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Projet_Notre Vision DE 10/01/06 11:31 Page 172

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HENRYK MUSZYNSKI

Es erhebt sich also die Frage, ob es in einer Zeit, da wir nach dem umfassend

verstandenen Wohl des Menschen suchen – in der Überzeugung, dass, was von

Gott kommt, nicht im Widerspruch stehen kann zu dem, was wahrhaft menschlich

ist –, nicht möglich ist, diese beiden Standpunkte einander anzunähern.

Die Gegner der Religion verweisen sehr häufig auf die religiösen Kriege in

Europa, einschließlich jener, die innerhalb des Christentums selbst geführt wurden.

Dem ist selbstverständlich kaum zu widersprechen. Wir dürfen jedoch nicht

vergessen, dass uns, wenn es uns nicht gelingt, die Standpunkte derer einander

anzunähern, die unter verschiedenen, oft sogar entgegengesetzten Voraussetzungen

für die Würde des Menschen kämpfen, nicht so sehr ein möglicher Krieg zwischen

den Religionen bevorstehen könnte als vielmehr ein Krieg um das tiefste Wesen

des Menschen.

Gibt es etwas, was diese beiden Konzeptionen, die des Menschen, den Gott

„nach seinem Bild“ schuf, und des Menschen, „der das Maß aller Dinge ist“, verbindet,

fragt Prof. Bronisław Geremek – und er antwortet: „Die erste Aussage

bedeutet, an Gott und mit Gott zu denken, die zweite – ohne Gott, aber nicht

gegen Gott zu denken. Die eine wie die andere findet ihren Ausdruck in dem

Grundsatz von der Würde des Menschen 8 .“

Eine Annährung der beiden gegensätzlichen Standpunkte auf der personalistischen

Ebene ist aber nur dann möglich, wenn der Mensch anerkennt, dass das

menschliche Leben der höchste, unveräußerliche Wert ist, der aus dem Menschsein

selbst resultiert. Zweitens gilt es auch zu akzeptieren, dass die menschliche Freiheit

nicht unbegrenzt ist, sondern dort endet, wo das Recht des anderen beginnt.

Die jahrhundertelangen Erfahrungen der Generationen, aber auch die jüngste

Zeit lehren uns, dass der Mensch, wenn er die Gebote der ersten Tafel des

Dekalogs, die sein Verhältnis zu Gott bestimmen, ablehnt, sich Götzen in Gestalt

von „Rassen“ oder „Klassen“ schafft, denen zu dienen er bereit ist. Der in der

Präambel proklamierten moralischen „Verantwortung gegenüber den künftigen

Generationen und der Erde“ muss die Verantwortung aller Menschen gegenüber

dem eigenen Gewissen vorausgehen. Wichtigster Bezugspunkt für die Gläubigen

muss hier jedoch Gott sein.

All jene, denen die „menschliche Hoffnung“ genügt, sollten sich – gestützt

auf das dauerhafte moralische Fundament, dessen Gesetze im unverfälschten

Gewissen eines jeden Menschen eingeschrieben sind – in ihrem Handeln in erster

Linie vom umfassend verstandenen Wohl des Menschen leiten lassen. Diese

Gesetze sind weitgehend auf der zweiten Tafel der Zehn Gebote enthalten, die

universelle Werte umfasst, die in vielen verschiedenen Religionen anerkannt

sind. In der allgemeinen Überzeugung

– ist das menschliche Leben das höchste Gut, das Töten – das Böse;

– baut die Wahrheit auf, während die Lüge zerstört;

– bildet die Achtung des Eigentums die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung,

während der Diebstahl diese Ordnung zerstört und verurteilt werden muss;

– ist die Ehe von Mann und Frau der sicherste Garant für den Fortbestand und

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