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Georges Batailles "Aufhebung der Ökonomie" - KOPS - Universität ...

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<strong>Universität</strong> Konstanz<br />

Sozialwissenschaftliche Fakultät<br />

Fachgruppe Soziologie<br />

Juli 1998<br />

Magisterarbeit:<br />

Annäherung an eine Soziologie <strong>der</strong><br />

Verschwendung:<br />

Werner Sombarts "Luxus und Kapitalismus" und<br />

<strong>Georges</strong> <strong>Batailles</strong> "<strong>Aufhebung</strong> <strong>der</strong> Ökonomie".<br />

______________<br />

Verausgabung und Grenzüberschreitung<br />

als mögliche "Grundmotoren"<br />

einer Evolution <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne.<br />

[Umschlagsillustration]<br />

von: Gutachter:<br />

Stefan Krieger Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner<br />

Prof. Dr. Werner Georg


1 Einleitung<br />

1 1. Die mo<strong>der</strong>ne Entfaltung des Luxus<br />

4 2. Sombarts "luxurieren<strong>der</strong>" Kapitalismus<br />

6 3. <strong>Batailles</strong> "Allgemeine Ökonomie"<br />

8 4. Das theoretische "Lob" <strong>der</strong> Verschwendung<br />

13 "Liebe, Luxus und Kapitalismus. Die Entstehung <strong>der</strong><br />

mo<strong>der</strong>nen Welt aus dem Geiste <strong>der</strong> Verschwendung."<br />

13 1. "Noo-Soziologie"<br />

16 2. Die "Geschichte" des luxurierenden Kapitalismus<br />

24 3. Notwendigkeit und Luxus<br />

30 4. Quantitativer und qualitativer Luxus<br />

35 5. Zur Körperlichkeit des "Sozialen Sinns"<br />

40 6. Sombarts Städtetheorie und Max Weber<br />

47 7. Sombart und die "Liebe"<br />

53 8. "Die allgemeinen Entwicklungstendenzen des Luxus"<br />

56 9. Das "Illegitimitätsprinzip“<br />

63 George <strong>Batailles</strong> "<strong>Aufhebung</strong> <strong>der</strong> Ökonomie"<br />

63 1. Bataille und <strong>der</strong> Surrealismus<br />

66 2. Das Heilige und das Profane bei <strong>Georges</strong> Bataille<br />

70 3. Die "Geschichte" <strong>der</strong> Souveränität<br />

77 4. Die "bürgerliche" Souveränität <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne<br />

83 5. <strong>Batailles</strong> souveräne Formen<br />

88 6. Die "Allgemeine Ökonomie"<br />

93 7. Der differenzierte "Potlatsch"<br />

98 8. Zeitgenössische Verausgabung<br />

103 9. Die Wie<strong>der</strong>belebung des Potlatsch<br />

107 Sombart und Bataille<br />

115 Konsultierte Literatur


"Und jene Möbel, jene Einrichtungsgegenstände mit ihren breiten<br />

und weichen Sesseln, ihren mehrlagigen Betten und Baldachinen, ihren mit<br />

schönen Tüchern drapierten Wänden sowie dem Geschirr, o, welch ein Reich-<br />

tum, welch ein Glanz! Ich fürchtete selbst, auch nur irgend etwas von dem Por-<br />

zellan zu berühren. Alles schien mir wie ein Zauber, wie ein Traum..." (Saverio<br />

Bettinelli)<br />

Einleitung<br />

1. Die mo<strong>der</strong>ne Entfaltung des Luxus<br />

Es läge nahe, diese Arbeit mit einer ins Unendliche reichenden Aufzählung zu beginnen. Diese<br />

Aufzählung müßte alle Produkte, alle Erfindungen und alle sozialen Verhaltensweisen unserer<br />

heutigen Mo<strong>der</strong>ne umfassen, die noch vor 350 Jahren (dem Beginn <strong>der</strong> Neuzeit nach dem Ende<br />

<strong>der</strong> konfessionellen Bürgerkriege, vgl.: Luhmann 1993, S.162ff.) den Bürgern höchst suspekt<br />

und schwindelerregend und den Bauern zutiefst unglaubwürdig o<strong>der</strong> irreal erschienen sein<br />

mußten:<br />

Der Siegeszug <strong>der</strong> vom nördlichen Italien ausgehenden Renaissance und die Fülle des bereits in<br />

jener Zeit kreierten und synthetisierten kulturellen Materials: die Masse und Größe <strong>der</strong> nicht<br />

mehr Gott allein geweihten Bauwerke und Maschinen, die Vielzahl <strong>der</strong> exotischen Speisen und<br />

Getränke o<strong>der</strong> die Üppigkeit <strong>der</strong> Ornamente wie <strong>der</strong> Bekleidungs- und Repräsentationsstile<br />

verweisen bereits vorläufig auf eine heutige Waren-, Technik- und Konsumwelt, die jedoch den<br />

damaligen betriebenen manuellen wie allgemeinen Energieaufwand insgesamt noch um ein<br />

Vielfaches übertrifft.<br />

Pracht und Herrlichkeit des ehemalig aristokratischen und schließlich zunehmend bürgerlichen<br />

Luxus breiten sich bis heute in die letzten Winkel des europäischen (wie weltweiten) Landle-<br />

bens aus. Produkte, Baustile, Spielzeuge, Kunstwerke, Tischmanieren o<strong>der</strong> Bekleidungszere-<br />

monien, die einst allein den Adligen und oberen Schichten vorbehalten waren, finden sich,<br />

wenngleich in oft vereinfachter und nunmehr profanisierter Form, noch in <strong>der</strong> hintersten ländli-<br />

chen Hütte.<br />

1


Der Kaffee, <strong>der</strong> Kakao, <strong>der</strong> Zucker, das Speiseeis, die Gewürze, das Salz, die Seide, die<br />

Baumwolle, das Parfüm, kurz, fast alle ehemaligen Luxusprodukte von einst kaum bezahl-<br />

barem Wert sind bis heute in die untersten gesellschaftlichen Schichten <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Industri-<br />

estaaten noch diffundiert und lassen damit die an ihrem sinnlichen Genuß teilhaben, denen jener<br />

aufgrund ihrer ständischen Zugehörigkeit lange Zeit versagt geblieben ist.<br />

Auch die einstmals kunstvoll verzierten und gefe<strong>der</strong>ten Kutschen z.B. des Barock, die dem<br />

Adel zu Repräsentationszwecken wie zur bequemen Bewältigung größerer Distanzen dienten,<br />

sind nun von selbstfahrenden und rasanten "Benzinkutschen" mit luxuriösen Inneneinrichtun-<br />

gen und an<strong>der</strong>en Annehmlichkeiten abgelöst worden, die die Mobilität, Affektivität und Be-<br />

quemlichkeit <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Automobilisten nahezu beliebig zu erhöhen imstande sind.<br />

Die "Luxuria", die den rationalistischen und puritanischen Römern <strong>der</strong> frühen Epochen noch<br />

verdächtige "Verschwendungssucht", wird nun als allgemeine "Erhöhung des Lebensstandards"<br />

mehr gepriesen denn als selbst interessanter Sachverhalt noch reflektiert. Das kapitalistische<br />

System einer korrelierten und rationalistisch perfektionierten Bedarfsweckung und<br />

-deckung, das, direkt abhängig vom unrationalen Luxus, seiner noch ungewissen Zukunft ent-<br />

gegensteuert, wird heute nurmehr von wenigen und kommunikativ kaum anschlußfähigen sog.<br />

"Aussteigern" o<strong>der</strong> von "ökologisch" orientierten und motivierten Menschen mehr intuitiv und<br />

hilflos denn reflexiv und erfolgreich noch in Frage gestellt.<br />

Wenngleich <strong>der</strong> Luxus in seiner "prahlerischsten" Form seit dem Fortschreiten <strong>der</strong> Aufklärung<br />

(vgl.: Camporesi 1992, S.46ff.) in bestimmten Kreisen eher verpönt denn öffentlich anstreben-<br />

swert zu sein scheint, so haben sich dennoch allein seine realisierten Formen gewandelt wie<br />

verfeinert; und auch ein stiller, im Verborgenen <strong>der</strong> trutzigen Bürgerhäuser sich entfalten<strong>der</strong><br />

Luxus bleibt als solcher auf das stetige Anwachsen und die Differenzierung eines individuellen<br />

wie kollektiven "Begehrens", <strong>der</strong> "Verfeinerung" (Sombart) des privaten und öffentlichen<br />

Geschmacks angewiesen.<br />

Die öffentlichsten, extrovertiertesten und gewagtesten Formen des Luxus finden sich dabei<br />

heute insbeson<strong>der</strong>e in den gewaltigen Monumenten (den "Skylines") <strong>der</strong> Vertreter des<br />

Großkapitals, bei Banken, Versicherungen, Großkonzernen wie auch in Bauwerken <strong>der</strong> "Öf-<br />

fentlichen Hand" wie<strong>der</strong>; teils funktional, teils repräsentativ und monumental transformieren<br />

2


sich hier die überschüssigen Gewinne <strong>der</strong> kapitalistischen Akteure in steinerne, gläserne und<br />

stählerne Denkmale, die hoffentlich die Zeiten ihrer Erbauer und Financiers überdauern mögen,<br />

<strong>der</strong>en Ruhm, Ansehen o<strong>der</strong> Prestige mit <strong>der</strong> Zahl und Größe ihrer Bauwerke offensichtlich<br />

korreliert sind.<br />

Daß die Weckung wie die Entfaltung eines luxuriösen und kapriziösen, über das "Notwendige"<br />

einer nur theoretisch formulierbaren "Basis" (Marx u.a.) stets weit hinausreichenden Bedarfs<br />

für das Fortschreiten und den Erfolg des mo<strong>der</strong>nen kapitalistischen Wirtschaftssystems eine<br />

notwendige Grundvoraussetzung war und bis heute ist, versucht die folgende Arbeit zu zeigen<br />

und schließlich noch "anthropologisch" zu begründen. Daß dessen sich allmählich beschleuni-<br />

gende Entwicklung mit <strong>der</strong> Renaissance und <strong>der</strong> Kolonialisierung <strong>der</strong> Neuen Welt begann, daß<br />

sie begleitet war von <strong>der</strong> Abkoppelung <strong>der</strong> Individuen von religiösen und das konsumierende<br />

wie produzierende Selbst limitierenden gesellschaftlichen Dogmen, daß weniger eine "Protes-<br />

tantische Ethik" (Weber) son<strong>der</strong>n im Gegenteil es auch (katholische!) Hasardeure, Seeräuber,<br />

Sklavenhändler, Spekulanten und die "bedingungslose Verausgabung" (Bataille) des milita-<br />

risierten Adels wie <strong>der</strong> ihn imitierenden Neureichen waren, die diese bis heute weitgehend ma-<br />

teriell sich auswirkende Entwicklung konstruktiv wie destruktiv vorantrieben, soll hier eben-<br />

falls, mit Verweis auf Werner Sombart und <strong>Georges</strong> <strong>Batailles</strong> "Allgemeine Ökonomie", gezeigt<br />

werden.<br />

2. Sombarts "luxurieren<strong>der</strong>" Kapitalismus<br />

Sombart hatte bereits 1913 (in "Luxus und Kapitalismus") versucht, "Luxus" und "Eros" als<br />

zwei von mehreren zur "Genese des Kapitalismus" beitragenden Faktoren aus <strong>der</strong> Analyse<br />

seines historischen Materials abzuleiten. Er verlegte dabei die Geburtsstätte seines "luxurieren-<br />

den" Kapitalismus weitgehend in die kulturellen Zentren <strong>der</strong> europäischen Großstädte des 17.<br />

und 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts, z.B. nach London als "...the mighty Rendezvous of Nobilty, Gentry,<br />

Courtiers, Divines, Lawyers, Physicians. Merchants, Seamen and all kind of excellent Artifi-<br />

cers, of the most refined Wits and most excellent Beauties..." (Chamberlayne 1687 in: Som-<br />

bart 1996, S.54), von wo aus seiner Meinung nach die kapitalistische Produktionsweise von<br />

damals luxuriösen, bis heute jedoch zunehmend normalisierten und dabei in "rationale" und<br />

"funktionale" Konzepte noch integrierten Gütern motiviert wurde.<br />

3


In den Großstädten des Sombartschen Frühkapitalismus wurden die auf dem Lande und in den<br />

Kolonien "geraubten" und erwirtschafteten Materialien, Gewinne und Renten "verzehrt"; die<br />

(Groß-)städte dieser Epoche waren überwiegend weniger Produktions- denn ausgeprägte Kon-<br />

sumtionszentren, in denen überaus kreativ und höchst intensiv standesgemäßer und modischer<br />

Konsum praktiziert und insbeson<strong>der</strong>e vom "weiblichen" (Sombart) Teil <strong>der</strong> gehobenen<br />

Schichten konstant und nachhaltig ausdifferenziert wurde. Der dabei rasch wechselnde modis-<br />

che "Geschmack" sowie die mangelhafte "Zahlungsmoral" <strong>der</strong> aristokratischen, seigneuralen<br />

Kundschaft zwangen schließlich die konkurrierenden und fleißigen Betreiber <strong>der</strong> frühneuzeitli-<br />

chen Manufakturen und Handelskontore, die jüdischen und nichtjüdischen Geldverleiher zu<br />

letztlich immer effektiverer Buchhaltung wie zur radikalen und souveränen Durchsetzung von<br />

immer niedrigeren Produktionskosten.<br />

Der harte "kapitalistische" Wettbewerb mit <strong>der</strong> Konkurrenz begann nach Sombart dort, wo die<br />

Dichte <strong>der</strong> Händler, die Dichte <strong>der</strong> Anbieter und <strong>der</strong> Konsumenten von "Luxusgütern"<br />

schließlich am größten war, wo <strong>der</strong> privilegierte Konsument, die privilegierte Konsumentin im<br />

direkten Vergleich die beste (o<strong>der</strong> prestigeträchtigste) Ware zum günstigsten Preis erwerben<br />

konnte.<br />

Die unteren Schichten jedoch waren von dieser konsumierenden und luxurierenden Bewegung<br />

bis ins 19. Jahrhun<strong>der</strong>t hinein noch immer weitgehend ausgeschlossen. Ihr kultureller Gesch-<br />

mack mußte daher überwiegend auf einen nach Bourdieu "Geschmack am Notwendigen"<br />

reduziert bleiben und ihr begrenztes Schicksal auf das, die zur Produktion des Luxus <strong>der</strong><br />

oberen Schichten, <strong>der</strong> Kapitalisten und Aristokraten notwendige Arbeitskraft (bis hin zur phy-<br />

sischen Selbstaufgabe!) zur Verfügung zu stellen. Längerfristig jedoch, und begünstigt durch<br />

die subversiven revolutionären Bewegungen <strong>der</strong> letzten Jahrhun<strong>der</strong>te, konnten auch sie nicht<br />

mehr vom kapitalistischen Markt <strong>der</strong> Luxusprodukte ferngehalten werden, dessen unaufhörli-<br />

ches Wachstum nun auch von ihrer aktiven Beteiligung, und bis heute anhaltend, entschieden<br />

profitierte.<br />

Das hier nun vorläufig so gekennzeichnete kapitalistische "System" einer wechselseitigen ma-<br />

teriellen Bedarfsweckung und -deckung, das durch die "symbolische Generalisierung" (Luh-<br />

mann) des Geldes theoretisch jedem, <strong>der</strong> es nur akkumulieren kann, offensteht, "rechnet" dabei<br />

4


immer schon mit einem nahezu ins Unendliche verlängerbaren Bedarf (<strong>der</strong> Nachfrage) seiner<br />

Akteure, einem latenten (mo<strong>der</strong>nen) menschlichen Bestreben, immer wie<strong>der</strong> die Grenzen <strong>der</strong><br />

"aktuellen" Bedürfnisbefriedigung zugunsten eines imaginierten, aber potentiell realisierbaren<br />

"Traumes" zu überschreiten. Das technizistische o<strong>der</strong> rationalistische Produktions- und<br />

Glaubenssystem muß, um diesem unwie<strong>der</strong>stehlichen Traum zu entsprechen, dabei immer wie-<br />

<strong>der</strong> traumhaftes Neues auf Kosten des Alten erfinden und auch durchsetzen; die bürgerliche<br />

Ökonomie muß, und hier beginnt die <strong>Batailles</strong>che "Allgemeine Ökonomie" zu greifen, not-<br />

wendig Güter, Dienstleistungen o<strong>der</strong> Energie immer wie<strong>der</strong> "verschwenden", um sich selbst als<br />

profitables o<strong>der</strong> dynamisches System am Leben zu erhalten.<br />

3. <strong>Batailles</strong> "Allgemeine Ökonomie"<br />

Diese verschiedenartigen Formen <strong>der</strong> menschlichen "Verschwendung" und "Verausgabung",<br />

die selbst die radikale Zerstörung von Werten und Gütern noch miteinschließen, werden bis<br />

heute von vielen Ökonomen und Sozialtheoretikern als kaum je faß- und formulierbare Größen<br />

aus dem öffentlichen Diskurs ausgeklammert: <strong>der</strong> Abfall, <strong>der</strong> Überschuß, <strong>der</strong> Luxus, die stets<br />

immer wie<strong>der</strong> erneut bedauerten aber gleichsam notwendigen Unfälle einer weitgehend cha-<br />

otisch verlaufenden und dabei kaum jemals steuerbaren o<strong>der</strong> theoretisch kontrollierbaren<br />

geschichtlichen Entwicklung werden unaufhörlich verdrängt zugunsten einer ewigen<br />

Nietzscheanischen Wie<strong>der</strong>kehr <strong>der</strong> neuen, theoretisch wie pragmatisch immer wie<strong>der</strong> erneut<br />

und dabei fast fraglos "vollkommenen" Produkte.<br />

Da die Produktion des Neuen jedoch tiefgreifend "funktioniert", da sie immer wie<strong>der</strong> den mod-<br />

ernen und dynamischen Menschen erstrebenswert und attraktiv erscheint, steht ihre blinde und<br />

aufgeregte Betriebsamkeit niemals selbst zur kritischen Disposition: denn welcher aktive<br />

Mensch könnte die aktuelle Produktion umfassend in Frage stellen, ohne zugleich jeden theore-<br />

tischen wie praktischen Boden unter den Füßen zu verlieren. Daß die nun ebenfalls produk-<br />

tiven, diskursiven (o<strong>der</strong> kommunikativen) "Systeme" <strong>der</strong> menschlichen Selbstbeobachtung und<br />

-beschreibung wie z.B. <strong>der</strong> "Wissenschaften" jedoch oftmals tiefgreifend blind gegenüber ihrer<br />

eigenen natürlichen und naturwüchsigen (selbst ihrer sozialen) Umwelt sind, <strong>der</strong> sie noch im-<br />

mer und bis auf weiteres unaufhebbar angehören, gilt es schließlich festzuhalten und theore-<br />

tisch wie pragmatisch zu vertiefen:<br />

5


Ethnozentrismus, Rationalismus o<strong>der</strong> Funktionalismus dürfen heute nicht mehr darüber hin-<br />

wegtäuschen, daß sie selbst immer nur vorläufige und dabei weitgehend abstrakte Produkte<br />

einer nur vorläufigen geschichtlichen o<strong>der</strong> ideellen Entwicklung sind, die sich von einer sie<br />

motivierenden o<strong>der</strong> konstant (neuronal) durchdringenden menschlichen Natur niemals völlig zu<br />

distanzieren o<strong>der</strong> gar zu "entkoppeln" (Gehlen) vermag, die immer wie<strong>der</strong> an die Grenzen ihrer<br />

eigenen Emanzipationsfähigkeit (von Natur) zwangsweise stoßen muß.<br />

<strong>Georges</strong> Bataille versucht daher in seiner "Allgemeinen Ökonomie" ganz in de Sadescher und<br />

Nietzscheanischer Tradition, noch den historischen Abfall, die natürlichen "Exkremente" und<br />

überaus gewaltsamen Ausbrüche <strong>der</strong> menschlichen Entwicklung (ihren "verfemten Teil"), Zer-<br />

störungen, Revolutionen, die Sexualität und das Lachen, das Spielen o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>e physische<br />

und biologische Verausgabungsformen in den allgemeinen, naturwüchsigen, evolutionären und<br />

geschichtlichen Prozeß miteinzubinden. Nicht als eher gewünschte o<strong>der</strong> unerwünschte Ele-<br />

mente eines "dialektischen", selbst wie<strong>der</strong>um nur rationalistischen klassischen "Systems", son-<br />

<strong>der</strong>n vielmehr als "Nebenprodukte" des primären natürlichen und weit allgemeineren Prinzips<br />

<strong>der</strong> "Verschwendung" (la Dépense) lassen sich die verschiedensten menschlichen und gleich-<br />

sam natürlichen Verhaltensweisen bei <strong>Georges</strong> Bataille verstehen.<br />

Die "klassische Ökonomie" habe sich, so Bataille, zumindest als als Theorie immer wie<strong>der</strong> zu<br />

weit von einem menschlichen (wie allgemein natürlichen) Grundbedürfnis nach "bedingung-<br />

sloser Verausgabung" unzulässig entfernt (Bataille 1985, S.9ff.) das sie zwar in praxi in<br />

angestrebter Perfektion selbst immer schon befriedigt, das sie jedoch notwendigerweise ne-<br />

gieren o<strong>der</strong> verdrängen muß, um ihre eigene Funktionalität, Vernunft o<strong>der</strong> Rationalität nicht<br />

grundlegend in Frage zu stellen.<br />

Die "Allgemeine Ökonomie" <strong>Batailles</strong> versucht im Gegenteil dazu zu zeigen, daß jede Form<br />

<strong>der</strong> menschlichen Produktion (des Handelns o<strong>der</strong> Verhaltens) immer auch einen "Energieüber-<br />

schuß" gleichsam mitproduziert, daß sie eine im Sinne <strong>der</strong> klassischen Ökonomie<br />

"Verschwendung" impliziert, die jene aufgrund ihrer systemischen und diskursiven Beschränk-<br />

theit theoretisch nicht erfassen kann. Dieser latent vorhandene Überschuß (<strong>der</strong> Luxus) muß,<br />

damit das Produktionssystem sich nicht selbst zerstört, so Bataille, entwe<strong>der</strong><br />

6


"nutzlos verausgabt" o<strong>der</strong> aber zum internen "Wachstum" des Produktionssystems selbst ver-<br />

wendet werden. Da Systeme allgemein im begrenzt verfügbaren Raum nicht ins Unendliche zu<br />

wachsen imstande sind, werden humane Energieüberschüsse bei Bataille nun entwe<strong>der</strong> in Form<br />

von gewaltsamen Ausbrüchen, Kriegen o<strong>der</strong> verschwen<strong>der</strong>ischen Exzessen in kürzester Zeit<br />

eruptiv verausgabt o<strong>der</strong> aber alternativ zur Hebung des allgemeinen o<strong>der</strong> weltweiten Le-<br />

bensstandards, zur individuellen wie kollektiven Steigerung luxurieren<strong>der</strong> körperlich-geistiger<br />

Bedürfnisse und <strong>der</strong> damit verbundenen Produktion mo<strong>der</strong>nistisch verwendet.<br />

Bataille überträgt das psychologische Freudsche "Triebstaumodell" damit analogisch auf<br />

soziale "Systeme" (in Ermangelung eines besseren neutralen Begriffs), die sich ebenfalls<br />

verausgaben, die sich selbst tiefgreifend sinnlos und "fraglos" verschwenden müssen (und dies<br />

nach Bataille auch konsequent sollten), um nicht einer Art sozialer Psychose mit selbstzer-<br />

störerischen Tendenzen zu verfallen.<br />

4. Das theoretische "Lob" <strong>der</strong> Verschwendung<br />

Sombart wie auch Bataille richten sich mit ihrer Vorliebe für "organisch" o<strong>der</strong> transklassisch<br />

"verstandene" und interpretierte geschichtliche Prozesse somit weitgehend gegen kar-<br />

tographisch systematisierende, kartesianische und reduktionistische Sozialmodelle, die, indem<br />

sie bestimmte (individuelle) Präferenzen o<strong>der</strong> Selektionen, abstrakte Begriffe o<strong>der</strong> Schwer-<br />

punkte dogmatisch verabsolutieren o<strong>der</strong> technizistisch "objektivieren", immer schon Fehler<br />

begehen müssen, die sie selbst sich nicht jeweils grundsätzlich einzugestehen bereit sind:<br />

So ist ergänzend dazu die Bedeutung z.B. <strong>der</strong> Sexualität, <strong>der</strong> Erotik o<strong>der</strong> des Spiels wie einer<br />

zugegebenermaßen meist männlich präformierten und militärisch kultivierten Aggressivität für<br />

die geschichtliche o<strong>der</strong> wirtschaftliche Entwicklung kaum jemals (insbeson<strong>der</strong>e von protestan-<br />

tischen "Aufklärern") vor <strong>der</strong> souveränen "Erfindung" <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Psychologie beson<strong>der</strong>s<br />

tiefgreifend bearbeitet o<strong>der</strong> theoretisch berücksichtigt worden. Bestimmte, insbeson<strong>der</strong>e kör-<br />

perbezogene soziale Verhaltensweisen, die lange Zeit nicht mit dem Habitus eines vielmehr<br />

An<strong>der</strong>e aufklärenden als über das eigene Selbst o<strong>der</strong> den eigenen aktiven Körper aufgeklärten<br />

Humanwissenschaftlers und Philosophen zu vereinbaren waren, mußten oftmals schlicht und<br />

diskret unter den Tisch des aufklärerischen Interesses fallen, auch wenn sie persönlich und kör-<br />

perlich den engagierten Wissenschaftler o<strong>der</strong> "Denker" noch aufs Heftigste "erregen" mochten.<br />

7


Sowohl Sombart wie auch Bataille machen im Gegensatz dazu Vorschläge, wie selbst noch<br />

zunächst disparat erscheinende körperliche, soziale o<strong>der</strong> historische "Gegenstände" (Durk-<br />

heim) überraschend theoretisch verknüpft und annähernd wissenschaftlich interpretiert werden<br />

können. Hier sind auch biologisch anmutende Verhaltensweisen (Erotik/Sexualität) mit <strong>der</strong><br />

ökonomischen Produktion noch (wenn auch simplistisch) verknüpft (Sombart) o<strong>der</strong> Ergebnisse<br />

anthropologischer Forschung (Der "Potlatsch" bei Marcel Mauss) in ihrer allgemeineren Be-<br />

deutung auf mo<strong>der</strong>nes soziales Verhalten umfassend bezogen (Bataille).<br />

Das Forschungsinteresse bei Sombart wie bei <strong>Georges</strong> Bataille macht schließlich vor kaum<br />

einer einmal disziplinär errichteten "Grenze" halt und verläßt dabei oft die eingefahrenen und<br />

selbstreferentiellen Pfade des etablierten o<strong>der</strong> gepflegten wissenschaftlichen Diskurses. Selbst<br />

dieser kann wie<strong>der</strong>um eher als die "historisch" gewachsene Folge aufklärerischer und zudem<br />

"klassizistischer" (dem "Wahren" o<strong>der</strong> Ernst ihres Systems fraglos verpflichteter) selbstrefer-<br />

entieller "Ideologie", denn als evolutionäre o<strong>der</strong> zivilisatorische "Notwendigkeit" beschrieben<br />

werden, die jedoch gerade in unseren bürgerlichen Zeiten eine unabdingbare Grundlage für das<br />

Wirken und das Streben <strong>der</strong> meisten zeitgenössischen Wissenschaftler zu sein scheint.<br />

Bataille hingegen als Soziologe, Anthropologe, Philosoph und Schriftsteller (als eher irre-<br />

führende Etiketten) leistet sich schließlich den Luxus abschweifen<strong>der</strong> und spekulativer philoso-<br />

phischer Reflexionen, die in ihrer Allgemeinheit zwar (und gleichsam selbstreflexiv) auch sich<br />

selbst immer wie<strong>der</strong> in Frage zu stellen beginnen, die jedoch als heuristische Prämissen gerade<br />

in "postmo<strong>der</strong>nen" Diskursen (vgl.: Wiechens 1995, S.97ff.) durchgängig aufgetaucht und von<br />

dort bis heute nicht mehr wegzudenken sind.<br />

Insbeson<strong>der</strong>e die umfangreichen Werke von Michel Foucault, von Jacques Derrida und Jean<br />

Baudrillard sind Bataille theoretisch immer wie<strong>der</strong> verpflichtet. Sexualität und Spiel, Gewalt,<br />

Tod und Rausch, Verschwendung und Obsession als bevorzugte Themen <strong>Batailles</strong> wie <strong>der</strong><br />

gesamten "Postmo<strong>der</strong>ne" haben schließlich bis heute nichts von ihrer medialen wie sozialen<br />

Attraktivität verloren. Die Frage nach ihrer Bedeutung für soziale "Systeme" jedoch sollte<br />

ständig weiterhin, wenngleich kaum mehr im aufklärerischen o<strong>der</strong> idealistischen Sinne, von<br />

einer sich selbst noch aufzuklären habenden Soziologie gestellt werden.<br />

8


Um <strong>Georges</strong> Bataille als den Theoretiker des Bösen, <strong>der</strong> Gewalt o<strong>der</strong> des Lachens, des Spiels<br />

o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Erotik wird man dabei zukünftig vermutlich kaum mehr herumkommen wie ebenfalls<br />

kaum um einen von ihm geprägten Begriff <strong>der</strong> "Souveränität", <strong>der</strong> untrennbar mit einem sich<br />

immanent selbst "verschwendenden", seine eigenen formalen o<strong>der</strong> sozial konstruierten Grenzen<br />

latent "überschreitenden" karnevalistischen und subversiven menschlichen Subjekt verbunden<br />

ist.<br />

Die "Verschwendung" ist dabei die konsequente Leitidee <strong>Batailles</strong>, von <strong>der</strong> er am wenigsten<br />

abrückt. Der Mensch ist darin, wie auch die gesamte Natur, mehr und intensiver "bei sich",<br />

wenn er sich fraglos verschwendet und ohne Rücksicht auf sich selbst und seine jeweilige Um-<br />

welt sich verausgabt, als wenn er ganz den sozialen und ökonomistischen Zwängen <strong>der</strong> inter-<br />

nalisierten Zurückhaltung, des sozial konstruierten Gehorsams, <strong>der</strong> Vernunft o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Spar-<br />

samkeit sich unterwürfe. Auf Dauer müssen letztlich die wirtschaftliche und wissenschaftliche<br />

wie auch die politische Entwicklung diesem grundlegenden physisch-psychischen wie auch<br />

sozialen Bedürfnis nach Verschwendung und "bedingungsloser Verausgabung" immer wie<strong>der</strong><br />

entgegenkommen, wobei die möglichen praktischen Alternativen bei Bataille entwe<strong>der</strong> einen<br />

katastrophischen o<strong>der</strong> aber einen ungewöhnlich paradiesischen Charakter annehmen.<br />

Nichts jedoch in <strong>der</strong> allgemeinen, insbeson<strong>der</strong>e westlichen geschichtlichen Entwicklung deutet<br />

aus <strong>der</strong> Perspektive <strong>Batailles</strong> auf eine kontrollierte Zunahme <strong>der</strong> "Vernunft", <strong>der</strong> produktiven<br />

Zurückhaltung o<strong>der</strong> schließlich des politischen wie sozialen Gehorsams hin. Im Gegenteil, ein<br />

mehr und mehr spielerischer wie luxurieren<strong>der</strong> Umgang mit den verschiedensten Medien und<br />

Materialien, mit <strong>der</strong> Freizeit o<strong>der</strong> mit dem eigenen und fremden Körper drängt die Last <strong>der</strong><br />

Arbeit wie des rationalen Diskurses bis heute mehr und mehr zurück.<br />

Diese insbeson<strong>der</strong>e seit <strong>der</strong> Aufklärung von ihren Anhängern immer wie<strong>der</strong> recht hoch und<br />

selbst emotional noch sehr eindeutig bewertete "Vernunft" reicht jedenfalls heute als über-<br />

greifende und "konsensorientierte" Leitidee nicht mehr beson<strong>der</strong>s weit; allenfalls mag sie in<br />

ihren technischen, funktionalistischen und logischen Varianten letztlich dazu dienen, Teilberei-<br />

chen <strong>der</strong> Forschung und Wissenschaft eine gewisse, innerhalb dieser Teilbereiche aber beson-<br />

<strong>der</strong>s "konsensfähige" Geltung schließlich zu verschaffen.<br />

9


Die alternative "Vernunft" <strong>Batailles</strong> hingegen wäre (er selbst verwendet den Begriff nur<br />

ungern) allein die einer natürlichen "Allgemeinen Ökonomie", die noch die "lebendigen" und<br />

heterologen menschlichen Verhaltensweisen in sich zu integrieren versucht, die von den<br />

codierten und beschränkten Konzepten einer "klassischen" und systemorientierten Theorie<br />

immer schon rationalistisch ausgeschlossen und ihrer durchaus dominanten Bedeutung dabei<br />

katagorisch beraubt wurden.<br />

Der von Marcel Mauss, Bataille u.a. akzentuierte "Potlatsch" schließlich, <strong>der</strong> beson<strong>der</strong>e und<br />

menschliche, noch immer weitgehend verdrängte "Geist" (Sombart/Weber) einer alternieren-<br />

den, sich immer wie<strong>der</strong> in unvorstellbare Extreme steigernden körperlichen, materiellen wie<br />

psychischen "Verausgabung" bestimmt und motiviert, so die hier verfochtene These, das<br />

alltägliche Handeln und Verhalten auch in unserer fortgeschrittenen Mo<strong>der</strong>ne weit mehr als <strong>der</strong><br />

rationalistische und kontrollierbare Waren- und Ideentausch; letztere bleiben immer nur not-<br />

wendige (profane) aber schließlich doch eher unerwünschte o<strong>der</strong> gar lästige funktionale "Mit-<br />

tel" zur Durchsetzung des Alles überragenden (heiligen) "Zweckes" (Bataille) einer maßlosen<br />

und selbstherrlichen menschlichen Selbstverschwendung.<br />

Die Formen und Funktionen <strong>der</strong> im Verlaufe von "Geschichte" zur Anwendung kommenden<br />

technischen wie kommunikativen "Mittel" mögen sich immer wie<strong>der</strong> außerordentlich wandeln<br />

und schließlich noch "verfeinernd" (Sombart) und komplizierend ausdifferenzieren, sie mögen<br />

zusätzlich bei verbesserter Technik den betriebenen und benötigten meßbaren Energieaufwand<br />

immer weiter steigern; <strong>der</strong> naturwüchsige wie urtümlich anmutende "Zweck" jedoch einer kör-<br />

perlichen wie psychischen bedingungslosen "Verausgabung", die sich keiner wie immer gear-<br />

teten menschlichen Rationalität o<strong>der</strong> Funktionalität mehr unterordnen läßt, bleibt dabei immer<br />

wie<strong>der</strong> in ähnlicher o<strong>der</strong> weitgehend gleichartiger Form grundlegend erhalten.<br />

10


"Liebe, Luxus und Kapitalismus. Die Entstehung <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen<br />

Welt aus dem Geiste <strong>der</strong> Verschwendung."<br />

1. "Noo-Soziologie"<br />

Der Titel <strong>der</strong> ersten Ausgabe (erschienen1913) des hier vorgestellten Buches von Werner<br />

Sombart lautete zunächst noch "Luxus und Kapitalismus" und reihte sich ein in eine Anzahl<br />

geson<strong>der</strong>ter Studien, die dem Erscheinen seines Hauptwerks: "Der mo<strong>der</strong>ne Kapitalismus"<br />

(1902) folgten. Die zweite Ausgabe von 1922 trägt jedoch bereits den weiterreichenden und<br />

bezeichnenden Titel "Liebe, Luxus und Kapitalismus", da grundlegende "Verän<strong>der</strong>ungen im<br />

Verhältnis <strong>der</strong> Geschlechter seit dem Mittelalter" wesentlich entscheidend auch und insbeson-<br />

<strong>der</strong>e für die Entfaltung des europäischen Luxuslebens wie <strong>der</strong> gesamten alltäglichen Lebens-<br />

führung gewesen seien (Sombart im Vorwort zur zweiten Ausgabe).<br />

In "Die Juden und das Wirtschaftsleben" (1911), "Der Bourgeois" (1913), "Luxus und Kapi-<br />

talismus" (1913) o<strong>der</strong> "Krieg und Kapitalismus" (1913) versucht Sombart, die insbeson<strong>der</strong>e in<br />

theoretischer Auseinan<strong>der</strong>setzung mit Marx und Max Weber formulierten Thesen über seinen<br />

"Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" weitergehend empirisch am geschichtlichen Material abzustützen.<br />

Er bemüht sich in diesen Einzelstudien immer wie<strong>der</strong>, in <strong>der</strong> Form eines "großflächigen<br />

Geschichts-Tableaus" (Silvia Bovenschen im Vorwort zur aktuellen Ausgabe von "Liebe,<br />

Luxus und Kapitalismus" (1996)) einen möglichst plastischen und konkreten Kapitalismus<br />

sichtbar werden zu lassen, <strong>der</strong> nahezu alle bekannten Lebensbereiche umfassen, <strong>der</strong> zusätzlich<br />

möglichst alle Schichten <strong>der</strong> Bevölkerung deskriptiv noch erreichen soll. Insbeson<strong>der</strong>e das, was<br />

heute mehr hilflos denn aussagekräftig als "Alltagskultur", als "Lebenswelt" (Habermas) o<strong>der</strong><br />

"Gemeinschaft" (Tönnies) bezeichnet wird und für gewöhnlich nicht von einer wie immer of-<br />

fiziellen Geschichtsschreibung erfaßt, steht dabei im Mittelpunkt des Sombartschen Interesses,<br />

<strong>der</strong> gerade in diesen Begriffen den Schlüssel für das "Verstehen" wie auch für die Beschreibung<br />

sozialpsychologischer Zusammenhänge von wissenschaftlicher Relevanz zu sehen meint.<br />

11


Der Leser taucht gleichsam zusammen mit Sombart ein ins üppige historische Material, in die<br />

Eigenarten und Eigenheiten vergangener Epochen, <strong>der</strong>en Sinn- und Verhaltensgefüge bis in<br />

unsere heutige Zeit fremdartig und doch immer wie<strong>der</strong> seltsam bekannt nachzuwirken imstande<br />

sind. Oftmals unterbricht Sombart dann die Schil<strong>der</strong>ung von Details, die Aussagen des selbst<br />

noch zeitgenössisch sprechenden, zitierten Quellenmaterials zugunsten von frühen und neueren<br />

