Interview - Wirtschaftsförderung Wuppertal

wf.wuppertal.de

Interview - Wirtschaftsförderung Wuppertal

108 Standort-Check Wuppertal Im Interview

„Wir wissen, dass wir den

Unternehmen einiges aufbürden“

Peter Jung kommt aus der Wirtschaft, und mit soliden Tragwerken kennt er sich aus. Bevor Jung 2004

zum Oberbürgermeister von Wuppertal gewählt wurde, leitete er die P. Hermann Jung KG, die seit 150

Jahren Maurerkellen herstellt. Wirtschaftsblatt-Redakteur Karsten Sander sprach mit ihm und dem

Wuppertaler Wirtschaftsförderungschef Dr. Rolf Volmerig über die Chancen ausgeglichener Haushalte

und die Herausforderungen kommender Jahre.

Herr Oberbürgermeister, die Sanierung der kommunalen

Finanzen ist Wuppertals drängendstes Problem. Wird denn

nun der vorgelegte Haushaltssanierungsplan der endgültig

letzte sein?

Peter Jung: Wir haben ein sehr solides Paket geschnürt, daher

sage ich: nach menschlichem Ermessen, ja. Wir werden

im Jahr 2016 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen können,

den ersten seit 25 Jahren. Das ist eine historische Chance.

Möglich wird dies durch einen großen Kraftakt und harte Einschnitte

für viele.

Mit einer Anhebung des Gewerbesteuersatzes von 460 auf 490

Prozentpunkte ruft Wuppertal im Bergischen Land nun die

höchsten Sätze auf. Ist der Preis der Schuldensenkung für Unternehmen

nicht zu hoch?

Jung: Wir wissen, dass wir den Unternehmen, die sich auch

durch ihre Treue zum Standort Wuppertal auszeichnen, einiges

aufbürden. Doch wir mussten auf der Einnahmenseite nachsteuern.

Viele Gespräche mit Firmenleitungen haben mich aber

zu der Auffassung gebracht, dass das Ziel, die Schuldenfrei-

Bergisches Wirtschaftsblatt 2/12

heit, diesen Weg wert ist. Zudem haben die Unternehmen nun

Planungssicherheit. Das war das letzte Sparpaket. Wir dürfen

keine weiteren Schulden aufbauen und auch nicht mehr an der

Steuerschraube drehen. Wuppertal ist als Referenzgemeinde

für die Entschuldung von Großstädten im Strukturwandel unter

genauer Beobachtung.

Dr. Rolf Volmerig: Die Sanierung der kommunalen Finanzen

erhöht die Reaktionsfähigkeit der Stadt. Wir können ohne

die Fesseln eines Haushaltssanierungsplans beispielsweise

schneller dringend erforderliche Gewerbegebiete entwickeln,

was sich wiederum positiv auf die Entwicklungsmöglichkeiten

der Unternehmen und somit das Steueraufkommen auswirken

wird.

Haben Sie denn ausreichend Platz für neue Unternehmen oder

ansässige Betriebe, die wachsen wollen?

Dr. Volmerig: Das Interesse an Wuppertal stimmt. Mit unseren

Gewerbeflächen im Mittelstandpark VohRang sowie im

Engineering Park sind wir in der Lage, marktgängige Pakete

zu schnüren, was auch jüngst die Ansiedlung des Hebezeug-


Herstellers Columbus McKinnon belegt. Doch das Angebot in

einer topografisch schwierigen Stadt wie Wuppertal ist begrenzt.

Auch vor diesem Hintergrund ist die Sanierung der

Stadtfinanzen ungemein wichtig. Nur so sind wir in der Lage,

in Vorkasse zu gehen und neue Gelände auszuweisen.

Verfügt der Wirtschaftsstandort Wuppertal über ein Alleinstellungsmerkmal?

Dr. Volmerig: Die Stadt profitiert sehr von der hohen Gründerquote

der Bergischen Universität. Wir sind seit Jahren

in den Top 3 der Ranglisten für Hochschulen mit besonders

gutem Gründungsklima vertreten. Durch Angebote wie

dem Technologiezentrum W-Tec, das ohne Zuschüsse auskommt,

können die Start-Ups wachsen. 160 Unternehmen

haben hier eine Heimat gefunden. Sie werden mit den Jahren

selbst zu wichtigen Arbeitgebern und Steuerzahlern am

Standort. Wuppertal als Ganzes kommt auch zugute, dass

die Identifikation dieser Firmenlenker mit der Stadt ungemein

hoch ist.

Unternehmer haben viele Wünsche an den Oberbürgermeister,

aber was wünscht sich der Oberbürgermeister von seinen Unternehmern?

Jung: Glauben Sie mir, ich bin voll und ganz zufrieden. Die

Unternehmer unterstützen die Stadt in mannigfaltiger Weise,

sind kulturell, sozial und im Sport engagiert. Das Engagement

ist exzellent.

Welches ist aktuell Ihr wichtigstes Wirtschaftsförderungsprojekt?

Jung: Das ist ganz sicher der Döppersberg. Es geht um weit

mehr als die städtebauliche und funktionale Aufwertung des

Bahnhofsumfeldes. Es geht darum, eine Visitenkarte für die

Stadt zu entwickeln. Das Projekt wird das Image Wuppertals

erheblich aufwerten. Daher setzen wir volle Energie in seine

Umsetzung.

Dr. Volmerig: Erste positive Ergebnisse der Arbeit zeigen sich

schon. Die Planungen am Döppersberg haben weitere Investi-

Peter Jung Dr. Rolf Volmerig

Standort-Check Wuppertal

tionen entlang der Talachse nach sich gezogen, etwa die Ansiedlung

des Autohändlers Procar auf dem ehemaligen ELBA-

Gelände oder die Büroneubauten an der Ohligsmühle. Auch aus

diesem Grund hat das Gelingen des Döppersbergs einen unschätzbaren

Wert.

Wie stehen Sie zur Region?

Jung: Es geht nicht ohne unsere Partner vor Ort, ob im Bergischen

oder im Rheinland. Wuppertal gehört für mich klar zum

Rheinland. Deshalb freut es mich, dass die hiesige IHK dies

auch so sieht und nun ihrerseits die Rheinlandinitiative unterstützt.

Auch die Bergische Entwicklungsagentur macht eine

gute Arbeit, von der Wuppertal, Solingen und Remscheid sehr

profitieren. Doch lassen Sie mich eines ganz deutlich sagen: Mit

mir wird aus der BEA keine Bergische Wirtschaftsförderung

werden. Ich bin mit der Arbeit des Kollegen Volmerig mehr als

zufrieden (lacht).

Dennoch knirscht es beizeiten im regionalen Miteinander.

Stichwort IKEA.

Jung: Wir wollen IKEA und werden alles in unserer Macht

Stehende für die Ansiedlung tun. Sehen Sie, die Umsätze der

Möbelverkäufe in Wuppertal erreichen nur 42 Prozent dessen,

was im Bezug auf die Einwohnerzahl normal wäre. Die

abgeflossene Kaufkraft gilt es wieder an uns zu binden. Es

ist klar, dass Umlandkommunen, deren Einzelhändler jahrzehntelang

Wuppertaler Kunden begrüßen konnten, dies

nicht gefällt. Da ist man bei aller Kooperation halt auch Konkurrent.

Wir werden nun alles sorgfältig prüfen, natürlich

auch die Verkehrsströme und die Verträglichkeit für die Innenstädte.

Wir werden aber nicht davon abrücken.

Mit welchem Amtskollegen würden Sie gerne für einen Tag oder

länger tauschen?

Jung: Mit niemandem. Ich bin mit vollem Herzen Wuppertaler

und fühle mich eher als Unternehmer denn als Politiker.

Dieses Amt hätte ich in keiner anderen Stadt als Wuppertal

angenommen.

109

Bergisches Wirtschaftsblatt 2/12

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine