UniDAZ Magazin 2013 als PDF downloaden

unidaz.de

UniDAZ Magazin 2013 als PDF downloaden

Foto: fergregory – Fotolia.com

48 UniDAZ 01/2013 FeUIlleton

Feuilleton 01/2013 UniDAZ 49

Vom DynAmIt ZUR AngInA peCtoRIS­tHeRApIe

SPrengStoff aLS

arzneimitteL

Die wege neuer Arzneistoffe vom Reagenzglas ans krankenbett verlaufen oft sehr verschlungen und

nicht selten sind es eher beiläufige Beobachtungen aufmerksamer Forscher, die einem wirkstoff

letztlich zum Durchbruch verhelfen. So war es auch im Falle des glyceroltrinitrats, das zunächst als

Sprengstoff bekannt wurde, ehe man sein potenzial für die Angina pectoris-Behandlung erkannte.

Die Historie dieser wirksubstanz zeigt auf anschauliche und unterhaltsame weise, welch kuriose

geschichten nicht nur das leben, sondern auch die wissenschaft manchmal schreibt...

KleineS malheur –

durchSchlaGende wirKunG

1846 verschüttete der Chemiker Christian

Friedrich Schönbein bei Arbeiten im Labor

versehentlich ein Gemisch aus konzentrierter

Schwefel- und Salpetersäure. Er beseitigte

das kleine Malheur mit einem Baumwolltuch,

das er danach zum Trocknen an

den Ofen hängte, wo der säuregetränkte

Lappen nur wenige Augenblicke später im

Am 25. Oktober 1896 schrieb Alfred Nobel:

» Ist es nicht eine Ironie

des Schicksals,

Feuerschein explodierte. Schönbein erkannte,

dass die Baumwolle mit der Säuremixtur

reagiert hatte. Dabei war Cellulosenitrat entstanden,

das fortan unter der Bezeichnung

„Schießbaumwolle“ als Explosivmunition

eingesetzt wurde. Angeregt durch Schönbeins

Beobachtung, versuchte der Turiner

Arzt und Chemiker Ascanio Sobrero wenig

später, noch durchschlagendere Sprengstoffe

zu entwickeln. Unter anderem ver-

dass man mir die Einnahme von

Foto: Gösta Florman – wikipedia.de

Nitroglycerin verordnet.

Sie nennen es zwar Trinitrin,

aber doch wohl nur, um

Apotheker und Patienten

nicht zu erschrecken.«

setzte er Glycerol mit dem konzentrierten

Säuregemisch und erhielt auf diese Weise

Glyceroltrinitrat, das – chemisch inkorrekt

– häufig auch als Nitroglycerin bezeichnet

wird.

alFred nobel erFindet

daS dynamit

Die Wirkung von Glyceroltrinitrat übertraf

alle Erwartungen. Allerdings ließ sich

die Verbindung nicht gefahrlos handhaben.

Eine leichte Erschütterung, ein kleiner

Funke oder zu große Hitze genügten, um

die Substanz zum Explodieren zu bringen.

Sobrero selbst hatte sich bei einer solchen

Explosion schwere Gesichtsverletzungen

zugezogen. Da der italienische Forscher

trotz intensiver Suche keine Möglichkeit

fand, das Glyceroltrinitrat zu zähmen, zog

er sich aus der Explosivstoff-Forschung

zurück. So war es schließlich sein Schüler

Alfred Nobel, dem es 1866 doch noch gelang,

die Substanz sicherer zu machen. Er

vermischte sie mit Kieselgur zu einer Paste,

die sich zu Stangen formen und gezielt entzünden

ließ – damit hatte er das Dynamit

erfunden.

mediZiniScher einSatZ

bei anGina PectoriS

Unabhängig von seiner Verwendung als

Sprengstoff fand Glyceroltrinitrat schon

bald auch Eingang in die Medizin. Bereits

Sobrero hatte beobachtet, dass die Substanz

bei allen, die mit ihr hantierten, rote

Wangen, pochende Schläfen sowie anhaltende

Kopfschmerzen verursachte, was auf

eine Erweiterung der Blutgefäße und eine

erhöhte Pulsfrequenz hindeutete. Diese

Erkenntnis brachte den Londoner Arzt

William Murrell 1879 auf die Idee, Glyceroltrinitrat

könnte – in stark verdünnter

Form – für die Behandlung der Angina

pectoris geeignet sein. Dies erschien insofern

logisch, als bereits bekannt war, dass

die bei Angina pectoris-Anfällen auftretenden

Beklemmungsgefühle im Brustkorb

auf Gefäßverengungen und eine unzureichende

Durchblutung des Herzmuskels

zurückzuführen sind. In der Tat gelang es

mit Glyceroltrinitrat, die Durchblutung der

Herzkranzgefäße durch eine Weitstellung

der Blutgefäße zu steigern und so einen

Angina pectoris-Anfall rasch zu beenden.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde

von Murrells therapeutischen Erfolgen

und schon bald galt Glyceroltrinitrat bei

Angina pectoris als Mittel der Wahl.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine