Die Rolle der indianischen Frau Nordamerikas ist wohl wie kaum ein

fundus.woeste.org

Die Rolle der indianischen Frau Nordamerikas ist wohl wie kaum ein

5

10

15

20

25

30

35

40

45

50

Die Rolle der Frau in indianischen Gesellschaften

Einleitung:

Die Rolle der indianischen Frau Nordamerikas ist wohl wie kaum eine andere so verkannt worden,

selbst noch in unserer Zeit gibt es hartnäckige Vorurteile über ihre Stellung in der indianischen

Tradition. Weil sie immer am Arbeiten war, immer "gebückt" über dem Kochkessel oder

irgendwelchen Fellen stand, sich um den Haushalt, die Kleider kümmerte, immer die Lasten trug,

sich um die Kinder kümmerte und und und...ist sie als devote Sklavin, als "unmündiges Bündel"

ihres Mannes dargestellt worden. Die Frau hatte für die Bequemlichkeit des Mannes zu sorgen,

während er faul im Schatten des Zeltes oder der Hütte saß, wenn er nicht gerade jagte oder kämpfte.

Sicher, es gab auch solche Frauen, während es demgegenüber Frauen gab, die wie Prinzessinnen

behandelt wurden; aber das waren Ausnahmen. Meist war das Leben nordamerikanischer

Ureinwohnerrinnen irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt. Die Frau

war Partner des Mannes, die ihren Teil der Pflichten erledigte und er die seinen. Und dabei übte die

Frau natürlich mehr oder weniger Einfluss auf ihren Mann aus. Aus heutiger Sicht betrachtet,

erscheinen vielen von uns die Aufgaben der Indianerfrau niedrig, machen doch überall auf der Welt

die Männer Geschichte. Dabei war die Aufgabenverteilung sinnvoll und nicht dogmatisch.

Indianische Frauen waren sich ihrer Rolle als Lebensspendende und der damit verbundenen

Hochachtung seitens der Männer durchaus bewusst. Nicht umsonst ist der Begriff Erde in den

meisten indianischen Sprachen weiblich und bedeutet Mutter, die die Leben gebärt. Was haben denn

die Frauen der weißen Invasoren getan? All das, was die Indianerfrau auch tat, nur dass ihre "rote"

Geschlechtsgenossin mehr Sicherheiten und Unabhängigkeit besass. Die Eingeborenenfrau musste

nicht befürchten, vielleicht zu verhungern oder von Almosen zu leben, wenn ihr Mann plötzlich

starb, denn die Gemeinschaft ihres Stammes und vor allem ihre Verwandten, welche ständig da

waren, kümmerten sich um sie. Man kann also keinesfalls sagen, dass die indianische Frau eine

untergeordnete Rolle in der Geschichte der Indianer spielte, im Gegenteil, wie diese Weisheit der

Cheyennen am Ende meiner Einleitung beweist:

Ein Volk ist so lange nicht erobert, wie die Herzen seiner Frauen stark sind. Dann aber ist es aus

und vorbei - einerlei, wie mutig die Krieger und wie stark ihre Waffen auch sein mögen. Pubertät:

Wer in das Kapitel über die indianische Erziehung geschaut hat, wird wissen, dass Erziehung der

Mädchen von Kind an eine Vorbereitung auf ihr Leben als Frau und vor allem Ehefrau war.

Der Eintritt in ihr Leben als Frau begann für die Mädchen durch das Einsetzen ihrer ersten Blutung.

Wie für viele Mädchen auf der ganzen Welt, war es auch für das Indianermädchen ein

beunruhigendes Ereignis trotz sorgfältigster Aufklärung. Aber für viele junge Indianerfrauen war es

auch eine Zeit der Freude hinsichtlich der Pubertätsriten, die bei den meisten Stämmen auf dieses

Ereignis folgten, die oft einhergingen mit der Einhaltung vieler Verpflichtungen, Tabus und Rituale.

Solche Tabus waren z.B. fast überall das Kratzen mit den Fingernägeln, es sollte einen eigens dafür

angefertigten Kratzstab verwenden, oder ein anderes Tabu war das Trinken des Wassers nicht auf

die übliche Weise, sondern es sollte nur durch eine Art Strohhalm oder Röhrenknochen trinken. Bei

den Tlingit an der Nordwestküste z.B. durfte dieser Knochen nur der Flügelknochen eines Weißkopf

- Seeadlers sein (die pubeszenten Tlingit-Mädchen mußten überdies bis zu einem Jahr lang

abgesondert vom restlichen Dorf leben und ihre Hütten nur bei Nacht verlassen). Andere

Schutzmaßnahmen bei den verschiedenen Stämmen waren: dass die Mädchen nicht ins Feuer

schauen durften, damit die Sehkraft bis ins hohe Alter erhalten bleibt (Quinault); daß sie ihre

Nahrung nicht selbst wählen durften, damit sie nicht gefräßig würden (Flathead); sie durften sich

nicht mit kaltem Wasser waschen, damit sie sich nicht erkälteten (Pomo) oder sie durften sich

andersherum nicht mit heißem Wasser waschen, damit sie keine Falten bekämen (Havasupai). Die

Isolation der Mädchen bei einigen Stämmen während ihrer rituellen Einführung war trotz der

wichtigen Rolle bei den Pubertätsriten und der dadurch empfundenen Freude für viele sehr

unangenehm. Doch bei den meisten Stämmen ob Disziplinierungsphasen bzw. Abgeschiedenheit

oder nicht, gab es Feste und freudvolle Zeremonien, die von Stamm zu Stamm sehr unterschiedlich

waren.


55

60

65

70

75

80

85

90

95

100

Diese Riten, Tabus und Verpflichtungen bedeuteten aber auch einen wichtigen Schritt im Leben

einer jungen Indianerfrau, die damit körperlich bereit war (moralisch wurde sie ja meist schon viel

früher darauf vorbereitet), ihren Platz als Ehefrau und Mutter an der Seite eines Mannes

einzunehmen.

Nach Erreichen des Status einer erwachsenen Frau konnte geheiratet werden. Heirat war in der

indianischen Tradition selbstverständlich, die Frau gehört zum Mann, war seine Ergänzung, beide

ergaben ein Ganzes. Für unverheiratete Frauen gab es keinen Platz, obwohl es solche Ausnahmen

gab, die man aber meist belächelte. In manchen Stämmen ließ man den Frauen Zeit mit der Heirat,

damit sie geistig reifen und sich handwerklich noch vervollkommnen konnten und so auch

Gelegenheit hatten, umworben zu werden. Andere Stämme wiederum verheirateten die jungen

Mädchen unmittelbar nach Erreichen der Pubertät, damit sie auch ja als Jungfrauen in die Ehe

kamen. Diese Mädchen erfuhren selten das Glück der Brautwerbung und hatten kaum Gelegenheit,

Kontakte zu jungen Männern zu pflegen, wie bei den Fox und den Papago beispielsweise.

Brautwerbungen verliefen bei den indianischen Völkern Nordamerikas recht unterschiedlich. Ein

weit verbreitetes Mittel der Werbung war Flötenmusik, da sie für Frauen als verführerisch galt.

Auch Liebeszauber wurden eingesetzt, wobei es bezeichnend ist , dass die ausgefeiltesten in den

Gesellschaften praktiziert wurden, in denen Trennung der Geschlechter und die Behütung der

heiratsfähigen Mädchen am stärksten ausgeprägt war. Liebeszauber konnten Fetische sein,

Stofffetzen der Angebeteten oder Rituale, die von einer befähigten Person durchgeführt wurden.

Vorehelicher Geschlechtsverkehr war meist unerwünscht oder regelrecht untersagt (Cheyenne-

Mädchen wurde deshalb ein Seil um die Hüften geschlungen und zwischen den Beine

hindurchgezogen und fast bis zum Knie umwickelt), allerdings gab es in dieser Frage tolerante

Stämme wie die Comanchen.

Heirat bedeutete in vielen Indianergesellschaften eine Übereinkunft der Familien des zukünftigen

Paares meist aus wirtschaftlichen Erwägungen. Die Wahl der Eltern fand oft natürlich nicht die

Zustimmung der Bertoffenen, aber in solchen Fällen kam die Mythologie zum Tragen, denn diese

bekräftigte mit Geschichten diesen Brauch der arrangierten Eheschließung und kannte schlechte

Beispiele für solche, die diese Wahl nicht hinnehmen wollten. Manche Mädchen, die partout nicht

diesen Mann heiraten wollten, liefen weg oder "brannten" mit ihrem Geliebten durch. Doch bei

einigen Stämmen kam es vor, dass die Mädchen sich ihren Partner erwählten und sie ihm die Ehe

antrug (Hopi).Ob nun Liebesheirat oder nicht, die meisten Indianervölker kannten

Heiratszeremonien, die allerdings sehr unterschiedlich waren. Sie reichten von verschwenderischen

Festen bis hin zur einfachen Bekanntgabe der Heirat durch Einzug der Tochter in die "Wohnung"

ihres Mannes. Die Heirat war auch nicht ein religiöses Sakrament, sondern ein Vertrag zwischen

zwei Personen oder ihren Familien. Die Heiratszeremonien dienten lediglich der Bekanntgabe der

Eheschließung an den Rest der Gemeinschaft. Vielfach wurde für die Frau ein "Brautpreis bezahlt"

(allerdings nur bei der ersten Heirat der jungen Frau oder zumindest solange sie noch jung war). Bei

der Höhe des Brautpreises spielte oft das Ansehen der Familie der Braut eine wichtige Rolle.

Allerdings kaufte der junge Mann seine Frau nicht, sondern schuf mit diesen Geschenken

Bündnisse und legitimierte die Ehe, zumal in vielen Stämmen die Geschenke von den Brauteltern

erwidert wurden.

Mit der Liebe zwischen indianischen Paaren verhielt es sich wie überall. Manche kamen sehr gut

miteinander bis ans Lebensende aus, andere wiederum (oft bei arrangierten Ehen) bildeten nur eine

wirtschaftliche Gemeinsamkeit nicht ohne Kinder, oder lernten sich im Laufe der Zeit zu lieben.

Natürlich konnte sich eine indianische Frau meist ohne Schwierigkeiten scheiden lassen. Entweder

ging sie samt Kinder einfach zu ihrer Familie zurück, oder wenn das Paar bei den Eltern der Frau

lebte, forderte sie den Mann zum Auszug aus. Scheidungen waren aufgrund arrangierter Ehen

relativ häufig. Bei den Gros Ventre oder den Flathead war es für eine Frau schwieriger, sich zu

trennen; nur wenn sie offensichtlich grob vernachlässigt wurde, konnte sie zu ihrer Familie

zurückkehren bzw. erst einmal ein anderes Lager besuchen. Teilweise mussten bei Scheidungen die

Geschenke zurückgegeben werden. Geschiedene Frauen konnten jederzeit wieder heiraten.


105

110

115

120

125

130

135

140

145

150

155

Nicht ganz so einfach war es für Witwen. In vielen Indianergemeinschaften erwartete man von ihr,

dass sie den Bruder oder einen nahen Verwandten des Verstorbenen heiratete (genannt Levirat),

sobald die offizielle Trauerzeit vorbei war, (umgekehrt sollte ein Witwer möglichst die Schwester

seiner verstorbenen Frau heiraten, sofern er sie nicht schon vorher zu einer seiner Frauen gemacht

hatte, genannt Sororat). Dies diente ausschließlich der Versorgung der Frauen, denn sie bedeutete

wirtschaftliche Sicherheit für die Frau. Allerdings konnten in vielen Stämmen die Frauen ihren

neuen Partner selbst wählen, so dieser einverstanden war.

Sexualität wurde von indianischen Frauen als natürlich begriffen und empfunden. Sie gehörte zu

den natürlichen Dingen wie Hunger, Durst, Mystik, Leben und Tod. Deshalb gab es auch kaum

Prüde oder Nymphomanen unter den Indianern, obwohl die Normen für akzeptables

Sexualverhalten von sehr eng gesteckten Grenzen bis zu Freizügikeit reichten. Sexualität war etwas

Selbstverständliches; trotzdem war in vielen Stämmen die Auffassung tief verwurzelt, der

Geschlechtsakt mindere die Kraft des Mannes.

Aus diesem Glauben heraus entwickelten sich eine Reihe von Tabus im Zusammenhang mit der

Sexualität. Solche Richtlinien waren notwendig, damit die Stammesgemeinschaft reibungslos

"funktionierte" und die Familie intakt blieb. Wenn Sex eine vorherrschende Rolle spielen würde,

versäumten es die Partner möglicherweise, ihren jeweiligen Pflichten nachzugehen. Davon

abgesehen durften die Tabus und Normen aber auch nicht zu streng sein, damit sie eingehalten

werden konnten. Enthaltsamkeit gehörte zu einer dieser Regeln. Sie war oft Bedingung für eine

erfolgreiche Jagd oder einen erfolgreichen Kriegszug (Spitzensportler kennen dies bestimmt auch

vor einem großen Wettkampf) und bei vielen religiösen Zeremonien, wobei die Dauer der

Enthaltsamkeit von Stamm zu Stamm variierte. Die Verknüpfung von Enthaltsamkeit mit der

Nahrungsmittelversorgung konnte man z.T. bei vielen Stämmen beobachten. So erforderte das

religiöse Zubereiten bestimmter Nahrung (beispielsweise das Sammeln und die Zubereitung der

Agave bei den Apachen) das Unterlassen des Geschlechtsverkehrs.

Es gab auch noch andere Tabus oder Ängste, wie z.B. bei den Navajos und einer Gruppe der

Shoshonen, denen der Blick auf die Genitalien Krankheit oder Blitzschlag einbringen konnte und

deshalb tunlichst vermieden wurde. Bei diesen Stämmen vollzog sich deshalb wahrscheinlich der

Geschlechtsakt meist im Dunkeln und in Bekleidung.

In einer Gesellschaft, die sehr eng zusammenlebte und nicht viele Möglichkeiten der absoluten

Privatsphäre besaß, war das Inzesttabu sehr wichtig, wie bei vielen Naturvölkern der Welt, wenn

auch der Begriff als solcher unterschiedlich definiert und dementsprechend unterschiedlich bestraft

wurde. Um einen Inzest von vornherein zu vermeiden, traf man verschiedene Vorkehrungen;

verbreitet war die Trennung von Bruder und Schwester ab einem bestimmten Alter, das Verbot des

miteinander Redens von Geschwistern oder die Schaffung von Scherzbeziehungen, wie

beispielsweise bei den Central-Algonkin. Dort war die Beziehung zwischen Frauen und ihren

Schwägern, zwischen Männern und ihren Schwägerinnen durch intensiven, betont freudvollen

Umgang mit Necken gekennzeichnet, das oft sexuell durchdrungen und sogar obszön sein konnte,

nur berühren durfte man sich nicht. Bei vielen Stämmen, wo die Ehepartner nachträglich

feststellten, dass sie doch miteinander verwandt waren, mussten sie sich unverzüglich trennen.

Absichtlich begangener Inzest wurde meist hart bestraft, in manchen Fällen sogar mit dem Tod.

Allerdings kannten einige Kulturen der nordamerikanischen Indianer den Inzest zwischen

Verwandten als Bestandteil ihrer Kultur. Eine Pawnee-Frau diente dem Sohn ihrer Schwägerin als

Sexualpartner bis zu seiner Verheiratung und die Hopi-Frau konnte offen sexuelle Beziehungen zu

ihrem Neffen pflegen. Obwohl vor, während und nach vielen heiligen Ritualen sexuelle

Enthaltsamkeit angeraten wurde, war oft eben diese Sexualität Bestandteil der rituellen Tänze,

immer im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit, nicht nur die Fruchtbarkeit der Frau, sondern die

der Mutter Erde, es ging um Gebete für reiche Erträge, um Wild, Wildpflanzen u.a.

Ob das Küssen schon vor Kolumbus aufkam oder erst durch die Weißen ist nicht eindeutig

nachgewiesen, jedenfalls hat es sich rasch verbreitet. Manche Stämme waren dabei zurückhaltender,

andere küssten sich nicht in der Öffentlichkeit, einige praktizierten den Zungenkuss.


160

165

170

175

180

185

190

195

200

205

Treue war eine Tugend bei den meisten Kulturen der Indianer Nordamerikas. Die Frauen wurden

manchmal als Besitz betrachtet, wurde dementsprechend Ehebruch seitens der Frau häufig hart

bestraft, in extremen Fällen konnte die Frau von ihrem Mann getötet werden. Oft wurde sie

äußerlich gebrandmarkt, indem man ihr Haare, Nasenspitze, Lippen oder Ohren abschnitt, sie mit

roter Farbe beschmierte u.a. Andere Stämme wie die liberalen Hopi oder auch die Crow

betrachteten diese Sache etwas gelassener, wobei die Crow-Frauen zumindest ihr Ansehen verloren.

Außerdem galt auch bei den Indianern das Prinzip des "was ich nicht weiß...", was sich

zugegebenermaßen schwierig gestaltete in solch engen Gemeinschaften.

Einige Gruppen kannten den institutionalisierten Frauentausch, teilweise durch den "Frauenraub"

rivalisierender Bünde eines Stammes, aber verbreiteter war das Prinzip des Ausleihens zu sexuellen

Zwecken.

Andererseits hatten viele Indianerfrauen kaum Spielraum, um gegen untreue Ehemänner

vorzugehen, eher konnten sie etwas gegen die Nebenbuhlerin unternehmen, oft wurde ihnen aber

nahegelegt, Stillschweigen zu bewahren. Natürlich konnten die meisten dieser Frauen ihre Männer

verlassen, aber wenn er seine Familie ansonsten sehr gut versorgte, überlegte sie sich das natürlich

gut.

Anders sah es mit Vergewaltigung in der eigenen Gemeinschaft aus (nicht die Vergewaltigungen bei

den Überfällen feindlicher Gruppen). Dies war kein Kavaliersdelikt mehr, im Gegenteil,

Vergewaltigung galt als schweres Sexualdelikt und wurde fast überall geächtet, deshalb kam sie

wohl kaum vor. Bestraft, sogar gerächt wurde sie fast überall.

Indianer kannten auch die Prostitution (vor Kolumbus aber sehr selten) und lesbische Liebe, wobei

die Reaktionen darauf von Besorgtheit und Respekt bis zu Wut und Ekel reichten.

Wie Sie sehen (lesen) können, waren die Indianer kein ausschweifendes, sexlüsternes Volk, aber

auch nicht frigid und prüde, eher würde ich sagen wollen "anständig", immer unter dem Aspekt,

dass alle sexuellen Gepflogenheiten, Tabus, Regeln und Zeremonien mit der geistigen und

wirklichen Weltvorstellung der Indianer im Einklang standen.

Die Erhaltung des Lebens, darauf war die gesamte Arbeit der Indianerfrau ausgerichtet. Sie

betätigte sich als Sammlerin, Pflanzer, Köchin, Gerberin, Näherin, Hausbauer, Krankenpflegerin,

Mutter, Ratgeberin, Partnerin und Wohltäterin Armen gegenüber. Wenn sie all dies tat, fühlte sie

sich eins mit Mutter Erde, sah sie in den Pflichten ihres Alltags einfach nur die Aufgaben, die

Frauen eben erledigten, so wie vor ihr die Mutter es tat und nach ihr die Tochter es tun würde.

Dabei fühlte sie sich natürlich nicht als die "Hausfrau" wie wir es oft tun. Wie anstrengend die

Arbeit sein mochte, die Indianerfrau empfand es nicht erniedrigend, im Gegenteil: Kinder gebären,

großziehen und ihren Töchtern wieder bei der Geburt und Erziehung der Kinder helfen, das gehörte

für sie zum Kreislauf des Lebens.

Ihre Arbeit verrichtete die Indianerfrau meist in Gesellschaft von anderen Frauen, da die

Aufgabengebiete beider Geschlechter meist klar getrennt in Frauen- und Männerarbeit bestand.

Manche Arbeiten wie Hausbauen oder Kleidernähen für die Männer wurde in einigen Stämmen von

Frauen, in anderen Stämmen von Männern erledigt. Der Mythos des Aschenbrödels oder Sklavin

des Mannes basiert sicher auf den Berichten weißer Forscher, die eben nur sahen, dass die Frauen

sich plagten, während die Männer faul herumlungerten oder Glücksspiele spielten, oder dass sie gar

vollgepackt mit Kindern an der Hand hinter ihrem Mann herlief, der natürlich nichts trug. Dabei

sahen diese Forscher nicht die anstrengenden langen Nächte der Lagerwache, die Tage, Wochen

oder gar Monate, die die Krieger fern von zu Hause unter großen Entbehrungen auf der Jagd oder

dem Kriegszug waren. Der Mann war für den Schutz und die Versorgung der Familie verantwortlich

und wenn er dies nicht tat, konnte ihn die Frau in vielen Fällen einfach verlassen, ohne befürchten

zu müssen, dass sie und ihre Kinder verhungerten.

Die täglichen Arbeiten einer Indianerfrau bestanden selten im ausgiebigen Putzen. Sauber gemacht

war aufgrund der Umstände und "Einrichtung" ihres Hauses, Hütte oder Tipi schnell, meist fegen,

Decken aufschütteln und abwaschen. Nach einer Heirat baute sie sich natürlich erst einmal ihre


210

215

220

225

230

235

240

245

250

255

260

gemeinsame "Wohnung" und fertigte die Haushaltsgegenstände an, die sie benötigte: Hornlöffel,

Körbe, Töpfe, Nadeln, Schabstöcke, Harken u.v.a. Die meiste Zeit verbrachte die Indianerfrau bei

der Arbeit, die zur Produktion der Nahrung der Familie erforderlich war. Also Sammeln von

Wurzeln, Beeren, Nüssen, Ahornsaft uvm. pflanzen von Mais, Kürbissen, Bohnen u.a. erjagtes

Wild zerlegen; ernten; trocknen; mahlen oder zerstoßen der getrockneten Nahrung; konservieren der

Nahrung; Wasser und Holz bzw. Brennmaterial holen; kochen der Nahrung. Obwohl die

Nahrungsvorräte meistens den Frauen gehörten, wurde selten "gehortet" und die Etikette verbat

ihnen, Hungrigen Essen zu verweigern, denn Großzügigkeit und Gastfreundschaft waren

hochgeschätzte Tugenden in fast allen nordamerikanischen Indianerkulturen.

Bei den Bodenbau betreibenden Völkern wurde die Feldarbeit meist von den Frauen erledigt, aber

bei den Pueblogruppen des Südwestens (Hopi, Zuni u.a.) gingen die Männer auf die Felder, da sie

in ihrer Funktion als Jäger nicht voll ausgelastet waren.

Darüber hinaus fertigte die Frau die Kleider für sich und ihre Kinder und meist auch für ihren Mann

an, webte Teppiche (z.B.Navajo) oder töpferte (z.B. Hopi), flocht Körbe (z.B. Pomo), kurz gesagt:

Frauen sesshafter Völker beschäftigen sich neben ihrer Hausarbeit und Kindererziehung oft noch

mit kunsthandwerklichen Dingen.

Überhaupt kann man sagen, dass Frauen sesshafter Stämme, vor allem auch die der Bodenbauer,

einen höheren gesellschaftlichen Status innehatten als die Frauen nomadisierender Stämme. Das

mag auch mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit dieser Frauen zusammenhängen, wenn ihnen

vielleicht die Felder, das Vieh, das Heim oder die Nahrungsvorräte gehörten oder wenn einfach

genug Nahrung vorhanden war und die Nahrungsbeschaffung sich nicht so schwierig gestaltete wie

beispielsweise bei den Stämmen der Nordwestküste. Doch natürlich gab es Frauen, die von ihren

Männern wirklich unterdrückt oder nicht hoch geschätzt wurden, wie u.a. bei den Chippewayn im

subarktischen Norden oder bei den Yurok in Nordkalifornien. Doch haben auch diese Frauen sich

kaum darüber beklagt oder einfach nur aufgegeben; nein, sie stellten ihre gesellschaftliche Position

nicht in Frage, vielleicht auch weil sie es nicht anders kannten oder sich Verfügungsgewalten bei

der Erziehung der Kinder und in den alltäglichen Arbeiten aneigneten.

Ob unterdrückt oder höchst geachtet, die indianische Frau hatte kaum Probleme mit

Selbstverwirklichung, mit Selbstfindung u.ä. wie viele der heutigen Frauen der Industriestaaten

unserer Welt. Sie war sich ihrer Rolle durchaus bewusst und wusste, dass sie genauso gebraucht

wurde in der Gemeinschaft wie der Mann, indem sie ihren Teil der Arbeiten gern verrichtete, und

darauf war sie stolz.

Trotz aller anstrengen Arbeiten blieb der eingeborenen indianischen Frau Zeit zur Erholung, zum

Spiel und zu Vergnügen. Beim Verrichten ihrer alltäglichen Pflichten hatte die Indianerfrau kaum

Gelegenheit sich nach außen zu bestätigen, außer vielleicht durch ihre gut erzogenen Kinder, die ihr

Ansehen erhöhten. Deshalb entwickelten die meisten indianischen Frauen eine Kunstfertigkeit bei

der Herstellung oder Verzierung von Gegenständen des täglichen Bedarfs. Auch indianische Frauen

hatten ein ästhetisches Empfinden und umgaben sich gern mit schönen Dingen, obwohl diese selten

um der Kunst willen gemacht wurden, sondern auch einen praktischen Verwendungszweck hatten.

Die Talente einer Frau in handwerklicher Kunst wurden hoch geachtet von den Kennern dieser

jeweiligen Handwerkskunst. So gab es die schon erwähnte Korbflechterei, die Töpferei, die

Weberei und Stachelschwein-Borsten-Verzierung und Perlstickereien. Das Korbflechten ist eines

der ältesten Handwerke und war für viele Indianerfrauen das vorherrschende Mittel künstlerischen

Ausdrucks. Einige der besten Korbflechter lebten in Kalifornien wie die Pomo, Atsugewi, aber auch

Hopi, Karok, Paiute, Navajos und vor allem Pima und Papago flochten und flechten noch heute

Körbe. Die Herstellung und Verzierung von Töpferwaren ist ebenfalls Frauenhandwerk gewesen,

allerdings nicht so alt wie die Korbflechterei. Am höchsten war diese Kunst im Mississippital, im

Südosten und bei den Pueblos entwickelt. Umherwandernde Stämme hatten für zerbrechliches Gut

keine Verwendung. Getöpfert wurde nur mit der Hand, Töpferscheiben gab es nicht. Die Hopi-

Frauen beispielsweise sahen die gemeinsame Zeit des Töpferns als wesentlichen Bestandteil ihres

gesellschaftlichen Lebens. Eine weiteres Kunsthandwerk war das Weben schöner Decken, das


265

270

275

280

schon weit entwickelt war, bevor der weiße Mann den amerikanischen Kontinent betrat. Das Weben

war sehr vielen Stämmen bekannt, aber die Chilkat und Tsimshian der Nordwestküste und die

Navajos im Südwesten entwickelten daraus eine wirkliche Kunstform. Im Norden verwendete man

für die Decken anfangs gesponnenen Zedernbast, der später mit Bergziegenwolle versetzt wurde,

im Südwesten benutzte man Schafwolle. Die Stämme der Plains und Prärien und die Stämme des

Ostens verwirklichten sich künstlerisch vor allem durch ihre Stachelschweinborsten- und

Perlarbeiten. Gerade die Kunst des Verzierens mit Stachelschweinborsten erforderte enormes

Fingerspitzengefühl und Geduld. Es gab in manchen Stämmen der Plains sogenannte Quillerbünde

(Stachelschweinarbeiten=Quillworks), denen Frauen angehörten, die besonders gut auf diesem

Gebiet waren und entsprechend hoch geschätzt wurden. Die Perlenstickerei gab es fast überall, aber

die Stämme des Waldlandes mit ihren floralen Mustern und die Stämme der Plains fertigten die

besten Perlstickereien an. Die besten Perlstickereien der Welt stammten und stammen auch heute

noch von den Ureinwohnern Nordamerikas. Doch neben Kunsthandwerk hatte die Indianerfrau

auch andere Vergnügungen, beispielsweise bei Sport und Spiel. Sport und damit durchtrainierte

Körper bedeutete den Frauen ebensoviel wie den Männern, gute Kondition war sogar lebenswichtig,

Müßiggang verpönt. Schwimmen gehörte zu den häufigsten "Sportarten", überall dort wo es Wasser

gab. Außerdem ritten sie gern und um die Wette, veranstalteten Wettläufe oder trugen sogar, wie bei

den Kutchin-Indianern am Yukon, Ringkämpfe aus.

Spiele ließen sich in zwei Arten einteilen: Glücks- und Geschicklichkeitsspiele. Es gab

Federballspiele, Fußballspiele (allerdings ging es hierbei darum, den Ball möglichst oft

hintereinander auf dem Rist aufzufangen); sehr verbreitet war ein Spiel, das mit unserem Hockey

vergleichbar ist, ein anderes weitverbreitetes Spiel namens Doppelball ähnelte dem Shinny.

Außerdem gab es Würfelspiele verschiedener Arten, wobei Knochen, Muscheln, Pflaumenkerne

und Stäbchen als Würfel dienten, Steine "raten", Versteckspiele mit Stöckchen u.v.m.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine