Fisch - Die Hoffnung stirbt nie

fleigejo

Heute Abend habe ich mehr Luft. Ich komm gleich mal vorbei und bring was mit.“ erklärte Susanna. Sie hatte eine Flasche Wein und zwei Gläser mitgebracht. „Was studierst du? Nicht bei Frau Enkler, nicht war?“ erkundigte sie sich. „Nein, in die habe ich mich nur verliebt.“ stellte ich nüchtern fest. Susanna platzte los. „Na ja, sehr nett ist sie schon, aber du bist ja ein Mann, du fährst bestimmt mehr darauf ab, das sie einen Vamp Eindruck vermittelt, oder?“ erklärte Susanna unter Lachen. „Du scheinst offensichtlich nicht nur zu wissen, welchen Fisch ich gerne esse, sondern auch welche Frauen ich gern mag, aber solange Frau Enkler immer ihr Steak haben will, kann das mit uns nichts werden, glaube ich.“ lautete meine Ansicht. „Du suchst dir also Frauen nach Geschmacksrichtung aus. Dann müsste deine Freundin doch auch gerne Fisch essen. Du bringst sie aber nie mit, kommst immer alleine.“ bemerkte Susanna. „Ich habe zur Zeit gar keine Freundin. Wir haben uns getrennt, aber nicht wegen Fisch.“ klärte ich Susanna auf, „Deshalb bin ich ja auch so scharf auf Frau Enkler.“ „Oh je, da weiß man nie. Verheiratet ist sie zwar nicht, aber wirkt die nicht, als ob sie jeden Abend einen anderen verbrauchen könnte?“ erklärte Susanna und lachte. „Vielleicht, bezeichnet man das dann als erotisch?“ wollte ich wissen. „Schon möglich, wirke ich denn auch erotisch auf dich?“ erkundigte sich Susanna lachend. „Erotisch, ich weiß gar nicht was das genau ist, aber mit dir würde ich mich sowieso nicht einlassen, einer Studienabbrecherin, was soll das denn für eine Perspektive haben?“ erklärte ich. Warum ich das jetzt gesagt hatte, wusste ich selbst nicht, vielleicht weil es im Zusammenhang mit Susanna immer in meinem Kopf war, aber im Moment hätte ich die Worte am liebsten sofort wieder zurückgeholt. Augenblicklich machte Susanna ein Gesicht, als ob es das Sonnige, Lachende, Alberne dort nie gegeben hätte. Sie sagte nichts, starrte mich nur mit großen Augen an und ihr Mund zeigte eine ernste und strenge Mimik.

Elvi Mad

Fisch - Die Ho nung stirbt nie

Susanna, Grischa und die Alpha Wöl n

Erzählung

Tant qu'il y a de la vie, il y a de l'espoir.

Heute Abend habe ich mehr Luft. Ich komm gleich mal vorbei und bring was

mit.“ erklärte Susanna. Sie hatte eine Flasche Wein und zwei Gläser

mitgebracht. „Was studierst du? Nicht bei Frau Enkler, nicht war?“ erkundigte

sie sich. „Nein, in die habe ich mich nur verliebt.“ stellte ich nüchtern fest.

Susanna platzte los. „Na ja, sehr nett ist sie schon, aber du bist ja ein Mann,

du fährst bestimmt mehr darauf ab, das sie einen Vamp Eindruck vermittelt,

oder?“ erklärte Susanna unter Lachen. „Du scheinst offensichtlich nicht nur zu

wissen, welchen Fisch ich gerne esse, sondern auch welche Frauen ich gern

mag, aber solange Frau Enkler immer ihr Steak haben will, kann das mit uns

nichts werden, glaube ich.“ lautete meine Ansicht. „Du suchst dir also Frauen

nach Geschmacksrichtung aus. Dann müsste deine Freundin doch auch gerne

Fisch essen. Du bringst sie aber nie mit, kommst immer alleine.“ bemerkte

Susanna. „Ich habe zur Zeit gar keine Freundin. Wir haben uns getrennt, aber

nicht wegen Fisch.“ klärte ich Susanna auf, „Deshalb bin ich ja auch so scharf

auf Frau Enkler.“ „Oh je, da weiß man nie. Verheiratet ist sie zwar nicht, aber

wirkt die nicht, als ob sie jeden Abend einen anderen verbrauchen könnte?“

erklärte Susanna und lachte. „Vielleicht, bezeichnet man das dann als

erotisch?“ wollte ich wissen. „Schon möglich, wirke ich denn auch erotisch auf

dich?“ erkundigte sich Susanna lachend. „Erotisch, ich weiß gar nicht was das

genau ist, aber mit dir würde ich mich sowieso nicht einlassen, einer

Studienabbrecherin, was soll das denn für eine Perspektive haben?“ erklärte

ich. Warum ich das jetzt gesagt hatte, wusste ich selbst nicht, vielleicht weil es

im Zusammenhang mit Susanna immer in meinem Kopf war, aber im Moment

hätte ich die Worte am liebsten sofort wieder zurückgeholt. Augenblicklich

machte Susanna ein Gesicht, als ob es das Sonnige, Lachende, Alberne dort

nie gegeben hätte. Sie sagte nichts, starrte mich nur mit großen Augen an und

ihr Mund zeigte eine ernste und strenge Mimik.

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Fisch -Die Hoffnung stirbt nie - Inhalt

FischDie Hoffnung stirbt nie.............................................................. 3

Susanna................................................................................................ 3

Waschtag.............................................................................................. 3

Die Studienabbrecherin.........................................................................5

Die erotische Frau................................................................................. 7

Grillféte................................................................................................. 8

Revanchieren........................................................................................ 9

Einsamkeit.......................................................................................... 11

Urmund............................................................................................... 13

Grischa kann nicht lieben.................................................................... 14

Rose und Grischa................................................................................ 15

Verwirrte Oper.................................................................................... 16

Die Lust am Leben...............................................................................17

Der Engel in dir................................................................................... 19

Liebe ist Hoffnung............................................................................... 20

Kündigung...........................................................................................22

Erste Liebe versus Neuer Frühling.......................................................24

Kopulierende Seelen........................................................................... 25

Innere Stimme.................................................................................... 26

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FischDie Hoffnung stirbt nie

Susanna

„Nein, Susanna, ich kann das nicht und will das nicht.“, erklärte ich. Susanna

war die Bedienung im Restaurant. Aushilfsbedienung, aber in Wirklichkeit war

sie die Chefin. Das sagte niemand, aber die Menschen im Restaurant verhielten

sich so, als ob sie es wäre. Dominant wirkte Susanna in keiner weise. Sie verkörperte

eher das Gegenteil. Nein, mütterlich umsorgend war sie nicht, sie

wirkte sehr natürlich, freundlich, strahlte Offenheit aus und man erkannte,

dass man zu ihr Vertrauen haben könne. Sie verkörperte nicht das Andere, das

Fremde, das Restaurant. Die Gäste fühlten sich mit ihr im Bunde, Mittlerin war

sie zwischen ihnen und dem Restaurant. Keineswegs kamen die Gäste wegen

Susanna, sondern wegen der hervorragenden Gerichte, die der Koch zu zaubern

verstand. Ich war der einzige, der offensichtlich wegen Susanna kam.

Noch nie hatte ich so oft Fisch gebraucht. Jetzt hielt ich es manchmal keine

Woche ohne aus.

Waschtag

Bei nichts kennen sich die Leute aus. Ständig müssen sie sich erst kundig machen,

aber warum sich ihre Stimmungslage, ihr Hintergrundgefühl heute oder

gerade jetzt auf diesem Level befindet, das wissen sie immer genau. Weil sie

heute irgendwo bei Glück gehabt, an etwas Schönes oder Unangenehmes gedacht

haben oder Ähnliches. Vor allem aber ist für den einen die Höhe des

Luftdrucks verantwortlich, für die andere, dass er zu niedrig ist. Was sie wohl

alle erzählt haben, weshalb sie sich nach dem Joggen oder Fitness Training so

wohl fühlten? Es käme daher, dass sie stolz auf ihre Leistungen seien, haben

sie bestimmt erklärt, bis man herausfand, dass es allein an der Produktion bestimmter

Neurotransmitter im Gehirn lag. Die sind immer verantwortlich. Du

kannst es noch so toll finden, dass du bald Geburtstag feiern darfst, wenn die

sogenannten Glückshormone fehlen, bist du trotzdem depressiv. Als depressiv

empfand ich mich noch nie, aber meine Produktion von Dopamin, Serotonin

und den anderen Gesellen schien doch gewissen Tagesschwankungen zu unterliegen.

Auf Hochtouren lief sie keineswegs immer. Hochstimmung und sich als

high empfinden kannte ich zwar, entsprach aber keineswegs jeden Tag meiner

durchgängigen Gefühlslage. Ich glaube auch nicht, dass ich es mir gewünscht

hätte. An meiner Stimmung hatte ich noch nie etwas auszusetzen. Sie erschien

mir einfach normal, so normal, dass ich mir nie Gedanken darüber machte.

Heute war bei mir Waschtag. Alltag würden die meisten sagen, aber das Wort

mochte ich nicht, es war ein Unwort. Einen Tag, der wie alle Tage ist, gibt es

nicht, jeder Tag kann nur anders sein als jeder sonst. Waschtag bezeichnete

die Struktur des Tages. Als es noch keine Waschmaschinen gab, musste alles

mit der Hand gewaschen werden. Das dauerte einen ganzen Tag und war harte

Arbeit. Selbstverständlich musste die schmutzige Wäsche gewaschen werden,

nur Lust und freudige Ereignisse waren diesem Tag fremd. Man erwartete sie

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 3 von 28


auch gar nicht. Tun, was getan werden muss, das waren meine Waschtage,

und die Emotionen köchelten dabei auf Sparflamme. Ob ich die Flamme ein

wenig aufdrehen wollte, oder ob es aus Selbstmitleid geschah, weshalb ich auf

die Idee kam, essen zu gehen? Essen gehen bedeutete für mich, Fisch essen

im Restaurant Sonnenberg. Billig war das nicht, aber hier schien der Koch ein

besonderes Faible für Fisch zu haben. Dagegen empfand ich in anderen

Restaurants beim Fisch immer starke Affinitäten zum Bratfisch auf der Kirmes.

Die Zubereitung von Fisch schien bei den meisten Köchen mit tauben Stellen in

den Fingerspitzen zu erfolgen. Vielleicht wäre es im Sterne Restaurant ja

genauso gut gewesen, nur da war's nochmal doppelt so teuer. Das Restaurant

war groß und verfügte über mehrere Räume. Heute natürlich kein Tisch mehr

frei. Unbeholfen und ratlos musste ich wohl schauen, als ich wieder im ersten

Raum stand. „Kann ich ihnen helfen?“ fragte die Bedienung, die an mir vorbei

kam. „Ich glaube nicht.“ gab ich knapp zur Antwort, aber die Bedienung gab

sich nicht zufrieden. „Suchen sie jemanden?“ fragte sie weiter. „Ja, einen freien

Tisch, aber der ist ja nicht da.“ antwortete ich. Die Bedienung schmunzelte und

meinte: „Sie kommen ja so selten, da hätten sie besser reservieren sollen.

Müssen sie denn unbedingt einen Tisch für sich alleine haben? Freie Plätze gibt

es ja noch genug. Fragen sie doch mal. Nein, den Herrn dort lieber nicht, aber

die Frau Professor würde sich bestimmt über Gesellschaft freuen.“ Anscheinend

kannte die junge Frau alle Gäste, die hier verkehrten. Ich hatte sie auch schon

öfter gesehen, aber dass sie wusste, ich käme nur selten, war bei der Vielzahl

der Gäste schon allerhand. Grinsend blickte sie mich an. Sie schien mich zu

mustern, hatte erkannt, dass es mir nicht besonders liegen würde, die

Professorin zu fragen und entschieden, dass sie es für mich mache. „Frau

Professor, der junge Mann wollte mal fragen, und so weiter … .“ „Dann soll er

das mal tun.“ meinte die grinsend. „Was?“ wollte ich wissen. „Na, mich fragen.

Quatsch, selbstverständlich, nehmen sie Platz.“ erklärte die Professorin, und

weiter an die Bedienung gerichtet, „Susanna, lassen sie das mit dem Frau

Professor doch weg. Frau Enkler, das reicht völlig.“ Die Bedienung schaute ein

wenig verdutzt, aber ihre Mimik verriet auch, dass es sie freute. „Danke,“

sagte sie und jetzt ganz betont, „Frau Enkler.“, worauf beide lachten und die

Bedienung der Professorin eine Hand auf die Schulter legte. Sonderbar, aber

die Professorin wirkte auch sonderbar, nein nicht sonderbar, erotisch wirkte ihr

Gesichtsausdruck. Erotisch? Was sollte das denn eigentlich heißen? Sexuell

erregend? Ach wo. Aber Eros das war doch der Gott für's Körperliche.

Allerdings: „Puh, ist das aber erotisch.“ hatte ich noch nie gedacht, wenn

meine Freundin und ich zusammen geschlafen hatten, und sie hatte so etwas

auch nie gesagt. Hatte erotisch mit Sex also nichts zu tun? Aber die Sex Läden

nannten sich doch auch Erotik Shop. Und was war mit der Erotik Bar? Ich war

noch nie in einer, und ich glaube auch nicht, dass Frau Professor Enkler dort

verkehrte. Im Grunde wusste ich gar nicht, was das Wort, das ich bei Frau

Enklers Aussehen gedacht hatte, wirklich bedeutete. Wahrscheinlich würde es

mir bis an mein Lebensende ein Rätsel bleiben, was bei erotisch sein wirklich

gemeint sein könnte. Dann hatte Frau Professor Enkler eben keine erotische

Ausstrahlung, aber ungewöhnlich sah sie schon aus. Was störte mich das? Aber

der Anblick ihres Gesichtes ließ mich nicht in Ruh. Eigentlich passte alles nicht

zueinander. Einerseits wirkte sie mondän aber gleichzeitig auch in gewisser

weise, wie von der Straße. Glamouröse Grandezza konnte man vermuten, das

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 4 von 28


lag mehr um ihre Augen, aber auch die frech und laut streitende Schnauze,

darauf verwies eher die Mimik um ihren Mund. Frau Enkler war eine sehr

freundliche Frau, aber wenn sie dich anblickte, zogst du automatisch den

Schwanz ein, weil dir sofort klar war: „Sie ist die Alpha Wölfin.“. „Kommen sie

öfter zum Essen her? Sie scheinen sich ja mit der Bedienung gut zu

verstehen.“ interessierte mich. „Ja schon, aber Susanna ist meine Studentin.

Nein, nicht meine, wie rede ich? Sie studiert Soziologie und ich habe dort

meinen Lehrstuhl.“, erläuterte die Professorin. Dass sie Seminare halten und in

Vorlesungen dozieren konnte, würde ich Frau Enkler schon zutrauen, aber wie

eine Intellektuelle wirkte sie nicht. Ihr Gesicht verkörperte eher das volle,

abwechslungsreiche Leben in einer bunten, vielgestaltigen Welt als endloses

Lesen, Studieren und Philosophieren. Vielleicht war das Soziologiestudium noch

bunt und lebhaft, wenn es sowieso keine Berufsaussichten gab. Unsinn, das

war es nie gewesen. Unsere bedeutendsten Werke zu zeitgeschichtlichen

Themen stammten in der Vergangenheit und auch jetzt noch von Soziologen.

Vielleicht hätte ich mich selbst mal ein wenig mehr mit dem Sozialen, den

Beziehung der Menschen untereinander befassen sollen. Wenn du jemanden

erblickst, machst du in Sekundenbruchteilen eine Momentaufnahme von ihm

beziehungsweise ihr, ein Polaroidfoto, das du sofort in den großen Katalog

deiner vorhandenen Klischees über menschliche Charaktere und

Verhaltensweisen einordnest. Du weißt beim ersten Blick, ob und auf welche

Weise dir dein Gegenüber sympathisch oder dir unangenehm ist und auch die

Geschlechterrolle ist von dominanter Bedeutung. Vielleicht war es ja das, was

ich bei Frau Enkler als erotisch gesehen hatte, dass ich sie als Frau interessant

fand. Bei ihr war auch die Momentaufnahme noch nicht fertig und abgeheftet,

sie befand sich noch in meinem Studio. Es kam mir vor, als ob ich mir gar kein

abschließendes Bild von ihr machen könnte. Ihre Augen waren intensiv

geschminkt. Ob anderswo auch noch Krems, Rouge und Puder oder

Dergleichen aufgetragen waren, konnte ich nicht erkennen. Ihre Lippen hatten

jedenfalls keinen Stift gesehen. Sie waren Natur pur, wie die unbehandelten

Ufer eines Gebirgsbaches. Ihre relativ zotteligen, schwarzen Haare wirkten

zwar burschikos, waren aber eindeutig gestylt und nicht Natur. Im Grunde

passte alles nicht zusammen, trotzdem sah ich eine gewisse Harmonie. Ein Bild

das meine Augen nicht kannten, dessen Harmonie einen neuen Klang

verkörperte, für den ich kein Schubfach in meinem System hatte. Immer

wieder und immer aufs Neue wollte ich ihr Gesicht erfassen. Ich sah ja auch

sich mit ihrer Mimik ständig verändernde neue Elemente und Variationen. Ob

Frau Enkler eine interessante Gesprächspartnerin sein würde, wusste ich noch

nicht, aber ihr Anblick kam für mich einer Forschungsreise durch meine

Assoziationswelten gleich.

Die Studienabbrecherin

Die Bedienung kam, ich sollte bestellen. „Wir haben heute Bodenseefelchen.

Ich weiß nicht, ob sie die schon mal gegessen haben? Gibt's ja schließlich nur

selten. Probieren würde ich die schon mal, also ich finde die sehr lecker oder

wie gewohnt den Loup de mer.“ empfahl sie mir. Daran konnte sich die Bedienung,

Susanna, also auch erinnern. Die Professorin bekam noch einen Wein.

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 5 von 28


„Essen sie gerne Fisch? Wieso?“ fragte mich Frau Enkler. „Das weiß ich auch

nicht. Ich habe schon alles nachgeforscht in meiner Kindheit, meine Eltern und

Verwandten befragt, ob irgendwo Affinitäten zur Fischereiwirtschaft oder zum

Meer zu erkennen wären, vielleicht hätte ja mein Großvater einen Angelschein

gehabt oder seine Ferien auf einem Forellenhof verbracht, aber nichts, nirgendwo.

Warum ich gerne Fisch esse, wird mir lebenslang ein Rätsel bleiben.“ erklärte

ich und wollte Frau Enklers Mimik dabei betrachten. Ich glaube, sie schien

wegen meines unlösbaren Problems ein wenig mitzufühlen. „Das ist alles

absoluter Nonsens, was ich ihnen erzählt habe, ich kenne den wahren Grund

sehr genau, nur wenn ich ihn genannt hätte wären sie eventuell pikiert gewesen

oder hätten sich düpiert gefühlt.“ erklärte ich. „Sagen sie's trotzdem. Ich

werde tapfer sein, aber ich will es hören.“ forderte mich Frau Enkler auf. Unsere

Augen lachten sich an, und ich glaube, sie hatte doch erotische Ausstrahlung,

jedenfalls hätte ich sie am liebsten geküsst. „Nein, also gut. Es ist simpel,

schlicht und naiv. Ich esse gerne Fisch, weil er mir gut schmeckt. Das ist alles,

ohne irgendwelche Geschichten, und das war schon immer so. Mir reicht die

Erklärung, warum sollte ich mehr wissen wollen?“, verkündete ich zögerlich.

Frau Enkler lachte. „Na klar, was für eine dumme Frage. Das wird bei allem so

sein, das man gerne isst, und ein Histörchen gibt’s dazu sicher nur höchst selten.

Sie sollten Psychologie studieren, dann könnten sie ihr Unbewusstes erforschen,

da gibt’s bestimmt etwas zu dem Fisch. Sie sind doch auch Student,

nicht wahr?“ erkundigte sie sich. „Wie erkennen sie das denn? Die Patienten im

Krankenhaus sagen immer: „Herr Doktor“ zu mir.“, antwortete ich. „Medizin

studieren sie also. Wie sind sie denn dazu gekommen?“, wollte Frau Enkler

wissen. Wir redeten ja nichts Lustiges, aber es herrschte eine Untergrundstimmung,

als ob das Zwerchfell auf Beschäftigung warte. „Das weiß ich auch nicht,

wird mir mir wahrscheinlich auch lebenslang ein Rätsel bleiben. Doch, ich weiß

es wohl. Ich habe mich in der Schule und darüber hinaus stark für Biologie,

Biochemie und besonders Humanbiochemie interessiert. Onkel Doktor in der

eigenen Praxis wollte ich nie werden und werde es auch mit Sicherheit nicht,

aber die Praktika müssen sie natürlich genauso absolvieren, gleichgültig welche

Perspektive ihnen vorschwebt.“ erläuterte ich. „Sie haben begüterte Eltern,

nicht wahr, wenn sie es sich leisten können, hier essen zu gehen. Susanna

muss hier arbeiten.“ fragte Frau Enkler. „Nein, 'begütert' ist ein falsches Wort.

Ihnen geht’s nicht schlecht, sonst esse ich auch in der Mensa, nur manchmal

brauch ich eben unbedingt meinen Fisch. Ich bekomme auch nicht einfach

Geld, wenn ich es gern möchte.“ reagierte ich. „Susanna hat nur das BAföG.

Sie wollte sich etwas dazu verdienen und hatte gedacht, abends Bedienung zu

machen. Aber es gab nur Möglichkeiten, bei denen sie für wenig Geld abends

den Männern ihr Bier bringen musste. Sie hat einen Lehrgang gemacht und

hier die Aushilfsstelle bekommen. Nur das dehnt sich offensichtlich immer weiter

aus. Sie traut sich nicht 'nein' zu sagen und das Geld ist ja auch nicht zu

verachten.“ wusste Frau Enkler. Entweder blickte Frau Enkler doch erotisch,

oder sie war mir hypersympatisch, oder sie weckte unbekannte Visionen in mir.

„Dass sie Susanna als Bedienung schätzen, kann ich mir gut vorstellen. Ich

denke, dass die Gäste sich darüber freuen, von Susanna bedient zu werden.

Was will man mehr?“ meinte ich zu Susanna. „Susanna scheint es auch wohl

zu sehr zu freuen.“ meinte Frau Enkler mit einem ernsten, bedenklichen

Gesichtsausdruck. „Was heißt das?“ wollte ich es genauer wissen. Frau Enkler

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holte tief Luft und erklärte: „Ich darf ihnen das, glaube ich, gar nicht sagen.

Aber wenn sie schon im Krankenhaus gearbeitet haben, gilt für sie auch sicher

die ärztliche Schweigepflicht.“ sie grinste wieder so wundervoll dabei, „Ich

denke, Susanna wird irgendwann das Studium abbrechen. Sie wollte es schon,

hat mir aber versprochen, vorläufig weiter zu machen.“ „Wie kommt sie denn

dazu? Wissen sie das?“ wollte ich erfahren. „Nein, letztendlich weiß ich es

wahrscheinlich nicht. Was Susanna erzählt ist hirnverbrannt. Schwachsinn, den

sie selbst nicht glauben kann. Mit immer neuen Vokabeln drückt sie den

gleichen Unfug aus. Es muss etwas sein, das rational nicht erklärbar ist oder

das sie nicht nennen will. Sie sei ein Arbeiterkind, und da gehe man nach dem

Abitur zur Bank oder in die Verwaltung, aber nicht zur Uni. So etwas Ähnliches

erzählt mir eine angehende Soziologin im fünften Semester. Können sie das

verstehen? Susanna ist keineswegs simpel strukturiert und weiß mit Sicherheit,

was ich und sie selbst von ihrem dummen Gerede halten.“ verriet Frau Enkler.

Dass Studentinnen und Studenten ihr Studium abbrechen, hörte man ja

ständig und war nichts Ungewöhnliches, aber dass Susanna, die Bedienung, ihr

Studium abbrechen wollte, empfand ich als äußerst schade, entsetzlich,

ungeheuerlich. Warum plante sie so etwas, warum wollte sie nicht weiter

studieren und ihr Studium zu Ende bringen? Ich unterhielt mich noch mit Frau

Enkler über die Studienbedingungen und mutmaßte mit ihr, woran es wirklich

liegen könne. Als sie den Fisch brachte, musste ich die Bedienung wohl

sonderbar angeglotzt haben. Sie erkundigte sich, ob irgendetwas nicht in

Ordnung sei, und ob ich irgendwelche Wünsche hätte. „Ja, ja!“ hätte ich

schreien müssen, „Hör nicht auf zu studieren! Mach nicht so einen Unsinn!“.

Solche Gedanken hatte ich. Warum? Darüber machte ich mir im Moment keine

Gedanken.

Die erotische Frau

Männliche Gene habe sie bestimmt, vermutete Frau Enkler. Sie esse gerne

Fleisch. Nach einer riesigen amerikanischen Studie würden Männer Fleisch bevorzugen,

während Frauen lieber Gemüse äßen. Bestimmt stecke das aus der

Jäger- und Sammler-Zeit noch in den Genen, aber sie bestelle das Steak ja immer

bien cuit, da sei es auch schon fast Gemüse. Ich musste noch etwas über

verschiedene Fische und warum ich welche bevorzugte erzählen. Terra inkognita

war das für Frau Enkler. Die ganze Zeit unterhielten wir uns so, als ob es uns

wichtig sei, gemeinsam lachen zu können. Diese erotische Frau Enkler, wie

gern würde ich sie näher kennenlernen, verstärkt wurde das Bedürfnis vielleicht

noch zusätzlich dadurch, dass ich keine Freundin hatte. Frau Enkler

musste zur Uni. Ich sollte doch etwas vereinbart, um mich mit ihr wiederzutreffen,

aber dazu fiel mir im Moment nichts Gescheites als Begründung ein.

Susanna fragte mich noch wegen der Bodenseefelchen. Ich musste sie wohl

unentwegt dabei anstarren. Ob ich ihr durch meinen Blick medial vermitteln

wollte, dass sie nicht aufhören dürfe? Ich konnte sie ja auch nicht darauf

ansprechen, und unverbindlich fragen: „Wie läuft's denn im Studium?“, etwas

Blöderes gab es ja nicht. „Ist etwas nicht in Ordnung? Sie schauen so

sonderbar.“ erkundigte sie sich. „Nein, nein, alles ist in Ordnung. Ich

bewundere sie nur, wie sie alles behalten können bei den vielen Gästen hier.“

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 7 von 28


gelogen war das ja nicht, nur daran hatte ich im Moment nicht gedacht. „Nein,

das ist nicht ungewöhnlich. Ich behalte nicht alles. Dazu reichte mein Kopf ja

nicht aus. Sie nehmen nur alles mit unterschiedlicher Gewichtung wahr. Das

eine prägt sich ihnen ein, und das andere vergessen sie wieder.“ erklärte es

Susanna. „Mich haben sie aber nicht vergessen. Wo lag bei mir das Gewicht?“

fragte ich. Susanna lachte. „Das weiß ich doch nicht. Ich denke schon, dass sie

ein netter Mensch sind. Vielleicht vergisst man so etwas nicht so schnell.“

versuchte Susanna es zu deuten.

Den ganzen Nachmittag musste ich immer wieder daran denken, dass Susanna

ihr Studium abbrechen wolle, dass sie das doch nicht dürfe und dass man es

verhindern müsse. Erst abends wurde mir klar, was da mit mir geschah. Die

Studentin Susanna war für mich eine völlig fremde Person, aber ich empfand

Qualen, als wenn es meine Tochter oder mein bester Freund wären, die so etwas

vorhätten. Mein Leben hatte sich in den zwei Stunden heute Mittag verändert.

Das Restaurant Sonnenberg hatte seine Anonymität verloren. Ich hatte

zu zwei Menschen, der häufiger hier verkehrenden Professorin Enkler und der

Bedienung Susanna eine Beziehung bekommen. Auch wenn es kein tiefgreifendes

Verhältnis war, aber oberflächlich wäre ein falsches Wort gewesen. Über

Susanna hatte ich für ihr Leben Bedeutsames erfahren und Frau Enkler? Von

der würde ich gleich träumen, ihre natürlichen Lippen küssen. Meine Freundin

hatte ich sicher öfter ungeschminkt als geschminkt geküsst, aber ich hatte es

gar nicht wahrgenommen. Bei Frau Enkler erschienen mir ihre Lippen roh, unberührt,

als Metapher für die Schönheit des nackten Körpers einer Frau. Ob ich

in der Nacht irgendwann von Frau Enklers Lippen geträumt habe, weiß ich

nicht, aber müsste doch, oder? Beim Einschlafen musste ich jedenfalls immer

noch an Susanna denken, versuchte mir vorzustellen, wie ihr Leben nach dem

Studienabbruch aussehen würde, und was ich tun könnte, um sie davon abzubringen.

Frau Enkler und Susanna hatten mich emotional stark bewegt, stärker

als vieles andere.Wahrscheinlich, weil es sich um etwas Soziales handelte. An

einem Waschtag kam so etwas eigentlich überhaupt nicht vor.

Grillféte

Heute herrschte keine Waschtagsstimmung, auch wenn ich ähnlich wie an anderen

Tagen zu arbeiten hatte, nur abends war Grillféte bei Mausis Eltern im

Garten. Ob du daran denkst, weißt du oft gar nicht, aber deine Gefühlslage ist

schon gleich beim Aufwachen am Morgen eine andere. Dein Körper wird deine

Freude darauf internalisiert haben und steigert schon gleich mit dem Öffnen

der Augen die Produktion der Glückshormone. Mausi war einer meiner liebsten,

wenn nicht mein liebster Freund. Gina, seine Schwester mochte ich auch gut

leiden. Sie war eine hübsche junge Frau, aber Ambitionen, sie zu lieben und

mit ihr ins Bett zu wollen, kämen mir lächerlich vor. Mausi und ich kannten uns

seit den ersten Schultagen und Gina ebenso. Viele Nachmittage und sogar

Ferien hatten wir miteinander verbracht, gehörten im Grunde gegenseitig zur

Familie des anderen. Vielleicht sah ich Gina ja wie meine Schwester, und

Begehrlichkeiten konnten sich wegen des Inzesttabus gar nicht entwickeln.

Seiner Schwester hatte Mausi, der eigentlich Georg hieß, den alle aber nur

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 8 von 28


Mausi nannten, seinen Namen zu verdanken. Seine Mutter hatte als Baby wohl

mal Mäuschen oder Mausi zu ihm gesagt. Sein drei Jahre altes Schwesterchen

fand das so süß, dass sie den kleinen Georg nur noch so nannte. Allen

späteren Versuchen seiner Mutter, sie davon abzubringen, war kein Erfolg

beschieden. Damit hat Gina sich auch überall anderswo durchgesetzt. Wer

sollte es besser wissen, wer dieser Junge wirklich war, als seine Schwester. An

das liebkosend, süßliche des Namens dachte man gar nicht mehr, für alle war

er Mausi. Nur seine Freundin nannte ihn niemals so. Die Féten bei Mausis

Eltern entsprachen einem bunten Wiedersehen mit guten Freunden und

Bekannten. Sie dauerten meistens bis spät in die Nacht, nicht zuletzt, weil es

unendlich viele Gesprächsanlässe gab. Mein Sprachzentrum schien heute

Abend Vorgaben erhalten zu haben, worüber ich zu reden hätte. Spätestens

nach zwei Sätzen war ich immer bei den Soziologen und dem

Soziologiestudium angekommen. Gina war es als ungewöhnlich aufgefallen. Sie

wollte den Grund dafür erfahren. „Hast dich verliebt in diese Kellnerin, nicht

wahr?“ vermutete sie. Als ich es empört zurückwies, wollte Gina alles genau

wissen, und versuchte mir zu beweisen, dass und warum ich mich verliebt

hätte. Sie musste es ja wissen, sie war schließlich Psychologin. „Gina, dass ist

absoluter Quatsch. Ich kenne diese Frau überhaupt nicht. In ihre Professorin,

in die habe ich mich verliebt. Sie hat mich verhext.“ erklärte ich lustig. Ich

erzählte Gina amüsiert von ihr, und wir juxten weiter über Liebe, Liebesrausch

und gegenseitiges Verzaubern. Gina hatte ich schon immer sehr gemocht,

hätte mir auch so eine Schwester gewünscht. Ihr Verhältnis zu Mausi bildete

bestimmt die Grundlage für die Beziehung zwischen seiner Freundin und ihm.

Als ideal sah ich ihre Beziehung. So konnte ich das nicht, hatte sicher ein zu

schwaches Ego.

Revanchieren

Wer war ich denn, dass ich mit Susanna, die ich nur als Bedienung kannte,

über ihr Studium reden könnte? Ich durfte es ja nicht einmal wissen, dass sie

es abbrechen wollte. Was ging mich das überhaupt an. Vorher hatte ich niemals

vermutet, dass sie eine Studentin sein könnte. Kluge Augen hatte sie

schon, sie war jung und ihr Auftreten passte auch nicht zu dem Bild einer biedern

Bedienungsfrau, aber Gedanken hatte ich mir sonst noch nie darüber gemacht.

Durch das, was Frau Enkler erzählt hatte, war ein ganz neues Bild von

Susanna entstanden. Ich würde bei der Arbeit immer ein griesgrämiges Gesicht

machen, fühlte mich gequält, wenn ich neben dem Studium noch Geld verdienen

müsste, Susanna aber war freundlich und lachte. Wundervoll, nur ich

konnte es nicht verstehen. Ob ich mal gemeinsam mit Frau Enkler ein Gespräch

mit Susanna führen sollte? Aber nein, was hatte ich damit zu tun und

Frau Enkler hatte sie schon bearbeitet. Ich wusste ja nicht, ob Frau Enkler

immer Freitagsmittags zum Essen ging, aber wiedersehen würde ich meine

Femme fatale schon gern. Nur Freitags war das Restaurant immer besonders

voll und die Möglichkeit, einige Worte mehr mit Susanna zu reden, äußerst

gering. Aber Dienstag am frühen Abend wäre es bestimmt ruhiger, nur ich

wusste ja gar nicht, ob Susanna dann auch da wäre. War sie natürlich nicht.

Ich erkundigte mich nach ihrer Arbeitszeit. Sie habe heute eigentlich frei, käme

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 9 von 28


aber gleich. Ob man ihr etwas ausrichten solle, ich könne aber auch warten.

„Na, das ist ja ein Zufall“ sagte sie, als sie zu mir an den Tisch kam. „So ist das

eben bei Fischsüchtigkeit, da hält man's nicht lange ohne aus.“ erklärte ich

scherzend. „Ich kenne ihren Nachnamen nicht einmal. Ich weiß nur, dass sie

Susanna heißen.“ bemerkte ich. „Müssen sie den kennen? Ich kenne ihren ja

auch nicht. Ich habe nur mitbekommen, dass sie auch Student sind, und da

kennt man ja meistens den Nachnamen nicht, weil sich alle immer nur mit

Vornamen anreden.“ wir schmunzelten uns an. „Dann sagt man auch nicht

Susanna, sie, sondern du, nicht wahr? Und ich wäre dann der Grischa, du für

dich.“ wir lächelten und schienen uns wie zwei Sonnenkinder zu freuen.

„Müsste man darauf nicht einen Schluck Wein trinken? Heute Abend habe ich

mehr Luft. Ich komm gleich mal vorbei und bring was mit.“ erklärte Susanna.

Sie hatte eine Flasche Wein und zwei Gläser mitgebracht. „Was studierst du?

Nicht bei Frau Enkler, nicht war?“ erkundigte sie sich. „Nein, in die habe ich

mich nur verliebt.“ stellte ich nüchtern fest. Susanna platzte los. „Na ja, sehr

nett ist sie schon, aber du bist ja ein Mann, du fährst bestimmt mehr darauf

ab, das sie einen Vamp Eindruck vermittelt, oder?“ erklärte Susanna unter

Lachen. „Du scheinst ja nicht nur zu wissen, welchen Fisch ich gerne esse,

sondern auch welche Frauen ich gern mag, aber solange Frau Enkler immer ihr

Steak haben will, kann das mit uns nichts werden, glaube ich.“ lautete meine

Ansicht. „Du suchst dir also Frauen nach Geschmacksrichtung aus. Dann

müsste deine Freundin doch auch gerne Fisch essen. Du bringst sie aber nie

mit, kommst immer alleine.“ bemerkte Susanna. „Ich habe zur Zeit gar keine

Freundin. Wir haben uns getrennt, aber nicht wegen Fisch.“ klärte ich Susanna

auf, „Deshalb bin ich ja auch so scharf auf Frau Enkler.“ „Oh je, da weiß man

nie. Verheiratet ist sie zwar nicht, aber wirkt die nicht, als ob sie jeden Abend

einen anderen verbrauchen könnte?“ erklärte Susanna und lachte. „Vielleicht,

bezeichnet man das dann als erotisch?“ wollte ich wissen. „Schon möglich,

wirke ich denn auch erotisch auf dich?“ erkundigte sich Susanna lachend.

„Erotisch, ich weiß gar nicht was das genau ist, aber mit dir würde ich mich

sowieso nicht einlassen, einer Studienabbrecherin, was soll das denn für eine

Perspektive haben?“ erklärte ich. Warum ich das jetzt gesagt hatte, wusste ich

selbst nicht, vielleicht weil es im Zusammenhang mit Susanna immer in

meinem Kopf war, aber im Moment hätte ich die Worte am liebsten sofort

wieder zurückgeholt. Augenblicklich machte Susanna ein Gesicht, als ob es das

Sonnige, Lachende, Alberne dort nie gegeben hätte. Sie sagte nichts, starrte

mich nur mit großen Augen an und ihr Mund zeigte eine ernste und strenge

Mimik. Ich musste mich dazu erklären. Frau Enkler habe mir unter dem Sigel

der Verschwiegenheit davon berichtet. Jetzt darüber zu reden und ihr zu

sagen, sie solle es nicht tun, wäre absolut ineffektiv gewesen, soviel wusste ich

von den Beziehungen der Menschen untereinander doch. „Grischa, das ist eine

komplizierte Sache, das kann ich jetzt gar nicht erzählen.“ sagte Susanna.

„Aber erfahren würde ich es schon gern.“ bemerkte ich. „Wozu, Grischa, was

ich auch sagen werde, du wirst es dir anhören und mir hinterher dringend

raten, dass ich es auf keinen Fall machen dürfte. Das kenne ich alles, Grischa,

zur Genüge. Ich brauche keine immer neuen Wiederholungen. Du machst mir

keine Freude damit.“ wehrte Susanna ab. „Womit könnte ich dir denn eine

Freude machen?“ wollte ich wissen. Susanna platzte los. „Warum willst du mir

denn eine Freude machen? Was treibt dich dazu?“ fragte sie. „Und du? Warum

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machst du mir jedes mal eine Freude, wenn ich hier bin? Ich wollte mich nur

ein wenig revanchieren.“ erklärte ich. Es stimmte Susanna nachdenklich, wobei

um ihre Augen und ihren Mund eine leicht goldige Mimik spielte. „Wir könnten

ja gemeinsam ins Kino gehen, aber abends klappt das ja so gut wie nie.“

Susanna dazu. „Und wenn ich dich mal zu Kaffee und Kuchen ins Parkcafé

einladen würde, und wir vielleicht auch noch ein wenig spazieren gingen,

würdest du das als angenehm empfinden?“ fragte ich. Susanna musterte mich.

Was sie wohl erkennen wollte, aber sie war einverstanden, und wir machten

einen Termin aus.

Einsamkeit

„Du bist ein Kuchenfan?“ vermutete Susanna im Café. „Überhaupt nicht. Ich

mag Kuchen gar nicht.“ reagierte ich. „Ah ja?“ wunderte sich Susanna erstaunt,

„und warum isst du ihn dann?“ „Dir zur Liebe.“ versuchte ich ernst zu

behaupten, was aber nicht verhinderte, dass Susanna losprustete. „Nein, ich

mag gern Obst und besonders gern Sahne, und dieser Pflaumenkuchen besteht

im Wesentlichen aus Obst mit Sahne. Die ganzen Torten und tortenähnlichen

Gebilde sind mir zuwider. Es kommt mir alles wie Variationen von Butterkremtorten

oder Backwaren, die primär aus Zucker bestehen vor.“ erläuterte ich.

„Deshalb ist du so gerne Fisch, weil er so wenig Zucker enthält.“ schlussfolgerte

Susanna verwegen. Wir lachten, und ich bewunderte sie, weil sie die Lösung

von für mich unlösbaren Rätseln, einfach so daher sagen könne. Susanna

wusste vieles Lustige aus dem Restaurant zu erzählen. Ich meinte, dass ich

das gar nicht könne wie sie. Meine Arbeit für's Studium sei sehr belastend.

Wenn ich da nicht auch noch freie Zeit für mich hätte, sondern arbeiten müsste,

würde ich es wahrscheinlich nur mürrisch machen können. Sie sei aber immer

gut gelaunt, ich könne das nicht nachvollziehen und bewundere sie. Susanna

schaute in die Ferne über die Rasenfläche hinter der Caféterrasse. Sie

dachte nach, ich betrachtete sie schweigend. „Weißt du, Grischa,“ begann sie

dann, „für mich stellt sich das wahrscheinlich ganz anders da, mein ganzes Leben

und vor allem das Studium. Ich kann das nicht. Zuhören, mitschreiben, lesen,

behalten, alles nur für einen Schein oder eine Klausur. Es bewirkt nichts,

nichts verändert sich dadurch. Wenn du deinen Schein hast, ist es unbedeutend.

So ist jeder Tag, du sitzt in der Menge, in der Vorlesung oder im Seminar,

aber du bist allein. Was da geschieht hat mit dir nichts zu tun, und du hast mit

niemandem etwas zu tun. Das ist mein Leben an der Uni, ein totes Leben.

Manche haben Freunde oder einen Freundeskreis, da spielt sich dann ihr wirkliches

Leben ab, und bei mir ist es eben das Restaurant.“ Susannas Gesicht

blieb ernst. Ich weiß nicht, was ich in ihm suchte. Niemand sagte etwas. Jetzt

war ich es, dessen Augen in der Weite der Parkwiese Antworten suchten. Ich

wollte sie begreifen können, verstehen, nachempfinden, was sie gesagt hatte,

verglich es damit, welche Eindrücke mein Studium auf mich machte. Natürlich

gab es da auch manches, bei dem du stumpfsinnig pauken musstest, bei dem

es nur darauf ankam Leistung abzuliefern, wo du dir wie ein Computer

vorkamst, der möglichst viel genau zu speichern hatte, aber das war es nicht,

was alles dominierte, den Gesamteindruck des Studiums für mich ausmachte.

Ich empfand mich keineswegs isoliert und einsam an der Uni. Überwiegend war

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ich interessiert und involviert. Einen wesentlichen und bedeutsamen Teil

meines Lebens bildete es und nicht nur die freie Zeit, die ich mit Freunden und

Bekannten verbrachte. Ich, dazu gehörte auch das Studium. Die freundliche,

lebenslustig wirkende Susanna, war einsam. Nicht nur in den Vorlesungen und

Seminaren. Das Restaurant vermittelte den Schein, als ob es nicht so wäre. Sie

verwechselte die Anerkennung, die sie dort erhielt, mit einer Anerkennung, die

ihr als Person gelte. Das tun sie alle, haben es von klein auf so gelernt. Der

bejubelte Sänger empfindet sich durch den Zuspruch, den er erhält, geliebt,

dabei ist es nur wie das Lob für eine gute Mathearbeit, Anerkennung für

Leistung die du erbringst. Das lernst du früh und sollst es immer so empfinden,

dann bist du überall gut verwertbar. Susanna hatte keine Freunde im

Restaurant, sie erhielt Anerkennung für ihre guten Leistungen. Wenn sie

Abends die Türen hinter sich schloss, war sie nichts mehr, nur noch in ihrer

Illusion. Das Restaurant war nicht Susannas Leben, es war die Droge in der

Bewältigungsstrategie ihrer Einsamkeit. „Warum sagst du das so nicht Frau

Enkler?“ fragte ich Susanna schließlich. „Was soll ich denn sagen? „Ich habe

keine Lust mehr, mir stinkt das alles.“, das heißt es doch im Kern. Was ich ihr

gesagt habe, ist ja auch nicht ganz falsch.“ erklärte Susanna. Meine fragenden

Augen machten wohl deutlich, dass ich dazu Erläuterungen wünschte. Susanna

lachte wieder. „Na ja, meine Sicht kann das natürlich nicht sein, aber ich bin so

aufgewachsen. Toll war das nie, dass ich Latein lernte und hinterher studieren

wollte. Das passe nicht zu uns, war schon die Grundstimmung, vor allem

meines Vaters und meines Bruders. Deshalb habe ich ja auch Soziologie

studiert, aber die revolutionäre Führerin der Arbeiterklasse wird aus mir nicht

werden können.“ sagte sie und lachte wieder. Wie gern hätte ich Susanna in

die Arme geschlossen und sie gedrückt. Mitleid musste meine Mimik wohl

vermitteln, denn Susanna erklärte: „Das ist nicht schlimm, es tut nicht weh, du

empfindest es als ganz normal. So ist das Leben, anders kennst du es nicht.

Mein Großvater ist direkt nach dem Krieg aufgewachsen. Das alles in Schutt

und Trümmern lag, sei ganz normal gewesen. „Wie schade, das alles kaputt

ist.“, habe er nie gedacht. So habe er die Welt kennengelernt, so sei sie

gewesen, als er kam. Er hatte ja nichts verloren, man hatte ihm ja nichts

kaputt gemacht. Später hat mich diese defätistische Eistellung, dieses Leben

ohne Blick auf eine strahlende Hoffnung schon manchmal genervt.“ „Und du

hast es für dich geändert, dein Blick sieht die strahlende Hoffnung?“ fragte ich

nach. Susanna träumte. „Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, ich weiß es

selbst nicht genau. Einerseits kann ich mir eine andere, schönere Welt schon

vorstellen und wünschen, aber andererseits denke ich auch, dass ich gar nicht

in der Lage bin, es zu leben.“ meinte Susanna, „Weißt du, Grischa, im

Restaurant erlebe ich es schon ein bisschen so. Die Menschen sind freundlich

zu mir, mögen mich, ich bin anerkannt, aber das Restaurant ist ja nicht mein

Leben.“ „Wieso nicht, du steigerst dich, wirst Oberkellnerin und machst später

mal ein eigenes Restaurant auf.“ schlug ich vor. Ernst war das natürlich nicht,

aber Susanna lachte schallend. „Was ist dann dein Leben?“ wollte ich wissen.

„Wenn ich das wüsste, ein Niemand bin ich. Aber du hast schon Recht, das

Restaurant ist nicht unwesentlich für mich.“ antwortete Susanna. Die einsame

Frau, die lachen und lustig sein kann, sich aber in ihrer Einsamkeit als Niemand

sieht. „Hast du denn keine Freundinnen oder einen Freund?“ erkundigte ich

mich. „Freundinnen, das war und ist immer noch sehr sonderbar. Ich versteh

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mich immer ganz gut mit allen, aber die Welle, auf der man gemeinsam segeln

könnte, zeigt sich nicht, es wird nie tiefer oder intensiver. Eine absonderliche

Ausstrahlung werde ich vermitteln. Frau Enkler mag ich sehr gern. So ähnliche

Frauen würde ich mir als Freundinnen wünschen.“ erklärte Susanna. „Und

Männer.“ erinnerte ich. Susanna erklärte lachend: „Da ist es nicht besser, aber

da geht es von mir aus. Es ist nicht so, dass mich niemand will. Ich bin eine

sehr begehrte Frau, musst du wissen.“ sagte es und lachte laut, „Nein, ich

habe Probleme. Wenn ich merke, dass ein Mann etwas von mir will, mag ich

das nicht mehr. Und das ist wohl generell so. Vielleicht suche ich nur einen

lieben, netten Bruder als Ersatz für meinen realen. Der ist schon als Chauvi

geboren, glaube ich, konnte es nie ertragen, dass ein Mädchen mehr weiß und

kann als er. Daraus resultierte lebenslang und ständig sein Verhalten mir

gegenüber. Könntest du es denn ertragen, wenn ich mehr wüsste und könnte

als du?“ schloss Susanna fragend. „Bei meiner Frau muss das so sein, sonst

kann ich sie nicht respektieren.“ juxte ich weiter, „Was meinst du, weshalb mir

sonst die Frau Enkler so gut gefällt?“ „Gefalle ich dir denn auch? Aber ich bin

so ungebildet, komme so gut wie nie ins Theater, in ein Konzert oder eine

Oper.“ wollte Susanna von mir wissen. Wir alberten noch weiter. Als wir gehen

mussten, fiel mir ein, dass ich Susanna noch nach Frau Enkler fragen wollte.

Nein, regelmäßig kam sie nicht, aber sie reservierte immer schon am Tag

vorher. Susanna machte ein gequältes, bedenkliches Gesicht. „Grischa, wenn

du mir versprichst, dass niemals irgendjemand etwas davon erfährt, auch nicht

unter dem Sigel der Verschwiegenheit, könnte ich dich ja anrufen.“, erklärte

Susanna. Ich versprach es natürlich, aber warum tat sie das. Es könnte sie

doch ihre Stelle kosten. Aber wenn das Restaurant sowieso nicht Susannas

Leben war, nur ein anderes hatte sie auch nicht.

Urmund

Frau Enkler wollte wieder am Freitagmittag kommen, wusste ich von Susanna.

„Oh, da sind sie ja wieder. Das ist aber nett.“ wunderte sie sich, als ich zu ihr

an den Tisch kam. „Nehmen sie doch Platz.“ forderte sie mich auf. „Ich wollte

ihnen sagen, dass es mich auch sehr freut, sie wiederzusehen, Frau Professor.“

bemerkte ich, „Haben sie denn heute Fisch bestellt? Es gibt auch Steaks von

Fischen. Das wäre doch ein Kompromiss.“ erklärte ich scherzend. „Ich habe

noch gar nichts bestellt, nur der Sommelier war schon da. So ein Zirkus, wo

ich doch immer den gleichen Wein bestelle, aber die Etikette scheint es nicht

anders zu erlauben.“ erklärte Frau Enkler. „Ich habe schon mal eine Flasche

Wein von Susanna serviert bekommen, ohne zu wissen welchen.“ bemerkte

ich. Das musste ich näher erläutern. „Ja, Susanna ist eine wundervolle Frau,

nicht wahr.“ sinnierte Frau Enkler. „Sie selbst sind es nicht weniger.“ reagierte

ich an Frau Enkler gerichtet. Die lachte auf. „Oh, das ist aber lieb. Herzlichen

Dank für ihr Kompliment.“ sagte sie immer noch lachend, „Was ist es denn, das

sie an mir so wundervoll finden. Verraten sie es mir.“ „Genau weiß man das

doch nie, aber ihre gesamte Ausstrahlung fasziniert mich schon. Nur eins müssen

sie mir noch verraten. Fast alle Frauen haben ihre Lippen geschminkt oder

wenigsten Gloss aufgetragen. Sie tun das offensichtlich nicht. Bestimmt gibt es

einen Grund dafür, würden sie mir den nennen?“ fragte ich. Frau Enkler blickte

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erstaunt, aber die Mimik um ihren Mund lachte. „Wissen sie, das schmiert immer

so beim Küssen.“ erklärte sie fast vertraulich und lachte. „Nein der Mund

ist eine Metapher für Urgeschichtliches, Bedeutsames, Heiliges im Leben. Das

erste Organ, das sich zusammenhängende Zellen zu einer für alle Zellen bedeutsamen

Aufgabe bildeten, war ein Mund, der Urmund. Das ach so hochgeschätzte

Herz und anderes kamen erst sehr viel später. Es sind viele Funktionen

für den Mund hinzu gekommen, aber wir nehmen immer noch durch ihn

unser zentral Lebenswichtiges, unsere Nahrung auf. So etwas Sakrosanktes

beschmiert man nicht einfach mit bunten Farben.“ erläuterte sie es mir. Der

natürliche, heilige Urmund, das erste gemeinsame Organ, eine hinreißende

Vorstellung. Ob mir demnächst alle Frauen, die ihre Lippen mit Farbe oder

Gloss verschmiert hatten als ehrverletzend und sündig erscheinen würden?

Aber Frau Enklers natürliche Lippen gefielen mir schon, man musste es eben

nur erkennen können. „Ihre Freundin wird sich doch auch die Lippen schminken,

oder?“ wollte Frau Enkler wissen.

Grischa kann nicht lieben

„Ich habe doch gar keine Freundin.“ antwortete ich nur fast pikiert. „Suchen

sie denn eine, oder wollen sie grundsätzlich nicht?“ fragte Frau Enkler nach.

„Schon, aber ich habe Probleme mit Frauen.“ reagierte ich. Frau Enkler musterte

mich und grinste. „Das kann ich mir bei ihnen gar nicht vorstellen. Würden

sie mir einen Satz mehr verraten?“ bat sie. „Natürlich. Eine Frau kennen

zu lernen, ist für mich kein Problem. Ich finde Frauen toll und bewundere sie,

die meisten jedenfalls. Eine Frau näher kennenzulernen, sich mit ihr zu unterhalten

ist immer wieder ein faszinierendes Erlebnis. Sie haben so vieles, was

dir fehlt, aber wundervoll an ihnen ist.“ erklärte ich. Frau Enkler blickte mich

tief an und ihren Mund umspiele ein mokantes Grinsen. „Sie sind ein Macho,

wie sie von den Frauen reden und wozu sie ihre Frauen benutzen. Die Frauen

gibt es nicht. Jede ist ein eigenständiges Individuum, das für sich selbst lebt

und nicht zu ihrer Erbauung.“ konstatierte sie. „Wenn sie das so sehen wollen,

nur für mich stellt sich das absolut anders dar. Bei Männern gibt es eine Momentaufnahme,

dann ist alles geklärt, und sie interessieren mich nicht weiter.

Das ist schade, ich möchte es gar nicht, aber da funktioniert das erlernte Verhalten

automatisch. Bei Frauen, und bei den Frauen handelt es sich um Fiona

und Leonie, mit denen ich länger befreundet war, läuft das nicht so. Ihr Bild

bleibt offen, ich möchte immer mehr von ihnen erfahren, andere Seiten sehen,

sie verstehen können. Wenn man sich unterhält kommt man sich näher und es

scheint mir, als ob ich den wirklichen Menschen in ihnen sehen könnte. Das

wirkt sich auf die Gemeinsamkeit im Gespräch aus. Fiona hat damals gesagt,

es sei, als ob sich unsere Seelen berührten. Es entsteht große Nähe und dazu

braucht es gar nicht lange Zeit. Dass die Körper auch diese Nähe spüren

wollen, ist nur verständlich. Sowohl Fiona als auch Leonie habe ich

nachmittags kennengelernt, abends lagen wir gemeinsam im Bett und sind

nicht mehr auseinander gegangen.“ erzählte ich. „Und woran ist es dann doch

gescheitert?“ erkundigte sich Frau Enkler. „Das war keine Liebe, glaube ich. Wir

hatten Interesse aneinander, und das bleibt nicht auf Dauer. Du findest deine

Freundin immer noch ganz nett, freust dich, wenn sie nach Hause kommt, aber

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 14 von 28


tagsüber kommt sie in deinen Gedanken nicht mehr vor. Sehnsucht und

Verlangen, so etwas gibt es nicht mehr, nur noch nette Gesellschaft. Was ist da

noch zwischen euch? Im Grunde nichts.“ erläuterte ich. „Das mit dem Bild von

den Männern, da haben sie nichts gelernt, das ist ihnen angeboren. Kleinste

Babys machen das schon. Sie reagieren auf den Anblick eines neuen Gesichtes

mit Lachen oder mit Weinen und auch ihre Freundinnen werden sie mit

Sicherheit sofort taxiert haben, sie schienen ihnen als potentielle

Geschlechtspartnerinnen interessant, und sie haben sich mit ihnen befasst. Da

haben Männer bei ihnen keine Chance, sie sind allenfalls Rivalen oder

bedeutungslos.“ interpretierte es Frau Enkler. „Das mit den Rivalen …, doch ich

habe es schon erlebt. Leonies Freund wollte sie wiederhaben, aber ich habe

nicht gekämpft, das hat Leonie getan. Wir scheinen uns zu Beginn so tief zu

verstehen, Achtung vor einander bleibt auch immer erhalten, ich kann es nur

nicht begreifen, dass unser Interesse aneinander verblasst. Ich glaube, ich

kann eine Frau gar nicht richtig lieben.“ meinte ich. Frau Enkler schmunzelte.

„Da müssen sie ihren Therapeuten fragen.“ würde man sagen.“ meinte Frau

Enkler, „aber was Liebe sein kann, was sie darunter verstehen, und wie sie sie

gestalten, ist ja kein unabänderlich feststehendes psychisches Kontinuum. Sie

ist nicht zuletzt abhängig von der Gesellschaft, in der sie sie erleben und

suchen. Ich denke schon, das es Liebe war, was sie in ihren Beziehungen erlebt

haben. Was soll Liebe mehr sein, als die Lust und das Verlangen, sich

gegenseitig auszutauschen. Warum es bei ihnen allerdings so schnell

verblasste, da werden sie doch wohl ihren Therapeuten fragen müssen, wenn

sie nicht wünschen, dass es ihnen bis an ihr Lebensende ein Rätsel bleiben

möge.“ erklärte Frau Enkler und lachte. „So ein dummer Spruch, nicht wahr?

Meistens wissen die Leute es schlicht nicht, aber wenn es ein Rätsel bleibt,

dann haben sie sich schon bemüht.“ meinte ich. „Ja, sie waren ein braver

Junge, das hört sich gut an.“ Frau Enkler dazu. „Das hilft mir aber nicht. Es

geht mir nicht darum, ein braver Junge zu sein, ich möchte gern in einer

glücklichen Beziehung leben, wie die anderen auch. Aber da sehe ich keine

Chance für mich. Es wird jedes mal wieder so ablaufen. Eineinhalb bis maximal

zwei Jahre, dann ist es vorbei.“ erklärte ich. „Die anderen leben in einer

glücklichen Beziehung? Was ist das denn für eine Chimäre? Alle möchten es

gern, aber bei der Mehrzahl klappt es nicht. Sie können das doch nicht

generalisieren, dass es sich bei ihnen so entwickeln muss, weil sie es zweimal

so erlebt haben. Vielleicht sollten sie ein wenig zurückhaltender und

skeptischer sein, wenn sie wieder bei einer Frau, die sie am Nachmittag

kennenlernen, am Abend die Große Liebe entdecken.“ riet mir Frau Enkler.

Rose und Grischa

Ich traute mir trotzdem nicht. Eine neue Beziehung würde ich so schnell nicht

riskieren. So mit Frau Enkler, sich einmal in der Woche treffen, das gefiel mir.

„Sie kommen ja auch immer allein zum Essen. Mag ihr Freund keine Steaks?“

wollte ich scherzten. „Sie Schelm, sagen sie mir doch mal, bitte, wie sie heißen.

Ich habe nur gehört, dass Susanna sie Grischa nennt.“ reagierte Frau

Enkler. „Wenn sie möchten, können sie mich auch so nennen. Mir würde es gefallen,

mein Nachname ist Wolff.“ antwortete ich. Frau Enkler schien kurz zu

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überlegen. „O. k.,“ sagte sie dann, „Rose heiße ich mit Vornamen.“ „Nach Rose

Ausländer oder nach der Blume?“ fragte ich. „Das weiß ich nicht. Meine Mutter

hat mich nur immer Röschen genannt, und das habe ich entsetzlich gehasst.“

Frau Enkler dazu. Als Susanna abräumte, fuhr sie mir mit ihrem Handrücken

über die Wange. Ein wonniges Lächeln formte ihre Mimik. „Schön, dass du da

bist.“, sagte sie nur und ging. Frau Enkler schaute amüsiert. „Mögen sie sich?“

fragte sie. Puh, was sollte ich denn jetzt sagen? „Nein, wir mögen uns nicht?“

Ich blies die Luft durch die fast geschlossenen Lippen. „Ich finde Susanna sehr

nett und sie mich wohl auch, aber sonst ist da nichts.“ erklärte ich es. So, wie

ich es gesagt hatte, schien Frau Enkler es nicht zu glauben. Das sagte ihre Mimik,

aber Worte verlor sie dazu nicht. „Von ihrem Freund wollten sie mir noch

erzählen.“ erinnerte ich, nicht zuletzt um die Beschäftigung mit Susanna zu

vermeiden. „Grischa, das musst du verstehen. Über meine Beziehungen möchte

ich nicht reden. Das ist mir zu privat. Ich lebe allein und fühl mich wohl dabei.

Reicht das?“ erklärte Frau Enkler mit leichtem Lächeln. „Das muss ich noch

lernen.“ meinte ich, „Ich fühle mich nicht unwohl, erleide nicht permanent

Qualen, aber als schön kann ich es noch nicht empfinden, allein zu sein.“ „Ich

bin ja fast nie allein. In der Uni gibt es kein Alleinsein. Hier, beim Essen habe

ich meine Ruhe gesucht, obwohl hier auch alles voller Menschen und Hektik ist,

aber ich bin nicht darin involviert wie Susanna zum Beispiel. Jetzt empfinde ich

es aber als sehr angenehm, wenn wir uns beim Essen unterhalten können. Sollen

wir das nicht öfter tun? Hättest du auch Lust dazu? Ich könnte dich anrufen,

wenn ich essen gehe und wenn du kannst kommst du auch. Sollen wir das

so machen oder möchtest du lieber nicht?“ schlug Frau Enkler vor. „Ja, ich würde

mich auch darauf freuen, das gefiel mir sehr gut.“ meinte ich dazu. Wie gut,

jetzt brauchte Susanna mich nicht mehr zu informieren. Nur mein Geld. Hoffentlich

würde Frau Enkler nicht so oft essen gehen. Ich könnte ja sagen, dass

ich keine Zeit hätte aber ich wollte ja selbst, nicht nur wegen Frau Enkler.

Verwirrte Oper

Warum ich mich darauf freute, Susanna zu sehen, wusste ich nicht. Es war einfach

so. An einem Waschtag wirst du auch schon mit der entsprechenden Stimmung

wach, sie hält sich den Tag über und verändert sich nicht. Wenn aber

schon morgens im Bett deine Freundin liebevoll und zärtlich zu dir war, konnte

das den Level deiner Stimmung um mehrere Stufen anheben, und wenn ihr

euch morgens schon geliebt hattet, war es kein Waschtag mehr, auch wenn du

die gleiche Arbeit zu tun hattest, das veränderte alles. Fisch zu essen, bereite

mir nach wie vor Freude, aber so gut wie mir der Fisch auch schmeckte, einen

Zugang zu meiner Seele hatte er offensichtlich nicht. Susanna brauchte mir

nur einen Blick zu schenken, schon schienen alle Türen geöffnet. Allein zu

wissen, dass ich heute Susanna treffen würde, ließ meine Stimmung bereits

am Morgen eine Wolke höher steigen. Ich konnte nur feststellen, dass es so

war, was es zu bedeuten hatte, wusste ich nicht, und ich wollte es nicht

wissen. Es konnte doch nicht sein, dass ich mich in Susanna verliebt hatte,

wieso denn? Im Grunde hatte sie mich von Anfang an beschäftigt und unser

Treffen im Parkcafé hatte es massiv verstärkt. Hatte ich vielleicht nur Mitleid

mit ihr, der gute Mensch wollte ihr helfen? So war es auf keinen Fall. Dass sie

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ihr Studium abbrechen wollte, dass sie einsam war, das alles sah ich gar nicht,

wenn ich mich auf Susanna freute. Was ich sah, das kann ich nicht richtig

benennen, einen lebendigen, lachenden Menschen, der ein Teil von mir war,

von meinen Wünschen, von meinen Visionen. Ich wollte mich keinesfalls in

Susanna verlieben, dafür war sie viel zu schade. Wie eine Sonnenblume schien

sie mir, die ihren großen Blütenteller extra zu mir drehte und den Wind mit

ihren gelben Blättchen eine Melodie für mich intonieren ließ. Jetzt war sie

einsam, eine Beziehung zu mir würde sie zerstören. Es gab doch so viele nette

Männer und nicht nur geile Böcke, die sofort ihre Bedürfnisse anmeldeten. Na

ja, so viele, das wusste ich eigentlich gar nicht, aber Mausi, Charly und Roger,

meine Freunde, wären bestimmt anders. Was war denn eigentlich mit Roger, er

hatte doch auch keine Freundin. Ob ich ihn mal zum Essen einladen sollte. Er

wäre bestimmt ein besserer Freund für Susanna als ich. Als ich es aber in

meinen Vorstellungen zu konkretisieren versuchte, gefiel es mir überhaupt

nicht. Ich durfte sie nicht lieben, aber Susanna abgeben, an einen anderen

Mann? Mein Herz würde es mir brechen. So sah ich es zumindest in meinen

Vorstellungen. Alles Quatsch, törichte Gedanken. So sah die Oper aus: Auf der

Bühne würde ich Frau Enkler lieben und Susanna bildete das Orchester und

ließ es die bezauberndsten Melodien spielen. Ich war völlig verwirrt.

Die Lust am Leben

Mindestens einmal in der Woche so teuer essen, dafür konnte ich zwei Wochen

in der Mensa dinieren. Darauf war mein Salär nicht zugeschnitten. Ein billigeres

Apartment, nur von der Miete sah ich nichts. Meine Eltern überwiesen sie. Einsparen

konnte ich nur sehr geringe Beträge. Es reichte einfach nicht aus. Wenn

ich weiterhin so oft essen gehen wollte, brauchte ich mehr Geld. Bezahlen

konnten meine Eltern es sicher, nur verstieß es gegen ihren Ehrencodex, wie

man als Student zu leben hätte. Wenn ich sagen würde: „Ich brauche mehr

Geld, damit ich öfter in teuren Restaurants essen gehen kann.“ hätte ich damit

allenfalls Lachsalven ausgelöst. Dann habe ich doch von meiner neuen Freundin,

einer Professorin, erzählt. Zur Aufrechterhaltung und Pflege des zarten

Pflänzchens unserer Liebe müsse ich öfter mit ihr essen gehen. Das könne ich

aber nicht bezahlen. Mit sehr gemischten Gefühlen bekam ich schließlich Geld,

weil man ja nicht für das Ende der Beziehung zu der Professorin verantwortlich

sein wollte. Nur musste ich jetzt damit rechnen, dass sie sich ständig nach

dem Verhältnis erkundigen würden. Ihr böser Sohn hatte sie total belogen.

Sollten sie nicht so engstirnig und kleingeistig sein, dann hätte ich ihnen ja

sagen können, dass ich süchtig nach Susanna war, die aber keinesfalls meine

Geliebte werden durfte, und die ich nur im Restaurant treffen konnte. Warum

eigentlich? Ich könnte sie doch auch an der Uni besuchen. Frau Enkler wusste

natürlich auch nicht, was Susanna wann belegt hatte. „Fragen wir sie doch

einfach mal.“ schlug sie vor, und Susanna sagte, was sie in diesem Semester

mache. „Es ist im Grunde mein viertes Semester. Das vorige war so gut wie

verloren. Du müsstest für die Klausur pauken, und dann rufen sie an, ob du

nicht kommen kannst. Da brauchst du die Klausur gar nicht mitzuschreiben.“

erklärte Susanna. Niemand sagte etwas, was sollte man zu so

unverständlichem Verhalten auch sagen. Verstehen konnte man es nur, wenn

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man von Susannas Sicht der Dinge wusste. Als ich nach einem Seminar vor der

Tür stand, konnte Susanna es nicht fassen, viel mir um den Hals und drückte

mich. „Was machst du?“ fragte sie fast zart und süß mit lachender Mimik und

leicht vorgereckten Kopf. Ich sagte auch nichts, freute mich nur über ihr

sonniges Gesicht. „Du hast so viel Schlimmes von der Uni erzählt, da muss ich

das doch mal über prüfen.“ begründete ich mein Erscheinen. Die Sonne

verschwand nicht mehr aus ihrem Gesicht. „Wenn du jeden Tag hier wärst,

könnte ich bestimmt alles ertragen. Ich würde mich bei dir beklagen, und du

könntest mich verstehen.“, meinte Susanna schließlich. Verstehen? Ihr

Verhalten schiene mir sicher nicht plausibel, aber verstehen würde ich Susanna

grundsätzlich, gleichgültig was sie tat. „Da vorne sind die Büros. Da sitzt auch

deine Freundin, die könntest du ja auch mal besuchen.“ scherzte Susanna.

Was mich bewegt hatte, herzukommen, musste ich bei einem Kaffee erläutern.

„Du bist hier eben viel billiger als beim Fisch, sogar völlig kostenlos kann ich

dich anschauen.“ es folgte eine gewichtige Pause, und sie ernst anblickend fuhr

ich fort, „Ich mag dich äußerst gern, Susanna, aber mit der Liebe zwischen

uns, daraus kann das nichts werden.“ erklärte ich in bedenklichem und leicht

bedauerlichen Tonfall. Susanna schaute mich nur staunend an. „Du meinst, gut

verstehen das reicht für eine potentielle Studienabbrecherin, oder?“ fragte sie

dann mit leicht hämischem Grinsen. „Wie redest du, Susanna? Ich kann das

nicht. Unsere Liebe wird zerbrechen und nach kurzer Zeit ist nichts mehr da.

Das will ich nicht. Das möchte ich mit dir nicht erleben, dafür bist du zu

schade.“ erläuterte ich. „Deshalb willst du die Liebe nicht herein lassen? Du

bist sicher, dass sie dir gehorcht. Ein unzähmbarer Vogel sei sie, sagt man. Bist

du dir ganz sicher, dass du es merkst, wenn sie kommt. Vielleicht ist ist sie

schon da, du siehst es nur nicht. Ein wenig blind für das, was du nicht sehen

willst. Kann das sein?“ fragte Susanna. „Ich habe zweimal eine Freundin

gehab, wir waren verliebt, meinten es wenigstens, es dauerte nicht lange, da

war von Liebe nichts mehr zu spüren. Das ist entsetzlich, es ist traurig und

enttäuschend. Das möchte ich mit dir nicht erleben.“ erläuterte ich es näher.

„Du würdest mich also lieben, wenn du eine Garantie hättest, dass es so

bliebe?“ erkundigte sich Susanna und lachte laut, „Grischa, ich rede vielleicht

dummes Zeug, wenn ich erzähle, warum ich nicht weiter studieren will, aber

was und wie du über die Liebe redest, ist wenigstens genauso schwachsinnig.“

kommentierte es Susanna. „Sag du es mir, was Liebe ist und wie sie geht.“

forderte ich sie auf. Susanna lachte schallend. „Ich erkläre dir, was Liebe ist

und wie man sie macht, ja? Woher soll ich das wissen. Ich weiß nur, dass sie

lebt, dass sie dein Leben ist und niemals ein Zustand sein kann, den du jetzt

erreicht siehst und halten willst. Wie öde, jeden Tag das gleiche, das gibt es

gar nicht, das kann nichts werden. Ich stelle es mir wie einen Prozess vor, wie

alles im Leben, ein Prozess mit der nicht enden wollenden Sucht, sich

auszutauschen, mit allen möglichen Fantasien, Visionen und Geistern die in dir

sind. Die Lust am Leben, das starke Bedürfnis, dein Leben mit dem Liebsten

oder der Liebsten zu teilen, sich gegenseitig zu erkennen und zu vermitteln.

Das empfindest du einfach, ist einfach da. Für deine Beschlüsse und

Regulierungen haben die Gefühle der Liebe nur taube Ohren, sie folgen dir

nicht, sind nicht zähmbar.“ stellte Susanna es dar. Trotzdem wollte ich es nicht.

Die Angst, ja fast Sicherheit, dass es sich wieder so entwickeln würde, konnte

Susanna mir nicht nehmen. So würde ich es eben machen, so war ich Liebe

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gewohnt, ich war eben nicht in der Lage, anders damit umzugehen.

Der Engel in dir

Aber Recht hatte Susanna schon, L'oiseaux rebelle, der unzähmbare Vogel L'amour

hatte sich längst bei uns niedergelassen. Unendlich viele Variationen, wie

Menschen mit Liebe umgehen, wie sie ihre Liebe praktizieren gibt es, nur sich

einmal in der Woche als Bedienung und Gast in einem Restaurant zu treffen,

gehörte dabei sicher nicht zu den verbreiteten Usancen. Auch wenn Frau Enkler

nicht angerufen hatte, wenigstens einmal in der Woche musste ich unbedingt

Susanna sehen, das erforderten die Produktionsbedingungen meiner Neurotransmitter

aufs Schärfste. Wir begrüßten und verabschiedeten uns immer mit

Umarmung und Kuss. Wenn Frau Enkler auch zum Essen kam, war es natürlich

zusätzlich auch beim Essen lustig und spannend. Sie befasste sich vornehmlich

mit aktuellen, sozialphilosophischen Themen, über die wir losgelöst von der

Wissenschaftlichkeit populär diskutieren konnten. Das gefiel mir nicht nur sehr

gut, ich lernte auch äußerst viel in wichtigen, sonst von mir viel zu wenig beachteten

Bereichen. Ich hatte den Ehrgeiz, Frau Enkler jede Woche ein neues

Gedicht von Rose Ausländer vortragen zu können, über das wir uns dann unterhielten.

Frau Enkler hatte kaum mehr gewusst, als dass sie eine Schriftstellerin

war. Ich hatte Rose Ausländer in der Schule mit dem Gedicht „Sprache“

kennengelernt, und war fasziniert. Persönlich hatte ich mich näher mit ihr beschäftigt

und liebe sie auch heute noch. Frau Enkler gefiel das Gedicht „Sprache“

auch sehr gut. Wir erkannten beide, dass es die Liebe an sich thematisierte

und nicht nur die zur Sprache:

Sprache

Halte mich in deinem Dienst

lebenslang

in dir will ich atmen

Ich dürste nach dir

trinke dich Wort für Wort

mein Quell

Dein zorniges Funkeln

Winterwort

Fliederfein

blühst du in mir

Frühlingswort

Ich folge dir

bis in den Schlaf

buchstabiere deine Träume

Wir verstehen uns aufs Wort

Wir lieben einander

Frau Enklers Favorit wurde das Gedicht „Der Engel in dir“:

Der Engel in dir

Der Engel in dir

freut sich über dein

Licht

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weint über deine Finsternis

Aus seinen Flügeln rauschen

Liebesworte

Gedichte

Liebkosungen

Er bewacht

deinen Weg

Lenk deine Schritte

engelwärts

Wir beschlossen, dass es so sein müsse und nicht anders sein könne, als dass

Frau Enklers Vorname mit Rose Ausländer in Verbindung stehe. Ich bestellte

etwas, Susanna kam ganz dicht mit ihrem Kopf zu mir und wollte mir etwas ins

Ohr flüstern. Ich drehte meinen Kopf, und Susanna kam auch mit ihrem Mund

zu meinem Ohr, nur ich hörte nichts, sondern verspürte plötzlich Susannas

Zungenspitze in meinem Ohr. „Susanna!“ brachte ich nur lachend in einem

Tonfall hervor, der ein leicht vorwurfsvolles „Was machst du denn?“ beinhalte.

Frau Enkler schmunzelte amüsiert. „Hat Susanna dir etwas Schweinisches ins

Ohr geflüstert.“ erkundigte sie sich lachend. „Ach, viel schlimmer. Ich mag es

gar nicht wiederholen.“ ich darauf ebenfalls lachend. „Ich mag euch auch sehr,

Susanna und dich, süß seid ihr beide. Ich habe eine Reihe von Bekannten und

Freunden, von denen ich auch sagen würde: „Wir mögen uns.“, nur ein Verhalten

wie zischen euch beiden will sich da einfach nirgendwo entwickeln.“ erklärte

Frau Enkler mit schelmischer Mimik. „Nein, nein, sie haben ganz Recht, da

ist schon mehr. Wir mögen uns sehr gern, so gern, dass Susanna mir für eine

Liebesbeziehung mit Grischa zu schade ist.“ erläuterte ich. „Grischa, Grischa,“

bekam ich mit mahnenden Beiklang zu hören, „wenn du Susanna liebst, dann

liebst du sie. Das kannst du nur konstatieren, ob du dazu eine Liebesbeziehung

gegründet hast, ist völlig schnuppe. Dein Gefühl regiert deine Emotionen und

nicht dein rationales Wollen und Planen. Ihr müsst ja nicht zusammen leben,

nur sich ein wenig häufiger, als einmal in der Woche beim Fischessen zu treffen,

könnte ich im Falle der Liebe schon für angezeigt halten.“ lautete ihre Ansicht

und in ihrer lustigen Mimik spielte auch der frech ironisierende Mund mit.

Als meine Geliebte würde ich Frau Enkler keineswegs bezeichnen, aber eine

nette Bekannte, die Rolle hatte sie schon lange nicht mehr. Auch wenn wir uns

nur einmal in der Woche zum Essen trafen, gehörte sie zu meinem Leben. Ich

hatte Lust, mich mit ihr auszutauschen, sie freudig zu stimmen, mit ihr zu

lachen. Mit meiner Beziehung zu Fiona und Leonie war das nicht zu

vergleichen. Ich freute mich immer wieder erneut, Rose Enkler zu erleben. War

das auch Liebe? Gewiss. Anders, aber menschlich viel tiefer und wertvoller als

ich sie aus meinen Beziehungen gewohnt war. Es war keine Liebe zwischen

Mann und Frau, das spielte keine Rolle, da konnte Frau Enkler noch so

intensive erotische Ausstrahlung zeigen.

Liebe ist Hoffnung

Was sollte ich tun? Etwas ganz anderes beginnen? Mich da involvieren? Intensiv

Sport treiben? Für's Marathonlaufen trainieren? Vielleicht gab es viele unter

den Marathonläufern, die dadurch irgendetwas anderes in sich, falsche Liebe

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 20 von 28


oder Liebesverluste, besiegen oder einen Akt der Selbstüberwindung zelebrieren

wollten. Mir das Fischessen abgewöhnen? Andere leckere Speisen entdecken,

zu denen ich nicht ins Restaurant Sonnenberg brauchte? Ja, ich müsste

mich selbst besiegen. So einen Unsinn überlegte mein Kopf, dem die Angst vor

dem Verlauf der Liebe nicht zu nehmen war. Wie sollte ich denn in der Lage

sein, es anders zu machen. Ich kannte doch keine Wege. Mein Bauch, oder

wenn es wirklich das Herz ist, in dem sich die Gefühle am stärksten entwickeln,

wollten davon nichts hören. Bei ihnen war alles von Susanna besetzt. Beim Marathonlaufen

an etwas anderes zu denken, würde sie mir sowieso nicht erlauben.

Die Überlegungen quälten mich schon. Wurde ich aber wach, und wusste,

ich würde heute ins Restaurant gehen, lief die Endorphinproduktion auf Hochtouren,

nahm mir jedes schmerzliche Qualgefühl und dopte mich auf high sein.

War meine psychische Harmonie gestört? Kann schon sein, nur empfand ich

davon nichts, wenn ich Fischessen gehen konnte und Susanna erlebte. Zum

Glück würde ich in den Semesterferien nicht immer zu Hause sein oder müsste

in Urlaub fahren, ein weiteres Praktikum stand an. Susanna erkundigte sich

scherzhaft über meine Therapieerfolge. Ich solle mal zur Rezeption gehen, da

habe jemand nach mir gefragt, unterbrach mich eine Krankenschwester beim

Blutdruckmessen. „Eine Frau, sie sitzt im Besucherraum.“ erklärte man mir.

Wer würde mich hier aufsuchen? Ich vermutete schon was, und tatsächlich saß

dort Susanna. Ich freute mich, aber mir standen die Tränen in den Augen. Dass

mir vor Freude oder Glück die Augen feucht wurden, hatte ich in meinem Leben

bislang noch nie erfahren. Ganz tief musste es mich anrühren, wie Susanna

mir eine Freude bereiten wollte. „Ich bin noch nicht fertig mit dem Blutdruckmessen.

Kann ich das gleich fortsetzen? Ich würde gern mit Frau Bergmann

kurz in die Cafeteria gehen.“ fragte ich die Oberschwester. „Lassen sie

mal. Das machen wir schon.“ reagierte die. „Du könntest mir ja mal den Blutdruck

messen.“ scherzte Susanna auf dem Weg zur Cafeteria. „Der wird bei

uns beiden jetzt bestimmt zu hoch sein, vermute ich.“ lautete meine Reaktion.

„Mhm,“ signalisierte Susanna Zustimmung, „komm, drück mich doch mal.“ forderte

sie mich auf. „Hier gibt’s keinen Pflaumenkuchen, aber Apfelkuchen mit

Sahne ist auch nicht schlecht.“ meinte ich an der Theke. Susanna konnte

nichts von dem Angebotenen animieren. „Ist eben nicht Sonnenberg oder

Parkcafé. Madame ist Besseres gewohnt.“ kommentierte ich ihre Entscheidung.

„Ich könnte ja krank werden, und du würdest mich behandeln. Nur was müsste

ich denn haben, damit ich auf deine Station käme?“ wollte Susanna wissen.

„Dann doch lieber nicht.“ entschied sie lachend, als ich es ihr erzählte. „Ich bin

noch nie krank gewesen, die ganzen zweieinhalb Jahre noch nicht, sonderbar.“

fiel Susanna erstaunt ein, „Wenn du unzufrieden bist, wirst du doch eigentlich

schneller krank, oder?“ fragte sie mich. „Das Restaurant wird dich immer

gesund halten.“ vermutete ich, allerdings mit einem Schmunzeln. „Das

verstehst du nicht, Grischa, du machst dich lustig darüber. Als du mich nach

meinem Blick, der die strahlende Hoffnung sieht, gefragt hast, und ich etwas

mit dem Restaurant erzählt habe, hast du auch deine Witze gemacht. Ich frage

mich nur, wo dein Blick denn die strahlende Hoffnung sieht. Sieht er sie in dem

tollen Biochemiker, der engagiert in ein Projekt involviert ist, die

kompliziertesten Rätsel löst und Aufgaben bewältigt, fleißig ist für den Erfolg

seiner Firma oder seines Instituts? Und wenn er die Türen der Firma oder des

Instituts hinter sich schließt, hat er noch viel zu tun, muss privat alles

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 21 von 28


egulieren und organisieren. Und die strahlende Hoffnung? Wo soll sie sein? Er

bewältigt seinen Alltag, wie alle es tun. Graue Gewohnheit ist es, von

Strahlenglanz nichts zu erkennen. Und Liebe, das kann er ja nicht, das weiß er

doch. Ein Blick, der strahlende Hoffnung sieht? Defätismus pur ist das, nichts

anderes, Grischa.“ klärte Susanna mich auf. Ich schwieg. Unrecht hatte sie ja

nicht. So ähnlich würde mein Leben bestimmt aussehen, würde meine

Anerkennung in Erfolgen bei der Arbeit für andere suchen. Natürlich hatte ich

Freunde, die mir wertvollere Anerkennung schenkten, aber Liebe? Ich wollte

sie ja, suchte sie, würde ja gern hoffen, dass alles anders würde, nur worauf

sollte das denn basieren? „Ich gebe dir ja in gewisser weise Recht, Susanna.

Ich will das so auch nicht, nur woher sollte denn der Funke für die Hoffnung

kommen?“ fragte ich schließlich. „Was du sagst ist keine Hoffnung, du willst

Sicherheit, Gewissheit, dass es anders wird. Zur Liebe passt das nicht. Liebe ist

Hoffnung, Erwartung, Vertrauen, dass sich Wünsche und Visionen

verwirklichen. Zu sagen: „Ich liebe dich, aber ich weiß, dass es nicht

funktioniert.“ ist schizophren. Was ist das für eine Liebe, an die du nicht

glaubst? Wenn du keine Liebe hast, ist das nicht nur eine Form der Beziehung

zu einer Frau, dein Leben ist ein anderes. Wenn du keine Hoffnung auf ein

glückliches Leben mit einer Frau hast, nimmst du dir die zentrale Hoffnung für

dein gesamtes glückliches Leben. Hoffnung braucht keine Bescheinigungen und

Sicherheiten. Wenn du hoffst, gesund zu bleiben, gehst du nicht vorher zum

Arzt.“ vermittelte mir Susanna. Bestimmt hatte Susanna Recht, vielleicht fehlte

mir die Hoffnung, aber ich sah es eher als Angst, dass mein Wunsch, meine

Hoffnung nicht erfüllt würde.

Kündigung

Wir trafen uns wieder wie meistens zu Steak und Fisch am Freitagmittag im

Sonnenberg. Susanna erklärte lachend und stolz: „Ich war ganz tapfer. Am

Dienstag. Ich habe es abgelehnt zu kommen. Ich könne jetzt nicht, hätte keine

Zeit. Dem Geschäftsführer habe ich es am nächsten Tag erklärt. Ich hätte noch

an meinem Referat arbeiten müssen, andernfalls würde ich den Schein nicht

bekommen haben. Den bekäme ich hier auch nicht. Ich sei jederzeit bereit,

aber in solchen Momenten habe das Studium eben Vorrang. Er hat mir zugestimmt,

sah es auch so.“ Der Geschäftsführer war Ökonom und ließ sich im

Restaurant so gut wie nie blicken. Wenn jemand den Chef sprechen wollte,

wurde immer der Chef-Koch geholt. Dass es da noch einen Geschäftsführer

gab, wusste sicher kaum jemand. Sprachlos kam ich mir vor. Wollten meine

Ohren hören, dass Susanna erklärt hatte, das Studium sei ihr wichtiger als das

Restaurant? Und das wollte sie einfach abbrechen? Die Phase dieser Gedanken

schien wohl ohne ein Wort, ohne jede ausdrückliche Benennung überwunden.

Frau Enkler sah es auch so, wunderte sich und konnte sich den Sinneswandel

bei Susanna nicht erklären. Erklären konnte ich ihn auch nicht, aber etwas zu

spüren, meinte ich schon. Etwa einen Monat später kam Susanna an den Tisch

und erklärte lachend: „Ich werde jetzt Anschaffen gehen. Im Restaurant will

man mich nicht mehr, vielleicht gibt es ja gut bezahlende Männer, die mich

wollen.“ Sie wurde ernst und erläuterte es: „Man hat eine zusätzliche, feste

Stelle für eine Bedienung eingerichtet. Der Geschäftsführer hat sie mir sofort

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 22 von 28


angeboten. Top Qualität als Kellnerin im Sonnenberg, ist das nichts?“ suchte

Susanna lachend Bestätigung, „Es habe sich so gut entwickelt, dass es mit einer

Aushilfskraft nicht mehr zu bewältigen sei, hat er gesagt. Direkt hatte es

mit meiner Absage vielleicht nichts zu tun. Ein Aushilfe ist natürlich günstiger,

wenn sie jederzeit zur Verfügung steht als eine feste Kraft, die ihre geregelten

Dienstzeiten hat und auch für die Zeit bezahlt werden muss, in der nicht so viel

anliegt. Dass sie jemanden wie mich nicht wiederfinden würden, eine Frau, die

nicht auch mal studieren muss, haben sie wohl richtig eingeschätzt. Nur was

mache ich denn jetzt? Ich brauche doch das Geld. Wo gibt es denn andere

Jobs, die für mich in Frage kämen?“ Dass Susanna keineswegs damit zufrieden

war, oder sich sogar über die Entwicklung freute, stand fest, aber schrecklich

niedergeschlagen oder hilflos wirkte sie auch nicht. „Susanna, mit einem guten

Zeugnis vom Sonnenberg, stehen dir doch die Türen aller First-Class-Häuser

offen. Stell dir vor, du würdest im Restaurant des Excelsior bedienen. Da könntest

du dann den VIPs aus aller Welt den Fisch bringen und nicht nur so lokalen,

verkannten Größen wie diesem Grischa.“ empfahl Frau Enkler und lachte.

Ich blieb bis nach der Mittagszeit. Susanna hatte noch für sich ein Soufflé und

für mich ein Eis organisiert. „Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Das stört

doch in deinem Kopf, wenn du zusätzlich noch an die Arbeit denken musst. Ich

meine man müsste frei sein, um sich voll auf das Studium einlassen zu können.

Dann bekommst du auch ein anderes Bild, dein Studieren stellt sich dir

anders dar. Du kannst dich in einiges involvieren, du wolltest doch Soziologie

studieren, du hast doch Vorstellungen gehabt, hast dich doch darauf gefreut.

Ich denke, nur wenn du frei bist, hast du auch die Chance, deine Interessen

wahrzunehmen, sie zu erkennen und dich darin wiederzufinden, dich als Studentin

zu sehen, dich damit zu identifizieren und dir nicht mehr wie ein Niemand

in einer beziehungslosen Welt vorzukommen.“ lautete meine Ansicht zu

Susannas Suche nach Arbeit. „Dafür am Hungertuche nagen, in Sack und

Asche gehen, nur gebrauchte Klamotten bezahlen können, ein Leben auf der

Jagd nach den Superpreisknüllern, sieht so der Blick in die strahlende Zukunft

für dich aus?“ wollte Susanna scherzend wissen. „Na klar, eng wird es schon

werden, aber wenn du Geld brauchst, solltest du die Semesterferien dazu

benutzen.“ kommentierte ich. Ich musterte Susanna. Was mir alles durch den

Kopf lief, kann ich gar nicht auseinanderhalten, alles bunte Perspektiven,

Visionen und Erscheinungen. Ob ich es wirklich völlig ernst meinte, was ich

dann sagte, kann ich nicht beurteilen. „Oder du ziehst einfach zu mir, dann

hast du die Miete schon mal gespart.“ verkündete ich kühn. Susanna schien

gar nicht zu wissen, was sie hörte. „Ah ja,“ versuchte sie ganz nüchtern ernst

zu bleiben, „und den Herd, den Kühlschrank, den Schreibtisch und das Bett

hätte ich dann auch gespart, nicht wahr?“ kommentierte sie und prustete los.

„Was hast du für Fantasien, Grischa? Ist ganz plötzlich deine Hoffnung

explodiert? Ganz sterben kann sie ja nie, das glaube ich schon. Auch in

dunkelsten Zeiten braucht es nur einen Funken, um sie wieder zum Leuchten

zu bringen. Hoffnung gab es für mich auch nicht. Du willst sie ja, suchst sie im

Beruflichen und sonst wo, nur das ist vergebens. Ich habe dir gesagt, dass ich

dich als netten Menschen ansah und dich deshalb nicht vergessen hätte. So

war das nicht, da war etwas anderes. Ich habe mich fast von Anfang an

gefreut, dich zu sehen. Ganz ohne Grund. Ich kannte dich kein winziges

Stückchen, sah dich nur, hörte deine Stimme und erlebte dich beim Bestellen,

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 23 von 28


aber wenn du kamst, empfand ich es, als ob ein Licht angezündet worden sei.

Hoffnung? Worin sollte die denn bestehen? Du vermitteltest mir nur das

Gefühl, dass es sie geben könnte, wie wundervoll es wäre, die Hoffnung

leuchten zu sehen. Worin meine Hoffnung bestehen sollte, wusste ich nicht.

Dass sie nur im anderen Menschen zu finden und die Suche im Materiellen

vergeblich ist, war mir klar. Später wurde es schon konkreter. Ich hoffte, in

deinen Gedanken vorzukommen, hoffte, dass du mich mögen würdest, dass du

dich auf mich freutest. Dann ist die Realität der Hoffnung vorausgeeilt, nur du

wolltest sie nicht wahrhaben, nicht akzeptieren. Und jetzt? Jetzt hoffst du, dass

wir zusammen leben können, und alles ganz anders werden wird, als du es

erfahren hast? Ist das nicht sehr kühn und waghalsig? Nimmt deine Hoffnung

da nicht auf einmal einen zu großen Schluck?“ befürchtete Susanna. Wir

starrten uns an, und das Lächeln unserer Mimik ließ erkennen, wie nahe wir

aneinander waren.

Erste Liebe versus Neuer Frühling

Begrüßungsküsschen hatte es immer gegeben, wir hatten uns umarmt und gedrückt,

sonst aber noch nie berührt. Ohne ein Wort, einer geheimen Absprache

gleich, näherten sich unsere Gesichter einander, und jeder legte seine Wange

an die des anderen. Viel intimer als sich küssen, was wir anschließend taten,

war es. Nicht nur eine körperlich sensible Berührung der Lippen, unsere tiefsten

Empfindungen für einander schienen gemeinsam zu kommunizieren.

Mediale Kräfte mussten es sein, die wir so miteinander austauschten. Als ob

Susanna mir dadurch eine andere geworden wäre, meine Susanna, die in mir

war, und die ich jetzt auch körperlich empfand. Beinahe hätten wir es vergessen

uns zu küssen, so selig sonnten wir uns an. Susanna schminkte sich auch

schon die Lippen nicht mehr. Wir hatten darüber nur scherzend gealbert, aber

gewirkt hatte es offensichtlich trotzdem. Frau Enkler, die Gründerin einer

Bewegung für den Urmundkult, für natürliche, reine Lippen? Beim Anblick des

Gesichts wirken geschminkte Lippen vielleicht auffälliger und erotischer, beim

Küssen aber kann die Natur durch nichts überboten werden. Das musste

erotisches Empfinden sein, Susannas Lippen im natürlichen Urzustand zu

küssen, Sinnlichkeit pur. „Ich weiß doch auch nicht, wie wir es machen sollten.

Dass wir immer zusammen sein könnten, habe ich mir schon gewünscht und

es gehofft, nur ich hatte Angst, zu große Angst, dass sich die Hoffnung nicht

realisieren ließe. Vielleicht bin ein ängstlicher, ein schwacher Mensch. In der

Vergangenheit hat mein Blick stets die strahlende Hoffnung gesehen. Nie gab

es Grund daran zu zweifeln. Alles ist bei mir glatt verlaufen, ernsthafte

Probleme kannte ich nicht. Wenn ich etwas für richtig hielt und es wollte,

konnte ich es auch in die Tat umsetzen. Nur mit Fiona, da lief es plötzlich ganz

anders. Ob ich es für richtig hielt und es wollte, war eine bedeutungslose

Frage, es machte es einfach mit mir und nahm mich völlig ein. Dass es mit

Fiona zerbrach, schmerzte und tat innerlich weh, aber es war auch die

eindringlichste Erfahrung, dass nicht alles glatt laufen musste, dass es auch

Versagen und herbe Enttäuschung geben kann. Verliere, was du dir vorstellen

kannst, nichts ist alles wert, nur der Verlust von Liebe und Verbundenheit mit

einem anderen Menschen kränken wirklich. Dies noch einmal erfahren zu

FischDie Hoffnung stirbt nie – Seite 24 von 28


müssen, war eine Horrorvorstellung, und trotzdem bin ich einfach wieder so

hineingeschlittert. Das gleiche Szenario, die gleichen Konsequenzen. Vor Liebe

kannst du dich nicht schützen, das glaube ich auch, aber meine Erfahrungen

waren persönlich das Härteste was ich erleben musste. Und davor habe ich

eben Angst, große Angst.“ erklärte ich mich. „Ich kenne deine Liebesopern ja

nicht, aber lässt sich Liebe denn wiederholen? Kann es denn zweimal die

gleiche Liebe geben? Ist Liebe nicht jedes mal anders, völlig anders? Muss sie

das nicht zwangsläufig sein?“ vermutete Susanna. „Vermutlich hast du Recht,

natürlich war Leonie ein völlig anderer Mensch als Fiona, aber suchst du nicht

automatisch die Strukturen deiner ersten Liebe, in der du Liebe kennengelernt

hast wieder?“ wand ich ein. „So werden wir das aber nicht machen. Wir werden

es machen, wie ich es will. Und wie will ich es?“ Susanna lachte, „Grischa, ich

will mit dir leben. Ein neuer Frühling in deinem Leben soll es sein. Du brauchst

Fiona und Leonie nicht zu vergessen, aber obwohl wir es auch Liebe nennen

werden, was uns verbindet, wird es damit nichts zu tun haben. Es ist ein

anderer Teil deines Lebens, ein neuer Teil deines Lebens, den wir gemeinsam

kreieren werden. So sehe ich es. Ich will von dir viel mehr, als nur geliebt

werden, verstehst du?“ Ich schmolz in Wonne und hätte Susanna am liebsten

gleich mit nach Hause genommen, aber da zeigte sich schon das andere.

Susanna hätte es niemals getan.

Kopulierende Seelen

Seitdem Susanna nicht mehr zu arbeiten brauchte, verbrachten wir jede freie

Minute gemeinsam. Natürlich musste sie auch meine Freunde kennenlernen.

Warum Gina sie so intensiv drückte und mich dabei anlachte, war für mich kein

Rätsel, aber Susanna war schon erstaunt. Sie meinen Eltern vorstellen und Susanna

als Soziologieprofessorin auftreten lassen? Elegant und seriös konnte sie

schon wirken. In den Zeiten von Kant und Hegel hätte sie durchaus Professorin

sein können, aber heute war sie dafür einfach zu jung. Ich hatte auch überhaupt

keine Skrupel mehr gegenüber meinen Eltern. Frau Enkler später mal

heiraten zu wollen, hatte ich ja nie behauptet, aber dass es auch Liebe war,

was uns verband, war nicht zu bestreiten. Gemeinsam hatten wir im Sonnenberg

Susannas Kündigung gefeiert. Die anderen begrüßten sie herzlich, und jeder

wollte gern etwas für sie tun. Der Chefkoch kam selbst und teilte uns seine

persönlichen Empfehlungen für heute mit. Zum ersten mal gab es für mich im

Sonnenberg keinen Fisch und für Frau Enkler kein Steak. Und demnächst?

Würden wir unsere gemeinsamen Essen einstellen? Keinesfalls, warum? Aber

Susanna, sollte sie vom Bafög im Sonnenberg essen gehen, oder sollte sie

etwa zu Hause bleiben. Beim nächsten mal sei sie Frau Enklers Gast, erklärte

die. Daraufhin lud ich Susanna für's übernächste mal ein, und so, mit abwechselnden

Einladungen, wollten wir's in Zukunft halten. Lange dauerte es nicht,

bis Susanna auch abends nicht mehr nach Hause ging. Von ihr war es ausgegangen,

sie wollte immer mehr und ich dachte dabei an ihre Furcht vor den

Männern, die jedes mal zu schnell von ihr etwas wollten. „Susanna, ich würde

ja auch schon gern, aber sollten wir nicht ein wenig vorsichtig, lieber etwas zurückhaltender

damit umgehen?“ mahnte ich zu vorläufiger Enthaltsamkeit. Susannas

Kopf lag auf meiner Schulter, und während sie ihre Fingerspitzen über

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meine Brust gleiten ließ meinte sie: „Grischa, in Liebe sind wir immer vereint.

Unsere Seelen kopulieren ständig miteinander, aber wir genießen es ja auch,

uns zu küssen und zu streicheln. Ist das nicht ein Zeichen, dass auch unsere

Körper bei der Liebe nicht außen vor bleiben wollen, dass sich unsere Liebe danach

sehnt, den anderen ganz und umfänglich zu lieben, mit allem was er ist?

Gehört da nicht ganz dringend auch das, was ich von dir anfassen, berühren

und spüren kann dazu? Alles andere wird dabei nicht unbeteiligt sein. Der

Mensch Grischa kennte keine Aufteilung in Körper, Seele, Geist oder so. Er ist

immer alles gemeinsam. Wenn wir uns lieben, dürfen wir dabei unsere Körper

nicht vergessen.“ Das taten wir in Zukunft auch nicht mehr.

Innere Stimme

Susanna brauchte ihr Zimmer nur noch als Aufbewahrungsort für ihre Utensilien

und zum Arbeiten. Mit vielem wohnte sie schon bei mir. Erfüllte

Hoffnungen? Gewiss. Unser beider Leben entsprachen in fast nichts mehr dem

früheren.

Krone des Lebens,

Glück ohne Ruh',

Liebe, bist du!

Wir konnten Goethes Ansicht nur voll bestätigen. Gute Freunde zu haben ist

ein reicher Schatz, aber dein Verlangen, Liebe zu geben und zu empfangen,

können sie nicht befriedigen. Ich meinte, dazu nicht mehr in der Lage zu sein,

hatte die Hoffnung aufgegeben, aber verhielt es sich bei mir nicht ähnlich wie

bei der hoffnungslosen Susanna. Du hoffst und merkst es gar nicht. Offensichtlich

gibt es etwas in dir, das nicht ohne Hoffnung leben will. Als ich von Susannas

Absichten hörte, ihr Studium aufzugeben, hoffte ich, dass sie es nicht tun

würde. Warum nicht? Rationale Erklärungen gab es dafür keine. Ich hoffte

ohne irgendwelche konkreten Anlässe auf den Menschen Susanna. Auch wenn

es mit meinem Erkennen und Verstehen nichts zu tun hatte, erfüllte es mich

voll. Das Bedürfnis nach Liebe und die Suche danach trägt jeder Mensch in

sich, ein Verlangen nach Hoffnung nicht weniger. Gleichgültig was davon dein

Bewusstsein erreicht.

Und was die innere Stimme spricht,

das täuscht die hoffende Seele nicht.

Drückte es Schiller aus. Meine Stimme hätte immer gesagt, dass es mir besonders

wichtig sei und mir den Tag versüße, wenn ich im Restaurant Sonnenberg

den köstlichen Fisch genießen könnte. Heute, da ich meine innere Stimme ein

wenig besser verstehen kann, stellt sich meine persönliche Rankingliste völlig

anders dar. Der Fisch schmeckt mir immer noch sehr gut, nur das ist eine andere

Kategorie. Meine Liebe mit Susanna, meine Beziehung zu Frau Enkler und

das Verhältnis zwischen mir und meinen Freunden belegen die vorderen Rangplätze

und sind durch nichts zu überbieten.

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FIN

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Tant qu'il y a de la vie, il y a de l'espoir.

Heute Abend habe ich mehr Luft. Ich komm gleich mal vorbei und bring was

mit.“ erklärte Susanna. Sie hatte eine Flasche Wein und zwei Gläser

mitgebracht. „Was studierst du? Nicht bei Frau Enkler, nicht war?“ erkundigte

sie sich. „Nein, in die habe ich mich nur verliebt.“ stellte ich nüchtern fest.

Susanna platzte los. „Na ja, sehr nett ist sie schon, aber du bist ja ein Mann,

du fährst bestimmt mehr darauf ab, das sie einen Vamp Eindruck vermittelt,

oder?“ erklärte Susanna unter Lachen. „Du scheinst offensichtlich nicht nur zu

wissen, welchen Fisch ich gerne esse, sondern auch welche Frauen ich gern

mag, aber solange Frau Enkler immer ihr Steak haben will, kann das mit uns

nichts werden, glaube ich.“ lautete meine Ansicht. „Du suchst dir also Frauen

nach Geschmacksrichtung aus. Dann müsste deine Freundin doch auch gerne

Fisch essen. Du bringst sie aber nie mit, kommst immer alleine.“ bemerkte

Susanna. „Ich habe zur Zeit gar keine Freundin. Wir haben uns getrennt, aber

nicht wegen Fisch.“ klärte ich Susanna auf, „Deshalb bin ich ja auch so scharf

auf Frau Enkler.“ „Oh je, da weiß man nie. Verheiratet ist sie zwar nicht, aber

wirkt die nicht, als ob sie jeden Abend einen anderen verbrauchen könnte?“

erklärte Susanna und lachte. „Vielleicht, bezeichnet man das dann als

erotisch?“ wollte ich wissen. „Schon möglich, wirke ich denn auch erotisch auf

dich?“ erkundigte sich Susanna lachend. „Erotisch, ich weiß gar nicht was das

genau ist, aber mit dir würde ich mich sowieso nicht einlassen, einer

Studienabbrecherin, was soll das denn für eine Perspektive haben?“ erklärte

ich. Warum ich das jetzt gesagt hatte, wusste ich selbst nicht, vielleicht weil es

im Zusammenhang mit Susanna immer in meinem Kopf war, aber im Moment

hätte ich die Worte am liebsten sofort wieder zurückgeholt. Augenblicklich

machte Susanna ein Gesicht, als ob es das Sonnige, Lachende, Alberne dort

nie gegeben hätte. Sie sagte nichts, starrte mich nur mit großen Augen an und

ihr Mund zeigte eine ernste und strenge Mimik.

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