Statistiken, <strong>der</strong>en "Objektivität" er zwar immer wie<strong>der</strong> zu relativieren versucht, an denen er<br />

jedoch festhält, um letztlich die "Wissenschaftlichkeit" seiner Quelleninterpretationen zu<br />

gewährleisten. Mikro- und Makroperspektive, subjektive Stellungnahme und "objektiver" sta-<br />

tistischer Überblick wechseln sich gleichsam aufeinan<strong>der</strong> bezogen ab.<br />

Allzu detaillistisches und engagiertes Interpretieren, das oftmals übers auch von Sombart erk-<br />

lärte Ziel <strong>der</strong> "Wertneutralität" hinausschießt, wird glücklicherweise und regelmäßig ergänzt<br />

von nüchternen Zahlen über Durchschnittseinkommen, Produktionsaufkommen o<strong>der</strong> Ausgaben<br />

für bestimmte, hier insbeson<strong>der</strong>e luxurielle Güter, die den "Geist" <strong>der</strong> spezifischen Studie<br />

"Liebe, Luxus und Kapitalismus" prägen.<br />

Monokausale "Erklärungen" des Kapitalismus lehnt er dabei schließlich ebenso ab wie <strong>der</strong> am<br />

"Idealtypus" orientierte Max Weber. An<strong>der</strong>s als jener jedoch interessiert sich Sombart für oft<br />

zutiefst profane und ausgefallene Materialien, die er sich nicht scheut, in seine von <strong>der</strong> "His-<br />

torischen Schule" <strong>der</strong> Nationalökonomie (Promotion bei Gustav Schmoller über "Die römische<br />

Campagna") geprägten "Sittengemälde" miteinzubauen. Der strengere Formalismus Webers,<br />

<strong>der</strong> nur Weniges exemplarisch wie reduktionistisch auswählt, um es schließlich erschöpfend zu<br />

behandeln, trifft hier auf eine luxuriöse Überfülle von historischen Materialien und Interpreta-<br />

tionen, die immer wie<strong>der</strong> die Lebendigkeit o<strong>der</strong> Alltäglichkeit von Sombarts historischer<br />

Sozialwelt zu vermitteln versuchen o<strong>der</strong> aber die Dynamik einer geschichtlichen Entwicklung,<br />

die sich aufgrund ihrer Komplexität und Irrationalität aller "Strenge" <strong>der</strong> formalen<br />

Beschreibung immer schon zu entziehen vermag.<br />

Max Weber und Werner Sombart sollten sich bei vielen Gemeinsamkeiten, die beide letztlich<br />

auch freundschaftlich verbanden, immer zugleich weitgehend theoriekritisch gegenüberstehen.<br />

Insbeson<strong>der</strong>e ihre verschiedenen Ansichten über die Genese des Kapitalismus trieben bei<strong>der</strong><br />

12


Arbeit befruchtend voran und führten zu einer Vielzahl von aufeinan<strong>der</strong> bezogenen Veröf-<br />

fentlichungen. "Die protestantische Ethik und <strong>der</strong> Geist des Kapitalismus" (1904/05 im "Ar-<br />

chiv" erschienen) ist dabei Webers Antwort auf Sombarts Darstellung <strong>der</strong> "Genesis des Kapi-<br />

talistischen Geistes", die zwei Jahre zuvor im "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" realisiert wurde.<br />

Sombart wie<strong>der</strong>um suchte insbeson<strong>der</strong>e in methodologischen Fragen Anlehnung bei Max<br />

Weber, nach dessen Tod (1920) schließlich und von diesem wie<strong>der</strong>um beeinflußt, bei Max<br />

Scheler (vgl.: vom Brocke 1987, S.35/36)<br />

Sombart übernimmt auch den Begriff des "Idealtypus" (er arbeitete zunächst mit einem eigenen<br />

Typusbegriff) letztlich von Weber und versucht jeweils in seinen einzelnen "empirischen" Ar-<br />

beiten, ihn mit historischem Material aus allen nur möglichen Quellen anzureichern. "Kapital-<br />

ismus", "Kapitalistischer Geist" o<strong>der</strong> "Wirtschaftssystem" dienen ihm dabei als konstruierte<br />

heuristische Kategorien, die nicht die "Wirklichkeit" voll decken sollen o<strong>der</strong> können, son<strong>der</strong>n<br />

Hilfsmittel sind bei dem Versuch, jene zu "verstehen":<br />

"Ein Erscheinungskomplex wird zunächst rational, d.h. rein begrifflich, zerglie<strong>der</strong>t<br />

und konstruiert, um den Idealtypus zu finden, <strong>der</strong> ihm zugrunde liegt; mit dieser theoretischen<br />

Betrachtungsweise verbindet sich dann die empirisch-historische, welche zeigt, ob und in-<br />

wiefern die zu ermittelnden wirklichen Vorgänge dem idealtypischen Bilde des Gegenstandes<br />

entsprechen und wie die Übereinstimmung genetisch zustande kommt." (Otto Hintze in: ebd.,<br />

S.327)<br />

Der Sombartsche Idealtypus ist dabei "...we<strong>der</strong> reiner Erfahrungs- noch reiner "Erk-<br />

enntnis"begriff, son<strong>der</strong>n Gesamterkenntnis, anschauliche o<strong>der</strong> historische Theorie." (vom<br />

Brocke 1987, S.48) Die originelle (und, wenn man so will: subjektive) Fragestellung und Inter-<br />

pretation, die immer weitgehend auf "seinen" theoretischen Idealtypus bezogen bleiben, inter-<br />

essieren jedoch Sombart schließlich fast immer mehr als eine letztlich kaum o<strong>der</strong> wie<strong>der</strong>um nur<br />

abstrakt fixierbare "objektive" Erkenntnis; <strong>der</strong> kreative, oft spielerische Umgang mit dem um-<br />

fassenden historischen Material, eine "historistische" Hermeneutik rücken gegenüber einer de-<br />

finitiven, rationalistischen und funktionalistischen Erklärung dabei weitgehend in den Vor<strong>der</strong>-<br />

grund.<br />

13


In "Die drei Nationalökonomien" (1930) befindet Sombart letztlich, daß alle geisteswissen-<br />

schaftliche Forschung sich "ihrem inneren Wesen nach" auf die "künstlerische Gestaltung"<br />

zubewegen solle, da <strong>der</strong> strenge Wissenschaftsbegriff auf die vom freien Willen des Menschen<br />

bestimmten Kulturerscheinungen nicht anwendbar sei und daher die Möglichkeit <strong>der</strong> rationalen<br />

Interpretation dieser Erscheinungen von vorneherein in Frage zu stellen. Er prägt den Begriff<br />

einer "Noo-Soziologie" (Sombart 1956, S.121 f.), die an <strong>der</strong> Phänomenologie sich orientiert<br />

und die Möglichkeit <strong>der</strong> "kausalen" Erklärung und Begründung sozialer Sachverhalte<br />

zurückzustellen versucht zugunsten einer zu "verstehen" suchenden historischen Beschreibung.<br />

2. Die "Geschichte" des luxurierenden Kapitalismus<br />

Für Sombart beginnt nun die "Geschichte" seines direkt vom Luxus abhängigen kapital-<br />

istischen "Geistes" zunächst in einem Milieu, das von <strong>der</strong> wechselseitigen Konkurrenz großer<br />

Vermögen und von einer geradezu zwanghaften sozialen Notwendigkeit zur "Repräsentation"<br />

geprägt ist. Für Sombart ist "Avignon" <strong>der</strong> vielleicht erste "mo<strong>der</strong>ne Hof", da sich dort zum<br />

ersten Male zusammenfand, was sich in den nachfolgenden Jahrhun<strong>der</strong>ten die "Hofgesellschaft"<br />

nennen sollte:<br />

"Edelleute ohne einen an<strong>der</strong>en Beruf, als den Interessen des Hofes zu dienen, und<br />

schöne Frauen, "souvent distinguées par les manières et l'esprit" [die sich oft durch Geist und<br />

Sitten auszeichnen], die recht eigentlich (wie wir in an<strong>der</strong>em Zusammenhange noch genauer<br />

verfolgen werden) dem Leben und Treiben ihr Gepräge aufdrückten. Die Bedeutung <strong>der</strong> Avi-<br />

gnoneser Episode lag vor allem darin, daß sich hier zum ersten Male um das Oberhaupt <strong>der</strong><br />

Kirche die geistlichen Grands Seigneurs fast ganz Europas versammelten und ihren Glanz<br />

entfalteten, wie uns das Johann XII. in dem Dekret "Etsi deceat" anschaulich vor Augen ge-<br />

führt hat." (Sombart 1996, S. 21)<br />

Die übrigen Fürsten Italiens wie Europas "wetteiferten" damals mit den Höfen <strong>der</strong> Päpste, die<br />

während <strong>der</strong> "Renaissancezeit" (Paul II. bis Leo X.) schließlich insbeson<strong>der</strong>e in Rom sich zu<br />

den gewaltigsten und noch heute imer wie<strong>der</strong> bewun<strong>der</strong>baren Aufwendungen genötigt sahen:<br />

"Ein heidnisches Wesen überzog die Stadt mit theatralischem Glanze wie in <strong>der</strong><br />

14


alten Kaiserzeit. Weltlicher Pomp wurde zum Bedürfnis <strong>der</strong> päpstlichen Regierung, <strong>der</strong> ver-<br />

wöhnte Pöbel schrie nach Festen, und man gab sie ihm reichlich." (Gregorius in: ebd., S.91)<br />

In Italien waren nach Sombart die Bedingungen für "mo<strong>der</strong>nes" Leben am frühesten erfüllt:<br />

"Nie<strong>der</strong>gang des Rittertums, "Verstadtlichung" des Adels, Ausbildung des absoluten Staates,<br />

Wie<strong>der</strong>geburt <strong>der</strong> Künste und Wissenschaften, gesellschaftliche Talente, größerer Reichtum<br />

usw." (ebd., S.22)<br />

Die norditalienischen "Luxusindustrien" erlebten während <strong>der</strong> Zeit <strong>der</strong> Renaissance und <strong>der</strong><br />

nun beginnenden Kolonialisierung einen enormen Aufschwung: Künstler, Architekten,<br />

Kunsthandwerker, Webereien und Seidenspinnereien wurden mit Aufträgen überschüttet, die<br />

ersten großen Manufakturen Norditaliens (in Venedig, Genua, Lucca, Florenz, Mailand) waren<br />

die Antwort auf eine recht plötzlich und nachhaltig sich steigernde kollektive Nachfrage nach<br />

edlen und teuren Materialien.<br />

Die ersten mechanischen Großanlagen zur Herstellung von "Seidentüchern" entstanden in Bo-<br />

logna bereits im 14. Jahrhun<strong>der</strong>t: Maschinen, die die Arbeit von 4000 (!) Spinnerinnen<br />

leisteten, die groß und kompliziert waren und <strong>der</strong>en Mechanik ein bei Todesstrafe gehütetes<br />

Geheimnis (vgl.:ebd., S.174). Die "frühkapitalistischen" Manufakturen mußten bereits schon<br />

damals, um sich <strong>der</strong> konstant steigenden Nachfrage anzupassen, alle technischen und kaufmän-<br />

nischen Hilfsmittel aufbieten, die zu ihrer Zeit verfügbar waren. Darin unterschieden sie sich<br />

weitgehend und grundlegend von ihren "handwerklichen" Konkurrenten, <strong>der</strong>en Beschränkung<br />

auf "Grobwaren" und weitgehend am Ort <strong>der</strong> Produktion auch konsumierte Produkte bis in<br />

unser Jahrhun<strong>der</strong>t hinein erhalten blieb.<br />

Alles jedoch, so Sombart, was an feinsinnigeren und modischen Produkten ersonnen und insbe-<br />

son<strong>der</strong>e von den höheren Schichten dieser "frühkapitalistischen" Zeit konsumiert o<strong>der</strong><br />

schließlich willkommen goutiert wurde, entstand bereits in komplexer organisierten, "kapital-<br />

istisch" ausgerichteten Manufakturen und Großbetrieben, die allein sich wie<strong>der</strong>um den "Luxus"<br />

<strong>der</strong> aufwendigen Verarbeitung von hochwertigen und damit teuren Materialien leisten konnten.<br />

Fast alle Großbetriebe und Manufakturen <strong>der</strong> frühen Neuzeit waren nach Sombart letztlich<br />

Produzenten von nicht zum alltäglichen Gebrauch (<strong>der</strong> unteren Schichten) bestimmten Ge-<br />

bäuden und Luxusgütern. Die für <strong>der</strong>en Produktion notwendigen größeren Mengen von Kapi-<br />

15


tal (ökonomisches und "Humankapital") mußten bereits damals buchhalterisch wie arbeitsteilig<br />

möglichst effizient und kostensparend eingesetzt werden.<br />

Produziert wurde dabei zunächst für die schon oben genannten geistlichen und weltlichen Für-<br />

stenhöfe, in denen sich ein guter o<strong>der</strong> zumindest beeindrucken<strong>der</strong> Geschmack bewähren und<br />

schließlich alternierend steigernd ausdifferenzieren und verfeinern konnte. Die professionellen<br />

"Edelleute" und "Hofdamen", die die Höfe prägten und repräsentierten, konnten sich ganz und<br />

ausschließlich <strong>der</strong> Verbesserung dieses höfischen Geschmacks widmen, dessen repräsentativer<br />

Glanz auch nach Außen weithin sichtbar und selbst vom gemeinen Volk noch verklärt und be-<br />

gehrt wahrgenommen wurde. Darin, wie auch im sich ständig erneuernden und "mo<strong>der</strong>nisier-<br />

enden" militärischen Apparat, so könnte heute gesagt werden, lag letztlich die Funktion einer<br />

höfischen und soldatischen Gesellschaft, die den Ruhm und den Reichtum <strong>der</strong> absolutistischen<br />

Herrscher repräsentieren und diese damit selbst aufwendig inszenieren o<strong>der</strong> symbolisch<br />

überhöhen sollte.<br />

Die Ausgaben und Aufwendungen des "französischen Hofes", <strong>der</strong> von Sombart als eine Art<br />

maximale Steigerung, als definitiver Endpunkt dieser Entwicklung <strong>der</strong> luxuriösen und militäris-<br />

chen Überbietung aufgefaßt und dessen alltägliche Ausgaben von ihm detailliert beschrieben<br />

werden (ebd., S.93ff), manövrierte sich schließlich selbst an die Grenzen <strong>der</strong> eigenen Finan-<br />

zierbarkeit und öffnete durch sein gleichsam "souveränes" Scheitern letztlich einer weiteren<br />

gesellschaftlichen Klasse den Raum zur luxuriösen öffentlichen wie politischen Selbstdarstel-<br />

lung.<br />

Feudaler Glanz und Luxus wichen nun sukzessive und schließlich bis heute andauernd einem<br />

kaum je weniger anspruchsvollen, jedoch nun mit "ökonomischem Rationalismus", also Ver-<br />

nunft noch verknüpftem Geschmack einer mehr und mehr bürgerlich ausgerichteten Gesell-<br />

schaft. Der Adel aber sollte zusätzlich weiterhin, solange er existierte und öffentlich wahrge-<br />

nommen wurde, seinen elitären modischen Charakter nicht mehr verlieren, und auch <strong>der</strong> ver-<br />

armte Landadel des 19. und 20. Jahrhun<strong>der</strong>ts zehrte noch immer und immer wie<strong>der</strong> vom "sou-<br />

veränen" repräsentativen Glanz <strong>der</strong> vergangenen "alten Zeiten".<br />

16


Der sich neu formierende bürgerliche Reichtum nun aber, <strong>der</strong> insbeson<strong>der</strong>e in den rasch (und<br />

bis heute noch) wachsenden "Großstädten" des Sombartschen "Frühkapitalismus" sich mani-<br />

festierte und feierte, schöpfte bereits aus ganz an<strong>der</strong>en Quellen denn aus <strong>der</strong> traditionellen<br />

Land- und Forstwirtschaft <strong>der</strong> feudalistischen Systeme. Es eröffneten sich in Europa ab dem<br />

13. und 14. Jahrhun<strong>der</strong>t (ebd., S.24ff.) neue und qualitativ völlig verschiedene Formen <strong>der</strong><br />

ökonomischen Akkumulation:<br />

Sombart nennt die Erschließung reicher Edelmetalllager in Afrika, die "Ausplün<strong>der</strong>ung<br />

des Orients", den Reichtum <strong>der</strong> oberdeutschen Städte im 15. und 16. Jahrhun<strong>der</strong>t als "Folge<br />

<strong>der</strong> Erschließung <strong>der</strong> böhmisch-ungarischen Gold- und Silbergruben", schließlich dieselbe <strong>der</strong><br />

"amerikanischen Silberschätze" und die sich an diese beiden Ereignisse anschließenden großen<br />

Finanzgeschäfte des "Zeitalters <strong>der</strong> Fugger":<br />

Die gewaltigen Erfolge <strong>der</strong> berühmten Handelsgilden des 15. und 16. Jahrhun<strong>der</strong>ts lassen<br />

zugleich immer auch auf einen zu dieser Zeit enorm gestiegenen "täglichen Bedarf" an Handel-<br />

swaren <strong>der</strong> insbeson<strong>der</strong>e wertvolleren Art zurückschließen, die letztlich wie<strong>der</strong>um weitgehend<br />

mit Silber o<strong>der</strong> Gold aus den Minen des In- und Auslands finanziert werden mußten. All diese<br />

beson<strong>der</strong>en Waren <strong>der</strong> damaligen Zeit, durch die die Fugger selbst sich wie<strong>der</strong>um bereichern<br />

konnten, waren nach Sombart überwiegend Produkte von weit prestigeträchtigerer und we-<br />

sentlich aufwendigerer Machart als die aus eher heimischer und konventionell handwerklicher<br />

Produktion:<br />

"Dagegen führte Italien nach Norden aus: Seide und Seidenwaren; feinste Tücher;<br />

feinste Glaswaren; Baumwolle und Baumwollwaren, die (wie wir noch sehen werden) bis in<br />

die Neuzeit hinein durchaus als Luxusgüter gelten; Wein; Waffen. Ebenso dienten alle Waren,<br />

die man über Italien o<strong>der</strong> in Italien aus dem Orient bezog, dem Luxusbedürfnis <strong>der</strong> Rei-<br />

chen..." (Sombart 1996, S.144)<br />

Für Sombart gilt diese Zeit <strong>der</strong> Fugger und <strong>der</strong> Handelsgilden noch als die "Silberne Periode"<br />

des mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus, die jedoch endgültig durch die "Goldene" abgelöst wird mit dem<br />

"Auftauchen des brasilianischen Goldes". Der Überseehandel (inklusive Sklavenhandel) mit<br />

den und die materielle Ausbeutung <strong>der</strong> amerikanischen und afrikanischen Kolonien führten zu<br />

einer solchen Vermehrung des nun konzentriert in Europa verfügbaren ökonomischen Kapitals,<br />

17


daß die weitreichende Kolonialisierung und <strong>der</strong> damals übliche Sklavenhandel für fast alle eu-<br />

ropäischen Staaten zu Hauptquellen eines völlig neuartigen, nun nicht mehr weitgehend vom<br />

Grundbesitz im Inland abhängigen Reichtums avancierten.<br />

Das durch diese "Raubzüge" (Sombart) neu hinzugewonnene Kapital blieb zwar zunächst noch<br />

weitgehend in den Händen des europäischen Adels und <strong>der</strong> monarchistischen Herrscher, jedoch<br />

erstarkten zunehmend die durch Handel und "kapitalistische" Produktion von luxuriösen und<br />

militärischen Gütern sich bereichernden bürgerlichen Kräfte, die nun ihrerseits begannen, dem<br />

Adel für seinen verschwen<strong>der</strong>ischen und repräsentativen Lebensstil Kapital leihweise, und<br />

damit wie<strong>der</strong>um gewinnbringend, zur Verfügung zu stellen:<br />

"Was den großen Umschwung herbeigeführt hatte, vermögen wir deutlich zu erkennen:<br />

das brasilianische Gold und die Kriege Ludwigs XIV., aus denen zusammen die großen Fi-<br />

nanz- und Lieferungsgeschäfte und die Spekulation hervorgegangen waren: diese drei wichti-<br />

gen Quellen großen Vermögens in <strong>der</strong> neueren Zeit." (ebd., S.26)<br />

Die "nouveaux riches", die durch diese Spekulationen und Transaktionen hervorgehenden<br />

neuen bürgerlichen Kräfte, lösten den zunftorientierten Bürgertypus des ausgehenden Mit-<br />

telalters allmählich ab und stiegen selbst langsam aber stetig die soziale Stufenleiter empor.<br />

Teilweise wurden sie ganz offiziell (durch Erwerb "beson<strong>der</strong>er Verdienste", d.h. durch<br />

Einkauf) in den Adelsstand erhoben, teilweise stieg <strong>der</strong> Adel selbst durch Heirat in ihre Kreise<br />

herab, um mit <strong>der</strong> konstant nach oben schnellenden luxurierenden und dabei ökonomisch und<br />

materiell immer weiter eskalierenden Entwicklung noch angemessen Schritt zu halten.<br />

Letztlich nun erweist sich das auf Land- und Forstwirtschaft gegründete ökonomische Prinzip<br />

des Feudalismus als nicht mehr leistungsfähig genug, um gegen den weit anpassungsfähigeren,<br />

wesentlich mobileren und nicht mehr von ideologischen Standesschranken begrenzten merkan-<br />

tilen und geschäftstüchtigen Bürgerstand ökonomisch etwas auszurichten. Noch setzt <strong>der</strong> sou-<br />

veräne Adel "symbolisches Kapital" (Bourdieu), Traditionalität und politische (militärische)<br />

Herrschaft <strong>der</strong> kapitalistischen Entwicklung entgegen, noch läßt sich die blühende Wirtschaft<br />

im Sinne <strong>der</strong> alten Adligen und des monarchistischen Staates weitgehend funktionalisieren;<br />

18


längerfristig jedoch erringen die bürgerlichen Kräfte zunehmend auch die politische Herrschaft,<br />

die sie in <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Ökonomie bereits längst dominant vertreten.<br />

Die ungeheure Dynamik nun aber dieser ganzen expandierenden und schließlich bis heute die<br />

gesamte Welt noch umspannenden ökonomischen Bewegung des "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus"<br />

läßt bereits früh ein neuartiges, sich allmählich durchsetzendes Prinzip sichtbar werden, das bis<br />

in unsere Zeit hinein eine ungemeine Aufwertung und Ausdehnung erfahren wird:<br />

Der sich immer mehr verselbständigende und technizistisch perfektionierende "Erwerb<br />

um des Erwerbs willen" (Sombart) auf <strong>der</strong> einen (letztlich bürgerlichen) Seite verbindet sich im<br />

"Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" mit einer (letztlich feudalen) kollektiven Lust an radikaler Konsum-<br />

tion und Repräsentation auf <strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Seite, sodaß schließlich fast alle in diesen Produk-<br />

tions-, Verteilungs- und Komsumtionsprozeß eingebundenen Kräfte (so sie über mehr als reine<br />

Subsistenzmittel verfügen) sich selbst und ihren kapitalistischen Mitspielern immer wie<strong>der</strong><br />

neuartige, dabei jedoch weitgehend materielle Vorteile konstant zu verschaffen imstande sind.<br />

Das von Sombart angeführte Beispiel <strong>der</strong> bei zunehmen<strong>der</strong> "Mo<strong>der</strong>nisierung" wechselseitig<br />

immer mehr voneinan<strong>der</strong> abhängigen Financiers und Adligen (ebd., S.28ff.) veranschaulicht<br />

recht plastisch, worum es im "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" schließlich gehen könnte: Um eine sich<br />

gegenseitig bedingende und alternierend steigernde "Koppelung" von ökonomischer Ration-<br />

alität und Funktionalität auf <strong>der</strong> einen (produktiven) Seite und einer weitgehend "be-<br />

dingungslosen" (Bataille), sich selbst nicht reflektierenden Verausgabung o<strong>der</strong> Konsumtion,<br />

die letztlich am sozialen Prestige o<strong>der</strong> am individuellen körperlichen Genuß sich orientiert,<br />

an<strong>der</strong>erseits.<br />

Die "nouveaux riches" des 16. und 17. Jahrhun<strong>der</strong>ts, die bürgerlichen Gewinner <strong>der</strong> Kriege<br />

und <strong>der</strong> Kolonialisierung vereinen bereits die ehedem noch getrennten Prinzipien <strong>der</strong> Produk-<br />

tion wie <strong>der</strong> Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen in einer einzigen Person: Sie treiben<br />

Handel o<strong>der</strong> arbeiten (teils mehr, teils weniger), um schließlich die schmackhaften Früchte ihres<br />

merkantilen Tuns selbst, und dabei am kulturellen o<strong>der</strong> vornehmen Vorbild des Adels orien<br />

19


tiert, zu ernten; um schließlich selbst ihr erworbenes Einkommen durch Ankauf von Adelstiteln<br />

o<strong>der</strong> luxuriösen materiellen Gütern zu konsumieren und zu verschwenden.<br />

Diese sich ständig formierenden "Neureichen" sind es letztlich, die die Spirale des öffentlichen<br />

und privaten Verbrauchs immer weiter in die Höhe treiben; mit ihnen wird <strong>der</strong> alte und öko-<br />

nomisch rückständige Adel auf Dauer nicht mehr Schritt halten können. Land- wie<br />

Forstwirtschaft werden auf einen bis heute geradezu marginalen Status immer weiter herab-<br />

sinken; längst haben weitaus mo<strong>der</strong>nere, erfolgreiche und lukrativere Erwerbszweige die ural-<br />

ten Wirtschaftsklassiker ersetzt und dabei weit überflügelt.<br />

Der bei dieser "kapitalistischen" Entwicklung immer weiter zunehmende "Luxus" und die<br />

Weckung wie die Entfaltung seines immer wie<strong>der</strong> sich erneuernden, verän<strong>der</strong>nden und stei-<br />

gernden alltäglichen Bedarfs sind dabei für Sombart treibende und die gesamte ökonomische<br />

Entwicklung <strong>der</strong> europäischen Mo<strong>der</strong>ne eminent und grundlegend prägende Kräfte. Im folgen-<br />

den soll jedoch "Luxus" aus Sombarts und meiner eigenen Perspektive genauer noch umschrie-<br />

ben werden.<br />

3. Notwendigkeit und Luxus<br />

Sombarts Luxus ist als relationale Kategorie an den Begriff des "Notwendigen" gebunden.<br />

(Sombart 1996, S.85ff.) Wer das Notwendige bestimme, sei es in Form eines subjektiven<br />

Werturteils, sei es in <strong>der</strong> Form eines "objektiv" zu erfassenden "physiologischen" o<strong>der</strong> "kultur-<br />

spezifischen Minimalbedarfs", grenze damit zugleich einen (luxuriösen) Bereich des Nicht-<br />

Notwendigen, eines darüber hinausgehenden Bedarfs und Verhaltens aus.<br />

Abgesehen davon, daß niemand "objektiv" einen "kulturspezifischen" Minimalbedarf erfassen,<br />

da auch jener wie<strong>der</strong>um nicht als "essentielle", son<strong>der</strong>n nur als "relationale" Kategorie gedacht<br />

werden kann, bleibt Sombarts Orientierung am Notwendigen vergleichsweise brauchbar, da die<br />

Notwendigkeit ein mit Einschränkung von jedem Einzelnen (aber nur von ihm) relativ leicht zu<br />

erfassen<strong>der</strong> Gegenstand ist. Dem kulturspezifisch Notwendigen kann nicht ohne weiteres und<br />

ohne sofortige Sanktionierung ausgewichen werden, <strong>der</strong> Arbeit nicht, dem Schulsystem nicht,<br />

dem Rechtssystem nicht usw. Problematisch wird jedoch das subjektiv erfaßbare "Werturteil"<br />

dieses Notwendigen sofort, wenn es, wie alle einmal (vorläufig) fixierten Werturteile, von Ego<br />

auf Alter übertragen und also zur "Bewertung" von Alter hinzugezogen wird:<br />

20


Wenn z.B. <strong>der</strong> "Bourgeois" o<strong>der</strong> <strong>der</strong> "Kapitalist" in <strong>der</strong> Form eines manifesten Werturteils<br />

(Produktion von Luxus ist notwendig!) den Arbeiter zur Arbeit zwingt o<strong>der</strong> zwingen möchte,<br />

liegt hier ein Werturteilsstreit vor, <strong>der</strong> immer wie<strong>der</strong> von neuem den Sinn <strong>der</strong> definierten<br />

"Notwendigkeit" <strong>der</strong> jeweiligen Arbeit in Frage zu stellen beginnt. Der Arbeiter kann zwar die<br />

Notwendigkeit "seiner" individuellen Arbeit zum persönlichen Überleben o<strong>der</strong> zum Unterhalt<br />

seiner Familie grundsätzlich anerkennen, jedoch z.B. nicht die marktorientierte Notwendigkeit<br />

des ihn beschäftigenden "Kapitalisten", ihm ein am absoluten (ökonomisch rationalen) Mini-<br />

mum orientiertes Gehalt auszubezahlen.<br />

Sombarts "kulturspezifischer Minimalbedarf" nun, <strong>der</strong> auch o<strong>der</strong> gerade (in kapitalistischen<br />

"Systemen") am Mindestlohn des Arbeiters o<strong>der</strong> Angestellten gemessen werden kann, wird<br />

also immer schon zwischen Arbeiter und Kapitalisten, zwischen Arbeitgeber- und Arbeit-<br />

nehmerseite ausgehandelt werden müssen und kann nicht als "objektiver" Tatbestand von<br />

seiten <strong>der</strong> Wissenschaft jemals "festgestellt" werden.<br />

Auch <strong>der</strong> von Sombart angeführte "physiologische" Minimalbedarf, <strong>der</strong> letztlich die Selbster-<br />

haltung <strong>der</strong> menschlichen Körper gewährleisten soll, kann z.B. heute, in Zeiten computer-<br />

isierter Heizungssysteme, Supermärkte und medialer Vernetzung nicht mehr auch nur an-<br />

nähernd sinnvoll erfaßt o<strong>der</strong> beschrieben werden.<br />

Letztlich bleiben hier nur Verhungern, Verdursten o<strong>der</strong> Erfrieren, bleibt <strong>der</strong> Tod durch<br />

militärische Aggression in vielen (insbeson<strong>der</strong>e "frühkapitalistisch" orientierten) Län<strong>der</strong>n <strong>der</strong><br />

Erde als physiologische und soziale Notwendigkeiten weiterhin und traurigerweise bestehen.<br />

Bei <strong>der</strong> Vielzahl aber <strong>der</strong> heutigen, durchaus sehr oft und fraglos zum Bereich des Notwendi-<br />

gen gezählten Gütern und Dienstleistungen wird man, zumindest in den westlichen Industriege-<br />

sellschaften, den eigenartigen Verdacht nicht los, daß an dieser Notwendigkeitsvorstellung<br />

etwas nicht richtig stimme, daß zugleich mit diesem "Notwendigen" etwas schon immer<br />

"Sinnloses" verbunden sei, das keiner notwendigen Funktion und keiner wie immer auch<br />

zwanghaften Verhaltensweise unterliege:<br />

Ein gewisses Maß an anstrebbarer und immer wie<strong>der</strong> angestrebter "Freiheit" (im Sinne<br />

von Rousseaus "liberté naturelle") durchzieht das gesamte kapitalistische Waren- und Dien-<br />

stleistungsangebot, das selbst wie eine märchenhafte o<strong>der</strong> fast unwirkliche Schatztruhe ver-<br />

21


lockend zu den weniger priviligierten und sogenannten Entwicklungslän<strong>der</strong>n hinüberblinkt. Die<br />

Freiheit dieses unübersichtlichen und durchaus alle Sinne des Körpers konstant verwirrenden<br />

Angebots liegt dabei gerade nicht in einer Art Hegelscher o<strong>der</strong> Marxscher Beschränkung be-<br />

gründet, die die "Nothwendigkeit" (Hegel 1980, S.198ff.), selbst die "Arbeit" (Marx 1980,<br />

S.141ff.) noch zu ihren dialektischen Maximen dekretierten, son<strong>der</strong>n vielmehr in einer während<br />

des gleichsam selbstvergessenen freizeitorientierten Konsums "radikalen Absenz" dieser<br />

reduktionistischen Begriffe und <strong>der</strong> ihnen eigenen Determinationen, die zwar teilweise dur-<br />

chaus notwendige aber niemals hinreichende "Mittel" sein mögen zum "Zwecke" einer<br />

"eudämonistischen" (Gehlen) Lebensführung.<br />

Die Freiheit als luxuriöser und "dionysischer" (Nietzsche) Antipode zur von allen möglichen<br />

Seiten per "Werturteil" und selbst von <strong>der</strong> Natur noch dekretierbaren Notwendigkeit läßt im<br />

Gegenteil eine weitere, freizeitorientiertere und spielerischere Verhaltensvariante zu, nämlich<br />

die, etwas vom Notwendigen und auch von <strong>der</strong> mühsamen Arbeit "völlig Verschiedenes" zu<br />

tun. Die potentielle Freiheit, etwas grundsätzlich An<strong>der</strong>es tun zu können als die <strong>der</strong> Herrschaft<br />

<strong>der</strong> notwendigen Arbeit unterworfenen Menschen, eint schließlich noch alle auch heute als<br />

Vertreter eines wahren Luxus fungierenden Gestalten <strong>der</strong> "Boulevardpresse", <strong>der</strong>en aufs Not-<br />

wendigste verkürzte Biographien die Herzen von Millionen und Abermillionen immer wie<strong>der</strong><br />

höher und lauter schlagen lassen.<br />

Nicht die notwendige Arbeit o<strong>der</strong> die mit diesem Begriff (abstrakt) verwandte Leistung lassen<br />

diese illustre Mischung aus altem Adel, "nouveaux riches" o<strong>der</strong> Prominenz aus Film und Fern-<br />

sehen so unglaublich attraktiv erscheinen, son<strong>der</strong>n vielmehr eine beson<strong>der</strong>e Form von überaus<br />

demonstrativem und teilweise exzessivem Konsum, eine Art <strong>der</strong> "souveränen" luxuriösen<br />

Selbstrepräsentation, die sich gerade von einer als zweifellos mühsam und notwendig er-<br />

kannten Daseinsform differenziert und weitgehend emanzipiert hat. Die demonstrative o<strong>der</strong><br />

kaschierte symbolische Ausgabe riesiger Summen zur Gestaltung von Freizeit und Festivitäten,<br />

die Zuschauerdominanz bei Sport o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en kreativen Spielen, ja selbst das verlustorien-<br />

tierte "Casino" verbindet eine Gruppe von prominenten und privilegierten Menschen, <strong>der</strong>en<br />

Lebensinhalt es weitgehend ist, Freizeit o<strong>der</strong> Luxus entsprechend kostspielig zu feiern und dem<br />

22


produktiven Rest <strong>der</strong> Welt ein mögliches Beispiel zu geben, wie es jenseits von Arbeit und<br />

Mühsal, jenseits von Alltag und Notwendigkeit immer schon aussehen könnte.<br />

Das Maß an konkreter Arbeit, das diese "prominenten" Menschen im Einzelfalle zu leisten im-<br />

stande o<strong>der</strong> bereit sind, "verschwindet" geradezu völlig in den Darstellungen <strong>der</strong> öffentlichen<br />

Medien, die gerade nicht die Mühen des alltäglichen monotonen Arbeitsprozesses zu repro-<br />

duzieren bereit sind, die vielmehr die Freizeitorientierung, die Sexualität und den repräsenta-<br />

tiven Lebensstil <strong>der</strong> "VIP's" in den Mittelpunkt ihrer verkürzten Darstellungen rücken. Selbst<br />

die "illustre" Berufsgruppe <strong>der</strong> Schauspieler und Unterhaltungskünstler, die in vergangenen<br />

Zeiten (und auch heute noch oftmals) entschieden und konsequent unterbezahlt war (gemäß<br />

ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung), ist dabei zusätzlich heute in dies luxusorientierte<br />

und prominente soziale "Feld" (Bourdieu) noch eingedrungen, in dem Repräsentation und<br />

Glanz wie ökonomische Kapazitäten <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nistischen Popkultur dieselben des Feudalismus<br />

abgelöst haben. Der gloriose und souveräne König des "ancien régime" ist tot, an seine Stelle<br />

tritt heute <strong>der</strong> ausdrucksstarke und lärmende "King of Rock and Roll".<br />

Die Augen <strong>der</strong> gesamten westlichen (und zunehmend östlichen) Welt richten sich heute wie<br />

damals auf einen vergleichsweise kleinen elitären Zirkel, den weitgehend nicht eine "sinnvolle"<br />

politische o<strong>der</strong> soziale "Aufgabe" eint (wiewohl letztere dem Prestige auch dieser Personen<br />

sehr wohl för<strong>der</strong>lich sind), son<strong>der</strong>n vielmehr die virtuelle Potentialität, <strong>der</strong> "Zauber" ihrer<br />

jeweiligen Vermögen und die demonstrative und kreative Art und Weise, dieses Vermögen<br />

entsprechend einer inneren Notwendigkeit (die <strong>der</strong> Zirkel selbst noch vorgibt) souverän auch<br />

"auszugeben".<br />

Der demonstrative und öffentlichkeitswirksame Konsum, <strong>der</strong> kreative und repräsentative Ver-<br />

brauch, die immer am öffentlichen Schauspiel orientierte (feudale) Selbstrepräsentation verbin-<br />

det diese Vertreter eines mo<strong>der</strong>nen wahren Luxus weit mehr als das raffinierte kapitalistische<br />

o<strong>der</strong> vorkapitalistische Verfahren, das ihnen diesen wuchernden und kapriziösen Lebensstil<br />

(<strong>der</strong> "Kultur" geradezu auszumachen scheint!) schließlich ermöglicht.<br />

Der individuelle Konsum, die materielle Verschwendung können dabei wie bei Ludwig XIV. an<br />

23


ihre definitiven und finanzierbaren Grenzen gelangen, <strong>der</strong> Ruhm und Glanz ihrer souveränen<br />

Träger jedoch wird <strong>der</strong>en eigene Lebenszeit oft bei weitem überdauern.<br />

Im traditionalen Feudalismus, <strong>der</strong> am Ausgangspunkt des Sombartschen Kapitalismus steht, ist<br />

die Trennung zwischen notwendiger Arbeit und nicht notwendigem Luxus, zwischen Produk-<br />

tion und <strong>der</strong>en Verbrauch noch beinahe vollkommen am jeweiligen Personal auseinan<strong>der</strong>-<br />

zuhalten. In mo<strong>der</strong>neren Zeiten jedoch fallen notwendige Arbeit am und freiwilliger Konsum<br />

von Luxus im bürgerlichen und neureichen Konsumenten schließlich in einer Person zusam-<br />

men. Die individuelle und selbst vom Bürger angestrebte Freiheit, wenn man so will, liegt dabei<br />

jedoch immer wie<strong>der</strong> weit mehr auf seiten des luxuriösen Konsums, <strong>der</strong> luxuriösen und<br />

kreativen Selbstrepräsentation und -erfahrung, denn auf <strong>der</strong> Seite <strong>der</strong> Arbeit; und alle utili-<br />

taristische o<strong>der</strong> marxistische Theorie, die uns vom (notwendigen) Gegenteil überzeugen<br />

möchte, stilisiert die mühsame Arbeit, die "notwendige" Produktion selbst noch moralisch hoch<br />

zu einem überaus erstrebenswerten Konsumartikel.<br />

Die konkrete Sinnsuche aber des Menschen in neuester und mo<strong>der</strong>nster Zeit geht schließlich<br />

immer weiter hin zu einer überaus idealisierten (frei von körperlicher Anstrengung) Arbeits-<br />

und Produktionsweise, die auch den gestiegensten Ansprüchen und Erwartungen, den kom-<br />

plexesten selbstdefinierten und unbewußtesten Bedürfnissen und Erwartungen noch gerecht<br />

werden soll. Da dies verständlicherweise dem üblichen Zwangscharakter <strong>der</strong> an die profane<br />

Notwendigkeit <strong>der</strong> materiellen und geistigen Produktion gekoppelten Arbeit zuwi<strong>der</strong>läuft,<br />

verwirklichen sich diese und an<strong>der</strong>e komplexe Ansprüche o<strong>der</strong> Erwartungen letztlich am besten<br />

noch immer und zusätzlich immer wie<strong>der</strong> in einer sogenannten, bis heute immer weiter kul-<br />

tivierten und weltweit überaus geschätzten "Freizeit", die zuletzt im virtuellen Raum <strong>der</strong><br />

neuesten medialen Verhältnisse ihren vermutlich abstraktesten aber immer zugleich "psychisch"<br />

überaus realen Nie<strong>der</strong>schlag gefunden hat.<br />

Die Ereignisse im mo<strong>der</strong>nen Fernsehen, im Kino, auf Schallplatte o<strong>der</strong> in an<strong>der</strong>en medialen<br />

Bereichen beginnen heute, parallel zur zugleich materiellen Luxurierung, die "psychischen<br />

Systeme" (Luhmann) <strong>der</strong> sozialen Freizeitakteure immer mehr zu überschreiben, bis schließlich<br />

die möglichen Grenzen zwischen Materialität und Fiktionalität, zwischen materieller Not-<br />

24


wendigkeit und virtueller Freiheit nicht mehr als solche zu erkennen sind. Die materiellen Auf-<br />

wendungen, die dabei das Kino z. B. heute tagtäglich zu leisten hat, gehen in die Millionen,<br />

gehen in Form von Milliardenbeträgen o<strong>der</strong> bewegten Gigatonnen in die jeweiligen Sozialpro-<br />

dukte ein. Es "verschwinden" jedoch diese Aufwendungen, die Abertausende an menschlichen<br />

Arbeitsstunden sofort und schließlich vollständig hinter dem sinnbetäubenden Vor<strong>der</strong>grund<br />

einer perfekten und souveränen, "apollinischen" (Nietzsche) Illusion, für die das mo<strong>der</strong>ne Kino<br />

lediglich ein anschauliches Beispiel gibt.<br />

Die Verdrängung <strong>der</strong> mühsamen Arbeit, <strong>der</strong> materiellen und körperlichen Notwendigkeit<br />

zugunsten <strong>der</strong> möglichst perfekten sensuellen Illusion begleitete schon seit jeher die gesamte<br />

kapitalistische Luxusproduktion, die immer schon konsequent <strong>der</strong> mühsamen und profanen<br />

Welt <strong>der</strong> Arbeit den erstrebenswerten (heiligen) Glanz und oft rasch vergänglichen Ruhm des<br />

überaus repräsentativen und freizeitorientierten Luxus entgegenzusetzen hatte.<br />

"Leben" und "Arbeiten" treten bereits im weisen Volksmund in einen öffentlichen Konflikt,<br />

und die Vermeidung <strong>der</strong> mühsamen Arbeit wie das dionysische Abfeiern <strong>der</strong> hoffnungsvoll<br />

ersehnten Freizeit ist für einen unterprivilegierten Arbeiter (zumindest in weiten Teilen<br />

Deutschlands) keine prinzipielle "Schande" mehr. Im Gegenteil wird die Arbeit (zumal die<br />

mechanisch-monotone) immer mehr zu einem unangenehmen aber durchaus notwendigen Mit-<br />

tel, dessen überaus sinnvoller Zweck die Freizeit geworden ist: die mo<strong>der</strong>nistische Freizeit und<br />

ein mit ihr verbundener kapriziöser und luxuriöser Lebensstil, den die Aristokratie <strong>der</strong> vergan-<br />

genen Jahrhun<strong>der</strong>te bereits modellhaft vorweggenommen hat. Mechanisch-monotone Arbeit<br />

wird heute weltweit noch zunehmend von automatisierten Maschinen o<strong>der</strong> noch dynamisch<br />

aufstrebenden Län<strong>der</strong>n <strong>der</strong> ehemals "Dritten Welt" erledigt, während hemmungsloser und<br />

freizeitorientierter Konsum insbeson<strong>der</strong>e von den Begüterten, den finanziell Privilegierten <strong>der</strong><br />

mo<strong>der</strong>nen Industriegesellschaften immer wie<strong>der</strong> begeistert aufgenommen und bis an die<br />

schmerzenden Grenzen ihrer jeweiligen finanziellen Möglichkeiten zugleich auch praktiziert<br />

wird.<br />

25


4. Quantitativer und qualitativer Luxus<br />

Um nun aber nach diesem Exkurs mit <strong>der</strong> "Definition" des Sombartschen Luxus fortzufahren,<br />

unterscheidet er eine "quantitative" von einer "qualitativen" Ausrichtung (Sombart 1996,<br />

S.85ff.):<br />

Während die quantitative Form auf eine schlichte "Vergeudung" von Gütern hi-<br />

nauslaufe, wenn also drei statt ein Zündholz verwendet o<strong>der</strong> hun<strong>der</strong>t statt ein "notwendiger"<br />

Dienstbote angestellt würden, stelle qualitativer Luxus eine Art "Verfeinerung" von Gütern<br />

("Gebrauchsdingen") dar, die das Maß zur bloßen "Zweckerfüllung" schließlich weit über-<br />

steige. Beide Formen träten zumeist gemeinsam auf, die "Verfeinerung" jedoch scheint eindeu-<br />

tig die von Sombart "bevorzugte" Variante des Luxus zu sein.<br />

Wie noch später bei Bataille ersichtlich wird, scheint im Verlauf einer zunehmend vernünftig<br />

o<strong>der</strong> nützlich sich gebärdenden Mo<strong>der</strong>nisierung die "agonale" Variante des Luxus, die rein<br />

quantitative und gierige Akkumulation o<strong>der</strong> prasserische Verschwendung zugunsten <strong>der</strong><br />

qualitativen "Verfeinerung" zumindest offiziell zurückzuweichen. Die akkumulierte "Masse"<br />

<strong>der</strong> mittelalterlichen Schatztruhe, die zu nichts mehr weiter nütze ist (es sei denn, man prägt<br />

Münzen aus Gold), gibt allmählich einer gewissen mo<strong>der</strong>nistischen "Klasse" Raum, die bis<br />

heute sich ideologisch immer weiter durchgesetzt und zunehmend ausdifferenziert hat.<br />

Der hohe manuelle und materielle Aufwand, <strong>der</strong> jedoch noch immer eine nicht geringe "Masse"<br />

an qualifizierter Arbeitszeit, Rohstoffen und Energie verschlingt, ist schließlich auch <strong>der</strong> mod-<br />

ernistischen "Klasse" weitgehend inhärent, was die Preise ihrer exklusiven Produkte (wen-<br />

ngleich auch niemals angemessen) heute wie damals entschieden in die Höhe treibt. Der auch<br />

von Sombart idealisierten "Klasse" ist grundlegend immer schon eine weitgehend "transzen-<br />

dente" o<strong>der</strong> irrationale Komponente eigen, die niemals rein argumentativ o<strong>der</strong> vernünftig le-<br />

gitimiert werden kann, die immer schon Gegenstand einer kontrovers geführten Debatte war.<br />

Auf die zudem interessante Rolle <strong>der</strong> schließlich ebenfalls überaus zweckarmen o<strong>der</strong> kaum je<br />

<strong>der</strong> Notwendigkeit des "Gebrauchs" unterliegenden Kunst geht Sombart in diesem Zusam-<br />

menhang lei<strong>der</strong> nicht ein, wie auch <strong>der</strong> gesamte Kunstbegriff für seine Theorie des luxurieren-<br />

den Kapitalismus seltsamerweise ohne jede Bedeutung ist. Diese Absenz <strong>der</strong> Kunst verwun<strong>der</strong>t<br />

um so mehr, als das von Sombart akzentuierte aufwendige "Kunsthandwerk" <strong>der</strong> frühen<br />

26


Manufakturen und Bauunternehmen, die Sombarts Meinung nach entscheidend für die frühe<br />

kapitalistische Entwicklung waren, ohne die aktive Beteiligung <strong>der</strong> damaligen großen Meister<br />

(insbeson<strong>der</strong>e in <strong>der</strong> Renaissance) selbst noch undenkbar erscheint.<br />

Im Bereich <strong>der</strong> bei zunehmen<strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>nisierung sich immer idealer (was auch den materiellen<br />

Wert <strong>der</strong> verwendeten Materialien angeht) und abstrakter gestaltenden Kunst scheint mir<br />

schließlich ergänzend, im Gegensatz zu dem <strong>der</strong> handwerklichen, industriellen und materiellen<br />

Arbeit, eine Art "innere", idealistische Notwendigkeit vorzuliegen, die noch immer den Habitus<br />

des klassischen Künstlers (wie des Priesters, Wissenschaftlers o<strong>der</strong> Aristokraten) begleitet, die<br />

mit <strong>der</strong> "äußeren" und profanen Notwendigkeit des Arbeiters, nämlich <strong>der</strong>, Geld verdienen zu<br />

müssen, auf seltsame Weise kontrastiert.<br />

Erst in allerneuester, popartistischer Zeit gleichen traditioneller Arbeiter und mo<strong>der</strong>nistischer<br />

Künstler sich insofern ideologisch o<strong>der</strong> ökonomisch an, als <strong>der</strong> Künstler offen und eindeutig<br />

beginnt, den Wert seiner künstlerischen<br />

"Arbeit" auch in Zahlen auszudrücken und gegenüber den potentiellen "Käufern" (nicht mehr<br />

Auftraggebern) seiner Kunst zunehmend selbstbewußt zu vertreten.<br />

Noch immer jedoch schwankt dieser Wert des symbolischen und qualitativen künstlerischen<br />

Ausdrucks weit mehr als <strong>der</strong> <strong>der</strong> vom Arbeiter aufgewendeten (quantifizierbaren) Arbeitszeit;<br />

noch immer und immer wie<strong>der</strong> (selbst entgegen <strong>der</strong> Intentionen mancher Künstler) kann die<br />

Kunst sich weitgehend ihren aristokratischen (symbolisch hemmungslos überhöhten) o<strong>der</strong><br />

überaus elitären Charakter weitgehend bewahren. Die Kunst ist in gewisser Perfektion dabei<br />

selbst die konsequente "Krönung" eines allein qualitativen, rein symbolisch aufgeladenen (heili-<br />

gen) Luxus, dessen eigentümliche Notwendigkeit dem im Diesseits seiner "äußeren" (profanen)<br />

Notwendigkeit verhafteten Arbeiter nur schwer (von Außen) vermittelt werden kann.<br />

Der traditionelle Künstler jedoch o<strong>der</strong> das gesamte, dem Künstler zugeordnete und zuge-<br />

wandte "intellektuelle Feld" (Bourdieu) begreift die erhabene Kunst schon immer im Sinne<br />

"seiner" inneren Notwendigkeit, die schließlich die weitere Produktion von Kunst und an<strong>der</strong>en,<br />

nicht grundsätzlich notwendigen Gegenständen weiterhin gewährleistet.<br />

Um seinen Luxusbegriff noch weiter zu diversifizieren (ebd., S.86) versucht Sombart<br />

zusätzlich, eine Art "eitlen", "egoistischen" Luxus, <strong>der</strong> dem bloßen Gefallen, <strong>der</strong> eigenen<br />

27


"sinnlichen Freude" diene, zu unterscheiden von einer "idealistischen" o<strong>der</strong> "altruistischen"<br />

Form, die er am Beispiel des "goldgeschmückten Altars", <strong>der</strong> allein Gott gewidmet sein soll,<br />

festmachen möchte. Problematisch ist diese Differenzierung insofern, als <strong>der</strong> Erbauer o<strong>der</strong><br />

Auftraggeber des Altars (Priester, Künstler o<strong>der</strong> Aristokrat) vermutlich selbst kaum unter-<br />

scheiden kann zwischen dem, was gottgefällig ist und dem, was Ego selbst gefällt. Ego kann<br />

zwar konstant auf Gott verweisen o<strong>der</strong> selbst "in nomine patris" sprechen, doch jener als<br />

überaus abstrakte (heilige) und dabei eher sprachlose Kategorie kann vermutlich selbst kaum<br />

ein ästhetisches o<strong>der</strong> empfindendes Werturteil abgeben, das schließlich den eitlen, egoistischen<br />

Luxus des urteilenden Priesters o<strong>der</strong> jeweiligen Papstes stützen würde. Der gottgefällige Luxus<br />

verliert also seine egoistischen und hedonistischen Züge nicht ohne weiteres und bleibt damit<br />

als sinnliche Kategorie immer schon auf den Genuß, die persönliche sinnliche Bejahung des<br />

jeweiligen Betrachters, Künstlers o<strong>der</strong> Anwen<strong>der</strong>s bezogen.<br />

Kein Kantisches "interesseloses" son<strong>der</strong>n vielmehr ein höchst interessiertes und körperbezo-<br />

genes Gefallen scheint dabei für den Luxus (und selbst noch für die Kunst) von ausschlagge-<br />

ben<strong>der</strong> Bedeutung zu sein: die Trennung von "egoistischem" und "altruistischem" Luxus kann<br />

(zumindest nach dem "Tod Gottes") theoretisch nicht aufrechterhalten werden.<br />

Zusammenfassend und schließlich auch für meine späteren Überlegungen von Bedeutung, stellt<br />

Sombart eine theoretische Verbindung her zwischen "unserem Geschlechtsleben", <strong>der</strong> "Sin-<br />

nenlust" und seiner "egoistischen" Form des Luxus. Kaum als gekennzeichnete Hypothese<br />

formuliert er:<br />

"Aller persönliche Luxus entspringt zunächst aus einer rein sinnlichen Freude am<br />

Genuß: was Auge, Ohr, Nase, Gaumen und Tastsinn reizt, wird in immer vollkommenerer<br />

Weise in Gebrauchsdingen irgendwelcher Art vergegenständlicht. Und diese Gebrauchsdinge<br />

machen den Luxusaufwand aus. Aller Wunsch nach Verfeinerung und Vermehrung <strong>der</strong> Sin-<br />

nenreizmittel wird nun aber letzten Endes in unserem Geschlechtsleben seinen Grund haben:<br />

Sinnenlust und Erotik sind letzten Endes ein und dasselbe. So daß <strong>der</strong> erste Antrieb zu etwel-<br />

cher Luxusentfaltung in <strong>der</strong> großen Mehrzahl aller Fälle gewiß auf irgendwelches bewußt<br />

o<strong>der</strong> unbewußt wirkende Liebesempfinden zurückzuführen ist." (ebd.)<br />

Hier wird, und dies ist ungewöhnlich für einen deutschen Autor <strong>der</strong> 20er Jahre, die "Sinnen-<br />

freude" (die noch simplifizierend auf die Erotik bezogen bleibt) zum Antrieb eines evolu-<br />

28


tionären geschichtlichen und sozialen Prozesses, den Sombart idealtypisch als "Mo<strong>der</strong>nen<br />

Kapitalismus" kennzeichnet. In "Liebe, Luxus und Kapitalismus" ist nicht vom "ökonomischen<br />

Rationalismus" die Rede (denn diesen hat er bereits 1902 im "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" abge-<br />

handelt), <strong>der</strong> die scheinbar notwendige Produktion optimiert o<strong>der</strong> immer wie<strong>der</strong> steigert; hier<br />

steht ganz allein <strong>der</strong> vom Körper begehrte und gewollte "egoistische" Luxus, hier stehen allein<br />

<strong>der</strong> Konsum, die kostspielige und nicht notwendige Ausgabe, die erst die kapitalistische Pro-<br />

duktion nachhaltig ermöglichten, im Fokus <strong>der</strong> historisierenden soziologischen Beschreibung.<br />

Daß ein undifferenziertes körperliches o<strong>der</strong> sexuelles Begehren zum "Verstehen" des kapital-<br />

istischen Prozesses und seiner Evolution allein nicht ausreicht, ist Sombart natürlich bewußt.<br />

Daß es jedoch dennoch eine gewichtige, wenn nicht zentrale Rolle bei <strong>der</strong> persönlichen Moti-<br />

vation <strong>der</strong> kapitalistischen Akteure immer schon gespielt haben könnte und selbst in ihrer Zeit<br />

noch spielt, ist <strong>der</strong> (deutschen) Nationalökonomie und Soziologie seiner Zeit ein vermutlich<br />

recht unangenehmer Gedanke:<br />

Sigmund Freud ist (1913) ihnen noch weitgehend unbekannt, verschiedene, kaum näher<br />

spezifizierte und damit beson<strong>der</strong>s "wissenschaftlich" recht unbrauchbare "Triebe" o<strong>der</strong> ge-<br />

netische Dispositionen müssen selbst bei Freud für psychologische o<strong>der</strong> bei Thorstein Veblen<br />

für soziologische ("The Theory of the Leisure Class") Erklärungen (vgl.: Veblen 1991,<br />

S.225ff.) damals noch herhalten. Sombart jedoch möchte, und dies distanziert ihn als Soziologe<br />

von simplistischen physiologischen und psychologischen Theorien, zusätzlich "das Zusam-<br />

mentreffen beson<strong>der</strong>er Umstände" ergründen, das letztlich die mo<strong>der</strong>ne "Luxusentfaltung", die<br />

nach ihm einer die Mo<strong>der</strong>ne begleitenden Entfaltung <strong>der</strong> "Sinnenfreude" gleichkommt, er-<br />

möglichte.<br />

5. Zur Körperlichkeit des "Sozialen Sinns"<br />

Aus heutiger Sicht könnte entsprechend gesagt werden, daß die jeweilige "Motivation" <strong>der</strong><br />

sozialen Akteure, die die kapitalistische wie jede an<strong>der</strong>e ökonomische o<strong>der</strong> politische<br />

Entwicklung beför<strong>der</strong>ten, seit <strong>der</strong> Begründung <strong>der</strong> Psychoanalyse zu Beginn unseres Jahrhun-<br />

<strong>der</strong>ts zunehmend auch ins theoretische Blickfeld einer sich ebenfalls neu formierenden Soziolo-<br />

gie gerückt war, da zu erkennen war, daß rein ökonomistische Erklärungs- und Begründung-<br />

sansätze bei "gesellschaftlichen" Motivationsfragen ebenso scheitern mußten wie his-<br />

torisch/politologische. Jedoch auch die Soziologie stieß bei <strong>der</strong> Suche nach motivationalen<br />

29


Erklärungsalternativen (die sie dann oftmals geradezu beschwörend in "die Gesellschaft" ver-<br />

legte) immer wie<strong>der</strong> an die Grenzen ihres eigenen beson<strong>der</strong>en "Mediums", das selbst sich im<br />

sogenannten, jedoch wie<strong>der</strong>um nur abstrakten und je nach Theorie extrem differierenden<br />

"Sozialen Sinn" bis heute auszudrücken versucht.<br />

Die latente und fragende Suche <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Soziologie nach dem "Sozialen Sinn" gleicht<br />

damit immer schon einer Suche nach <strong>der</strong> eigenen o<strong>der</strong> fremden, sozialen wie psychosozialen<br />

Motiviertheit, die die selbstreferentiell nahezu geschlossene Soziologie wie<strong>der</strong>um am liebsten<br />

in ihren eigenen Konstruktionen (Sinn, Geist, Kommunikation, Kommunikatives Handeln,<br />

Kommunikationssystem...) theoretisch wie<strong>der</strong>finden möchte. Daß die "Motivation" jedoch, die<br />

Ursache (als nicht empirische, son<strong>der</strong>n nur heuristische Kategorie) des wie immer standard-<br />

isierten Verhaltens zugleich auch immer außerhalb <strong>der</strong> von <strong>der</strong> Soziologie selbst noch beo-<br />

bachteten und beobachtbaren "Systeme" (Luhmann), des jeweiligen "Kommunikativen Han-<br />

delns" (Habermas) o<strong>der</strong> des "sinnhaften Handelns" (Weber) liegen könnte, daß also innerpsy-<br />

chische o<strong>der</strong> biologische Prozesse, die schließlich weitgehend nicht Gegenstände soziologis-<br />

cher Forschung sind, auch soziales Handeln o<strong>der</strong> Verhalten entscheidend und umfassend<br />

prägen wie schließlich auch motivieren könnten, vergißt, und das bis heute, eine überaus<br />

selbstverliebte und ihren eigenen theoretischen Konstruktionen oft fraglos verpflichtete mod-<br />

erne Disziplin lei<strong>der</strong> nur allzu gerne, was wie<strong>der</strong>um eine verblüffende theoretische und for-<br />

scherische Absenz bei extrem körperbezogenen und "devianten" sozialen Themen (Erotik,<br />

Sexualität und Aggression/Gewalt) zur Folge haben kann.<br />

Die möglichen Redundanzen, die dann von einer <strong>der</strong>art systemisch ausgerichteten, am<br />

"Sozialen Sinn", an reduktionistischer "Rolle", "Handlung" o<strong>der</strong> "Kommunikation" orientier-<br />

ten Soziologie erzeugt werden, gehen oftmals bis hin zur theoretischen Selbstaufgabe (beson-<br />

<strong>der</strong>s, wenn die "Sinnlosigkeit" von Verhaltensweisen akzentuiert wird), wenn wie<strong>der</strong>um nur<br />

abstrakte, von <strong>der</strong> Soziologie selbst noch kreierte Begriffe ("Gesellschaft", "Milieu", "Feld",<br />

"Schicht", "Status") zur teilweise idealistisch wertenden "Erklärung" von beson<strong>der</strong>s jugendli-<br />

cher o<strong>der</strong> "struktureller" (Galtung) Gewalt, tabuloser Sexualität o<strong>der</strong> hemmungslosem<br />

"Eudämonismus" (Gehlen), von oft sich selbst als Zweck setzendem o<strong>der</strong> genügendem körper-<br />

30


lichem Verhalten hinzugezogen werden und gerade nicht die oftmals ernüchternden For-<br />

schungsergebnisse aus Anthropologie, Biologie o<strong>der</strong> Psychologie.<br />

Der gewisse und nach Außen (zu Psychologie o<strong>der</strong> Anthropologie) hin offene Vorzug von<br />

Sombarts "Sinnenfreude" nun aber ist, daß die "sinnliche" (im Gegensatz zur "sinnhaften"!)<br />

"Befriedigung", die bekanntermaßen zur Ausschüttung diverser Hormone und an<strong>der</strong>er körper-<br />

licher Säfte und Kräfte führt und führen mag, von ihm zugleich in den gesellschaftlichen und<br />

wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang des "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" noch miteingeflochten<br />

wird, daß Sombart nicht negiert o<strong>der</strong> gar idealistisch wegabstrahiert, was heute geradezu Ge-<br />

genstand je<strong>der</strong> gesellschaftlichen und medialen Veranstaltung zu sein scheint: die individuelle<br />

wie kollektive Suche, das Streben nach individueller und kollektiver Befriedigung <strong>der</strong> noch<br />

allerabstraktesten und eigentümlichsten körperlichen wie psychischen Bedürfnisse.<br />

Der von Arnold Gehlen immer wie<strong>der</strong> zu Unrecht angeprangerte und kritisierte "Eudämonis-<br />

mus", <strong>der</strong> die mo<strong>der</strong>nen kulturellen Massen latent und verweichlichend bewege und errege,<br />

wird bei Sombart schließlich noch positiv begriffen als mo<strong>der</strong>ne (und letztlich "sozialistische")<br />

Bewegung zur Steigerung <strong>der</strong> allgemeinen und mo<strong>der</strong>nistischen "Sinnenfreude", eine opti-<br />

mistische "sinnliche" Vorstellung, die auch heute, zu Zeiten mo<strong>der</strong>ner Massenkommunika-<br />

tionsmittel, Reise- und Unterhaltungsindustrien, nichts von theoretischer o<strong>der</strong> pragmatischer<br />

Relevanz eingebüßt hat.<br />

Ein fächerübergreifen<strong>der</strong> Sinnbegriff könnte heute vielleicht etabliert werden, <strong>der</strong> die noch ba-<br />

nalsten gesellschaftlichen Ereignisse auf psychisch-körperliche Prozesse projizieren o<strong>der</strong> banal-<br />

ste körperliche Prozesse noch auf Gesellschaft zurückbeziehen könnte. Der überaus komplexe<br />

Körper (samt seines komplexen Gehirns) müßte als überaus wichtiges "Thema" einer in-<br />

teressierten Soziologie in sie selbst noch integriert und nicht als "biologisches System" (Luh-<br />

mann), als "symbiotischer Mechanismus" (<strong>der</strong>s.) von <strong>der</strong> Bühne <strong>der</strong> alltäglichen, auch <strong>der</strong><br />

kommunikativen Prozesse konstant theoretisch o<strong>der</strong> literarisch wegabstrahiert werden. Zwar<br />

folgen nicht alle Autoren, die "Soziobiologie" (vgl.: Meyer 1982) o<strong>der</strong> "Sportsoziologie"<br />

(Plessner 1956) betreiben, dem Vorbild <strong>der</strong> Kommunikationstheorie, doch <strong>der</strong>en reduktion-<br />

istische Fixierung auf Sprache o<strong>der</strong> kommunikativen Code (Semantik" bei Luhmann), auf inter-<br />

31


subjektive Vermittlung verstellt ihr oftmals den nüchternen und geschärften Blick auf den<br />

überaus souveränen und lebendigen Organismus.<br />

"Ein umfassendes Verständnis des kulturellen Konsums ist freilich erst dann gewährleistet,<br />

wenn "Kultur" im eingeschränkten und normativen Sinn von "Bildung" dem globaleren eth-<br />

nologischen Begriff von "Kultur" eingefügt und noch <strong>der</strong> raffinierteste Geschmack für erle-<br />

senste Objekte wie<strong>der</strong> mit dem elementaren Schmecken von Zunge und Gaumen verknüpft<br />

wird."<br />

(Bourdieu 1991, S.17)<br />

Wenn also von aller sprachlichen Normativität (von jeglicher "Bildung") wie<strong>der</strong>um abstrahiert<br />

und dem universellen menschlichen Körper seine unübersehbare Eigendynamik zurückgegeben<br />

werden könnte, wenn also die erlernte Sprache von ihrem dogmatischen Erklärungs- und Ab-<br />

solutheitsanspruch zumindest teilweise zurücktreten könnte, wäre damit <strong>der</strong> soziologische<br />

Sinnbegriff zunächst von einem ideologischen und normativen Gestus befreit, <strong>der</strong> schließlich<br />

noch immer bis heute die gesamte Sinndebatte begleitet. Das auch "natürliche Interesse" des<br />

Körpers an seinem persönlichen Sinn, <strong>der</strong> entschieden nur von ihm (und niemandem sonst)<br />

vertreten und immer wie<strong>der</strong> (oft gewaltsam) repräsentiert wird, sollte endlich ins Bewußtsein<br />

<strong>der</strong> Sozialtheoretiker noch eindringen, die selbst ihr abstraktes Engagement zum (notwendig)<br />

abstrakten "Konsens" (Habermas) <strong>der</strong> gesamten mo<strong>der</strong>nen Gesellschaft reduktionistisch o<strong>der</strong><br />

aufklärerisch hochstilisieren möchten.<br />

Wenn "Glück" und persönliche "Freude" (vgl.: Carlson/ Hatfield 1992, S.310ff.), Erotik o<strong>der</strong><br />

Aggression genuin körperlich-menschliche und damit allgemeingültige Konzepte sind, kann<br />

Gesellschaft und Kommunikation, kann auch persönliche Sinnproduktion ihnen schließlich ak-<br />

tiv entgegenkommen o<strong>der</strong> eben nicht. Der "Mo<strong>der</strong>ne Kapitalismus" nicht nur bei Werner<br />

Sombart tut dabei jedenfalls sein Möglichstes, die dem Körper wie <strong>der</strong> Psyche selbst noch un-<br />

bekanntesten Produkte zur ewig unersättlichen Befriedigung <strong>der</strong> noch absurdesten Bedürfnisse<br />

auf technisch perfektionierte und unermüdlich kreative Weise immer wie<strong>der</strong> zu verschaffen.<br />

Im allgemeinen wird zudem <strong>der</strong> westliche (o<strong>der</strong> östliche) Konsument, <strong>der</strong> Zugang zur kapital-<br />

istischen Wun<strong>der</strong>- und Güterkiste bekommt, nicht "notwendig" o<strong>der</strong> "gewaltsam" gezwungen,<br />

32


estimmte Produkte o<strong>der</strong> Dienste und nicht an<strong>der</strong>e auszuwählen und genießend zu konsu-<br />

mieren. Er kann aber muß sich nicht direkt für ein "bestimmtes" Produkt entscheiden, worin<br />

eine gewisse Qual, jedoch immer auch eine potentielle Lust verborgen liegt. Denn früher o<strong>der</strong><br />

später wird er sich doch entscheiden "können" und in <strong>der</strong> konkreten Freude am erworbenen<br />

Produkt seine ihm entsprechende "Sinnenfreude" ausleben.<br />

Der wie immer kreative und durchaus nicht notwendige Umgang mit <strong>der</strong> alle Sinne des Kör-<br />

pers latent überschwemmenden Vielfalt des mo<strong>der</strong>nen kapitalistischen Warenangebots bedeu-<br />

tete schließlich eine solche qualitative Steigerung des individuellen wie kollektiven Lebensge-<br />

fühls, daß bis heute fast alle politischen und religiösen Systeme des nun ausgehenden 20.<br />

Jahrhun<strong>der</strong>ts vor dieser kapitalistischen, die Sinne wie auch den codierten "Sozialen Sinn" im-<br />

manent reizen wie befriedigen wollenden Tendenz zu kapitulieren beginnen o<strong>der</strong> bereits schon<br />

lange kapituliert haben.<br />

6. Sombarts Städtetheorie und Max Weber<br />

Während nun "<strong>der</strong> Hof" und die an diesem sich ausbildende höfische Gesellschaft noch als in<br />

fast allen feudalen Systemen vorzufindende Gebilde beschrieben werden können, ist die<br />

Entwicklung <strong>der</strong> großen europäischen Städte seit dem 16. Jahrhun<strong>der</strong>t für Sombart eines <strong>der</strong><br />

bedeutendsten Anzeichen, das seine These von <strong>der</strong> Beför<strong>der</strong>ung des Kapitalismus durch den<br />

Luxus stützen soll. Die bereits in "Avignon" und während <strong>der</strong> Renaissancezeit von Sombart<br />

exemplarisch vorgeführte repräsentative Konkurrenz <strong>der</strong> großen Vermögen verlagert sich seit<br />

<strong>der</strong> Mitte des 16. Jahrhun<strong>der</strong>ts in die großen europäischen Agglomerationen, nach Venedig<br />

(Einwohner 1563: 168.627; 1575/77: 195.863), nach Neapel (Einwohner ca. 240.000), Mai-<br />

land (ca. 200.000) o<strong>der</strong> Rom (Einwohner 1600: 100.000), in Portugal und Spanien nach<br />

Lissabon (Einwohner 1629: 110.800) o<strong>der</strong> Sevilla (Einwohner gegen Ende des 16. Jahrh. ca.<br />

100.000), in den Nie<strong>der</strong>landen nach Antwerpen (1560: 104.972 Einwohner) o<strong>der</strong> Amsterdam<br />

(1622: 104.961 Einwohner), und schließlich nach Paris (1594: ca. 180.000) und London<br />

(1602: ca. 250.000 Einwohner), die allesamt noch bis heute mustergültige Vorbil<strong>der</strong> für<br />

großstädtische Entwicklung abgeben. (Alle Angaben: Sombart 1996, S.41ff.)<br />

33


Diese damaligen Großstädte, und dies unterscheidet sie grundlegend von ihrer heutigen indus-<br />

trialisierten Form, waren weitgehend Zentren, in denen die alten aristokratischen, wie die<br />

neuen, nun zunehmend bürgerlichen Kräfte sich alternierend in Konsum und Repräsentation<br />

wechselseitig zu übertreffen, zu überbieten versuchten, eine agonale Bewegung, von <strong>der</strong> ein<br />

geradezu "magischer" Sog sich auch auf den Rest des Landes o<strong>der</strong> <strong>der</strong> gesamten Welt auszu-<br />

wirken begann.<br />

Noch heute wird in vielen Län<strong>der</strong>n <strong>der</strong> sogenannten "Dritten Welt" die Arbeitslosigkeit und<br />

Hoffnungslosigkeit an den Rän<strong>der</strong>n <strong>der</strong> im Glanze des sichtbaren und sich manifestierenden<br />

Kapitals schimmernden Großstädte,<br />

in <strong>der</strong>en rapide anwachsenden und wild wuchernden Slums, <strong>der</strong> Hoffnungslosigkeit und Per-<br />

spektivlosigkeit auf dem rückständigen Lande vorgezogen, wofür es oftmals wenig vernün-<br />

ftige, jedoch viele "magische" Gründe zu geben scheint, die selbst den einschneidendsten fa-<br />

milialen Ortswechsel, die selbst das größte individuelle Wagnis noch rechtfertigen. Noch immer<br />

geht von den großen Metropolen <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Gegenwart zumindest die faszinierende<br />

Möglichkeit aus, an diesem die westlichen Gesellschaften letztlich einenden kapitalistischen<br />

Spiel um Kapital und materiellen (wie kulturellen) Reichtum selbst noch teilzunehmen,<br />

während dem rückständigen und primitiven Landleben fast aller kapitalistischer und mo<strong>der</strong>n-<br />

istischer Glanz weitgehend und verständlicherweise abgeht.<br />

In die von Sombart beschriebenen Großstädte des 16., 17. und 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts jedoch begab<br />

sich nicht, wer am überaus brüchigen Rande des Existenzminimums entlangtaumelte, son<strong>der</strong>n<br />

vielmehr, wem das Landleben schlicht zu eintönig und das kulturelle wie materielle Angebot<br />

dort entschieden zu gering war (vgl. ebd., S.57ff.). Die Zahl <strong>der</strong> vergleichsweise üppig aus-<br />

gestatteten Bürgerhäuser in den Großstädten nahm damals immer weiter zu, während das<br />

durch zunehmende Industrialisierung o<strong>der</strong> radikale "Bodenreformen" (England) neu formierte<br />

Proletariat sich an den Rän<strong>der</strong>n <strong>der</strong> jeweiligen Handels- und Produktionszentren nie<strong>der</strong>lassen<br />

mußte, die gerade nicht mit den repräsentativen Großstädten (wie z.B. London o<strong>der</strong> Paris)<br />

identisch waren. Lediglich das von den Häusern <strong>der</strong> damaligen Aristokratie, des gehobenen<br />

Bürgertums benötigte Personal, die zu den Höfen und Städten "gehörenden" Beamten o<strong>der</strong><br />

Soldaten, die im materiellen Sinne nicht selbst produktiv genannt werden konnten, trieben die<br />

Bevölkerungszahlen <strong>der</strong> Großstädte in die Höhe, nicht jedoch die große Anzahl von Arbeitern,<br />

die zur Produktion <strong>der</strong> luxuriösen wie <strong>der</strong> alltäglichen Güter dieser Städte notwendig waren.<br />

34


Dominant vielmehr und die damaligen Großstadtbil<strong>der</strong> prägend waren nach Sombart die so-<br />

genannten großen "Verzehrer", die die auf dem Lande o<strong>der</strong> durch Handel mit und in den Kolo-<br />

nien erwirtschafteten Gewinne und Grundrenten in ihre öffentlichen und privaten Bauten, in ihr<br />

jeweiliges Militär o<strong>der</strong> in ihren ganz o<strong>der</strong> teilweise privaten Luxus stecken konnten. Lavoisier,<br />

<strong>der</strong> Begrün<strong>der</strong> <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Chemie, <strong>der</strong> zugleich sich vor <strong>der</strong> französischen Nationalver-<br />

sammlung (ca.1790) um eine Reformierung des damaligen Finanzwesens bemühte, stellte für<br />

Paris eine Berechnung auf, die nach Sombart exemplarisch für fast alle damaligen Großstädte<br />

stehen kann.<br />

"Seine sehr genauen Aufstellungen gipfeln in dem Ergebnis, daß für 250 Mill. Livres<br />

von den Menschen, für 10 Mill. Livres von den Pferden in Paris jährlich Gebrauchsgegen-<br />

stände verzehrt würden, die bezahlt werden müssen. Uns interessiert hier die Antwort, die<br />

Lavoisier auf die Frage erteilt: wovon die 250 Millionen bezahlt wurden, weil in ihr ein<br />

außerordentlich frappantes Urteil über die Zusammensetzung <strong>der</strong> Pariser Bevölkerung beim<br />

Ausbruch <strong>der</strong> Revolution enthalten ist. Die Antwort lautet nämlich, wenn wir sie von den of-<br />

fenbaren Irrtümern reinigen, die Lavoisier unterlaufen sind):<br />

Etwa 20 Millionen bringen Exportgewerbe und Handel ein; 140 Millionen werden mit<br />

Hilfe von Staatsschuldenrenten und Gehältern bezahlt (revenu des intérêts et dépenses<br />

payé par le trésor public);<br />

100 Millionen decken die Grundrenten- und Unternehmerprofite (von auswärtigen Un-<br />

ternehmungen), die in Paris zum Verzehr gelangen (revenu des propriétaires de terre, de<br />

biens ruraux et de manufactures).<br />

Glänzend, glänzend! Welche Tiefe <strong>der</strong> Einsicht und <strong>der</strong> Erkenntnis: Paris -bis auf eine<br />

Quantité négligeable- eine reine Konsumstadt, die vom Hof, von den Beamten, von den Sta-<br />

atsgläubigern und den Grundrentenbeziehern lebt."<br />

(Sombart 1996, S.49/50)<br />

Produziert wurden die zum Verzehr in den Großstädten bestimmten Güter zumeist außerhalb<br />

<strong>der</strong> Metropolen, in Mittel- und Kleinstädten wie New Castle, Glasgow, Leeds, Manchester<br />

o<strong>der</strong> Birmingham in England, wie Iserlohn, Pa<strong>der</strong>born, Jauer o<strong>der</strong> Hirschberg in Deutschland<br />

35


(vgl. ebd., S.45), sodaß Produktion und Konsumtion <strong>der</strong> überwiegend großstädtischen Güter<br />

nicht nur personell, son<strong>der</strong>n auch lokal bis ins 18. Jahrhun<strong>der</strong>t hinein noch weitgehend vonei-<br />

nan<strong>der</strong> getrennt erschienen. Nach Sombart war "Lyon" vor dem Jahr 1800 die einzige eu-<br />

ropäische Stadt, die den Schritt von <strong>der</strong> reinen Arbeiterstadt (Seidenindustrie, Spitzen- und<br />

Möbelindustrie) zur konsumorientierten Großstadt aus eigenem Antrieb gewissermaßen<br />

geschafft hatte und ihre Bevölkerungszahl dabei über die 100.000 steigern konnte.<br />

Der von Max Weber vermutete Zusammenhang zwischen "Berufspflicht", zwischen religiös<br />

motiviert anmutendem "protestantischem" Arbeitseifer und relativer kapitalistischer Produk-<br />

tionssteigerung (Weber 1993, 122ff.) sieht sich hier bei Sombart konfrontiert mit einer ge-<br />

samteuropäischen und dabei mehrere Jahrhun<strong>der</strong>te umfassenden Übersicht, die weit mehr den<br />

Konsum und die kollektive Steigerung des luxuriösen Bedarfs, die "Sinnenfreude" in den<br />

Großstädten zur treibenden kapitalistischen Kraft erheben möchte denn ein arbeitsorientiertes<br />

Bedürfnis zur konstanten und nachhaltigen Mehrwertsteigerung. Da die Mehrzahl <strong>der</strong> damals<br />

in den Großstädten lebenden Menschen nicht selbst Kapitalisten waren, son<strong>der</strong>n im Gegenteil<br />

höchst kreative Konsumenten und <strong>der</strong>en oft zahlreiches Bedienungspersonal (samt selbst<br />

höchst verschwen<strong>der</strong>ischem und kostspieligem Militär!), müßte dies Ethos des Calvinismus<br />

und Protestantismus sich eigenartigerweise von den damaligen Großstädten und <strong>der</strong> politisch<br />

dominanten Aristokratie selbst ferngehalten haben, von denen immer schon (und bis heute an-<br />

dauernd) exorbitante Summen für Wohnen, Speisen, Kultur, Waffen o<strong>der</strong> Frauen ausgegeben<br />

wurden.<br />

Daß <strong>der</strong> "Mo<strong>der</strong>ne Kapitalismus" selbst heute auch dort m.E. "bestens" funktioniert, wo pro-<br />

testantischer o<strong>der</strong> calvinistischer "Geist" aus historisch-zufälligen Gründen nicht beson<strong>der</strong>s<br />

verbreitet ist, spricht eher für einen attraktiven und anthropologisch begründbaren<br />

"Fetischcharakter" (Marx) <strong>der</strong> kapitalistischen Warenwelt als für einen calvinistischen Zug<br />

von rationalistischer Selbstbeschränkung und jenseitsorientiert notwendiger ökonomischer Ak-<br />

kumulation.<br />

Daß jedoch eine Art "religiöses Prinzip" hinter all dem kapitalistischen Streben nach Geld und<br />

über Geld vermittelten Einfluß liegen mochte und immer schon liegen mag, verbindet letztlich<br />

Weber wie<strong>der</strong>um mit Sombart, <strong>der</strong> "den alten Judengott Jehova", <strong>der</strong> "Eros" und "Krieg",<br />

36


jedoch nicht den dogmatischen Luther o<strong>der</strong> den spartanischeren Calvin zu Grün<strong>der</strong>vätern <strong>der</strong><br />

kapitalistischen Bewegung machen wollte.<br />

Der Webersche Typus des erfolgsorientierten, protestantischen o<strong>der</strong> calvinistischen (dabei<br />

oftmals überaus skrupellosen!) Kapitalisten dürfte vielmehr in den vielen kleinstädtischen und<br />

randständischen bürgerlichen Milieus sich ausgeprägt haben, die selbst nicht vom repräsenta-<br />

tiven und gleichsam "katholischen" Glanz <strong>der</strong> damaligen Großstädte verwöhnt waren. Die<br />

Manufakturen, Fabriken o<strong>der</strong> Handelskontore dieser früh- und hochkapitalistischen Un-<br />

ternehmer mochten sie konstant und nachdrücklich an die Orte eines eher kleinstädtischen o<strong>der</strong><br />

provinziellen Arbeitsgeschehens (auch: in den Kolonien) fesseln, das sich qualitativ extrem von<br />

<strong>der</strong> Stadt und <strong>der</strong> in ihr ausgeprägten Konsumkultur unterschied. Der unangenehme und<br />

verwerfliche "Geruch" von manueller (überhaupt je<strong>der</strong> Form von) Arbeit war schließlich und<br />

noch äußerst lange Zeit <strong>der</strong> Aristokratie wie dem gehobenen Bürgertum ziemlich verhaßt, die<br />

Gerbereien, Färbereien und Kohlenmeiler, die Seifensie<strong>der</strong>eien, lärmenden Sägewerke o<strong>der</strong><br />

Webereien samt ihrer Betreiber wurden dabei nach Möglichkeit immer schon von <strong>der</strong>en kom-<br />

fortablen Wohnorten weit entfernt angesiedelt.<br />

So hatten diese überwiegend <strong>der</strong> Produktion verbundenen kapitalistischen (und oftmals "un-<br />

verheirateten" (Sombart)) Händler o<strong>der</strong> Fabrikanten fast nie die (wenngleich schon<br />

nachvollzogene) Möglichkeit, einen <strong>der</strong> Großstadt eigenen (und nur vom Hof und ihr perfek-<br />

tionierten) radikalen Konsum zu praktizieren. Sie waren als selbst noch arbeitende (und de-<br />

shalb verachtete) Produzenten vom kulturellen und tonangebenden Diskurs <strong>der</strong> Stadt, des<br />

Hofes immer schon weitgehend ausgeschlossen. Es blieb jedoch ihnen nun die beson<strong>der</strong>e und<br />

engagierte Hinwendung eben zur Produktion übrig und zur Ausklügelung von neuen, insbe-<br />

son<strong>der</strong>e kaufmännischen und technischen Verfahren, um zumindest nach Einkommen o<strong>der</strong> lo-<br />

kal begrenztem Prestige mit <strong>der</strong> allgemeinen, sich immer weiter steigernden wirtschaftlichen<br />

Entwicklung Schritt zu halten.<br />

Produktion und ökonomische Akkumulation, die dabei immer mehr zum jene Unternehmer<br />

noch motivierenden Selbstzweck mutierten, mußten aber immer zugleich sich am enormen<br />

materiellen Verbrauch <strong>der</strong> damals rasch wachsenden Großstädte und <strong>der</strong> selbst noch dyna-<br />

misch aufstrebenden und jenen "nacheifernden" Kleinstädte orientieren. Die Steigerung <strong>der</strong><br />

37


Produktion blieb und bleibt bis heute direkt von <strong>der</strong> Steigerung eines städtischen, eines kul-<br />

turell wie technisch weitgehend in den Städten ausdifferenzierten Bedarfs und <strong>der</strong> Zunahme<br />

<strong>der</strong> städtischen Bevölkerung grundlegend und weitgehend abhängig.<br />

Nicht protestantische, preußische Sparsamkeit o<strong>der</strong> allgemeine finanzielle Zurückhaltung mo-<br />

tivierten also mit Sombart die frühkapitalistische (und hochkapitalistische?) Epoche, son<strong>der</strong>n<br />

vielmehr (und dies auch und weitgehend in romanischen und katholisch orientierten Län<strong>der</strong>n!)<br />

ein in den Großstädten entwickelter und immer wie<strong>der</strong> verfeinerter, vom Luxus und vom Le-<br />

bensstil des Adels dominierter Geschmack, <strong>der</strong> schließlich selbst vom bürgerlichen und provin-<br />

ziellen Teil <strong>der</strong> Bevölkerung noch begehrt wie fraglos imitiert und angestrebt wurde.<br />

Produktion und Konsumtion <strong>der</strong> in diesem ständigen Wettbewerb um Prestige und Einfluß<br />

benötigten Güter mögen dabei ihre jeweiligen Spezialisten und historisch gewachsenen "Ty-<br />

pen" hervorgebracht haben:<br />

Die steigende Produktion mag dabei den jüdischen Geldmann ebenso begünstigt haben<br />

wie den calvinistischen und protestantischen Unternehmer, <strong>der</strong> sein gläubiges Seelenheil in den<br />

Kolonien o<strong>der</strong> im Gefüge <strong>der</strong> eigenen Fabrikationsanlagen gefunden hat. Immer jedoch sind da<br />

zugleich die reichen und verschwen<strong>der</strong>ischen Abnehmer ihrer oft überaus "nutzlosen" Waren in<br />

den wachsenden Großstädten o<strong>der</strong> im vermögenden Ausland: Die aristokratischen, katho-<br />

lischen o<strong>der</strong> atheistischen Konsumenten, die Militärs, Taugenichtse, Frauen o<strong>der</strong> bequemen<br />

Rentiers, von denen diese aufstrebenden und erfolgreichen Unternehmertypen direkt und grun-<br />

dlegend abhängig sind. "Produktion" und "Konsumtion" lassen bei diesem Prozeß allein theo-<br />

retisch und "kategorisch" sich voneinan<strong>der</strong> trennen; die Steigerung <strong>der</strong> Produktion von mod-<br />

ernistischen Luxusgütern "antwortet" jedoch zumeist erst auf eine von Außen (auch: vom<br />

Ausland) an sie herantretende und sich selbst immer wie<strong>der</strong> steigernde mo<strong>der</strong>nistische Nach-<br />

frage.<br />

Diese jedoch verdankt sich bei Sombart oft sehr unberechenbarer und durchaus zufälliger his-<br />

torischer Ereignisse, seien es die Kriege von Ludwig XIV., seien es die Kriege <strong>der</strong> preußischen<br />

Könige, seien es die spanischen Eroberungen in Amerika, <strong>der</strong> Überseehandel Englands mit<br />

seinen Kolonien o<strong>der</strong> die von Sombart genannten Silberfunde in Böhmen. Oftmals führte die<br />

38


totale militärische Verwüstung zur Mo<strong>der</strong>nisierung und produktiven Erneuerung ganzer na-<br />

tionaler Landstriche, oftmals war das persönliche (militärische o<strong>der</strong> wirtschaftliche) Engage-<br />

ment einzelner Fürsten ausschlaggebend für die kapitalistische und mo<strong>der</strong>ne Orientierung eines<br />

ganzen Landes.<br />

Immer aber mit diesen mo<strong>der</strong>nen geschichtlichen Ereignissen einher ging und geht noch bis<br />

heute die anstrebbare "Chance" einer oftmals hemmungslosen finanziellen o<strong>der</strong> materiellen<br />

menschlichen "Verausgabung", die auch die radikale Zerstörung von Gütern o<strong>der</strong> Menschen-<br />

leben billigend immer schon in Kauf genommen hat. Der mo<strong>der</strong>nistisch radikale Verbrauch, <strong>der</strong><br />

intensive Konsum von Gütern, Dienstleistungen, Erfindungen o<strong>der</strong> gar Menschenleben treten<br />

zugleich an die Seite einer mehr und mehr sich steigernden materiellen Produktion, die immer<br />

wie<strong>der</strong> nurmehr Mittel bleibt zum Zwecke einer finanziellen, politischen o<strong>der</strong> repräsentativen,<br />

in jedem Falle aber äußerst uncalvinistischen und unprotestantischen, energetisch wie materiell<br />

sich bis heute immer weiter aufladenden individuellen und kollektiven "Verschwendung".<br />

7. Sombart und die "Liebe"<br />

Daß die menschliche Erotik o<strong>der</strong> "die Liebe" (Sombart) von diesen üppigen Formen <strong>der</strong> mod-<br />

ernen gesellschaftlichen Verausgabung nicht ausgeschlossen bleibt, scheint aus einer hier ver-<br />

tretenen "anthropologischen" Perspektive nur zwangsläufig und natürlicherweise notwendig zu<br />

sein. Für Sombart ist <strong>der</strong> wechselseitig sich beeinflussende Umgang von Männern und Frauen,<br />

die menschliche Erotik, ein bedeutendes Element <strong>der</strong> insbeson<strong>der</strong>e mo<strong>der</strong>nen kulturellen Evo-<br />

lution (Sombart 1996, S.65ff.) Da die Geschlechter biologisch voneinan<strong>der</strong> abhängig und<br />

gleichsam natürlich immer schon aufeinan<strong>der</strong> bezogen sind, prägt <strong>der</strong> unterschiedliche Umgang<br />

mit <strong>der</strong> Sexualität auch die Unterschiedlichkeit <strong>der</strong> jeweiligen kulturellen "Lebensgestaltung"<br />

vice versa. Natur und Kultur werden damit gleichsam untrennbar theoretisch verknüpft und die<br />

wie immer auch geartete menschliche Natur noch in Sombarts Mo<strong>der</strong>nisierungstheorie integri-<br />

ert. Natur wird so zwar nicht tauglich zur "Erklärung" sozialer Prozesse, bleibt aber dennoch<br />

Teil <strong>der</strong> Theorie und auf Gesellschaft und Kommunikation weiterhin bezogen.<br />

Er beginnt nun in "Liebe, Luxus und Kapitalismus" einen Abschnitt über den "Sieg des Ille-<br />

gitimitätsprinzips in <strong>der</strong> Liebe" mit einer lei<strong>der</strong> nur kurzen Qualifizierung des erotischen Ist-<br />

39


Zustandes seiner eigenen Zeit, die nun ebensolchen periodischen Schwankungen unterworfen<br />

sei wie jede an<strong>der</strong>e historische Entwicklung:<br />

"Wie Wellen im Meere löst eine Lebensgestaltung die an<strong>der</strong>e ab. Die Welle, die uns<br />

jetzt trägt, hat mit <strong>der</strong>, <strong>der</strong>en Emporsteigen und Nie<strong>der</strong>fallen wir hier verfolgen wollen, nichts<br />

zu tun: sie kommt aus den Zunftstuben und aus den Predigten Calvins und John Knoxens,<br />

dorther, wo alle alle Begriffe von bürgerlicher Wohlanständigkeit ihren Ursprung haben.<br />

Aber selbst innerhalb eines und desselben Kulturkreises verläuft die Entwicklung nicht in<br />

einer völlig geraden Linie: die Richtung wird hier und da abgelenkt durch Gegentendenzen.<br />

Und nur im ganz großen Überblick können wir von einer grundsätzlich einheitlichen und gra-<br />

dlinigen Entwicklung sprechen, die die Auffassung von <strong>der</strong> Liebe und ihre Betätigung in un-<br />

serer Epoche (immer: seit den Kreuzzügen bis zu den drei Walzen Pauls o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Einbür-<br />

gerung des Kokesverfahrens) durchlebt haben." (ebd., S.65)<br />

"Auffassung" von <strong>der</strong> und "Betätigung" <strong>der</strong> Liebe seien während <strong>der</strong> Zeiten des frühen Mit-<br />

telalters (bis ca. 1100) noch "in den Dienst eines Höheren: Gottes gestellt" worden (ebd.,<br />

S.66), während alle nicht institutionalisierten o<strong>der</strong> kirchlich abgesegneten Formen praktizierter<br />

und gedachter Sexualität mit dem Stigma <strong>der</strong> "Sünde" gebrandmarkt wurden. Erst in den nun,<br />

in einer Phase <strong>der</strong> politischen Beruhigung folgenden "Jahrhun<strong>der</strong>ten des Minnesangs" begann<br />

die Erotik, die Liebe in ihrer bis heute noch ähnlich romantisierten Form, von den Troubadours<br />

und den lyrischen Dichtern Besitz zu ergreifen.<br />

"Es ist ausgesprochene Pubertätserotik, die in <strong>der</strong> Verhimmelung <strong>der</strong> Geliebten, im<br />

Schmachten und Stöhnen, im Schwärmen und Anbeten sich erschöpft. Den festen Boden<br />

natürlicher Sinnlichkeit betreten wir erst im Trecento, und wir vermögen nicht einmal mit<br />

Bestimmtheit zu sagen, ob die Lebenskreise <strong>der</strong> Minnesänger sich unmittelbar fortsetzen in<br />

<strong>der</strong> Gesellschaft, die wir etwa um den päpstlichen Hof in Avignon o<strong>der</strong> um Boccaccios<br />

Fiametta versammelt finden." (ebd.)<br />

Für Sombart ist mit dem Minnesang die Zeit des "finsteren" Mittelalters nun allmählich vorbei,<br />

wiewohl die hauptsächlich von <strong>der</strong> Kirche (vorwiegend ihren unterprivilegierten "Schafen")<br />

weiterhin verordneten sexuellen Reglementierungen sich lange Zeit noch zu halten imstande<br />

40


sind. Bereits <strong>der</strong> schon erwähnte päpstliche Hof in Avignon kam jedoch (im Gegensatz zu den<br />

"Schafen") ohne die tägliche Anwesenheit "geistvoller und schöner Frauen" (Sombart) nicht<br />

mehr länger aus, wenngleich diesen aus ideologischen und politischen Gründen allesamt nur ein<br />

illegitimer Status zuerkannt werden konnte. Die Kurtisanen <strong>der</strong> Renaissance mußten seit dieser<br />

"frühmo<strong>der</strong>nen" Zeit als neuer und gleichsam dialektischer Ausdruck institutionalisierter Sex-<br />

ualität immer wie<strong>der</strong> dafür herhalten, machtpolitische Interessen mit den kulturellen und<br />

sexuellen Bedürfnissen <strong>der</strong> spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Kirchenfürsten zu verbinden.<br />

Der weltliche Adel benötigte diese kunstvolle Konstruktion zwar weniger, da er immer schon<br />

außereheliche Beziehungen gepflegt, intensiviert und kultiviert hatte; die Renaissance jedoch<br />

erhob die "Cortegiana" gleichsam in den feudalen Ehrenstand und stellte sie mit dem "Corte-<br />

giano", dem Hofmann im Kreise <strong>der</strong> Renaisancefürsten, auf eine gemeinsame gesellschaftliche<br />

Stufe. Die illegitime Sexualität wurde somit (per Dekretion eines neuen Begriffs) kulturell inte-<br />

griert und sozial hoffähig gemacht, eine souveräne und "mo<strong>der</strong>ne" Bewegung, die nach Som-<br />

bart sich bald auch auf den Rest <strong>der</strong> (gehobenen) Gesellschaft grundlegend auswirken sollte.<br />

Fortan gilt ein jeweiliger, zur Disposition <strong>der</strong> Beurteilung o<strong>der</strong> Bewertung stehen<strong>der</strong> Hof<br />

nichts mehr ohne die Anwesenheit kultivierter o<strong>der</strong> anmutiger weiblicher, jedoch außereheli-<br />

cher Schönheiten, die selbst noch das zu definieren beginnen, was für schön, anmutig o<strong>der</strong> kul-<br />

tiviert gehalten wird, die aufgrund "de qualités rares" (Maupassant) die ihnen assoziierten<br />

Männer zu den gewaltigsten finanziellen Ausgaben alsbald nötigen werden:<br />

"Kein Hof, so groß er sein mag, kann Glanz entfalten o<strong>der</strong> Fröhlichkeit ohne Frauen, noch<br />

kann ein Hofmann etwas von Bedeutung sein o<strong>der</strong> tun, ohne von <strong>der</strong> Frauenliebe erfüllt und<br />

angetrieben zu werden, meint Castiglione in seinem Buche über den Cortegiano." (ebd., S.77)<br />

Die Entwicklung, Vermehrung und Verfeinerung <strong>der</strong> allmählich sehr attraktiv gewordenen<br />

außerehelichen Beziehungen führten nach Sombart dazu, daß die von den Männern aufge-<br />

brachten Aufwendungen für ihre jeweiligen Hof- o<strong>der</strong> Stadtmaitressen, für <strong>der</strong>en aufwendigen<br />

Wohn- und Lebensstil, den "größten Posten im Etat <strong>der</strong> großen Geldmänner" (Sombart 1996<br />

(nach Thirion), S.80) zu bilden begannen, daß in London, Versailles o<strong>der</strong> Paris bis zum Ende<br />

des 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts das meiste Geld jenseits <strong>der</strong> Militärausgaben schließlich für außereheliche<br />

41


Beziehungen aufgewendet wurde. Gegen Ende dieses Jahrhun<strong>der</strong>ts betrug die offizielle Anzahl<br />

z.B. <strong>der</strong> Pariser Stadtmaitressen ungefähr 10.000 (Einwohner: ca. 650.000), die im "Almanac<br />

des adresses des demoiselles de Paris de tout genre et de toutes les classes. Calendrier du<br />

Plaisir. A Paphos." (Auflage: 8.000) verewigt waren. "In London lebten um dieselbe Zeit in<br />

einem einzigen Kirchspiel (Marybonne) 1.700 Kurtisanen in eigenen Häusern." (ebd.)<br />

Die damals omnipräsente und auch den gesellschaftlichen Status <strong>der</strong> Männer weitgehend<br />

prägende Maitressenwirtschaft ihrerseits führte wie<strong>der</strong>um dazu, daß die von ihr nun vorgege-<br />

benen ökonomischen und kulturellen Standards auch auf den familiären, insbeson<strong>der</strong>e häusli-<br />

chen Rahmen rückwirkten, daß die "anständigen Frauen" (Sombart) begannen, in direkte<br />

Konkurrenz zu den "femmes entretenues" wie z. B. <strong>der</strong> "Marquise de Pompadour" o<strong>der</strong> den<br />

weitaus "günstigeren", jedoch zahlreicheren "Kokotten" zu treten.<br />

In jedem Falle aber waren die Auswirkungen dieser halbnormierten o<strong>der</strong> normierten sexuellen<br />

Entgleisungen auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung, auf die gesamtgesellschaftlichen<br />

materiellen Bedürfnisse, auf den allgemeinen gesellschaftlichen Geschmack nach Sombart ganz<br />

außerordentlich: die "Entfaltung des Luxus" und die <strong>der</strong> Sombartschen "Sinnenfreude" waren<br />

somit bis ins frühe 19. Jahrhun<strong>der</strong>t hinein auch und insbeson<strong>der</strong>e an die Entfaltung <strong>der</strong> außere-<br />

helichen und illegitimen Sexualität gebunden.<br />

Noch heute sind die alljährlichen Modeausstellungen in Paris, New York o<strong>der</strong> London, sind die<br />

Gestaltungen und das Produktsortiment großer und kleiner Warenhäuser, sind "Mißwahlen" in<br />

vielen Län<strong>der</strong>n <strong>der</strong> Erde Ausdruck einer sich mo<strong>der</strong>nisierenden und sexuell emanzipierenden<br />

Epoche, welche die Konkurrenz zwischen "Kokotten" und legitimen Frauen, welche Koketterie<br />

und modische Eleganz, Parfums und Pariser Spitze, kurz das gesamte Feld westlicher, weibli-<br />

cher Erotik beför<strong>der</strong>t und ausdifferenziert hatte bis hin zu ihren noch heute weitgehend unre-<br />

flektierten und fraglos wie begehrenswert praktizierten, erotisierten und erotisierenden For-<br />

men.<br />

Vor <strong>der</strong> Ausweitung und Differenzierung des gesamten technischen Apparates, vor <strong>der</strong><br />

Dampfmaschine, <strong>der</strong> Guillotine und dem Kultus einer selbstgenügsamen wie abstrakten<br />

42


Zahlen(meta)physik, die Materie jedwe<strong>der</strong> Art ganz in ihrem Sinne (im unreflektierten Sinne<br />

ihrer "Anwen<strong>der</strong>") zu formen, zu "funktionalisieren" begann (vgl.: Klagenfurt 1995, S. 17ff.),<br />

war schließlich die "Erotik" jenseits des omnipräsenten, aber weitgehend von Männern<br />

dominierten "Krieges" eines <strong>der</strong> wichtigsten gesellschaftlichen und gesellschaftsfähigen Fel<strong>der</strong>,<br />

für die es sich einst lohnte, viel, um nicht zu sagen sehr viel Geld einfach auszugeben.<br />

Die Rolle <strong>der</strong> konsumierenden und selektierenden Frauen aber in diesem außermilitärischen<br />

und außertechnischen, in einem vom häuslichen und gesellschaftlichen Luxus, von <strong>der</strong><br />

geradezu zwanghaften konkurrierenden Repräsentation <strong>der</strong> Körper wie <strong>der</strong> Moden geprägten<br />

sozialen und alltäglichen Bereich, <strong>der</strong> selbst die kapitalistische Produktion noch tiefgreifend<br />

"modisch" beeinflußte, ist lange Zeit von <strong>der</strong> historischen o<strong>der</strong> soziologischen Forschung ge-<br />

flissentlich übersehen o<strong>der</strong> vielleicht gar unterschlagen worden:<br />

In jedem Falle aber steht m.E. <strong>der</strong> "Stand <strong>der</strong> Forschung" hier in einem krassen und merkwür-<br />

digen Wi<strong>der</strong>spruch zur (von den männlichen "Künstlern" dagegen immer schon akzentuierten)<br />

Attraktivität und Relevanz <strong>der</strong> dabei zur Disposition stehenden "Sozialen Gegenstände".<br />

"Das siegreiche Weibchen strahlt uns in <strong>der</strong> Tat aus allen Schöpfungen <strong>der</strong> Kunst und<br />

des Kunstgewerbes dieser Zeit entgegen: aus Pfeilerspiegeln und Lyoner Kissen, himmel-<br />

blauseidenen Betten mit weißen Tüllgardinen, aus zartblauen Jupons, grauseidenen Strümp-<br />

fen und rosigen Seidenklei<strong>der</strong>n, aus koketten, mit Schwanendaunen besetzten Peignoirs, aus<br />

Straußenfe<strong>der</strong>n und Brabanter Spitzen, was dann alles ein Pater, wie Muther, dieser unver-<br />

gleichliche Schil<strong>der</strong>er des Rokoko, dem auch die vorhergehenden Worte entnommen sind, es<br />

ausdrückt, zu einer "Symphonie des Salons" zusammengedichtet hat." (Sombart 1996, S. 119)<br />

"Das Weibchen" o<strong>der</strong> die Frauen werden aber letztlich auch von Sombart wie<strong>der</strong>um nur funk-<br />

tionalisiert und reduktionistisch hochstilisiert zu "Siegern" <strong>der</strong> allgemein luxurierenden und<br />

sich materialisierenden mo<strong>der</strong>nen Wirtschaftsentwicklung, während ihr "öffentlicher" sozialer<br />

sowie ihr auch "produktiver" Status jenseits von häuslicher Gestaltung, jenseits von Sexualität<br />

und Erotik, sich nicht annäherungsweise o<strong>der</strong> nur versuchsweise thematisiert findet. Es gelingt<br />

Sombart zwar, eine Relation herzustellen und zu plausibilisieren zwischen einem wie auch im-<br />

mer weiblich determinierten und ausdifferenzierten Geschmack und <strong>der</strong> eher männlich<br />

dominierten kapitalistischen Produktion und Akkumulation, <strong>der</strong> unübersehbare Einfluß <strong>der</strong><br />

43


Frauen auf die patriarchalen Verhältnisse wird zwar immer wie<strong>der</strong> beschworen; jedoch bleibt<br />

weiterhin unklar, inwieweit die weiblichen luxuriösen Standards nun genuin weibliche sind (da<br />

die Produzenten und Künstler ja wie<strong>der</strong>um Männer waren) o<strong>der</strong> aber lediglich männliche (und<br />

durchaus definitionsmächtige) Projektionen, die rückwirkend den "Weibchen" nur un-<br />

tergeschoben werden.<br />

Wir haben es bei dieser gesamten, von Sombart beschriebenen historischen Entwicklung des<br />

sogenannten "weiblichen" mo<strong>der</strong>nen Konsums wohl eher mit einer Verzahnung von männli-<br />

chen und weiblichen Interessen o<strong>der</strong> Zuständigkeiten (wenn man so will: Funktionen) zu tun,<br />

mit einem erotischen o<strong>der</strong> zwischengeschlechtlichen gesellschaftlichen Wechselspiel, bei dem<br />

die genaue Zuordnung <strong>der</strong> "Ursache" des mo<strong>der</strong>nen Luxus zum einen o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Geschlecht<br />

nur schwer theoretisch zu leisten sein dürfte und zum an<strong>der</strong>en von Werner Sombart in keinster<br />

Weise geleistet wird.<br />

Die Kokotten, Kurtisanen und illegitimen Frauen Sombarts sind letztlich viel weniger "Ursa-<br />

che" als vielmehr "Begleiterscheinung" einer sich mo<strong>der</strong>nisierenden materialistischen Epoche,<br />

die sexuelle "Illegitimität" und "Materialität" als Werte an sich, die die Abwendung von kir-<br />

chlichen o<strong>der</strong> archaischen Dogmen ganz allgemein, die die Hinwendung zu "Subjektivität" und<br />

subjektivem (auch sexuellem) Genuß gleichsam begehrt entdeckt hatte und dies nun entspre-<br />

chend in allen nur möglichen und zugänglichen Bereichen in die produktive mo<strong>der</strong>ne Tat<br />

umzusetzen versuchte.<br />

8. "Die allgemeinen Entwicklungstendenzen des Luxus" (Sombart)<br />

In einem zentralen Kapitel von "Liebe, Luxus und Kapitalismus" mit dem heute wie damals<br />

chauvinistisch anmutenden Titel "Der Sieg des Weibchens" versucht Sombart schließlich, und<br />

damit soll diese Neuinterpretation von "Liebe, Luxus und Kapitalismus" allmählich ihr Ende<br />

finden, "allgemeine" Tendenzen von mo<strong>der</strong>ner (1200 bis 1800) Luxurierung anzudeuten, die<br />

sich von seiner problematischen und recht fragwürdigen "Frauenthese" wie<strong>der</strong> teilweise be-<br />

trächtlich und gewissermaßen erholsam entfernen.<br />

44


Die "Tendenz zur Verhäuslichung" des Luxus bedeutet nach Sombart die allmähliche<br />

Abwendung von seiner noch öffentlichen Form des Mittelalters ("Turniere, Schaugepränge,<br />

Aufzüge, öffentliche Gastereien") und die Hinwendung zu häuslichen, privatistischen Formen,<br />

die den materiellen Luxusbedarf insofern steigern, als nun tagtäglich an vielen Orten das prak-<br />

tiziert und kultiviert wird, was im Mittelalter nur periodisch und dabei lokal weitgehend kon-<br />

zentriert auftrat: "Die Frau holt ihn (den Luxus) zu sich herein." (Sombart 1996, S.118)<br />

Und nun scheinen selbst (was Sombart wie<strong>der</strong>um verschweigt) die das Ganze letztlich finan-<br />

zierenden, die miteinan<strong>der</strong> konkurrierenden o<strong>der</strong> mit "ihren" Frauen prahlenden Männer den<br />

häuslichen, inneren Luxus und die häusliche, intime Gemeinschaft allmählich durchaus zu ge-<br />

nießen, eine privatistische Form des zwischengeschlechtlichen (und in an<strong>der</strong>en Kulturen dur-<br />

chaus nicht gewöhnlichen) Umgangs, <strong>der</strong> bei uns zudem bis heute nichts an immer wie<strong>der</strong> ero-<br />

tischer und selbst die mo<strong>der</strong>nen Medien noch prägen<strong>der</strong> Attraktivität eingebüßt hat.<br />

Die "Tendenz zur Versachlichung" bedeutet bei Sombart die allmähliche Abwendung<br />

von "personalem", d.h. an Dienstleistungen o<strong>der</strong> "Trabanten" (Hofnarr, Unterhaltungskün-<br />

stler, Diener...) orientiertem Luxus und die Hinwendung zu immer mehr und immer kostbare-<br />

ren Sachgütern: "Ökonomisch ist diese Wandlung wie<strong>der</strong> äußerst relevant: Adam Smith würde<br />

sagen: man geht von "unproduktivem" zu "produktivem" Luxus über, weil jener personale<br />

Luxus "unproduktive", <strong>der</strong> versachlichte Luxus dagegen "produktive" Hände (im kapital-<br />

istischen Sinne: das heißt Lohnarbeiter in einer kapitalistischen Unternehmung) beschäftigt.<br />

In <strong>der</strong> Tat ist die Versachlichung des Luxusbedarfs für die Entwicklung des Kapitalismus von<br />

grundlegen<strong>der</strong> Bedeutung." (ebd., S.119)<br />

Bis heute ist die antike und mittelalterliche Dienerschaft, das im obigen Sinne "unproduktive"<br />

Personal, aus den mo<strong>der</strong>nen Villen und Bürgerwohnungen beinahe völlig verschwunden,<br />

während Aufwendungen für (technische) Sachen und Güter, für Wohnung und (Auto-)Mobiliar<br />

noch immer unverän<strong>der</strong>t hoch sind. Es wird aber nun in neuester Zeit (bei hochtechnisierter<br />

und nahezu ausgereizter Güterproduktion) wie<strong>der</strong> zunehmend ein Bereich von Dienstleistun-<br />

gen (Reisebranche, Theater, Kino, Fernsehen, Restaurants, Körperpflege...) gesellschaftlich<br />

relevant und von an materiellen Gütern "gesättigten" Konsumenten zudem noch intensiv ge-<br />

nossen, <strong>der</strong> letztlich wie<strong>der</strong> auf klassische und im materialistischen Sinne "unproduktive" For-<br />

men des Luxus zurückweist.<br />

45


Auch hier aber, im Bereich <strong>der</strong> klassischen luxuriösen Dienstleistungen, hat heute die kapital-<br />

istische Produktionsweise sich überwiegend durchgesetzt, und die noch unterbezahlten und<br />

zweitklassigen "Trabanten" <strong>der</strong> alten feudalen Welt sind teilweise selbst zu eigenständigen<br />

kapitalistischen Unternehmern mit eigenen abhängigen "Trabanten" mo<strong>der</strong>nistisch noch mu-<br />

tiert.<br />

Die "Tendenz zur Versinnlichung und Verfeinerung" nach Sombart bedeutet die<br />

Abkehr von "irgendwelchen idealen Lebenswerten (wie namentlich <strong>der</strong> Kunst)" und die Hin-<br />

wendung zu "niedrigen Instinkten <strong>der</strong> Animalität", eine Bewegung, die er schließlich den<br />

Frauen noch in die Schuhe schieben möchte, dabei orientiert an seiner recht fragwürdigen<br />

Trennung von "altruistischem" und "egoistischem" Luxus. Ökonomisch relevant wird jedoch<br />

diese, <strong>der</strong> leiblichen "Sinnenfreude" allgemein entgegenkommende Tendenz insofern, als nun<br />

alle Gegenstände, die die (körperlichen) Sinne beson<strong>der</strong>s anzusprechen imstande sind, von <strong>der</strong><br />

kapitalistischen Produktionsweise vereinnahmt werden können und massenweise allmählich das<br />

produziert und konsumiert wird, was sittlich-moralische (sinnhafte!) Selbstbeschränkung und<br />

finanzielle Kapazitäten <strong>der</strong> mittelalterlichen Epoche noch gewissermaßen zu "verhin<strong>der</strong>n"<br />

wußten.<br />

Die "idealen Lebenswerte" (ebd.) des Hochmittelalters, die Neigung zu tiefer Religiosität, die<br />

verinnerlichte Akzeptanz gottgewollter politischer Herrschaft sowie ein durch Mangel an ter-<br />

ritorialer Größe bedingter Mangel an ökonomischem Kapital weichen nun allmahlich einer<br />

weltoffenen und materialistischen Orientierung <strong>der</strong> Sinne, die entsprechend intensiv beginnt,<br />

sich auf Handel, Bedarf und Produktion gleichsam steigernd und beschleunigend auszuwirken.<br />

Die körperlichen Sinne jedoch <strong>der</strong> "Männer" dürften von dieser allgemeinen, sich nach Som-<br />

bart immer mehr "verfeinernden" und ausdifferenzierenden materialistischen Entwicklung<br />

ebenso "profitiert" haben wie die Sinne ihrer eher häuslichen Frauen; die (von Männern<br />

dominierte) künstlerische, militärische und handwerkliche Produktion folgte dabei sicherlich<br />

auch eigenen, und nicht allein nur weiblichen ideellen o<strong>der</strong> technisch-theoretischen Vorgaben.<br />

Die "Tendenz zur Zusammendrängung" in <strong>der</strong> Zeit bedeutet nach Sombart die immer<br />

raschere Abfolge von Moden, die letztlich als Folge <strong>der</strong> zunehmenden "Individualisierung",<br />

dem "Herausreißen" (Sombart) des Individuums "aus <strong>der</strong> es überdauernden Gemeinschaft"<br />

46


(ebd., S. 120) beschrieben wird. Das Individuum möchte nunmehr bereits schon "zu Lebzeiten"<br />

das noch an Ruhm, Prestige o<strong>der</strong> Genuß erfahren, also selbst noch mit eigenen Sinnen erleben,<br />

was einstmals dem Kollektiv, dem Geschlecht, <strong>der</strong> Sippe o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Familie unproblematisiert<br />

und zeitunabhängig zufiel. Der Bau von Schlössern und Wohnsitzen beschleunigt sich seit dem<br />

16. Jahrhun<strong>der</strong>t rapide, und ebenso verstärkt sich die heute noch gültige konsumtive Sucht, das<br />

konkurrenzfähige zeitgenössische "Novum" in den eigenen (und familiären) Alltag rasch und<br />

fraglos zu integrieren.<br />

9. Das "Illegitimitätsprinzip"<br />

Sombarts "Sieg des Illegitimitätsprinzips in <strong>der</strong> Liebe", von <strong>der</strong> Renaissance bis in unsere Zeit<br />

hinein, vollzieht sich schließlich historisch zunächst innerhalb einer kleinen, jedoch zunehmend<br />

an Zahl und Einfluß erstarkenden adligen und bürgerlichen, sich von Kirche gleichsam emanzi-<br />

pierenden Oberschicht, ja selbst noch innerhalb des klerikalen Adels, die nun die (im Vergan-<br />

genen) selbstgesetzten Gesetze, Moralen und Doktrinen immer wie<strong>der</strong> destruktiv zu unterlau-<br />

fen beginnt und den möglichen Verhaltensspielraum dabei öffnet für immer wie<strong>der</strong> neue, letz-<br />

tlich luxurierende, auch gewaltsam eskalierende und dabei von Individuen immer freizügiger<br />

gestaltbare mo<strong>der</strong>ne Verhaltensformen.<br />

Ist das (von wem auch immer formulierte) Tabu, ist auch die positiv gefaßte Regel einmal<br />

(souverän) aufgehoben und diese <strong>Aufhebung</strong> selbst noch gesellschaftlich etabliert, hat also die<br />

menschliche Neugier sich auf Kosten <strong>der</strong> (o<strong>der</strong> ergänzend zur) alten Regel letztlich etabliert<br />

und durchgesetzt, kann dann dies Neue selbst noch Gegenstand <strong>der</strong> omnipräsenten Kritik wer-<br />

den; es kann schließlich selbst noch dem Abfall o<strong>der</strong> dem gewöhnlichen Vergessen <strong>der</strong> immer<br />

rascher beschleunigten Geschichte überantwortet werden.<br />

Bei <strong>der</strong> grundsätzlichen und unhinterfragten Akzeptanz von gesellschaftlichen Regeln und<br />

Spielregeln wie z. B. in Durkheims totemistischen Kulturen, in denen die allübergreifende<br />

"Conscience collective" (vgl.: Durkheim 1967, S.45ff.) den Alltag und selbst die religiösen<br />

Feste (die Ekstase!) noch kollektivistisch organisiert, bleibt vermutlich auch (und Durkheims<br />

Empirie läßt uns hier weitgehend im Stich) die Sexualität und allgemeine "Sinnenfreude" weit-<br />

47


gehend an jene gebunden, wenngleich z.B. die menschliche Erotik (immer auch: die Gewalt)<br />

die latente und handfeste Möglichkeit zur Überschreitung <strong>der</strong> kommunikativ etablierten Regel<br />

natürlicherweise immer schon anbietet.<br />

Das Vertrauen in seit Generationen bestehende Sinn- und Verhaltensgefüge stabilisiert gleich-<br />

sam die vom Einzelnen noch überschaubaren "segmentären" (Luhmann 1991, S.576) Gesell-<br />

schaftsformationen, in denen fast allen gesellschaftlichen Akteuren fast alle zur Integration <strong>der</strong><br />

Gruppe notwendigen und gewünschten Verhaltensweisen annäherungsweise bekannt sind.<br />

Diese Art archaischer o<strong>der</strong> primitiver Gesellschaftsformation birgt jedoch nur geringes evolu-<br />

tionäres und schließlich keinerlei sozialrevolutionäres Potential in sich, da soziale Differenz<br />

sich (noch) nicht in formal (funktional) unterscheidbaren Gruppen organisiert, da die "Con-<br />

science collective" sich bemüht, alle (zufällig) auftauchende und die Gruppe selbst noch ge-<br />

fährdende soziale Differenz schließlich zu egalisieren o<strong>der</strong> zumindest zu absorbieren.<br />

In "stratifikatorischen" (ebd., S.578ff.) Gesellschaften jedoch ist das bereits ohnehin nur ab-<br />

strakte kollektive Bewußtsein zerfallen o<strong>der</strong> zerbrochen in unterschiedlich organisierte Ein-<br />

heiten mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Potentialen, in Priester-, Krieger- o<strong>der</strong> Bauern-<br />

und Sklavenkasten, die sowohl soziale Differenz und Funktion selbst markieren als auch<br />

jeweils aktiv versuchen, ihre eigenen Einfluß- Macht- o<strong>der</strong> Funktionsbereiche gegenüber an-<br />

<strong>der</strong>en innergesellschaftlichen Gruppen zu vertreten, zu legitimieren o<strong>der</strong> auszudehnen. Die<br />

ursprünglich gewaltsam etablierte Ordnung wird zugleich "von Oben" vertreten und theoretisch<br />

(klerikal) wie pragmatisch (politisch) reproduziert: eine traditionelle Blickrichtung wird dog-<br />

matisch etabliert, die sowohl politische Herrschaft als auch religiöse Legitimität gleichermaßen<br />

impliziert.<br />

Zwischengesellschaftliche, auf Konkurrenz o<strong>der</strong> Repräsentation von Herrschern, Religionen<br />

o<strong>der</strong> Individuen bezogene kommunikative Prozesse und Konflikte "dynamisieren" zugleich das<br />

gesamte, sich immer auch nach Außen hin repräsentierende Gesellschaftssystem, dem nun all-<br />

mählich jede innergesellschaftliche Notwendigkeit, dem nun bald (von Außen beobachtet) jede<br />

allgemeingültig zwanghafte o<strong>der</strong> gleichsam notwendige, dabei am allgemeinen Kollektiv noch<br />

orientierte soziale Ordnung abgesprochen werden kann. Die Willkür <strong>der</strong> souveränen<br />

48


Herrschenden, <strong>der</strong> religiösen, politischen und wirtschaftlichen Eliten tritt in diesen<br />

"geschichteten" Gesellschaften an die Stelle des alten kollektiven Bewußtseins:<br />

Alle in welcher Form auch immer hier existierende soziale Ordnung muß fortan immer wie<strong>der</strong><br />

mühsam reproduziert und von Personen o<strong>der</strong> von für Gruppen sprechende und handelnde Per-<br />

sonen immer wie<strong>der</strong> vertreten, vermittelt o<strong>der</strong> (weitgehend gewaltsam!) repräsentiert werden.<br />

Die relative Dynamik dieser von Konkurrenz, Schichtung o<strong>der</strong> "Klassenkampf" (Marx) ge-<br />

prägten sozialen Systeme wird dabei bereits früh durch Diversifikation <strong>der</strong> Gruppen, durch<br />

professionelle Spezialisierung und damit verbundene Unkenntnis an an<strong>der</strong>er Stelle gewähr-<br />

leistet.<br />

Stabil erschienen jedoch auch diese, die Geschichte <strong>der</strong> "alten Welt" (Luhmann) lange Zeit<br />

prägenden Gesellschaftsformationen insofern, als die mit ihr verbundenen gesellschaftlichen<br />

Subsysteme (insbeson<strong>der</strong>e die sog. unteren Schichten) die "von Oben" gesetzte Ordnung<br />

gleichsam als gottgegeben (und nicht von Menschen gemacht) schließlich anerkannten und die<br />

Moral <strong>der</strong> religiösen wie politischen, aber eben doch nur menschlichen und fehlerhaften Eliten<br />

trotz aller offensichtlicher, von diesen Eliten konstant praktizierter normativer Abweichung,<br />

letztlich (nicht immer!) klaglos akzeptierten.<br />

Die mangelnde Einsicht nun aber innerhalb dieser bereits allmählich "unübersichtlich" (Haber-<br />

mas) und nach Außen (zum Ausland) hin offen gewordenen "stratifikatorischen" Gesell-<br />

schaftssysteme in die gottgewollte Notwendigkeit <strong>der</strong> Regel, die allmählich erstarkende argu-<br />

mentative o<strong>der</strong> unreflektierte Kritik (auch des Protestantismus) an einem von Regeln und Ge-<br />

setzen dogmatisch durchtränkten Ist-Zustand, die ideelle und pragmatische Erweiterung <strong>der</strong><br />

Wissenschafts-, Handels- und Geschäftsaktivitäten eröffneten (bereits zur Zeit <strong>der</strong> Renais-<br />

sance) plötzlich und nachhaltig neue, zuvor noch weitgehend unbekannte o<strong>der</strong> vielmehr nur<br />

einfach unversuchte Erfahrungs-, Experimentier- und Verhaltensspielräume für die sich von<br />

Kirche insbeson<strong>der</strong>e emanzipierenden adligen und zunehmend bürgerlichen Kräfte.<br />

Die fraglose Attraktivität (auch <strong>der</strong> "illegitimen" Sexualität) und die mögliche berauschende<br />

Dynamik dieser zuvor weitgehend unbekannten, jedoch nun langsam auch körperlich erfahr-<br />

baren und durchquerbaren Räume (Die Entdeckung und Eroberung <strong>der</strong> "Neuen Welt") ließen<br />

49


dabei die überlieferte Konvention, die fraglos akzeptierte normative Tradition gleichsam immer<br />

mehr alt o<strong>der</strong> veraltet aussehen. Ein tiefgehend emotionaler und damit das argumentative Di-<br />

lemma letztlich entscheiden<strong>der</strong> Reiz schien nunmehr geradezu in <strong>der</strong> individuellen (wie kollek-<br />

tiven) "Überschreitung" <strong>der</strong> fremdgesetzten, problematischen Regel o<strong>der</strong> des Tabus aus einer<br />

an<strong>der</strong>en, längst unbekannten Zeit zu liegen.<br />

Zudem konnte nun noch selbst Einfluß auf die Gestaltung dieser neuen Erfahrungsräume<br />

nehmen, wer zuvor, aufgrund seiner lokalen o<strong>der</strong> sozialen Determiniertheit, nur dem ohnehin<br />

schon Bekannten lediglich zwangsläufige Folge zu leisten hatte. Die Flexibilität und individu-<br />

elle Gestaltbarkeit (auch des Grundbesitzes) <strong>der</strong> noch jungen "Neuen Welt" zog schließlich alle<br />

die mo<strong>der</strong>nen und rebellierenden Kräfte noch an, die im verkrusteten, erstarrten Europa keine<br />

persönliche Zukunft mehr, o<strong>der</strong> die, aufgrund <strong>der</strong> dort herrschenden Gesetze, selbst ihre phy-<br />

sische Existenz noch umfassend (und also sozialstrukturell) gefährdet sahen.<br />

Der Zugewinn in komplexen "stratifikatorischen" o<strong>der</strong> schließlich mo<strong>der</strong>nen bürgerlichen und<br />

heute teilweise "demokratischen" Gesellschaften an evolutionärem und revolutionärem, letz-<br />

tlich wie<strong>der</strong>um produktivem Potential, war nun erstaunlich beträchtlich, und die von Menschen<br />

beobachtbare (physische und soziale) o<strong>der</strong> gestaltbare Welt verän<strong>der</strong>te sich rascher als jemals<br />

in Geschichte zuvor.<br />

Die mo<strong>der</strong>nistische Freisetzung von individuellem menschlichem Potential, das kognitiv wie<br />

sozial seine kommunikativen und technischen Möglichkeiten dabei konstant zu erweitern, auch<br />

emotional zu intensivieren versucht, beschleunigte zugleich die materielle o<strong>der</strong> außerkommuni-<br />

kative Welt in einer revolutionären Weise, die dem von Gott geordneten Mittelalter o<strong>der</strong> ar-<br />

chaischen, segmentären Gesellschaften diametral entgegengesetzt sein mußte. Sie überschrieb<br />

zugleich dabei <strong>der</strong>en über Jahrhun<strong>der</strong>te o<strong>der</strong> Jahrtausende gültige Weltbil<strong>der</strong> mit mo<strong>der</strong>nen<br />

technizistischen, mit vergänglichen o<strong>der</strong> modischen, mit individuell kreativ gestaltbaren Texten<br />

o<strong>der</strong> unausgesprochenen körperlichen, erotischen o<strong>der</strong> gewaltorientierten individuellen<br />

Entwürfen. Der Einfluß des mo<strong>der</strong>nen Menschen erfaßte zudem seit dem frühen 16. Jahrhun-<br />

<strong>der</strong>t (seit Fernando Magellan) die noch entlegensten Gebiete des Globus und transformierte<br />

seine Umwelt auf zugleich überaus revolutionäre wie äußerst gewaltsame Weise.<br />

50


Die mo<strong>der</strong>nistische Freiheit <strong>der</strong> individuellen "Tat" wie <strong>der</strong> eigenen "Gedanken" als dabei ewig<br />

den Körper und die Psyche lockendes expandierendes Angebot wendete sich zugleich gegen<br />

jede formalisierte und statische Notwendigkeit, die zwar als materielle o<strong>der</strong> weitgehend soziale<br />

zweifellos erkannt, jedoch niemals pragmatisch zur Gänze akzeptiert werden konnte:<br />

Hier irrten wohl Marx o<strong>der</strong> Hegel, wenn sie schließlich o<strong>der</strong> hoffnungsvoll annahmen, die Ten-<br />

denz zur wie immer auch freien Entfaltung <strong>der</strong> individuellen menschlichen Sinne sei (vernün-<br />

ftig) aufzuhalten durch die überaus fiktive Beschränkung auf das sogenannte "Notwendige".<br />

Denn was dies gesellschaftlich "Notwendige", was dessen Wahrheit sei, kann bis heute<br />

zunehmend weniger von noch keinem bekannten Wissenschaftler, von noch keiner bekannten<br />

Kirche, von noch keiner politischen Strömung annähernd aufrichtig formuliert werden; die<br />

mo<strong>der</strong>nistische Kritik, die unreflektierte Subversion, die als Prinzip schon immer wirksam ist,<br />

würden schließlich nicht rasten und ruhen, die einmal etablierte Ordnung, und wenn auch allein<br />

gewaltsam, letztlich wie<strong>der</strong> umzustoßen.<br />

"Seit <strong>der</strong> zweiten Hälfte des 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts kann man sich vorstellen, daß seman-<br />

tische Traditionen, und seien es solche heiligster Art, mit <strong>der</strong> gesellschaftlichen Entwicklung<br />

variieren. An<strong>der</strong>erseits fällt es den Menschen schwer, weil sie sterben, zu akzeptieren, daß all<br />

das mit <strong>der</strong> Zeit kommt und vergeht. Seitdem produziert die Gesellschaft Wissen über sich<br />

selbst und darüber hinausgehende Sinnzusammenhänge doppelgleisig, nämlich einerseits als<br />

Wissen über die historische Variabilität aller Formen und an<strong>der</strong>erseits als trotzdem gewolltes<br />

Grundlagenwissen o<strong>der</strong> Ausgangswissen, an das man letztgewiß anknüpfen kann, ohne das<br />

aktuelle eigene Leben ins Unsichere zu hängen." (Luhmann 1993, S.9)<br />

Die "funktionale Differenzierung" (<strong>der</strong>s.) <strong>der</strong> komplexen "stratifikatorischen" Gesell-<br />

schaftssysteme im Verlaufe von Mo<strong>der</strong>nisierung resultierte nicht so sehr aus <strong>der</strong> gesellschaftli-<br />

chen Ausdifferenzierung eines bereits schon Bekannten, eines systeminternen Sinns o<strong>der</strong> sinn-<br />

haften Verhaltens, son<strong>der</strong>n vielmehr aus <strong>der</strong> motivierenden Entdeckung, Kreation und Kon-<br />

struktion eines mo<strong>der</strong>nistischen Neuen, das zwar auf alten Konzepten aufbauen, jedoch immer<br />

auch die "Überschreitung" <strong>der</strong> bekannten und erprobten Erfahrungsbereiche wagen mußte. Die<br />

Wirtschaft ebenso wie die Politik, die Wissenschaft wie die Kunst, selbst noch die religiösen<br />

51


Systeme (<strong>der</strong> Protestantismus) zehrten bei zunehmen<strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>nisierung von <strong>der</strong> möglich ge-<br />

wordenen individuellen o<strong>der</strong> kollektiven "Überschreitung" (nicht nur: <strong>der</strong> "Kritik") <strong>der</strong> lokalen<br />

und theoretischen Grenzen, die im religiösen und politischen Fundamentalismus des statischen<br />

und symmetrischen Mittelalters selbst noch ihren Ursprung hatten.<br />

Die gefährliche (aber auch belohnende), noch unbekannte Umwelt <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Europäer<br />

wurde als grenzüberschreitendes Wagnis, als Abenteuer nunmehr begriffen und die Neugier<br />

(auch: Geldgier) auf das noch Unbekannte, auf ein bislang noch nicht erreichtes aber möglich<br />

gewordenes Prestige, auf überaus mo<strong>der</strong>nistische und magisch attraktive Erfahrungsfel<strong>der</strong>,<br />

zum wirksamen und leistungsfähigen Motor von Wissenschaft, Handel und Politik.<br />

52


<strong>Georges</strong> <strong>Batailles</strong> "<strong>Aufhebung</strong> <strong>der</strong> Ökonomie"<br />

"Aber auch <strong>der</strong> Bewußteste, wenn er sich rücksichtslos verschwendet und zerstört,<br />

weiß nicht, warum er das tut, und hält sich womöglich für krank. Er ist unfähig, sein Verhal-<br />

ten als nützlich zu rechtfertigen, und kommt gar nicht auf die Idee, daß die menschliche Ge-<br />

sellschaft ebenso wie er selbst ein Interesse an erheblichen Verlusten und Katastrophen haben<br />

könnte, die, bestimmten Bedürfnissen gemäß, leidenschaftliche Depressionen, Angstkrisen und<br />

letztlich einen gewissen orgiastischen Zustand hervorrufen."<br />

(Bataille 1985, S.10)<br />

1. Bataille und <strong>der</strong> Surrealismus<br />

Die "Entdeckungen" <strong>der</strong> Psychoanalyse Sigmund Freuds in den 10er und frühen 20er Jahren<br />

motivierten einen künstlerisch-avantgardistischen Kreis um André Breton, zu einer grund-<br />

sätzlich erweiterten Vorstellung <strong>der</strong> Wirklichkeit zu gelangen, die auch die im Traum o<strong>der</strong><br />

Wahnsinn sich entfaltenden menschlichen Vorstellungen o<strong>der</strong> Verhaltensweisen noch umfassen<br />

sollte. Im "Ersten Manifest des Surrealismus" von 1924 for<strong>der</strong>te Breton die "künftige Au-<br />

flösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer<br />

Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität." (Breton 1986, S.18) Mit dem<br />

surrealistischen Programm einer Erweiterung <strong>der</strong> Wirklichkeit verband sich (vgl.: Wiechens<br />

1995, S.11) ein antirationaler und antiaufklärerischer Impuls, <strong>der</strong> sich gleichsam gegen alle<br />

Formen institutionalisierter, herrschaftsorientierter "Vernunft" richtete und nach einer Reha-<br />

bilitation tabuierter, indiskutabler und marginalisierter menschlicher Verhaltensweisen (Traum,<br />

Sexualität, Psychose) strebte.<br />

Insbeson<strong>der</strong>e durch die oft schockierende Thematisierung dieser sog. verfemten o<strong>der</strong> ausge-<br />

grenzten sozialen Bereiche, die nunmehr explizit in die lichten Höhen des Kunstbetriebs be-<br />

för<strong>der</strong>t wurden, machte <strong>der</strong> Surrealismus (ähnlich dem Dadaismus) die Öffentlichkeit auf sich<br />

aufmerksam: die Zertrümmerung des (bürgerlichen) Pathos sowohl eines klassizistischen<br />

Kunstbetriebes als auch einer saturierten und selbstgewissen bürgerlichen Wirklichkeitsvor-<br />

stellung einte dazu fast alle damaligen avantgardistischen Strömungen in <strong>der</strong> Kunst, die alle-<br />

samt neben <strong>der</strong> bürgerlich-"gewöhnlichen" noch eine "ungewöhnliche" Wirklichkeit vermuteten<br />

und diese zugleich künstlerisch etablieren wollten.<br />

53


Auch <strong>Georges</strong> Bataille, <strong>der</strong> mit an<strong>der</strong>en Surrealisten eng befreundet war (so mit dem Ethnolo-<br />

gen und Schriftsteller Michel Leiris o<strong>der</strong> dem Maler André Masson) näherte sich insbeson<strong>der</strong>e<br />

den heterologen Themen des Surrealismus an, blieb jedoch immer schon zu diesem in gewisser<br />

reflexiver Distanz. Als insbeson<strong>der</strong>e Breton gegen Mitte und Ende <strong>der</strong> 20er Jahre sich<br />

zunehmend ideologisiert und politisch engagierend radikal dem Kommunismus zuwandte, kam<br />

es unter den Surrealisten selbst zu einer Spaltung, bei <strong>der</strong> schließlich Breton den idealistischen<br />

und Bataille den eher politisch neutralen Flügel um sich versammeln sollte.<br />

Bataille tritt zugleich als Grün<strong>der</strong> verschiedener avantgardistischer Zeitschriften hervor: 1929-<br />

1931 erscheint die von ihm mit Michel Leiris und Carl Einstein herausgegebene, interdisziplinär<br />

angelegte "Documents", nach dem Kriege (1946) die bis heute existierende "Critique sociale".<br />

Im März1937 gründet Bataille zusammen mit Roger Caillois und Michel Leiris das "Collège de<br />

Sociologie", das aus <strong>der</strong> ehemaligen Geheimgesellschaft "Acéphale" (geför<strong>der</strong>t durch Bataille,<br />

Pierre Klossowski und André Masson) hervorgeht. Im "Collège" soll insbeson<strong>der</strong>e <strong>der</strong> Ver-<br />

such stattfinden, das von Durkheim, Mauss und Dumézil entwickelte Konzept des "Heiligen"<br />

in <strong>der</strong> Gesellschaft zu för<strong>der</strong>n und theoretisch wie praktisch zu rehabilitieren.<br />

"Es ging darum, philosophische Forschungen zu treiben, aber die Philosophie war in<br />

gewisser Weise bloß eine Fassade o<strong>der</strong> eine Form, das wirkliche Vorhaben bestand darin, das<br />

Heilige in einer Gesellschaft zu erwecken, die dazu neigte, es zu verwerfen. Wir waren uns<br />

bewußt, die Zauberlehrlinge zu spielen. Wir waren entschlossen, gefährliche Bewegungen zu<br />

entfesseln, und wir wußten, daß wir wahrscheinlich <strong>der</strong>en erste Opfer sein würden, o<strong>der</strong> daß<br />

wir zumindest im möglichen Strom mitgerissen würden."<br />

(Caillois (1970) in: Mattheus 1984, S.358)<br />

Das "Collège" bietet eine Lehre in Form von Vorträgen an, die ab Oktober 1937 alle vierzehn<br />

Tage gehalten werden sollen. Gegenstand dieser Lehre soll allein jene "heilige Soziologie" sein,<br />

die sich vornimmt, "...die Punkte darzulegen, in welchen die grundlegenden lästigen Tenden-<br />

zen <strong>der</strong> individuellen Psychologie mit den leitenden Strukturen, die den sozialen Verband<br />

leiten und seine Revolutionen hervorrufen, koinzidieren." (aus dem Gründungsmanifest, ebd.,<br />

S.359)<br />

54


Bereits 1933 machte Bataille in seiner Schrift "Die psychologische Struktur des Faschismus"<br />

auf den gleichsam erschreckenden wie faszinierenden "heterogenen" Charakter <strong>der</strong> italienis-<br />

chen und deutschen faschistischen Bewegungen aufmerksam, die insbeson<strong>der</strong>e in inszenierten<br />

Massenveranstaltungen ihren exemplarischen Ausdruck von kollektiver Macht, Gewalt und<br />

Größe fanden.<br />

"Der affektive Strom, <strong>der</strong> den Führer mit seiner Gefolgschaft verbindet in <strong>der</strong> Form <strong>der</strong> mor-<br />

alischen Identifizierung <strong>der</strong> Gefolgschaft mit dem Führer (und umgekehrt), ist Funktion eines<br />

gemeinsamen Bewußtseins von sich steigernden, gewaltsamen, ins Maßlose anwachsenden<br />

Energien, die sich in <strong>der</strong> Person des Führers akkumulieren und in ihr unbegrenzt verfügbar<br />

werden." (Bataille 1997, S.19)<br />

Dieser kollektiv-affektuelle Ausdruck von nahezu unendlich verfügbarer gesellschaftlicher "En-<br />

ergie", von durch das Kollektiv erst erzeugter, gleichsam individueller religiöser Ekstase ist es,<br />

<strong>der</strong> Bataille aus wissenschaftlicher Perspektive interessiert; er sucht zugleich nach möglichen<br />

religiösen Alternativen, nach "funktionalen Äquivalenten" (Durkheim), um <strong>der</strong> zwangsläufig<br />

zur Selbstzerstörung neigenden Tendenz des gewaltorientierten Faschismus theoretisch wie<br />

pragmatisch etwas entgegenzusetzen.<br />

2. Das Heilige und das Profane bei <strong>Georges</strong> Bataille<br />

Für Bataille setzt <strong>der</strong> seit Nietzsche theoretisch vollzogene "Tod Gottes" den Menschen <strong>der</strong><br />

fortgeschrittenen Mo<strong>der</strong>ne <strong>der</strong> zufälligen und rücksichtslosen "Logik" einer nie<strong>der</strong>en Materie<br />

aus, die in nichts mehr den "großen ontologischen Maschinen" (Bataille) von Plato bis Husserl<br />

theoretisch entspricht. Um sich von diesem dem lebendigen und souveränen Selbst konstante<br />

Grenzen setzenden, "unerträglichen" Zustand zu befreien, schlägt die soziale Bewegung bei<br />

Bataille nun um in ihr gleichsam religiös aufgeladenes Gegenteil. Der bürgerlichrationale<br />

Mensch des aufstrebenden Faschismus wie <strong>der</strong> gesamten bürgerlichen Mo<strong>der</strong>ne befreit sich<br />

zugleich von <strong>der</strong> reduktionistischen (rationalen) und nie<strong>der</strong>en Welt des materialistischen und<br />

funktionalistischen "Profanen" und tritt in die Unendlichkeit des "Heiligen", eines sich von <strong>der</strong><br />

"Homogenität" des Profanen immer schon emanzipierenden, "heterogenen" Bezirkes ein, um<br />

55


sich schließlich wie<strong>der</strong> mit <strong>der</strong> gleichsam natürlichen und allmächtigen Totalität einer vormod-<br />

ernen und archaischen Welt zu versöhnen.<br />

"Basis <strong>der</strong> sozialen Homogenität ist die Produktion. Die homogene Gesellschaft ist die<br />

produktive, das heißt die nützliche Gesellschaft. Jedes unnütze Element wird ausgeschlossen,<br />

nicht aus <strong>der</strong> Gesellschaft überhaupt, son<strong>der</strong>n aus ihrem homogenen Teil. In diesem Teil muß<br />

jedes Element für ein an<strong>der</strong>es nützlich sein, ohne daß jemals die homogene Tätigkeit die<br />

Form einer in sich wertvollen Tätigkeit erreichte. Eine nützliche Tätigkeit kann immer mit ei-<br />

ner an<strong>der</strong>en nützlichen Tätigkeit auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, nicht aber<br />

mit einer in sich wertvollen Tätigkeit."<br />

(Bataille 1997, S.10)<br />

"Man kann sagen, daß die Welt des Heterogenen zu ihrem größten Teil durch die sak-<br />

rale Welt konstituiert wird und daß die heterogenen Dinge analoge Reaktionen wie die sak-<br />

ralen Dinge hervorrufen, obwohl sie nicht im eigentlichen Sinne als sakral angesehen werden.<br />

Diese Reaktionen bestehen darin, daß man dem heterogenen Ding eine unbekannte und ge-<br />

fährliche Kraft zuschreibt (die an das polynesische Mana erinnert) und daß ein gewisses<br />

soziales Berührungsverbot (Tabu) es von <strong>der</strong> homogenen o<strong>der</strong> gewöhnlichen Welt fernhält<br />

(wobei die gewöhnliche Welt <strong>der</strong> profanen Welt innerhalb <strong>der</strong> rein religiösen Opposition ent-<br />

spricht). (ebd., S.16)<br />

Bereits bei Emile Durkheim ("Die elementaren Formen des religiösen Lebens") war die theo-<br />

retische Trennung zwischen "profanem" und "heiligem" Bezirk, zwischen zwei funktional un-<br />

terscheidbaren menschlichen Lebensbereichen gleichsam noch rational vollzogen. Die frühen<br />

totemistischen Kulturen, die Durkheim selbst distanziert (Sekundäranalyse) untersuchte und<br />

interpretierte, hätten immer schon gewisse Bezirke und Zeiten des "Heiligen" von solchen des<br />

"Profanen" zu unterscheiden gewußt und das "Beson<strong>der</strong>e" und Abweichende <strong>der</strong> religiösen<br />

"Kräfte" vom "Gewöhnlichen" <strong>der</strong> alltäglichen Welt bereits auch theoretisch differenziert. Die<br />

frühe kollektive Benennung von profanen o<strong>der</strong> heiligen "Gegenständen" hätte zugleich die<br />

Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse in eine Art Kosmologie, in eine sozial vermittelte<br />

Ordnung gebracht und damit <strong>der</strong> natürlichen Ordnung (und Unordnung!) <strong>der</strong> Welt eine gleich-<br />

sam soziale Ordnung <strong>der</strong> Welt und <strong>der</strong> in ihr wirkenden Menschen und Dinge an die Seite<br />

gestellt.<br />

56


Bei Durkheim wird jedoch lei<strong>der</strong> nicht ohne weiteres ersichtlich, worin nun die spezifischen<br />

"Funktionen" <strong>der</strong> offensichtlich getrennten Bereiche annäherungsweise bestehen mögen: Da<br />

"profane" wie "heilige" Ordnung in gleicher Weise sozial (und kraft des magischen Kollek-<br />

tivbewußtseins) vermittelt und reproduziert werden, sind lediglich bestimmte Verweise auf<br />

"außerordentliche" Zustände, auf beson<strong>der</strong>e "Feste" und "Feiern", auf zeremoniellen<br />

"Schmerz" o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>e körperliche Ausnahmezustände von Durkheim aufgegriffene Indizien<br />

dafür, daß es jenseits <strong>der</strong> profanen und normalisierten Alltagswelt eine durchaus nichtalltägli-<br />

che, eine weitgehend außerordentliche, eine dem sprachlichen o<strong>der</strong> logischen Bewußtsein<br />

weitgehend nicht zugängliche geben könnte.<br />

Nach <strong>Georges</strong> Bataille hingegen liegt in einer gleichsam "verkehrten Welt" des religiösen<br />

"Karnevals", <strong>der</strong> immer schon ein menschlicher Bereich sui generis war, eine revoltierende und<br />

evolvierende subjektive "Kraft" verborgen, die noch vor aller sozialen Ordnung, noch vor aller<br />

"Werkzeugvernunft" den frühen und archaischen Menschen außerordentlich bewegt und erregt<br />

haben muß:<br />

Dem sachlichen jedoch statischen "homo faber" <strong>der</strong> homogenisierten und logozentrierten<br />

Werkzeugvernunft tritt im religiösen und ursprünglichen "Karneval" zugleich ein kreativer und<br />

dynamischer "homo ludens" zur formal erstarrten Seite, <strong>der</strong> bereit ist, während des karneval-<br />

istischen und "heterogenen" Spiels die errichtete soziale Ordnung, den erarbeiteten wertvollen<br />

Gegenstand versuchsweise zu demontieren o<strong>der</strong> schließlich total zu zerstören. Der unreflek-<br />

tierte Verbrauch, die radikale und mutwillige Zerstörung (die Verausgabung) von oft überaus<br />

wertvollen Gütern (und Wertvorstellungen) folgt dabei immer wie<strong>der</strong> ihrer mühsamen Produk-<br />

tion:<br />

In einem souveränen wie karnevalesken Akt jagt <strong>der</strong> spielende Mensch <strong>der</strong> heiligen<br />

"Heterogenität" (Formel I, Weltraumforschung, militärische Konflikte) moralische o<strong>der</strong> Mil-<br />

lionenwerte immer wie<strong>der</strong> dahin.<br />

"Zu bestimmten Festzeiten, an bestimmten Feiertagen, die ursprünglich mit den Krisen<br />

im Leben <strong>der</strong> Sonne - den Sonnenwenden - zusammenhingen, wurde eine an<strong>der</strong>e, nichtof-<br />

fizielle Wahrheit zelebriert. Das Lachen <strong>der</strong>er, die normalerweise Gegenstand des über-<br />

legenen Gelächters waren, stellt vorübergehend die sozialen Bedingungen <strong>der</strong> menschlichen<br />

Existenz in Frage: Der Knecht wird zum König gekrönt, <strong>der</strong> Narr sticht den Souverän; <strong>der</strong><br />

57


Bauch triumphiert über den Kopf, und <strong>der</strong> Priester verneigt sich vor einem Esel, zu dem er<br />

mit einem dreifachen IA betet. Im Lachen <strong>der</strong> Basis, einem Lachen aus Unterlegenheit, wurde<br />

das soziale Gebäude momentan erschüttert. Zelebriert wurde die unblutige, weil lachende<br />

Vernichtung <strong>der</strong>jenigen Instanzen, <strong>der</strong>en Autorität außerhalb <strong>der</strong> Zeit des Lachens unange-<br />

tastet blieb."<br />

(Bischof 1984, S.35)<br />

Der Karneval, die karnevaleske Geste als das "Unreine Sakrale" (Bataille), das in antiken und<br />

vorgeschichtlichen Zeiten noch Teil des religiösen Zeremoniells (vgl.: ebd.) gewesen war, wird<br />

im Verlaufe des Mittelalters von dessen religiösen "Virtuosen" (Luckmann) von einem "Reinen<br />

Sakralen" noch theoretisch und kategorisch geschieden, für das sie gleichsam bis heute ein<br />

institutionalisiertes Monopol sich zu verschaffen wußten. Das "Unreine Sakrale" <strong>Batailles</strong> ist<br />

jedoch entgegen allen rationalistischen, theologischen o<strong>der</strong> utilitaristischen Beteuerungen, die<br />

bis heute die kommunikative Ordnung weitgehend determinieren, noch immer in fast jedem,<br />

insbeson<strong>der</strong>e auch mo<strong>der</strong>nen Handeln und Verhalten tiefgreifend und umfassend wirksam.<br />

Am Deutlichsten und Offensichtlichsten jedoch im fröhlichen und musikalischen "Feiern", in<br />

<strong>der</strong> "Erotik" und <strong>der</strong> "Gewalt", im "Spiel", in "Kunst" und "Poesie" wie in <strong>der</strong> materiellen<br />

"Verschwendung" finden sich ununterbrochen bis heute diese Formen eines verdrängten und<br />

verfemten "Heiligen", einer unreflektierbaren heterologen Verausgabung wie<strong>der</strong>, auf die<br />

zunächst Friedrich Nietzsche und schließlich <strong>Georges</strong> Bataille uns insbeson<strong>der</strong>e hingewiesen<br />

haben: Nietzsche versuchte das "Leben" o<strong>der</strong> den unbewußten "Willen zur Macht", Bataille<br />

versucht die "Verausgabung" o<strong>der</strong> die heilige "Souveränität" gleichsam wissenschaftlich zu<br />

rehabilitieren: allgemeine und unpräzise Begriffe, die jedoch präzise gerade nicht werden und<br />

dementsprechend sich ausdrücken können, da sie <strong>der</strong> Herrschaft <strong>der</strong> Sprache o<strong>der</strong> <strong>der</strong><br />

beschränkten zweiwertigen Logik noch niemals unterworfen waren.<br />

Der seit Durkheim etablierte Bezirk eines sogenannten "Heiligen" könnte mit Bezug auf Geor-<br />

ges Bataille und die Integration des Surrealismus in eine Theorie <strong>der</strong> "heiligen" Formen nun<br />

annähernd folgendes sein:<br />

58


Ein wahrnehmbarer "heterogener" Bereich jenseits <strong>der</strong> sozialen Ordnung, eine<br />

hochwirksame Natur jenseits <strong>der</strong> sozial konstruierten Natur und eine psychisch virulente "Um-<br />

welt" jenseits aller kommunikativen "Systeme" (Luhmann).<br />

Das "institutionalisierte" und von allen Kulturen <strong>der</strong> Welt immer schon etablierte<br />

"Heilige" könnte schließlich und ergänzend dazu sein: Ein Reflex <strong>der</strong> kommunikativen Ord-<br />

nung auf ein ihr entzogenes Feld, ein Reflex des ordnenden, kategorisierenden Geistes auf die<br />

ihm verborgene Welt seiner eigenen "Natürlichkeit".<br />

Auch für den wohl konsequentesten und nicht gerade vom Mysterium (wiewohl von seiner<br />

Obsession) des "Heiligen" durchdrungenen "Sozialtechniker" unserer Zeit, Niklas Luhmann, ist<br />

eine <strong>der</strong> möglichen "Funktionen" von Religion "...die Überführung von unbestimmbarer Um-<br />

weltkomplexität in bestimmbare Komplexität..." (Luhmann 1977, S.26), eine zwar überaus<br />

allgemein gehaltene Aussage, die jedoch ein Grundproblem (des Menschen) insbeson<strong>der</strong>e<br />

trifft::<br />

Das noch unabgeschlossene Projekt des gesellschaftlichen Menschen, die unbestimmte und<br />

unbestimmbare Komplexität seiner eigenen Natur, seiner natürlichen und innerpsychischen<br />

"Umwelt" auf die "bestimmbare Komplexität" seiner kommunikativen und intersubjektiv ver-<br />

mittelbaren Codierungen letztlich zu reduzieren.<br />

3. Die "Geschichte" <strong>der</strong> Souveränität<br />

Bataille entwirft nun im Rahmen seiner "Theorie <strong>der</strong> Souveränität" (Bataille 1978, S. 47ff.)<br />

eine Geschichtsphilosophie, die dem fundamentalen Dualismus von zwei miteinan<strong>der</strong> inkom-<br />

patiblen Bestrebungen des Menschen Rechnung tragen soll:<br />

Zum einen <strong>der</strong> Suche nach Bedürfnisbefriedigung, die an die Bedingung des "Auf-<br />

schubs" <strong>der</strong> Existenz (in <strong>der</strong> Zeit) gebunden ist sowie dem Verlangen nach fristloser, unver-<br />

züglicher Existenz "im Augenblick" (vgl.: Bischof 1984, S.21). Diese Konstruktion ist von<br />

allen idealistischen wie materialistischen Geschichtskonstruktionen verschieden:<br />

59


"Bataille geht es sowohl um die Analyse <strong>der</strong> Geschichte im eigentlichen Sinn, die die<br />

Geschichte souveräner Institutionen, ihrer Transformation und ihrer Abschaffung ist, als<br />

auch um das, was <strong>der</strong> Geschichte sowohl vorausliegt wie über sie hinausgeht, um das, worin<br />

sie ihren Grund und ihr Ende findet."<br />

Er kennzeichnet innerhalb seiner Geschichtsphilosophie drei verschiedene Formen <strong>der</strong> "Sou-<br />

veränität", die durch revolutionäre Brüche voneinan<strong>der</strong> getrennt seien:<br />

Die "archaische Souveränität" <strong>Batailles</strong> (Bataille 1997, S.50ff.) ist ganz und gar vom<br />

"Heiligen" dominiert. Sie steht zugleich unter dem Primat des "Wun<strong>der</strong>baren", das den<br />

gewöhnlichen Lauf <strong>der</strong> Dinge anhält o<strong>der</strong> umkehrt. Der Souverän selbst als heilige Person<br />

verfügt nicht so sehr über die profane Welt <strong>der</strong> Dinge als vielmehr über einen magischen<br />

(ebd.)<br />

Bereich, in <strong>der</strong> die Gewaltsamkeit einer fessellosen Natur auch und insbeson<strong>der</strong>e des Menschen<br />

triumphiert. Seine soziale Funktion ist bezogen auf die "souveräne" Welt <strong>der</strong> Subjektivität, in<br />

<strong>der</strong> gerade diejenigen Energien befreit werden, die ansonsten in <strong>der</strong> Profanität des Alltags ge-<br />

bunden sind. Der archaische Souverän o<strong>der</strong> Magier ist Herrscher über eine Gewalt, die er mit-<br />

tels "Tabus" begrenzen, die er in <strong>der</strong> rituellen Überschreitung jedoch gleichsam immer auch<br />

wie<strong>der</strong> entfesseln kann.<br />

In dieser Welt <strong>der</strong> archaischen Souveränität bestimmt nach Bataille die "Verschwendung" <strong>der</strong><br />

Überschüsse die menschliche Produktion. Dominant ist hier eine "Opferökonomie", die dem<br />

Prinzip des Verlusts Vorrang gibt vor dem Prinzip <strong>der</strong> Akkumulation. Das Opfer ist dabei die<br />

"reinste" Form <strong>der</strong> Verausgabung, von ihm erhalten alle an<strong>der</strong>en Formen ihren Sinn. Sozial re-<br />

levant wird schließlich die ostentative "Gabe", die einen sozial verpflichtenden Charakter an-<br />

nehmen kann und zur "Gegengabe" geradezu aggressiv herausfor<strong>der</strong>n. Im aristokratischen<br />

"Potlatsch" (vgl. Mauss 1968, S.20ff.) handelt es sich schließlich darum, seinen möglichen<br />

Rivalen herauszufor<strong>der</strong>n durch Geschenke von unschätzbarem Wert, denen aber zugleich jede<br />

"nützliche" Bedeutung fehlt. Will <strong>der</strong> Rivale nun seine soziale Autonomie nicht verwirken,<br />

muß er sich durch Geschenke von noch größerem Wert revanchieren. Gelingt ihm diese Re-<br />

vanche, hat dies zugleich die "Beschämung" seines früheren Herausfor<strong>der</strong>ers zur Folge.<br />

60


In <strong>der</strong> sozialen Ordnung dieser archaischen Souveränität definiert also <strong>der</strong> mögliche "Verlust"<br />

das Prestige und die Würde des Schenkenden und eröffnet zugleich die fatal sich bald auswirk-<br />

ende Möglichkeit, den Rivalen durch materielle und körperliche "Verausgabung" radikal zu<br />

unterwerfen.<br />

Die Welt <strong>der</strong> "traditionellen Souveränität" (Bataille 1997, S.56ff.) entsteht nach<br />

Bataille nämlich dann, wenn es einem stärkeren Willen gelingt, die schwächeren Willen zu sub-<br />

ordinieren. Diese werden zugleich an die soziale Peripherie verwiesen und letztlich dazu ver-<br />

dammt, um die politische Instanz zu kreisen, die im Zentrum <strong>der</strong> Gesellschaft sich nun gewalt-<br />

sam etabliert. In diesem latenten Kreisen um die herrschenden Instanzen ist die Peripherie<br />

jedoch immer und unterschwellig bestrebt, einen Teil ihrer verlorenen Souveränität schließlich<br />

wie<strong>der</strong> zurückzugewinnen.<br />

Die Welt <strong>der</strong> traditionellen Souveränität ist zusätzlich dadurch gekennzeichnet, daß die<br />

zunächst religiös bestimmte Souveränität sich in zunehmendem Maße mit <strong>der</strong> militärischen<br />

Macht verbündet und in dieser verknüpften Form gleichsam "sakrale" wie "feudale" Formen<br />

<strong>der</strong> Souveränität sich etablieren. Die Gesellschaft wird nun geteilt in eine profane und eine sak-<br />

rale Sphäre, die nicht wie in archaischer Zeit allein zeitlich voneinan<strong>der</strong> getrennt sind, son<strong>der</strong>n<br />

nun zugleich in <strong>der</strong> allgemeinen Zeit existieren. Bei zunehmendem militärischen Engagement<br />

<strong>der</strong> neuen politischen Führer dringt ein zunehmend "profanes" Element auch in die Sphäre des<br />

"Heiligen" ein, die zuvor gerade nicht durch pathische Subjektivität und aktives politisches<br />

Handeln gekennzeichnet war. Das Heilige wird profanisiert und das Profane gleichsam ge-<br />

heiligt, eine traditionelle Verknüpfung, die bis in die Neuzeit hinein existiert.<br />

Ein höheres, als vollendet gedachtes Sein wird schließlich etabliert, auf das sich die (religiösen)<br />

Hoffnungen und Bestrebungen aller richten. Das Streben nach dem "Höchsten" wird mit Kle-<br />

rus und Adel inkarniert und damit zudem <strong>der</strong> Boden für hierarchische und logische Ordnung<br />

gesellschaftlich bereitet. Das "Unreine Heilige" jedoch <strong>der</strong> "archaischen Souveränität" wird<br />

zugleich von <strong>der</strong> neu begründeten Ordnung definitorisch (<strong>der</strong> Teufel, das Böse) etabliert und<br />

schließlich aus dem Streben nach "souveräner" Existenz noch offiziell und gewaltsam aus-<br />

geschlossen. Ein sogenanntes "Reines Heiliges", das mit <strong>der</strong> Herrschaft nun zusammenfällt,<br />

tritt an seine Stelle, dabei immer bemüht, von <strong>der</strong> "Unreinheit" des Archaischen nicht mehr<br />

61


infiziert zu werden. Nun jedoch "explodieren" bei <strong>Georges</strong> Bataille die wi<strong>der</strong>sprüchlichen und<br />

unterdrückten Impulse des noch immer archaischen Menschlichen in den "homogenisierten"<br />

und logozentrierten Raum <strong>der</strong> traditionellen Geschichte.<br />

Die "Ökonomie" <strong>der</strong> traditionellen Souveränität ist nach Bataille dadurch gekennzeichnet, daß<br />

die Verausgabung (<strong>der</strong> führenden Schichten) noch weiterhin die Produktion determiniert, daß<br />

jedoch jetzt ihr agonaler Ausgang (das unnütze Geschenk o<strong>der</strong> Opfer) weitgehend und umfas-<br />

send vermieden wird. Praktiziert werden vielmehr Formen des "repräsentativen Verlustes", die<br />

wie<strong>der</strong>um mit den Ideen <strong>der</strong> Homogenität und Rationalität zu vereinbaren sind: zum Beispiel<br />

mit <strong>der</strong> institutionalisierten und technisch perfektionierten Konfliktform des Krieges. Der tradi-<br />

tionelle Souverän bestimmt nun seinen sozialen (und internationalen) Rang durch das, was er<br />

(auch an Menschenleben) potentiell zu verlieren imstande ist, durch die ostentativen Ausgaben,<br />

die in Militär und Luxus sich bis heute manifestieren.<br />

Doch <strong>der</strong> traditionelle Souverän ist nur solange Souverän, als er als solcher auch kollektiv<br />

weitgehend anerkannt ist und sich mit den Massen, die ihn tragen, letztlich auch kommuniziert.<br />

Wenn die von <strong>der</strong> offiziellen Souveränität ausgeschlossenen Massen den Glauben in die Abso-<br />

lutheit ihres Souveräns verlieren, wenn er die magische Fähigkeit schließlich vermissen läßt,<br />

das "Wun<strong>der</strong>" einer "absoluten" und gleichsam "heiligen" Existenz zu repräsentieren, ist<br />

plötzlich und radikal sein Leben in Gefahr:<br />

"Was im Königsmord auf dem Spiel steht, ist <strong>der</strong> Objektcharakter des Königs, <strong>der</strong> al-<br />

lein daraus resultiert, daß er den Wunschenergien aller einen identischen Gegenstand gibt.<br />

Der Königsmord macht die Nichtigkeit des Königs offenbar. Der König ist NICHTS, wenn er<br />

nicht die virtuelle Souveränität sich anzukristallisieren vermag.<br />

Daraus erhellt, welche Bedeutung <strong>der</strong> Revolution aus <strong>der</strong> Perspektive einer Geschichtsphi-<br />

losophie souveräner Formen zukommt. Die Revolution impliziert insofern ein souveränes<br />

Element, als in ihr immer die subjektive Anmaßung des Königs mit dem universellen An-<br />

spruch auf Subjektivität kollidiert. In <strong>der</strong> Welt <strong>der</strong> traditionellen Souveränität kann immer<br />

einer aufstehen und die authentische Souveränität für sich reklamieren...". (Bischof 1984,<br />

S.25)<br />

62


Die "bürgerliche" und "sozialistische Gesellschaft" (Bataille 1997, S.59ff.) nun sind<br />

nach <strong>Georges</strong> Bataille aus <strong>der</strong> kollektiven Ablehnung o<strong>der</strong> (r)evolutionären <strong>Aufhebung</strong> <strong>der</strong><br />

traditionellen Souveränität entstanden. Der bürgerliche Reichtum an Gütern und Kapital im<br />

mo<strong>der</strong>nen Frühkapitalismus (siehe Sombart) hatte zwar zunächst mit den feudalen und monar-<br />

chistischen Formen <strong>der</strong> luxuriösen und militärischen Verausgabung lange noch kooperiert, bis<br />

jedoch schließlich bürgerliche Produktion, bürgerlicher Konsum und kapitalistisches<br />

Wirtschaften den unmo<strong>der</strong>nen Adel selbst "souverän" und massiv einfach überrollten. Der tra-<br />

ditionelle Adel war ohne die mo<strong>der</strong>nen Bürger gleichsam nicht mehr überlebensfähig und büßte<br />

an eigener Souveränität damit erheblich ein.<br />

Im Verlaufe <strong>der</strong> bürgerlichen und kapitalistischen Produktionssteigerung hatten dann zweckra-<br />

tionale ("homogene") Werte (aus Gründen <strong>der</strong> produktiven Effizienz) die alten feudalen Werte<br />

immer weiter verdrängt; die hemmungslose und unökonomische Verausgabung des unrationa-<br />

len Feudalismus mußte nun <strong>der</strong> gehemmten ökonomischen, einer "bürgerlichen" Form <strong>der</strong><br />

kollektiven Verausgabung weichen.<br />

Nach Bataille ist die "bürgerliche Gesellschaft" heute schließlich eine Gesellschaft <strong>der</strong><br />

"Dinge", nicht mehr eine Gesellschaft von "Personen", in <strong>der</strong> nur noch die unbegrenzte Akku-<br />

mulation von "Reichtümern" zum Zweck des permanenten industriellen Wachstums zähle. An<br />

die Stelle des Primats des "Wun<strong>der</strong>baren", <strong>der</strong> selbst die absolutistische Monarchie noch ge-<br />

prägt habe, sei nun ein ökonomistischer Primat von sogenannten "vernünftigen" Verhalten-<br />

sweisen getreten. Die "unproduktive" Verausgabung <strong>der</strong> archaischen und traditionellen Sou-<br />

veränität sei zugleich von dieser an Nützlichkeit und Vernunft orientierten Gesellschaft<br />

"entwertet" und radikal marginalisiert worden. Zwar strebe <strong>der</strong> "vernünftige" mo<strong>der</strong>ne und<br />

bürgerliche Mensch noch immer nach einer Art sozialer "Würde", jedoch sei diese schließlich<br />

nicht mehr unabhängig vom jeweiligen "Besitz" gegeben.<br />

Noch immer existiere zwar eine Art sozialer Stufenleiter, die am Prestige <strong>der</strong> traditionellen<br />

Souveränität (<strong>der</strong> Möglichkeit, sich möglichst exzessiv zu "verausgaben") sich teilweise orien-<br />

tiere, jedoch sei zugleich <strong>der</strong> "Thron", <strong>der</strong> die Blickrichtung einstmals vorgegeben habe, heute<br />

leer und verlassen; die Gesellschaft sei nun zerfallen in ihre gleichsam "funktionalen" Ein-<br />

zelteile. Der "Subjektivität" komme in diesem funktionalen sozialen Raum keine entscheidende<br />

63


Bedeutung mehr zu. Das Streben nach dem sozialen Rang verliere zusätzlich jeden das Selbst<br />

noch motivierenden Sinn, wenn allein <strong>der</strong> "geschäftliche" Erfolg abstrakter und entpersonal-<br />

isierter Zweck des alltäglichen bürgerlichen Handelns geworden sei.<br />

Das mit Ernst und Pathos verbundene "Haben" sei an die Stelle eines traditionellen subjektiven<br />

"Seins" getreten, das sich seiner letztlich nurmehr "bewußt" würde, wenn es sich gleichsam<br />

(und durchaus körperlich) "riskiere".<br />

Die "sozialistische Gesellschaft" habe diesem seltsamen materialistischen "Ernst" des bürgerli-<br />

chen Funktionalismus allein den "To<strong>der</strong>nst" einer Gesellschaft entgegenzusetzen, die von un-<br />

ausweichlichen "Sachzwängen" immanent beherrscht würde. Die sozialen Differenzen zwis-<br />

chen den Menschen sollten zwar zunächst radikal eingeebnet werden, dies war das revolu-<br />

tionäre Programm, das sich realiter aber nicht konsequent mehr durchführte. Heute und letz-<br />

tlich zwangsläufig nähere sich die sozialistische mo<strong>der</strong>ne Gesellschaft <strong>der</strong> bürgerlichen, mit <strong>der</strong><br />

sie konstant konkurriere, insofern rationalistisch (und damit wie<strong>der</strong>um hierarchisch) an, als sie<br />

<strong>der</strong>en Begriffe "Effizienz", "Funktionalität" o<strong>der</strong> "Erfolg" (die sich weitgehend auf die Pro-<br />

duktion von Sachgütern beziehen) vollständig und umfassend adaptiere, die zur Entsubjek-<br />

tivierung <strong>der</strong> subjektiven "Souveränität" gleichermaßen führten:<br />

"Es handelt sich für jeden darum, nach besten Kräften zu <strong>der</strong> allgemeinen Effizienz<br />

beizutragen und, falls möglich, sich auf <strong>der</strong> Ebene einer immensen Aktivität denjenigen zu<br />

nähern, die sie planen."<br />

(Bataille 1997, S.62)<br />

De facto bleibt auch im mo<strong>der</strong>nen Sozialismus die soziale und traditionelle Differenz zwischen<br />

"denen, die sie planen" und denen, die die arbeitsorientierte "Aktivität" entfalten sollen, weit-<br />

gehend bestehen, was bei ausbleibendem produktivem/konsumtivem Erfolg den Fall o<strong>der</strong> Sturz<br />

<strong>der</strong> meisten sozialistischen Regime im Osten inzwischen wie<strong>der</strong>um revolutionär motivierte.<br />

Nach Bataille ist dieser revolutionäre Aufstand immer auch an die "Person" des herrschenden<br />

Monarchen (o<strong>der</strong> Politbüros) gebunden: Wenn <strong>der</strong> souveräne Monarch selbst das willkürliche<br />

Modell schaffe, das die Bindung an jede Art von Gesetz zugleich verwerfe, gebe er damit dem<br />

Revolutionär noch die Grundlage für seine eigene und radikale Abschaffung in die oftmals blu-<br />

tigen Hände. Die Willkür <strong>der</strong> sozialistischen Regime mochte vielleicht nicht grenzenlos sein,<br />

64


dennoch reichte sie schließlich aus, sie von den revolutionären und arbeitenden Massen hinrei-<br />

chend zu entfremden.<br />

4. Die "bürgerliche" Souveränität <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne<br />

Da Bataille sich weitgehend normativ gegen die Begriffe des bürgerlichen "Habens" und des<br />

entpersonalisierten Funktionierens wendet, die das traditionelle und subjektive "Sein" im Mod-<br />

ernisierungsprozeß schließlich verdrängt hätten, scheint es mir innerhalb dieses Rahmens not-<br />

wendig, aus <strong>der</strong> Perspektive einer selbst noch "heiligen Soziologie" kritisch zu <strong>Batailles</strong> "Ent-<br />

subjektivierungsthese" Stellung zu nehmen:<br />

Bataille unterstellt <strong>der</strong> "materialistischen" Mo<strong>der</strong>ne zwar die radikale und konsequente Ten-<br />

denz zu "Profanisierung" und Verdrängung des "unreinen" und "verfemten" Heiligen, was aus<br />

wissenschaftstheoretischer, ökonomischer o<strong>der</strong> politologischer Perspektive gleichsam "system-<br />

notwendig" zutreffen mag, aus alltagspraktischer (und gewissermaßen proletarischer) Sicht<br />

jedoch nicht überzeugend bestätigt werden kann.<br />

Zwar tendiert das von Aufklärung, Wissenschaft und Ökonomie auf "profanen" und rational-<br />

istischen Materialismus, auf auch "deutschen" Idealismus und Demokratie getrimmte bürgerli-<br />

che Subjekt dazu, die gesamte von ihm beobachtbare Welt auf <strong>der</strong> sprachlichen Erklärungse-<br />

bene als eine vom "unreinen Heiligen" grundsätzlich befreite o<strong>der</strong> befreibare Sphäre zu be-<br />

trachten, doch die täglichen Meldungen aus Film, Funk und Fernsehen, die persönlichen "het-<br />

erogenen" Erfahrungen und schwelenden Obsessionen in Beruf, Familie und Freizeit legen<br />

konstant o<strong>der</strong> latent nahe, daß ein "unreiner" und gefährlicher Bereich jenseits <strong>der</strong> etablierten<br />

Ordnungen gleichsam auf dem Sprung liegend lauert: um ihm, dem labilen bürgerlichen Sub-<br />

jekt, die mühsam erarbeitete Ordnung gewaltsam wie<strong>der</strong> einzureißen.<br />

Was Bataille jedoch zu Recht betont, ist, daß eine unangemessene und blinde "Furcht" vor <strong>der</strong><br />

Macht dieses "unreinen Heiligen" das bürgerliche Subjekt beherrscht, eine zutiefst verdrängte<br />

Furcht, <strong>der</strong>en kollektive Verbannung in archaischer und vorgeschichtlicher Zeit selbst noch ein<br />

Teil des religiösen Zeremoniells gewesen war. Die historischen Ordnungssysteme (und:<br />

Rechtssysteme) <strong>der</strong> "traditionellen Souveränität" und mehr noch <strong>der</strong> "bürgerlichen<br />

65


Gesellschaft" formieren sich seit ihrem Bestehen geradezu unaufhörlich gegen dies unreine und<br />

gefährliche, sog. "verfemte Heilige", das sie in unablässigem Prozessieren aus ihrer eigenen<br />

"reinen" Ordnung immer schon "auszuscheiden" versuchten. Daß dies nicht gelingen kann, ist<br />

allein dem bürgerlichen Subjekt niemals hinreichend bewußt, und es sucht weiterhin und<br />

beständig nach Mitteln und Verfahren, nach Technologien und Ideologien, um seiner eigenen<br />

unbewußten Angst überwiegend "materialistisch", und damit selten "sozial", konstruktiv ent-<br />

gegenzutreten.<br />

Doch nicht allein "außerhalb" des mo<strong>der</strong>nen idealistischen Subjekts (und zugleich von diesem<br />

gefürchtet) offenbaren sich schließlich <strong>Batailles</strong> "verfemte" Formen <strong>der</strong> Souveränität, son<strong>der</strong>n<br />

auch tiefgreifend innerhalb des bürgerlichen Bewußtseins drängt ein noch nicht näher katego-<br />

risiertes Wesen (das "noch nicht festgestellte Tier" (Nietzsche)) gleichsam zum energetischen<br />

Ausdruck, zu einer weitgehend bürgerlichen und mo<strong>der</strong>nistischen Form <strong>der</strong> individuellen und<br />

kollektiven Verausgabung, die im sich materialisierenden Verbrauch, im bürgerlichen und<br />

kapitalistischen Konsum, in Freizeit und im Sport sich befreiend wie entspannend immer wie-<br />

<strong>der</strong> zu entfalten versucht.<br />

Die tagtäglich sich heute etablierenden und ebenso institutionalisierenden Formen "un-<br />

reiner" und "verfemter" Subjektivität drängen zunehmend immer dort sich in den unüber-<br />

sehbaren Vor<strong>der</strong>grund, wo <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nistische Mensch von <strong>der</strong> funktionalen o<strong>der</strong> rationalen<br />

Welt <strong>der</strong> Arbeit sich gleichsam pragmatisch entlastet hat: In alkoholgetränkten Kneipen, auf<br />

Sport- und Fußballplätzen, im nächtlichen Dunkel <strong>der</strong> Straßen, in verdunkelten bürgerlichen<br />

Schlafzimmern, in Diskotheken und "Etablissements", an geheimen und verborgenen Orten, auf<br />

Volksfesten, in <strong>der</strong> Musik, im gewaltüberladenen Film:<br />

In fast allen fakultativen Bereichen einer heute so genannten bürgerlichen und mo<strong>der</strong>nen<br />

"Freizeit" findet ein karnevaleskes und sinnliches, ein "souveränes" bürgerliches Subjekt unre-<br />

flektiert sich noch wie<strong>der</strong>, das die theoretisch und praktisch errichteten sozialen Codes und<br />

Produkte <strong>der</strong> profanen Arbeitswelt nicht allein und "profan" durch die Codes <strong>der</strong> Freizeitwelt<br />

einfach nur ersetzt (was funktionalistische Theorien spekulativ nahelegen könnten), son<strong>der</strong>n im<br />

66


Gegenteil diese fast völlig, fraglos und gleichsam naiv in Aktionen konvulsivischer "Über-<br />

schreitung" im "heiligen" Raum <strong>der</strong> Freizeit noch unrational dispensiert.<br />

In dieser hochattraktiven, genuß- o<strong>der</strong> glücksorientierten und selbst sexuell wie gewaltsam<br />

noch konnotierbaren bürgerlichen Freizeit wird das zuletzt reflexionslos zerstört, zerschlissen<br />

o<strong>der</strong> verbraucht, was zuvor ein idealisierter Gegenstand von oft mühsamer handwerklicher<br />

Arbeit und szientifischer Akkumulation gewesen war. Das während <strong>der</strong> notwendigen Arbeit<br />

angehäufte ökonomische Kapital wird gleichsam in <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Freizeit umfassend trans-<br />

formiert in "sinnlose" und beliebige Formen hedonistischer "Verschwendung" o<strong>der</strong> das bürger-<br />

liche Subjekt immens und freudig erregen<strong>der</strong> körperlicher und geistiger Verausgabung.<br />

Die materiellen und luxuriösen Dinge, die bei diesen "heterogenen" Aktionen konsumiert o<strong>der</strong><br />

angestrengt verbraucht werden, unterscheiden sich schließlich und endlich qualitativ radikal<br />

von <strong>der</strong> mühsamen und ernüchternden Welt von Arbeit, Wissenschaft o<strong>der</strong> Politik. Diese kön-<br />

nen zwar immer wie<strong>der</strong> als wichtige und gewissermaßen notwendige, das halt- und richtung-<br />

slose bürgerliche Subjekt gleichsam noch "stabilisierende" Seiten des mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus<br />

o<strong>der</strong> <strong>der</strong> gesamten mo<strong>der</strong>nen Welt beschrieben werden (was die sich selbst beschreibenden<br />

Systeme auch immer wie<strong>der</strong> betonen), jedoch nicht als <strong>der</strong>en letzte o<strong>der</strong> nur annähernd an-<br />

nehmbare "Zwecke", die dem arbeitenden und reflektierenden Bewußtsein immer schon weit-<br />

gehend entzogen sind.<br />

Vielmehr in <strong>der</strong> freizeitlichen "Souveränität", im selbstvergessenen und hedonistischen Kon-<br />

sum (im religiösen "Opfer") findet zumindest ein Teil des archaischen Maussschen und Batail-<br />

leschen "Potlatsch" sich selbst feiernd noch wie<strong>der</strong>, <strong>der</strong> zum einen den kapitalistischen Nach-<br />

barn "beschämen", zum an<strong>der</strong>en das neugierige Selbst mit <strong>der</strong> religiösen und machtvollen Er-<br />

fahrung <strong>der</strong> "archaischen Souveränität" verbinden kann: indem <strong>der</strong> Fetisch <strong>der</strong> Ware zum<br />

Fetisch <strong>der</strong> heiligen Souveränität unreflektiert avanciert.<br />

Die dabei potentielle und die eigene Kreativität noch nachdrücklich anregende "Ver-<br />

fügungsgewalt" des konsumistischen "Magiers" (und souveränen Produzenten) über das von<br />

ihm in einem souveränen Akt angeeignete und formbare Stück geheiligter Materie, die er nun<br />

67


konservativ bewahren wie feudalistisch souverän verschwenden kann, mag zumindest zu einem<br />

Teil das bürgerlich-materialistische Subjekt für den von Bataille unterstellten "Verlust", die<br />

offizielle und rationale Verdrängung des "unreinen" und archaischen Heiligen letztlich noch<br />

entschädigen.<br />

Ist jedoch diese materialistische Form <strong>der</strong> bürgerlichen "Souveränität", die im Kollektiv<br />

verankerte materielle und produktive Verfügungsgewalt, ist also die spielerisch-souveräne<br />

Verausgabung (nicht nur: die reduktionistische "Arbeit"), die den "Potlatsch" in kapital-<br />

istischen Gesellschaften erst hinreichend und befreiend ermöglicht, dem Individuum radikal<br />

entzogen, kann die souveräne und subversive Bewegung noch selbst befreiend umschlagen in<br />

ihr gleichsam aggressives und faschistoides Gegenstück: <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nistisch-materialistische<br />

Neid <strong>der</strong> besitzlosen und funktionslosen Klassen (<strong>der</strong> Peripherie) läßt die "sinnlose" und dys-<br />

funktionale Zerstörung, läßt Mord und Inzensation (die den heiligen Charakter <strong>der</strong> subver-<br />

siven Aktion unterstreicht) nicht lange auf sich warten.<br />

Das zugegebenermaßen wirksame und herrschsüchtige Gespenst des okzidentalen Rationalis-<br />

mus, des verkürzten "Historizismus", das Bataille noch von Nietzsche übernimmt, verstellt ihm<br />

zugleich den Blick auf die unsichtbaren aber wirksamen Götter und Fetische des material-<br />

istischen Kapitalismus, die kraft einer überaus unheimlichen und noch zu erforschenden Magie<br />

die bürgerlichen Individuen wirksam an sich fesseln. Das alleinige romantische Beklagen eines<br />

"rationalistischen" status quo, <strong>der</strong> <strong>der</strong> entzauberten bürgerlichen Gesellschaft die "Sou-<br />

veränität" des "unreinen" Archaischen letztlich nur entzieht, reicht schließlich nicht hinrei-<br />

chend aus, um dies "verfemte" Heilige theoretisch wie praktisch zu reetablieren.<br />

Bataille geht es auch nicht darum, die materialistische bürgerliche Produktion abstrakt nur zu<br />

verurteilen, son<strong>der</strong>n vielmehr um die Erkenntnis ihres selbst noch "heiligen" Charakters. Die<br />

radikale und umfassende Wirksamkeit <strong>der</strong> materialistischen Produktion verleitet Bataille zu<br />

dem Schluß, daß allein "durch sie hindurch" und nicht romantisch "gegen sie" die Befreiung<br />

<strong>der</strong> allgemeinen "Souveränität" in <strong>der</strong> bürgerlichen Gesellschaft noch möglich ist. Die Produk-<br />

tion muß jedoch als solche ihren "heiligen" und "heterogenen" Charakter selbst noch anerken-<br />

nen und ihren eigentümlichen und heiligen "Zweck", <strong>der</strong> in <strong>der</strong> kollektiven "Verausgabung <strong>der</strong><br />

68


Überschüsse", in Verschwendung und in Luxus, jedoch nicht in <strong>der</strong> bürgerlichen "Notwendig-<br />

keit" immanent begründet liegt.<br />

Ein nächster Schritt müßte sein, das selbst von Bataille noch romantisierte, archaische und "un-<br />

reine Heilige" aufzuspüren und zu erforschen in den selbst <strong>der</strong> bürgerlichen Gesellschaft noch<br />

heiligsten "reinen" Bezirken; die subversive Kritik <strong>der</strong> blinden und begeisterten Produktion<br />

müßte dort sich entwaffnend finden, wo bürgerlicher Rationalismus und "traditionelle Sou-<br />

veränität" sich selbst noch gewaltsam feiern, wo traditionelle Herrschaft und traditionelle<br />

Macht sich aufgrund "rationaler" Strukturen (die die subordinierten Schichten oft "katego-<br />

risch" ausschließen) am Leben zu halten versuchen.<br />

Bataille hingegen als "Wissenschaftler" und produzieren<strong>der</strong> "Literat" untersucht immer wie<strong>der</strong><br />

soziale Bereiche, in denen Herrschaft viel eher "verschwindet", in denen Sinn annihiliert und<br />

soziale Hierarchie zugleich befreiend negiert wird. Im souveränen Gelächter, in <strong>der</strong> souveränen<br />

Erotik, im dionysischen, verschwen<strong>der</strong>ischen Feiern, in <strong>der</strong> funktionslosen Welt <strong>der</strong> Spiele, <strong>der</strong><br />

Geschenke und <strong>der</strong> Kunst sieht Bataille die möglichen Formen, <strong>der</strong> kollektiven Aggression, die<br />

bürokratisch sich organisiert, die "rational" sich perfektioniert, schließlich alternativ entgegen-<br />

zutreten. Diese positiv konnotierte Souveränität muß "fraglos" wie "funktionslos" sich gleich-<br />

sam pragmatisch vollziehen, soll nicht die Aggression, soll nicht <strong>der</strong> automatische Krieg das<br />

mo<strong>der</strong>ne Subjekt zerstören:<br />

"Wir können dem Rivalitätsprinzip nicht den Vorrang vor <strong>der</strong> souveränen Großzügig-<br />

keit geben, die am Ursprung <strong>der</strong> Gabe steht: wenn wir es dennoch tun, müssen wir die Be-<br />

griffe <strong>der</strong> Auseinan<strong>der</strong>setzung umkehren. Wie, das Kalkül wäre auf seiten des Gebenden?<br />

Wäre dem so, hörte das Spiel auf. Selbst wenn <strong>der</strong> Schenkende sie bloß vortäuschte, wäre es<br />

immer noch seine Großzügigkeit, nicht sein Kalkül, was zählt. Und zweifellos war es Sitte in<br />

diesen archaischen Formen, daß <strong>der</strong> Gebende simulierte: und doch kam durch die Maßlosig-<br />

keit Großzügigkeit ins Spiel. Schließlich trug <strong>der</strong>jenige, <strong>der</strong> das Maß überschritt, den Sieg<br />

davon und wurde als souverän anerkannt."<br />

(Bataille 1997, S. 59)<br />

69


Bataille setzt damit selbst eine soziologische Theorie <strong>der</strong> kollektiven souveränen "Verausga-<br />

bung" an die Stelle einer Theorie sozialer und funktionaler Systeme, die zwar die bestehenden<br />

kollektiven Regeln immer wie<strong>der</strong> zu beobachten und zu negieren, jedoch nicht souverän zu<br />

kreieren o<strong>der</strong> letztlich zu überschreiten nur annäherungsweise imstande sind. Selbst die avan-<br />

ciertesten Vertreter <strong>der</strong> "abgeklärtesten" (Luhmann) aufklärerischen Theorie vermögen meist<br />

kaum zu begründen, weshalb ihre alternden Körper immer wie<strong>der</strong> so "bedingungslos" tun, was<br />

sie jahrelang und sorgfältig tun, und weshalb sie das, was sie so eifrig tun, nicht einfach wie<strong>der</strong><br />

verwerfen: durchaus banale Fragen, die nach Bataille jedoch interessieren, vor denen man zwar<br />

kapitulieren, jedoch dann nurmehr rational (unmenschlich!) "schweigen" (Wittgenstein) kann.<br />

"Die Souveränität ist NICHTS. Wie schwer (wenngleich unvermeidlich) es war, aus ihr<br />

ein Ding zu machen, wollte ich zeigen." (Bataille)<br />

5. <strong>Batailles</strong> souveräne Formen<br />

Die von Bataille schließlich konkret benannten, nach ihm noch heute weitgehend "souveränen"<br />

subjektiven und sozialen Formen wie Lachen, Spielen, Feiern und Tanzen, wie Erotik, funk-<br />

tionslose Kunst o<strong>der</strong> exzessive Gewalt, die selbst auf archaische gesellschaftliche Zeiten immer<br />

wie<strong>der</strong> verweisen, sind dabei in keinster unterstellbarer Weise aus dem bürgerlichen und pro-<br />

letarischen, aus dem freizeitorientierten Alltag nur annäherungsweise verschwunden. Allein ist<br />

es ein Versäumnis <strong>der</strong> nur rationalistischen Theorie, <strong>der</strong> "klassischen" und beschränkten Öko-<br />

nomie, auf diese, dem sprachlichen und codierten Bewußtsein immer wie<strong>der</strong> weitgehend<br />

entzogenen, individuellen und sozialen Phänomene nicht hinreichend interessiert eingegangen<br />

zu sein.<br />

Die edle und erhabene "Kunst" als in <strong>der</strong> "traditionellen Souveränität" selbst weitgehend aner-<br />

kannte souveräne und luxuriöse Form (<strong>der</strong> Selbstrepräsentation) gab <strong>der</strong> rationalistischen Phi-<br />

losophie noch am ehesten ehrbaren Anlaß zu wissenschaftlicher Spekulation und rationaler<br />

Exegese, jedoch mußte schließlich auch hier <strong>der</strong> bürgerliche Rationalismus insofern konsequent<br />

versagen, als ihre rationale Erklärung o<strong>der</strong> wissenschaftliche "Beschreibung" beim<br />

"selbstreferentiellen" (vgl. Luhmann 1997, S.301ff.) Charakter <strong>der</strong> insbeson<strong>der</strong>e mo<strong>der</strong>nen<br />

70


Kunst letztlich stehenbleiben mußte: da ihre soziale Funktion allein nurmehr auf sich selbst als<br />

Mittel und Zweck zu verweisen schien.<br />

Die distanzierte und reflektierte "Beschreibung" <strong>der</strong> (insbeson<strong>der</strong>e im Idealismus und Klas-<br />

sizismus) körperlosen und zwecklosen, jedoch (gerade dadurch) magisch erhabenen<br />

Kunstwerke abstrahierte zugleich reduktionistisch von jedem persönlichen Engagement <strong>der</strong><br />

Künstler wie auch <strong>der</strong> interessierten Betrachter, von einer körperlichen und engagierten Sub-<br />

jektivität, die erst in den naiven Werken <strong>der</strong> Romantik und <strong>der</strong> klassischen Mo<strong>der</strong>ne wie<strong>der</strong><br />

zunehmend an Bedeutung gewann. Es schien in <strong>der</strong> Kunst <strong>der</strong> Klassik ein geheiligter und<br />

"reiner" Bereich (des "Schönen"!) sui generis vorzuliegen, <strong>der</strong> erst durch seine Demokra-<br />

tisierung, durch die selbst noch "souveräne" wie subversive <strong>Aufhebung</strong> <strong>der</strong> rationalistischen<br />

Zäsur: "Hohe" (heilige/reine) versus "Naive" (profane/unreine) Kunst durch Romantiker, Da-<br />

daisten und Surrealisten, durch "Pop"-Artisten und Popmusik nun auch den unteren und aus-<br />

gegrenzten Schichten <strong>der</strong> Gesellschaft allmählich (wie<strong>der</strong>) zugänglich wurde.<br />

Die durch die "traditionelle Souveränität" <strong>Batailles</strong> bewirkte "gewaltsame" Trennung zwis-<br />

chen "reinem" und "unreinem Heiligen" wirkte sich lange Zeit fatal auch auf den Bereich <strong>der</strong><br />

Kunst aus, indem die sogenannte Volkskunst schließlich von <strong>der</strong> Arroganz <strong>der</strong> Herrschenden<br />

weitgehend marginalisiert und ihres unwi<strong>der</strong>legbaren Kunstcharakters dabei totalitär beraubt<br />

wurde.<br />

Alle an<strong>der</strong>en souveränen Formen, auf die Bataille konkret verweist, waren jedoch seit jeher<br />

(und zugleich gefürchtet von den herrschenden Klassen) auch den untersten Schichten <strong>der</strong><br />

Bevölkerung zumindest grundsätzlich zugänglich o<strong>der</strong> verfügbar: Das karnevaleske Lachen,<br />

die Erotik und Sexualität, das dionysische und berauschende Feiern, Spielen o<strong>der</strong> Tanzen, eine<br />

tiefe Religiosität o<strong>der</strong> die individuelle wie kollektive "Entfesselung" des aggressivsten körperli-<br />

chen Potentials vereinte noch die subordiniertesten gesellschaftlichen Gruppen und stellte<br />

zugleich schon immer eine immanente Bedrohung aller rational wie kommunikativ errichteten<br />

Regeln, aller zugleich sehr mühsam wie gewaltsam aufgebauter sozialer Hierarchien o<strong>der</strong> sozial<br />

organisierter Komplexität dar.<br />

71


Allein die soziale Einbindung dieser "verfemten" und verdrängten, "heiligen" sozialen Formen,<br />

in denen die menschliche Souveränität, die kollektiv erregbare Spielfreude sich gleichsam noch<br />

"verausgabend" immer wie<strong>der</strong> entfalteten, integrierte und desintegrierte nach Bataille schon<br />

stets die gesellschaftlichen Systeme; allein ihre Unterdrückung, <strong>der</strong> Versuch ihrer Sublimation<br />

erzeugte immer wie<strong>der</strong> neues revolutionäres Potential. Der sozial überaus verbindende<br />

Charakter <strong>der</strong> menschlichen "Erotik", des "Lachens" und des "Spiels", des individuellen wie<br />

kollektiven, energetischen menschlichen Überschwangs, zeigt zudem auch heute die (soziolo-<br />

gische?) Notwendigkeit und schwer übersehbare Relevanz einer annäherungsweisen Theorie<br />

<strong>der</strong> souveränen religiösen Formen an.<br />

Diese souveränen Formen bei <strong>Georges</strong> Bataille nähern sich einer "nicht affirmativen Beja-<br />

hung" (Michel Foucault) an, die seit Nietzsche und Baudelaire für das Denken <strong>der</strong> fort-<br />

geschrittenen Mo<strong>der</strong>ne charakteristisch geworden zu sein scheint:<br />

"Es entsteht eine neue Metaphysik, die aus <strong>der</strong> Revolte gegen die hypostasierten Zentren des<br />

Seins entspringt, also vorab auf die Hypostasierung noch höherer höchster Wesen, noch vol-<br />

lkommenerer Autoritäten verzichtet. An <strong>der</strong> Stelle, an <strong>der</strong> die ältere Metaphysik einen Popanz<br />

errichtete, öffnet sich in <strong>der</strong> neuen eine Leere, an <strong>der</strong> sich das Lachen <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne immer<br />

wie<strong>der</strong> von neuem entzündet. Die majestätischen Gestalten eines vollkommenen Seins unter-<br />

gehen sehen und dennoch darüber lachen können, wird in <strong>der</strong> Metaphysik <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne<br />

möglich." (Bischof 1984, S.45)<br />

Dies auch in die Theorie <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne allmählich einziehende Lachen (<strong>der</strong> "fröhlichen Wissen-<br />

schaft") ist nun aber keine Erfindung <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nistischen Theorie selbst, son<strong>der</strong>n begleitet das<br />

gesellschaftliche Leben schon seit seiner archaischen Ursprünge. Allein die fortschrittliche<br />

Theorie <strong>der</strong> fortgeschrittenen Mo<strong>der</strong>ne "entdeckt" nun von neuem für sich die Vorzüge und<br />

profunden Weisheiten einer lachenden menschlichen Bewegung, die das an Pathos und Ernst<br />

immer wie<strong>der</strong> radikal zu dispensieren versucht, was in <strong>der</strong> Beschränktheit seines Gegenstücks,<br />

im beschränkten bürgerlichen Nationalismus des frühen 20ten Jahrhun<strong>der</strong>ts, zur totalen und<br />

weltumspannenden Katastrophe "traditionalistisch" noch führen mußte.<br />

72


Die subversive Wirkung des universellen Lachens liegt in <strong>der</strong> stillschweigenden Negation und<br />

sublimen Unterminierung eines blinden und heiligen (bürgerlichen) Ernstes begründet, <strong>der</strong> sich<br />

selbst nicht reflektiert, <strong>der</strong> im überaus affektierten Gegenteil höchster habitueller Ausdruck<br />

einer überaus machtorientierten "traditionellen Souveränität" noch ist. Das subversive Lachen<br />

als selbst souveräne Form überwindet zugleich die Furcht, die mit <strong>der</strong> traditionellen Macht (<strong>der</strong><br />

Macht des Todes) des heiligen Ernstes verknüpft ist, und eröffnet in <strong>der</strong> Auseinan<strong>der</strong>setzung<br />

(im Spiel) mit etablierten gesellschaftlichen Formen, mit Moralen und Institutionen einen neuen<br />

kreativen Erfahrungsraum.<br />

Selbst das mittelalterliche "Verlachen", das die physische und moralische Zerstörung des An-<br />

<strong>der</strong>en billigend und belustigt in Kauf nahm, impliziert ein überaus wirksames "heterogenes"<br />

Moment, das für immer wie<strong>der</strong> kurze Zeit die sittliche Ordnung <strong>der</strong> Dinge durchbricht. Es er-<br />

regt zugleich die Gemüter, die lachend die Grenzen (<strong>der</strong> "guten" Sitten) überschreiten, die<br />

moralische und politische Ordnung immer wie<strong>der</strong> normativ zu etablieren versuchen.<br />

Auch die menschliche "Erotik" bietet nach <strong>Georges</strong> Bataille die latent subversive Möglichkeit<br />

zur Überschreitung <strong>der</strong> gesellschaftlichen (moralischen) Regel immer schon erregend an. Alle<br />

noch archaischen Verbote o<strong>der</strong> Tabus aus vergangenen Zeiten (Inzestverbot) gemahnen an<br />

eine Macht ("Mana"), die Sexualität und Erotik verkörpern, verweisen auf die zentrale Be-<br />

deutung, die beiden sozialen Bereichen seit jeher fraglos zukommt. Gerade archaische Ord-<br />

nungssysteme rückten die Sexualität gemeinsam mit <strong>der</strong> physischen Gewalt in den Mittelpunkt<br />

ihres Interesses und versuchten, kollektiv zu "bändigen", was im heiligen erotischen (wie auch<br />

im gewaltsamen) Raum sich stets zu entfalten versuchte.<br />

Auch von <strong>der</strong> Kirche <strong>der</strong> Neuzeit immer wie<strong>der</strong> latent bekämpft und tendenziell gefürchtet,<br />

offenbart die menschliche Erotik eine Form <strong>der</strong> "Kommunikation", die für <strong>Georges</strong> Bataille<br />

einem gewissen sozialen Idealzustand sich immer wie<strong>der</strong> annähert: Nicht dem Code <strong>der</strong> Ver-<br />

nunft, <strong>der</strong> Profanität <strong>der</strong> Sprache unterworfen, erfährt <strong>der</strong> erotische Mensch die "Entgrenzung"<br />

seiner selbst, die nicht verbalisierbare Überschreitung seiner eigenen begrenzten Möglichkeiten.<br />

73


In einem weitgehend außersprachlichen Erfahrungsraum <strong>der</strong> experimentellen Erotik findet <strong>der</strong><br />

mo<strong>der</strong>ne Mensch zu seiner ihm selbst entfremdeten "Natürlichkeit" gleichsam wie<strong>der</strong> zurück,<br />

die in den allgemeinen Lebensprozeß ihn letztlich reintegriert. In <strong>der</strong> menschlichen Erotik, im<br />

Luxus ihrer Ausdrucksformen, fallen sozialer Code und körperliche Souveränität in einer Ein-<br />

heit zusammen, und die innere "Sprache" des Körpers wird als lebensnotwendiges Prinzip in<br />

den interaktiven Kontext <strong>der</strong> intimen sozialen Beziehung gleichberechtigt eingebunden.<br />

Selbst die menschliche Rationalität, die mathematische und technische Funktion, <strong>der</strong> bürgerli-<br />

che Funktionalismus sind schließlich und endlich NICHTS, wenn sie nicht zugleich "heilig" wie<br />

"souverän" kollektiv verankert werden. Die materialistischen und vernünftigen Fetische des<br />

mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus, die heute weitgehend Gegenstände eines überwiegend unnützen Luxus<br />

sind, würden ohne ihre religiöse Überhöhung, ohne ihren spielerischen Charakter, ohne Som-<br />

barts "Sinnenfreude" und <strong>Batailles</strong> "Souveränität" zur funktionalen Bedeutungslosigkeit herab-<br />

sinken. Der Sinn <strong>der</strong> Produktion des omnipräsenten Luxus liegt nicht in seiner Produktion und<br />

nicht in seiner Funktion (wiewohl auch Funktionalisten dafür eine Metaphysik bereithalten)<br />

begründet. Er liegt vielmehr in einem noch weitgehend unbekannten und unterbewußten<br />

Bereich, <strong>der</strong> aller codierter Funktion sich immer konstant entzieht, <strong>der</strong> allein sich im spieleris-<br />

chen Raum <strong>der</strong> subjektiven Souveränität vielleicht noch offenbart.<br />

Der Sinn, wenn man so will des unbegreiflichen Luxus <strong>der</strong> avancierten Mo<strong>der</strong>ne, liegt vielmehr<br />

in einer Art "Freude" an <strong>der</strong> souveränen und spielerischen "Verausgabung", an <strong>der</strong> möglichen<br />

"Entgrenzung" von bekannten Werten und Dingen, <strong>der</strong> "Überschreitung" von Erfahrungen<br />

und Regeln immer wie<strong>der</strong> begründet, die Sombarts "Sinnenfreude" sich annähern, die als qua-<br />

sireligiöse Kategorien auch den mo<strong>der</strong>nen Menschen beherrschen.<br />

6. Die "Allgemeine Ökonomie"<br />

<strong>Batailles</strong> "Allgemeine Ökonomie" möchte schließlich versuchen, <strong>der</strong> "beschränkten" Ökonomie<br />

des mo<strong>der</strong>nen technizistischen Rationalismus, <strong>der</strong> Vernunft und betriebsame Notwendigkeit<br />

zwar unablässig propagiert, jedoch diese nur selten pragmatisch wie theoretisch auch be-<br />

gründen o<strong>der</strong> einlösen kann, eine Ökonomie <strong>der</strong> souveränen Formen, eine Ökonomie <strong>der</strong><br />

74


natürlichen, menschlichen "Verausgabung" ergänzend und erweiternd an die herrschaftsorien-<br />

tierte Seite zu stellen.<br />

Aus <strong>der</strong> schillernden Perspektive dieser "Allgemeinen Ökonomie" stellt nun konsequenterweise<br />

"...nicht die Notwendigkeit, son<strong>der</strong>n im Gegenteil, <strong>der</strong> "Luxus", <strong>der</strong> lebenden Materie und den<br />

Menschen ihre Grundprobleme...".<br />

(Bataille 1985, S. 38)<br />

Anstatt einer Theorie <strong>der</strong> "partikularen Systeme" (<strong>der</strong> Organismen o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Unternehmen) zu<br />

folgen, die systeminterne Notwendigkeiten und Zwänge (Knappheit von Ressourcen) auch<br />

systemintern zu behandeln pflegt, gilt es für Bataille, sich <strong>der</strong> "allgemeinen Bewegung" <strong>der</strong><br />

"lebenden Materie" auf <strong>der</strong> Erde zu überantworten, für die "Energie" immer überschüssig sei,<br />

die immer schon in Begriffen des "Luxus" o<strong>der</strong> <strong>der</strong> allgemeinen "Verschwendung" gedacht<br />

werden müsse.<br />

Im Vergleich mit einer "Allgemeinen Systemtheorie" z.B. (Luhmann), die eine Theorie le-<br />

ben<strong>der</strong> Organismen und lebendiger "psychischer Systeme" (plus "personaler Systeme")<br />

zusätzlich zu einer "Gesellschaftstheorie" sein möchte, die System/Umwelt - Differenzen und<br />

Asymmetrien "reduktionistisch" (Luhmann) und perspektivistisch etabliert, diese jedoch prag-<br />

matisch (trotz omnipräsenter "Interpenetration") nicht durchhalten kann, möchte Bataille das<br />

organische "Leben" und die gleichsam natürliche "Souveränität" noch innerhalb des nach wie<br />

vor natürlichen Menschen etablieren.<br />

Ein bei je<strong>der</strong> klassischen Systemtheorie sich immer wie<strong>der</strong> stellendes und letztlich von ihr nicht<br />

auflösbares Problem ist, daß sie bei <strong>der</strong> Bearbeitung von sog. "systeminternen" Fragen (z.B.<br />

über Kommunikation) auf ihre jeweilige "Umwelt" (z.B. die Natur, den Körper) zwar imer<br />

wie<strong>der</strong> verweisen muß, von <strong>der</strong> sie problematische o<strong>der</strong> energetische Impulse immer schon<br />

(Interpenetration) erhält, daß das jeweilig formierte "System" sich aber ständig weitgehend<br />

"gegen" (und damit diese immer wie<strong>der</strong> ausschließend) eine sogenannte "Umwelt" reduktion-<br />

istisch etablieren soll, <strong>der</strong>en Teil sie zugleich ist. Mit wenigen zentralen Begriffen wird eine<br />

sogenannte "System-Umwelt-Differenz" oft gewaltsam wie abstrakt definiert (insbeson<strong>der</strong>e von<br />

Ökonomen) und als magisches perpetuum mobile ("Autopoiesis") noch selbstgenügsam hy-<br />

postasiert.<br />

75


Bataille möchte hingegen jeweils in seinen theoretischen und literarischen Arbeiten zumindest<br />

annäherungsweise versuchen, das "Zentrum von seiner Peripherie her" zu bestimmen; er<br />

möchte zugleich verhin<strong>der</strong>n, die komplexe Peripherie (Umwelt) des Menschen o<strong>der</strong> seiner<br />

kommunikativen Systeme bereits im (theoretischen) Vorfeld als zu vernachlässigende Größe<br />

aus <strong>der</strong> Analyse sozialer Prozesse reduktionistisch auszuschließen. Auch daher mag <strong>Batailles</strong><br />

unaufhörliches und konsequentes Interesse für sogenannte abweichende, marginalisierte, aus-<br />

gegrenzte und unwillkommene soziale Phänomene abstammen, aus einer selbst noch "subver-<br />

siven" theoretischen Position, die sich immer wie<strong>der</strong> weigert, systeminterne "Zwänge" insbe-<br />

son<strong>der</strong>e im sozialen Bereich als immerzu und zwangsläufig "notwendige" o<strong>der</strong> weitgehend<br />

"zweckmäßige" zu begreifen.<br />

Zwar wird ein sozialer Zwang (insbeson<strong>der</strong>e in <strong>der</strong> "traditionellen Souveränität") auch von<br />

Bataille pragmatisch anerkannt, jedoch bleibt für ihn immer zusätzlich <strong>der</strong> "Verweis auf an<strong>der</strong>e<br />

Möglichkeiten" (auch Luhmanns erweitertes Sinnverständnis) in <strong>der</strong> "Souveränität" bestehen,<br />

die immer wie<strong>der</strong> erschüttert, was die historisch variable "Ordnung" des jeweiligen Systems<br />

produziert.<br />

Das verschwen<strong>der</strong>ische und luxuriöse "Leben" ist schließlich bei <strong>Georges</strong> Bataille schon immer<br />

vor aller Ordnung, die das Soziale in ihm etabliert; das Soziale ist, wenn man so will, <strong>der</strong> Natur<br />

allein assoziiert. Es existiert somit kein grundsätzlicher kategorialer Wi<strong>der</strong>spruch zwischen<br />

"kommunikativen" und "biologischen Systemen", keine pragmatisch (son<strong>der</strong>n allein begrifflich)<br />

durchhaltbare Differenz zwischen verschiedenen funktionalen Ebenen. Der verschwen<strong>der</strong>ische<br />

und ausufernde Luxus <strong>der</strong> vielfältigsten natürlichen Formen erscheint bei Bataille vielmehr wie<br />

ein Spiegelbild <strong>der</strong> luxurierenden menschlichen Produktion, die zwar funktionalistisch und<br />

profan sich zu organisieren versucht, aber gleichsam natürlich und körperlich sich im ver-<br />

drängten "heiligen" Raum noch kollektiv verausgabt.<br />

Die Produkte und seltsamen Werkzeuge, die <strong>der</strong> ordnende menschliche Geist sich organisier-<br />

end und spielend immer wie<strong>der</strong> verschafft, mögen zwar von Natur im herkömmlichen (bürger-<br />

lichen) Sinn sich weitgehend unterscheiden, sie mögen sogar die sogenannte "alte Natur" teil-<br />

weise radikal vernichten, ihr unübersehbarer "Zweck" kommt <strong>der</strong> "menschlichen Natur" jedoch<br />

immer schon pragmatisch entgegen. Insofern sind alle menschlichen Werkzeuge, so grausam<br />

und brachial sie sich auch immer gebärden mögen, noch <strong>der</strong> kollektiv-menschliche Ausdruck<br />

76


eines biologischen Werdens und Vergehens, dessen offensichtliche "Grausamkeit" zwar immer<br />

wie<strong>der</strong> kollektiv verdrängt, dessen Wirksamkeit und Potenz jedoch niemals theoretisch und<br />

pragmatisch (kommunikativ) "aufgehoben" werden kann.<br />

"Diese allgemeine Bewegung des Lebens bestimmt grundlegend auch die menschliche<br />

Aktivität. In einer Hinsicht, im Sinn <strong>der</strong> Ausdehnung, eröffnet sie dem Leben eine erweiterte<br />

Möglichkeit, einen neuen Raum (wie es die Äste des Baumes o<strong>der</strong> die Flügel des Vogels tun).<br />

Es handelt sich aber nicht im eigentlichen Sinn um einen vom Leben noch nicht eingenomme-<br />

nen Raum, den Arbeit und Technik <strong>der</strong> vermehrten Fortpflanzung des Menschen eröffnen.<br />

Son<strong>der</strong>n die menschliche Aktivität vermehrt durch Verän<strong>der</strong>ung <strong>der</strong> Welt die lebende Materie<br />

um an sie angeschlossene Apparaturen, bestehend aus einer riesigen Menge inerter Materie,<br />

die die vorhandenen Energiequellen erheblich vergrößern.<br />

(Bataille 1985, S.62)<br />

Die mo<strong>der</strong>ne bürgerliche Gesellschaft habe, indem sie die Wirksamkeit und Grausamkeit dieses<br />

Lebendigen immer mehr zu verdrängen versuchte, sich in eine zugleich unhaltbare Position<br />

manövriert, in <strong>der</strong> die Angst vor dem Überschwang und dem Luxus des Lebens, die Angst vor<br />

dem unausweichlichen Tod den Alltag dominierten. Diese "Angst" habe zugleich für den, <strong>der</strong><br />

vom "Überschwang des Lebens" selbst noch ergriffen sei, jedoch überhaupt keinen erk-<br />

ennbaren Sinn; die "Angst" des mo<strong>der</strong>nen bürgerlichen Menschen offenbare vielmehr einen<br />

"partikularen" und vereinzelten Gesichtspunkt, <strong>der</strong> dem "allgemeinen Gesichtspunkt" vom<br />

Überschwang <strong>der</strong> lebenden Materie insgesamt radikal entgegengesetzt sei.<br />

"Vom partikularen Gesichtspunkt aus stellen sich die Probleme in erster Linie durch<br />

den Mangel an Energiequellen; vom allgemeinen Gesichtspunkt aus stellen sie sich in erster<br />

Linie durch <strong>der</strong>en Überschuß. Natürlich ist das Problem des Elends damit nicht aus <strong>der</strong> Welt<br />

geschafft, und die allgemeine Ökonomie muß sich ebenso, wann immer es möglich ist und<br />

zuerst, mit <strong>der</strong> Entwicklung des Wachstums beschäftigen. Aber ob Elend o<strong>der</strong> Wachstum, bei<br />

beiden berücksichtigt sie die Grenzen, auf die beide unweigerlich stoßen werden, und den<br />

beherrschenden (entscheidenden) Charakter <strong>der</strong> Probleme, die sich aus dem Vorhandensein<br />

von Überschüssen ergeben. (ebd., S.66f.)<br />

77


Die Richtung in <strong>Batailles</strong> Denken geht folglich konsequent dahin, von einzelnen o<strong>der</strong> egozen-<br />

trischen, rationalistischen "Interessen", die das mo<strong>der</strong>ne (ökonomistische) Individuum be-<br />

herrschten, immer wie<strong>der</strong> zu abstrahieren und sich dem Sog des allgemeinen Lebens, <strong>der</strong> ein<br />

Sog zur gleichsam natürlichen wie auch kulturellen Luxurierung sei, fraglos und bedingungslos<br />

zu überlassen. Bataille for<strong>der</strong>t darüberhinaus ein "sich verschwendendes, sich verausgabendes"<br />

menschliches Individuum, das immer auch willens und bereit ist, noch an<strong>der</strong>e (Gruppen und<br />

Nationen) in seinen produktiven Überschwang zu integrieren, das partikulare Interessen<br />

zugunsten von überwiegend natürlichen (die eventuell das kollektive Überleben sichern) kon-<br />

stant zu "opfern" vermag. Die "individualistische" Vorstellung des die Mo<strong>der</strong>ne prägenden<br />

"Mangels", <strong>der</strong> entsprechend rational nurmehr bürokratisch verwaltet wird, müsse zugunsten<br />

einer kollektiven und lebendigeren Vorstellung <strong>der</strong> "Überfülle", des kollektiven und allge-<br />

meinen Luxus schließlich radikal und endgültig aufgegeben werden.<br />

Das bereits schon erwähnte Mausssche Grundmodell des polynesischen "Potlatsch" liegt dabei<br />

<strong>der</strong> <strong>Batailles</strong>chen "soziologischen" Perspektive zugrunde: das archaische rituelle "Schenken",<br />

das Ausdruck <strong>der</strong> natürlichen Lebensfülle sei, soll den mo<strong>der</strong>nen "rationalistischen" Tausch-<br />

handel, für Bataille eine "erbärmliche" Reduktion (<strong>der</strong> "klassischen" Ökonomie) des weit ur-<br />

sprünglicheren und tiefgründigeren "Potlatsch", umfassend und befreiend ersetzen. Sozial<br />

verpflichtende Formen <strong>der</strong> kollektiven kulturellen "Verausgabung" sollten an die Stelle des<br />

mängelbelasteten und besitzorientierten, letztlich wie<strong>der</strong>um nur konflikterzeugenden (durch die<br />

abstrakte For<strong>der</strong>ung nach "Äquivalenz") Tausches treten und dabei die sozialen Formen ver-<br />

drängter "Souveränität" noch freisetzen, an <strong>der</strong>en offensichtlichem Mangel die mo<strong>der</strong>ne Welt<br />

schließlich leide.<br />

7. Der differenzierte "Potlatsch"<br />

Die "bürgerliche" Form des "Potlatsch" jedoch, das ökonomistische Prinzip des alternierend<br />

sich hochschaukelnden "Habens" (Bataille), des individuellen o<strong>der</strong> familiären "Besitzes", <strong>der</strong><br />

entsprechend egozentrisch akkumuliert und gewaltsam noch verteidigt werden kann, ist ergän-<br />

zend zum rituellen und demonstrativen "Schenken", zur nutzlosen und bedingungslosen<br />

"Verausgabung", die konsequente und mo<strong>der</strong>ne Fortführung eines polynesischen "tonga", <strong>der</strong><br />

78


von <strong>Batailles</strong> gleichsam idealisierter Form des progressiven "kula" (Mauss 1968, S.55ff.) sich<br />

erheblich unterscheidet:<br />

"Er (<strong>der</strong> tonga (Anm.)) bezeichnet in Maori, Tahitisch, Tonga und Mangarevan alles, was<br />

Eigentum im eigentlichen Sinn ist, alles, was reich macht und zu Ansehen verhilft, alles, was<br />

ausgetauscht werden o<strong>der</strong> als Entschädigung dienen kann. Es sind ausschließlich Wertgegen-<br />

stände: Talismane, Embleme, heilige Matten und Götterbil<strong>der</strong>, manchmal sogar Traditionen,<br />

magische Kulte und Rituale. Hier begegnen wir jenem Begriff des magischen Eigentums, von<br />

dem wir mit Sicherheit meinen, daß er in <strong>der</strong> gesamten malaio-polynesischen Welt und sogar<br />

im ganzen Pazifik vorherrscht. "<br />

(vgl.: ebd, S.30f.)<br />

Während <strong>der</strong> oft aggressive "kula" eine bereits "aristokratische" (Mauss) Form des Gaben-<br />

tauschs unter Häuptlingen von unzweckmäßigen aber wertvollen Gütern darstellt, währenddes-<br />

sen die Teilnehmer bemüht sind, "...Freigebigkeit, Ungebundenheit, Autonomie und zugleich<br />

Größe zu zeigen." (ebd., S.56f.), ist <strong>der</strong> gleichsam weniger elitäre "tonga" an die Familie, den<br />

Clan o<strong>der</strong> die Frau noch gebunden und kann durchaus sogar an die Nachkommen und an <strong>der</strong>en<br />

Nachkommen vererbt werden. Der "tonga" ist damit schon früh eine gewissermaßen "bürgerli-<br />

che" Form des "magischen" Eigentums, dessen herausragen<strong>der</strong> Charakter bedingt ist durch das<br />

beson<strong>der</strong>e und konstante Ansehen, das die Familie durch es gewinnt.<br />

Daß auch viele <strong>der</strong> heutigen Formen des privaten und familiären Eigentums gleichsam ähnlich<br />

"heiliggesprochen" werden, muß hier nicht weiter erörtert werden: die sogenannten "heiligen<br />

Kühe" des materialistischen Kapitalismus sind selbst in unserer mo<strong>der</strong>nen Zeit von einer un-<br />

nahbaren und magischen Aura immer wie<strong>der</strong> umgeben, die den privilegierten Besitzer in den<br />

Augen seiner gläubigen Nachbarn gleichsam symbolisch zu erhöhen o<strong>der</strong> (im Sinne <strong>der</strong> tradi-<br />

tionellen Souveränität) kollektiv zu "adeln" vermag.<br />

Der Unterschied jedoch zwischen aristokratischem, verschwen<strong>der</strong>ischem "kula" und fa-<br />

miliärem, gewöhnlicherem "tonga" macht deutlich, daß <strong>der</strong> von Bataille erstrebte Potlatsch, die<br />

bedingungslose alternierende Verausgabung, die archaische Form des Schenkens, immer schon<br />

79


zugleich von ihren bürgerlichen Varianten des Besitzes begleitet war, daß ein konservatives<br />

Element, eine traditionale Komponente selbst dem archaischen "Potlatsch" noch eignet.<br />

Die <strong>Batailles</strong>che "Souveränität" des großzügigen und verschwen<strong>der</strong>ischen Schenkens entsteht<br />

selbst in Polynesien insbeson<strong>der</strong>e dort, wo <strong>der</strong> aristokratische Reichtum, die materielle Sou-<br />

veränität sich bereits akkumuliert schon hat, wo feudalistische Tendenzen von subordinierten<br />

gesellschaftlichen Schichten gewissermaßen bereits subventioniert werden. Der aristokratische<br />

und unnütze "kula", <strong>der</strong> <strong>der</strong> radikalen willkürlichen Verausgabung des europäischen Feudalis-<br />

mus und des Sombartschen "Frühkapitalismus" zumindest ähnlich ist (abgesehen von <strong>der</strong><br />

sozial relevanten "Richtung" des Schenkens), mag zwar von den aufstrebenden Schichten <strong>der</strong><br />

"stratifikatorischen" Gesellschaften immer schon unbewußt imitiert und letztlich sogar repro-<br />

duziert worden sein; das bewahrende und familiale Element jedoch des weit bürgerlicheren<br />

"tonga" kann zugleich auch von Bataille wie<strong>der</strong>um nicht wegabstrahiert werden.<br />

Die Geschichte <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>nisierung scheint mir aber zu zeigen, daß die von Bataille konse-<br />

quent bevorzugten, aristokratischen Formen <strong>der</strong> kollektiven o<strong>der</strong> individuellen "Verausga-<br />

bung" ihren bürgerlichen Pendants zumindest in einer Hinsicht grundsätzlich überlegen sind:<br />

Die unergründliche Maßlosigkeit und energieverschleu<strong>der</strong>nde Kreativität des feudal-<br />

istischen "Potlatsch" erzeugt ein zugleich naives und universell noch wirksames "Staunen", das<br />

<strong>der</strong> vorgeblichen Vernunft des Bürgers sich immer schon radikal entzieht. Da <strong>der</strong> Bürger dies<br />

wirksame "Staunen" selbst nicht reflexiv o<strong>der</strong> vernünftig überwinden kann, bleibt allein seine<br />

Reproduktion durch Aneignung o<strong>der</strong> Rekonstruktion des bestaunten maßlosen Gegenstands<br />

als Möglichkeit bestehen, das Problem ihm gemäß zu lösen. Da ihm zugleich (bei zunehmen<strong>der</strong><br />

Mo<strong>der</strong>nisierung) die technischen Mittel zu Erwerb und Rekonstruktion gegeben sind, kann <strong>der</strong><br />

neureiche Bürger nun zumindest materiell mit dem Adel konkurrieren: er wird jedoch zumeist<br />

dessen überaus maßlose Standards nicht annähernd erreichen. Denn diese sind nicht sosehr<br />

durch maßvolle und effiziente Reproduktion des kulturell Gegebenen insbeson<strong>der</strong>e gekenn-<br />

zeichnet, son<strong>der</strong>n vielmehr durch "Distinktion", die vom gewöhnlichen und subordinierten<br />

Bürger ihn radikal differenziert.<br />

80


Die im Verlaufe von Mo<strong>der</strong>nisierung für die Steigerung des Konsums (wie <strong>der</strong> Produktion)<br />

nötige "Innovation" des Begehrens, die zugleich den "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" (nach Som-<br />

bart) in Gang und in Bewegung brachte, mußte also von den gesellschaftlichen Schichten o<strong>der</strong><br />

Kräften noch weitgehend und grundlegend abstammen, die Maßlosigkeit und Neugier, auch<br />

menschenverachtende Gier seit jeher in Reinkultur praktiziert und dabei entsprechend verfein-<br />

ert hatten. Feudaler und klerikaler Adel etablierten zunächst die Standards, die die bürgerlichen<br />

und proletarischen Kräfte bis heute imitieren und anstreben.<br />

So steht auch heute noch immer die bürgerlichkonsumistische Bewegung zwischen zwei sich<br />

ergänzenden Formen eines durchaus archaischen Potlatsch: sie steht zwischen "tonga" und<br />

"kula", zwischen bewahren<strong>der</strong> und bewährter Vernunft und locken<strong>der</strong> Unvernunft, die im<br />

Angesicht <strong>der</strong> Ware und ihrer verwirrenden Vielfalt als mögliche Alternativen sich bieten.<br />

Durch die allein nur reproduktive und bewahrende Vernunft, durch jegliche Sublimation einer<br />

universellen "Neugier", wäre jedoch jedes (r)evolutionäre menschliche Projekt bereits im<br />

vernünftigen Vorfeld zum Scheitern schon verurteilt: <strong>der</strong> Sieg <strong>der</strong> Unvernunft, die Gier des<br />

Unbewußten treibt vielmehr jede Entwicklung voran.<br />

Das Wagnis gerade des Neuen, des noch unbestimmbaren Versuchs, dessen anthropologischer<br />

Ursprung in <strong>der</strong> Zeit weit zurückzuliegen scheint, hat nun in unserer beschleunigten Mo<strong>der</strong>ne<br />

sich allmählich erstarkend durchgesetzt. Zwar ist nicht je<strong>der</strong> mo<strong>der</strong>ne Bürger zugleich ein<br />

wagemutiger Aristokrat, zwar "beherrscht" nicht jedes Subjekt den gefährlichen und<br />

verschwen<strong>der</strong>ischen "kula" in gleicher Weise, jedoch fallen heute die Schranken, die gesell-<br />

schaftlichen und archaischen Tabus, die den konsumistischen und neugierigen Bürger von <strong>der</strong><br />

persönlichen wie kollektiven Verschwendung gleichsam vernünftig fernhalten.<br />

Der mo<strong>der</strong>nistische und bürgerliche "Potlatsch" des sich selbst beschenkenden Subjekts läßt<br />

jedoch zugleich die noch immer soziale Welt als Welt des zu beschenkenden An<strong>der</strong>en gleich-<br />

sam negierend zurück. Die heute möglichen Formen <strong>der</strong> bürgerlichmateriellen Verausgabung<br />

integrieren nicht mehr alltäglich die Beschenkung des jeweiligen Nachbarn, dem ohnehin nur<br />

zusteht, was er sich selbst verschaffen kann. Allein beim kollektiven Feiern, beim gemein<br />

81


schaftlichen o<strong>der</strong> sportlichen Spiel, im familiären und geselligen Rahmen "vergißt" das bürger-<br />

liche Subjekt den alltäglichen individuellen "Ernst" seines mo<strong>der</strong>nistischen "Habens" und die<br />

rationalistische Akkumulation des persönlichen Eigentums. Allein im "heiligen" Bezirk seiner<br />

frei gestaltbaren Freizeit wächst das bürgerliche und begrenzte Subjekt über den eigenen Öko-<br />

nomismus hinaus, <strong>der</strong> in ihm radikal unterdrückt, was auch an An<strong>der</strong>e zu "verlieren" es noch<br />

immer weitgehend imstande ist.<br />

Die mo<strong>der</strong>nistisch-materialistische "Angst" des rational etablierten Subjekts (<strong>der</strong> "partikulare<br />

Gesichtspunkt") liegt zugleich im immer drohenden Verlust seines "heiligen" Eigentums be-<br />

gründet. Da weitgehend die Akkumulation von nützlichen o<strong>der</strong> unnützen Gütern, von über-<br />

wiegend prestigeför<strong>der</strong>nden Gegenständen, notwendigen Verhaltensweisen (Produktion von<br />

Luxus ist notwendig) o<strong>der</strong> abstrakten Geldwerten zur bewußt notwendigen Maxime immer<br />

wie<strong>der</strong> dekretiert wurde, ist zugleich je<strong>der</strong> mögliche Verlust, vom Geldverlust über den Güter-<br />

und Arbeitsplatzverlust bis hin zum (natürlichen) Verlust des Lebens das Schreckensszenario<br />

schlechthin des geschäftigen und rationalen bürgerlichen Subjekts.<br />

Daß <strong>der</strong> mögliche Verlust dessen, was es so mühsam o<strong>der</strong> zwangsläufig (zufällig) jahrelang<br />

akkumulierte, das bürgerliche Bewußtsein umfassend formt o<strong>der</strong> prägt, drückt sich in unserer<br />

Zeit in den gesetzlichen Bestimmungen noch aus, die den Schutz des akkumulierbaren Eigen-<br />

tums (<strong>der</strong> "Dinge") noch vor den (abstrakteren) Schutz <strong>der</strong> allgemeinen (lebendigen) sou-<br />

veränen "Bürgerrechte" immer wie<strong>der</strong> zu stellen versuchen.<br />

Der mo<strong>der</strong>nistische Verlust <strong>der</strong> bürgerlichen Subjekte ist nurmehr legitim, doch immer zugleich<br />

verdächtig, wenn er schließlich noch selbst verursacht, selbst hinreichend gewollt o<strong>der</strong> selbst<br />

kontrolliert gewählt wurde. Der Verlust, <strong>der</strong> hingegen entsteht, wenn unangenehme "Steuern"<br />

(die auf das "An<strong>der</strong>e" verweisen) z.B. das bürgerliche Subjekt bedrängen, muß immer zugleich<br />

vermieden werden, da niemals hinreichend geklärt ist, ob dieser Verlust an "Kapital" sich sein-<br />

erseits wie<strong>der</strong> "rechnet". Das bürgerliche Subjekt des ökonomischen Rationalismus denkt bei<br />

gesellschaftlichen Fragen immer wie<strong>der</strong> hinreichend reduziert in sozialfunktionalen Äquivalen-<br />

ten (Welche Funktion bekomme "ich" für "mein" Geld?), während die "bedingungslose" und<br />

sinnlose "Verausgabung" es allein für sich selbst (die Familie) und die eigene hedonistische<br />

Freizeit gewinnbringend reserviert.<br />

82


8. Zeitgenössische Verausgabung<br />

Die lange Zeit gewaltsam gesicherten Privilegien des traditionellen Adels erstreckten sich nicht<br />

allein auf die Ausübung <strong>der</strong> politischen Herrschaft; sie beinhalteten zudem noch lange das<br />

überaus attraktive Monopol auf radikale materielle o<strong>der</strong> finanzielle Verausgabung. Der Fall<br />

dieses Monopols wie <strong>der</strong> Fall auch des Absolutismus (die Zerstörung seiner Symbole) war ra-<br />

dikalistisch bedingt durch die subversiven Formen <strong>der</strong> <strong>Batailles</strong>chen "Souveränität". Die fran-<br />

zösische Revolution ist lediglich ein historisches Beispiel für einen Sieg <strong>der</strong> proletarischen und<br />

bürgerlichen Subversion angesichts einer ideologisch und militärisch nicht mehr haltbaren feu-<br />

dalistischen Position.<br />

Die populistische Herrschaft, <strong>der</strong> populistische Konsum sind seit dieser erregenden Zeit all-<br />

mählich auf dem Wege, die "traditionelle Souveränität", die traditionelle Herrschaft popu-<br />

listisch zu unterwan<strong>der</strong>n. Die herrische, distinguierende Geste, die Oben und Unten trennt, die<br />

rein und unrein unterscheidet, verliert dabei immer weiter an kollektiv relevanter Bedeutung,<br />

während <strong>der</strong> universelle Konsum, die universelle "Sinnenfreude" sich geradezu totalitär auf<br />

Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen auswirken.<br />

Die grundsätzliche und tiefgründige Ablehnung dieser bereits schon lange vorgegebenen bür-<br />

gerlichen Codes begleitet zugleich noch die Avantgarde ihrer subversivsten Jugend. Diese ge-<br />

fällt nicht allein sich in <strong>der</strong> radikalen Negation des vorliegenden kulturellen Materials, son<strong>der</strong>n<br />

entfaltet ihre "Souveränität" noch im überaus subversiven Raum einer psychischen und physis-<br />

chen Illegitimität. Sind die materiellen Räume <strong>der</strong> kapitalistischen Produktion, <strong>der</strong> kapital-<br />

istischen Konsumtion bereits hinreichend von den Eltern besetzt, bleibt noch immer <strong>der</strong>en Zer-<br />

schlagung und/o<strong>der</strong> die kreative Zuwendung zu <strong>Batailles</strong> souveränen Formen, die kollektive<br />

Zuwendung zu Drogen o<strong>der</strong> sinnbetäubendem "Death Metal", zu Spiel und Sexualität das nie<br />

völlig tolerierbare Privileg dieser unvernünftigen Jugend.<br />

In den ruhigeren Tagen jedoch nach <strong>der</strong> gewaltsam gefeierten Revolte reproduzieren die bür-<br />

gerlichen Eltern noch das "verfemte" Verhalten, das sie selbst sich niemals zustanden. Un-<br />

bewußt o<strong>der</strong> bewußt übernimmt die konservativste Mutter heute die aufreizend "attraktive"<br />

und überaus "jugendliche" Mode ihrer pubertierenden Tochter.<br />

83


Die heute sich zunehmend enthemmt (nachmittags in den Massenmedien) und souverän<br />

repräsentierenden mo<strong>der</strong>nen Menschen, die an Freizeit und Konsum sich zunehmend irrational<br />

delektieren, nähern bereits konkret einer fast unwirklichen luxuriösen "Verschwendung" sich<br />

an, die die alten vernünftigen Codes schon längst vom Dienst suspendiert hat. Die postmod-<br />

ernen Massen <strong>der</strong> von Popmusik und -kultur zunehmend unterminierten, insbeson<strong>der</strong>e jungen<br />

Menschen sind heute kaum mehr überzeugend auf wenige rationale o<strong>der</strong> ökonomische Begriffe<br />

zu reduzieren. Die von Bataille diagnostizierten "schrecklichen" Prinzipien <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne, <strong>der</strong><br />

mo<strong>der</strong>ne "Rationalismus", <strong>der</strong> nie<strong>der</strong>e "Materialismus", die reduktionistische "Profan-<br />

isierung" sind nach <strong>der</strong> radikalen Zäsur von 1945 auch und zunehmend ideologisch (seit <strong>der</strong><br />

"Dialektik <strong>der</strong> Aufklärung"?) immer mehr im Verschwinden begriffen.<br />

Quasireligiöse und transrationale Phänomene wie Erotik, Sport und Poesie, wie Kunst, Musik,<br />

Genuß und Ekstase, wie religiöser o<strong>der</strong> politischer Fundamentalismus, wie kollektive rohe<br />

Gewalt, die auch das mo<strong>der</strong>ne "erregbare" Kollektiv noch immer weit intensiver aneinan<strong>der</strong><br />

binden (Durkheims "Ansteckung des Heiligen") als die z.B. sachliche o<strong>der</strong> vernünftige<br />

Sinnproduktion, sind zumindest in den öffentlichen Medien immer weiter auf dem Vormarsch,<br />

und ein Ende dieser Entwicklung ist heute nicht abzusehen.<br />

Ein postmaterialistisches Subjekt, das von konstanter materieller Akkumulation, von<br />

wirtschaftsorientierter Leistung, von ebensolchem Erfolg sich heute schon teilweise distanziert,<br />

ist unreflektiert zugleich imstande, sich in unaufhörlicher "Verausgabung" den noch un-<br />

definiertesten Räumen <strong>der</strong> individuellen und kollektiven Erfahrung hinzugeben. Da "allein" es<br />

in sich begrenzt ist (wiewohl es seine innere "Entgrenzung" auch allein erfahren kann), schließt<br />

dem latent erregten Kollektiv, <strong>der</strong> jugendlichen o<strong>der</strong> bürgerlichen Bewegung, <strong>der</strong> musikorien-<br />

tierten Subkultur es sich schließlich an und erlebt in ihnen zugleich die "Überschreitung" seiner<br />

eigenen, ihm zuvor bekannten Möglichkeiten. Es erfährt die <strong>Batailles</strong>che "Kommunikation",<br />

den eigenen und fremden Körper im Taumel <strong>der</strong> Diskotheken, <strong>der</strong> zeitweise suspendiert, was<br />

an Vernunft und verbaler Ordnung in ihm zwangsläufig und notwendig enthalten ist.<br />

84


Der mo<strong>der</strong>ne Materialismus, <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>ne Kapitalismus hat aufgrund seiner überragenden und<br />

sinnbetäubenden "Effizienz" zugleich die materielle und technizistische Grundlage geschaffen,<br />

auf <strong>der</strong> die breiten Massen sich zunehmend "souverän" zu entfalten suchen. Nach einer ver-<br />

nunftorientierten Phase des materiellen und funktionalen Aufbaus <strong>der</strong> westlichen Produk-<br />

tionssysteme (insbeson<strong>der</strong>e nach den letzten Kriegen) differenziert sich heute schließlich <strong>der</strong><br />

kollektive Geschmack, das kollektive körperliche Verhalten in eine ("postmo<strong>der</strong>ne") Richtung<br />

<strong>der</strong> sinn- und funktionslosen (für die "beschränkte Ökonomie") Verausgabung, die mit ration-<br />

alistischen Erklärungen und funktionalistischen Zielsetzungen nicht mehr kompatibel ist.<br />

Die klassische Funktionalität <strong>der</strong> ehedem notwendigen Produkte, des einstmals notwendigen<br />

Verhaltens tritt heute zugunsten einer spielerischen "Souveränität" noch zurück, die im ge-<br />

nießerischen Konsum, im freudigen Verbrauch, in aristokratischer Verschwendung (je nach<br />

Einkommenshöhe) <strong>der</strong> noch unzweckmäßigsten Dinge und Verhaltensweisen sich fast hem-<br />

mungslos verausgabt. Die zum täglichen Unterhalt dieses beinahe unvorstellbar (für viele sub-<br />

ordinierten Bewohner <strong>der</strong> sog. Dritten Welt) anspruchsvoll sich gebärdenden souveränen Sub-<br />

jekts notwendigen Energiemengen schöpfen sich schließlich und endlich aus einer menschlichen<br />

Maschinerie, die für <strong>Georges</strong> Bataille allein die konsequente und radikale Fortsetzung <strong>der</strong> "all-<br />

gemeinen" Bewegung des "Lebens" auf unserem sich zunehmend verkleinernden Planeten dar-<br />

stellt.<br />

Die fast unersättliche Gier des mo<strong>der</strong>nen, technisierten Menschen nach unsichtbarer Energie,<br />

nach souveräner Realisierung des noch absurdesten menschlichen Willens, wird dabei fast allein<br />

durch die kulturspezifischen Möglichkeiten des industriellen Wachstums und nicht durch<br />

zunehmende Vernunft o<strong>der</strong> ökonomische Einsicht hinreichend begrenzt. Selbst "ökologisches"<br />

Bewußtsein, das die Umwelt <strong>der</strong> "Natur" ins Denken reintegriert und zum allgemein relevanten<br />

Thema auch des Menschen wie<strong>der</strong> gemacht hat, übersieht nur allzu leicht, daß die Notwendig-<br />

keit zur Reduktion <strong>der</strong> verschleu<strong>der</strong>ten Energie nur aus eigener privilegierter Perspektive noch<br />

Fortschritt suggeriert. Nur wer den totalen Luxus selbst praktiziert und kennenlernt, kann<br />

schließlich noch generös o<strong>der</strong> aufklärerisch dominant (und nicht einmal dann) auf luxuriöse<br />

Dinge verzichten.<br />

85


Ausgeschlossen von diesem Diskurs über das äußerst vernünftige "Sparen" von Energie, über<br />

"notwendige" Selbstbeschränkung, sind schließlich die Angehörigen <strong>der</strong> subordinierten<br />

Schichten, <strong>der</strong> subordinierten Staaten, die im Sinne <strong>der</strong> "traditionellen Souveränität" an den<br />

souveränen Eliten sich noch immer orientieren, an den avanciertesten Kräften, die den überaus<br />

aristokratischen und zum "Staunen" anregenden "Potlatsch" am weitesten getrieben haben.<br />

Die Verschwendung <strong>der</strong> Vereinigten Staaten von scheinbar nahezu unbegrenzt verfügbarer<br />

Energie (die eine Manifestation des "Willens" zur Freiheit sein könnte) repräsentiert zugleich<br />

einen souveränen und überaus dominanten Status, <strong>der</strong> in <strong>der</strong> gesamten bekannten Welt nahezu<br />

unvergleichlich ist. Da die materielle und industrielle Produktion, die die Entwicklung <strong>der</strong><br />

Mo<strong>der</strong>ne grundlegend bestimmte, jedoch auch in den USA sich nun allmählich erschöpft, tritt<br />

heute das amerikanische Dienstleistungsgewerbe, tritt das virtuelle "Hollywood" in den kapi-<br />

talistischen Zirkel ein, das Ideen und Illusionen, das fast alle bekannten "Gefühle" <strong>der</strong> weltweit<br />

unersättlichen Souveränität gewinnbringend noch verkauft.<br />

Die Vernunft hätte bereits schon lange vor dem Angebot kapituliert, das die grenzenlose Sou-<br />

veränität des lebendigen und mo<strong>der</strong>nen Luxus noch gierig an sich reißt: die psychische Zer-<br />

streuung, die kollektive o<strong>der</strong> subjektive Unterhaltung im Angesicht <strong>der</strong> Medien- und Freizeit-<br />

maschinerie gibt dem archaischen "homo ludens" in einer postmaterialistischen Mo<strong>der</strong>ne den<br />

definitiven Raum, <strong>der</strong> seine wahre Bedeutung immer wie<strong>der</strong> exemplifiziert: Der Mensch ist ein<br />

spielendes Tier, das heute sein unablässiges Spiel um maximale Verschwendung und Veraus-<br />

gabung zur bürgerlichen Notwendigkeit seines überaus anspruchsvollen Lebens reduktion-<br />

istisch hochstilisiert hat.<br />

9. Die Wie<strong>der</strong>belebung des Potlatsch<br />

Der aristokratische "Potlatsch" von Marcel Mauss und <strong>Georges</strong> Bataille muß also nicht erst<br />

theoretisch eröffnet o<strong>der</strong> vernünftig (im Sinne seiner "allgemeinen Ökonomie") noch von letz-<br />

terem eingefor<strong>der</strong>t werden - denn er ist bereits in vollem Gange. Allein die soziale "Richtung"<br />

des mo<strong>der</strong>nistischen und aggressiven "Schenkens" bleibt nun in unserer Mo<strong>der</strong>ne auf das sou-<br />

veräne und egozentrische Subjekt selbst noch umfassend bezogen, was soziale Ko häsion zwar<br />

86


nicht gerade beför<strong>der</strong>n mag, jedoch aus "souveräner" subjektiver Sicht wie<strong>der</strong>um nicht bedau-<br />

ert o<strong>der</strong> idealistisch kritisiert werden kann.<br />

Es bleibt aber immerhin (bei Integration des <strong>Batailles</strong>chen "Potlatsch") <strong>der</strong> bedeutende und<br />

entscheidende Hinweis auf eine archaische Form des "Schenkens" bestehen, die ihrer "ur-<br />

sprünglichen" Funktion, <strong>der</strong> "Verausgabung <strong>der</strong> Überschüsse", zumindest einen sozial<br />

verpflichtenden Charakter teilweise zur Seite gestellt und damit den "Sinn" <strong>der</strong> Produktion <strong>der</strong><br />

omnipräsenten Überschüsse auf das jeweilige Kollektiv o<strong>der</strong> das "An<strong>der</strong>e" (den Häuptling) des<br />

nachbarlichen Stammes noch bezogen hatte.<br />

Wenn im Gegensatz dazu die "Verausgabung <strong>der</strong> Überschüsse" (die in unseren mo<strong>der</strong>nen Ge-<br />

sellschaften geradezu ungeheuerlich sind) allein dem persönlichen Genuß, dem persönlichen<br />

und definierten Nutzen von wenigen souveränen Personen o<strong>der</strong> "geschlossenen" gesellschaftli-<br />

chen Systemen nur dient, wenn diese zudem nicht selbst immer wie<strong>der</strong> imstande sind, ihre<br />

repräsentative (o<strong>der</strong> heilige) Funktion wie z.B. im klassischen Feudalismus angemessen zu<br />

"kommunizieren", wird schließlich die "allgemeine" Souveränität <strong>der</strong> unterprivilegierten und<br />

immer mehr verarmenden Schichten die Privilegien und Personen noch (und sei es gewaltsam)<br />

beseitigen, die die überaus machtorientierte "traditionelle Souveränität" selbst einst gewaltsam<br />

etabliert und bis heute reproduziert hat.<br />

Sinnvoll (im Sinne meiner ? Souveränität) und unpolitischer wäre es, auf die noch immer wirk-<br />

same "Magie" des noch immer unbekannten Unbewußten, des Durkheimschen und Batail-<br />

leschen "Heiligen", <strong>der</strong> subjektiven "Souveränität" auch in <strong>der</strong> heutigen Soziologie und Wis-<br />

senschaftstheorie weiterhin zu bestehen. Die "rationale" und gewaltsame "Verdrängung" allein<br />

<strong>der</strong> uns weitgehend verborgen gebliebenen o<strong>der</strong> "verfemten" menschlichen Verhaltensweisen<br />

läuft selbst dem erklärten Programm einer mo<strong>der</strong>nistischen Aufklärung ("Ausgang des Men-<br />

schen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant)) noch entschieden entgegen, die<br />

heute endlich endgültig von allem idealistischen und moralisierenden Ballast o<strong>der</strong> dem<br />

"herrschaftlichen" Gestus ihres sprachorientierten "Intellektualismus" grundlegend befreit wer-<br />

den sollte.<br />

87


Denn das unaufhörliche Einnehmen des aristokratisch-aufklärerischen "Standpunkts" abstra-<br />

hiert schon immer zugleich von <strong>der</strong> möglichen und praktizierten Dynamik seiner antiintellek-<br />

tuellen und körperlichen Subversion, abstrahiert von den noch wirksamsten menschlichen Ver-<br />

haltensweisen, die den öffentlichen und privaten "Diskurs" (Habermas) gewaltsam wie freudig<br />

erregt immer wie<strong>der</strong> zu unterbrechen imstande sind. Auf das dem insbeson<strong>der</strong>e öffentlichen<br />

vernünftigen Diskurs bisher radikal Entzogene, auf die sozial noch hochwirksamsten, eigen-<br />

tümlichsten "Transzendenzen" (Luckmann) des sozialen und individuellen Verhaltens sollte<br />

von einer möglichen "Heiligen Soziologie" (Bataille) auch heute immer wie<strong>der</strong> hingewiesen<br />

werden, die den Menschen latent erschüttern, die konstant und nachhaltig ihn erfreuen, die<br />

magisch ihn attrahieren o<strong>der</strong> erschreckt in die Flucht ihn schlagen.<br />

Mit einer reduktionistischen Philosophie <strong>der</strong> "Notwendigkeit", in <strong>der</strong> gleichsam <strong>der</strong> zuständige<br />

Wissenschaftler die notwendige Notwendigkeit vorgibt o<strong>der</strong> gar "objektivistisch" definiert, ist<br />

die theoretische und praktische Mo<strong>der</strong>ne in jedem Falle nicht mehr zu gewinnen. In <strong>der</strong> "tradi-<br />

tionellen Souveränität", in <strong>der</strong> wir heute uns noch weitgehend befinden, in <strong>der</strong> jedoch die<br />

"willkürliche" Richtung des öffentlichen und privaten Diskurses fast unvorhersehbar geworden<br />

ist, kann schließlich (fast) je<strong>der</strong> noch aufstehen und die authentische "Souveränität" dominant<br />

für sich reklamieren.<br />

Allein die noch immer undurchschaubare "Magie" ihrer unvorhersehbaren sozialen Vermittlung<br />

wird letztlich darüber entscheiden, ob die individuelle Authentizität des engagierten Wissen-<br />

schaftlers, des engagierten Managers o<strong>der</strong> des engagierten Faschisten sich durchsetzt o<strong>der</strong><br />

nicht. Mit Vernunft und nüchterner Betrachtung ist diese soziale Vermittlung jedoch nur selten<br />

korreliert.<br />

Die souveräne menschliche "Verausgabung", <strong>der</strong> spielerische und luxuriöse Charakter des<br />

menschlichen Verhaltens (insbeson<strong>der</strong>e im Kapitalismus), das immer schon Vieles mehr um-<br />

faßte als die abstrakt konstruierte "Notwendigkeit" eines bloßen und nackten Tausches von<br />

Gegenständen o<strong>der</strong> Symbolen, sollte endlich die saturierten und beschränkten Gemüter <strong>der</strong><br />

Bürger noch erreichen, die selbst sich im (verbalen) Zwang gefallen, den sie "An<strong>der</strong>en" aufer-<br />

legen. Aus einer selbst noch luxuriösen wirtschaftlichen und intellektuellen Position schreiben<br />

88


sie zugleich vor, was die überaus notwendigen Standards für an<strong>der</strong>e Menschen sind, was das<br />

überaus "Vernünftige" für die restliche "Welt" noch scheint. Ihren eigenen persönlichen Ge-<br />

winn sind sie selten zu "opfern" bereit, da die unbedingte Notwendigkeit zu persönlicher Ak-<br />

kumulation sie von <strong>der</strong> kollektiven Verausgabung, die sich selbst nicht reflektiert, rational-<br />

istisch fernhält.<br />

Ist <strong>der</strong> funktionale ökonomische Zirkel einmal definitorisch gezogen, werden die unproduktive<br />

Verausgabung, die fraglos sich vollziehende Verschwendung, selbst das Opfer für das Kollek-<br />

tiv als dysfunktionale und sinnlose Operationen "vernünftig" noch begriffen.<br />

Daß diese sozialen Formen des Opfers jedoch, die "supererogatorischen Leistungen" (Luh-<br />

mann), die schönen und nutzlosen Geschenke, die schönen und nutzlosen Kunstwerke, <strong>der</strong><br />

unbezahlte persönliche Einsatz, die totale persönliche Verausgabung im Sport und während des<br />

Spiels, in <strong>der</strong> Erotik und auf dem Schlachtfeld seit jeher weit mehr geschätzt und "sozial"<br />

verpflichtend begriffen wurden als die "vernünftigen" und sachlichen Formen <strong>der</strong> mathema-<br />

tisch-funktionalen Verteilung, <strong>der</strong> optimalen Güter- und Wissensproduktion, sollten die<br />

"vernünftigen" Bürger schließlich internalisieren, die noch immer ihre heilige und überaus ab-<br />

strakte "Vernunft" totalitär und wissenschaftlich als "Heilmittel" propagieren.<br />

Denn vernünftiger scheint es vielmehr, von einer klassifizierenden und definierenden Vernunft<br />

noch weitgehend zu abstrahieren und sich <strong>der</strong> allgemein-kollektiven Verausgabung, dem nach<br />

Außen (auch zum Ausland) sich öffnenden Luxus fraglos o<strong>der</strong> bedingungslos auch theoretisch<br />

zu überantworten. Der Luxus ist dabei zumindest in keiner Weise abstrakter als <strong>der</strong> heute<br />

vorherrschende "Mangel", <strong>der</strong> die traditionellen Probleme (Verteilung von "knappen" Ressour-<br />

cen) erst grundlegend konstituiert. Das Problem ist vielmehr den Luxus als Problem noch zu<br />

erkennen, da <strong>der</strong> selbst noch beschränkte Bürger seinen Luxus nicht reflektiert.<br />

Das neugierige und interessierte Kind <strong>der</strong> fortgeschrittenen materialistischen Mo<strong>der</strong>ne wird die<br />

weitgehend bürgerliche Vernunft seiner selbst mo<strong>der</strong>nen Eltern zunächst noch imitieren. Sehr<br />

rasch jedoch wird es feststellen, daß die Vernünftigkeit seiner Eltern mit seiner eigenen mod-<br />

ernen Erfahrung nicht mehr viel zu tun hat.<br />

89


Sombart und Bataille<br />

Das verbindende und einigende Moment von Sombarts Theorie des kapitalistischen "Luxus"<br />

und <strong>Batailles</strong> "Allgemeiner Ökonomie" liegt zugleich in <strong>der</strong> Thematisierung und mo<strong>der</strong>nen<br />

Aktualisierung von "verfemten" und verdrängten (heiligen) sozialen Bereichen begründet, die<br />

dem bürgerlich-intellektuellen Zugriff, die <strong>der</strong> abstrakten und körperfeindlichen Wissen-<br />

schaftstheorie sich lange Zeit konsequent entzogen hatten.<br />

Der bürgerliche Idealismus, <strong>der</strong> die mo<strong>der</strong>nistischen westlichen Demokratien selbst noch re-<br />

ligiös motiviert hatte, schoß zugleich über sein unbeabsichtigtes Ziel hinaus, als er umfassend<br />

und konstruktiv begann, die beobachtbare und klassifizierbare, ja die weitgehend "gestaltbare"<br />

Welt <strong>der</strong> unbewegten und toten Dinge auf die soziale und körperliche Welt <strong>der</strong> lebendigen und<br />

dynamischen Menschen, auf das komplexe menschliche "Bewußtsein" (das eine mögliche Dif-<br />

ferenzierung vom Unbewußten noch reduktionistisch unterstellt) analogisch zu übertragen.<br />

Noch Emile Durkheims bemühter Versuch, den mo<strong>der</strong>nen "Laizismus" als soziologischen Ab-<br />

leger des philosophischen Idealismus kollektivistisch zu verankern, <strong>der</strong> durch allgemeingültige,<br />

vernünftige Prämissen noch die subversivste Jugend "wissenschaftlich" und pädagogisch vom<br />

bestmöglichen Sozialverhalten überzeugen sollte (vgl.: Durkheim 1973, S.171 ff.), zeugt von<br />

einem enormen religiösen Glauben an die Fortschrittlichkeit und Relevanz <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen logis-<br />

chen Wissenschaft, die selbst zur sinnstiftenden Religion von vielen zeitgenössischen Wisen-<br />

schaftlern (und von noch viel mehr "Nicht"-Wissenschaftlern) bis heute avanciert ist.<br />

Die diesem idealistischen und wissenschaftlich (zweiwertig) codierten Bewußtsein jedoch im-<br />

mer schon entzogenen "unreinen" und "heiligen" sozialen Bereiche, die Welt <strong>der</strong> Sexualität,<br />

<strong>der</strong> unergründlichen und erfindungsreichen Erotik, des unnützen aber befreienden Humors, des<br />

sportlichen und geselligen Spiels, des lebendigen und grausamen Todes, <strong>der</strong> unfaßbaren rohen<br />

Gewalt, des Lachens und des Weinens, des Rausches und <strong>der</strong> engagierten Körperlichkeit, die<br />

heute allesamt von einer unglaublichen industriellen Maschinerie unreflektiert noch bedient und<br />

konstant immer wie<strong>der</strong> befriedigt werden, waren und sind bis heute als interessante "Themen"<br />

90


(als Themen des "lebendigen Luxus") dem mo<strong>der</strong>nistischen und idealistischen Wissen-<br />

schaftssystem selbst rational noch entzogen.<br />

Auf diese verdrängten "Themen" o<strong>der</strong> ihre soziale "Relevanz" insbeson<strong>der</strong>e hingewiesen zu<br />

haben, kann als beson<strong>der</strong>er "Verdienst" Werner Sombart o<strong>der</strong> <strong>Georges</strong> Bataille zugerechnet<br />

werden. Als "Verdienst" im nicht ökonomischen Sinne, da die Bemühungen bei<strong>der</strong> "Wissen-<br />

schaftler" immer schon weit über das hinauszugehen versuchten, was in irgendeiner sym-<br />

bolischen Form rationalisierbar und systematisierbar erschien. Während Sombart "Eros", "Je-<br />

hova" o<strong>der</strong> den omnipräsenten "Krieg" als teils anthropologische Konstanten, teils historische<br />

"Individuen" in seine Mo<strong>der</strong>nisierungs- und Kapitalismusthesen zu integrieren versuchte,<br />

waren für Bataille die unbewußten historischen Formen seiner menschlichen "Souveränität" als<br />

weitgehend vitalistisches und "grundlegendes" Prinzip des allgemeinen menschlichen Verhal-<br />

tens von ebenso grundlegendem Interesse.<br />

Die zunächst weitgehend mögliche, konstruierbare "Reinheit" hingegen <strong>der</strong> klassischen<br />

Mathematik, <strong>der</strong> klassischen Physik o<strong>der</strong> <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>neren Chemie, ja des gesamten technischen<br />

Apparates (sowie die Übernahme ihrer Begriffe und Paradigmen in die Sozialwissenschaften)<br />

abstrahierte schon immer zugleich von dem unaufhörlichen und unübersehbaren "Unrat", dem<br />

rasch verdrängten "Abfall", von ausgrenzbaren und unfaßbaren Verhaltensweisen (dem Luxus),<br />

die bei menschlicher Produktion, bei zwischenmenschlichem Verhalten immer schon angefallen<br />

waren. Das mo<strong>der</strong>ne rationalistische Produktionssystem (beson<strong>der</strong>s: die "Theorie") abstrahierte<br />

zudem überhaupt von allen möglichen erkundbaren "Zwecken", <strong>der</strong>entwegen es einmal selbst<br />

ins Leben gerufen worden war, son<strong>der</strong>n beschränkte sich weitgehend darauf, die totalitäre Pro-<br />

duktion von Gütern wie von Texten selbst immer weiter zu treiben und liberalistisch wie<br />

marxistisch immanent zu verherrlichen.<br />

Die Steigerung <strong>der</strong> materiellen Produktion als "notwendiges" kapitalistisches (und marx-<br />

istisches) Mittel zur beschleunigten Akkumulation des Mehrwerts (o<strong>der</strong> des individuellen Pres-<br />

tiges) gleicht jedoch immer schon weitgehend ei ner sinnlosen und blinden Rechenoperation,<br />

91


ei <strong>der</strong> <strong>der</strong> rechnende Mensch, <strong>der</strong> akkumulierende und arbeitende Bürger, zum Sklaven <strong>der</strong><br />

Mathematik, <strong>der</strong> einmal erlernten (technischen) Funktion sich selbst noch degradiert hat.<br />

Auf <strong>der</strong> Seite des von Sombart wie von Bataille untersuchten kapitalistischen "Abfalls" jedoch,<br />

<strong>der</strong> bei <strong>der</strong> kapitalistischen Produktion immer wie<strong>der</strong> "abfallenden" Produkte findet gleichzeitig<br />

neben diesem akkumulierenden und arbeitenden Bürger ein "spielen<strong>der</strong>" und "souveräner"<br />

mo<strong>der</strong>ner Konsument sich wie<strong>der</strong>, <strong>der</strong> die überaus mühevolle Akkumulation, die ins Maßlose<br />

gesteigerte Produktion in vergleichsweise kurzer Zeit fast fraglos wie<strong>der</strong> verausgaben kann.<br />

Der Sombartschen "Sinnenfreude", <strong>der</strong> <strong>Batailles</strong>chen "Souveränität" eröffnen das kapital-<br />

istische Wirtschaften und die Vielfalt <strong>der</strong> luxuriösen Produkte einen beinahe unendlichen<br />

kreativen und spielerischen Erfahrungsraum, <strong>der</strong> jedoch niemals während <strong>der</strong> "Arbeit" ange-<br />

messen und hinreichend begriffen werden kann.<br />

Der vielmehr freizeitorientierte "Luxus", die mo<strong>der</strong>nistisch-materialistische "Erotik", die allge-<br />

meingültige und attraktive "Sinnenfreude", die Sombarts wie auch <strong>Batailles</strong> interessierende<br />

"Themen" sind, werden von den aristokratischen und führenden Kräften <strong>der</strong> frühen Neuzeit<br />

und Mo<strong>der</strong>ne weitgehend und radikal entwickelt, um sich bei zunehmen<strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>nisierung,<br />

bei zunehmen<strong>der</strong> "Subversion" <strong>der</strong> "traditionellen Souveränität" auf subordinierte Bevölk-<br />

erungsschichten, ja auf den gesamten Rest <strong>der</strong> Welt "demokratisch" o<strong>der</strong> gar "sozialistisch"<br />

noch entsprechend auszuweiten.<br />

Zunehmend wird heute die "Nutzlosigkeit" des grenzenlosen und spielerischen Luxus, <strong>der</strong><br />

freizeitorientierten "Sinnenfreude" als einst (beson<strong>der</strong>s im bürgerlichen Ökonomismus) "ver-<br />

femtes" und verdrängtes individuelles und soziales Verhalten in den mo<strong>der</strong>nen kapitalistischen<br />

Alltag noch bewußt wie<strong>der</strong> reintegriert, da allein <strong>der</strong> ungeheure Überfluß, die grenzenlose Gier<br />

des Maussschen und <strong>Batailles</strong>chen "Potlatsch" o<strong>der</strong> die anthropologische "Neugier" die<br />

Steigerung <strong>der</strong> Produktion noch hinreichend gewährleisten können.<br />

Noch immer fehlt jedoch eine "nicht affirmative Bejahung" (Foucault) dieses ehedem<br />

nutzlosen Verhaltens im theoretischen Diskurs <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne, <strong>der</strong> im Gegenteil immer wie<strong>der</strong><br />

rational wie reduktionistisch auf <strong>der</strong> mühsamen und sinnlosen Suche ist nach <strong>der</strong> möglichst<br />

92


vollkommenen Form eines "Sozialen Sinns", <strong>der</strong> die komplexe zeitgenössische Welt hinrei-<br />

chend und angemessen beschreiben könnte. Wer von diesem "Sozialen Sinn" jedoch wie<strong>der</strong>um<br />

abstrahieren, wer von seiner (insbeson<strong>der</strong>e für "Soziologen") geradezu zwanghaften und been-<br />

genden Vorstellung sich einmal grundsätzlich lösen kann, entdeckt beson<strong>der</strong>s bei <strong>Georges</strong><br />

Bataille das luxuriöse und subversive Denken einer grenzenlosen und fraglosen "Ver<br />

ausgabung", einer "Allgemeinen Ökonomie", die mit klassischen (reduktionistischen) Sinn-<br />

und Zwecksetzungen, mit systemischen Analysen nicht mehr kompatibel ist.<br />

Die Abstraktion von "Sprache" und kommunikativem "Code" in den souveränen und "gren-<br />

züberschreitenden" sozialen Formen bei Bataille eröffnet zugleich einen Blick auf den lebendi-<br />

gen menschlichen Organismus, <strong>der</strong> im Spiel und in <strong>der</strong> Erotik, in Luxus und Verschwendung<br />

sich sprachlos (wie auch in Sprache) noch weitgehend zu verausgaben und von <strong>der</strong> Welt <strong>der</strong><br />

("homogenen") Arbeit als Welt <strong>der</strong> statischen Notwendigkeit sich immer wie<strong>der</strong> "heterogen"<br />

zu entlasten versucht. Fortan wird <strong>der</strong> Luxus, die Gefahr und drängende "Kraft" dieser veraus-<br />

gabenden und verschwen<strong>der</strong>ischen Bewegung zum noch unerkannten "Problem" <strong>der</strong> fort-<br />

geschrittenen Mo<strong>der</strong>ne, da je<strong>der</strong> mo<strong>der</strong>ne Mensch an dieser "heterogenen" Bewegung grund-<br />

sätzlich teilhaben möchte, und da kaum ein an sie "angeschlossenes" Subjekt weitgehend auf<br />

sie verzichten mag.<br />

Nicht erst seit Karl Marx stellt dabei sich das Problem einer "ungerechten" Verteilung <strong>der</strong> im-<br />

mer luxuriöseren Überschüsse (an "Arbeit" wie an "Konsum"), die als einstmals "klassisches"<br />

Konstruktionsprinzip (<strong>der</strong> "traditionellen Souveränität") auch in den "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalis-<br />

mus" noch grundlegend eingebaut zu sein scheint. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sind<br />

diese wirtschaftenden und erwirtschafteten Überschüsse unserer fortgeschrittenen kapital-<br />

istischen Mo<strong>der</strong>ne immer mehr und mehr ungeheuerlich, während in subordinierten gesell-<br />

schaftlichen Milieus <strong>der</strong> "von Oben" verordnete Mangel, die "systemnotwendige" Reduktion<br />

(auch: <strong>der</strong> Gehälter) immer wie<strong>der</strong> oberstes Gebot ist.<br />

Dieser konstitutive "Mangel" jedoch des kapitalistischen und traditionellen Wirtschaftens<br />

wird als solcher nur wirklich grundlegend reflektiert und "sozial" noch problematisiert, wenn<br />

an an<strong>der</strong>er souveräner Stelle <strong>der</strong> Luxus exzessiv sich verausgabt und die subordinierten und<br />

93


"hungernden" Schichten zugleich in unbewußter o<strong>der</strong> bewußter Revolte die grenzenlose und<br />

willkürliche Souveränität dieses mo<strong>der</strong>nistischen und nutzlosen Luxus for<strong>der</strong>nd auch für sich<br />

beanspruchen.<br />

Der bürgerliche Rationalismus <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen westlichen Gesellschaften (im Unterschied zur<br />

feudalistischen Souveränität) versucht aber immer wie<strong>der</strong> in theoretischer und pragmatischer<br />

Form sein Möglichstes und überaus Raffiniertestes, den durchaus vorhandenen Luxus, die Fülle<br />

und den Überschuß weitgehend wegzuabstrahieren, da subversive und proletarische Be-<br />

gehrlichkeiten <strong>der</strong> unteren o<strong>der</strong> rebellierenden Schichten schon seit jeher eine immanente<br />

Bedrohung für jeden öffentlich zur Schau gestellten, repräsentativen Luxus darstellten. Im Ge-<br />

genteil kolportiert die systemische und beschränkte Theorie des bürgerlichen Ökonomismus die<br />

Omnipräsenz und Relevanz eines materiellen Mangels, <strong>der</strong> zusammen mit <strong>der</strong> Arbeit immer<br />

schon als weitgehend notwendige systeminterne Anfor<strong>der</strong>ung (Knappheit von Ressourcen) <strong>der</strong><br />

kapitalistischen Produktionssysteme beschrieben und reproduziert wird.<br />

Wird jedoch <strong>der</strong> "vereinzelte" (Bataille) Gesichtspunkt des jeweilig "definierten" Mangels als<br />

Folge <strong>der</strong> klassischen Theorie zugunsten des "allgemeinen" Gesichtspunkts eines lebendigen<br />

Überflusses (des Luxus) theoretisch und praktisch zurückgestellt, wird die fraglose und reine<br />

Verausgabung (auch zugunsten des Kollektivs) einmal selbst grundlegend durchdacht wie<br />

zudem pragmatisch befragt, eröffnet <strong>der</strong> allgemeine Luxus (insbeson<strong>der</strong>e <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen In-<br />

dustriegesellschaften) vielleicht einen neuen Weg hin zur "sozialen" Marktwirtschaft. Diese<br />

müßte den "reinen Tauschwert" begreifen als unzulässige und technizistische Abstraktion, als<br />

problematische Operation, die den systembedingten und konfliktlastigen Mangel immer wie<strong>der</strong><br />

reproduziert.<br />

Das religiöse und fraglose "Opfer" hingegen, die unökonomische und lebendige "Verausga-<br />

bung", die freundliche und soziale Geste <strong>der</strong> Gabe, die nicht sofort erwi<strong>der</strong>t werden will,<br />

könnten innerhalb einer Theorie <strong>der</strong> allgemein "sozialen" Ökonomie, einer "Allgemeinen Öko-<br />

nomie", die von Bataille zumindest andeutungsweise entworfen wurde, einen neuen und ge-<br />

wichtigen, einen anthropologisch begründbaren und plausiblen Stellenwert einnehmen.<br />

94


Eine allgemeine Subversion des Begehrens o<strong>der</strong> des menschlichen "Willens" motiviert<br />

zusätzlich nicht erst seit Freud die mo<strong>der</strong>ne "kapitalistische" Entwicklung, die Sombart "ver-<br />

stehend" untersuchen und Bataille mit anthropologischen Begriffen selbst "souverän" belegen<br />

wollte. Sombart bot als eine Art "Zweck" des mo<strong>der</strong>nen luxurierenden Kapitalismus seine all-<br />

gemeine Steigerung <strong>der</strong> "Sinnenfreude" an, die letztlich sich selbst nicht genügt, son<strong>der</strong>n in<br />

Auseinan<strong>der</strong>setzung mit <strong>der</strong> "Gesellschaft", in "Erotik" und in "Geselligkeit" sich erst richtig<br />

(r)evolutionär entfalten kann. Soziale "Repräsentation" und fraglose "Imitation" von sou-<br />

veränen Subjekten, von einzelnen größenwahnsinnigen Herrschern, von feudalen und luxu-<br />

riösen "Lebensstilen" waren für Sombart dabei die treibenden "Motoren", die die wirtschaftli-<br />

che und ideelle Entwicklung des mo<strong>der</strong>nen und expansiven Europas erst richtig und umfassend<br />

in Schwung brachten.<br />

Sombarts Betonung des "Luxus" aber, dessen Verknüpfung mit <strong>der</strong> "Erotik", einem universel-<br />

len "Vergnügen", die zu nichts an<strong>der</strong>em mehr "nütze" sind, als das spielerische Subjekt, den<br />

souveränen Adel o<strong>der</strong> das gehobene (bald einfache) Bürgertum entsprechend körperlich-<br />

psychisch zu animieren, verweisen auf ein Verhalten, das im Unbewußten sich weitgehend<br />

vollzieht, das unbewußt vielleicht versucht ist, eine mo<strong>der</strong>ne "Stellung" in <strong>der</strong> Gesellschaft,<br />

eine "Positionierung" in <strong>der</strong> Gruppe wie den "Bezug" zum eigenen Körper in möglichst luxu-<br />

riöser Form konkret zu "materialisieren".<br />

Was dabei vom mo<strong>der</strong>nen Konsumenten immer wie<strong>der</strong> kreativ selektiert o<strong>der</strong> vom überaus<br />

kreativen und mo<strong>der</strong>nistisch-dynamischen Hersteller ständig neu produziert wird, geht in <strong>der</strong><br />

Form von akumulierbarem (und heiligem) "Eigentum" in den individuellen und familiären Kör-<br />

per noch gleichsam "magisch" über und verknüpft über seinen "Besitz" das souveräne und kör-<br />

perliche Selbst mit <strong>der</strong> möglichen sinnlichen (religiösen) Erfahrung, die gerade <strong>der</strong> materielle<br />

"Gegenstand" ihm immer wie<strong>der</strong> anbietet.<br />

Für Sombart wie für Bataille ist <strong>der</strong> universelle menschliche Körper, dessen Ansprüche immer<br />

wie<strong>der</strong> sich steigern, <strong>der</strong> "gesellschaftlich" sich orientiert, <strong>der</strong> den physisch ihm nahen Nach-<br />

barn (im mo<strong>der</strong>nistischen Potlatsch) mit allen verfügbaren Mitteln konstant zu "übertreffen"<br />

versucht, damit Teil ei ner Theorie des "Mo<strong>der</strong>nen Kapitalismus" wie <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen "bürgerli-<br />

95


chen Gesellschaft"; <strong>der</strong> Körper und ein mit ihm untrennbar verbundener Lebensstil (Bourdieus<br />

inkorporierter "Habitus"), <strong>der</strong> abhängt von den jeweiligen Möglichkeiten des jeweils etablier-<br />

ten Produktionssystems.<br />

Der "Zweck" aber dieses Systems, das die mo<strong>der</strong>ne Produktion des heutigen "Kapitalismus"<br />

ins nahezu Unvorstellbare treibt, liegt dabei schon immer weit außerhalb <strong>der</strong> vom Menschen<br />

kreierten "Modelle" und metaphorischen "Theorien", die allesamt nur zu bändigen und abstrakt<br />

zu "benennen" versuchen, was die grenzenlose "Souveränität" des gierigen mo<strong>der</strong>nen Men-<br />

schen immer wie<strong>der</strong> von ihm einfor<strong>der</strong>t. Die "Verschwendung" nach <strong>Georges</strong> Bataille ist heute<br />

vielmehr ein Maßstab, an dem auch <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>ne gesellschaftliche Mensch sich immer wie<strong>der</strong><br />

"messen" sollte, die persönliche und kollektive "Verausgabung", die zu nichts mehr weiter<br />

"nütze" ist, als das neugierige und gierige Selbst mit <strong>der</strong> "Heiligkeit" <strong>der</strong> lebendigen Kräfte, mit<br />

dem allgemeinen "Lebenszusammenhang" untrennbar zu verknüpfen.<br />

"Jedesmal, wenn <strong>der</strong> Sinn einer Diskussion von dem grundlegenden Wert<br />

des Begriffs nützlich abhängt, das heißt jedesmal, wenn wichtige Probleme<br />

<strong>der</strong> menschlichen Gesellschaft behandelt werden, kann man sagen, daß<br />

eine solche Diskussion grundsätzlich verfehlt ist und die entscheidende<br />

Frage umgangen wird, ganz gleich, wer sich dazu zu Wort meldet und<br />

welche Meinungen dabei vertreten werden. Angesichts <strong>der</strong> mehr o<strong>der</strong> weni-<br />

ger divergierenden Auffassungen darüber ist es nämlich unmöglich, exakt<br />

zu definieren, was für den Menschen nützlich ist. Diese Verlegenheit äußert<br />

sich darin, daß man ständig in unzulässiger Weise auf Grundsätze zurück-<br />

greifen muß, die jenseits von Nutzen und Lust liegen: bei pekuniären Inter-<br />

essenkombinationen werden heuchlerisch Ehre und Pflicht angerufen, und,<br />

ganz zu schweigen von Gott, muß <strong>der</strong> Geist dazu herhalten, die intellek-<br />

tuelle Verwirrung <strong>der</strong>jenigen zu kaschieren, die sich weigern, ein<br />

geschlossenes System anzunehmen."<br />

(Bataille 1985, S. 9)<br />

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