipherie in einem marktwirtschaftlichen

Konkurrenzkampf integriert ist, treffen die von Elsenhans genannten Kriterien eines

deformierten peripheren Kapitalismus zum Teil auch auf die rohstoffreiche Semiperipherie

zu (vgl. Bornschier und Trezzini 1996: 66 ff.). Während die akquirierten Rohstoffrenten vom

Staat nicht reinvestiert werden, müssen die Zollschutzrenten, die sich durch den Schutz der

eigenen Binnenindustrie mittels der Besteuerung von Fabrikate-Importen ergeben,

wiederum in die Binnenindustrie investiert werden. Gemäss der Argumentation Elsenhans'

müsste der technische Fortschritt folglich auch in der rohstoffreichen Semiperipherie

behindert werden, wenn auch nicht so stark wie in der Peripherie.

Diese Aussagen zeigen, dass der Staat an der Bereitstellung der Innovationskapazität 43

seines Binnenraums mitbeteiligt ist. Es ist anzunehmen, dass staatliche Eliten, die

Rohstoffrenten abschöpfen, ebenfalls weniger in die Infrastruktur und in das

volkswirtschaftliche Humankapital investieren, zwei Komponenten, die bei der Erzeugung

von technischem Fortschritt beteiligt sind.

5.3 Multinationale Unternehmen und ihr Einfluss auf die Biotech-Industrie

Die ersten biotechnischen Unternehmen wurden durch Wissenschaftler gegründet, die

mittels Zugang zu Risikokapital ihre Forschungen durchführen konnten (vgl. im folgenden

mit Kenney und Buttel 1985: 63 ff.). Kleine Unternehmen wie Genentech, Genex, Biogen usw.

entstanden auf diese Art und Weise. Diese Unternehmen brauchten immer mehr Bargeld,

um ihre Forschungs- und Entwicklungsbemühungen, ihre Administration und – bei

erfolgreicher Produkteentwicklung – eine Marketingabteilung zu finanzieren. Um diesen

Geldbestand zu erwerben, übernahmen diese kleinen Biotech-Firmen Auftragsforschungen

von grossen multinationalen Unternehmen: „The financial vulnerability of new biotechnology

R and D firms and their lack of manufacturing and marketing facilities has made them

easy prey for large acquisitive corporations anxious to secure a foothold in the new industry.“

(Goodman, Sorj und Wilkinson 1987: 111)

Nach und nach wurden diese kleinen Biotech-Firmen entweder von den grossen

Unternehmen aufgekauft – als prominentestes Beispiel die wohl erfolgreichste Biotechfirma

Genentech, die von Hoffmann-La Roche 1990 zu 60% übernommen wurde – oder als

'research boutiques' benutzt, die im Auftrag der grossen Firmen innovieren sollten (The

Economist 1990, 10. Februar: 69). Es wird bemerkt, dass „[...] die amerikanischen

Pionierunternehmen Genentech, Amgen, Celltech und Cetus letztlich nur dank der

42 Technischer Fortschritt kann definiert werden als „Änderungen im Produktionsprozess durch die Anwendung

wissenschaftlicher Erkenntnisse“ (Rieder 1995: 17). Dazu gehört die Einführung neuer Produkte und

Verfahren, eine Erhöhung des Outputs pro Input (disembodied technological change) und die Veränderung

der Inputeigenschaften (embodied technological change).

43 Im Fall der peripheren Staaten wird häufig angefügt, dass eigener technischer Fortschritt gar nicht angestrebt

wird, sondern dass die Entwicklung mittels Technologietransfer aus den Zentrumsstaaten generiert werden

soll (vgl. Asian Development Bank 1995). Trotzdem muss auch zur Anpassung und Reparatur der

importierten Technologie notwendiges Humankapital, Infrastruktur usw. vom peripheren Staat selbst zur

Verfügung gestellt werden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 59

Übernahme durch Grossunternehmen bzw. Kooperationsprojekten mit grösseren Partnern“

(Nollert 1996: 12) überleben konnten. So wird der Bereich der biotechnischen Innovationen

durch „large, well-established firms with multinational operations“ (Walsh und Galimberti

1993: 177) dominiert.

Multinationale Unternehmen der USA, der EU und Japans begannen erst Ende der 70er

Jahre oder sogar erst anfangs der 80er Jahre, in die Biotechnologie zu investieren (vgl. im

folgenden mit Hobbelink 1991: 31ff.). Doch trotz ihres eher kurzen Engagements dominieren

sie den Biotechnologiebereich, auch mit Hilfe der finanziellen Unterstützung der jeweiligen

Regierungen. Obwohl immer noch kleine Biotech-Firmen gegründet werden, kann daraus

nicht geschlossen werden, dass sich der Biotechnologie-Sektor wünschenswert

diversifizieren und ein Wettbewerb von verschiedensten Unternehmen stattfinden wird.

Denn häufig werden diese neuen kleinen Biotechfirmen wiederum stark von den bereits

bestehenden multinationalen Konzernen kontrolliert, sei dies als joint-venture-Unternehmen

oder mittels Kapitalbeteiligungen. Während die Grüne Revolution vor allem von

öffentlichen Stellen propagiert wurde, wird der Biotechnologiesektor hauptsächlich durch

private Unternehmen dominiert:

„[...] les entreprises privées dominent la recherche biotechnologique et contribuent

approximativement aux deux-tiers des dépenses globales engagées dans ce domaine

[...], avec, au cours des dix dernières années, une augmentation spectaculaire de cette

participation au détriment des petites entreprises.“ (Junne 1992: 145)

Die Globalisierung spielt in der Betrachtung der multinationalen Konzerne im Weltsystem

ebenfalls eine Rolle. Die multinationalen Unternehmen nehmen in diesem Prozess eine

Weltoligopolstellung ein (OECD 1992: 209). Weltoligopole gibt es nicht erst seit neustem

(vergleiche beispielsweise mit der Erdölindustrie). Die Neuheit im Prozess der Globalisierung

ist die Ausdehnung der Oligopolisierung in den Bereich der Hoch-Technologie:

„What is new is the current rapid extension of global oligopoly and the fact that it now constitutes

the dominant form of supply structure in most R&D intensive or „high-technology“

industries, and in an increasing number of service industries.“ (OECD 1992: 221)

Verschiedene Autoren bezeichnen denn auch die Struktur der Nahrungsmittelindustrie als

oligopolistisch (vgl. Hobbelink 1991: 47 und Goodman et al. 1987: 80). Durch die Dominanz

der multinationalen Unternehmen in der Nahrungsmittelindustrie, welche mittels neuen

Biotechniken innovieren, ist ein Angebotsoligopol zu vermuten, bei dem auf der

Angebotsseite nur wenige, relativ grosse Verkäufer auftreten.

Oligopole wirken dann wettbewerbsverhindernd, wenn sie kooperieren. Die Einschränkung

des Wettbewerbs im Biotechnologiebereich kann empirisch durch ein Auffinden von strategischen

Allianzen44 bestätigt werden. John Hagedoorn und Jos Schakenraad finden in ihrer

Untersuchung über strategische Allianzen Übereinkommen zwischen Biotechnologiefirmen,

im Bereich der Forschung- und Entwicklung zusammenzuarbeiten (vgl. mit Hagedoorn und

Schakenraad 1990: 171 ff.). Ihre Analyse der 45 Biotechfirmen, die die meisten Übereinkommen

haben, zeigt, dass die intra-USA-Kooperation am häufigsten vertreten ist. Sie finden

aber auch internationale Kooperationen: „Apart from a number of US tie-ups, some international

cases of more intensive co-operation are combinations of Merck and Ciba-Geigy,

Boehringer and Genentech, Bayer and Bristol Meyers, Gist-Brocades and Shell, and Shell and

Cetus and Abbott and Amgen.“ (Hagedoorn und Schakenraad 1990: 185) Durch diese transatlantischen

Kooperationen kann von einem Wettbewerb innerhalb der Triade nicht mehr

gesprochen werden: „Die wichtige globalwirtschaftliche Konfliktlinie [verläuft] folglich nicht

44 Strategische Allianzen werden definiert „[...] as a situation in which two or more companies join efforts to

develop new products, share their technology or pool R&D resources.“ (Hagedoorn und Schakenraad 1990:

171)


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zwischen den drei Akteuren, sondern zwischen der Triade und dem Rest der Welt.“ (Nollert

1996: 69)

Diese Kooperationen verhindern natürlich, dass die einzelnen Unternehmen die

Monopolrente der eigenen Innovation erhalten. Wieso kooperieren Firmen trotzdem? Der

Grund scheint in der Reduktion der Unsicherheit und im Zeitgewinn zu liegen (Hagedoorn

und Schakenraad 1990: 173). Kooperieren zwei Firmen, wird der Wettbewerbsdruck

entschärft: ein potentieller Konkurrent wird durch die Kooperation eingebunden. Gerd

Junne sieht in diesen Kooperationen eine Verlangsamung des biotechnischen Fortschritts:

Aufgrund der strategischen Allianzen werden weniger individuelle

Forschungsanstrengungen unternommen und weniger Forschungs- und

Entwicklungsausgaben bereitgestellt (Junne 1992: 149/150).

Anhand der Tabelle 3 mit dem Titel 'Rohstoffe, Substitute und Forschungsorganisationen' ist

ersichtlich, dass viele multinationale Konzerne im Bereich der biotechnischen Rohstoffsubstitute

forschen. Unter ihnen befinden sich Nestlé, Cadbury-Schweppes,

Procter&Gamble, Ajinomoto, Unilever und Monsanto – um nur einige bekannte zu nennen.

Was treibt diese Firmen in diesen Forschungsbereich? Den potentiellen

Rohstoffsubstitutionen liegt die Annahme zugrunde, dass sie sich lohnen – sprich, dass

bestimmte Rohstoffe durch biotechnische Manipulationen im Vergleich zur traditionellen

Anbautechnik günstiger produziert werden können. Auf den ersten Blick ist dies nicht

gegeben, sind doch Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt eher tief angesetzt.

Verschiedene mögliche Profitmotive werden genannt. Joachim Spangenberg vermutet folgende

Beweggründe:

„[...] einerseits das Bestreben der den Weltmarkt beherrschenden Grosskonzerne oder

anderer interessierter und finanziell potenter Kräfte, von Marktpreisschwankungen

und internen (politischen) Entwicklungen in den Staaten des Südens unabhängig zu

werden bzw. sich neue Märkte zu erschliessen, und andererseits die Notwendigkeit,

angesichts der horrenden landwirtschaftlichen Überschussproduktion in

Nordamerika und Europa alternative Verwendungszwecke für die Agrarüberschüsse

zu finden [...].“ (Spangenberg 1992: 140)

Das Technikfolgenabschätzungsbüro des Deutschen Bundestags äussert andere

Vermutungen (Technikfolgenabschätzungsbüro des Deutschen Bundestags 1995: 3). Es sieht

besonders in der von der WTO angestrebten Handelsliberalisierung einen beeinflussenden

Faktor: Steigen diejenigen Rohstoffpreise, die bis anhin durch Exportsubventionen der

industrialisierten Staaten künstlich tief gehalten wurden, könnten sich die biotechnischen

Substitutionen dieser Rohstoffe plötzlich lohnen. Ein weiteres Profitmotiv liegt in der

Erwartung eines schnellen biotechnischen Fortschritts, der die Produktion der Substitute

rentabler macht.

Während der finanzielle Anreiz der multinationalen Unternehmen bei der

Rohstoffsubstitution durch Enzymtechniken und durch einzellige Proteine tatsächlich durch

die Höhe der Rohstoffpreise bestimmt wird, zeigt sich bei den Gewebekulturtechniken ein

anderes Bild. Nicht nur multinationale Unternehmen sondern auch periphere Staaten

wenden die Gewebekulturtechniken an, um höhere Erträge zu erwirtschaften. In diesem

Bereich könnte eine Verdrängungssubstitution erwartet werden. Kommt es beispielsweise

durch die Ausweitung der Gewebekulturtechnik zu einer weltweiten Kaffeeüberproduktion,

wird der Rohstoffpreis sinken. Wer dann noch fähig ist, zu diesem tieferen Preis zu

produzieren, geht als Gewinner aus der Verdrängungssubstitution hervor.

Zusammenfassend lässt sich folgendes Bild zeichnen: Multinationale Unternehmen dominieren

den Biotechnologiebereich. Sie kaufen kleine spezialisierte Biotechfirmen auf und

kooperieren untereinander mittels strategischen Allianzen, die den biotechnischen

Fortschritt möglicherweise verlangsamen, da sie den Wettbewerb entschärfen. Der


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 61

Biotechnologiemarkt ist folglich kooperativ oligopolistisch strukturiert. Vielfältige Profitmotive,

die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind, üben Reizsignale auf die Forschung

multinationaler Unternehmen im Bereich der biotechnischen Rohstoffsubstitute aus:

Unabhängigkeit von Marktpreisschwankungen und der internen Entwicklung peripherer

Staaten, das Ansteigen der Rohstoffpreise aufgrund der Handelsliberalisierung des GATT

und zukünftige Erwartungen eines schnellen biotechnischen Fortschritts werden als

Motivation zu Forschungsbestrebungen angeführt.

5.4 Unterschiedliche Kooperationsfähigkeit zwischen Staat und Industrie im

Weltvergleich

Die Kooperation zwischen Staat und Industrie soll den technischen Fortschritt vorantreiben

(siehe Kapitel 5.1). Diese Kooperationsfähigkeit ist innerhalb des Weltsystems

unterschiedlich verteilt. Während in industrialisierten Staaten das nationale

Innovationssystem mit der Vernetzung zwischen Universitäten, technischen Hochschulen

und Unternehmen vergleichsweise gut ausgebaut ist, sehen sich gewisse (semi)periphere

Staaten mit Ineffizienzen konfrontiert.

Trotz der vorangegangenen Darstellung der Behinderung des technischen Fortschritts durch

die Staaten der rohstoffreichen (Semi)Peripherie und der Forschungsbestrebungen von

multinationalen Unternehmen darf nicht der Eindruck entstehen, dass periphere Staaten die

Biotechniken nicht anwenden. Im Gegenteil: in vielen (semi)peripheren Staaten propagieren

hauptsächlich öffentliche Stellen die Biotechnologie (vermehrt Gewebekulturtechnik) im

Hinblick auf die Verbesserung des Saatguts und der Erhöhung und Stabilisierung der

Erträge. (Semi)periphere Staaten wenden folglich Biotechniken weniger im Hinblick auf

potentielle Substitutionen als im Hinblick auf eine Ertragssteigerung und -stabilisierung im

Nahrungsmittelbereich an (Cottier 1995: 68/69).

Periphere Staaten stossen bei der Entwicklung einer einheimischen Biotechindustrie trotz der

erfolgreichen Anwendung gewisser Biotechniken auf mehr Widerstände als die industrialisierten

Staaten. Kenney und Buttel nennen vier Gründe, welche den erfolgreichen Aufbau

einer einheimischen Biotechindustrie in peripheren Staaten verhindern: es sind dies der

Mangel an Investitionskapital, der Mangel an Humankapital aufgrund des 'brain drain', die

ineffiziente Infrastruktur und der mangelnde politische Wille (Kenney und Buttel 1985:

77ff.).

Raymond Zilinskas geht ebenfalls der Frage nach, wie erfolgreich periphere Staaten in der

Entwicklung einer eigenen Biotechindustrie sind. Er untersucht in diesem Hinblick drei Fallbeispiele:

Ägypten, Thailand und Venezuela.

Zilinskas sieht folgende Probleme (vgl. im folgenden mit Zilinskas 1995: 511ff.): In den

evaluierten drei Staaten fehlen im Hinblick auf eine ausreichende Wissensvermittlung der

breite Zugang zu Büchern, Fachzeitschriften und Datenbanken. Weiter findet er im Bereich

der Grundlagenforschung Mängel an der Bereitstellung notwendiger Materialien

(beispielsweise Enzyme) und an Ausrüstungsgegenständen. Zudem ist die Infrastruktur

unzuverlässig: eine unterbrochene Wasserversorgung und ineffiziente Telephonsysteme

führen zu Verzögerungen.

Vor allem im Hinblick auf eine fruchtbare Kooperation zwischen Universitäten und

Industrie, wie sie in industrialisierten Staaten besteht, herrschen in den drei beobachteten

Staaten Missstände: der Wissensfluss im nationalen Innovationssystem wird behindert. In

den Universitäten wird wenig angewandte Forschung betrieben, und die Verbindung zur

einheimischen Industrie fehlt praktisch ganz. Entweder besteht die Binnenindustrie aus

Tochtergesellschaften multinationaler Konzerne, die importierte Produkte vermarkten oder

die tatsächlich einheimische Industrie importiert die benötigte Technologie. Zwischen Uni-


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 62

versität und Industrie fehlt folglich die notwendige Beziehung: „ [...] industry does not access

the knowledge base, cannot assimilate results from basic or applied research, and is incapable

of independently performing research to solve problems or to develop new products

or processes.“ (Zilinskas 1995: 514)

Ein weiteres Fallbeispiel – die Analyse der Biotechnologieindustrie in Mexico – kommt zum

selben Schluss: „The lack of university-industry linkages may constitute a major obstacle to

such realisation, particularly in the case of BT (biotechnology, Anm. der Autorin), a sciencebased

industry.“ (Gonsen 1998: 123)

Mit den Beispielen Venezuela, Ägypten, Thailand und Mexico werden vier Fälle analysiert,

die durch die Netzwerkanalyse von Smith und White mindestens in der Semiperipherie 2

verortet werden (siehe Tabelle 4.1). Es handelt sich bei diesen Fällen, die mit Schwierigkeiten

im Bereich der biotechnischen Innovationen zu kämpfen haben, folglich nicht einmal um

eigentliche periphere Staaten. Es ist daher anzunehmen, dass die Widerstände in peripheren

Staaten noch höher sind.

5.5 Das technologische Potential

Die effiziente Kooperation zwischen Unternehmen und dem Staat scheint technischen Fortschritt

zu erleichtern. Jedes Land verfügt über ein eigenes technologisches Potential, welches

aufgrund des Zusammenspiels dieser beiden Akteure zustande kommt.

Der Begriff des technologischen Potentials kann durch das Technologiekonzept der Asian

Development Bank gefüllt werden (siehe Asian Development Bank 1995: 105). Dieses enthält

vier Komponenten:

1. Physische Anlagen: Werkzeuge, Ausrüstung, Maschinen, Instrumente usw.,

2. Menschliche Fähigkeiten: Qualifikationen, Kreativität und Erfahrung,

3. Dokumentierte Fakten: Bücher, Pläne, Anleitungen und

4. Organisatorische Rahmenbedingungen: z.B. Infrastruktur.

Die Asian Development Bank geht davon aus, dass der Begriff der Technologie ein

vielfältiges Konzept darstellt. Es dürfen nicht nur Indikatoren, die den offensichtlichen

Erfolg von technischen Innovationen messen (wie beispielsweise Patente) berücksichtigt

werden. Vielmehr braucht es für den technischen Erfolg ein Zusammenspiel sowohl von gut

ausgebildetem Humankapital, einer zugrundeliegenden Finanzierungsstruktur als auch von

einer vernetzten Infrastruktur, die die Kommunikation zwischen den Forschern

gewährleistet.

Aus der in den vorhergehenden Seiten dargestellten notwendigen Kooperation zwischen

Unternehmen und Staaten, deren Verhinderung durch Staatsklassen und dem fehlenden

Bindeglied zwischen Unternehmen und Universitäten in der Peripherie kann die Schlussfolgerung

gezogen werden, dass sich die technologischen Potentiale der Staaten im Zentrum -

Semiperipherie 1 - Semiperipherie 2 – Peripherie - Gefälle unterscheiden. Die nachfolgende

Abbildung 5 gibt einen Überblick über die unterschiedliche Höhe der staatlichen technologischen

Potentiale 45 von 36 Ländern. Tatsächlich zeigt sich eine gewisse Übereinstimmung

45 Operationalisiert wurde das technologische Potential anhand des Technologiekonzepts der Asian

Development Bank im Zeitraum um 1990. Der erste Punkt wurde mit 'Research und Development Ausgaben'

(Quelle: UNESCO 1992: (5-1) – (5-7) und United Nations 1990/1991: 822 - 826) operationalisiert, Punkt 2 mit

'Manpower' (Quelle: UNESCO 1992: (5-17) – (5-22), UNESCO 1994: (5-14) – (5-19) und UNESCO 1996: (5-5) –

(5-7)), Punkt 3 mit 'Patents to Residents' (Quelle: World Intellectual Property Organization 1990: ANHANG

(V) - (XV) und 1-8, World Intellectual Property Organization 1993: ANHANG (V) - (XVII) und 1-8) und Punkt


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 63

mit der Einteilung der Staaten gemäss der Blockmodellanalyse von Smith und White im Jahr

1980 (siehe Tabelle 4.1) und der Höhe der technologischen Potentiale (diese wurden um das

Jahr 1990 erhoben). Eine krasse Abweichung zeigen Brasilien und Venezuela, die von Smith

und White in der Semiperipherie 1 eingeteilt wurden, im Histogramm der

Technologieindizes aber einen vergleichsweise tiefen Rang einnehmen. Das kann durch den

unterschiedlichen Zeitpunkt der beiden Messungen erklärt werden: Zumindest Venezuela –

als Vertreter der rohstoffreichen Peripherie (Erdöl) – verlor seine starke Position in den

letzten Jahren.

4 mit 'Telephonhauptanschlüsse' (Quelle: Weltbank 1995: 250-251). Falls notwendig, wurden die einzelnen

Indikatoren in US-Dollar umgerechnet und durch die Bevölkerungszahlen normalisiert.

Alle vier Indikatoren wurden z-standardisiert und gleich gewichtet zu einem Technologieindex

aufsummiert. Negative Indizes erklären sich dadurch, dass die z-transformierten Werte negativ werden,

wenn der Wert unter dem Mittelwert des noch nicht transformierten Indikators lag. Die Berechnung des

Technologieindexes wurde im Rahmen eines soziologischen Forschungsprojektes mit dem Namen 'Vertikaler

Tausch und Technologisches Potential' von Baumeler und Dirr (1998) vorgenommen. Die einzelnen Werte

sind in Anhang 2 zu finden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 64

Abbildung 5: Histogramm der

technologischen Potentiale

Japan

Switzerland

Sweden

United States of America

Federal Rep. of Germany

France

Finland

Norway

Denmark

Netherlands

Canada

United Kingdom

Bulgaria

Austria

Australia

Belgium

New Zealand

Italy

Korea Rep. of

Ireland

Spain

Rumania

Hungary

Portugal

Poland

Turkey

Costa Rica

Chile

China

Brazil

Venezuela

Mauritius

Tunesia

Mexico

Egypt

Jamaica

Ecuador

Iran

El Salvador

Thailand

Vietnam

Guatemala

India

Pakistan

Burundi

Rwanda

-4 -2 0 2

Techindex

4 6 8 10

Quellen und Berechnung: Siehe vorangehende Fussnote.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 65

5.6 Zusammenfassung

Als Akteure im Bereich der Biotechnologie werden die Staaten und die multinationalen

Unternehmen genannt (Buttel und Kenney 1985; Smith 1993). Wichtig erscheint die Kooperation

zwischen beiden. Diese Kooperation funktioniert im Zentrum gut, während die

peripheren Staaten hier auf Widerstände stossen.

Die Theorien von Hartmut Elsenhans (Elsenhans 1977; Elsenhans 1987) über die Staatsinvestitionen

in peripherisierten Staaten und von Volker Bornschier und Bruno Trezzini zu

den Staatsinvestitionen in der rohstoffreichen Semiperipherie (Bornschier und Trezzini 1996)

zeigen, dass der rohstoffreiche Staat den technischen Fortschritt im Binnenraum

verschiedener (semi)peripherer Staaten behindern kann.

Die multinationalen Unternehmen dominieren die Biotechnologie-Industrie. Die Struktur

des Biotechnologiemarktes im Nahrungsmittelbereich wird als oligopolistisch bezeichnet

(Hobbelink 1991; Goodman et al. 1987): Auf der Angebotsseite sind nur wenige relativ grosse

Anbieter anzutreffen, die ihr Leitungssitzland im Zentrum haben. Die multinationalen

Unternehmen kooperieren mittels strategischen Allianzen (Hagedoorn und Schakenraad

1990). Daraus kann gefolgert werden, dass der technische Fortschritt in diesem Bereich

langsamer abläuft, da kooperierende Oligopole wettbewerbsverzerrend wirken. Es kann

angenommen werden, dass aufgrund dieser Konstellationen biotechnische

Rohstoffsubstitute langsamer entwickelt werden als bei erhöhtem Wettbewerb (Junne 1992).

Als Profitmotive bei der Entwicklung biotechnischer Rohstoffsubstitute gelten: Unabhängigkeit

von Marktpreisschwankungen und internen Entwicklungen der peripheren Staaten

und die Verwendung für die landwirtschaftliche Überschussproduktion des Zentrums

(Spangenberg 1992) und die angestrebte Handelsliberalisierung der WTO, aufgrund derer

einige Rohstoffpreise steigen sollten (Technikfolgenabschätzungsbüro des Deutschen

Bundestags 1995). Auch die Erwartung, dass der biotechnische Fortschritt Rohstoffsubstitute

günstiger macht, kann als Profitmotiv angeführt werden.

Die Kooperation zwischen Staat und einheimischen Unternehmen ist in (semi)peripheren

Staaten mit Problemen behaftet: Eine Fallanalyse der Biotechnologie in Ägypten, Thailand,

Venezuela (Zilinskas 1995) und Mexico (Gonsen 1998) zeigt, dass die Verbindung zwischen

den Universitäten und der Industrie fehlt, da die Industrie entweder aus Tochterfirmen

multinationaler Konzerne besteht, die hauptsächlich Produktvermarktungsaufgaben übernehmen

oder weil die einheimische Industrie die benötigte Technologie aus dem Ausland

bezieht.

Die erfolgreiche Kooperation zwischen Staaten und Unternehmen findet ihren Eingang in

ein nationales technologisches Potential. Es hat sich gezeigt, dass die Höhe des technologischen

Potentials mit der Entfernung vom Zentrum abnimmt.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 66

6. Fallbeispiel einer biotechnischen Rohstoffsubstitution

Zur Festlegung des Einflussbereichs von biotechnischen Rohstoffsubstitutionen erscheint es

mir hilfreich, eine bereits geschehene Substitution zu untersuchen. Die gutdokumentierte

Zuckersubstitution durch den High Fructose Corn Syrup HFCS, in die in den 1980er Jahren

nebst der USA und Japan, die den HFCS einführten, einige (semi)periphere

Zuckerlieferanten involviert waren, wird im folgenden unter Zuhilfenahme der Methode der

historischen Analogiebildung nachgezeichnet.

6.1 Die Zuckersubstitution durch den High Fructose Corn Syrup HFCS

Die technische Methode der Erzeugung von Süssstoffen aus Stärke durch den Gebrauch von

Enzymen wurde bereits anfangs dieses Jahrhunderts entwickelt, ist also nicht neu (OECD

1989: 86). Doch nur durch die Verbesserung dieser bekannten Enzymtechnik wurde es

möglich, kostengünstig und in grossen Mengen zu produzieren. Als eine der ersten bedeutenden

Anwendungen der Biotechnologien der zweiten Generation gilt die Produktion des

High Fructose Corn Syrup HFCS, der zu einem Substitut von Rüben- und Rohrzucker wurde

(Spangenberg 1992: 165 ff.). Mittels immobilisierten Enzymen gelang die Umwandlung von

Maisstärke in einen Zuckerersatz. Der HFCS wird heute hauptsächlich als Flüssigsüssstoff in

Erfrischungsgetränken eingesetzt, da die Produktion der kristallinen Form zu teuer ist. In

den USA verwenden mehr als 30 Unternehmen in der Getränkebranche den HFCS, so

beispielsweise Coca Cola, Pepsi Cola, 7-Up und Sunkist (Hobbelink 1988: 37).

Die globalen Zuckermärkte darf man sich auf keinen Fall als vollkommene Märkte vorstellen

(vgl. im folgenden mit Maskus 1989: 85 ff.). Sie werden politisch reguliert, beispielsweise

durch Handelsbarrieren und Produktionskontrollen. So verfügt die USA seit 1934 über ein

Zuckerimportquotensystem: Die Einfuhr von Zucker aus peripheren Staaten wurde mittels

Quoten kontingentiert. Das Importquotensystem wurde in den 1970er Jahren temporär

ausser Kraft gesetzt, da die Weltzuckerpreise stiegen. Nach dem Fall der Rohzuckerpreise

1981 und aufgrund des Drucks der einheimischen Zuckerproduzenten wurde das

protektionistische Importquotensystem wieder eingesetzt: „As a result, domestic sugar

prices have been far above world prices since 1982, with the price differential averaging 353

per cent and reaching a maximum of 776 per cent in June 1985.“ (Maskus 1989: 86)

Diese künstlich erhöhten Zuckerpreise im US-amerikanischen Binnenmarkt stellten einen

Anreiz für Substitutionsbestrebungen dar. Als Substitut bot sich Getreide an, da die USA als

weltgrösster Maishersteller über niedrige Inlandpreise verfügte. Der HFCS konnte auf der

Basis von Maisstärke günstiger als Zucker hergestellt werden. Die Nachfrage nach diesem

Zuckerersatz nahm stark zu: „In 1986, corn sweeteners accounted for 53 per cent of caloricsweetener

consumption in the United States, up from 32 per cent in 1980.“ (Maskus 1989: 88)

Diese Politik bewirkte, dass sich die Zuckerimporte der USA rapide verminderten.

Die USA vergab in den 1980er Jahren 41 Zuckerimportquoten. Die nachfolgende Tabelle 6

zeigt diejenigen Staaten, die von den USA Importquoten erhielten, und die jeweiligen

Importmengen, die zwischen 1982 und 1987 beträchtlich abnahmen. Die mengenmässig

grössten Rückgänge hatten diejenigen Länder zu verzeichnen, die die grössten Importquoten

aufwiesen: So fielen die brasilianischen Exporte in die USA von 368 200 auf 119 700 Tonnen

Zucker, die Exporte der Dominikanischen Republik von 447 000 auf 145 300 Tonnen und

diejenigen der Philippinen von 342 800 auf 130 400 Tonnen, also ungefähr um je zwei Drittel. .

Was von der US-Regierung vorderhand als protektionistische Massnahme zum Schutz der

einheimischen Zuckerproduzenten gedacht war, richtete sich gegen diese selbst und führte

zur Substitution von Zucker durch den preisgünstigeren HFCS. Weiter veränderte diese


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 67

Politik die Struktur des Zuckerweltmarktes, benachteiligte periphere Staaten und löste

Konflikte zwischen den beteiligten Akteuren aus. Diese vier Punkte zählt Maskus als Fazit

dieses US-amerikanischen Zuckerprogramms auf:

„[...] it has (i) encouraged the production of alternative sweeteners which threaten

American sugar producers, (ii) imposed punitive costs on developing-country sugar

exporters, (iii) spurred conflicts between the United States and its trading partners

and (iv) altered the structure of international relations in sugar trade.“ (Maskus 1989:

85)

Auch Japan beteiligte sich an der Zuckersubstitution durch den HFCS (Junne 1991: 361 f.).

Zwischen Ende der 1970er Jahre und Ende der 1980er Jahre verachtfachte sich Japans HFCS-

Produktion. Auch bei der Erzeugung dieser Substitution sind politische Motive ausschlaggebend.

So wird vermutet, dass der Import von US-amerikanischem Getreide den

politischen Vorteil hatte, den japanischen Zahlungsbilanzüberschuss gegenüber den USA zu

verringern, der ständig zu politischen Konflikten führte: ein politischer Druck, der von den

peripheren Staaten nicht ausgehen konnte. Die durch die japanische Zuckersubstitution am

meisten betroffenen Staaten waren Kuba, Thailand und einmal mehr die Philippinen,

während andere Staaten – wie beispielsweise Australien – über langfristige

Zuckerexportverträge mit Japan verfügten, die durch diese Substitution nicht tangiert

wurden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 68

Tabelle 6: Zuckerimportmengenveränderungen der USA in der Zeit der Zuckersubstitution durch den

HFCS

Staat

mit Zuckerimportquote

Quoten in %

quote

der Gesamt- Importmenge (in 1000 Tonnen)

1982/83 1986/87 1982/83 1986/87

Argentinien 4.3 4.3 109.2 35.5

Australien 8.3 8.3 210.7 68.5

Barbados 0.7 0.7 17.8 6.8

Belize 1.1 1.1 27.9 9.1

Bolivien 0.8 0.8 20.3 6.8

Brasilien 14.5 14.5 368.2 119.7

Costa Rica b 1.5 1.9 38.1 16

Dominikanische R. 17.6 17.6 447 145.3

Ecuador 1.1 1.1 27.9 9.1

El Salvador b 2.6 2.9 66 23.9

Elfenbeinküste 15 6.8

Fiji 0.7 2.8 17.8 22.9

Gabon a 11.3 6.8

Guatemala 4.8 4.8 121.9 39.6

Guyana 1.2 1.2 30.5 9.9

Haiti 15 6.8

Honduras b 1 1.7 25.4 14.4

Indien 0.8 0.8 20.3 6.8

Jamaica 1.1 1.1 27.9 9.1

Kanada 1.1 1.1 27.9 9.1

Kolumbien 2.4 2.4 61 19.8

Kongo a 15 6.8

Madagaskar 15 6.8

Malawi 0.7 1 17.8 8.3

Mauritius 1.1 1.2 27.9 9.9

Mexico 15 6.8

Mozambique 1.3 1.3 33 10.7

Nicaragua b 2.1 0 53.3 0

Panama 2.9 2.9 73.6 23.9

Papua Neu Guinea a 11.3 6.8

Paraguay 15 6.8

Peru 4.1 4.1 104.1 33.8

Philippinen 13.5 15.8 342.8 130.4

Simbabwe 1.2 1.2 30.5 9.9

St. Christopher-Nevis 15 6.8

Südafrika c 2.3 0 58.4 0

Swasiland 1.6 1.6 40.6 13.2


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 69

Taiwan 1.2 1.2 30.5 9.9

Thailand 1.4 1.4 35.6 11.5

Trinidad-Tobago 0.7 0.7 17.8 6.8

Uruguay a 15 6.8

Total 2621.8 908.6

Quelle: nach Maskus 1989: 90

Legende:

a Kongo und Uruguay bekamen die ersten Quoten 1983/1984 und Gabon und Papua Neu

Guinea 1984/85.

b Nicaraguas Quote wurde 1985 eliminiert und umverteilt auf Costa Rica, El Salvador und

Honduras.

c Südafrikas Quote wurde 1986 den Philippinen gegeben.

Die EU hingegen erliess HFCS-Produktionskontrollen, um ihre eigenen Zuckerproduzenten

zu protegieren. Auch hier ein politischer Beschluss, der diesmal eine Zuckersubstitution

durch den HFCS verhinderte.

Bei der Betrachtung dieses Fallbeispiels fällt auf, dass die Zuckersubstitution durch den

HFCS nicht in erster Linie durch profitlogisches Verhalten bestimmt war. Augenscheinlich

mussten zuerst politische Akteure Rahmenbedingungen schaffen, die eine biotechnische

Rohstoffsubstitution rentabel werden liessen. So ist zu betonen, dass erst die US-amerikanische

Zuckerpolitik mit ihrem protektionistischen Quotensystem und paradoxerweise das

erfolgreiche Lobbying der US-amerikanischen Zuckerproduzenten dazu geführt haben, dass

sich die Produktion des HFCS wegen den geringeren Herstellungskosten lohnte. Hätte die

USA den Rohzucker zum tieferen Weltmarktpreis im Binnenmarkt zugelassen, wäre diese

Substitution ausgeblieben. (Beispielsweise erlaubte Kanada den Einkauf des Rohzuckers zu

Weltmarktpreisen, die Zuckersubstitution durch den HFCS war folglich nicht profitabel und

blieb aus.) Auch die HFCS-Produktion Japans lässt sich politisch motiviert erklären, ebenso

wie die Entscheidung der EU, den HFCS Produktionskontrollen zu unterwerfen. Von

liberalisierten Weltmärkten und einer ökonomischen Zielen unterworfenen Entscheidungsfindung

kann in dieser Einflusssphäre nicht gesprochen werden, schon eher jedoch

von der politischen Durchsetzung von Partikulärinteressen.

Es wird heute davon ausgegangen, dass der durch die Entwicklung von HFCS ausgelöste

Substitutionsprozess abgeschlossen ist, da der Markt für den flüssigen HFCS in den USA

und Japan näherungsweise gesättigt ist (OECD 1989: 87). Nichtsdestotrotz wird der Zucker

weiterhin Substitutionsprozessen ausgesetzt sein. So verkündete die US-Firma Staly Continental

1987, dass sie eine Technik entwickelt habe, um eine kristalline Form des HFCS

herzustellen (Hobbelink 1991: 77). Weitere Substitutionen drohen auch durch kalorienarme

Süssstoffe wie Aspartam oder Thaumatin (siehe Tabelle 3).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 70

6.2 Alternativstrategien

Im folgenden werde ich mich mit den Alternativstrategien Brasiliens und der Philippinen

beschäftigen 46 . Wie haben diese beiden Staaten, die stark von der Zuckersubstitution durch

den HFCS betroffen waren, reagiert? Konnten sie ihren Rohzucker anderweitig verwenden

oder mussten sie die Zuckerproduktion verringern? Mit Brasilien und den Philippinen

werden absichtlich zwei Staaten gewählt, die auf unterschiedlichen Ebenen in das

Weltsystem integriert und auf unterschiedliche Weise mit diesem Problem umgegangen

sind.

6.2.1 Brasilien

Brasilien startete bereits 1975 das biotechnische Programm „Proálcool“, in dem Ethanol als

alternativer Brennstoff zu Erdöl hergestellt wurde. Ethanol kann aus Zucker, Stärke oder

Zellulose unter verschiedenen Schwierigkeitsgraden hergestellt werden. Zuckerenthaltende

Biomasse, wie beispielsweise Zuckerrohr, kann direkt umgewandelt werden, während die

Verwendung von Mais oder Cassava schwieriger ist (Biotechnology and Development

Monitor 1990 Nr. 2: 11).

Die Produktion von Ethanol war als Alternativstrategie geplant, da die internationalen

Erdölpreise Mitte der 1970er Jahre stark anstiegen. Die gleichzeitige Krise auf den

internationalen Zuckerrohrmärkten gekoppelt mit dem Versprechen der brasilianischen

Regierung, den gewonnenen Alkohol und den produzierten einheimischen Zucker zu einem

Preis einzukaufen, der über den Herstellungskosten lag, überzeugte die brasilianischen

Zuckerproduzenten, in den Alkoholmarkt einzusteigen (Galhardi 1994: 395). Zudem stimmte

die brasilianische Automobilindustrie, die sich aus Ablegern US-amerikanischer und

europäischer Unternehmen (unter anderem Volkswagen und Ford) zusammensetzte, zu, die

brasilianischen Autos mit Motoren zu bauen, die auf der Basis von Ethanol fuhren. Ab 1979

strebte die brasilianische Regierung die vollständige Substitution von Benzin durch Ethanol

an.

Die US-amerikanische Zuckersubstitution durch den HFCS fiel in eine Zeit, in der sich

Brasilien mit Schwierigkeiten konfrontiert sah, genug Zucker für das Ethanolprogramm und

für die Zuckerexportverpflichtungen zu produzieren, so dass die Einführung des HFCS

durch die USA in Brasilien keine offensichtlich negativen Auswirkungen zeigte (Junne 1991: 362).

Obwohl das brasilianische Ethanolprogramm zweifelsohne Arbeitsplätze schuf (Galhardi

1995: 654), die Zuckersubstitution durch den HFCS auffangen konnte und zudem bei der

Anwendung umweltfreundlicher als Erdöl ist, wurde es von vielen Seiten kritisiert. Da die

Zuckerpreise 1989 wieder anstiegen 47 , während die Erdölpreise tief blieben, lohnte sich die

Erdölsubstitution durch Ethanol ökonomisch nicht mehr (Biotechnology and Development

46 Das dritte Land, das eine grosse Zuckerexportmenge aufgrund der Zuckersubstitution durch den HFCS

eingebüsst hat, ist die Dominikanische Republik. Gemäss der Tabelle 6.1 fielen die Zuckerexporte in die USA

um rund zwei Drittel innerhalb von vier Jahren. Die Dominikanische Republik müsste durch diesen Verlust

stark getroffen worden sein, betrug ihr Zuckerexportanteil doch teilweise über 50% (Junne 1991: 362). Leider

war es nicht möglich, Unterlagen über die Auswirkungen des HFCS auf die Dominikanische Republik und

ihre Alternativstrategie zu finden, so dass sich die Alternativstrategiediskussion nur auf Brasilien und die

Philippinen beschränkt.

47 Da der Rohzuckerpreis in den 80er Jahren so tief war, dass die Weltmarktpreise die Produktionskosten nicht

mehr deckten, stagnierte die Weltproduktion. Der Verbrauch hingegen stieg weiter an, hauptsächlich bedingt

durch die höhere Nachfrage der Entwicklungländer. Als die Zuckervorräte kontinuierlich abgebaut wurden,

stieg der Rohzuckerpreis wieder an und erreichte 1990 einen neuen Höchststand (Egger/Rieder/Clemenz

1992: 92).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 71

Monitor 1990 Nr. 2: 10). Negative Effekte der Ethanolproduktion waren ökologischer Natur.

Diese entstanden aufgrund der grossen Monokulturen und dem bei der Herstellung von

Ethanol stark belasteten Abwasser (Spangenberg 1992: 175 ff.) Ausserdem liegen die

Zuckerrohrfelder im Nordosten Brasiliens, wo allgemein Unterernährung herrscht und

Subsistenzwirtschaft durch den Zuckerrohranbau verunmöglicht wird. José Lutzenberger,

ehemaliger Umweltminister Brasiliens, fasst den Erfolg des Ethanolprogramms

folgendermassen zusammen:

„Das Alkoholprogramm hat zu grossen sozialen Problemen geführt, auch oder

gerade weil es, rein technologisch gesehen, ein Erfolg war. Wir fahren heute zu

siebzig Prozent Autos, deren Kraftstoff zu dreissig Prozent aus Alkohol besteht. Der

einzige Vorteil ist, dass wir kein Blei mehr im Benzin haben. Aber die Ausweitung

des Zuckerrohranbaus hat dazu geführt, dass ganze Landschaften z. B. im Staat Sao

Paulo, wo früher eine einigermassen überlebensfähige Kleinbauernwirtschaft

bestand, nur noch Ozeane von Zuckerrohr sind.[...]So gesehen, ist das

Alkoholprogramm eine Kalamität. Es ist einer der Gründe, warum heute im

Amazonasgebiet soviel Urwald gerodet wird, denn es hat viele Menschen bodenlos

gemacht.“ (José Lutzenberger zit. nach Spangenberg 1992: 177/178)

6.2.2 Die Philippinen

Die Philippinen waren durch die Zuckersubstitution besonders betroffen, da sie Rohzucker

sowohl in die USA als auch nach Japan exportierten. Der Anteil der Zuckerexporte am

Exporteinkommen, der während vielen Jahren ein Viertel betrug, sank 1988 auf ein Prozent

(Biotechnology and Development Monitor 1990 Nr. 2: 3-4). Als durch diese Substitution

besonders stark betroffene Region gilt die Zuckerinsel Negros: Diese beheimatet rund 60 %

der philippinischen Zuckerproduktion.

Die Krise auf der Zuckerinsel Negros begann aufgrund des Sinkens der Weltzuckerpreise

bereits 1976. Sie verschlimmerte sich in den 1980er Jahren aufgrund der steigenden Produktion

von HFCS. Seit den 1970er Jahren besass die philippinische Regierung das Zuckermonopol

im eigenen Land. Durch die Verminderung der US-Zuckerimportmenge fehlten

der philippinischen Regierung Devisen, um das monopolhaltende Unternehmen Nasutra

(National Sugar Trade Corporation) finanziell zu unterstützen. Die Nasutra wurde 1986

geschlossen, ohne dass sie die Bauern für die Zuckerlieferungen des Jahres 1984/1985

entschädigen konnte.

Viele Zuckerproduzenten konnten ihre Schulden nicht bezahlen, keine neuen Kredite

aufnehmen und mussten ihre Produktion reduzieren. 250'000 Zuckerarbeiter wurden

arbeitslos. Diejenigen Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz behielten, mussten eine noch

drastischere Unterschreitung der Mindestlöhne hinnehmen.

Die Zuckerkrise auf Negros gilt als ein Faktor, der die sozialen Konflikte und den Zulauf zu

der Guerilla der NPA (New People's Army), die in kriegerischen Konflikten mit den Regierungstruppen

standen, verstärkten. Weiter stieg die Landflucht, hauptsächlich in das Gebiet

der Provinzhauptstadt Bacolod, wo die Migranten in vorübergehenden Behausungen

wohnten.

Nebst all diesen negativen Effekten gab die Zuckerkrise ebenfalls den Anstoss zu positiven

Veränderungen. So wurde die Zuckermonokultur 48 zugunsten anderer Pflanzen aufgegeben,

48 Monokulturen, die durch die Grüne Revolution begünstigt wurden, weisen verschiedene Nachteile auf. So

werden heute Felder mit nicht mehr mit heterogenen Pflanzen bebaut, die in ihrer Wechselwirkung für ein

ausbalanciertes System sorgen: „In the Green Revolution's focus on single commodity output, such balances


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 72

beispielsweise für Reis und Getreide, Baumwolle und schwarzen Pfeffer und ausserdem für

die Garnelenzucht. Forderungen nach einer Landreform im Bereich der Zuckerplantagen

wurden laut. Die Konzeption der Landreform blieb jedoch nur halbherzig und würde, falls

man sie jemals einführte, weniger als 10% des Agrarlandes betreffen.

Alle diese Anzeichen positiver Veränderungen wurden Ende der 1980er Jahre jäh gestoppt.

Als der Zuckerpreis erneut anstieg, kehrten viele ehemalige Zuckerproduzenten wieder zum

Zuckeranbau und damit zur Monokultur zurück. Obwohl es möglich gewesen wäre,

aufgrund der Zuckerkrise weg von der Monokultur und hin zu breiterer Diversifikation zu

gelangen, wurde dieses Ziel aufgrund ungünstiger politischer und sozialer

Rahmenbedingungen nicht erreicht. Erhoffte langzeitige Veränderungen stellten sich nicht

ein.

6.3 Zusammenfassung

Obwohl das Fallbeispiel der Zuckersubstitution durch den HFCS historisch einzigartig ist

und gemäss der Prämisse der Methode der historischen Analogiebildung nicht davon

ausgegangen werden darf, dass alle folgenden Substitutionen ähnlich verlaufen werden,

können – so meine ich – aus diesem Fallbeispiel doch verallgemeinerbare Annahmen

abgeleitet werden.

So zeigte sich, dass die Zuckersubstitution durch den HFCS durch politische Entscheide und

aufgrund des Lobbyings partikulärer Gruppen überhaupt geformt und ermöglicht wurde:

Hätte die USA ihr Zuckerquotensystem nicht eingeführt, hätte sich eine Zuckersubstitution

durch den HFCS ökonomisch nicht gelohnt. Dasselbe in Europa: Hätte die EU nicht

Produktionskontrollen für den HFCS erlassen, hätte die Zuckersubstitution auch innerhalb

der EU stattgefunden.

Hier lässt sich an der Diskussion 'Technikfolgen und die Logiken ihrer Erzeugung' in Kapitel

1 anknüpfen: Eine Erfindung wird nicht dann zur Innovation im schumpeterschen Sinne,

wenn sie im Vergleich zu jeder anderen Erfindung effizienter ist, sondern wenn bestimmte

Rahmenbedingungen die Rentabilität dieser Erfindung herstellen. Obwohl die Anwendung

des HFCS der Logik der ökonomischen Verwertung folgte, waren ökonomische Motive nicht

ausschlaggebend für die Entwicklung dieser Technik. Die Möglichkeit zur ökonomischen

Verwertung musste zuerst durch politische Regelungen, die sich den Forderungen von

machtvollen Akteuren beugten, erzeugt werden. In erster Linie folgte so die Durchsetzung

des HFCS der Logik der Herrschaft. Die Rentabilität einer Technik darf deshalb auch nicht in

dem Sinne verstanden werden, dass allein das ökonomische System quasi naturgesetzlich

über sie entscheidet, vielmehr werden auch Rentabilität und Profitmöglichkeiten durch

soziale Akteure erzeugt, die sich im politischen Prozess aufgrund ihrer

Ressourcenausstattung unterschiedlich durchsetzen können.

Hier kann deshalb auch nicht von einem Technikdeterminismus gesprochen werden, der

Eigenlogik des technischen Fortschritts muss widersprochen werden. Eine neue Technologie

löst nicht an sich schon gesellschaftliche Veränderungen aus, vielmehr entscheiden politische

und ökonomische Akteure über ihre Verwendung. Die Variable 'politische

Rahmenbedingung' muss berücksichtigt werden. Gerd Junne fasst die Interaktion zwischen

politischen und ökonomischen Akteuren und der Biotechnologie folgendermassen

zusammen:

„Biotechnology has no direct impact on commodity trade. The influence is always

mediated by economic and political variables, such as the strategies of large com-

systems are disturbed, resulting in productivity collapses, soil degradation and over-exploitation of water and

mineral resources.“ (Hobbelink 1991: 14)


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 73

panies that organize the international division of labour, and political decisions of

governments which set the parameters for world trade. Political decisions can push

as well as delay substitution processes.“ (Junne 1991: 364)

Brasilien und die Philippinen reagierten auf unterschiedliche Weise auf die USamerikanische

Zuckersubstitution durch den HFCS. Während Brasilien bereits in den 1970er

Jahren ein eigenes biotechnisches Programm zur Ethanolgewinnung namens „Proálcool“

initiiert hatte und deshalb der überflüssige Rohrzucker nur eine andere Verwendung fand,

konnten die Philippinen keine sofortige Alternativstrategie entwickeln, da ihnen dazu die

notwendigen Ressourcen fehlten. Im Gegensatz zu Brasilien löste die biotechnische

Zuckersubstitution in den Philippinen direkte soziale Spannungen aus und erzeugte

vermehrt Arbeitslosigkeit. Sie gab auch den Anstoss zu einem eigentlich erfreulichen

Wandel weg von der Monokultur, der jedoch, sobald die Zuckerpreise wieder anstiegen,

rückgängig gemacht wurde. Brasilien konnte dank der eigenen bereits vorhandenen

Bioindustrie mit dem exogenen Schock der sinkenden Zuckernachfrage besser umgehen als

die Philippinen, obwohl im ganzen gesehen auch das brasilianische Ethanolprogramm an

vielen Stellen kritisierbar ist.

Hier ist es schwieriger, verallgemeinerbare Aussagen abzuleiten, da nur zu zwei Staaten

Informationen erhältlich sind. Trotzdem formuliere ich aufgrund dieser Fallbeispiele eine

allgemeine Aussage, die jedoch mit der Analyse weiterer Staaten, die durch Substitutionen

betroffen sind, überprüft werden müsste: Es ist anzunehmen, dass ein (semi)peripherer Staat, der

bereits über eine vorhandene Bioindustrie verfügt (im Fallbeispiel Brasilien), exogene, durch

biotechnische Rohstoffsubstitutionen ausgelöste Nachfrageschocks einfacher auffangen kann als ein

(semi)peripherer Staat (im Fallbeispiel die Philippinen), der aufgrund mangelnder technischer

Ressourcen keine Alternativstrategie entwickeln kann.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 74

7. Die Szenariogestaltung

In den vorhergegangenen Kapiteln wurden relevante Punkte diskutiert, die bei der

Abschätzung möglicher Weltsystemstrukturveränderungen durch die Einführung von

biotechnischen Rohstoffsubstituten beachtet werden müssen. In diesem Kapitel folgt nun die

Szenariogestaltung. Anhand von verschiedenen alternativen Szenarien soll das plausibelste

Szenario als Prognose formuliert werden.

7.1 Die Szenariotechnik als Methode der Zukunftsforschung

Das Szenario befasst sich mit der „Aufzeichnung der möglichen episodischen Abfolge von

Ereignissen eines besonders interessierenden Systemaspekts“ (Gabler 1997: 3700) und konstruiert

damit hypothetische Sequenzen von Ereignissen:

„Die Szenario-Technik ist eine Methode, mit deren Hilfe isolierte Vorstellungen über

positive und negative Veränderungen einzelner Entwicklungsfaktoren in der

Zukunft zu umfassenden Bildern und Modellen, d.h. möglichen und wahrscheinlichen

„Zukünften“, zusammengefasst werden und die sowohl sinnlich als auch

intellektuell nachvollziehbar, d.h. „kommunikabel“ sind.“ (Weinbrenner 1998: 1)

Die Szenariotechnik agiert als eine „Wenn-Dann-Konstruktion“: zu Beginn jedes Szenarios

wird eine Hypothese formuliert, die den folgenden szenarischen Ereignissen zugrundeliegt.

