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Projet_Notre Vision DE 10/01/06 11:31 Page 191

GEMEINSAMES ERBE, GEMEINSAME AUFGABEN, GEMEINSAMER WILLE

In der Tschechischen Republik zum Beispiel verbrauchen schon heute gerade

die Menschen im Rentenalter ganze 80 % der Kosten für das Gesundheitswesen. Zum

einen ist die Behandlung der Krankheiten an sich teuer, vor allem aber wird auch

die Zeit länger, in der diese Betreuung den älteren Menschen gewährt wird. Das ist

das Ergebnis des Erfolgs und nicht des Versagens der modernen Medizin. Man

nennt es ein „medizinisches Paradoxon“. Obwohl die maximale Lebenserwartung

von der genetischen Anlage 100 bis 110 Jahre beträgt, hat die Verlängerung des

Lebensalters seine biologischen Grenzen. Ich bin überzeugt, dass dieser Trend seinen

Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Die Politiker in den Mitgliedstaaten sollten

die notwendigen Reformen zur Kostenkontrolle nicht hinausschieben, auch wenn

es unpopulär ist. Am dynamischsten entwickeln sich die Gesundheitstechnologien

und die pharmazeutische Industrie wie auch die Informationstechnologien und die

Rüstungsproduktion. Sowohl die Möglichkeiten der Medizin als auch die Ansprüche

der Bürger an Gesundheits- und Sozialleistungen in hoher Qualität steigen schneller

als die finanziellen Möglichkeiten der alternden, auf dem Solidarprinzip beruhenden

europäischen Gemeinschaft. Die Solidarität zwischen den Generationen

ist in den vormals kommunistischen Ländern stärker ausgeprägt als in den alten

Mitgliedstaaten, weshalb auch die finanzielle Diskrepanz offenkundiger ist und in

einigen Ländern zu einer Krise führt. Deshalb ist auch der Reformdruck in den

neuen Mitgliedstaaten größer. Das Sozialmodell muss im Hinblick auf die realen

Möglichkeiten seines Weiterbestands überarbeitet werden.

Ziel der Gesundheitsreformen dürfen nicht nur die Kostenkontrolle,

Zentralisierung der Spezialmedizin, Bereitstellung von genügend Rehabilitationseinrichtungen

und die Behandlung von Alterskrankheiten sein. Zu den grundlegenden

gemeinsamen Zielen der Union gehört eine objektive Qualitätskontrolle

der Gesundheitsfürsorge von außen. Die zunehmende Mobilität der Patienten zwischen

den Mitgliedstaaten zeigt auch die Notwendigkeit, das Vertrauen der Patienten

und Versicherungsgesellschaften in die Qualität und Sicherheit der Leistungen ungeachtet

der Grenzen zwischen den Staaten zu stärken. Positiv zu bewerten ist, dass

sich immer mehr Krankenhäuser schon heute einer freiwilligen nationalen bzw.

internationalen Akkreditierung unterziehen. Nach einer mehrmonatigen Inspektion

durch unabhängige Qualitätsinstitutionen werden Zertifikate über die Einhaltung der

nationalen bzw. internationalen Standards für die Qualitätssicherung der Fürsorge

ausgestellt. Im Interesse der europäischen Bürger sollte die EU die Implementierung

der internationalen Akkreditierungssysteme der Krankenhäuser und Ambulanzen fördern,

und zwar mindestens in gleichem Maße wie sie heute andere Aktivitäten

zum Verbraucherschutz fördert.

Die Solidarität gehört zu den wichtigen traditionellen christlichen Werten, und

darauf errichten wir heute unser gemeinsames Haus Europa. Ausufernde Solidarität

führt jedoch zu ihrem Missbrauch und zu gemeinsamer Armut. Dass es sich hierbei

nicht um eine Theorie, sondern eine Tatsache handelt, bezeugen die bekannten

Erfahrungen aus dem Gesundheitswesen in den neuen Mitgliedsländern. Der

Staat hat für die Gesundheit seiner Bürger mehr Verantwortung getragen als sie

selbst. Die Leistungen waren „gratis“ und der Patient hatte keinerlei Einfluss auf

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