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Projet_Notre Vision DE 10/01/06 11:31 Page 135

EUROPAS ERFOLGE BASIEREN AUF DEM MUT, ÜBER DIE GRENZEN VON HEUTE HINAUS ZU SEHEN

Am Abend des 13. Januars war Emanuelis Zingeris zu Hause bei mir und

meiner Familie zum Abendessen eingeladen. Jemanden, dessen Land okkupiert

worden war, konnte man nicht allein lassen. An diesem Abend hatte Emanuelis

Zingeris telefonischen Kontakt mit verschiedenen westeuropäischen Botschaften

in Stockholm, um diese über die Vorgänge in seinem Land zu informieren und

im Namen der litauischen Regierung um Unterstützung zu ersuchen. Außerdem

standen wir in ständigem Kontakt mit Personen im litauischen Parlament. Gegen

23 Uhr sprach Emanuelis Zingeris mit Vytautas Landsbergis und brach plötzlich

in Tränen aus. Landsbergis hatte ihm berichtet, dass die Motoren der Panzer vor

dem Parlamentsgebäude angelassen worden waren.

Damit nähert sich die mögliche Erstürmung des Gebäudes. Sie würde eine brutale

Abrechnung mit alle jenen werden, die sich davor verbarrikadiert und mit

jenen, die drinnen Verteidigungsstellung bezogen hatten. Am selben Abend noch

ermorden die Truppen des sowjetischen Innenministeriums 13 junge Litauer, die

sich ihnen in den Weg gestellt hatten, als sie sich auf den Fernsehturm zu bewegten.

Es gibt keinen Zweifel, dies ist blutiger Ernst. Das weiß Vytautas Landsbergis,

das wissen auch alle, die sich im Parlamentsgebäude befinden, und das wissen

auch wir am anderen Ende der Telefonleitung in Stockholm ebenso wie alle diejenigen,

die ihre Leben vor dem Gebäude aufs Spiel setzen.

Zehn Minuten später wird auch im privaten schwedischen Fernsehen über

die Ereignisse berichtet. Der Reporter stellt fest, dass die Motoren der Panzer

angelassen worden sind. Aber irgendwie entstehen wohl Zweifel wegen des

Drucks der internationalen Öffentlichkeit und der Medien, die diese Vorbereitungen

für das Töten unschuldiger Menschen intensiv beobachten. Eine halbe Stunde später

werden die Motoren wieder abgestellt, um später noch einige Male wieder anund

abgestellt zu werden.

In Lettland und Riga geschieht am Tag darauf das Gleiche. Die sowjetischen

Truppen ziehen in die Stadt ein und belagern Fernsehstationen, das

Innenministerium und das Parlament. Die Bürger verbarrikadieren sich vor dem

Parlament und harren einige eiskalte Nächte lang aus. In Riga wird der Dom in

ein Feldlazarett mit freiwilligen Ärzten und anderem Krankenhauspersonal verwandelt.

Mit einigen Tagen Verzögerung wiederholt sich dann alles in Estland und

Tallinn. Hier stellen die Bewacher des Parlaments unterhalb des Domberges ein

Verkehrsschild mit einem durchgestrichenen Panzer auf – Panzer verboten! –

und bereiten sich darauf vor, die Einwohner zusammenzurufen, falls die sowjetischen

Truppen in Tallinn einmarschieren sollten. Gleichzeitig rollen sie große

Steine auf die Straße, um die Panzer daran zu hindern, den Weg zum Parlament

hinauf zu fahren. Leute wie Tunne Kelam, jetzt ebenfalls Abgeordneter des

Europäischen Parlaments, und Mart Laar, der später erster Ministerpräsident des

freien Estlands und einer der ersten Europaabgeordneten Estlands wird, sind vor

Ort, um für Demokratie und Selbstständigkeit zu kämpfen.

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