Die Methode der Szenariotechnik stammt ursprünglich aus der Zukunftsforschung: erste

Verwendungsbereiche lassen sich in den 1950er und 1960er Jahren in den USA innerhalb der

militärischen Planung (Atomwaffen-Szenarien) und in der Planung von Unternehmensstrategien

finden (Sträter 1988: 421). Während die Anwendung der Szenariotechnik in

weitere Bereiche diffundierte (zum Beispiel Politologie und Raumplanung), ist sie in der

Soziologie weitgehend unbekannt geblieben. Die Szenario-Technik wird insbesondere bei

langfristigen Zeitspannen eingesetzt, in denen ceteris paribus-Bedingungen zu

unwahrscheinlich werden und der Unsicherheitsgrad hoch ist.

Eigentliche Gütekriterien, nach denen die einzelnen Szenarien beurteilt werden, gibt es nicht

(Missler-Behr 1995: 44). Oberstes Gebot ist, dass die Argumentation bei der Gestaltung und

Bewertung der Szenarien plausibel und nachvollziehbar ist.

Unterschieden wird zwischen normativen und explorativen Szenariotechniken. Die

normative Szenariogestaltung soll gegebene Ziele erreichen, während die explorative

mögliche Auswirkungen wertneutral beschreiben soll. Als eine deskriptiv-explorative

Szenariotechnik gilt die vorliegende (Gabler 1997: 3701), da sie sich aufgrund gegebener

Ursachen die Frage nach erwartbaren Wirkungen stellt. In explorativen Studien werden

meist kontingente Entwicklungspfade gedacht, die zwischen einem Status quo-Szenario und

Alternativszenarien unterscheiden. Häufig wird ein optimistisches und ein pessimistisches

Szenario entworfen. Das 'wahrscheinlichste' Szenario dient als Prognose (Segner 1976: 8).

Die Szenariotechnik kann sowohl quantitativ als auch qualitativ vorgenommen werden. In

der vorliegenden Szenario-Gestaltung handelt es sich um eine 'qualitative Simulation': mit

den in den vorhergegangenen Kapiteln gefundenen relevanten Bezugspunkten (Bausteine)

werden im folgenden Ereignisketten konstruiert, die plausibel und für die Lesenden

nachvollziehbar sein sollen.

In diesem Kapitel werden Globalszenarien folglich aufgrund einer qualitativen, deskriptivexplorativen

Szenariotechnik gebildet. Das Globalszenario liegt auf der komplexen Betrachtungsebene,

die die Welt zum Bezugspunkt hat und dementsprechend stark komplexitätsreduzierend

arbeitet. Als wohl berühmtestes Beispiel eines Globalszenarios gilt die 1972


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 75

vorgelegte Studie „Grenzen des Wachstums“ des Clubs of Rome (siehe Meadows/Meadows/Zahn/Milling

1994).

Gegenüber der Szenario-Technik wurden sporadisch Vorwürfe mangelnder Wissenschaftlichkeit

erhoben (Sträter 1988: 419). Diese Vorwürfe erfolgten meist auf dem

Hintergrund eines Verständnisses von Wissenschaft, das die Quantifizierbarkeit zukünftiger

Geschehnisse – sprich: die traditionelle Futurometrie – in den Vordergrund rückte. Als

übliche quantitative Prognoseverfahren gelten Trendextrapolationen, Korrelationen und

Regressionen, die auf dem Hintergrund von ceteris paribus-Bedingungen die Zukunft

modellieren. Ein Anliegen der Szenariotechnik ist hingegen gerade das Aufgeben der ceteris

paribus-Bedingungen und die Änderung der Rahmenbedingungen (Segner 1976: 12). Die

Szenario-Methode stellt die Möglichkeit dar, „gegenüber den „traditionellen“,

quantifizierenden Analyse- und Prognosemethoden die gegenwärtige und zukünftige(n)

Wirklichkeit(en) zutreffender, differenzierter und umfassender – wenn auch insgesamt

spekulativer – zu beschreiben und abzubilden.“ (Sträter 1988: 419)

7.2 Relevante Bausteine

Kurz zusammengefasst werden nochmals die wichtigsten Bausteine aus den vergangenen

Kapiteln aufgelistet, mit denen die nachfolgenden Szenarien gestaltet werden:

• durch die substitutiven Biotechniken (Enzymtechniken, Gewebekulturtechniken und

die Produktion der einzelligen Proteine) werden folgende Produktegruppen tangiert:

1) Tierfutterbestandteile (Erdnussmehl, Fischmehl, Sojabohnen), 2) Pflanzenöle (mit

Kakao und Kakaobutter), 3) Zucker und Thaumatin, 4) Kaffee, 5) Gummiarabikum

und Kautschuk, 6) Vanille und 7) Pyrethrum (Kapitel 3).

• Zwei unterschiedliche Substitutionsprozesse werden erwartet: eine direkte

Substitution urch die Enzymtechniken und die einzelligen Proteine und eine indirekte

Substitution durch den Verdrängungswettbewerb beim Einsatz der

Gewebekulturtechnik (Kapitel 3).

• Die Weltsystemstruktur zeichnet sich durch Handelsasymmetrien aus. Durch den

Prozess der Globalisierung erfolgte in den letzten Jahren eine Zunahme des Handels

und der Auslanddirektinvestitionen im Zentrum und in einigen wenigen

Schwellenländern (Kapitel 4).

• Die WTO als Agentin des Freihandels innerhalb der politischen Globalisierung

schafft zwei relevante Rahmenbedingungen: steigen aufgrund des Agrarabkommens

des GATT die Agrarpreise, werden Reizsignale zugunsten von Substitutionen

ausgesendet. Diese werden zudem durch das TRIPS-Abkommen verstärkt, das

einen weltweiten Monopolschutz mittels Patenten garantiert (Kapitel 4).

• Der Staat im Zentrum verfügt dank der erfolgreichen Kooperation mit den

Unternehmen über ein hohes Technologiepotential. Die Eigenlogik des peripheren

Staats (Staatsklassenkonzept) und mangelnde Kooperationen mit Unternehmen

führen zu einem niedrigeren Technologiepotential in den rohstoffreichen

(semi)peripheren Staaten (Kapitel 5).

• Die kooperativ oligopolistische Struktur der Biotechindustrie wird durch

multinationale Unternehmen dominiert (Kapitel 5).

• Es herrscht kein Technikdeterminismus: politische und ökonomische Akteure

bestimmen über die Verwendung der neuen Technik (Kapitel 6).

• Es ist anzunehmen, dass ein (semi)peripherer Staat, der bereits über eine vorhandene

Bioindustrie verfügt, exogene, durch biotechnische Rohstoffsubstitutionen ausgelöste


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 76

Nachfrageschocks einfacher auffangen kann als ein (semi)peripherer Staat, der

aufgrund mangelnder technischer Ressourcen keine Alternativstrategie entwickeln

kann (Kapitel 6).

7.3 Vier Szenarien: Die Diskussion der Marginalisierung im Weltsystem

Im folgenden werden vier Szenarien entworfen. Diese vier Szenarien diskutieren mögliche

Veränderungen der Weltsystemstruktur. Im Zentrum steht die Frage, ob durch biotechnische

Rohstoffsubstitutionen weitere Länder in die marginalisierte Zone der 'Vierten Welt'

absteigen werden. Unter dem Begriff der Marginalisierung wird im folgenden

Randständigkeit im Weltsystem insofern verstanden, dass die Staaten nicht mehr durch

Exportströme in die Weltwirtschaft eingebunden sind.

Bei der Bewertung der Marginalisierung stellt sich die Frage, wieso sie im Weltsystem als

ungünstig angesehen wird. Gerade Dependenztheoretiker (u.a. Samir Amin und Dieter

Senghaas) forderten seit den 1970er Jahren die Abkoppelung peripherer Staaten von der

Weltwirtschaft (vgl. im folgenden mit Menzel 1992: 155ff.). Da die Ansicht der Dependenztheoretiker

beinhaltete, dass die Probleme peripherer Staaten extern, also aufgrund ihrer

Einbindung in die Weltwirtschaft verursacht werden, lag die Forderung nach Abkoppelung

nahe. In einer eigenständigen Entwicklung und somit losgelöst von äusseren

Abhängigkeiten sollten periphere Staaten eine eigene Industrie aufbauen:

„Dabei sei dem Rückgriff auf traditionelle oder selbstentwickelte einfache

(angepasste) Technologien der Vorrang gegenüber dem Import moderner Grosstechnologien

einzuräumen, um die im Sinne einer eigenständigen Entwicklung für

notwendig erachteten Lernschritte durch die Mobilisierung der eigenen Kreativität

statt durch Nachahmung zu vollziehen.“ (Menzel 1992: 156)

Effektiv entkoppelt haben sich nur einige wenige Länder: so China, Nordkorea, Albanien,

Myanmar (ehemals Burma) und Kambodscha. Bei der Betrachtung dieser Länder ist

ersichtlich, dass die Abkoppelung nicht den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung brachte.

Ein weiteres Problem: Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Abkoppelung ging auch die

politische Isolierung. Seit Ende der 1970er Jahre kehrte allen voran China zu einer Strategie

zurück, die mittels einer teilweisen Modernisierung à la westlichem Vorbild zu einer

grösseren wirtschaftlichen Entwicklung fand.

Weiter muss betont werden, dass die Länder der heutigen 'Vierten Welt' (hauptsächlich Sub-

Sahara Staaten) sich ihre Abkoppelung aus der Weltwirtschaft nicht gesucht haben, sondern

dass sie aufgrund ihres Unvermögens, eigene Produkte auf den Weltmärkten zu handeln,

aus dem Weltsystem ausgeschieden und damit auch politisch isoliert wurden. Im Zeitalter

der Globalisierung und deren Imperativ zur notwendigen Einbindung in internationale

Netzwerke hat Marginalsierung heute nicht mehr viel mit Eigenbestimmung zu tun.

Vielmehr wird marginalisiert, wer nicht marktgängig ist und nichts Interessantes anzubieten

hat.

Die Begriff der LLDCs (Least Developed Countries) gilt als Synonym der 'Vierten Welt' (vgl.

im folgenden mit Nohlen 1998: 468). Die Einteilung gewisser Staaten als LLDCs durch die

UNO zeigt denn auch, dass sich die Länder der 'Vierten Welt' durch Unterentwicklung

auszeichnen. So werden nur diejenigen Staaten der 'Vierten Welt' zugeteilt, die ein geringes

Bruttoinlandprodukt pro Kopf, eine geringe Lebenserwartung, einen ungenügenden

Kalorienverbrauch pro Kopf, eine kleine Einschulungs- und Alphabetisierungsrate, einen

geringen Industrie-Anteil am BIP und eine kleine wirtschaftliche Exportorientierung

aufweisen. 1995 erhielten 45 – vor allem afrikanische – Länder den LLDC-Status.

Die nachfolgende Szenariogestaltung thematisiert die potentielle (Teil)marginalisierung der

Semiperipherie 2 und der Peripherie 1 durch die Einführung von biotechnischen Rohstoff-


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 77

substituten auf den Weltmärkten. Es wird folgendermassen vorgegangen: Am Anfang jedes

Szenarios wird eine Hypothese aufgestellt, die als Voraussetzung der nachfolgenden

Ereignisketten gilt. Die vermuteten Weltsystemstrukturveränderungen werden anhand des

idealtypischen globalisierten Weltsystemmodells (siehe Abbildung 4.2) graphisch dargestellt.

Abschliessend werden die skizzierten Szenarien evaluiert und bezüglich ihrer Plausibilität

bewertet. Die Abbildung 7.1 gibt anhand eines Zukunftstrichters eine Übersicht über die vier

nachfolgenden Szenarien.

Abbildung 7.1: Übersicht über die vier Szenarien

Gegenwart

7.3.1 Szenario 1: Status quo

Zukunft

Szenario 1: Status quo

(optimistisches Szenario)

Szenario 2: Marginalisierung der

Semiperipherie und Peripherie

(pessimistisches Szenario)

Szenario 3: Teilmarginalisierung

der Semiperipherie und Peripherie

(Alternativszenario)

Szenario 4: Teilmarginalisierung de

Peripherie

(Alternativszenario)

Die diesem 'optimistischen' Szenario zugrundeliegende Hypothese lautet: Biotechnische

Rohstoffsubstitute sind im allgemeinen unrentabel und werden unrentabel bleiben. Als Folge dieser

Hypothese bleibt das idealtypische globalisierte Weltsystemmodell unverändert (siehe die

nachfolgende Abbildung 7.2).

Dieses Szenario gilt als Trend- oder Status quo-Szenario: es schreibt die Vergangenheit linear

in die Zukunft fort. Angenommen wird, dass es sich für (multinationale) Unternehmen auch

in Zukunft nicht lohnen wird, biotechnische Rohstoffsubstitute in grossen Mengen zu

entwickeln, da traditionelle Anbaumethoden günstiger bleiben. Das

Technikfolgenabschätzungsbüro des Deutschen Bundestags formuliert diese Prämisse

folgendermassen:

„Hauptvoraussetzung für den breiten Einsatz von Substituten ist [...] ihre Rentabilität.

Diese ist zur Zeit bei vielen technisch bereits verfügbaren Substituten bzw.

Substitutionsverfahren noch nicht gegeben, und es ist fraglich, ob sie bei anhaltend

niedrigen Herstellungskosten für die entsprechenden natürlichen Rohstoffe in

absehbarer Zeit erreicht werden kann.“ (Technikfolgenabschätzungsbüro des

Deutschen Bundestags 1995: 3)


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 78

Abbildung 7.2: Szenario 1: Status quo

Semiperipherie 1

Zentrum

Semiperipherie 2

Peripherie 1 Peripherie 2

Legende:

marginalisierte

Zone

Exporte von kapitalintensiven verarbeiteten Gütern

Exporte von einfach verarbeiteten Gütern

Exporte von Rohstoffen (mit Ausnahme von

hochindustrialisierten, kapitalintensiven Rohstoffen)

BSP pro Kopf hoch

BSP pro Kopf tief

Das Status quo-Szenario verneint, dass das 'Agreement on Agriculture' des GATT und die

daraus erwarteten Rohstoffpreissteigerungen Anreize zu Rohstoffsubstitutionen geben.

Auch die Entwicklung verbesserter Biotechniken, die den Preis der Substitute senken

könnten, wird als unwahrscheinlich angesehen. Als weitere unsichere Variable kann die

soziale Akzeptanz der Konsumenten genannt werden: Stossen biotechnologisch produzierte

Produkte auf die Ablehnung der Konsumenten, so wird das kommerzielle Interesse der

Firmen eingeschränkt, da kein garantierter Absatzmarkt vorhanden ist: biotechnische

Rohstoffsubstitute bleiben unrentabel.

Dass vereinzelt Rohstoffsubstitutionen trotzdem stattfinden könnten, wird gemäss des

Status quo-Szenarios von spezifischen, nicht verallgemeinerbaren politischen

Konstellationen abhängen, wie sie beispielsweise bei der Zuckersubstitution durch den High

Fructose Corn Syrup HFCS in den USA und in Japan vorlagen. Die aufgrund dieses

Szenarios nur sporadisch auftretenden Substitutionen führen zu keiner

(Teil)Marginalisierung weiterer Weltsystemebenen: Die 'Vierte Welt' bleibt weiterhin als

einzige aussen vor.

Es stellt sich die Frage nach der Plausibilitätt dieses Szenarios. Aufgrund der Beschreibung

des Machtgefälles innerhalb der WTO (vgl. mit Senti 1998) ist es durchaus vorstellbar, dass

industrialisierte Staaten weiterhin Exportsubventionen auf Agrarrohstoffe leisten, da sie

mittels Handelsboykotten der (semi)peripheren Staaten nicht sanktioniert werden können.

Auch ist es möglich, dass die Forschung an biotechnischen Rohstoffsubstituten aufgrund der

momentanen mangelnden Rentabilität eingestellt wird, was die Erzeugung von

kostengünstigeren biotechnischen Prozessinnovationen verhindern würde. Ebenfalls könnte

die soziale Akzeptanz der Konsumenten bei einer grösseren Havarie im Biotechbereich

abnehmen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 79

Trotzdem scheint dieses Status quo-Szenario realitätsfern, sind doch zu viele Umbrüche

gerade in letzter Zeit – beispielsweise in der WTO 1994 – geplant worden, denen nicht im

allgemeinen Missachtung unterstellt werden kann. Die soziale Akzeptanz, so zeigen

Umfragen, ist bei biotechnischen Eingriffen an Pflanzen grösser als bei höheren Lebewesen

(Rieder und Anwander Phan-huy 1998: 91), so dass keine absolute Konsumentenablehnung

von biotechnisch veränderten Rohstoffen erwartet werden kann. Auch ist darauf

hinzuweisen, dass gewisse Unternehmen seit den 70er Jahren an biotechnischen

Rohstoffsubstituten forschen, obwohl eine Rentabilität vorrangig nicht gewährleistet ist.

Weiter ist zu bedenken, dass die dokumentierten Rohstoffsubstitute in Anhang 1 nicht der

Gesamtheit entsprechen: es ist aufgrund des Forschungsgeheimnisses der Unternehmen mit

einer grossen Dunkelziffer zu rechnen. Werden geeignete politische Rahmenbedingungen

vorgegeben oder mittels Lobbying geschaffen, so ist glaubhaft, dass diese Unternehmen

versuchen werden, ihre Forschungs- und Entwicklungskosten zu amortisieren und die

biotechnischen Rohstoffsubstitute zu vermarkten.

Trotzdem ist darauf hinzuweisen, dass sich die Ablehnung des Status quo-Szenarios auf hoch

spekulativem Boden befindet. Obwohl eine Reihe von Rohstoffsubstitutionen (zum Beispiel

die Zuckersubstitution durch den HFCS oder durch Aspartam) bereits stattfand, ist eine

breitere Substitution abhängig von ihrer Rentabilität sowie von politischen Faktoren, welche

unvermutet eintreffen und Substitutionen generieren oder verhindern können. Zudem ist

der Zeitrahmen relativ langfristig gesetzt – bei gewissen Techniken wie bei der Anwendung

der Gewebekulturtechnik beim Kakao werden erste Ergebnisse erst in 20-30 Jahren erwartet

(Braunschweig/Gotsch 1998: 41) – so dass Prognosen sowieso sehr spekulativ ausfallen

müssen.

7.3.2 Szenario 2: Marginalisierung der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1

Das genaue Gegenteil zum Status quo-Szenario bildet Szenario 2. Die diesem Szenario

zugrundeliegende Hypothese lautet: Biotechnische Rohstoffsubstitute sind rentabel. Zudem

werden zukünftig weitere Rohstoffe biotechnisch substituiert, so dass alle Rohstoffexporte der

Semiperipherie 2 und der Peripherie 1 durch Exporte aus dem Zentrum und aus der Semiperipherie 1

ersetzt werden.

Die nachfolgende Abbildung 7.3 zeigt das aufgrund dieser Annahme veränderte

Weltsystem: Sowohl die Semiperipherie 2 als auch die Peripherie 1 steigen in den

marginalisierten Bereich des Weltsystems ab. Das Zentrum (als Heimatbasis der

innovierenden multinationen Konzerne) und die Semiperipherie 1 werden zu

Rohstoffexporteuren der bis anhin in der Semiperipherie 2 und Peripherie 1 angebauten

Rohstoffe. Aufgrund der geringen Kaufkraft der marginalisierten Staaten werden nur dünne

Rohstoffpfeile eingezeichnet. Ebenfalls ist anzunehmen, dass auch die Exporte von

kapitalintensiven und einfach verarbeiteten Gütern in die Semiperipherie 2 und die

Peripherie 1 abnehmen und sich längerfristig – wieder aufgrund der geringen Kaufkraft –

stark ausdünnen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 80

Abbildung 7.3: Szenario 2: Marginalisierung der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1

Semiperipherie 1

Legende:

Peripherie 1

Zentrum

marginalisierte

Zone

Semiperipherie 2

Peripherie 2

Exporte von kapitalintensiven verarbeiteten Gütern

Exporte von einfach verarbeiteten Gütern

Exporte von Rohstoffen (mit Ausnahme von

hochindustrialisierten, kapitalintensiven Rohstoffen)

BSP pro Kopf hoch

BSP pro Kopf tief

Diesem 'pessimistischen' Szenario 2 liegt die Annahme zugrunde, dass alle Rohstoffe, die

von der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1 exportiert werden, zukünftig biotechnisch

substituiert werden können. Diese technikeuphorische Annahme gesteht der Biotechnik

Allmacht zu und vergisst, dass sowohl technische als auch ökonomische Schwierigkeiten bei

der Entwicklung von Rohstoffsubstituten bestehen. Auch beschwört dieses Szenario

apokalyptische Bilder und ist insofern nicht plausibel, als es verschweigt, dass sowohl die

Semiperipherie 2 wie auch die Peripherie 1 über Ressourcen verfügen, die substitutiven

Biotechniken selbst anzuwenden oder Alternativstrategien einzuschlagen.

7.3.3 Szenario 3: Teilmarginalisierung der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1

Die dem dritten Szenario zugrundeliegende Hypothese lautet: Biotechnische Rohstoffsubstitute

sind rentabel. Staaten der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1, die die substituierbaren Rohstoffe

exportieren, sind gleichermassen von den Substitutionen durch das Zentrum und die Semiperipherie 1

betroffen.

Diese Hypothese spricht die Substitutionsebene Zentrum – Peripherie und damit die direkte

Rohstoffsubstitution durch Enzymtechniken und die Produktion der einzelligen Proteine an.

Es wird angenommen, dass sowohl das 'Agreement on Agriculture' des GATT als auch das

TRIPS-Abkommen vermehrt Anreizsignale zur Entwicklung biotechnischer

Rohstoffsubstitute ausgesenden. Zusätzlich wird davon ausgegangen, dass hauptsächlich

das Zentrum (mit der Semiperipherie 1) tropische Rohstoffe biotechnisch substituiert,

während diejenigen Staaten der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1, die die

substitutierbaren Rohstoffe exportieren, passiv Exportminderungen hinnehmen. Da das

Zentrum und die Peripherie 1 die bis anhin importierten Rohstoffe selbst herstellen, nehmen


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 81

die Rohstoffexporte der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1 ab. Die nachfolgende

Abbildung 7.4 zeigt das veränderte Weltsystem: Die verminderten Rohstoffexporte der

Semiperipherie 2 und der Peripherie 1 werden durch dünne Pfeile symbolisiert, die

marginalisierte Zone, in der sich bis anhin nur die Peripherie 2 befindet, vergrössert sich um

diejenigen Staaten, deren Rohstoffexporte substituiert werden.

Aufgrund der Dominanz des Zentrums im Weltsystem, seinen durchwegs hohen nationalstaatlichen

Technologiepotentialen und der Lokalisierung der multinationalen Unternehmen

in der Triade USA-EU-Japan, die die Biotechindustrie oligopolistisch strukturieren, ist anzunehmen,

dass Substitutionsbestrebungen hauptsächlich von Zentrumsstaaten und -

unternehmen ausgehen. Tabelle 3 führt denn auch massgeblich im Zentrum niedergelassene

Akteure als Forschungsorganisationen auf.

Im Hinblick auf die Forschungsbestrebungen der Akteure im Zentrum wird angenommen,

dass sowohl die Staaten der Semiperipherie 2 wie auch der Peripherie 1, die durch potentiell

substituierbare Rohstoffexporte in die Weltwirtschaft eingebunden sind, keine Alternativstrategien

entwickeln können. Das würde zu einer Teilmarginalisierung der Semiperipherie

2 und der Peripherie 1 führen und den Kreis der bereits innerhalb des Weltsystems

marginalisierten Staaten erhöhen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 82

Abbildung 7.4: Szenario 3: Teilmarginalisierung der Semiperipherie 2 und der Peripherie 1

Semiperipherie 1

Peripherie 1

Legende:

Zentrum

marginalisierte

Zone

Semiperipherie 2

Peripherie 2

Exporte von kapitalintensiven verarbeiteten Gütern

Exporte von einfach verarbeiteten Gütern

Exporte von Rohstoffen (mit Ausnahme von

hochindustrialisierten, kapitalintensiven Rohstoffen)

BSP pro Kopf hoch

BSP pro Kopf tief

Dieses Alternativ-Szenario 3 erscheint nur zum Teil plausibel. Zu bejahen ist die Lokalisierung

biotechnischer Akteure im Zentrum, von denen Substitutionsbestrebungen

ausgehen. Nicht plausibel erscheint hingegen die Annahme, dass die Staaten der

(Semi)Peripherie keine Alternativstrategien – beispielsweise die Aufgabe der Monokultur,

eine grössere Diversifizierung der Agrarprodukte oder der Aufbau einer einheimischen

Biotechindustrie – entwickeln könnten. Wie bereits das Fallbeispiel des High Fructose Corn

Syrup HFCS zeigte, können betroffene Staaten – im Fallbeispiel Brasilien – jedoch durchaus

Alternativstrategien entwickeln. Des weiteren berücksichtigt dieses Szenario die indirekte

Substitution durch die Gewebekulturtechniken nicht: wenden sowohl Staaten der

Semiperipherie 2 wie auch Staaten der Peripherie 1 Gewebekulturtechniken an ihren

Rohstoffen an, kann ein Verdrängungswettbewerb zwischen peripheren Staaten stattfinden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 83

7.3.4 Szenario 4: Teilmarginalisierung der Peripherie 1

Die diesem vierten Szenario zugrundeliegende Hypothese lautet: Biotechnische Rohstoffsubstitute

sind rentabel. Durch diese werden hauptsächlich die Staaten der Peripherie 1, die

substituierbare Rohstoffe exportieren, tangiert.

Diesem Szenario liegt die Annahme zugrunde, dass sowohl die Substitutionsebene Zentrum

– Peripherie wie auch die Substitutionsebene Peripherie – Peripherie zu beachten ist. Die

Abbildung 7.5 auf der nächsten Seite zeigt das aufgrund dieser Annahme veränderte

Weltsystem: Die Rohstoffexporte der Peripherie 1 verdünnen sich, während die

Semiperipherie 2 nach wie vor Rohstoffe exportiert. Die marginalisierte Zone enthält neu

denjenigen Teil der Peripherie 1, der mittels potentiell substituierbaren Rohstoffen ins

Weltsystem eingebunden ist.

Abbildung 7.5: Szenario 4: Teilmarginalisierung der Peripherie 1

Semiperipherie 1

Peripherie 1

Legende:

marginalisierte

Zone

Zentrum

Semiperipherie 2

Peripherie 2

Exporte von kapitalintensiven verarbeiteten Gütern

Exporte von einfach verarbeiteten Gütern

Exporte von Rohstoffen (mit Ausnahme von

hochindustrialisierten, kapitalintensiven Rohstoffen)

BSP pro Kopf hoch

BSP pro Kopf tief

Diesem Alternativ-Szenario 4 liegt die Annahme zugrunde, dass die rohstoffreichen Staaten

der Semiperipherie 2, die durch mögliche Substitutionsbestrebungen des Zentrums tangiert

werden, im Vergleich zu den Staaten der Peripherie 1 eher fähig sind, Alternativstrategien

zu entwickeln. Diese Annahme wird gestützt durch die im Vergleich zur Peripherie 1

durchschnittlich höheren Technologiepotentiale in der Semiperipherie 2 (siehe Abbildung 5).

Auch das Fallbeispiel des High Fructose Corn Syrups HFCS gibt dieser Annahme Rückhalt:

Während Brasilien (auf höherer Ebene im Weltsystem integriert) den überzähligen Zucker in

die eigene Bioindustrie (Ethanolproduktion) investieren konnte, versagten die Philippinen

(auf tieferer Ebene ins Weltsystem integriert) bei der Entwicklung einer Alternativstrategie:


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 84

die erfreuliche Bewegung weg von der Zuckermonokultur wurde beim Ansteigen der

Weltzuckerpreise wieder rückgängig gemacht.

Weiter scheint es wahrscheinlich, dass die Staaten der Semiperipherie 2 Gewebekulturtechniken

– auch aufgrund des Forschungsvorsprungs – erfolgreicher anwenden als

Staaten der Peripherie 1 und damit als Gewinner im Verdrängungswettbewerb der

indirekten Substitution hervorgehen.

Gerd Junnes Ansicht lässt sich bei diesem Szenario anfügen. Er weist auf die Heterogenität

der (semi)peripheren Staaten im Hinblick auf die Weltsystemintegration hin (Junne 1991a:

283ff.). Junne unterscheidet vier verschiedene Kategorien peripherer Staaten bezüglich dem

Export/Import von landwirtschaftlichen Produkten und den jeweiligen

Technologiepotentialen:

Tabelle 7: Vier Kategorien peripherer Staaten

Hohes technologisches

Potential

Niedriges technologisches

Potential

Quelle: Junne 1991a: 284

Netto-Exporteure von landwirtschaftlichen

Produkten

Brasilien

Malaysia

die meisten afrikanischen

und

karibischen Länder

Netto-Importeure von landwirtschaftlichen

Produkten

Indien

China

Bangladesch

Äthiopien

Gemäss Junne sind diejenigen Staaten am meisten von den biotechnischen Rohstoffsubstitutionen

betroffen, die Netto-Exporteure von landwirtschaftlichen Produkten sind und

über ein niedriges technologisches Potential verfügen – kurzum: die meisten afrikanischen

und karibischen Länder. Diese werden sowohl durch die direkte Substitution der

Zentrumsstaaten und multinationalen Unternehmen tangiert, als auch durch die bei der

Anwendung der Biotechnologie höchstwahrscheinlich erfolgreicheren Staaten der Netto-

Exporteure von landwirtschaftlichen Produkten mit hohen Technologiepotentialen (in der

Tabelle 7 Brasilien und Malaysia).

Können die betroffenen Staaten keine Alternativstrategie entwickeln, nehmen die Deviseneinnahmen,

die aus dem Export der substituierten Rohstoffe gewonnen wurden, ab. Wenn

die Rohstoffe einen grossen Anteil am gesamten Export eingenommen haben, sinken durch

den Wegfall eines grossen Teils der Exportbesteuerung die Staatseinnahmen drastisch. Die

Folgen davon sind die verminderte Kapazität des peripheren Staates, eine aktive Politik zu

führen. Die einzelnen Rohstoffproduzenten müssten durch den Nachfragerückgang eine

Schmälerung ihrer Einnahmen hinnehmen.

Bei Unfähigkeit zur Entwicklung von Alternativstrategien durch periphere Staaten, die

durch potentiell substituierbare Rohstoffe in das Weltsystem integriert sind, droht eine

Teilmarginalisierung der Peripherie 1: Die marginalisierte Zone der 'Vierten Welt' würde

mehr Staaten umfassen.

Dieses Szenario erscheint plausibler als die vorhergehenden: es berücksichtigt sowohl die

Substitutionsebene Zentrum-Peripherie als auch die Substitutionsebene Peripherie-

Peripherie und trägt der Heterogenität (semi)peripherer Staaten im Bereich einer

eigenständigen technologischen Entwicklung Rechnung.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 85

7.4 Intrastaatliche Substitutionen

Während die vorhergegangenen Szenarien die möglichen Substitutionen innerhalb des

Weltsystems besprochen haben (Substitution Zentrum – Peripherie und Substitution

Peripherie – Peripherie) und die darausfolgenden Weltsystemstrukturveränderungen

aufzeigten, ist zudem im innerstaatlichen Bereich eine dritte Substitutionsdimension zu

erwarten: von kleinen (small-scale producers) zu grossen Produzenten.

Biotechnologien können den Landwirtschaftssektor unterstützen, wenn genügend

Ressourcen zu erfolgreichen Anwendung vorhanden sind. Diese benötigten Ressourcen sind

jedoch ungleich verteilt, nicht nur innerhalb des Weltsystems sondern auch innerhalb der

einzelnen Nationalstaaten. So ist beispielsweise anzunehmen, dass biotechnisch verändertes

Saatgut, das von ausländischen Firmen hergestellt wird, zuerst von ressourcenstärkeren

(bezüglich Kapital und Informationen) Bauern gekauft wird. Diese Annahme ändert sich

auch nicht, wenn periphere Staaten über eigene biotechnologische Programme verfügen und

deshalb der Kauf einer in vitro hergestellten Pflanze im Vergleich zu ihrem Import günstiger

wird. Auch in diesem Fall wird eine steigende Ungleichheit zwischen grossen und kleinen

Bauern erwartet:

„Local supply of improved disease-free planting materials may reduce the production

costs of these crops and increase the net income of farmers who are able to purchase

the plant. But this may also result in an unbalanced distribution of income

among farmers. So far, resource-poor farmers continue to prefer shoots obtained from

their fields as planting materials.“ (Biotechnology and Development Monitor 1993,

Nr. 14: 19)

Diese verstärkte Ungleichheit kann darauf zurückgeführt werden, dass „Kleinbauern nach

wie vor benachteiligt sind bezüglich des Zugangs zu Krediten, zu Informationen und

Beratung“ (Rieder und Anwander-Phan huy 1998: 78). Weiter können mit den 'economies of

scale' argumentiert werden: Grössenkostenersparnisse sind bei grösseren Betrieben deshalb

zu verzeichnen, da der Anteil der fixen Kosten, beispielsweise verursacht durch

Informationskosten bezüglich der neuen Technologie, gegenüber kleineren Betrieben je

produzierter Einheit immer kleiner wird: grössere Produzenten sind strukturell per se

bevorzugt. Als Folge dieser unterschiedlichen Ressourcenausstattung könnte ein

Verdrängungswettbewerb zwischen grossen und kleinen Produzenten stattfinden, in dem

vermutlich die kleinen verlieren würden.

Dieses für periphere Staaten geschilderte Phänomen könnte auch in semiperipheren Staaten

und sogar im Zentrum analog vor sich gehen.

7.5 Zusammenfassung

Zu Beginn der Szenariogestaltung muss der Status quo-Ansatz (Szenario 1) verworfen

werden. Die nachfolgenden Alternativ-Szenarien operieren mit der Hypothese, dass

biotechnische Rohstoffsubstitutionen zukünftig rentabel sind. Sie verweisen auf drei

mögliche Substitutionsdimensionen, die alle zeitgleich stattfinden könnten: die Substitution

Zentrum – Peripherie, die Substitution Peripherie – Peripherie und die innerstaatliche

Substitution von kleinen zu grossen Produzenten.

Während sowohl die Marginalisierung der Semipheripherie 2 und der Peripherie 1 (Szenario

2) und die Teilmarginalisierung der Semipheripherie 2 und der Peripherie 1 (Szenario 3) die

unterschiedliche Ressourcenausstattung der (semi)peripheren Staaten nicht beachten und

folglich ihre Heterogenität nicht berücksichtigen, erscheint als plausibelste Lösung die

Teilmarginalisierung der Peripherie 1 (Szenario 4).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 86

Die durch das plausibelste Szenario gefundene Prognose heisst: Die Rohstoffexporte

derjenigen peripheren Staaten, die potentiell substituierbare Rohstoffe exportieren, nehmen

ab. Die im Weltsystem marginalisierte Region der 'Vierten Welt' wird durch den Abstieg

einiger Staaten der Peripherie 1, die eine kritische Exportstruktur und eine hohe

Technologieschwäche aufweisen, zusätzlich erweitert.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 87

8. Länderprognosen: Welchen Staaten droht der Abstieg in

die marginalisierte Zone des Weltsystems?

In diesem Kapitel steht nun die Identifizierung derjenigen Staaten im Vordergrund, die

durch biotechnische Rohstoffsubstitutionen besonders verwundbar sind. Es sind dies

Länder, die einen hohen Exportanteil an potentiell substituierbaren Rohstoffen aufweisen,

die also in grossem Masse Kaffee, Kakao, Zucker, Kautschuk oder Gummiarabikum,

Tierfutterproteine, Vanille oder Pyrethrum exportieren. Mit Hilfe einer empirischen

Rangsummenberechnung, die die Exportstrukturen und die technologischen Potentiale der

verschiedenen Staaten berücksichtigt, werde ich mögliche Kandidaten identifizieren, denen

aufgrund potentieller Rohstoffsubstitutionen der Abstieg in die marginalisierte Zone des

Weltsystems ('Vierte Welt') drohen könnte.

8.1 Hypothese und Interaktionseffekte

Aufgrund der vorhergegangenen Überlegungen zu den Szenarien werde ich

Länderprognosen im Hinblick auf die Verwundbarkeit jeweiliger Staaten zu formulieren.

Meine prognostische Hypothese lautet:

Diejenigen Staaten, die über eine kritische Exportstruktur verfügen und ein tiefes technologisches

Potential besitzen, sind bei der Durchführung von biotechnischen Rohstoffsubstitutionen

am meisten verwundbar.

Die kritische Exportstruktur wird operationalisiert durch den Exportanteil an potentiell

substituierbaren Rohstoffen, der Exportquote und der Exportkonzentration eines Landes.

Zur Erklärung der Indikatoren: Der hohe Exportanteil von potentiell biotechnisch substituierbaren

Rohstoffen an den gesamten Exporten zeigt die Verwundbarkeit des jeweiligen

Landes durch mögliche Substitutionen an. Die Exportquote weist auf die Integration im

Weltmarkt hin. Da bei dieser Länderprognose die Frage nach einer möglichen

Marginalisierung gestellt wird, gilt: Je kleiner die Exportquote, desto kritischer die

Exportstruktur. Eine tiefe Exportquote kann als Anzeichen einer beginnenden

Marginalisierung oder bereits bestehenden Marginalisierung 49 (d.h. Randständigkeit in

Bezug auf die Einbindung in die Weltwirtschaft) interpretiert werden. Eine hohe

Exportkonzentration schliesslich zeigt an, dass das Land nicht über die Möglichkeit verfügt,

bei der Substitution eines Exportguts schnell auf ein anderes umzusteigen, da es nicht über

die dafür notwendige Exportdiversifizierung verfügt. Ein Staat, der über einen hohen

Exportanteil potentiell substituierbarer Rohstoffe, über eine hohe Exportkonzentration und

über eine kleine Exportquote verfügt, kann durch den Wegfall dieses Exports innerhalb der

Weltwirtschaft marginalisiert werden.

Die kritischste Exportstruktur wird nun mittels Rangsummen berechnet. Da Interaktionseffekte

zwischen den einzelnen Exportvariablen zu vermuten sind, berechnet sich die

Betroffenheit eines Landes aufgrund potentieller Rohstoffsubstitutionen wie folgt:

ESxi = Rang Xxi + Rang Xxi * Rang Yxi + Rang Xxi * Rang Zxi,

49 Gemäss der Definition der LLDCs der UNO gilt eine geringe Exportorientierung als ein bestimmender Faktor

bei der Zuordnung der Staaten in die 'Vierte Welt' (Nohlen 1998: 468).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 88

wobei: ES = kritische Exportstruktur, xi = Land, X= Exportanteil50 , Y= Exportquote51 , Z=

Ausfuhrkonzentrationsindex52 ; Ränge werden durch den Vergleich zu den anderen Ländern

berechnet. Der höchste Rang (Rang 1) der kritischen Exportstruktur weist auf die

schlechtesten Exportbedingungen hin.

Interaktionseffekte sind dann zu propagieren, wenn der Effekt einer unabhängigen

Variablen X1 auf die abhängige Variable Y von der Variablen X2 abhängig ist (vgl. mit

Jaccard/Turrisi/Wan 1990: 5 ff.).

Der Interaktionseffekt X*Y kann folglich interpretiert werden als ein durch die Höhe des

Exportanteils vermittelter Effekt der Exportquote auf die kritische Exportstruktur. Die

Exportquote alleine hat keinen Effekt auf die kritische Exportstruktur eines Landes. So hat

beispielsweise Burkina Faso eine geringe Exportquote von 5.5%, weist aber nur einen

0.46%igen Exportanteil an potentiell substituierbaren Rohstoffen (Tierfutterbestandteile) auf.

Durch den Wegfall dieses Exportanteils scheint Burkina Faso nicht in grossem Masse

marginalisiert zu werden. Erst wenn eine hoher Exportanteil an potentiell substituierbaren

Rohstoffen vorliegt und zudem eine kleine Exportquote auf eine drohende Marginalisierung

hinweist, kann von einer Erhöhung kritischer Exportstrukturmerkmale gesprochen werden.

Analog liegt dem Interaktionseffekt X*Z die Annahme zugrunde, dass der Effekt der

Ausfuhrkonzentration auf die kritische Exportstruktur eines Landes durch den Indikator

'Exportanteil' vermittelt wird. So ist beispielsweise ein Land wie Nigeria, das einen hohen

Ausfuhrkonzentrationsindex (0.934) aufweist, hauptsächlich aber Erdöl exportiert, von

potentiellen biotechnischen Rohstoffsubstitutionen nicht betroffen. Erst wenn der hohe

Ausfuhrkonzentrationsindex auf einen hohen Exportanteil an potentiell substituierbaren

Rohstoffen trifft, kann von kritischen Exportstrukturmerkmalen gesprochen werden.

Die Möglichkeit eines Landes, bei potentiellen Rohstoffsubstitutionen anderer Länder

Alternativstrategien zu entwickeln, liegt gemäss der formulierten Hypothese in der

Ausstattung seines technologischen Potentials.

Ein ideales biotechnologisches Potential müsste folgende Indikatoren umfassen: Als Input-

Indikatoren Anzahl Wissenschaftler und Techniker in biotechnologierelevanter Forschung

und Entwicklung und die Höhe der Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Bereich der

Biotechnologie, als Output-Indikatoren biotechnologische Patente und als

Infrastrukturvariable beispielsweise Anzahl der Telephonhauptanschlüsse – da die

biotechnologische Forschung auch auf Computerisierung angewiesen ist.

Da in meiner Länderprognose aber hauptsächlich periphere Staaten betrachtet werden, zu

denen die vorgeschlagenen Indikatoren leider nicht vorhanden sind, versuche ich eine

Annäherung der Messung an ein allgemein relevantes technologisches Potential. Um eine

möglichst breite Datenbasis zu erhalten und da weder Patente, Forschungs- und

Entwicklungsausgaben noch Infrastrukturindikatoren ähnlich breit erhoben werden wie

Bildungsindikatoren, operationalisiere ich das technologische Potential an 'Anzahl

50 Quelle: UNCTAD (1994): Handbook of International Trade and Development Statistics 1994. Tabelle 4.3. Export

structure at the SITC Revision 2, group (3-digit) level (ranked by average 1991-1992 values). Spalte: as

percentage of country total, Jahr 1991-1992. 184-200.

51 Berechnet als [(100/ BSP in $) * Export in $]. Quellen: Weltbank (1994): Weltentwicklungsbericht 1994.

Infrastruktur und Entwicklung. USA/Washington: Oxford University Press. Tabelle 1: Grundlegende Kennzahlen,

Jahr 1992: 200/201 und Tabelle 1a: Grundlegende Kennzahlen für übrige Länder, Jahr 1992. 266. Und

UNCTAD (1994): Handbook of International Trade and Development Statistics 1994. Tabelle 4.3. Spalte: Value

(thousands of dollars), Jahr 1991-1992. 184-200.

52 Quelle: UNCTAD (1994): Handbook of International Trade and Development Statistics 1994. Export concentration

and diversification indices.Tabelle 4.5. 219-220. Der Konzentrationsindex stammt aus dem Jahr 1992. 0

bedeutet keine Konzentration und 1 bedeutet maximale Konzentration.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 89

StudentInnen auf 100'000 Einwohner' 53 . Eine vergleichsweise tiefe Anzahl von Studierenden

weist auf eine hohe Technologieschwäche hin. (Diese Messung ist natürlich unzulänglich,

gerade wenn man bedenkt, wie vielfältig das Konzept „technologisches Potential“ ist.

Trotzdem bin ich gezwungen, diesen Indikator zu benutzen, da sonst ein Grossteil meines

Samples mangels Datenlage nicht in die Analyse kommen würde und es mir wichtiger

scheint, möglichst viele verwundbare Staaten aufzuzeigen.)

Die Verwundbarkeit bezüglich potentieller Rohstoffsubstitutionen berechnet sich schliesslich

mit Hilfe von Rangsummen aus der Exportstruktur eines Landes und seiner Technologieschwäche:

Vxi = Rang ESxi + Rang Bxi,

wobei: V= Verwundbarkeit, xi = Land, ES = kritische Exportstruktur, B= Technologieschwäche;

Ränge werden durch den Vergleich mit den anderen Ländern berechnet. Der

höchste Rang der Verwundbarkeit (Rang 1) weist auf die Gefahr einer verstärkten

Marginalisierung hin.

Zur Identifizierung der Länder mit der grössten Verwundbarkeit nehme ich nur diejenigen

Staaten ins Sample auf, die über einen mindestens 10%igen Exportanteil eines potentiell

substituierbaren Rohstoffs verfügen und deshalb per se schon eine kritische Exportstruktur

aufweisen – unter der Annahme, dass bereits ein Wegfall eines 10%igen Exportanteils

schwierig aufzufangen ist. Die potentiell substituierbaren Rohstoffe sind in Tabelle 3

dargestellt. Es handelt sich um sieben Rohstoffgruppen: Tierfutterbestandteile

(Erdnussmehl, Fischmehl, Sojabohnen), Pflanzenöle (darunter auch Kakao und Kakaobutter),

Zucker und Thaumatin, Kaffee, Gummiarabikum und Kautschuk, Vanille und Pyrethrum.

Unter der Berücksichtigung dieses Kriteriums gelangen 31 Staaten ins Sample. Es handelt

sich vor allem um periphere Staaten. Eine Übersicht über die Daten gibt Anhang 3.

8.2 Einzelne Länderprognosen

Die nachfolgenden Tabellen 8.1 bis 8.5 zeigen die Rangfolge derjenigen Staaten, die aufgrund

der dargestellten Berechnung die grösste Verwundbarkeit aufweisen. Staaten, bei denen die

vier benötigten Indikatoren nicht auffindbar sind, werden aus der Analyse eliminiert. Ich

werde bei der Interpretation der Tabellen in den Fussnoten auf diese Fälle hinweisen.

Für die Tabelle 8.6 werden auch Staaten, die jeweils einen unter 10%igen Exportanteil

potentiell substituierbarer Rohstoffe aufweisen, betrachtet. Dieser Tabelle liegt die

Vorstellung zugrunde, dass sich viele verschiedene kleinere Exportanteile potentiell

substituierbarer Rohstoffe ebenfalls zu einem grösseren Gesamtanteil aufsummieren können.

Somit kann auch ein Land eine grosse Verwundbarkeit aufweisen, das mittels der

Aufsummierung verschiedener Exportanteile, die unter 10% liegen, ebenfalls über einen

über 10%igen Exportanteil verfügt. (Togo beispielsweise verzeichnet erst durch die Addition

eines 5.62%igen Kaffeeexportanteils, eines 3.79%igen Kakaoexportanteils und eines

1.58%igen Tierfutterexportanteils einen mindestens 10%igen Exportanteil an potentiell

substituierbaren Rohstoffen.) Auch bildet die Tabelle 8.6 mit der Darstellung aller

verwundbaren Staaten einen abschliessenden Überblick über das Thema. Anhand dieser

Tabelle wird schliesslich die Diskussion um den Abstieg in die marginalisierte Zone des

Weltsystems abgeschlossen.

53 Quelle: Education at the third level: number of students per 100'000 inhabitants. UNESCO (1997): Statistical

Yearbook. Tabelle 3.9. Zahlen aus dem Jahr 1990.

Würde ich die Technologieschwäche beispielsweise an Anzahl Wissenschaftler und Techniker in R&D

messen, was sinnvoller wäre, hätte ich nur noch zwei Länder – Mauritius und El Salvador – in der Analyse.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 90

8.2.1 Tierfutterbestandteile

Gemäss Tabelle 3 sind Erdnussmehl, Fischmehl und Sojabohnen, die als Proteinzusatz im

Tierfutter verwendet werden, Ziel biotechnischer Substitutionsbestrebungen. Die industrielle

Produktion einzelliger Proteine (single cell protein) unter anderem durch die britische Firma

ICI soll die oben genannten Agrarprodukte als Proteinspender verdrängen.

Die Tabelle 8.1 zeigt diejenigen Staaten, die einen über 10%igen Exportanteil an Tierfutterbestandteilen

aufweisen: Peru und Argentinien 54 . Während Peru die im Vergleich knapp

kritischere Exportstruktur (Rang ES) aufzeigt, verzeichnen beide ungefähr den gleichen

Bildungsindikator, so dass sie bei der Verwundbarkeit (Rang V) ranggleich sind.

Da es sich bei der Proteinsubstitution durch einzellige Proteine um eine Zentrum-Peripherie-

Substitution handelt, müssten, bei ihrer erfolgreichen Durchführung, Peru und Argentinien

Alternativstrategien zur Verwendung ihrer Tierfutterbestandteile entwickeln oder den

Anbau anderer Rohstoffe aufnehmen. Beide gelten nicht als besonders verwundbar, da sie

über eine Exportdiversifizierung (kleiner Ausfuhrkonzentrationsindex) und über ein im

Vergleich zu den anderen (semi)peripheren Staaten hohes Humankapital verfügen.

Tabelle 8.1: Rangliste der Verwundbarkeit der Staaten mit Exportanteilen über 10% an Tierfutterbestandteilen

(Erdnussmehl, Fischmehl, Sojabohnen) 55

Land

Peru

Arge

ntinien

Legende:

X Rang Y Rang Z Rang ES Rang B Rang V Rang

X

Y

Z

ES

B

V

12.45 1 15.2 2 0.260 1 4 1 3161 2 3 1

11.27 2 6.0 1 0.153 2 8 2 3116 1 3 1

X= Exportanteil in % der gesamten Exporte eines Landes

Y= Exportquote in % des BSP

Z= Ausfuhrkonzentrationsindex (0=keine Konzentration; 1=vollständige Konzentration, nur

ein Gut wird ausgeführt)

ES= kritische Exportstruktur (Berechnung: ES = Rang X + Rang X * Rang Y + Rang X * Rang

Z)

B= Technologieschwäche (gemessen am Humankapitalindikator: Anzahl Studierende pro

100'000 Einwohner)

V= Verwundbarkeit (Berechnung: Rang ES + Rang B)

54 Es fallen keine relevanten Staaten aufgrund einer mangelnden Datenlage weg.

55 Gemessen an der SITC-Kategorie 081: Feeding stuff for animals im UNCTAD-Handbook of International

Trade and Development Statistics 1994. Tabelle 4.3 D. 184-200.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 91

8.2.2 Kakao und Pflanzenöle

Die Gruppe 2 der identifizierten Rohstoffe in Tabelle 3 beinhaltet Pflanzenöle und Kakao/

Kakaobutter. Sowohl Kokosnussöl und Sojaöl wie auch Kakaobutter sollen durch das

biotechnisch veränderte Palmöl substituiert werden. Firmen wie die US-amerikanische

Simplesse Company, Procter & Gamble und Nestlé beteiligen sich an diesen Forschungen.

Im Bereich der Kokosnussölsubstitution durch Palmöl nimmt sogar Malaysia in

Zusammenarbeit mit Unilever teil. Im folgenden werde ich den Kakaomarkt besprechen, da

dieser viele periphere Staaten einbindet und die Substitutionsanstrengungen im Bereich der

Kakaobutter bereits weit vorangeschritten sind.

Das Hauptanbaugebiet des Kakaos liegt im Äquatorialgürtel (vgl. im folgenden mit Egger et

al. 1992: 204ff.). Das in der Kakaobohne enthaltene Fett wird Kakaobutter genannt. Mit der

Kakaobutter werden unter anderem Nahrungsmittel, Margarine und Kosmetik hergestellt.

Die wichtigsten Anbieter des Kakaos sind Brasilien, Ecuador, Kamerun, die Elfenbeinküste,

Ghana, Nigeria, Indonesien und Malaysia. Während in Westafrika die Produktionsstruktur

der Kleinbauernbetriebe vorherrscht, finden sich in Brasilien, Indonesien und Malaysia

grosse Plantagen.

Die Nachfrager sind die industrialisierten Staaten und die multinationalen Konzerne, die

eine oligopsonistische Nachfragestruktur bilden, die sich durch Fusionen und Übernahmen

laufend weiter konzentriert (Braunschweig/Gotsch 1998: 48ff.). Die Verarbeitung des Kakaos

in Kakaobutter, Kakaopuder und Schokolade wird durch Mars, Nestlé, Philip Morris,

Cadbury, Ferrero und Hershey kontrolliert (Biotechnology and Development Monitor 1992,

Nr. 10: 12). (Semi)periphere Staaten weisen keine grosse Eigenkonsumation von Kakao auf,

weshalb Kakao ein typisches Exportprodukt ('cash-crop') ist.

Da der Preis von Speiseöl ungefähr ein Drittel des Kakaobutterpreises beträgt

(Biotechnology and Development Monitor 1992, Nr. 10: 12), kann angenommen werden, dass

diese Substitution rentabel ist und folglich bei günstigen rechtlichen Rahmenbedingungen

eintritt. Wird die Kakaobutter durch Palmöl biotechnisch substituiert, ist aufgrund der

Initiative der multinationalen Konzerne eine Peripherie-Peripherie-Substitution zu erwarten:

Während Kakaoexporteure an Marktanteilen verlieren, werden voraussichtlich

Palmölproduzenten gewinnen. Tabelle 8.2 zeigt diejenigen Staaten, die einen über 10%igen

Exportanteil an Kakao aufweisen und durch diese Substitution am meisten betroffen

wären 56 .

56 Aufgrund fehlender Daten sind die folgenden Staaten aus der Analyse gefallen, die ebenfalls einen über

10%igen Exportanteil an Kakao aufweisen: Vanatu mit 10.47% und Grenada mit 12.24%.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 92

Tabelle 8.2: Rangliste der Verwundbarkeit der Staaten mit Exportanteilen über 10% an Kakao 57

Land

X Rang

X

Y Rang

Y

Z Rang

Z

ES Rang

ES

B Rang

B

V Rang

V

Ghana 25.96 2 13.0 1 0.465 2 8 2 127 1 3 1

Elfenbeink.

Kamerun

Legende:

35.59 1 32.6 3 0.368 3 7 1 271 2 3 1

10.74 3 23.5 2 0.485 1 12 3 289 3 6 3

X= Exportanteil in % der gesamten Exporte eines Landes

Y= Exportquote in % des BSP

Z= Ausfuhrkonzentrationsindex (0=keine Konzentration; 1=vollständige Konzentration, nur

ein Gut wird ausgeführt)

ES= kritische Exportstruktur (Berechnung: ES=Rang X + Rang X* Rang Y + Rang X* Rang Z)

B= Technologieschwäche (gemessen am Humankapitalindikator: Anzahl Studierende pro

100'000 Einwohner)

V= Verwundbarkeit (Berechnung: Rang ES + Rang B)

Während die Elfenbeinküste mit einem 35.59%igen Exportanteil, einer zwar relativ hohen

Exportquote (32.6%) und dem niedrigsten Ausfuhrkonzentrationsindex (0.368) die kritischste

Exportstruktur (Rang ES) aufweist, ist sie ranggleich mit Ghana bezüglich der

Verwundbarkeit (Rang V), da Ghana über ein kleineres Humankapital verfügt und deshalb

per definitionem technologisch schwächer ist. Kamerun folgt auf Rang 3. Durch die geringe

Kakao-Angebotselastizität aufgrund der mehrjährigen Anbauzeit bis zu Ernte können diese

Staaten nicht schnell auf Marktveränderungen reagieren und sind aufgrund ihrer kritischen

Exportstruktur durch die Substitution mittels Palmöl besonders gefährdet.

Hauptanbieter von Palmöl sind Malaysia, Indonesien und Singapur, die mit grossen

Investitionen Plantagen und Verarbeitungsprozesse aufgebaut haben. Die drei Länder

verzeichnen 90% der weltweiten Palmöl-Ausfuhren (Egger et al. 1992: 110). Die Ölsaaten

werden in erster Linie von industrialisierten Staaten importiert.

Die Kakaobuttersubstitution kann folglich interpretiert werden als eine Peripherie-Peripherie-

Substitution, in welcher die südostasiatischen (Schwellen)länder Malaysia, Singapur und

Indonesien als Gewinner hervorgehen, wohingegen die afrikanischen Kakaoexporteure

Ghana, die Elfenbeinküste und Kamerun mit einer kritischen Exportstruktur zu den

Verlierern gehören.

57 Gemessen an der SITC-Kategorie 072: Cocoa im UNCTAD-Handbook of International Trade and Development

Statistics 1994. Tabelle 4.3 D. 184-200.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 93

8.2.3 Zucker

An Zucker wird gemäss der Tabelle 3 zahlreich geforscht: sowohl kalorienlose Alternativen

wie auch die Substitution durch Isoglukose (Beispiel HFCS) sind aufgeführt.

In der Zuckerproduktion beteiligen sich sowohl Zentrums- als auch periphere Staaten:

Während Zuckerrohr eine tropische Süssgrasart ist, werden Zuckerrüben in

industrialisierten Staaten angebaut (vgl. im folgenden mit Egger et al. 1992: 73ff). Da die

Saccharose identisch sowohl aus Zuckerrohr als auch aus Zuckerrüben gewonnen werden

kann, konkurrenzieren sich die beiden Rohstoffe. (Ethanol jedoch kann nur aus Zuckerrohr

gewonnen werden.)

Während Egger et al. den kalorienlosen Süssstoffen keine bedeutende Konkurrenz für den

Zucker zubilligt, soll ein weiteres Wachstum der Isoglukoseproduktion zu erwarten sein

(Egger et al. 1992: 81-84). Die kann vor allem dann eintreffen, wenn der

Agrarprotektionismus der EU, Lateinamerikas, Afrikas und Australiens, der bis jetzt die

HFCS-Produktion rechtlich einschränkte, durch das Agrarabkommen der WTO aufgeweicht

wird. Von der Liberalisierung der Zuckermärkte wird erwartet, dass sich höhere Zucker-

Weltmarktpreise ergeben, die Anreizsignale zu einer vermehrten Zentrum-Peripherie-

Substitution aussenden könnten.

Folgende Staaten treten als Hauptexporteure auf den Zuckermärkten auf: Kuba, die EU,

Brasilien, Australien und Thailand (Egger et al. 1992: 88). Neben diesen Ländern gibt es

einige kleinere Produzenten, die aufgrund ihrer kritischen Exportstruktur stark von ihren

Zuckerexporten abhängig sind. Die Tabelle 8.3 zeigt die Rangliste der betroffenen Staaten 58 .

Fiji weist mit dem höchsten Zuckerexportanteil von 44.74% die kritischste Exportstruktur

(Rang ES) auf. An zweiter Stelle folgt Guyana mit einem ähnlich hohen Exportanteil. Obwohl

Mauritius bezüglich der Exportstruktur nur an dritter Stelle liegt, zeigt es aufgrund seines

tiefen Humankapitalindikators die grösste Verwundbarkeit (Rang V) ranggleich mit den Fijis

auf. Guyana und Guatemala folgen auf dem dritten Rang und Nicaragua belegt den fünften

Rang.

58 Einige Staaten, die einen über 10%igen Zucker-Exportanteil aufweisen, wurden aufgrund der Datenlage aus

der Analyse ausgeschlossen. In erster Linie ist Kuba zu nennen, das einen Exportanteil von 56.4% aufweist

und über einen hohen Ausfuhrkonzentrationsindex (0.560) verfügt. Sein Humankapital – gemessen am

Indikator von 2281 Studierenden auf 100'000 Einwohner – ist relativ hoch. Deshalb ist zu vermuten, dass Kuba

trotz seiner kritischen Exportstruktur fähig sein wird, Biotechniken zum eigenen Vorteil anzuwenden.

Ebenfalls ausgeschlossen wurden: Barbados (18.16%iger Exportanteil), Belize (36.41%iger Exportanteil), die

Dominikanische Republik (24.53%iger Exportanteil), Guadeloupe (18.18%iger Exportanteil) und Reunion

(68.24%iger Exportanteil).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 94

Tabelle 8.3: Rangliste der Verwundbarkeit der Staaten mit Exportanteilen über 10% an Zucker 59

Land

Mauritius

Fiji

Guya

-na

Guate

-mala

Nicaragua

Legende:

X Rang

X

Y Rang

Y

Z Rang

Z

ES Rang

ES

B Rang

B

V Rang

V

27.99 3 43 4 0.332 3 24 3 330 1 4 1

44.74 1 26.20 3 0.413 2 6 1 757 3 4 1

40.66 2 62.44 5 0.495 1 14 2 923 5 7 3

12.76 5 13.1 1 0.219 5 35 5 714 2 7 3

12.93 4 18.9 2 0.289 4 28 4 861 4 8 5

X= Exportanteil in % der gesamten Exporte eines Landes

Y= Exportquote in % des BSP

Z= Ausfuhrkonzentrationsindex (0=keine Konzentration; 1=vollständige Konzentration, nur

ein Gut wird ausgeführt)

ES= kritische Exportstruktur (Berechnung: ES=Rang X + Rang X * RangY + Rang X * RangZ)

B= Technologieschwäche (gemessen am Humankapitalindikator: Anzahl Studierende pro

100'000 Einwohner)

V= Verwundbarkeit (Berechnung: Rang ES + Rang B)

Ob die Staaten – analog wie Brasilien – Alternativstrategien (beispielsweise die Produktion

von Ethanol als Antriebsstoff aus Zucker oder eine weitere Diversifizierung der Exporte)

entwickeln können, oder weiterhin – wie die philippinische Zuckerinsel Negros – abhängig

von den Zuckerexporten bleiben und den Ausstieg aus der Monokultur nicht schaffen, kann

unter anderem von ihrem eigenen technologischen Potential abhängen. Aufgrund der

Rangliste tritt Nicaragua als möglicher Kandidat zur Entwicklung einer Alternativstrategie

auf, da es im Vergleich der Staaten mit einer ohnehin kritischen Exportstruktur den letzten

Platz belegt.

59 Gemessen an der SITC-Kategorie 061: Sugar and honey im UNCTAD-Handbook of International Trade and

Development Statistics 1994. Tabelle 4.3 D. 184-200.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 95

8.2.4 Kaffee

Im Bereich des Kaffees wird mittels Gewebekulturtechnik geforscht (siehe Tabelle 3). Sowohl

die Produktion eines koffeinfreien Kaffees als auch die Verbesserung der Kaffee arabica-

Sorte stehen im Zentrum der Forschung. Erste Resultate sollen bis zum Jahr 2000 erhältlich

sein (Biotechnology and Development Monitor 1990, Nr. 4: 20).

Kaffee ist das wichtigste Weltexportprodukt der Agrarrohstoffe. Die Weltproduktion des

Kaffees besteht zu über 70% aus der Kaffee arabica-Sorte (vgl. im folgenden Egger et al. 1992:

178 ff.). Diese wächst in Lateinamerika, Ost-Afrika, Madagaskar, Indien und Indonesien. Die

Arabica-Sorte weist eine starke Frostanfälligkeit auf. Die weniger anspruchsvolle, koffeinreichere

und bittere Robusta-Sorte wächst in Westafrika, tiefer gelegenen Regionen Zentral-

und Süd-Amerikas, in der Karibik und Südostasien. Kaffee ist somit ein typisches Produkt

(semi)peripherer Staaten. Als Substitutionstyp steht folglich die Peripherie-Peripherie-

Substitution zur Diskussion.

Über 50% des Kaffees wurden 1992 in den folgenden Staaten produziert: Kolumbien,

Brasilien, Mexico, Indonesien, Elfenbeinküste, Guatemala und Costa Rica (UNCTAD 1994:

202). Während in Brasilien rund die Hälfte der Kakaoproduktion von der eigenen

Bevölkerung konsumiert wird, und weiter nur in Mexiko und Indien eine beachtenswerte

Binnennachfrage besteht, ist Kaffee in den anderen Produzentenländern ein typisches

Exportprodukt. Der Kaffee wird in Lateinamerika in erster Linie auf Grossplantagen mit

mehreren hundert Arbeitern angebaut, es gibt aber vor allem auch in Kolumbien kleinere

Produzenten. In Afrika herrschen kleinere bis mittlere Familienbetriebe vor (Ausnahme:

Kenya). Aufgrund der lateinamerikanischen Produktionsstruktur kann ebenfalls eine

innerstaatliche Substitution von kleinen zu grossen Produzenten vermutet werden, da es

grossen Produzenten vermutlich leichter fallen wird, die neuen Biotechniken anzuwenden.

Importiert wird der Kaffee hauptsächlich von Zentrumsstaaten (EU, USA und Japan). Als

Nachfrager auf den Weltmärkten treten multinationale Konzerne auf.

Wird die Gewebekulturtechnik bei Kaffee erfolgreich angewendet und somit die Produktion

erhöht, kann aufgrund der unelastischen Nachfragestruktur bezüglich des Kaffees (Egger et

al. 1992: 190) angenommen werden, dass die Weltmarktpreise sinken. Da sich der Kaffee aus

biologischen Gründen nicht lange lagern lässt und somit mittels Lagerhaltung kein grosser

Einfluss auf die Weltmarktpreise durch die (semi)peripheren Anbieter ausgeübt werden

kann, muss mit einem Verdrängungswettbewerb gerechnet werden: Diejenigen Anbieter, die

zum gesunkenen Weltmarktpreis anbieten können, gewinnen, während die anderen

Produzenten ausscheiden.

Die nachfolgende Tabelle 8.4 zeigt die Liste der Verwundbarkeit derjenigen Staaten, die

einen über 10%igen Exportanteil an Kaffee verzeichnen 60 .

60 Aufgrund der ungenügenden Datenlage wurden ein ebenfalls stark verwundbarer Staat mit einem mindestens

10% Kaffeeexportanteil aus der Analyse ausgeschlossen: Ruanda weist – wie Burundi – einen sehr hohen

Exportanteil (57.99%), einen hohen Ausfuhrkonzentrationsindex (0.505) und eine geringe Einbindung in der

Weltwirtschaft mit einer Exportquote von 4.5% auf. Es ist zu vermuten, dass Ruanda, ähnlich wie Burundi,

über ein tiefes Humankapital verfügt. Deshalb ist anzunehmen, dass Ruanda, einen der vorderen Ränge auf

der Liste der Verwundbarkeit einnehmen würde.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 96

Tabelle 8.4: Rangliste der Verwundbarkeit der Staaten mit Exportanteilen über 10% an Kaffee 61

Land X Rang

X

Burun

-di

Ethiopia

Ugan

da

Tanza

-nia

Guate

-mala

Y Rang

Y

Z Rang

Z

ES Rang

ES

B Rang

B

V Rang

V

74.48 1 6.8 3 0.667 1 5 1 65 2 3 1

57.95 2 3.1 1 0.557 3 10 2 71 3 5 2

57.92 3 6.2 2 0.561 2 15 3 106 4 7 3

19.69 7 13.4 7 0.248 9 119 7 33 1 8 4

21.46 5 13.1 6 0.219 12 95 5 714 7 12 5

Kenya 11.44 11 15.7 8 0.305 5 154 8 143 5 13 6

El Salvador

Honduras

Madagaskar

Nicaragua

Kolu

mbien

Costa

Rica

Legende:

29.06 4 7.3 4 0.238 10 60 4 1555 11 15 7

21.3 6 21.6 11 0.457 4 96 6 884 9 15 7

10.72 12 9.8 5 0.285 8 168 11 283 6 17 9

17.25 9 18.9 10 0.289 7 162 10 861 8 18 10

19.20 8 16 9 0.238 10 160 9 1495 10 19 11

13.48 10 27.60 12 0.303 6 190 12 2461 12 24 12

X= Exportanteil in % der gesamten Exporte eines Landes

Y= Exportquote in % des BSP

Z= Ausfuhrkonzentrationsindex (0=keine Konzentration; 1=vollständige Konzentration, nur

ein Gut wird ausgeführt)

ES= kritische Exportstruktur (Berechnung: ES=Rang X + Rang X*Rang Y + Rang X*Rang Z)

B= Technologieschwäche (gemessen am Humankapitalindikator: Anzahl Studierende pro

100'000 Einwohner)

V= Verwundbarkeit (Berechnung: Rang ES + Rang B)

61 Gemessen an der SITC-Kategorie 071: Coffee and substitutes im UNCTAD-Handbook of International Trade

and Development Statistics 1994. Tabelle 4.3 D. 184-200.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 97

Auf Rang 1 sowohl der kritischen Exportstruktur (Rang ES) wie auch der Verwundbarkeit

nach Berücksichtigung der Technologieschwäche (Rang V) erscheint Burundi. Burundi weist

den überragenden Kaffee-Exportanteil von 74.48% auf, und bedingt durch diesen hohen

Exportanteil, einen hohen Ausfuhrkonzentrationsindex. Dagegen ist Burundi mit einer

Exportquote von unter 7% nicht stark in die Weltwirtschaft eingebunden. Weiter belegt es

beim Bildungsindikator Platz 2, was daran zweifeln lässt, dass Burundi fähig ist, die Biotechnologien

der zweiten Generation zu eigenen Zwecken zu nutzen. Auf dem zweiten und dem

dritten Rang der Verwundbarkeit folgen Äthiopien und Uganda mit einem ebenfalls sehr

hohen Kaffeeexportanteil (57.95% versus 57.92%), wiederum kleinen Exportquoten und

einem geringen Humankapital. Ebenfalls auf diesen Rängen dürfte sich Ruanda befinden,

das aufgrund der Datenlage aus der Analyse fiel. Darauf folgen Staaten, die einen

Exportanteil zwischen 10 bis 30% aufweisen. Die letzten Plätzen belegen Kolumbien und

Costa Rica.

Während die vorderen Verwundbarkeitsränge ( 1. bis 4. Rang V) afrikanische Staaten belegen,

folgen auf den hinteren Rängen ( 9. bis 11. Rang V) lateinamerikanische Staaten. Folgendes

Fazit drängt sich auf: Als Verlierer des Kaffee-Verdrängungswettbewerbes erscheinen

die stark Kaffee-exportabhängigen afrikanischen Staaten Burundi, Äthiopien, Uganda und

Ruanda, wohingegen es Kolumbien und Costa Rica aufgrund ihres im Vergleich hohen

Bildungsindikators gelingen könnte, Gewebekulturtechniken selbst erfolgreich anzuwenden.

8.2.5 Kautschuk und Gummiarabikum

An Kautschuk und Gummiarabikum wird mittels Gewebekulturtechnik und bakterieller

Fermentation geforscht (siehe Tabelle 3). Diese Rohstoffe werden hauptsächlich zur Herstellung

von Reifen und zur Latexproduktion verwendet.

Kautschuk und Gummiarabikum sind Rohstoffe, die nur in (semi)peripheren Staaten

angebaut werden. Als grösste Produzenten treten Thailand, Indonesien, Malaysia und

Singapur auf den Weltmärkten auf: 1991 hielten sie zusammen fast 90% des Marktanteils

(UNCTAD 1994: 202). Diese grossen Produzenten weisen jedoch selbst nur bis zu einem

4%igen Exportanteil an Kautschuk und Gummiarabikum auf. Weitere Produzenten

lokalisieren sich in Afrika und Südamerika. Kautschuk wird hauptsächlich in Kleinplantagen

angebaut (RAFI 1991a: 2). Der grösste Weltimporteur von Kautschuk ist die USA. Die

hauptsächlichen Nachfrager sind multinationale Unternehmen: sechs Unternehmen sind für

80% der Nachfrage verantwortlich (RAFI 1991a: 2).

Der einzige Produzent, der über einen 10%igen Exportanteil verfügt, ist Kambodscha. Da

sich eine Rangsummenanalyse bei nur einem Staat erübrigt, sind in Tabelle 8.5 die

Kennzahlen von Kambodscha dargestellt. Mit einer kleinen Exportquote von 2.88 erscheint

Kambodscha marginalisiert. Seine vergleichsweise hohe Technologieschwäche (gemessen

am geringen Humankapital) lässt vermuten, dass Kambodscha Schwierigkeiten haben

dürfte, Alternativstrategien einzuschlagen.

Tabelle 8.5: Kennzahlen des Landes mit einem mindestens 10%igen Exportanteil an Gummiarabikum

und Kautschuk 62

Land X Y Z B

Kambodscha 10.94 2.88 0.514 133

62 Gemessen an der SITC-Kategorie 232: Natural rubber, gums im UNCTAD-Handbook of International Tade

and Development Statistics 1994. Tabelle 4.3 D. 184-200.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 98

Legende:

X= Exportanteil an % der gesamten Exporte

Y= Exportquote an % des BSP

Z= Ausfuhrkonzentrationsindex (0= keine Konzentration; 1= vollständige Konzentration,

nur ein Gut wird ausgeführt)

B= Technologieschwäche (gemessen Humankapitalindikator: Anzahl Studierende pro

100'000 Einwohner)

8.2.6 Vanille

Am Vanille-Aroma wird gemäss Tabelle 3 mittels Zell- und Gewebekulturen geforscht.

Verschiedene multinationale Firmen (unter anderem Rhône-Poulenc, ECSAgenetics und

Firmenich) versuchen, Vanille zu substituieren.

Vanille ist kein grosses Exportprodukt, weshalb es in den Exportstatistiken der UNCTAD

nicht erscheint. Wegen der fehlenden Datenlage wird deshalb bei diesem Rohstoff auf eine

Rangsummenberechnung verzichtet. Jedoch können aufgrund der Literatur auch hier

Aussagen über die Verwundbarkeit gewisser Staaten oder Produzenten gemacht werden.

Vanille wird von über 100'000 Kleinbauernbetrieben in Madagaskar, Reunion, den Komoren

und Indonesien angebaut (vgl. im folgenden mit RAFI 1991b: 1). Ist die Substitution des

Vanille-Aromas rentabel, wie das beispielsweise von der Firma ECSAgenetics behauptet

wird, können Vanille-Exporte durch eine Zentrum-Peripherie-Substitution, bei der vor allem

viele Kleinbauern verlieren würden, verdrängt werden:

„If commercialy successful, this new technology will displace vanilla bean exports on a

massive scale, eliminating the need for traditional cultivation of the vanilla orchid, and

many thousands of jobs related to vanilla bean cultivation and harvest. For vanilla

bean growers in Madagascar and elsewhere, the only consolation is that these countries

may have a few extra years to plan for the loss of a major export crop and the urgent

need to diversify their agricultural economies.“ (RAFI 1991b: 2).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 99

8.2.7 Pyrethrum

An der Substitution von Pyrethrum wird gemäss Tabelle 3 mittels Enzym- und

Gewebekulturtechniken und modifizierten Mikroben geforscht. Da es sich beim Pyrethrum

wie bei der Vanille nicht um ein grosses Exportprodukt handelt, wird es in den UNCTAD-

Exportstatistiken ebenfalls nicht aufgeführt. Da verschiedene Artikel im 'Biotechnology and

Development Monitor' die Fragestellung der Pyrethrum-Substitution thematisieren, ist es

auch hier möglich, Prognosen bezüglich der Verwundbarkeit gewisser Staaten oder

Produzenten aufzustellen (vgl. im folgenden mit Biotechnology and Development Monitor

1992, Nr. 12: 22 und 1992, Nr. 13: 11 und 1994, Nr. 21: 12/13).

Die Pflanze Pyrethrum wird in erster Linie angepflanzt, weil ihre Blüten ein

umweltfreundliches Bioinsektizid enthalten. Sie wird vor allem in Ost-Afrika angebaut.

Auch Ecuador, Tasmanien, Ruanda und Tansania beteiligen sich an der Produktion. Der

Hauptexporteur jedoch ist Kenya: über zwei Drittel der weltweiten Pyrethrum-Produktion

stammen aus diesem Land. Schätzungen zufolge sollen ungefähr 195'000 afrikanische

Kleinbauern Pyrethrum kultivieren.

Hauptabnehmer ist die USA. Da die weltweite Nachfrage nach Pyrethrum das Angebot

übersteigt, wendet Kenya Gewebekulturtechniken zur Produktionsexpansion an. Durch die

Substitution des Pyrethrums unter anderem durch die US-amerikanische Firma AgriDyne

Technologies kann diese geplante Expansion überflüssig werden: „If AgriDyne Technologies

Inc. could overcome the technological constraints, bio-pyrethrum would cost less than East

African pyrethrum and capture a substantial share of the natural pyrethrum market.“

(Biotechnology and Development Monitor 1994, Nr. 21: 13). Die Folge wäre eine Zentrum-

Peripherie-Substitution, in der hauptsächlich Kleinbauern in Kenya verlieren würden.

8.2.8 Alle Rohstoffe

Da gewisse periphere Staaten jeweils mehrere der besprochenen Rohstoffgruppen

exportieren, zeigt die nachfolgende Tabelle 8.6 diejenigen Staaten, die nach der Addition der

einzelnen Exportanteile der potentiell substituierbaren Rohstoffe insgesamt am

verwundbarsten sind. Nicht einbezogen wurden Vanille- und Pyrethrumexporte, da die

Daten zu diesen Rohstoffen fehlen und es sich um kleinere Substitutionen handelt.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 100

Tabelle 8.6: Rangliste der Verwundbarkeit der Staaten mit Exportanteilen über 10% an

Tierfutterbestandteilen, Kakao, Zucker, Kaffee und Kautschuk und Gummiarabikum

Land X Rang

X

Burun

-di

Ethiopia

Uganda

Kambods.

Elfenbeink.

Ghan

a

Tanza

-nia

Fiji

Guate

-mala

Guyana

Mauri

-tius

Kame

-run

Nicaragua

Mada

-

gaska

r

Togo

El

Salvador

Kenya

Honduras

Y Rang

Y

Z Rang

Z

ES Rang

ES

B Rang

B

V Rang

V

74.48 1 6.8 5 0.667 1 7 1 65 2 3 1

58.83 2 3.1 2 0.557 3 12 2 71 3 5 2

57.92 3 6.2 4 0.561 2 21 3

106 4 7 3

10.94 22 2.88 1 0.514 4 132 5 133 6 11 4

45.55 4 32.6 20 0.368 11 128 4 271 8 12 5

25.96 11 13 8 0.465 8 187 9 127 5 14 6

19.69 13 13.4 10 0.248 18 377 15 33 1 16 7

44.74 5 26.2 18 0.413 10 145 6 757 14 20 8

34.22 8 13.1 9 0.219 21 248 10 714 13 23 9

40.66 6 62.44 22 0.495 5 168 7 923 17 24 10

27.99 10 43 21 0.332 12 340 13 330 12 25 11

16.56 15 23.5 17 0.485 7 375 14 289 11 25 11

31.45 9 18.9 15 0.289 15 279 11 861 15 26 13

14.4 17 9.8 7 0.285 16 408 16 283 10 26 13

10.99 21 16.9 14 0.491 6 441 17 282 9 26 13

36.87 7 7.3 6 0.238 19 182 8 1555 19 27 16

11.44 19 15.7 12 0.305 13 494 20 143 7 27 16

23.6 12 21.6 16 0.457 9 312 12 884 16 28 18


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 101

Kolumbien

Peru

Argen

-

tinien

Costa

Rica

Legende:

19.20 14 16 13 0.238 19 462 18 1495 18 36 19

15.29 16 15.2 11 0.260 17 464 19 3161 22 41 20

11.27 20 6 3 0.153 22 520 21 3116 21 42 21

13.48 18 27.6 19 0.303 14 612 22 2461 20 42 21

X= Exportanteil in % der gesamten Exporte eines Landes

Y= Exportquote in % des BSP

Z= Ausfuhrkonzentrationsindex (0=keine Konzentration; 1=vollständige Konzentration, nur

ein Gut wird ausgeführt)

ES= kritische Exportstruktur (Berechnung: ES=Rang X + Rang X*Rang Y + Rang X*Rang Z)

B= Technologieschwäche (gemessen Humankapitalindikator: Anzahl Studierende pro

100'000 Einwohner)

V= Verwundbarkeit (Berechnung: Rang ES + Rang B)

Angeführt wird die Liste von Burundi, das durch seinen 74.48%igen Kaffeeexportanteil

sowohl über die kritischste Exportstruktur als auch - vermittelt über ein tiefes Humankapital

- den ersten Platz der Liste der Verwundbarkeit belegt. Auf dem zweiten Rang folgt

Äthiopien, das zu 57.95% Kaffee und zu 0.88% Zucker exportiert. Den dritten Rang belegt

Uganda mit einem 57.92%igen Exportanteil an Kaffee. Diese drei Staaten verfügen – bedingt

durch ihre hohen Exportanteile – über hohe Ausfuhrkonzentrationsindizes und über kleine

Exportquoten (6.8% versus 3.1% versus 6.2%).

Zu diesen Staaten könnte weiter Ruanda hinzugezählt werden (mangels Datenlage nicht in

der Tabelle), das ebenfalls über einen 57.99%igen Kaffeeexportanteil, über eine tiefe

Exportquote von 4.5% und höchstwahrscheinlich – ähnlich wie sein Nachbar Burundi – über

ein tiefes Humankapital verfügt.

Rang 4 der Verwundbarkeit belegt Kambodscha: mit seinem 10.94%igen Kautschukexport

und der geringen Einbindung in die Weltwirtschaft (Exportquote: 2.88%) scheint

Kambodscha, unter anderem auch aufgrund seines geringen Humankapitalindikators nicht

fähig zu sein, Alternativstrategien zu ergreifen.

Auf Platz 5 und 6 folgen die Elfenbeinküste und Ghana, die hauptsächlich Kakao exportieren

und direkt durch die Kakaobuttersubstitution mittels Palmöl betroffen wären. Ihr relativ

tiefes Humankapital lässt ebenfalls nicht auf ein erfolgreiches Entwickeln von

Alternativstrategien schliessen. Auf Platz 7 ist Tanzania, das einen 20%igen Exportanteil an

Kaffee aufweist.

Auf den Plätzen 8, 10 und 11 folgen Zuckerexport-Staaten: Fiji, Guyana und Mauritius.

Guatemala belegt Platz 9 der Verwundbarkeit. Diese wird hauptsächlich durch die hohen Exportanteile

an Kaffee (21.46%) und Zucker (12.76%) verursacht.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 102

Die Ränge 11, 13 und 16 werden sowohl von afrikanischen wie auch von lateinamerikanischen

Staaten belegt. Auf den Rängen 18 bis 21 folgen schliesslich nur noch lateinamerikanische

Staaten, Argentinien und Costa Rica bilden aufgrund ihres relativ kleinen

Exportanteils und ihres vergleichsweise hohen Humankapitals die Schlusslichter.

Ich versuche nun, den Bogen zurück zu der Szenariogestaltung zu ziehen, die als

plausibelste Prognose die Teilmarginalisierung der Peripherie 1 formulierte. Aufgrund der

Tabelle 8.6 lässt sich herausfinden, welchen Staaten der Abstieg in die Marginalisierung

droht.

Zuerst muss festgestellt werden, dass der erste bis vierte Rang der Verwundbarkeit bereits

von Ländern der 'Vierten Welt' belegt wird: Burundi, Äthiopien, Uganda, Kambodscha und

auch das nicht aufgeführte Ruanda erhielten den LLDC-Status der UNO (Nohlen 1998: 852-

854). Diesen Staaten, die bereits im Weltsystem marginalisiert sind, droht aufgrund der

biotechnischen Anwendung an Kaffee eine 'Marginalisierung innerhalb der marginalisierten

Zone'. Die Elfenbeinküste und Ghana (Rang 5 und 6) hingegen zählen nicht zur 'Vierten Welt'.

Sie gelten als die ersten potentiellen Absteiger in die marginalisierte Zone des Weltsystems.

Wenn die Kakaobuttersubstitution durch Palmöl erfolgreich durchgesetzt wird, könnten sie

die Hälfte (Elfenbeinküste) oder einen Viertel (Ghana) ihrer Exporte verlieren.

Auf den Rängen 7 bis 21 der Verwundbarkeit befinden sich noch drei Länder, die ebenfalls

bereits in der marginalisierten Zone des Weltsystems zu lokalisieren sind: es sind dies

Tanzania, Madagaskar und Togo. Diesen Staaten droht analog wie den Rangersten die

verstärkte Marginalisierung in der marginalisierten Zone. Als weitere potentielle Absteiger

im Weltsystem, die sich noch nicht in der 'Vierten Welt' befinden, gelten weiter Fiji

(Zuckerexport), Guatemala (Zucker- und Kaffeeexport), Guyana (Zuckerexport), Mauritius

(Zuckerexport) und Kamerun (Kakaoexport) (Rang 8 bis 11). Diese Staaten könnten bei der

erfolgreichen Einführung der jeweiligen Rohstoffsubstitute bis zur Hälfte ihrer Exporte

(Beispiel Fiji) verlieren. Obwohl es schwierig ist, einen Strich zwischen den verwundbaren

und weniger verwundbaren Staaten zu ziehen, gelten meiner Meinung nach die Staaten auf

den hinteren Plätzen (Rang 13 bis 21) als weniger gefährdet, in die Zone der marginalisierten

Ebene des Weltsystems abzusteigen. Gerade bei Argentinien und Costa Rica (Rang 21)

scheint die Annahme einer drohenden Marginalisierung überhaupt nicht mehr plausibel zu

sein.

8.3 Zusammenfassung

Die Rangsummenanalysen der Verwundbarkeit einzelner Staaten ergaben folgende

Ergebnisse: Die durch die Tierfuttersubstitution betroffenen Staaten Peru und Argentinien

können aufgrund ihres hohen Humankapitals Alternativstrategien entwickeln. Ghana und

die Elfenbeinküste könnte die Kakaobuttersubstitution durch Palmöl hart treffen. Die

zuckerexportierenden Staaten Mauritius, Fiji und Guayana könnten aufgrund ihrer

kritischen Exportstruktur und einer hohen Technologieschwäche nicht selbst zu

Substitutionsagenten werden. Beim Verdrängungswettbewerb in der

Gewebekulturanwendung beim Kaffee scheinen vor allem Burundi, Äthiopien, Uganda und

Ruanda stark betroffen. Kambodscha ist in der Kautschuk- und Gummiarabikum-

Substitution am verwundbarsten. Die Vanillesubstitution wird die kleinen Produzenten in

Madagaskar am stärksten treffen, ebenso wie die Pyrethrumsubstitution die kleinen

kenyanischen Pyrethrumproduzenten.

Während gewisse bereits marginalisierte Staaten durch die Einführung von biotechnischen

Rohstoffsubstituten im Weltsystem noch stärker marginalisiert werden könnten (so Burundi,

Äthiopien, Uganda, Ruanda und Kambodscha), ist es möglich, dass gewisse Staaten

marginalisiert werden, sprich: von der Peripherie 1 in die Peripherie 2 absteigen. Dazu

gehören in ersten Linie die Elfenbeinküste und Ghana, die zu einem grossen Teil durch


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 103

Kakaoexporte in die Weltwirtschaft eingebunden sind. Möglich wäre eine Marginalisierung

ebenfalls bei den zuckerexportierenden Staaten Fiji, Guatemala, Guyana und Mauritius.

Auch Kamerun scheint durch den Wegfall seines Kakaoexportanteils betroffen zu werden.

Folgendes Fazit drängt sich auf: Während bereits marginalisierte Staaten bei der weltweiten

Einführung von Rohstoffsubstituten selbst in der marginalisierten Zone noch weiter marginalisiert

werden können, ist es möglich, dass einige Staaten aus der Peripherie 1 in die

Peripherie 2 absteigen. Gewisse Staaten der Semiperipherie 2 hingegen könnten von den

substitutiven Biotechniken profitieren (beispielsweise die palmölproduzierenden Staaten

Malaysia und Singapur) und vermehrt auch Rohstoffe der Peripherie 1 produzieren. Durch

den Einsatz der substitutiven Biotechniken kann demzufolge eine verstärkte Polarisation im

Weltsystem prognostiziert werden.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 104

9. Technikbewertung in einer globalisierten Welt

Die Technikfolgenabschätzung mit der Gestaltung unterschiedlicher Szenarien kommt im

Kapitel 7 zum Schluss, dass aufgrund potentieller biotechnischer Rohstoffsubstitutionen eine

Teilmarginalisierung der Peripherie 1 am plausibelsten ist. Die Länderprognosen im Kapitel

8 zeigen, dass bereits marginalisierte Staaten möglicherweise noch stärker marginalisiert

werden und dass gewisse Staaten der Peripherie 1 in die Peripherie 2 absteigen könnten

(allen voran die Elfenbeinküste und Ghana). Die Diskussion dieser Ergebnisse zeigt, dass die

substitutiven Biotechniken bei geeigneten politischen Rahmenbedingungen sehr wohl

Weltsystemstrukturen verändern können und mit einer verstärkten Polarisierung im

Weltsystem gerechnet werden muss.

Nach der eigentlichen Technikfolgenabschätzung stellt sich nun erstens die Frage nach der

Zuständigkeit der Akteure im Bereich der Technikbewertung und zweitens nach den Lösungsmöglichkeiten.

Inwieweit kann die Weltgesellschaft Technik bewerten, in dem Sinne, dass

legitimierte Akteure über die (Un)Erwünschtheit einer bestimmten Technik bestimmen

können, und welche Akteure eignen sich dazu in einer globalisierten Welt?

9.1 Das Konzept 'Global Governance'

Die Technikbewertung, wie bereits schon im Kapitel 2 besprochen, liegt in den Händen der

Politiker oder Wähler, jedenfalls nicht in denjenigen des Wissenschaftlers, da es sich um eine

nicht-wissenschaftliche, normative Bewertung von möglichen Folgen und Lösungen handelt.

Mögliche Technikfolgenpotentiale und Lösungsvorschläge müssen innerhalb der

Gesellschaft diskutiert werden. Wie Tabelle 2.1 bereits zeigte, sind die

Technikbewertungsakteure heterogen auf verschiedenen Ebenen anzusiedeln: Sowohl die

internationalen Regimes der UNO, der WTO, der OECD und der EU als auch

nationalstaatliche Akteure, Unternehmen und Bürgerinitiativen betreiben

Technikbewertung. Somit sind Nationalstaaten nicht alleine legitimiert, Technikbewertung

zu veranstalten.

Die Risiken neuer Technologien werden seit der Diffusion der Informations- und Kommunikationstechnologien

vermehrt in bezug auf die gesamte Welt diskutiert. Auch die

Diffusion der Biotechnologie kann – wie in dieser Arbeit gezeigt wurde – die

Weltsystemstrukturen verändern. Deshalb sollte sich die Institutionalisierung der

Technikbewertung naheliegenderweise auf derselben Ebene befinden, auf der sich

Technikfolgen bemerkbar machen: nämlich auf der globalen. Renate Mayntz sieht jedoch

bezüglich einer globalen Technikbewertung in der jetzigen Situation Schwierigkeiten:

„Unter den gegenwärtigen Bedingungen weltweiten Wettbewerbs nicht nur

zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen Nationen und Militärbündnissen,

wird es keiner einzelnen Regierung gelingen, die Weiterentwicklung einer politisch

unerwünschten Technik zu verhindern, solange diese Wettbewerbsvorteile verspricht.“

(Mayntz 1991: 55)

Da die Einführung biotechnischer Rohstoffsubstitute allerdings nicht per se rentabel ist und

somit Wettbewerbsvorteile und Rentabilitäten erst politisch geschaffen werden müssen,

kann eine Technikbewertung auf globaler Ebene den Erfolg von biotechnischen

Rohstoffsubstituten beeinflussen.

Das Konzept der Global Governance, vorgeschlagen durch den programmatischen Text 'Our

global Neighbourhood' der 'Commission on Global Governance' (Commission on Global

Governance 1998 [1995]), repräsentiert die Neuerungen im Bereich der politischen

Handlungsfähigkeit auf globaler Ebene. Das System zwischenstaatlicher Beziehungen und


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 105

deren Regulation durch internationale Regime soll neu durch

Nichtregierungsorganisationen (NGOs 63 ), multinationale Konzerne und die Institution des

globalen Finanzmarkts erweitert werden (Commission on Global Governance 1998: 1). Die

Global Governance bildet somit ein Kontrastprogramm zu den bis jetzt bestehenden

Hegemoniekonzepten. Durch dieses politische Handlungskonzept werden in erster Linie

starre nationalstaatliche Strukturen aufgebrochen und Akteure sowohl transnationaler wie

auch regionaler Ebenen zugelassen:

„Global Governance verlangt vor diesem Hintergrund die Akzeptanz geteilter

Souveränitäten durch Übertragung von Handlungskompetenzen auf lokale, regionale

und globale Organisationen zur Lösung von Problemen, die Nationalstaaten

nicht mehr im Alleingang lösen können.“ (Messner und Nuscheler 1997: 343/344)

Zweitens soll Global Governance die Zusammenarbeit von internationalen Regimen

verdichten. Und drittens meint Global Governance die Orientierung der Politik am Weltgemeinwohl:

„Auch im internationalen Rahmen gilt, dass Demokratisierung, der Abbau von

Entwicklungsdisparitäten und wirtschaftliche Verflechtung die Kooperationsfähigkeit

zwischen Nationen tendenziell verbessern.“(Messner und Nuscheler 1997: 344)

Die folgende Abbildung 9 stellt die verschiedenen Ebenen der Global Governance dar:

Abbildung 9: Global Governance

lokale Politik

UNO-Organisationen

Nationalstaat

Global

Governance

Quelle: Messner und Nuscheler 1997: 346

internationale Regime

(bsp. WTO)

(nationale und globale)

Zivilgesellschaft

regionale

Integrationsprojekte

(EU, ASEAN u.a.)

Während der Nationalstaat, die internationalen Regime, die regionalen Integrationsprojekte

und die UNO-Organisationen bereits seit längerer Zeit den transnationalen

Handlungsbereich repräsentierten, stellt die zusätzliche Einbettung der lokalen Politik und

der nationalen und globalen Ziviligesellschaft ein Novum dar. Im folgenden möchte ich der

63 NGOs (Non-governmental organizations) oder NROs (Nicht-Regierungs-Organisationen) werden aufgrund

ihrer Bezeichnung negativ definiert: darunter fallen alle Organisationen, die nicht durch den Staat gegründet

wurden, also auch Lobbyorganisationen der Wirtschaft. Verschiedene Konzepte versuchen, diesen Begriff zu

unterteilen (vgl. auch Klein 1997: 318 ff.). Ich werde im weiteren den Begriff der NGOs als Bezeichnung

derjenigen Organisationen des 'Non Profit'- Bereichs verwenden, die nicht-private Interessen verfolgen und

im Sinne einer 'Anwaltschaft' für die Belange der Menschheit eintreten.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 106

Frage nachgehen, inwiefern eine globale, demokratische Technikbewertung mittels

Einbindung der globalen Zivilgesellschaft in internationale Organisationen möglich ist und

ob die globale Zivilgesellschaft geeignet ist, stellvertretend für und legitimiert durch die

Weltbürger im Sinne eines partizipativen Verfahrens Technikbewertung zu betreiben.

9.2 Die Zivilgesellschaft als korrektive Instanz

Der Begriff der Zivilgesellschaft existiert bereits seit einiger Zeit, bezog sich bis anhin jedoch

vor allem auf den Nationalstaat. Zwischen Markt und Staat verortet, bezeichnet sie einen

Raum des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der nicht durch den Staat konstituiert wird

(Altvater 1997: 254).

Antonio Gramsci gilt als einer der Vertreter der Zivilgesellschaft im nationalstaatlichen

Rahmen. Bereits Anfang dieses Jahrhunderts definierte er die Zivilgesellschaft als nichtöffentliche,

private Ebene der Gesellschaft (Gramsci 1991: 1502). In der Zivilgesellschaft wird

die kulturelle Hegemonie geschaffen (vgl. im folgenden mit Demirovic 1998: 101ff.). Private

Hegemonieapparate wie die Kirche, Schulen, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Wissenschaftsgesellschaften

usw. organisieren den nationalstaatlichen Konsens. Einzelne Gruppen

bilden diese kulturellen Hegemonieapparate der Zivilgesellschaft, von Gramsci als

Intellektuelle bezeichnet. Diese gelten als „'Gehilfen der herrschenden Gruppe“ (Gramsci

1991: 1502), indem sie durch ihren Status Übereinstimmung in Bewertungen und folglich

Konsens unter der Bevölkerung erzeugen. Die Zivilgesellschaft im Sinne Gramscis dient

mittels der kulturellen Deutung der Intellektuellen als herrschaftssichernd.

Diejenigen Texte, die sich mit der globalen Zivilgesellschaft (referiert wird auch auf die

transnationale und die internationale Zivilgesellschaft) beschäftigen, deuten den Begriff der

nationalstaatlichen Zivilgesellschaft, der die herrschaftssichernde Funktion der

Intellektuellen herausstreicht, um in eine herrschaftsfreie Kommunikation, bei der alle

teilnehmen können. Die globale Zivilgesellschaft gilt als „die Infrastruktur und der Ort einer

als herrschaftsfrei gedachten öffentlichen Kommunikation und Selbstorganisation

demokratischer Aktivbürger“ (Demirovic 1998: 104).

Nebst den multinationalen Konzernen, die sich schon seit einiger Zeit global betätigen, treten

transnationale soziale Bewegungen neuerdings verstärkt auf dem globalen Parkett auf. Ihre

Entstehung wird nicht auf die wirtschaftliche, sondern auf die kulturelle Globalisierung

zurückgeführt: die westliche Bildungs- und Wertediffusion begründet die transnationale

Zivilgesellschaft (Bornschier 1997: 440). Zudem schaffen weltweit operierende

Massenmedien (Stichwort CNN) eine Weltöffentlichkeit (Shaw 1998: 241/242; Herzka 1995).

Die Kommission der 'Global Governance', die von 28 (ehemaligen) Staatspräsidenten geführt

wird, beschreibt die Zivilgesellschaft folgendermassen:

„This term covers a multitude of institutions, voluntary associations, and networks -

women's groups, trade unions, chambers of commerce, farming or housing cooperatives,

neighbourhood watch associations, religion-based organizations, and so

on. Such groups channel the interests and energies of many communities outside

government, from business and the professions to individuals working for the welfare

of children or a healthier planet.“ (Commission on Global Governance 1998: 13)

Die Bewegung der Nichtregierungsorganisationen kann als „Organisationskern einer zwar

noch schwach entwickelten, aber global orientierten „internationalen Zivilgesellschaft“ mit

der Vision einer Welt-Bürgerschaft“ (Messner und Nuscheler 1997: 339) bezeichnet werden.

NGOs können Beobachterstatus bei internationalen Organisationen einnehmen, als

sachkompetente Berater und als Vertreter in Regierungsdelegationen auf globaler Ebene

aktiv werden. Anthony Giddens beschreibt in einem Zeitungsinterview die aktive Teilnahme

der globalen Zivilgesellschaft und gibt ein Beispiel der von ihm genannten Sub-Politik:


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 107

„Viele Leute arbeiten unterhalb der politischen Ebene, aber oberhalb der Ebene des

Nationalstaates und bilden eine Art globaler Infrastruktur. Sie beschäftigen sich zudem

mit Fragen sozialer Gerechtigkeit und der Ökologie. Denken Sie an die Rolle von

Greenpeace in der Konfrontation mit Shell. Das war eine wichtige Auseinandersetzung

zwischen zwei Versionen der Globalisierung.“ (Giddens 1998: 2)

Die Zivilgesellschaft soll als Korrekturinstanz in denjenigen Feldern auftreten, in denen

Nationalstaaten über keine umfassende Handlungsautonomie verfügen (vgl. im folgenden

mit Messner und Nuscheler 1997: 349f.). Zivilgesellschaftliche Institutionen (beispielsweise

Gewerkschaften, Unternehmensverbände und Umweltorganisationen) können diese Lücke

füllen. Sie können Problemfelder aufgreifen, um die sich der Nationalstaat nicht kümmert

und sich als relevante Vertreter innerhalb der Weltgesellschaft etablieren.

Trotzdem sollte in der stärkeren Beteiligung von Nichtregierungsorganisationen nicht das

alleinige Mittel zur Rückgewinnung politischer Handlungsfähigkeit auf globaler Ebene

gesucht werden. NGOs vertreten trotz ihres anwaltschaftlichen Anspruchs, wie andere

Organisationen auch, Partikularinteressen: „Aber die Überlagerung und Ergänzung von

Aktivitäten von Parlamenten, staatlichen Institutionen und privaten Organisationen können

zu deren wechselseitiger Demokratisierung beitragen.“ (Messner und Nuscheler 1997: 350)

Ausserdem ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Integration in NGOs zeitgleich auch

um eine Exklusion derjenigen handelt, die nicht an der globalen Zivilgesellschaft teilnehmen:

sei es aus Ablehnung oder aus Nicht-Vermögen aufgrund unzureichender Ressourcenausstattung

(beispielsweise Bildung, Zeit usw.).

Die Einbindung von NGOs in internationale Entscheidungssysteme wird nicht überall

angestrebt. Während die WTO oder der Internationale Währungsfonds als Institutionen des

Marktes nicht demokratisch legitimiert werden wollen, verhält es sich bei den UNO-

Konferenzen umgekehrt: „Hier wird die Partizipation gesellschaftlicher Akteure zur

Herstellung von Legitimation und Erzeugung von Glaubwürdigkeit durchaus gesucht.“

(Brunnengräber 1997: 263)

9.3 Biotechnische Rohstoffsubstitutionen als Thema der globalen Zivilgesellschaft

Als Beispiel der Schaffung internationaler Öffentlichkeit durch die globale Zivilgesellschaft

kann das vorliegende Thema gelten. Durch die Zusammenarbeit von Universitäten, NGOs

und internationalen Organisationen – im vorliegenden Fall die ILO und die OECD – war es

dem Thema der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen und seiner Auswirkungen auf

(semi)periphere Staaten möglich, international beachtet zu werden. Die Schaffung

internationaler Öffentlichkeit kann als Frühwarnungsmöglichkeit verstanden werden und

erfüllt so bereits teilweise das Ziel einer Technikfolgenabschätzung. Zur Verständnis des

Zusammenwirkens der verschiedenen Akteure werde ich den Lebenszyklus dieses Themas

veranschaulichen.

1985 wurde das Thema der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen zum ersten Mal angesprochen:

Martin Kenney und Frederick Buttel – Assistenzprofessoren der Agrarsoziologie

in den USA – wiesen in einem Artikel auf die möglichen Auswirkungen der Biotechnologie

auf (semi)periphere Staaten hin.

Gerd Junne, Professor der Internationalen Beziehungen in Amsterdam, begann bereits 1986

damit, verschiedene Artikel zu diesem Thema zu publizieren. Unter anderem auch aufgrund

seiner Initiative entstand der 'Biotechnology and Development Monitors', eine Publikation,

der diese Untersuchung grundlegende Informationen verdankt. Der Biotechnology und

Development Monitor wird vom Departement der Politischen Wissenschaften von

Amsterdam und dem niederländischen Aussenministerium finanziert und verarbeitet seit


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 108

1990 in seinen Artikeln biotechnologische Themen, die für (semi)periphere Staaten von

Interesse sind.

Nach Gerd Junne publizierte Henk Hobbelink 1988 Bücher zu diesem Thema. Henk

Hobbelink ist Agronom und Mitglied der NGO 'GRAIN' mit Sitz in Barcelona, die sich

hauptsächlich für den Schutz der Biodiversität einsetzt. Ebenfalls bereits Mitte der 1980er

Jahre folgten Publikationen im Communiqué des Rural Advancement Funds International

(RAFI), einer weiteren NGO, die Büros in Kanada und den USA unterhält. RAFI engagiert

sich hauptsächlich im Bereich der Biodiversität und der verantwortlichen

Technologieentwicklung im Bereich der Agrargesellschaften.

Darauf folgte 1989 die OECD mit einem Biotechnologie-Report, der bereits Prognosen über

die unterschiedliche Verwundbarkeit gewisser Länder in Bezug auf die biotechnischen Rohstoffsubstitutionen

aufstellte. Danach äusserten sich 1995 sowohl Regina Galhardi, Mitarbeiterin

der ILO, als auch das Technikfolgenabschätzungsbüro des Deutschen Bundestags

zur Fragestellung der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen und ihren Auswirkungen auf

den Nord-Süd-Handel.

Die Diffusion dieses Themas und der Einbezug der beteiligten Akteure zeigen die Schaffung

einer internationalen Öffentlichkeit durch das Wirken der globalen Zivilgesellschaft:

Ausgehend vom universitären Umfeld diffundierte die Fragestellung der biotechnischen

Rohstoffsubstitutionen zu den NGOs und weiter zu internationalen Organisationen und zu

politischen Akteuren. Anhand dieses Themas kann aufgezeigt werden, dass die globale

Zivilgesellschaft nicht nur allein durch NGOs begründet wird, sondern dass sich auch

Wissenschaftler und VertreterInnen internationaler Organisationen durch ihre Themenwahl

in die globale Zivilgesellschaft integrieren.

An der Diffusion dieses Themas lässt sich ebenfalls auch die Exklusion nicht-industrialisierter

Akteure beobachten und damit das drängende Problem der globalen Zivilgesellschaft diskutieren:

wie lassen sich auch (semi)periphere Akteure integrieren? Da dieses Thema vor allem

die Betroffenheit (semi)peripherer Produzenten untersucht, erstaunt es, dass diese kaum

selbst am Dialog teilnehmen. Die Diffusion des Themas der biotechnischen

Rohstoffsubstitutionen erinnert an die frühe Definition der Zivilgesellschaft von Antonio

Gramsci: Intellektuelle benennen relevante Themen in einem hierarchischen Dialog.

Betroffene und damit ein Grossteil der „demokratischen Aktivbürger“ (Demirovic 1998: 104)

bleiben aussen vor.

Dasselbe Problem wird sich auch bei der verstärkten Einbindung von NGOs im Konzept der

Global Governance zeigen: Ist es möglich, dass nur einige westliche NGOs die globale Zivilgesellschaft

repräsentieren? Gerade bei der Technikbewertung auf globaler Ebene – um

wieder zur anfänglichen Fragestellung zurückzukehren – erscheint eine Zivilgesellschaft, die

nur durch westliche NGOs repräsentiert wird, nicht legitimiert, die (Un)Erwünschbarkeit

einer Technik normativ zu diskutieren und mögliche Lösungsvorschläge zu erörtern.

Betroffene Akteure müssten ebenfalls in eine Technikbewertung und damit auch in die

Diskussion um Lösungsmöglichkeiten einbezogen werden.

Folgende Lösungsmöglichkeiten laden zur Diskussion ein:

1. Der altbekannte Ratschlag, die hauptsächliche Ausfuhr von in Monokulturen

erzeugten Rohstoffen aufzugeben und eine Exportdiversifizierung einzuleiten.

2. Die Entwicklung von alternativen Verwendungszwecken von potentiell

substituierbaren Rohstoffen (Panchamukhi/Kumar 1988: 222).

3. Kompensatorische Zahlungen des Zentrums an (semi)periphere Staaten zum

Ausgleich der verlorenen Exporterlöse (Panchamukhi/Kumar 1988: 222).


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 109

4. Das Labelling der Produkte, die biotechnische Rohstoffsubstitute enthalten: die

KonsumentInnen könnten durch ihre Wahlhandlungen ihre Bewertung der

Erwünschtheit dieser Technik kundtun und eventuell solidarisch mit

(semi)peripheren Akteuren handeln.

5. Das Abschliessen von langfristigen Abnahmeverträgen durch periphere Staaten mit

importierenden Staaten.

6. Die verstärkte Kontrolle des Exports genetischer Ressourcen (semi)peripherer Staaten

(Junne 1991a: 295).

Langfristig jedoch erscheint nur die Abkehr von der von David Ricardo geäusserten These

der 'komparativen Kostenvorteile', wonach (semi)periphere Staaten in der Produktion von

Rohstoffen einen natürlichen Vorteil haben, sinnvoll. Dieses an sich gute Rezept innerhalb

eines Marktaustausches, bei dem vollkommene Konkurrenz herrscht, verkehrt sich

angesichts der Machtasymmetrien zwischen Zentrums- und peripheren Staaten auf den

Agrarmärkten ins Gegenteil: Die doppelte Verzerrung der Weltagrarmärkte – bedingt durch

die Agrarpolitik der westlichen Industrieländer und der Marktmacht des internationalen

Grosshandels (Egger et al. 1992: 21) – verhindert die Umsetzung natürlicher komparativer

Kostenvorteile in Gewinne. Die Konzentration peripherer Staaten auf ihre komparativen

Kostenvorteile wird durch die Entwicklung biotechnischer Rohstoffsubstitute weiter in Frage

gestellt.

9.4 Zusammenfassung

Als Vertreter der globalen Zivilgesellschaft, die aufgrund der kulturellen Globalisierung

entsteht, gelten NGOs. Diese können gemäss dem Konzept der Global Governance auf der

globalen Ebene Einfluss auf politische Entscheide nehmen. In einer globalen Technikbewertung,

die wegen der weltweiten Diffusion neuer Techniken notwendig wird, erscheint

die Teilnahme der NGOs im Sinne eines partizipativen Verfahrens wichtig. Gerade das

Thema der biotechnischen Rohstoffsubstitute scheint ein Paradebeispiel für die Arbeit der

globalen Zivilgesellschaft zu sein, die in einem Geflecht von Universitäten, NGOs und

internationalen Organisationen auf dieses Thema aufmerksam machte.

Nur stellt sich die Frage nach der Legitimität der bereits bestehenden globalen Zivilgesellschaft.

Wie anhand des vorliegenden Themas gezeigt wurde, nehmen hauptsächlich

westliche NGOs an der Diskussion teil, südliche NGOs bleiben ausgeschlossen. Gerade bei

der Bewertung von Lösungsvorschlägen scheint dies problematisch zu sein. Da sich das

Nord-Süd-Gefälle auch im Bereich der globalen Zivilgesellschaft reproduziert, müsste, damit

eine tatsächliche Legitimierung der globalen Zivilgesellschaft erreicht wird, ein

'Empowerment' der kleinen NGOs in (semi)peripheren Staaten stattfinden. Der globalen

Zivilgesellschaft darf nicht derselbe Fehler unterlaufen wie der ökonomischen

Globalisierung, die sich allein aufgrund einer verstärkten westlichen Vernetzung

euphemistisch als globale Vernetzung bezeichnet, sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 110

10. Schlussfolgerung

Im Zentrum dieser Arbeit stand der Versuch, die makrosoziologische Fragestellung zu

beantworten, ob die Einführung biotechnischer Rohstoffsubstitute zukünftig die

Weltsystemstruktur verändern kann.

Da es sich bei dieser Fragestellung um eine Frage nach zukünftigen Ereignissen handelt,

erschien die Technikfolgenabschätzungsmethode geeignet, mögliche Folgen aufzuzeigen. Die

Ermittlung potentieller Handlungsoptionen versuchte, die Technikbewertung und damit die

normative Einschätzung der (Un)Erwünschbarkeit der biotechnischen

Rohstoffsubstitutionen auf globaler Ebene zu verorten und die globale Zivilgesellschaft zur

Demokratisierung der Technikbewertung einzubinden.

Kurz zusammengefasst lieferte diese Arbeit folgende Ergebnisse: Die Biotechnologie kann

im Agrar- und Nahrungsmittelbereich als Substitutionstechnologie bezeichnet werden, da sie

primär keine neuen Produkte erzeugt, sondern bereits bestehende verändert. Die Rationalisierungsbestrebung

dieser Technologie richtet sich auf den Faktor Boden. Durch ihren

Substitutionscharakter kann die Biotechnologie Rohstoffexporte (semi)peripherer Staaten

verdrängen. Identifiziert wurden sieben Rohstoffgruppen, die durch die Biotechnologien der

zweiten Generation (Enzymtechniken, Produktion einzelliger Proteine und Gewebekulturtechniken)

substituiert werden können. Es sind dies: Tierfutterbestandteile (Erdnussmehl,

Fischmehl, Sojabohnen), Pflanzenöle (darunter vor allem Kakaobutter), Zucker und Thaumatin,

Kaffee, Gummiarabikum und Kautschuk, Vanille und Pyrethrum.

Nach der Identifikation der relevanten Techniken und der Rohstoffe wurde das gesellschaftliche

Umfeld betrachtet. Das Weltsystem zeichnet sich durch Handelsasymmetrien aus:

Während das Zentrum und die Semiperipherie 1 hauptsächlich verarbeitete Güter

exportieren, sind die Semiperipherie 2 und die Peripherie 1 mittels Rohstoffexporten

eingebunden. Die 'Vierte Welt' ist handelsmässig nicht im Weltsystem integriert und damit

marginalisiert. Auch die ökonomische Globalisierung verändert die Weltsystemstruktur

nicht wesentlich, findet der verstärkte internationale Handel doch hauptsächlich im Zentrum

und in den Schwellenländern statt. Periphere Staaten bleiben weiterhin aussen vor.

Die WTO als Agentin des Freihandels und Vertreterin der politischen Globalisierung kann

durch die Unterzeichnung des TRIPS-Vertrags vermehrt Anreize zu biotechnischen Substitutionen

geben, da die durch Patentierung erzeugte Monopolrente weltweit geschützt wird.

Auch das 'Agreement on Agriculture' des GATT, das in erster Linie peripheren Staaten

nutzen soll, da es die Exportsubventionen auf Agrarrohstoffe industrialisierter Staaten

reduziert, kann aufgrund der zu vermutenden steigenden Rohstoffpreise auf den

Weltmärkten Anreize zur Rohstoffsubstitutionen geben.

Zwei institutionelle Akteure zeigen sich hauptsächlich für den technischen Fortschritt

verantwortlich: der Staat und die multinationalen Unternehmen. Der weltweite Biotechnologiemarkt

ist durch multinationale Konzerne oligopolistisch strukturiert. Während die

Kooperation zwischen dem Staat und der Industrie in den Zentrumsländern funktioniert, ist

sie in peripheren Staaten mit Ineffizienzen versehen. Die Kooperation zwischen Staaten und

Unternehmen erzeugt nationalstaatliche technologische Potentiale. Diese sind analog zum

Zentrum-Peripherie-Gefälle ungleich verteilt.

Das Fallbeispiel der Zuckersubstitution durch den High Fructose Corn Syrup HFCS in den

USA und Japan verdeutlichte, dass es zur Durchführung einer Rohstoffsubstitution

geeignete politische Rahmenbedingungen und die politische Schaffung von Rentabilität

bedarf: Hätten sowohl die USA wie auch Japan den Zucker zu Weltmarktpreisen eingekauft,

hätte sich die Substitution durch den maishaltigen HFCS nicht gelohnt. Die

Alternativstrategien der beiden betroffenen Zuckerexporteuren Brasilien und den


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 111

Philippinen zeigte, dass (semi)periphere Staaten unterschiedliche Kapazitäten zur

erfolgreichen Entwicklung von Alternativstrategien aufweisen: Während Brasilien mit dem

überschüssigen Rohzucker die Ethanolproduktion ankurbelte, versagte die Umstellung weg

von der Zuckermonokultur der Philippinen.

Die Szenariogestaltung zeigte, dass mit drei Substitutionen zu rechnen ist: erstens mit der

Zentrum-Peripherie-Substitution, zweitens mit der Peripherie-Peripherie-Substitution und

drittens mit der innerstaatlichen Substitution von kleinen zu grossen Bauern. Bezüglich der

Veränderung der Weltsystemstruktur ergab die Szenariogestaltung als plausibelste Lösung

und unter der Annahme, dass biotechnische Rohstoffsubstitutionen zukünftig in grösserem

Masse rentabel werden, die Teilmarginalisierung einiger Staaten der Peripherie 1, die mittels

potentiell substituierbaren Rohstoffexporten in das Weltsystem integriert sind. Da sich das

Zentrum mit Hilfe der substitutiven Biotechniken selbst mit tropischen Rohstoffen versorgen

könnte, würde die Nachfrage auf den Weltmärkten abnehmen. Bei einer Überproduktion der

tropischen Rohstoffe im Zentrum würden die industrialisierten Staaten auf den Weltmärkten

mit den Exporten der (semi)peripheren Staaten in Konkurrenz treten. Da gewisse periphere

Staaten aufgrund der biotechnischen Rohstoffsubstitutionen im Zentrum ihre tropischen

Rohstoffe nicht mehr exportieren könnten, würden die Rohstoffexporte dieser Länder und

ihre Exporteinnahmen drastisch sinken. Ein Abstieg in die marginalisierte Zone des

Weltsystems wäre möglich.

Als verwundbarste Staaten (aufgrund ihrer kritischen Exportstruktur und ihrer Technologieschwäche)

wurden bei der Kakaobuttersubstitution durch Palmöl Ghana und die

Elfenbeinküste identifiziert. Eine Zuckersubstitution könnte vor allem Mauritius, Fiji und

Guyana hart treffen. Kambodscha scheint bei der Kautschuk-Substitution am

verwundbarsten. Und bei einem Verdrängungswettbewerb aufgrund der

Gewebekulturanwendung beim Kaffee scheinen Burundi, Äthiopien, Uganda und Ruanda

stark betroffen. Die Vanillesubstitution trifft die Kleinbauern Madagaskars am stärksten, die

Kleinbauern Kenyas sind bei der Pyrethrumsubstitution am verwundbarsten.

Eine Veränderung der Weltsystemstruktur könnte folglich in einer verstärkten Polarisation

bestehen. Die Länderprognosen zeigten, dass Burundi, Ruanda, Äthiopien, Uganda und

Kambodscha, die bereits den LLDC-Status haben, durch die Substitutionsbestrebungen im

Bereich des Kaffees innerhalb der marginalisierten Zone noch weiter marginalisiert werden

könnten. Als potentielle Absteiger von der Peripherie 1 in die marginalisierte Zone gelten

vor allem die Elfenbeinküste und Ghana. Diese könnten bei einer erfolgreichen

Kakaosubstitution durch Palmöl bis zur Hälfte ihrer Exporteinnahmen verlieren. In der

gleichen Zeit könnten gewisse Staaten der Semiperipherie 2 stärker in die Weltwirtschaft

integriert werden, da sie durch die erfolgreiche Anwendung der substitutiven Biotechniken

die Rohstoffanteile der Staaten der Peripherie 1 übernehmen könnten. Als Beispiel kann

Malaysia angeführt werden, das mit einer aggressiven Agrarpolitik den Anbau des

preisgünstigeren Palmöls fördert, das durch die Anwendung von Enzymtechniken die

Kakaobutter verdrängen könnte. Der Trend der Abspaltung der Peripherie 2, der sich seit

den 1960er Jahren zeigt, kann folglich durch die Einführung von biotechnischen Rohstoffen

im Weltsystem noch weiter verstärkt werden.

Die Technikbewertung fragte schliesslich nach der gesellschaftlichen Regulation von

Technikfolgen. Da – wie gezeigt wurde – Biotechniken der zweiten Generation die

Weltsystemstruktur möglicherweise verändern können, ist die angebrachte Perspektive die

globale Ebene. Das Konzept der Global Governance versucht, die durch die ökonomische

Globalisierung beschnittene Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten auf globaler Ebene zu

reinstitutionalisieren. Mittels Einbindung der globalen Zivilgesellschaft, die durch den Prozess

der kulturellen Globalisierung entsteht, erscheint es möglich, Technikbewertung auf globaler

Ebene zu demokratisieren. Zur Legitimation der Vertretung der globalen Zivilgesellschaft

durch NGOs und deren Demokratisierung fehlt die Teilnahme der südlichen NGOs. Diese


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 112

ist unabdingbar, wird doch sonst die globale Zivilgesellschaft nur durch einige

industrialisierte NGOs repräsentiert, und Lösungsmöglichkeiten werden einseitig diskutiert.

Nachdem die Ergebnisse der Technikfolgenabschätzung und -bewertung bekannt sind, kann

der Bogen zurück zu Kapitel 1 und zur Diskussion gespannt werden, welche Logiken der

Entstehung von Technikfolgen zugrundeliegen. Diskutiert wurden die 'Eigenlogik des

technischen Fortschritts', die 'Logik der ökonomischen Verwertung' und die 'Logik der

Herrschaft'. Welcher Logik folgen nun die biotechnischen Rohstoffsubstitute und ihre

Verteilungseffekte?

Einmal mehr muss der 'Eigenlogik des technischen Fortschritts' widersprochen werden. Ich

möchte betonen, dass die Entwicklung und die Folgewirkungen einer neuen Technologie

nicht zwangsweise einem Technikdeterminismus folgt. Es sind nicht immer die

effizientesten und kostengünstigsten Techniken, die sich durchsetzen und ihr Umfeld

aufgrund einer Profitlogik zur Verwendung dieser Technik zwingen. Da viele bereits

entwickelte Rohstoffsubstitute nicht rentabel sind, kann einerseits darauf gewartet werden,

dass der technische Fortschritt diese Substitute rentabler macht. Andererseits können die

Forschungsakteure – und das zeigt das Fallbeispiel des HFCS – versuchen, auf politischem

Weg Rentabilitäten herzustellen. Aufgrund der machtvollen Akteure, die hinter der

Entwicklung der rohstoffsubstituierenden Biotechniken stehen (multinationale

Unternehmen), ist anzunehmen, dass in diesem Hinblick Einfluss ausgeübt wird.

Es stellt sich die Frage, ob die 'Logik der ökonomischen Verwertung' im Bereich der Rohstoffsubstitute

anzutreffen ist. Dies scheint schon eher einzutreffen, wie das Fallbeispiel des

HFCS zeigt. Nur: die Möglichkeit zur ökonomischen Verwertung musste hier zuerst durch

politische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Erst das erfolgreiche Lobbying der

Zuckerproduzenten in den USA und die darauffolgende Erhöhung der Zuckerpreise im

Binnenmarkt erzeugten monetäre Anreize zur Zuckersubstitution durch den maishaltigen

Sirup. Weiter zeigt die Analyse der regulierenden Mechanismen der WTO, dass die

Agrarweltmärkte nicht allein naturgesetzlichen Marktimperativen folgen. Sie sind durch

Machtkonstellationen potenter Akteure sozial konstruiert, wie das beispielsweise auch die

Propagierung des TRIPS-Vertrags durch die industrialisierten Staaten zeigt. Es scheint mir

wichtig zu betonen, dass Effizienz und Rentabilität immer auch im Hinblick auf das durch

soziale Akteure gestaltete ökonomische System zu betrachten sind und diese Begriffe deshalb

einen relativen Charakter haben. So können auf der Ebene der Weltagrarmärkte nicht zwei

getrennte Systeme, ein ökonomisches und ein politisches, identifiziert werden. Vielmehr

durchdringen sich diese beiden: das politische System folgt ökonomischen Imperativen, die

es selbst erzeugt.

So scheint die 'Logik der Herrschaft ' doch die bestimmende Grösse zu sein, die die Folgen bei

der Einführung von biotechnischen Rohstoffsubstituten im Weltsystem modelliert. Allgemein

formuliert muss die Durchsetzung bestimmter Techniken in bezug auf das politische

System betrachtet werden: Die Einführung gewisser Technologien sollte demzufolge immer

auch als Mittel der Machtausübung potenter Gruppen verstanden werden.

Ebenfalls kann angenommen werden, dass die Verteilungseffekte als ein wichtiger Teil der

Technikfolgen bei der Einführung von biotechnischen Rohstoffsubstituten die Ungleichheit

im Weltsystem perpetuieren oder sogar verschärfen: Während die substitutiven

Biotechniken hauptsächlich multinationalen Unternehmen und eventuell den

KonsumentInnen im Zentrum zugute kommen könnte, scheinen Rohstoffproduzenten, die

einen hohen Exportanteil von potentiell substituierbaren Rohstoffen haben, benachteiligt zu

sein. Es scheint sich deshalb um keine integrative, sondern um eine polarisierende Technik

zu handeln. Dieses Ergebnis verneint einen allgemeinen 'trickle down-Effekt', der

beispielsweise von Carlota Perez unterstellt wird. Technischer Fortschritt muss so nicht per

se zu einer allgemeinen Wohlstandserhöhung führen, bestimmte Verteilungsmechanismen

können ebenfalls eine vermehrte Ungleichheit – auch im Weltsystem – erzeugen.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 113

Gegenstand dieser Untersuchung waren Biotechnologien der zweiten Generation: Enzymtechnologien,

Gewebekulturtechniken und die Produktion der einzelligen Proteine.

Absichtlich wurde die Biotechnologie der dritten Generation, die Gentechnologie, nicht

angesprochen, da vorerst Substitutionseffekte von Biotechnologien der zweiten Generation

erwartet werden, während sich der Zeithorizont der Auswirkungen von gentechnisch

veränderten Rohstoffen noch weiter vergrössert. Die transgenen „Superpflanzen“ (Albrecht

1997: 182), die tolerant gegen Boden- und Klimaeigenheiten in allen klimatischen Zonen

sind, gibt es momentan noch nicht. Die einzigen transgenen Nutzpflanzen, welche

marktgängig sind, sind „[...] bis heute primär Produkte mit einer Toleranz gegen breit

wirkende Herbizide oder mit der Fähigkeit der Bildung eines Toxins gegen Schädlinge.“

(Albrecht 1997: 182)

Bereits heute wird allerdings versucht, transgene Pflanzen zu entwickeln, die zu neuen Substitutionsprozessen

Anlass geben könnten. Ein Beispiel ist der Transfer von Kakaogenen in

Sojapflanzen (Galhardi 1995: 647). Dieser Transfer könnte den Anbau des tropischen Kakaos

auch in unseren Breitengraden möglich machen und die peripheren Kakaoproduzenten

weiter benachteiligen. Aufgrund der zu erwartenden technischen Innovationen im Bereich

der Gentechnologie wird das Thema der biotechnischen Rohstoffsubstitute wohl noch länger

aktuell bleiben.


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 114

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Anhang

Anhang 1

Rohstoff Substitutive

Biotechnik

Substitut Funktion Forschungs-akteur Quelle

Erdnussmehl SCP SCP Tiernahrung UK-Firmen OECD 1989: 88

Fischmehl SCP SCP Tiernahrung UK-Firmen OECD 1989: 88

Fischmehl SCP SCP Tiernahrung Goodman et al.

1987: 129

Gummiarabikum

Gummiarabikum

bakterielle

Fermentation

Gewebekulturtechnik Acacia Senegal,

Klone

Kaffee biotechnologische

Herstellung

„Aragum 3000“ Dickungsmittel Tic Gums (USA) Katz et al.:

1996: 95

Kreuzung mit

Mascaro Kaffee

Dickungsmittel Tic Gums (USA) Hobbelink

1988: 41

Kaffee mit

weniger

Koffein

Madagaskar BDM 64 1990,

Nr. 3: 22

Kaffee Gewebekulturtechnik Kaffee, Klone Nahrungsmittel Synthelabo (F), Native

Plants (USA)

Kaffee Gewebekulturtechnik neue

Kaffeevarietäten

Verbesserung

des

Geschmacks

DNA Plant Technology

(USA)

BDM 1990, Nr.

3: 20

BDM 1990, Nr.

3: 22

Kaffee Gewebekulturtechnik Kaffee, Klone Nahrungsmittel A.V. Thomas (Indien) BDM 1993, Nr.

14: 8

Kaffee Gewebekulturtechnik Kaffee, Klone Nahrungsmittel KARI (Uganda), wird

von der EU und

CIRAD (F) unterstützt

Kaffee Gewebekulturtechnik Kaffee, in vitro Nahrungsmittel Kenya, Uganda,

Simbabwe

Kaffee arabica Gewebekulturtechnik Kaffee arabica,

Klone

Kaffee arabica Gewebekulturtechnik Kaffee arabica,

Klone

Kaffee arabica Gewebekulturtechnik Kaffee arabica,

Klone

Kakao biotechnologische

Herstellung

Kakao biotechnologische

Herstellung

neue Variante

einer Sojapflanze

Kakao Enzymtechnik günstigerer

Kakao aus

Malaysia

Kakao Enzymtechnik Malaysischer

Kakao

Kaffee mit

weniger

Koffein

BDM 1994, Nr.

20: 19

BDM 1994, Nr.

20: 20

CIRAD (F) BDM 1990, Nr.

3: 22

Nahrungsmittel Synthelabo (F), Native

Plants (USA)

Kaffee mit

weniger

Koffein

Palmöl Kakaobutterersatz

BDM 1990, Nr.

4: 20

CIRAD (F) BDM 1990,

Nr.4: 21/22

Nahrungsmittel Unilever (NL/UK) Katz et al. 1996:

93

Ajinomoto (J),

Genencor (USA), CPC

(USA)

Hobbelink

1988: 40

Nahrungsmittel Nestlé (CH) Hobbelink

1991: 87

Nahrungsmittel Mars (UK/USA) Hobbelink

1991: 87

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel Pennsylvania University

(USA)

64 BDM: Biotechnology and Development Monitor

Hobbelink

1991: 87


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 125

Rohstoff Substitutive

Biotechnik

Substitut Funktion Forschungs-akteur Quelle

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel DNAP (USA), Hershey

Food

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel Cadbury-Schweppes

(USA/UK), University

of Reading (UK)

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel Station des Cultures

Frutières (B)

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel IAEA/FAO

(Oesterreich)

Hobbelink

1991: 87

Hobbelink

1991: 87

Hobbelink

1991: 88

Hobbelink

1991: 88

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel University of Lille (F) Hobbelink

1991: 88

Kakao Gewebekulturtechnik industrielle

Produktion durch

Klone

Nahrungsmittel Multinationale Firmen Hobbelink

1988: 40

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsmittel Pennsylvania University

(USA), Nestlé

(CH), Hershey (USA)

Kakao Gewebekulturtechnik Kakao, in vitro Nahrungsmittel Nigeria, Ghana und

Elfenbeinküste

Kakao Protoplast-Fusion Kakao, neue

Hybridsorte

Nahrungsmittel Universität

Manchester (UK)

Kakao Protoplast Isolierung Nahrungsmittel Universität Liverpool

(UK)

Kakao Verbesserung in

Fermentation

Kakao (hohe

Qualität)

biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter biotechnologischeHers

tellung

Kakaobutter Biotechnologisch

Herstellung, Hefe

niedrige Kakao-

Qualitäten

Kakao (niedrige

Qualität)

Sucrosepolyester Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

andere

Pflanzenöle

BDM 1992, Nr.

10: 13

BDM 1994, Nr.

20: 20

Hobbelink

1991: 88

Hobbelink

1991: 88

Nahrungsmittel Katz et al. 1996:

93

Nahrungsmittel Katz et al. 1996:

93

Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

billige Öle Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Oliven- oder

Palmöl

Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Olivenöl Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Sojapflanze Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Sucrosepolyester Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Procter & Gamble

(USA)

Nestlé (CH) und

Calgene (USA)

Katz et al. 1996:

93

BDM 1991,

Nr.8: 8

Ajinomoto (J) Hobbelink

1991: 87

Fuji Oil (J) Hobbelink

1991: 87

USDA/ARS (USA) Hobbelink

1991: 88

Unilever (NL/UK) Katz et al. 1996:

93

Procter & Gamble

(USA)

Katz et al. 1996:

93

CPC Int'l (USA) Hobbelink

1991: 87


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 126

Rohstoff Substitutive

Biotechnik

Kakaobutter Enzymtechnik Palmöl,

minderwertige

Öle

Substitut Funktion Forschungs-akteur Quelle

Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik Palmöl Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik Öle Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik minderwertige

Öle

Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik Palmöl Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik,

Gewebekulturtechnik

Palmöl Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Enzymtechnik Speiseöl Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Gewebekulturtechnik Kakao, Klone Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter mutierte Hefe Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Kakaobutter Zellkulturtechnik Nahrungsm.,

Margarine,

Kosmetik

Ajinomoto (J), Unilever

(NL/UK)

Katz et al. 1996:

93

Genencor (USA) Hobbelink

1991: 87

KAO Corp. (J) Hobbelink

1991: 87

Unilever (UK/NL) Hobbelink

1991: 87

Ajinomoto (J) Katz et al. 1996:

93

Unilever (NL/UK) Katz et al. 1996:

93

Unilever (NL/UK) BDM 1990, Nr.

3: 10

Unilever (NL/UK),

Ajinomoto (J), Karlshamn

(S), CPC Inst.

(USA), Genencor

(USA), Ferrero

Cornell Universität,

Hershey, Nestlé (CH)

BDM 1992, Nr.

10: 13

Kenney/Buttel

1985: 74

Wessanan (NL) Hobbelink

1991: 88

Cornell Universität

(USA)

Hobbelink

1991: 87

Kakaoöl Fermentationstechnik Palmöl Frankreich Kenney/Buttel

1985: 76

Kautschuk Gewebekulturtechnik Kautschuk, Klone Gummi A.V. Thomas (Indien) BDM 1993, Nr.

14: 8

Kautschuk

(nat.)

Kautschuk

(nat.)

Biotechnologische

Herstellung

Biotechnologisch

Herstellung

nat. Kautschuk

produzierende

Plfanze

Guayule Gummi, Reifen,

Kondome

(Latex)

Kokosnussöl Gewebekulturtechnik Palmöl, Klone Margarinen,

Salben,

Kosmetik

Kokosnusspalme

Gewebekulturtechnik Kokosnusspalme,

Klone

Gummi US-Firmen Katz et al. 1996:

95

Margarine,

Salben,

Kosmetik

U.S. Departments,

U.W.-Firmen,

Rockefeller University

(USA),

Wissenschaftler in

Singapur

Malaysia in

Zusammenarbeit mit

Unilever (NL/UK)

National Chemical

Laboratory (Indien)

RAFI 1991, Juni

BDM 1995, Nr.

23: 7-10

BDM 1993, Nr.

14: 8-9


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 127

Rohstoff Substitutive

Biotechnik

Kokosnusspalme

Gewebekulturtechnik Kokosnusspalme,

in vitro

Substitut Funktion Forschungs-akteur Quelle

Margarine,

Salben,

Kosmetik

Ölpalme Gewebekulturtechnik Ölpalme, in vitro Speisefett,

Kerzen, Seifen

Ölpalme Gewebekulturtechnik Ölpalme, in vitro Speisefett,

Kerzen, Seifen

Palmöl Gewebekulturtechnik Palmöl, Klone Speisefett,

Kerzen, Seifen

Palmöl Gewebekulturtechnik Palmöl, Klone Speisefett,

Kerzen, Seifen

Pflanzenöle Biotechnologisch

Herstellung

Pyrethrum Biotechnologisch

Herstellung

Sucrosepolyester kalorienloses

Fett

Pyrethrum,

Substitut

Pyrethrum Enzymtechnik Pyrethrum,

Substitut

natürliches

Insektizid

natürliches

Insektizid

Pyrethrum Gewebekulturtechnik Pyrethrum, Klone natürliches

Insektizid

Pyrethrum Gewebekulturtechnik Pyrethrum, in

vitro

Pyrethrum Modifizierte

Mikroorganismen

Rohrzucker Gewebekulturtechnik Rohrzucker, in

vitro

natürliches

Insektizid

Pyrethrum natürliches

Insektizid

Elfenbeinküste,

Nigeria

OECD 1989: 89

BDM 1994, Nr.

20: 20

OECD 1989: 89

IRHO (F), ORSTOM Hobbelink

1991: 91

Unilever (UK/NL) Hobbelink

1991: 91/92

Simplesse Company

(Monsanto, USA)

AgriDyne

Technologies (USA)

McLaughlin Gormley

King (USA)

Universität von

Minnesota (USA)

BDM 1990, Nr.

3: 9

BDM 1992, Nr.

12: 22

BDM 1992, Nr.

13: 11

Kenney/Buttel

1985: 74

Kenya BDM 1994, Nr.

20: 20

AgryDyne

Technologies (USA)

BDM 1994, Nr.

21: 13

Süssstoff Kenya und Simbabwe BDM 1994, Nr.

20: 20

Sojabohnen SCP SCP Tiernahrung Hoechst (D), ICI (UK),

UDSSR

Hobbelink

1991: 94

Sojabohnen SCP SCP Tiernahrung ICI (UK), Hoechst Kenney/Buttel

1985: 76

Sojabohnen SCP Mais mit Zusatz

von Lysin

Sojabohnenmehl

Sojabohnenmehl

Tiernahrung Ajinomoto (J) BDM 1991, Nr.

9: 12

SCP SCP Tiernahrung Goodman et al.

1987: 129

SCP SCP Tiernahrung UK-Firmen OECD 1989: 88

Sojaöl Enzymtechnik Palmöl Speisefett,

Seifen, Kerzen

Thaumatin biotechnologischeHers

tellung

Thaumatin Biotechnologisch

Herstellung

industrielle

Produktion von

Thaumatin

Thaumatin Gewebekulturtechnik Thaumatococcus,

Klone

Tierfutter

(traditionell)

Vanille Biotechnologisch

Herstellung

Lubrizol Company

(USA)

BDM 1995, Nr.

23: 6

Süssstoff Katz et al. 1996:

94

Thaumatin Süssstoff Katz et al. 1996:

94

Süssstoff Tate and Lyle (UK) Kenney/Buttel

1985: 74

SCP „Pruteen“ Tiernahrung ICI (UK) Katz/Sattelle

1991: 15

Vanille,

synthetisch

Aroma Rhône-Poulenc (F) BDM 1994,

Nr.18: 21

Vanille Gewebekulturtechnik Phyto-Vanille Aroma Katz et al. 1996:

95


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 128

Rohstoff Substitutive

Biotechnik

Vanille Gewebekulturtechnik industrielle

Produktion durch

Klone

Vanille Gewebekulturtechnik Vanilla planifolia,

Klone

Substitut Funktion Forschungs-akteur Quelle

Aroma Biotech-Firmen Hobbelink

1988: 40

Aroma D. Michael & Co.,

IPRI, Firmenich (F)

Hobbelink

1988: 41

Vanille Zellkulturtechnik PhytoVanilla Aroma ESCAgenetics (USA) BDM 1992, Nr.

11: 12

Vanille Zellkulturtechnik Vanille, Klone Aroma ESCAgenetics (USA),

D. Michaels (USA),

Universität Delaware

(USA)

Zucker Biotechnologisch

Herstellung

Zucker Biotechnologisch

Herstellung

Zucker Biotechnologisch

Herstellung

Zucker Biotechnologisch

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Zucker biotechnologische

Herstellung

Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Searle (Monsanto,

USA)

RAFI 1991, Juli

Hobbelink

1988: 38

Acefulsam-K Süssstoff Hoechst (D) Hobbelink

1988: 38

Sucralose Süssstoff Tate & Lyle (UK),

Johnson & Johnson

Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Thaumatin kalorienloser

Süssstoff

Ajinomoto (J),

Nutrasweet (USA)

BDM 1990, Nr.

2: 8

BDM 1991, Nr.

9: 11

Ingene (USA) Hobbelink

1991: 79

Süssstoff Süssstoff Meiji-Sheika (J) Hobbelink

1991: 79

Stärke Süssstoff Mitsubishi Chemicals

(J)

Maulbeerbaum Süssstoff Shakai Chemical

Industries (J)

Thaumatin Süssstoff University of Kent

(UK)

Thaumatin Süssstoff University of London

(UK)

Thaumatin Süssstoff Tate & Lyle (UK),

Unilever (NL/UK)

Zucker Enzymtechnik HFCS industrielle

Zuckerproduktion

Zucker Enzymtechnik HFCS Süssstoff Coca Cola, Pepsi Cola,

7-Up, Sunkist

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Zucker Enzymtechnik Thaumatin kalorienloser

Süssstoff

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Hobbelink

1991: 79

Hobbelink

1991: 80

Hobbelink

1991: 80

Hobbelink

1991: 80

Hobbelink

1988: 38

OECD 1989: 86

Hobbelink

1988: 38

Ajinomoto (J) Hobbelink

1991: 79

Asahi Chemicals (J) Hobbelink

1991: 79

Beatrice Foods (USA) Hobbelink

1991: 79

Bioeurope (F) Hobbelink

1991: 79

Blaise Pascal University

(F)

Hobbelink

1991: 79

Centro del CNR (I) Hobbelink

1991: 79


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 129

Rohstoff Substitutive

Biotechnik

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Substitut Funktion Forschungs-akteur Quelle

CSIRO (AUS) Hobbelink

1991: 79

Zucker Enzymtechnik Süssstoff Süssstoff Enzym Bio Systems

(USA)

Zucker Enzymtechnik Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Zucker Enzymtechnik HFCS-

Verbesserung

Süssstoff Michigan Biotech

Institute (USA)

Hobbelink

1991: 79

Genencor (USA) Hobbelink

1991: 79

Hobbelink

1991: 79

Zucker Enzymtechnik Süssstoff Süssstoff Mitsui Sugar (J) Hobbelink

1991: 79

Zucker Enzymtechnik Fructose Süssstoff Nabisco (USA) Hobbelink

1991: 79

Zucker Enzymtechnik Stärke Süssstoff Nippon Food (J) Hobbelink

1991: 80

Zucker Enzymtechnik Süssstoff Süssstoff Queens University

Ontario (C)

Zucker Enzymtechnik Süssstoff Süssstoff Science University of

Tokyo (J)

Zucker Enzymtechnik Thaumatin,

Aspartam

Zucker Enzymtechnik Süssstoff,

Aspartam

kalorienloser

Süssstoff

Hobbelink

1991: 80

Hobbelink

1991: 80

Tate & Lyle (UK) Hobbelink

1991: 80

Süssstoff WR Grace (USA) Hobbelink

1991: 80

Zucker Enzymtechnik Mais Süssstoff NOVO Industries (D) Hobbelink

1991: 80

Zucker Enzymtechnik,

Mikroben

Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Toyo-Soda (J) Hobbelink

1991: 80

Zucker Gewebekulturtechnik Stevia Süssstoff Hiroshiam University

of Medicine (J)

Zucker Gewebekulturtechnik Stevia Süssstoff Morita Chemical Co.

(J)

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Zucker Modifikation durch

Mikroben

Hobbelink

1991: 79

Hobbelink

1991: 79

Stevioside Süssstoff Dainippon (J) Hobbelink

1991: 79

Stärke Süssstoff Daiwa Chemicals (J) Hobbelink

1991: 79

Fructoseprodukti

on

Süssstoff Lotte INC. Hobbelink

1991: 79

Stevioside Süssstoff Nippon Tobacco (J) Hobbelink

1991: 80

Aspartam kalorienloser

Süssstoff

Thaumatin kalorienloser

Süssstoff

Showa (J) Hobbelink

1991: 80

Unilever (UK/NL) Hobbelink

1991: 80

Süssstoff Süssstoff USDA (USA) Hobbelink

1991: 80

Zucker Modifizierte Hefe Süssstoff Süssstoff Delft University (NL) Hobbelink

1991: 79

Zucker Modifizierte Hefe Süssstoff Süssstoff Kyoto University (J) Hobbelink

1991: 79

Zucker Zellkulturtechnik Monellin Süssstoff Lucky-Biotech (USA) Hobbelink

1991: 79


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 130

Zucker Zellkulturtechnik Monellin Süssstoff University of California

(USA)

Anhang 2

Ländersample R&D pro

Kopf (US $)

Afghanistan

Manpower

(Mio)

Patents to Residents

(Mio)

Albania 13

Algeria 37

Angola

Argentinia 20.182 352 123

Telephonhauptanschlüsse

(je 1000 Pers.)

Hobbelink

1991: 79

Australia 234.973 2115 65.062 471 2.450

Austria 330.210 1153 172.486 440 3.061

Bangladesh 0.028 2

Belgium 328.833 1691 67.432 425 2.408

Benin 2.335 177 3

Bhutan

Bolivia 11.729 221 33

Botswana 0.742 27

Techindex

Brazil 14.085 390 3.216 71 -2.110

Bulgaria 14.910 5641 144.510 275 3.083

Burkina Faso 2

Burundi 0.630 32 0.189 2 -2.757

Cambodia

Cameroon 5

Canada 292.826 2347 40.770 592 3.270

Central African Republic 54 2

Chad 1

Chile 24.674 363 4.629 94 -1.945

China 2.777 1124 0.965 10 -2.085

Colombia 1.948 85

Congo 7

Costa Rica 4.019 534 1.351 102 -1.927

Cote d'Ivoire 7

Cuba 32.857 1146 4.087

Czechoslovakia 104.964 4195 330.948

Denmark 468.692 2074 66.056 581 4.052

Domenican Republic 66

Ecuador 1.072 169 0.286 48 -2.436

Egypt 5.417 439 0.155 39 -2.313

El Salvador 24.040 27 0.960 31 -2.497

Ethiopia 3


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 131

Ländersample R&D pro

Kopf (US $)

Federal Republic of Germany

Manpower

(Mio)

Patents to Residents

(Mio)

Telephonhauptanschlüsse

(je 1000 Pers.)

520.729 2842 272.382 457 5.776

Finland 369.573 2283 187.276 544 4.538

Former U.S.S.R. 5871 289.775

Former Yugoslavia 31.579 1471 19.245

France 533.463 2071 147.810 525 4.723

Gabon 1.077 192 23

German Democratic Republic

7664 594.107

Ghana 3

Greece 42.229 54 487

Techindex

Guatemala 1.527 99 0.560 22 -2.607

Guinea 2

Haiti 0.453

Honduras 21

Hong Kong 3.298

Hungary 36.951 1936 114.672 125 0.067

India 2.799 145 0.538 8 -2.649

Indonesia 0.870 181 8

Irak 3.720

Iran 4.942 67 0.221 50 -2.466

Ireland 168.390 1737 6.832 314 0.636

Israel 295.649 47.345 353

Italy 217.120 1310 3.529 410 1.089

Jamaica 0.309 8 0.423 70 -2.414

Japan 825.009 5183 444.646 464 9.911

Jordan 2.857 119 71

Kenya 0.039 8

Korea Dem. Peoples of 123.783

Korea Republic of 145.820 1343 27.867 357 0.714

Kuweit 245

Lao Peoples Dem. Rep. 2

Liberia

Libyan

Madagaskar 0.726 23 3

Malawi 3

Malaysia 11.386 327 112

Mali 1

Mauritania 3

Mauritius 10.538 180 0.935 72 -2.257

Mexico 0.013 95 1.469 80 -2.305

Morocco 2.906 25

Mozambique 3


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 132

Ländersample R&D pro

Kopf (US $)

Manpower

(Mio)

Patents to Residents

(Mio)

Myanmar 2

Namibia 0.671 40

Nepal 3

Telephonhauptanschlüsse

(je 1000 Pers.)

Netherlands 368.449 2543 56.758 487 3.300

New Zealand 128.039 1560 68.539 449 1.575

Nicaragua 0.014 207 14

Niger 1

Nigeria 0.246 14 3

Norway 467.719 2882 70.026 529 4.262

Oman 74

Techindex

Pakistan 2.931 58 0.190 10 -2.690

Panama 0.080 0.422 97

Papua New Guinea 9

Paraguay 0.722 28

Peru 0.773 27

Philippines 0.616 10

Puerto Rico 317

Rumania 8.893 2582 120.681 113 0.292

Rwanda 1.501 12 2 -2.761

Saudi Arabia 93

Senegal 8

Sierra Leone 3

Singapore 271.775 1283 415

Somalia

South Africa 26.440 311 89

Spain 110.074 799 63.593 353 0.524

Sri Lanka 173 1.488 8

Sudan

Sweden 715.020 2712 244.057 682 7.511

Switzerland 926.031 2299 438.694 606 9.434

Syrien Arab Republic

Thailand 2.743 104 0.325 31 -2.554

Togo 4

Trinidad and Tobago 142

Tunesia 6.052 388 5.689 45 -2.262

Turkey 13.941 224 0.546 160 -1.760

Uganda 2

United Arab Emirates 321

United Kingdom 358.321 2417 73.974 473 3.253

United Republic of Tanzania 3

United States of America 650.000 3874 202.891 565 6.921

Uruguay 686 2.597 168

Venezuela 14.040 210 1.091 91 -2.124


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 133

Ländersample R&D pro

Kopf (US $)

Manpower

(Mio)

Patents to Residents

(Mio)

Telephonhauptanschlüsse

(je 1000 Pers.)

Techindex

Vietnam 0.964 334 0.475 2 -2.583

Yemen 11

Zaire

Zambia 0.385 9

Zimbabwe 2.083 12

Für Quellenangaben und Erklärungen der Indikatoren siehe Kapitel 4.

Anhang 3

Land SITC-

Kategorie

Äthiopien 071: Coffee

and substitutes

Argentinien

061: Sugar and

honey

081: Feeding

stuff for animals

Barbados 061: Sugar and

honey

Belize 061: Sugar and

honey

Burundi 071: Coffee

and substitutes

Costa Rica 071: Coffee

and substitutes

Dominik.

Rep.

LLDC-

Status

Exportanteil

(in % aller

Exporte)

Exportanteil

addiert

Exportquote

(in % des

BSP)

Ausfuhrkonzentrationsindex

ja 10.77 11.65 3.10 0.557 71

0.88

nein 11.27 11.27 6.00 0.153 3116

nein 18.16 18.16 10.00 2586

nein 36.41 36.41 26.80 0.446

ja 74.48 74.48 6.80 0.667 65

nein 13.48 13.48 27.60 0.303 2461

072: Cocoa nein 6.45 36.66 8 0.383

071: Coffee

and substitutes

061: Sugar and

honey

El Salvador 071: Coffee

and substitutes

Elfenbeinküste

061: Sugar and

honey

5.68

24.53

nein 29.06 36.87 7.30 0.238 1555

7.81

072: Cocoa nein 35.59 45.55 32.60 0.368 271

071: Coffee

and substitutes

Fiji 061: Sugar and

honey

9.96

nein 44.74 44.74 26.20 0.413 757

Ghana 072: Cocoa nein 25.96 25.96 13 0.465 127

Anz.

Studenten

pro 100'000

Einwohner


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 134

Land SITC-

Kategorie

LLDC-

Status

Exportanteil

(in % aller

Exporte)

Exportanteil

addiert

Exportquote

(in % des

BSP)

Grenada 072: Cocoa nein 12.24 12.24 9.70 0.294

Guadeloupe

061: Sugar and

honey

Guatemala 071: Coffee

and substitutes

061: Sugar and

honey

Guyana 061: Sugar and

honey

Honduras 071: Coffee

and substitutes

Kambodscha

061: Sugar and

honey

232: Natural

rubber, gum

18.18 18.18 0.437

Ausfuhrkonzentrationsindex

nein 21.46 34.22 13.10 0.219 714

12.76

nein 40.66 40.66 62.44 0.495 923

nein 21.3 23.6 21.6 0.457 884

2.3

ja 10.94 10.94 2.88 0.514 133

Kamerun 072: Cocoa nein 10.74 16.56 23.50 0.485 289

071: Coffee

and substitutes

232: Natural

rubber, gum

Kenya 071: Coffee

and substitutes

Kolumbien 071: Coffee

and substitutes

Kuba 061: Sugar and

honey

Madagaskar

071: Coffee

and substitutes

071: Coffee

and substitutes

061: Sugar and

honey

Mauritius 061: Sugar and

honey

Nicaragua 071: Coffee

and substitutes

061: Sugar and

honey

081: Feeding

stuff for animals

Peru 081: Feeding

stuff for animals

071: Coffee

and substitutes

Reunion 061: Sugar and

honey

4.36

1.46

nein 11.44 11.44 15.7 0.305 143

nein 16.12 16.12 16.00 0.238 1495

nein 56.40 58.49 0.560 2281

2.09

ja 10.72 14.4 9.8 0.285 283

3.68

nein 27.99 27.99 43 0.332 330

nein 17.25 31.45 18.9 0.289 861

12.93

1.27

nein 12.45 15.29 15.2 0.260 3161

2.84

68.24 68.24 0.674

Anz.

Studenten

pro 100'000

Einwohner


Carmen Baumeler: Biotechnologie ETH Zürich / Technikgeschichte / 18Preprint.doc / Seite 135

Land SITC-

Kategorie

Ruanda 071: Coffee

and substitutes

Tanzania 071: Coffee

and substitutes

Togo 071: Coffee

and substitutes

LLDC-

Status

072: Cocoa 3.79

081: Feeding

stuff for animals

Uganda 071: Coffee

and substitutes

Exportanteil

(in % aller

Exporte)

Exportanteil

addiert

Exportquote

(in % des

BSP)

ja 57.99 57.99 4.5 0.505

Ausfuhrkonzentrationsindex

ja 19.69 19.69 13.4 0.248 33

ja 5.62 10.99 16.9 0.491 282

1.58

ja 57.92 57.92 6.2 0.561 106

Vanatu 072: Cocoa ja 10.47 10.47 9.5 0.469

Für Quellenangaben und Erklärungen der Indikatoren siehe Kapitel 8.

Anz.

Studenten

pro 100'000

Einwohner


ETH Zürich / Institut für Geschichte / Preprints zur Kulturgeschichte der Technik

1. Barbara Orland, Zivilisatorischer Fortschritt oder Kulturdeformation? Die Einstellung des

Deutschen Kaiserreiches zur Technik. Paper entstanden nach einer Veranstaltung der Deutschen

UNESCO-Kommission und des Hessischen Volkshochschulverbandes zu Jugendstil und

Denkmalpflege, Bad Nauheim 1997. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1998 / 1.

2. Patrick Kupper: Abschied von Wachstum und Fortschritt. Die Umweltbewegung und die zivile

Nutzung der Atomenergie in der Schweiz (1960-1975). Lizentiatsarbeit Universität Zürich.

Eingereicht bei Prof. Dr. Hansjörg Siegenthaler, 1997. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik /

1998 / 2.

3. Daniel Speich, Papierwelten. Eine historische Vermessung der Kartographie im Kanton Zürich

des späten 18. und des 19. Jahrhunderts. Lizentiatsarbeit Universität Zürich. Eingereicht bei PD.

Dr. David Gugerli, 1997. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1998 / 3.

4. David Gugerli, Die Automatisierung des ärztlichen Blicks. (Post)moderne

Visualisierungstechniken am menschlichen Körper. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1998

/ 4.

5. Monika Burri, Das Fahrrad. Wegbereiter oder überrolltes Leitbild? Eine Fussnote zur

Technikgeschichte des Automobils Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1998 / 5.

6. Tobias Wildi, Organisation und Innovation bei BBC Brown Boveri AG 1970-1987. Lizentiatsarbeit

Universität Zürich. Eingereicht bei Prof. Dr. Hansjörg Siegenthaler, 1998. Preprints zur

Kulturgeschichte der Technik / 1998 / 6.

7. David Gugerli, Do accidents have mere accidental impacts on the socio-technical development?

Presentation at the Forum Engelberg, March 1999. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1999 /

7.

8. Daniel Speich, Die Finanzierung ausserordentlicher Arbeiten am Linthwerk. Historischer Bericht

im Auftrag der Linthkommission. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1999 / 8.

9. Angelus Eisinger, Die Stadt, der Architekt und der Städtebau. Einige Überlegungen zum Einfluss

der Architekten und Architektinnen auf die Stadtentwicklung in der Schweiz in den letzten 50

Jahren, Referat BSA Basel 24.06.1999. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 1999 / 9.

10. Regula Burri, MRI in der Schweiz. Soziotechnische, institutionelle und medizinische Aspekte der

Technikdiffusion eines bildgebenden Verfahrens. Studie im Rahmen des Projekts „Digitalizing the

human body. Cultural and institutional contexts of computer based image processing in medical

practice. The case of MRI in Switzerland“. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2000 / 10.

11. Daniel Kauz, Wilde und Pfahlbauer. Facetten einer Analogisierung. Preprints zur Kulturgeschichte

der Technik / 2000 / 11.

12. Beat Bächi, Diskursive und viskursive Modellierungen. Die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG und

die Ausstellung in ihrem Informationspavillon. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2001 /

12.

13. Daniela Zetti, Three Mile Island und Kaiseraugst. Die Auswirkungen des Störfalls im US-

Kernkraftwerk Harrisburg 1979 auf das geplante KKW Kaiseraugst. Preprints zur Kulturgeschichte

der Technik / 2001 / 13.

14. Patrick Kupper, From the 1950s syndrome to the 1970s diagnose. Environmental pollution and

social perception: How do they relate? Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2001 / 14.

15. David Gugerli, ‚Nicht überblickbare Möglichkeiten’. Kommunikationstechnischer Wandel als

kollektiver Lernprozess 1960-1985. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2001 / 15.

16. Beat Bächi‚ Kommunikationstechnologischer und sozialer Wandel: „Der schweizerische Weg zur

digitalen Kommunikation“ (1960 – 1985). Lizentiatsarbeit Universität Zürich. Eingereicht bei Prof.

Dr. David Gugerli, 2002. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2002 / 16.

17. David Gugerli, The Effective Fiction of Internationality. Analyzing the Emergence of a European

Railroad System in the 1950s. Preprints zur Kulturgeschichte der Technik / 2003 / 17.

18. Carmen Baumeler, Biotechnologie und Globalisierung: Eine Technikfolgenabschätzung.

Lizentiatsarbeit Universität Zürich. Eingereicht bei Prof. Dr. Volker Bornschier, 1999. Preprints zur

Kulturgeschichte der Technik / 2003 / 18.

Sämtliche Preprints sind als PDF-Dokumente auf http://www.tg.ethz.ch zugänglich.

Das Copyright liegt bei den Autorinnen und Autoren.

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