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Projet_Notre Vision DE 10/01/06 11:31 Page 182

ANA PALACIO

gemeinsamen Feind, den Kommunismus, der allgemein als Bedrohung für

unsere Existenz galt.

Beim zweiten Bild sind die intellektuellen Gewissheiten und konzeptionellen

Ankerplätze, die uns ein Gefühl der Überlegenheit und relativen Kontrolle erlaubten,

verschwunden. Wenn wir dieses Bild ansehen, überwältigt uns ein Gefühl

der Desorientierung, der Verwundbarkeit und des Missklangs in unserem einst festen

Atlantikbündnis, vor allem weil die Vorstellung von der „Andersartigkeit“ verschwunden

ist. Jeder kann überall zum Opfer werden.

Heutzutage spielt es keine Rolle, ob man Sicherheit nach nationalen und

internationalen Gesichtspunkten unterscheidet, nationale Grenzen als Barrieren

und Verteidigungslinien ansieht. Die sich aus Sicherheit und Verteidigung auf

dem „Möbius-Streifen“ ergebende logische Konsequenz besagt, dass sich die bisherigen

typischen Funktionen und der Aufbau der Armeen wandeln, Informationen

eine zentrale Rolle zukommt – neben der Notwendigkeit, die Grundlagen der

Nachrichtenbeschaffung und – auswertung neu zu formulieren, – und

Zusammenarbeit unabdingbar wird. Manche vertreten die Ansicht, dass abgesehen

von dem verankerten Bild in der Vergangenheit, die NATO von heute ein gutes

Beispiel für eine militärische Truppe ist, die die Herausforderungen durch unsere

neue Realität verstanden hat. Dies zeigt sich am Beispiel des neuen militärischen

Konzepts der Verteidigung gegen den Terrorismus, der Schaffung einer

Einsatztruppe und der Entwicklung von Strukturen, um auf chemische, radiologische

und nukleare Angriffe reagieren zu können, sowie im Verzicht auf das

„Out of area“ - Konzept. Die NATO hat sich des Weiteren von ihren traditionell

militärischen Funktionen und Strukturen hin zu einem Bündnis aus

Funktionsbereichen und Strukturen für Ordnungspolitik, Interimsverwaltung und

Zivilschutz entwickelt.

Die Bedrohung durch den Kommunismus war zweifellos schrecklich, aber

zumindest wussten wir, wer unser Feind war. Wir wussten, was er dachte, wie

er agierte, was ihn motivierte. Die Bezugspunkte von damals gibt es heute nicht

mehr. Es gibt kein charakteristisches Erscheinungsbild des Terrorismus. Auch

kennen wir seine Ideologie nicht, seine Identität, seine Motive oder „Anlässe“, die

er als Rechtfertigung für seine verbrecherischen Angriffe verkündet, oder die

Psyche derjenigen, die sich dieser mannigfaltigen Bedrohung verschreiben.

Eine mannigfaltige Bedrohung. Die Übereinstimmung der gegensätzlichen

Seiten gibt es nicht mehr, wie auch die relative Gelassenheit durch die Vorstellung,

dass unsere NATO-Streitkräfte zwar ein Gegenüber hatten, aber effektiver waren

als die sowjetische Gegenseite. Die Terroristen, die uns heute bedrohen, haben

keine Heimat im Sinne eines Vaterlandes; ihre Loyalität kann nicht bis zu einem

Staat oder einer quasistaatlichen Einrichtung zurückverfolgt werden – trotz der

logistischen oder politischen Unterstützung durch gewisse Regimes und der

Symbiose mit Schurkenstaaten oder gescheiterten Nationen. Heute sind wir nicht

in der Lage, unseren Feind geografisch oder institutionell auszumachen. Alles, was

wir wissen, ist, dass uns eine dezentrale Organisation gegenübersteht, die an die

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