war - Andrea Bolena

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war - Andrea Bolena

Elena blickte über den Basketballplatz zu Jeremy. Sie war

sicher nicht die Einzige. Doch sie war sicher eine der

wenigen, die es bei Blicken beließen. Bäh, sie konnte die

Mädchen, die ihm hinterher liefen, nicht leiden. Sie musste

ja zugeben dass er verdammt gut aussah. Aber das war

schließlich nicht alles was zählte.

Die zweite Halbzeit wurde angepfiffen und die Spieler

kamen wieder auf das Feld. Elena interessierte das Spiel an

sich nicht. Sie war nur hier, weil sie Jeremy beobachten

konnte, ohne dass es auffiel. Mehr war für sie nicht drin. Sie

wollte ihn nicht ansprechen, weil ihm ständig irgendwelche

Mädchen im Nacken hingen. Sie wollte nicht mit denen

konkurrieren.

„Er ist so heiß“, „Er ist so süß“, „Er spielt so gut.“

Schon ging das Geflüster los, bei allen Mädchen, die vor ihr

saßen. Elena verdrehte die Augen, blickte einen Moment auf

die Hinterköpfe der Mädchen, die vor ihr auf der Tribüne

saßen. Sie selbst saß immer von den Anderen getrennt. Zum

einen, weil sie die Mädchen nicht leiden konnte, zum

anderen, weil sie ihre Blicke nicht unbedingt gleich

mitbekommen sollten.

„Er gibt immer sein Bestes“, kam es, ebenfalls aus der Reihe


vor ihr.

Fiel es ihnen wirklich nicht auf? Elena fragte sich das nicht

zum ersten Mal. Er gab nicht sein Bestes, er zeigte nicht

einmal den Bruchteil seiner Geschwindigkeit. Fiel ihnen nicht

auf, dass er sich nicht wirklich anstrengte? Fiel ihnen das

nicht einmal dann auf, wenn sie nach dem Spiel nach unten

liefen, um sich den Spielern an den Hals zu werfen? Sie

selbst war nur einmal mit hinunter gegangen. Sie hatte sich

natürlich niemandem an den Hals geworfen, sie hatte ihn

nur aus der Nähe beobachten wollen – um ihre Theorie zu

überprüfen.

Sie hatte recht gehabt. Die anderen Spieler waren

verschwitzt und fertig. Die Anstrengung des Spiels war ihnen

deutlich anzumerken gewesen. Jeremy hingegen hatte

ausgesehen, als käme er von einem gemütlichen

Sonntagsspaziergang.

„Hi, wie steht das Spiel?“, ertönte plötzlich eine Stimme

neben ihr und riss sie somit aus ihren Gedanken. Elena sah

auf, lächelte ihre Freundin an. Ihre einzige richtige Freundin.

Isabella setzte sich neben sie und warf ihren langen

schwarzen Zopf auf den Rücken. Immer wieder fiel er ihr

über die Schulter nach vorne und diese Bewegung war ein

sehr vertrauter Anblick. Einige Strähnen lösten sich immer


und fielen wirr um ihr Gesicht. Dadurch machte sie ständig

einen etwas ungepflegten Eindruck, was ihr vollkommen

egal war.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Elena, allerdings so

leise, dass es in den Reihen vor ihr nicht gehört werden

konnte.

„Du solltest ihn ansprechen“, forderte Isabella sie auf,

nachdem sie einige Minuten wortlos das Spiel verfolgt hatte.

„Ja, klar“, erwiderte Elena emotionslos.

„Vielleicht hat er die Tussis ja satt und wartet nur auf dich“,

fuhr Isabella fort, ohne den Blick von den Spielern zu lösen.

„Ja, klar“, gab Elena, ebenfalls ohne Betonung, zurück. Wie

oft hatten sie dieses Gespräch schon geführt? Elena wusste

es nicht, sie wunderte sich nur, dass Isabella nicht aufgab.

Denn eigentlich wusste sie sehr gut, warum Elena das mit

Sicherheit nicht machen würde.

Elena hatte mit Isabella einen Platz in der letzten Reihe in

der Klasse. Das war der beste Platz wie sie fand, da konnte

sie alle beobachten, ohne dass es auffiel. Ihr Blick ruhte

ohnehin die meiste Zeit auf Jeremy. Allerdings lief das

zwangsläufig darauf hinaus, dass sie auch alle anderen


eobachtete. Jeremy war der beliebteste Schüler in der

Klasse, wenn nicht der ganzen Schule. Daher scharten sich

immer alle um ihn. Sie verstand ihre Mitschüler echt nicht.

Zugegeben er sah verboten gut aus. Wenn er wollte, könnte

er mit seiner sportlichen Figur, die jeden anderen vor Neid

erblassen ließ und seinem hübschen Gesicht ganz locker als

Model arbeiten. Was Elena an ihm am besten gefiel, waren

seine Augen. Sie waren ungewöhnlich blau, hellblau. Sie

erinnerten sie immer an Eisblumen, die an alten Fenstern im

Winter wuchsen. Trotzdem strahlten sie Wärme aus. Eine

Wärme, die von unbändiger Lebensfreude sprach. Im

Kontrast dazu waren seine schwarzen Haare, die er immer

kurz geschnitten trug. Nur ein paar vorwitzige Strähnen

fielen ihm in die Stirn, manchmal auch über seine Augen. Sie

könnte ihn einfach stundenlang ansehen, ohne dass sie

dessen müde würde.

Er war also gut aussehend.

Er war sportlich.

Er war gut in der Schule.

Er war verdammt reich.

Das waren die Gründe, warum ihm die Mädchen nicht von

der Pelle rückten.


Er war sportlich.

Er war gut in der Schule.

Er war verdammt reich.

Und die Mädchen rückten ihm nicht von der Pelle.

Das waren die Gründe, warum ihn die Jungs belagerten.

Elena war sich jedoch sicher, dass es unter ihnen keine

einzige wahre Freundschaft für Jeremy gab. Es waren alles

nur Speichellecker, die etwas von seinem „Glanz“ abhaben

wollten.

Jeremy schien damit allerdings keine Probleme zu haben, er

war immer charmant. Er war immer gut aufgelegt. Er schien

es zu genießen, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Manchmal stellte Elena sich vor, wie es wäre, wenn sie eines

der Mädchen wäre, die ihn umschwirrten. Doch so recht

wollte ihr das nicht gelingen. Sie war einfach nicht dieser

heuchlerische Typ für so etwas.

„Warum sucht er sich eigentlich nicht eine aus? Dann wäre

dieses ganze Herumgezicke vorbei“, flüsterte Isabella.

„Das glaubst du doch selbst nicht. Dann gibt es Krieg!“,

antwortete Elena leise lachend. Da war sie sich ganz sicher,

denn keine würde akzeptieren wollen, dass seine Wahl auf

eine andere gefallen war. Isabella musste sich die Hand vor


den Mund halten, um nicht laut los zu prusten.

Ein Grund, warum sie sich mit Isabella so gut verstand, war,

dass diese nichts von Jeremy wollte. „Nicht mein Typ“, hatte

sie schlicht gemeint, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte.

Mit ihr konnte sie sich über die Tussen – wie sie den

Schwarm um Jeremy nannten – lustig machen. Mit ihr

konnte sie auch darüber reden, dass sie rettungslos in ihn

verliebt war. Was sie ihr allerdings nicht anvertraute, war

diese Sache mit seiner Geschwindigkeit, die sie

herausgefunden hatte. Warum? Sie wusste es nicht.

Vielleicht weil es ihr lächerlich vorkam, wenn sie es

aussprechen würde.

Jeremy lachte und ihr Blick schnellte wieder zu ihm. Es war

nicht ihr Lachen gewesen. Es war ein bisschen gekünstelt, zu

hoch und aufgesetzt. Ihr Lachen war ehrlich, warm und tief,

fast wie ein Brummen in seiner Brust. Dann zeigten sich

seine Grübchen und seine Augen begannen zu glitzern. Ja,

das war ihr Lachen und sie liebte es. Auch wenn sie es nur

sehr selten zu hören bekam.

Der Lehrer betrat den Klassenraum und der Schwarm löste

sich auf, als alle auf ihre Plätze huschten. Auch Elena

konzentrierte sich auf den Unterricht – es fiel ihr nicht

schwer. Sie war verliebt, richtig verliebt das stimmte, aber es


war nicht so, dass ihre Gedanken nur um ihn kreisten – es

war keine Besessenheit. Es war viel mehr ein sanftes Glühen

in ihr, das ihr zu jeder Zeit gegenwärtig war. Ein

angenehmes, aber nicht besitzergreifendes Gefühl.

***

„Willst du das wirklich durchziehen?“, fragte Elena mit

hochgezogener Augenbraue.

Isabella saß ihr gegenüber, nippte an ihrem Kaffee.

„Natürlich“, erwiderte sie, fast ein wenig eingeschnappt.

„Tschuldige. Ich dachte, das wäre nur so eine Schnapsidee

von dir“, gestand Elena kleinlaut.

Isabella lehnte sich auf der bequemen Bank zurück. Wie so

oft saßen sie in dem Cafe „Latte“. Es war ein Stammlokal der

Schüler, nachmittags ein Cafe, abends eher eine Disco. Dann

wurde der zweite Saal geöffnet, mit Tanzfläche und Bar.

Elena liebte diesen Laden, es war gemütlich und nie so laut,

dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Trotzdem konnte man hier prima hingehen, tanzen, flirten

und so weiter. Nicht dass sie flirtete. Sie würde nur mit

einem flirten und das traute sie sich nicht. Nicht wenn er

ständig umlagert wurde, von den Mädchen, die so sehr um

seine Aufmerksamkeit buhlten. Wie konnte sie da schon


auffallen? Sie hatte bei weitem keinen Minderwertigkeitskomplex,

im Gegenteil. Sie fand sich selbst eigentlich

hübsch, genau richtig groß und schlank. Sie war sogar stolz

auf ihren flachen Bauch, den sie hatte, seit sie regelmäßig

reiten ging. Ihr Haar war zwar nicht so lang wie Isabellas – es

reichte ihr gerade bis zur Mitte des Rückens – doch dafür

war es glatt, seidig und glänzend.

Doch sie donnerte sich nicht auf, sodass sie trotz allem

vermutlich durchschnittlich rüberkam. Es war ihr auch egal.

Für sie wäre es wichtig, dass er sie als Person wahrnahm und

nicht ihr Äußeres, das sie mit allen Mitteln verschönert

hatte, nur damit er einen Blick auf sie warf. Das war nämlich

genau das, was die Mädchen ständig machten, die sich um

ihn scharten.

„Du weißt genau, dass ich die Schule hasse. Dieses ganze

theoretische Geschwafel“, erklärte Isabella.

„Aber abbrechen? Ist das klug?“, warf Elena ein.

„Wieso nicht? Ich will ja nicht auf der faulen Haut liegen! Ich

will einfach eine Lehre machen“, ereiferte sich Isabella

„Wieso hast du das nicht gleich gemacht? Warum nach zwei

Jahren Schule?“, wollte Elena verblüfft wissen.

„Weil meine Eltern dachten, es wäre nur eine Laune“, gab


Isabella zu und verdrehte die Augen.

„Komisch, wieso nur?“, lachte Elena. Isabella hatte

tatsächlich öfter eigenartige Anwandlungen. Da bildete sie

sich ein, etwas unbedingt machen zu wollen und wenn sie

zwei Mal darüber geschlafen hatte, war es wieder vorbei.

„Sehr witzig“, maulte Isabella. Elena wurde wieder ernst.

„Dann sehen wir uns nicht mehr so oft“, meinte sie

nachdenklich und ein wenig traurig.

„Wir sehen uns sicher oft genug! Ich bin ja nicht aus der

Welt. Und das Reiten geb ich nicht auf, da sehen wir uns auf

jeden Fall!“, meinte sie aufmunternd.

„Ja“, bestätigte Elena. Das Reiten war eine gemeinsame

Leidenschaft von ihnen. Dort hatten sie sich auch kennen

gelernt, bevor sie beide an diese Schule gekommen waren.

Sie verfielen in nachdenkliches Schweigen. Elena

beobachtete das Personal, das sich daran machte den Saal

zu öffnen. Wie nicht anders zu erwarten, trudelten kurz

darauf noch mehr Schüler ein. Als sie Jeremy hereinkommen

sah, erwachte das Glühen zu einer kleinen Flamme. Er ging

gleich in den Saal zu seinen Freunden, von denen schon

einige anwesend waren. Es dauerte nicht lange, bis sich auch

der Schwarm gesammelt hatte. Sicher auch ein Grund,


warum er ständig belagert wurde, war, dass er sehr

großzügig war. Sie hatte mitbekommen, dass es nicht selten

war, dass er seine Freunde einlud. Was eigentlich wie ein

Angeben wirken sollte, doch keiner beschwerte sich jemals.

Zumindest hatte Elena noch nichts davon gehört.

„Los lass uns auch tanzen gehen!“, riss Isabella sie aus ihren

Gedanken. Zweifelnd blickte Elena in den Saal und schüttelte

den Kopf. Isabella stöhnte genervt und stand auf. Sie trat

ganz nah an Elena heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Du wirst

noch als alte Jungfrau sterben, wenn du so weitermachst.“

Elena lachte, obwohl Isabella es im Moment vermutlich

wirklich ernst gemeint hatte.

„Also schön“, gab Elena nach. Sie würde Isabella den

Gefallen tun. Es war ja nicht so, dass sie ausschließlich auf

Jeremy fixiert war. Sie konnte sich auch mit anderen Jungs

amüsieren.

***

Etwas war anders. Stirnrunzelnd beobachtete Elena Jeremy

beim Spiel. Es war ihr schon den ganzen Tag aufgefallen. Er

hatte nicht gelacht, nicht gelächelt, kaum gesprochen. Beim

Spielen war er mies, hatte er sonst immer so viel gegeben,


dass seine Mannschaft gewonnen hatte, schien es ihm heute

egal zu sein. Er warf daneben, lief sich nicht frei. Der

Schwarm vor ihr auf den Bänken war in enttäuschtes

Stöhnen ausgebrochen. Als das Spiel vorbei war, gab es kein

hinunter Stürmen, sondern nur ein hinunter Laufen. Elena

blieb noch eine Weile sitzen, beobachtete das vertraute Bild,

dass wieder etwas Falsches an sich hatte. Es schien, als wäre

es Jeremy vollkommen egal, dass die Mädchen zu ihm

kamen. Nein, es schien nicht so, sondern es war eindeutig

so. Denn er wartete gerade solange, bis der Trainer die

Spieler entließ und verschwand dann in den

Umkleidekabinen.

Was war nur los mit ihm? So hatte sie ihn überhaupt noch

nie erlebt. Doch dann zuckte sie die Schultern und stand auf.

Vielleicht hatte er doch einmal einen schlechten Tag. Es war

ja schon fast unnatürlich gewesen, wie gut er immer

aufgelegt gewesen war.

Trotz dieser ihrer eigenen Argumentation, machte sie sich

irgendwie Sorgen. Denn es blieb den ganzen Tag und auch

die nächsten so. Es war, als hätte er seine Fröhlichkeit

verloren. Seine Augen, die immer so voller Lebensenergie

gestrahlt hatten, waren nun glanzlos und blickten eher

traurig drein.


Was Elena am meisten wütend machte, in den nächsten

Tagen, waren seine „Freunde“. Ihnen schien es egal zu sein,

dass es Jeremy nicht so gut ging. Zumindest soweit Elena es

in der Schule mitbekam.


***

„Alles ok mit dir?“, fragte Isabella besorgt.

„Äh, ja klar.“

Elena duckte sich unter einem Ast durch, ermahnte sich,

nicht wieder in Gedanken an Jeremy abzugleiten.

Isabella die neben ihr her ritt, sah sie besorgt an.

„Es ist nichts, ich hab mir nur Gedanken gemacht“, wiegelte

sie ab.

„Es ist wegen Jeremy, oder?“

„Ja.“

„Vielleicht solltest du ihn fragen, was los ist?“, schlug

Isabella vorsichtig vor. Mit diesem Gedanken hatte Elena

auch schon gespielt, doch sie schüttelte den Kopf.

„Seit zwei Wochen ist er so anders. Ich weiß nicht, aber seit

ein paar Tagen hab ich das Gefühl, dass er mit niemandem

mehr reden will“, erklärte Elena ihr. Isabella hatte

tatsächlich die Schule abgebrochen. Ein paar Wochen vor

Schulschluss. Elena fand es nicht richtig. Genauso wenig wie

vermutlich ihre Eltern. Doch sie hatte gemeint, wenn sie

eine Lehre machen durfte, wollte sie keinen Tag länger in

der Schule ausharren müssen.


„Das mag ja sein, aber es muss was passiert sein, dass er

plötzlich so ist“, stellte Isabella fest. Sie klang schon leicht

genervt, weil sie in den letzten Tagen ständig das gleiche

hörte. Doch Elena konnte einfach nicht ausblenden, wie er

zurzeit drauf war. Trotzdem meinte sie jetzt: „Vielleicht hat

er ja endlich eingesehen, dass er keine richtigen Freunde

hat.“

„Ja, das wird´s sein“, stimmte Isabella zu. Für sie war das

Thema damit abgeschlossen. Sie interessierte es nicht

wirklich, was mit Jeremy los war. Doch Elena schon. Und sie

glaubte nicht an das, was sie gesagt hatte. Sie war überzeugt

davon, dass etwas anderes dahinter steckte. Nun, sie würde

ihn aber bestimmt nicht danach fragen. Genau wie sie zu

Isabella gesagt hatte, hatte sie das Gefühl, dass er es nicht

wollte, angesprochen zu werden. Nicht mehr.

Seit ihr die Veränderung das erste Mal aufgefallen war,

hatte er sich mehr und mehr von seinen Freunden zurück

gezogen. Obwohl er sich Mühe gegeben hatte, so zu tun, als

wenn nichts wäre. Obwohl er nach wie vor mit seinen

Freunden abhing. Obwohl er nach wie vor mit den Mädels

flirtete. Doch er war nicht mehr bei der Sache. Niemals.

Seine Augen hatten ihren Glanz nicht wieder. Keine Spur der

Lebensfreude war mehr in ihnen.


Und seit zwei Tagen war er überhaupt alleine dagesessen

und hatte nur vor sich hingestarrt. Einer seiner „Freunde“

hatte heute versucht, mit ihm zu reden, doch Jeremy hatte

ihn mit einem kalten Blick und harter Stimme wieder

vertrieben. Danach hatte Jeremy wieder vor sich hin

gestarrt. Elena hatte die anderen weiterhin beobachtet. Sie

hatten ihn fallen gelassen - endgültig. Sie hatte es an den

Gesichtern, den Gesten und an den wenigen Worten, die sie

mitbekommen hatte, gesehen. Sie wollten nichts mehr mit

ihm zu tun haben. Verräterisches Pack.

Sie beobachtete schon so lange die Menschen in ihrer

Umgebung, dass sie es sofort realisiert hatte. Seine Freunde

und der Schwarm, die wollten den alten Jeremy. Den

Jeremy, der immer gut aufgelegt war, der immer lachte und

scherzte. Der mit ihnen fortging und sie einlud, der mit den

Mädchen flirtete.

Doch jetzt, wo es ihm dreckig ging, ließen sie ihn fallen und

das gerade an dem Tag, an dem es ihm schlechter ging, als

zuvor schon. Sein Blick war so verzweifelt gewesen. Und so

hoffnungslos. Es war nicht mehr nur die

Niedergeschlagenheit oder Trauer, die sie ihm zuvor

angesehen hatte. Er sah aus, als hätte er sämtliche Hoffnung

verloren. Die Verzweiflung in seinem Blick, hatte alles was


sie sich vorstellen konnte übertroffen. An diesem Tag wäre

sie fast zu ihm gegangen. Doch als sie sich von ihrem Sessel

erhoben hatte, hatte er sie angesehen – sie hatte sich nicht

getraut. Nicht vor den anderen Schülern. Sie musste

zugeben, dass sie Angst davor gehabt hatte, dass er sie vor

allen bloßstellte, indem er ihr eine kalte Abfuhr erteilte.

Eine Möglichkeit ihn alleine zu sprechen hatte sich nicht

ergeben, wenn sie ihm nicht auf dem Heimweg nachlaufen

hätte wollen. Doch das schien ihr dann zu aufdringlich zu

sein.

Seit diesem Tag waren seine Augen kalt, genauso, wie man

es mit dem Hellblau verbinden mochte. Sie waren so kalt,

wie die Eisblumen, an die sie ständig denken musste, wenn

sie seine Augen sah. Es war eindeutig, dass er mit

niemandem mehr reden wollte. Also hatte sie es gelassen.

Wie alles, was mit ihm zusammenhing, hatte sie es einfach

akzeptiert.

„Was war das?“, riss Isabella sie aus ihren Gedanken.

„Was?“, fragte Elena verwirrt.

„Hast du das nicht gehört?“, fragte Isabella verwundert,

hatte ihren Blick aber auf den Wald gerichtet.

„Nein“, gab Elena zu. Isabella warf ihr einen zweifelnden


Blick zu. Doch bevor sie etwas sagen konnte, brach kurz vor

ihnen ein Reiter aus den Bäumen.

Zuerst realisierte Elena, dass es Jeremy war, das Flämmchen

erwachte wieder zum Leben. Erst dann sah sie, dass er ohne

Sattel ritt. Und erst ganz zum Schluss wunderte sie sich,

warum er ihnen nicht auf dem Weg entgegen gekommen

war, sondern scheinbar mitten durch den Wald ritt.

„Das ist Privatbesitz“, sagte er mit seiner neuen, harten

Stimme, der jegliche Emotion fehlte.

„Tatsächlich?“, fragte Isabella herausfordernd.

„Ja, und zwar meiner“, wieder diese harte Stimme. Es wurde

Zeit, dass sie sich daran gewöhnte, ermahnte Elena sich.

Als Isabella noch etwas erwidern wollte, – etwas

Unfreundliches, da war sich Elena sicher – legte sie ihr die

Hand auf den Arm.

„Los komm“, forderte sie sie auf und wendete ihr Pferd. Sie

wussten beide, dass er recht hatte. Eine Tafel am

Weganfang bewies es. Sie hatten natürlich nicht gewusst,

dass es Jeremys Grund war, was ihr auch ein wenig seltsam

vorkam, schließlich war er genauso wenig volljährig, wie sie

es waren. Aber das war Elena egal, sie würde den Teufel tun

und sich hier mit Jeremy anlegen, egal ob es stimmte oder


nicht. Sie würde ihn in Ruhe lassen, so wie er es wollte und

Isabella blieb nichts anderes über, als ihr zur Seite zu stehen.

Schließlich war sie ihre Freundin.

„Aber wir sind doch immer hier geritten“, beschwerte sich

Isabella leise, als sie schon ein Stück weiter waren.

„Und?“, fragte Elena zurück.

„Wieso macht er sich jetzt plötzlich wichtig“, Isabella war

richtig sauer, es war einer ihrer Lieblingswege.

„Das weiß ich nicht, und es ist mir auch egal“, erwiderte

Elena bemüht emotionslos, „Tatsache ist, es ist Privatbesitz,

bis jetzt wurden die Reiter geduldet. Das scheint jetzt vorbei

zu sein.“

Isabella schmollte nicht lange, ein Grund, warum Elena sie so

gern mochte, sondern sah sie schon nach kurzer Zeit

verschmitzt von der Seite an.

„Was ist?“, fragte Elena misstrauisch, dieser Blick hieß

normalerweise nichts Gutes.

„Er hat dich angesehen“, meinte Isabella als wäre es eine

Offenbarung.

„Und? Dich hat er sicher auch angesehen“, meinte Elena

gespielt leichthin. In Wirklichkeit, flackerte eine kleine

Flamme aus der Glut, die sie sofort wieder zu ersticken


versuchte. Es war ihr nicht aufgefallen, sie war viel zu

perplex gewesen, Jeremy plötzlich vor sich zu haben. Sicher,

auch Isabella war überrascht gewesen, tauchte schließlich

normalerweise ein Reiter nicht aus dem Wald auf. Doch es

war etwas anderes, wenn plötzlich die Liebe deines Lebens

wie aus dem Nichts vor dir steht.

„Nicht so“, erwiderte Isabella und Elena brauchte einen

Moment um die Worte zu zuordnen.

„Bitte Isabella lass es! Er will mit niemandem reden und das

werde ich akzeptieren. ok?“, sagte Elena und konnte dabei

nicht verhindern, dass ihre Stimme ein wenig gequält klang.

„Wenn du das sagst“, beendete Isabella das Gespräch

teilnahmslos.

Elena fand es furchtbar traurig, wie Jeremy sich verändert

hatte. Hatte sie zu Beginn noch gehofft, dass es ihm wieder

besser gehen würde, er seine Krise – welche auch immer es

war – überwinden würde, hatte sie sich getäuscht. Die

Wochen vergingen und die Ferien rückten näher. Noch

immer war er teilnahmslos. Er sprach mit niemandem mehr,

außer, wenn die Lehrer ihn ansprachen. Seine Freunde

ignorierten ihn komplett, würdigten ihn kaum eines Blickes.


Und wenn, dann waren sie verächtlich, als fragten sie sich,

wie ein Mensch sich so verändern konnte. Als fassten sie es

als Beleidigung auf, dass er nicht mehr für sie da war. Als

würden sie es ihm übel nehmen, dass er ihnen nichts mehr

von seinem ehemaligen Glanz abgab, er sie nicht mehr

einlud und auch sonst keinerlei Anteilnahme an ihnen

zeigte.

Elena war öfter versucht, sich ihm zu nähern. Sie wollte ihn

fragen, was passiert war. Sie wollte wissen, was ihn so

niedergeschmettert hatte. Sie wollte ihm helfen. Sie wollte

ihn trösten. Doch nichts davon machte sie. Ein Blick in seine

kalten Augen reichte und sie wusste, sie hätte keine Chance.

Er wollte einfach mit niemandem reden und derjenige der es

versuchen würde, würde zweifellos mit einem

vernichtenden Blick gestraft. Einerseits war es die Angst vor

genau diesem Blick, andererseits wollte sie akzeptieren, dass

er keine Hilfe, keine Anteilnahme wollte.

Wie sie immer alles von ihm akzeptiert hatte, so nahm sie

auch das hin.

Die Ferien über fragte sie sich, wie es ihm gehen mochte.

Vielleicht reichte die Ruhe, die er in diesen zwei Monaten

hatte, dass er sich wieder ein wenig erholte. Vielleicht

würde er in die Schule kommen und die Kälte wäre aus


seinem Blick verschwunden. Elena wollte die Hoffnung nicht

aufgeben. Sie versuchte, so wie sie es immer getan hatte,

nicht zu viel an ihn zu denken. Das klappte auch sehr gut. Sie

verbrachte mit ihren Eltern einen netten Urlaub im

Waldviertel und danach war sie die meiste Zeit im Reitstall.

Es hatte sich also nichts verändert. Alles war beim Alten.

Nichts desto trotz, war es ein Schock, als sie am ersten Tag

in die Schule kam. Jeremy saß bereits in der Klasse. Sie warf

ihm nur einen kurzen Blick zu und wusste Bescheid. Die

Ferien hatten ihm keine Erleichterung gebracht. Sein Blick

war so kalt wie zuvor. Seine blauen Augen, waren nicht

wieder mit der Wärme erfüllt, die sie so gerne gesehen

hatte.

Als der Lehrer ihn ansprach, war auch seine Stimme

unverändert. Hart und emotionslos. Es war für sie wie ein

Stich ins Herz, dass es so war. Wieder ermahnte sie sich,

dass sie sich daran gewöhnen müsste. Denn so wie es

aussah, gab es den alten Jeremy nicht mehr. Ihre Gefühle

litten nicht darunter. Die Glut war nach wie vor da. Nach wie

vor erwachte eine kleine Flamme, wenn sie ihn ansah. Nach

wie vor loderte sie auf, wenn er zufällig zu ihr blickte. Nach

wie vor beobachtete sie seine geschmeidigen Bewegungen,

immer den Eindruck machend, dass er eine gewaltige Kraft


zurückhielt. Nach wie vor beobachtete sie ihn, wenn er über

den Arbeiten gebeugt, schrieb. Nach wie vor beobachtete

sie ihn, wenn er jede Annäherung einer anderen Person –

auch wenn sie nur an ihm vorbeiging – mit kaltem Blick

bedachte.

Das Verhalten der anderen in der Klasse hatte sich nicht

geändert. Sie fanden sich zu kleinen Gruppen zusammen, wo

sie zuvor geschlossen um Jeremy gewesen waren. Sie ließen

in keinster Weise erkennen, dass sie einen Freund verloren

hatten. Heuchler! Alle miteinander!

Der einzige Unterschied zum Vorjahr war, dass Jeremy jetzt

in der gleichen Reihe wie Elena saß. Er hatte einen eigenen

Tisch bekommen. Wie auch immer er das angestellt hatte.

Immerhin waren nun zwei Plätze in der Klasse frei. Sein alter

und Isabellas, die ja letztes Jahr schon nicht mehr in den

Unterricht gekommen war. Sie hatte auch dieses Jahr keinen

Sitznachbarn, da sie außer Isabella keine Freunde hier hatte.

Auch wenn sie sich mit den anderen eigentlich gut verstand.

Sie selbst war es, die den Kontakt nicht so intensiv werden

lassen wollte. Schon gar nicht, seit sie Jeremy fallen lassen

hatten. Es gab eigentlich überhaupt keinen Kontakt zu

irgendeinem Mitschüler, der über irgendwelche schulischen

Aktivitäten hinaus ging.


So wie die Dinge nun mal lagen, wunderte sie es keine

Sekunde, dass scheinbar niemand wahr nahm, dass Jeremy

nach einem Monat nicht in der Klasse war. Erst als der

Lehrer meinte, dass er krank gemeldet sei, blickten sie

überrascht auf seinen leeren Platz. Elena konnte nur

innerlich den Kopf schütteln. Diese Reaktion erinnerte sie

wieder nur zu deutlich daran, dass Jeremy allen mittlerweile

vollkommen egal war. Daher begann sie auch, sorgfältig

mitzuschreiben, was sie in den Stunden machten. Sie

notierte sich die Buchseiten, die sie jeweils durchnahmen

und markierte ihre Notizen mit einem kleinen x in der

Blattecke. Das würde sie machen, solange bis Jeremy wieder

da war. Immerhin müsste er sich sonst mühsam bei jedem

Lehrer nach dem versäumten Stoff erkundigen. Das wollte

sie ihm gerne ersparen.

Jeremy kam erst am folgenden Montag wieder, nach einer

ganzen Woche Abwesenheit. Kaum einer realisierte es

wirklich, doch Elena nahm ihn sofort wahr. Kaum war er in

der Tür erschienen, erwachte die kleine Flamme in ihr. Sie

war so erleichtert, dass er wieder gesund war. Es tat so gut,

ihn wieder zu sehen.

Er ging ohne zu zögern auf seinen Platz. Jeremy blickte jeden


Schüler kurz an, als überlegte er, wen er wegen des

versäumten Stoffes fragen sollte. Doch sein Blick war nicht

fragend oder auffordernd, sondern so kalt und abweisend

wie immer. Falls jemand dabei zufällig zu ihm sah, wandte

der- oder diejenige sofort den Blick ab, bevor sie Jeremy in

die Augen sehen mussten. Wie lächerlich das war, dachte

sich Elena wieder. Sie holte den Zettel mit ihren

Aufzeichnungen darüber, was sie in dieser Woche

durchgenommen, welche Aufgaben sie aufbekommen und

welche Testtermine sie ausgemacht hatten, heraus. Schnell

schrieb sie noch eine Notiz dazu: „Ich kann dir auch meine

Mitschriften kopieren. Wenn du willst.“

Als sein Blick schließlich, als letztes, auf sie fiel, sah sie nicht

weg. Sie stand auf, ging zu ihm und legte den Zettel vor ihn

auf den Tisch. Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte sie

sich wieder um, ignorierte die Blicke ihrer Mitschüler. Diese

sahen sie überrascht und perplex an. Sie zog normalerweise

kaum Aufmerksamkeit auf sich, daher waren sie vermutlich

noch überraschter, als sie es bei jedem anderen gewesen

wären. Ihr war es egal, sollten sie doch denken was sie

wollten, sie fand es einfach richtig. Wenn jemand anderer

gefehlt hätte, hätte der Banknachbar, oder ein Freund, das

Gleiche getan. Natürlich nicht schriftlich, aber sie war sich


schließlich bewusst, dass Jeremy mit niemandem reden

wollte.

Elena setzte sich wieder auf ihren Platz, als schon der Lehrer

die Klasse betrat. Elena wandte ihre Aufmerksamkeit dem

Unterricht zu, obwohl sie nicht verhindern konnte, dass sie

eine gewisse Erwartungshaltung hatte. Als es ihr auffiel,

zwang sie sich, sich zu beruhigen. Es war schließlich

unwahrscheinlich bis sicher, dass Jeremy nicht mit ihr reden

würde. Dass ihm ihre Notizen egal waren. Doch da sollte sie

sich irren. Nach der zweiten Stunde, am Ende der langen

Pause kam Jeremy zu ihrem Platz. Sah sie an. Sofort wurde

aus ihrem Flämmchen eine Flamme, die heiß in ihr brannte.

Fast krampfhaft versuchte sie, sich nichts anmerken zu

lassen, als sie zu ihm aufblickte.

„Ich hätte die Notizen gerne“, die kalte Stimme, sie hatte sie

akzeptiert, sich aber noch lange nicht daran gewöhnt. Sie

nickte nur, traute ihrer Stimme nicht. Er drehte sich wieder

um und kehrte auf seinen Platz zurück. Unauffällig holte

Elena tief Luft und stieß sie langsam und vorsichtig wieder

aus, damit niemand was mitbekam.

Am nächsten Tag, war sie absichtlich ein wenig früher in die


Schule gekommen. Sie wollte diesen kalten Blick nicht auf

sich spüren, wenn sie ihm ihre Kopien gab. Sie hatte sich am

Nachmittag, als sie damit beschäftigt gewesen war, den

Kopierer zu bedienen, eingestehen müssen, dass sie wider

besseres Wissens, Dankbarkeit erwartet hatte. Dass sie

erwartet hatte, dass er mit ihr nicht mit dieser harten

Stimme sprach. Dass sie erwartet hatte, dass sein Blick –

zumindest ein wenig – seiner Kälte verlieren würde, wenn er

sie ansah.

Sie hatte sich eine Idiotin geschimpft. Wer war sie denn

schon? Bis zu diesem Tag hatte er sie nicht einmal

wahrgenommen. Sie hatte sich eingebläut, dass diese Dinge

nun zu ihm gehörten. Das er die harte Stimme und die

kalten Blicke war.

Trotzdem kannte sie sich gut genug, dass sie nicht erwartete

über Nacht damit aufzuhören, diese Dinge nicht zu

erwarten. Das bräuchte noch ein wenig Zeit, doch sie würde

es schaffen, so wie sie es geschafft hatte, diese Dinge zu

akzeptieren.

Also war sie eine der Ersten in der Klasse, legte die Kopien

auf seinen Platz und ging dann auf ihren. Als er hereinkam

hatte sie sich so weit in der Gewalt, dass sie ihn nicht offen

beobachtete, dass sie nicht gebannt auf seine Reaktion


wartete, von der sie wusste, dass sie nicht kam. Doch einen

kleinen Blick aus den Augenwinkeln, wobei sie vorgab in

einem Schulbuch zu lesen, konnte sie sich nicht verkneifen.

Sie hatte sich geirrt – schon wieder. Er zeigte eine Reaktion.

Nachdem er einen Blick auf die Notizen geworfen hatte,

wandte er den Kopf zu ihr und sah sie an. Sie gab vor, es

nicht zu bemerken. Sie gab vor, dass sie unheimlich

konzentriert auf das Schulbuch vor ihr war. Sie wollte nicht

wissen, wie er sie ansah. Sie war noch lange nicht so weit,

diesem kalten Blick ungerührt zu begegnen.

Bereits zwei Wochen nach ihrem Entschluss, dass sie nicht

mehr auf seine weiche Stimme und den warmen Blick hoffen

würde, wurde sie auf die Probe gestellt. Die Klasse bekam

die Aufgabe ein Projekt zu machen, dass bis in das nächste

Jahr reichen sollte. Es war Teil der Matura. Es sollte in

Paaren erstellt werden. Elena realisierte sofort, was das

bedeutete. Sie sollte ein Projekt mit Jeremy machen. Wieso?

Weil alle in der Klasse miteinander befreundet waren und

untereinander Paare bilden würden. Sie war, seit Isabella

nicht mehr da war eine Einzelgängerin. Jeremy blieb über.

Sie hatte kein Problem damit, im Gegenteil. Er war ein guter

Schüler und ihr Projekt, was immer sie machen würden,


würde gut werden.

Die anderen waren schon dabei, dem Lehrer zu sagen, wer

mit wem zusammen arbeiten wollte. Am Schluss sah er auf

und meinte: „Dann arbeitet ihr beide zusammen Elena und

Jeremy.“

Zweimaliges Nicken. Elena hatte nur das Problem, ob sie auf

Jeremy zugehen sollte, oder besser wartete, dass er kam.

Die anderen hatten sich schon zusammengesetzt und

berieten über ihre Themen.

Er wird dich mit diesem kalten Blick ansehen, mit der harten

Stimme sprechen, erinnerte sie sich selbst in Gedanken,

dann blickte sie zu ihm – nur fragend, wie sie hoffte. Die

Initiative sollte von ihm ausgehen, er sollte bestimmen

können, er sollte sich nicht bedrängt fühlen – und sei es

auch nur durch ihre schulischen Aktivitäten.

Er stand auf und kam zu ihr.

Flamme dämpfen! forderte sie sich selbst auf. Das war jetzt

schon nicht mehr so einfach, sie hatte noch nie mehr als

flüchtige Begrüßungen ausgetauscht, in den letzten

Monaten nicht einmal mehr das. Bis er bei ihrem Tisch

angekommen war, hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

„Willst du ein bestimmtes Thema?“, die kalte Stimme,


natürlich – sie war nicht enttäuscht. Sie war stolz auf sich.

„Nein“, erwiderte sie und zwang sich, ihn nicht anzustarren.

Selten war er ihr so nahe gewesen wie jetzt. Sie bildete sich

fast ein, die Wärme seines Körpers zu spüren, wie er da

neben ihr saß.

„Ich dachte an die Auswirkungen der Werbung auf

unterschiedliche Zielgruppen“, schlug er vor.

„Klingt gut“, stimmte sie nickend zu. Sie war stolz auf sich,

dass man ihrer Stimme nichts von ihren Gefühlen anmerkte.

Damit war die Themenwahl erledigt und sie ging zum Lehrer,

um es ihm mit zu teilen. Er war überrascht, dass sie so

schnell ein Thema gefunden hatten und meinte auch, dass

es ein interessantes wäre.

Auf dem Weg zu ihrem Tisch überlegte sie sich, wie sie das

Projekt über die Bühne bringen sollten, wenn er nicht mit ihr

reden wollte. Erst als sie sich hinsetzte, kam ihr der rettende

Einfall.

„Wenn du willst, können wir jeder unterschiedliche

Zielgruppen bearbeiten und am Schluss stoppeln wir es dann

zusammen“, schlug sie vor – das war ein genialer Einfall, wie

sie fand. Er sah sie an – überrascht? Und hatte sich sein Blick

ein wenig erwärmt? Sie sah noch einmal hin. Nein, das hatte


sie sich nur eingebildet.

Hör auf, auf etwas zu warten, das nicht eintreten wird!

ermahnte sie sich wieder.

Er nickte und wandte sich seinem Notizblock zu, scheinbar

um sich Zielgruppen zu überlegen. Sie tat das Selbe, wobei

sie nicht verhindern konnte, dass ihr Herz vor Aufregung ein

wenig schneller schlug. Diese Reaktion war ok, sagte sie sich

selbst. Es wäre ja auch eigenartig, wenn sie überhaupt nicht

auf ihn reagieren würde. Immerhin liebte sie ihn. Seit

mittlerweile zwei Jahren!

Am Ende der Stunde verglichen sie ihre Zielgruppen und

legten fest, wer was bearbeiten sollte. Sie übernahm

Jugendliche und Rentner, er Kinder und Berufstätige.

Tatsächlich sprachen sie während des gesamten Jahres kein

einziges Mal miteinander. Weder über das Projekt, noch

über sonst etwas. Natürlich. Sie hatte nichts Anderes

erwartet. Es schien ein Jahr wie jedes andere auch zu sein.

Mit kleinen Unterschieden.

Manchmal, vor allem in den Pausen fehlte ihr Isabella

wirklich. Sie hatte gedacht, eine Einzelgängerin zu sein und

kein Problem damit zu haben. Doch das stimmte so nicht


ganz. Im Laufe des Jahres jedoch, verstand sie sich doch mit

einer der Grüppchen ein wenig besser, sodass sie in den

Pausen und Freistunden nicht immer alleine herum stand.

Doch sie bemühte sich, den Kontakt nicht zu intensiv werden

zu lassen. Ihre Freizeit widmete sie nach wie vor dem

Reitsport und Isabella, wenn diese Zeit hatte. Das war

hauptsächlich am Wochenende der Fall, doch das war schon

in Ordnung.

Ein weiterer Unterschied zum Vorjahr war, dass Jeremy nicht

mehr im Footballteam war. Elena war sich nicht ganz sicher,

ob die Mannschaft froh oder bedrückt war. Sie tippte eher

auf ersteres. Dann mussten sie nicht so tun, als wäre er Teil

der Mannschaft, obwohl es schon im letzten Jahr nicht mehr

wirklich zugetroffen hatte. Das Training hatte er immer

ausfallen lassen. Er war zwar bei den Spielen gewesen, doch

er war wie ein Fremder, wie ein Eindringling erschienen. Er

hatte davor oder danach mit keinem geredet.

Elena fand es wirklich schade, weil sie ihn somit nicht mehr

in Aktion beobachten konnte. Doch sie verstand auch, dass

er nicht mehr – auch nur annähernd – Teil der Mannschaft

sein wollte.

Erst eine Woche vor Abgabetermin trat Jeremy wieder an sie

heran. Sie wusste was er wollte und holte ihre Unterlagen


aus dem Rucksack, bevor er ein Wort sagte. Er setzte sich

neben sie und reichte ihr seine, ebenfalls ohne ein Wort. Sie

schlug die Seiten auf und überflog den Inhalt. Sie würde sich

später intensiver damit auseinander setzen. Im Moment war

sie damit beschäftigt, die Flamme wieder zu dämpfen.

Jedoch bekam sie soviel mit, dass er ein Vorwort

geschrieben hatte, woran sie überhaupt nicht gedacht hatte.

Sie hatte nur eine Zusammenfassung als Schlussseite

gemacht. Diese wollte sie ergänzen, wenn sie seine Arbeit

durchgelesen hatte. Das sagte sie ihm auch, als er den Blick

von ihrer Arbeit hob. Ein wenig befürchtete sie, dass er ihre

Recherche als unzulänglich empfinden würde, doch er sagte

nichts. Natürlich nicht. Er nickte nur zu ihrer Aussage und

stand wieder auf. Elena holte tief Luft.

Erst zu Hause, fügte sie die beiden Teile zusammen und las

sich seine Arbeit konzentriert durch. Wie sie erwartet hatte,

war es gut. Sie vervollständigte das Schlusswort und gab den

Ordner am nächsten Tag ab.

Als der Lehrer dann die Noten für die Arbeiten vergab, hätte

sie sich fast mit einem triumphierenden, zufriedenen

Lächeln an Jeremy gewandt. Sie hatten eine Eins

bekommen. Doch im letzten Moment erinnerte sie sich und

konnte sich beherrschen.


Im nächsten Schuljahr war es das Selbe. Es gab keine

Entwicklung über die Ferien, die anzeigten, dass sich Jeremy

irgendwie geändert hatte. Er war nach wie vor kalt und

abweisend. Doch diesmal war Elena nicht enttäuscht, sie

hatte nicht mehr damit gerechnet. Auch ihre Besprechungen

bezüglich des Projektes liefen wie im vergangenen Jahr. Zu

Beginn klärten sie mit wenigen Sätzen, wie die Vertiefung

auszuführen sei und am Ende des Schuljahres reichte er ihr

seine Unterlagen. Dabei sagte er überhaupt nichts.

Auch damit hatte sie gerechnet.

Sie hatte ihn schließlich das ganze Jahr über beobachtet, wie

sie es schon immer gemacht hatte.

Dieses Jahr gab es nur einen einzigen Unterschied zu den

vorangegangenen Schuljahren. Die Matura zählte sie nicht

dazu. Sie hatte sie betrachtet, wie eine weitere Schularbeit.

Das sparte ihr viele Nerven, wie sie feststellte, wenn sie sich

die anderen Schüler so ansah. Der Unterschied war also,

dass Elena begann ab dem zweiten Halbjahr Bewerbungen

auszuschicken. Sie hatte nicht vor, wie alle anderen aus der

Klasse, zwei Monate blau zu machen, als hätte sie noch

einmal Sommerferien. Sie wollte so schnell wie möglich eine


Arbeit finden und endlich in eine eigene Wohnung ziehen.

Sie wollte endlich unabhängig sein.

Einziger Wermutstropfen war, dass sie Jeremy nicht mehr

sehen würde. Sie könnte ihn nicht mehr beobachten. Sie

würde seine wunderbaren, blauen Eisblumenaugen nicht

mehr sehen. Doch das war schon in Ordnung. Sie hatte

schließlich lange genug Zeit gehabt, sich darauf

vorzubereiten. Eigentlich, seit sie sich in ihn verliebt hatte.

Auf jeden Fall, seit er sich geändert hatte. Hatte sie davor

vielleicht noch die Hoffnung gehabt, ihn doch noch

anzusprechen, oder irgendwie sonst seine Aufmerksamkeit

zu erregen, damit sie auch nach der Schule in Kontakt

bleiben konnten, so war diese mit seiner Kälte

verschwunden.

Sie sagte sich, dass sie ihn irgendwann vergessen würde.

Dass sie irgendwann diese Gefühle für einen anderen

empfinden würde. Denn der Satz, den ihr Isabella vor fast

zwei Jahren ins Ohr geflüstert hatte, hallte manchmal noch

immer in ihr nach: „Du wirst als alte Jungfrau sterben.“

Dabei war es nicht der Sex, an den sie dabei dachte, sondern

die Tatsache, dass sie nicht ihr Leben lang alleine bleiben

wollte. Doch noch waren die Gefühle zu intensiv, die Glut zu

heiß, wenn sie nur an Jeremy dachte.


Nichts desto trotz, begann sie bereits in der ersten

Juniwoche zu arbeiten. Sie war reichlich nervös, doch

versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. Das ging

vermutlich jedem so, wenn er irgendwo seinen ersten

Arbeitstag hatte. Schon überhaupt, wenn es die erste

Arbeitsstelle überhaupt war. Zu ihrem Glück waren ihre

Kollegen freundlich und geduldig. Sie wurde nicht

herablassend behandelt, weil sie schließlich noch keine

Ahnung hatte. Im Gegenteil war es Lisa, eine der

Kolleginnen, die sich fast schon rührend um sie kümmerte.

Sie erklärte ihr alles und hatte auch kein Problem, wenn

Elena etwas nicht sofort verstand. Das trug sicher dazu bei,

dass sie sich bereits nach einer Woche soweit eingewöhnt

hatte, dass sie einen eigenen Arbeitsplatz bekam.

Sie war für Kundenwünsche zuständig. Diese wurden

hauptsächlich über E-Mail abgewickelt, was ihr die

Möglichkeit gab, bei Bedarf die Meinung ihrer Kollegen

einzuholen. Wenn eine Frage über Telefon kam, war das

schon ein wenig schwieriger, weil sie alleine in einem Raum

saß. Er war zwar durch die offene Türe, mit den Zimmern

der Kollegen verbunden, doch machte es sich schließlich

nicht so gut, von einem Zimmer ins andere zu brüllen. Doch

sie bekam keine Beschwerden, wenn sie den Kunden sagte,


dass sie sich erkundigen würde und später zurückrief. Auch

ihre Kollegen sagten nichts zu dieser Methode.

In jedem der drei miteinander verbundenen Zimmer waren

zwei Arbeitsplätze eingerichtet. Lisa hatte erzählt, dass es

früher ein großes Zimmer mit sieben Arbeitsplätzen

gewesen war. Es war viel zu laut gewesen hatte sie gesagt,

was bei den Telefonaten ziemlich unangenehm gewesen

war. Seit dem Umbau war es wesentlich angenehmer.

Auch mit ihrer Chefin verstand Elena sich gut. Sie machte

nicht diesen typischen Chefinnen-Eindruck, eher so wie eine

höher gestellte Kollegin.

Alles in allem war das Arbeitsklima also sehr gut. Die Arbeit

machte soweit Spaß, obwohl sie nicht dachte, dass sie das

für immer machen wollte – aber mal sehen. Die Bezahlung

war auch nicht schlecht – für den Anfang.

Sie hatte sich auch schon wegen einer Wohnung

umgesehen, das lief allerdings nicht so gut. Sie hatte da so

ihre Vorstellungen, von einem großen Wohnzimmer mit

einem Balkon davor. Die Küche sollte auch nicht zu klein

sein, weil sie dass in der Wohnung ihrer Eltern schon immer

gehasst hatte. Doch alles, was ihren Vorstellungen

entsprach, war viel zu teuer für ihr klägliches Anfangsgehalt.


Die Zuversicht, doch noch etwas zu finden, hatte sie nach

der fünften Wohnung aufgegeben. Danach hatte sie

entschlossen, dass es ihr egal war, wie ihre Wohnung

aussah. Sie wollte ihre eigenen vier Wände. Später könnte

sie sich noch immer etwas anderes suchen, wenn sie besser

verdiente. Ihre Eltern meinten, sie könnte ja noch ein oder

zwei Jahre bei ihnen bleiben und ein wenig sparen. Doch das

wollte sie nicht. Es war zwar nicht so, dass sie sich mit ihnen

nicht verstand, doch hatte sie nicht das Gefühl eine

eigenständige Person zu sein, solange sie noch bei ihnen

wohnte. Das klang vielleicht ein wenig übertrieben, doch es

war so. Spätestens, wenn sie ihr erstes Gehalt bekam, wollte

sie auch eine eigene Wohnung haben. Daher hatte sie sich

letztendlich doch für eine kleinere Wohnung entschieden.

Sie war nichts Besonderes und das war freundlich

ausgedrückt. Dabei könnte sie recht nett sein, wenn man ein

wenig renovieren würde. Doch sie wusste, dass das auch

ziemlich viel Geld verschlingen würde. Daher wollte sie

vorerst alles so lassen, wie es war.

Am Tag nachdem sie den Vertrag unterschrieben hatte, ging

sie voller Tatendrang zu ihrer dritten Arbeitswoche. Sie war

wieder etwas früher da, weil sie sich mit den Produkten

vertrauter machen wollte, solange noch keine Anfragen


einkamen. Dafür hatte ihr Lisa einen Katalog gegeben, in

dem die Details, die für die Problembehebung notwendig

waren, aufgelistet waren.

Es war gerade neun Uhr, offizieller Arbeitsbeginn, als ihre

Chefin hereinschaute. Elena blickte von ihrer Arbeit auf.

„Elena, traust du dir zu, jemanden einzuarbeiten?“, fragte

sie.

„Sicher, was ich bis jetzt weiß, kann ich auf jeden Fall

weitergeben“, stimmte Elena zu. Auch wenn das nicht viel

war, für den Anfang würde es schon reichen.

„Sehr schön. Ab heute ist unser Team nämlich wieder

komplett“, erklärte ihre Chefin und machte einen Schritt ins

Zimmer, um die Türe freizumachen. Ihr neuer Kollege betrat

den Raum. Elena konnte nicht verhindern, dass sie ihn einige

Sekunden anstarrte.

Reiß dich zusammen, schrie sie sich selbst in Gedanken an.

Sie atmete tief ein, versuchte, ihre Überraschung zu

überwinden. Ihr Herz schlug viel zu schnell und die Flamme,

die sie nie wieder zu spüren befürchtet hatte, loderte

munter in ihr. Nur mit halbem Ohr hörte sie daher ihrer

Chefin zu, als sie den Neuen vorstellte und erklärte dass sie

die anderen Kollegen schon vorgestellt hatte. Elena war


ewusst, dass sie etwas sagen sollte. Dass sie irgendwie auf

die Worte reagieren sollte. Sie nickte daher ihrer Chefin zu

und schluckte den Kloss in ihrem Hals. Mit einer energischen

Anstrengung dämpfte sie die Flammen in ihrem Inneren.

„Hallo, Jeremy“, brachte sie schließlich heraus. Sie war stolz

auf sich, dass es ganz normal klang. Als wäre Jeremy ein xbeliebiger

neuer Arbeitskollege.

„Hallo, Elena“, erwiderte er mit der harten Stimme. Sie war

sie mittlerweile gewohnt und dachte sich nichts weiter

dabei.

„Na dann, das ist ihr Arbeitsplatz. Ihre Kollegin wird ihnen

alles Weitere erklären“, wandte sich ihre Chefin an Jeremy

und verließ den Raum. Elena hatte ihre Überraschung

endlich überwunden, doch nun rotierten ihre Gedanken.

Warum war er hier?

Er war doch so reich, da hatte er es sicher nicht notwendig,

sich mit so einem Job abzugeben.

Und wieso war er gerade hier gelandet – bei ihr?

War das Zufall?

War es Schicksal?

Diese Frage ließ die Hoffnung in ihr aufkommen. Hoffnung,


die sie sich nicht machen durfte. Es war einfach Zufall und

seine Beweggründe, so einen Job zu machen, gingen Elena

nichts an. Sie schob ihre Gedanken und Bedenken aus ihrem

Kopf, als Jeremy auf seinen Platz zuging. Als er sich

niederließ, fragte sich Elena, wie sie ihn einschulen sollte,

wenn er mit niemandem reden wollte. Denn das das nach

wie vor so war, hatte sie ihm sofort angesehen.

Allerdings war er sich sicher im Klaren, dass er in seinem Job

nicht darum herum kommen konnte, mit Leuten zu

kommunizieren. Und wenn es nur die Kunden waren. Also

beschloss Elena, dass sie genauso vorgehen würde, wie Lisa

es bei ihr getan hatte. Ohne das Geplauder dazwischen,

versteht sich.

Sie stand auf, schnappte ihren Sessel und stellte ihn neben

Jeremy. Den Computer hatte er schon eingeschaltet und so

begann sie, das Programm zu erklären. Zwischendurch nahm

sie an seinem Apparat die Kundenanrufe entgegen, wodurch

er auch gleich sah, wie die Protokolle aufgenommen

wurden. Zu ihrer Erleichterung, waren es alles Fälle, die sie

schon gehabt hatte. Jeremy sagte die ganze Zeit kein Wort.

Er fragte nicht nach – nichts. Es war ihr egal, wenn er nicht

klarkam, würde sie es schon früh genug mitbekommen.

Gegen Mittag hatten sie soweit alles durch.


„Soweit alles klar?“, fragte sie ihn. Er nickte nur als Antwort.

„In dem Katalog sind die Produkte, da kannst du

nachsehen“, sagte sie noch, bevor sie ihren Sessel wieder

auf ihren Platz zurückstellte und zu Lisa ging um sich einen

zweiten Katalog zu holen. Und um tief durchatmen zu

können. Sie ging sogar in der Mittagspause aus dem Haus,

ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit. Doch sie brauchte

frische Luft. Noch nie war sie ihm so lange, so nahe

gewesen. Es war anstrengend, die Flammen immer wieder

zu dämpfen, die ständig auflodern wollten, wenn sie kurz

seinen Geruch erhaschte oder in sein Gesicht – das so nahe

war – sah, um zu sehen, ob er ihr folgen konnte. Insgeheim

war sie froh, dass er so schnell begriff, denn das ersparte ihr

weitere Stunden in seiner unmittelbaren Nähe. Solange ein

Tisch zwischen ihnen war, konnte sie ohne Probleme mit

ihren Gefühlen umgehen.

Elena rechnete damit, dass er einiges nachfragen musste.

Schließlich hatte sie ihm alles in einem Rutsch erklärt. Doch

er schien tatsächlich alles aufgenommen zu haben. Er kam

bereits am Nachmittag tadellos zu recht. Die ersten zwei

Tage schickte er alle Mails an sie, damit sie sie kontrollieren

konnte. Lisa hatte Elena dabei über die Schulter geschaut,

oder sie waren überhaupt vor einem Computer gesessen,


doch das wollte Elena ihm und auch sich selbst nichts antun.

Wenn sie etwas ergänzen musste, schickte sie es ihm wieder

zurück, damit er es beim nächsten Mal wusste. Ab dem

dritten Tag, waren seine Antworten tadellos. Und nach einer

Woche sagte sie ihm, dass er sie ihr nicht mehr schicken

sollte. Wie alles andere, nahm er es mit einem Nicken zur

Kenntnis.

Auch die Telefongespräche, die sie ihm eigentlich zu Beginn

abnehmen wollte, nahm er selbst entgegen. Kurz

angebunden, mit dieser harten Stimme, fast schon

unfreundlich, sprach er mit den Kunden. Für ihn normal,

doch sie wollte gar nicht so genau wissen, was sich die

Kunden dabei dachten. Also ging sie dazu über, die

Telefonate entgegenzunehmen, bevor er abheben konnte.

Allerdings ließ sie es nach dem dritten Mal wieder bleiben,

nachdem er sie mit seinem kalten Blick vorwurfsvoll

angesehen hatte.

Sie fand es trotzdem nicht in Ordnung, schließlich sollten die

Kunden mit dem Service zufrieden sein. Nach weiteren zwei

Tagen beschloss sie, ihn darauf aufmerksam zu machen.

„Jeremy?“, begann sie. Er blickte stirnrunzelnd zu ihr.

Wusste er nicht, dass sie ihn nicht ansprechen würde, wenn

es nicht wichtig wäre?


„Die Kunden können nichts dafür.“

„Was?“

Elena musste erst schlucken, um die nächsten Worte heraus

zu bringen.

„Vielleicht könntest du, deine Stimme ein wenig freundlicher

klingen lassen“, so jetzt war es heraus. Sie wandte gleich

wieder den Blick auf ihren Bildschirm, wollte seine Reaktion

gar nicht sehen. Auch als das nächste Mal sein Telefon

klingelte, sah sie nicht auf. Als sie seine Stimme hörte,

musste sie sich sehr anstrengen, ihn nicht anzustarren. Er

bemühte sich tatsächlich, seine Stimme angenehmer klingen

zu lassen. Sie wusste, dass nur sie die Anstrengung hörte, die

es ihn kostete, die Härte aus seiner Stimme zu verbannen.

Er legte auf.

„Besser?“, wieder hart und emotionslos. Sie sagte nichts,

hob nur die Faust, Daumen nach oben. Sie sah ihn lieber gar

nicht an dabei und widmete sich auch gleich wieder ihrer

Arbeit.

So vergingen die Tage. Sie sprachen nur, wenn Jeremy eine

Frage hatte, was immer seltener der Fall war. Wenn sie die

Antwort nicht wusste, fragte sie Lisa und gab die Antwort

dann weiter. Die Tage wurden zu Wochen und Elena kam


nicht umhin, zu bemerken, dass ihre Arbeitskolleginnen

öfter nach ihr sahen, als zuvor. Eigentlich kamen sie immer

nur mit irgendwelchen fadenscheinigen Fragen daher. Elena

wusste genau warum. Sie wollten Jeremy besser kennen

lernen. Sie wollten mit ihm ins Gespräch kommen. Allerdings

tat er immer so, als wären die Kolleginnen nicht vorhanden.

Genauso, wie er eben auch Elena behandelte. Insgeheim

fand sie es ja witzig, wie sie immer mit enttäuschten

Gesichtern wieder abzogen. Andererseits war sie sich sicher,

dass Jeremy mitbekam, was hier lief. Dass er sehr wohl

bemerkte, welche Blicke sie ihm zuwarfen. Dass die Neugier

förmlich in ihr Gesicht geschrieben stand. Sie wusste, wie

wenig er das wollte, deshalb fand sie es wiederum nicht so

lustig.

Jeremy war gerade auf Mittagspause als Lisa zu ihr kam.

Auch sie kam in letzter Zeit öfter, allerdings unterhielt sie

sich wenigstens normal mit Elena. So hatte sie das Gefühl,

dass Lisa nicht nur wegen Jeremy zu ihr kam. Gut gelaunt,

wie fast immer, ließ sie sich in Jeremys Sessel fallen.

„Also erzähl mal“, sagte sie.

Verwirrt schaute Elena auf.

„Was soll ich erzählen?“, fragte sie.


„Wie ist Jeremy so?“, wollte Lisa wissen. Diesmal sah sie ihr

die Neugier an.

Bitte nicht, dachte sie, nicht schon wieder. Waren

Erwachsene nicht besser als Jugendliche?

„Ich weiß nicht, still“, sagte sie abwehrend.

„Komm schon, ihr arbeitet seit drei Wochen zusammen und

alles was du von ihm weißt, soll sein, dass er still ist?“,

bohrte Lisa lachend nach.

„Ja genau. Wir reden nicht“, erklärte Elena und klang dabei

ein wenig barsch. Schnell riss sie sich wieder zusammen. Ihre

Kolleginnen wussten es schließlich nicht besser. Sie wussten

nicht, dass Jeremy ganz anders gewesen war.

„Ihr redet nicht miteinander?“, fragte Lisa ungläubig.

„Nur wenn es die Arbeit betrifft“, bestätigte sie.

„Das ist nicht dein Ernst“, meinte Lisa fassungslos.

„Doch. Er ist halt nicht sehr gesprächig“, bestätigte sie.

„Na wenn das so ist. Wie geht´s dir so, arbeitsmäßig?“,

schwenkte Lisa auf ein anderes Thema um. Sie war sichtlich

enttäuscht. Bestimmt auch, weil sie jetzt den anderen nichts

berichten konnte.

„Alles bestens, danke. Wenn ich was brauche, komme ich eh


zu dir“, grinste Elena sie an. Das schien Lisa wieder zu

versöhnen. Sie grinste zurück und stand auf. Kaum war sie

aus dem Zimmer ging die Türe auf und Jeremy kam zurück.

Na wenn das kein Timing war.

Warum sah er sie an? Das tat er sonst nie. Und irrte sie sich,

oder war sein Blick weniger kalt? Tatsächlich, eigenartig.

Schnell wandte sie den Blick wieder ab, doch da sagte er:

„Danke.“

Verwirrt blickte sie wieder zu ihm. Allerdings fragte sie nicht

nach, denn sie wusste ja, dass er Kommunikation hasste. Sie

wandte sich auch schnell wieder ihrer Arbeit zu.

„Dass du nichts gesagt hast“, setzte er hinzu, mit jener

Stimme, die er für die Kunden verwendete. Nicht die übliche

Härte.

Elena winkte ab und widmete sich scheinbar wieder ihrem

Bildschirm. Doch ihre Gedanken drehten sich nur um seine

Aussage. Erstens wunderte sie sich, dass er es überhaupt

mitbekommen hatte. Hatte er vor der Tür gewartet, weil er

gehört hatte, dass Lisa im Zimmer war? Vermutlich, er

wusste schließlich, wie Frauen auf ihn reagierten. Die

wenigen Fälle, in denen er mit ihren Kollegen

zusammengekommen war, hatte er sich gegen die


Annäherungsversuche wehren müssen. Annäherungsversuch

war vielleicht ein wenig übertrieben, doch Elena war

sich sicher, dass er es so auffasste.

Das zweite was sie beschäftigte war, was er überhaupt

gemeint haben sollte. Was hätte sie schon sagen sollen? Sie

wusste schließlich tatsächlich nichts von ihm.

Die Zeit verging scheinbar unbeachtet und alles wurde

Routine. Das Aufstehen, das zur Arbeit kommen. Dass

Jeremy da war. Die unzähligen Anfragen. Feierabend. Am

Wochenende entspannte Stunden im Reitstall. Ausritte mit

Isabella oder in der Gruppe mit anderen. Wieder aufstehen

und zur Arbeit.

Es wurde sogar Routine, dass Jeremy ihr gegenüber saß.

Obwohl sie sich das vermutlich nur einredete, um ihre

Nerven zu schonen. Denn immer, wenn sie aufblickte, lief sie

Gefahr, ihn wieder zu beobachten. Doch das wollte sie nicht.

Sie wollte ihn nicht belästigen, auch wenn es nur Blicke

waren. Es fiel ihr nicht ganz so leicht wie in der Schule, denn

immerhin hatte sie ihm da nicht gegenüber gesessen.

Trotzdem bekam sie viel von ihm mit. Er war immer ruhig

und konzentriert. Wenn einmal nichts zu tun war, lehnte er

sich in seinem Sessel zurück, verschränkte die Arme vor der

Brust und starrte scheinbar ins Leere. Das kannte sie schon


von früher. Da hatte er auch oft so vor sich hin gestarrt.

Natürlich gab es mit der Zeit auch immer wieder

Situationen, in denen alle Kollegen der Abteilung zusammen

kamen. Besprechungen, zu denen sie sich in dem größten

Zimmer zusammen fanden. Einmal im Monat bestand die

Chefin darauf. Jeder konnte sagen, ob ihn etwas ärgerte, ob

es Probleme gab oder ähnliches. Oder es gab Anweisungen

von der Chefin, was die Ausführung der Arbeit betraf. Es

kam öfter vor, dass sich manche Kollegen über andere

äußerten, sich sogar lautstark beschwerten. Nicht unbedingt

aus dieser Abteilung, doch von anderen. Elena konnte oft

nur beipflichten. Es gab tatsächlich einige unsensible,

unfreundliche Kollegen. Sie beschwerte sich zwar nicht so

lautstark wie die anderen, was manchmal in eine richtige

hitzige Diskussion ausartete, doch sie redete mit. Immerhin

ging es ums Betriebsklima. Jeremy hingegen lehnte immer

an der Wand, als würde ihn das alles nichts angehen. Als die

Chefin ihn bei der zweiten Besprechung direkt angesprochen

hatte, hatte er nur gesagt: „Ich hab mit niemandem ein

Problem.“

Die Chefin hatte ihn einen Moment verwirrt gemustert,

bevor sie genickt hatte und sich den anderen zugewandt

hatte. Elena konnte sie verstehen. Es war einfach


verwirrend, wenn man eine normale Frage stellte und dann

so emotionslos abgespeist wurde.

Beweis dafür, dass Jeremys Anwesenheit doch irgendwie zur

Gewohnheit wurde war, dass Elena sich hin und wieder

dabei ertappte, sich an ihn wenden zu wollen. Wie man das

halt machte, wenn man zum Beispiel eine wirklich

lächerliche Frage von einem Kunden gestellt bekam. Doch

sie konnte sich jedes Mal noch rechtzeitig beherrschen,

bevor die Worte wirklich ihren Mund verließen. Er schien es

Gott sei Dank nicht zu bemerken.

Auch das Interesse ihrer Arbeitskolleginnen nahm wieder ab.

Sie schienen dann doch zu akzeptieren, dass er nicht mit

ihnen plaudern würde. Elena selbst verstand sich immer

besser mit ihren Kollegen. Es war wesentlich mehr, als sie

jemals mit Klassenkameraden gehabt hatte. Doch sie beging

nicht den Fehler, sie als Freunde zu bezeichnen. Da war sie

noch vorsichtiger geworden, als sie ohnehin gewesen war,

seit Jeremy von allen fallen gelassen worden war.

So ergab es sich, dass sie auch manchmal gemeinsam fort

gingen. Der Grund, warum Elena sich in diesem Laden

wieder fand. Sie stand an der Bar und wartete auf ihre

Arbeitskollegin. Sie hatte sich hier mit ihr verabredet, weil es

angeblich ein ganz toller Laden war. Elena war davon nicht


so ganz überzeugt, ihr war es zu laut, die Musik war nicht

wirklich nach ihrem Geschmack und die Gäste ließen auch zu

wünschen übrig. Sie schätzte sie so ein, dass es

hauptsächlich ums aufreißen und trinken ging. Eine

Kombination, die sie absolut nicht ausstehen konnte.

„Hi, sorry, dass ich zu spät komme“, rief Angela ihr ins Ohr.

Elena drehte sich zu ihr um.

„Kein Problem“, schrie sie zurück. Angela, bedeutete ihr mit

einem Kopfnicken, dass sie tanzen wollte. Elena nickte und

folgte ihr. Sie hatte eine Menge Spaß, wie immer wenn sie

tanzte, zumindest solange, bis sie ein Typ anmachte, der

eindeutig zu viel getrunken hatte. Er konnte die Finger nicht

von ihr lassen, presste sich an sie und wollte sie ständig

küssen. Angewiderte wand sie sich aus seinem Griff und

flüchtete an die Bar. Sie konzentrierte sich so sehr darauf,

den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, um an

einen Drink zu kommen, dass sie erst realisierte, neben wem

sie stand, als sie das Glas in der Hand hatte.

Er saß lässig auf einem Barhocker und blickte auf die

Tanzfläche, schenkte ihr keine Aufmerksamkeit, was ihr im

Moment nur recht war. Die Flamme in ihrem Inneren war

dermaßen aufgelodert, dass sie sicher war, dass man die


Hitze ihrem Gesicht ansehen konnte. Ihn in der Arbeit zu

sehen, mochte vielleicht Gewohnheit geworden sein. Ihn

hier zu treffen, in der Freizeit, noch dazu so knapp neben ihr,

war etwas ganz anderes. Gerade als sie sich einigermaßen

gefasst hatte und sie sich fragte, warum er hier war, hörte

sie den Typen von vorhin in ihr Ohr säuseln: „Hey, Süße, wo

bist du denn so schnell hin?“,

„Lass mich in Ruhe!“, wollte sie ihn abwimmeln, doch er kam

näher. Offenbar wollte er sie in den Arm nehmen. Betrunken

wie er war, stolperte er über seine eigenen Beine und gegen

sie. Damit hatte sie natürlich nicht gerechnet und sie verlor

das Gleichgewicht. Ihr einziger entsetzter Gedanke war, dass

sie ihren Drink auf Jeremys Shirt schütten würde.

Doch er reagierte gänzlich anders, als sie erwartet hatte. Mit

einer Hand fing er sie auf, mit der anderen griff er nach dem

Glas und stellte es auf die Bar – in einer Geschwindigkeit,

dass sie die Bewegung fast nicht wahrnahm.

Sie wollte sich natürlich sofort wieder von ihm lösen. Seine

Abwehrhaltung anderen gegenüber war ihr schließlich

immer und zu jeder Zeit bewusst. Doch sie brauchte einen

Moment, um sich zu sammeln. Ihr Herz schlug ihr bis zum

Hals, ob wegen des Schrecks oder weil sie an Jeremy gelehnt

dastand, konnte sie im Moment nicht so genau sagen. Sie


vermutete Letzteres.

„Hey, Süße…“, begann dieser Typ wieder.

„Hau einfach ab“, fuhr Jeremy ihn an, seine Stimme härter

denn je. Vorsichtig blickte sie auf, der Ausdruck seiner Augen

war mörderisch. Anders konnte sie es nicht bezeichnen. War

sein Blick normalerweise kalt, schien er jetzt Eis zu sprühen.

Das schien sogar der Typ zu verstehen und er verschwand

wieder auf der Tanzfläche.

„Danke“, murmelte Elena, während sie sich endlich von ihm

löste. Mehr als dieses Flüstern traute sie ihrer Stimme im

Moment nicht zu.

„Keine Ursache“, gab er zurück, obwohl sie nicht mit einer

Erwiderung gerechnet hatte. Schon gar nicht so.

Sie schnappte sich ihren Drink und stürzte ihn in einem

Schluck hinunter. Das war seine alte Stimme gewesen! Keine

Härte, nur Samt.

Sie musste hier raus! Sie nickte Jeremy zu und ging Richtung

Türe. Draußen atmete sie einmal tief durch und schrieb eine

SMS an Angela, dass sie schon gegangen war. Hoffentlich

hatte sie ihr Handy auf vibrieren gestellt, denn hören würde

sie es sicher nicht. Doch daran verschwendete sie keine

Gedanken. Dazu war sie viel zu verwirrt.


Warum war er in diesem Lokal gewesen?

Schon wieder so ein Zufall?

Warum hatte er ihr geholfen?

Warum hatte er mit dieser Stimme gesprochen?

Warum hatte er nicht auf die Geschwindigkeit seiner

Bewegung geachtet, als er ihr das Glas abgenommen hatte?

Warum hatte er den anderen so wütend angesehen?

Diese Fragen drehten sich in ihrem Kopf im Kreis, als sie

nach Hause fuhr. Als sie sich niederlegte und die halbe

Nacht. Doch alle Fragen traten irgendwann aus diesem

Reigen aus, bis nur noch eine übrig war.

Warum hatte er mit dieser Stimme gesprochen?

Und dann wand sich die Hoffnung dazwischen. Die

Hoffnung, dass er ihr gegenüber weiterhin so sprechen

würde. Wie zwei Schlangen in wildem Tanz umschlang sich

die Frage mit der Hoffnung, drehten sich wie irre in ihrem

Kopf.

Irgendwann war sie eingeschlafen. Doch als sie die Augen

aufschlug, waren diese beiden immer noch da. Tanzen nach

wie vor den wilden Tanz in ihrem Kopf. Elena konzentrierte

ihr Denken und setzte einen Satz gegen sie ein. Einen Satz,


den sie immer wieder wiederholte, bis der Tanz ein Ende

fand. Den sie wiederholte, solange, bis sie in der Arbeit war:

Keine Hoffnungen machen.

Elena war vor Jeremy im Büro und setzte sich an ihren Platz.

Den Satz wiederholte sie nach wie vor, obwohl sie

versuchte, sich gleichzeitig auf die Mails vor ihr zu

konzentrieren. Es funktionierte nicht wirklich.

Als Jeremy schließlich kam, riskierte sie einen kurzen Blick.

Kalter Blick, keine Reaktion. Es war alles beim Alten.

Warum war sie so enttäuscht?

Was hatte sie erwartet?

Ihr Mantra hatte ganz offensichtlich nicht funktioniert. Sie

hatte sich doch Hoffnungen gemacht. Doch sie schob all

diese Gedanken beiseite. Es hatte sich nichts geändert. Sie

würde es akzeptieren, wie alles andere zuvor auch schon.

Die Routine würde sich wieder einstellen und nach wenigen

Tagen war es auch tatsächlich so. Elena dachte nicht mehr

an seine Samtstimme, die sie nach gut zwei Jahren wieder

hatte hören dürfen.

Alles normal. Alles Routine.


Elena parkte das Auto am Waldrand und öffnete die Tür um

auszusteigen. Schneller als sie reagieren konnte, war der

Hund an ihr vorbeigeschlüpft und schoss auf den Wald zu.

„Bello!“, schrie sie ihm nach, ein ziemlich bescheuerter

Name für einen Hund, wie sie fand. Schnell schnappte sie die

Leine, schloss das Auto ab und lief dem Hund nach. Na das

konnte ein toller Spaziergang werden! Warum hatte ihre

Nachbarin ihr nicht gesagt, dass sie aufpassen musste beim

Aussteigen? Jetzt auch egal. Zu ihrer Erleichterung war Bello

nach wenigen Metern stehen geblieben. Sie ging auf ihn zu,

in der Absicht, ihn anzuleinen. Doch kaum war sie auf drei

Schritte heran, wirbelte er herum und lief weiter. Verblüfft

und ein wenig ratlos, blieb Elena stehen. Genau wie der

Hund.

Argwöhnisch ging sie wieder auf ihn zu und wieder lief er

weiter. Echt klasse!

Als er das nächste Mal stehen blieb, blieb auch sie stehen

und rief nach ihm: „Bello komm her!“

Der Hund blickte zu ihr und lief wieder weiter. Na großartig,

sollte das jetzt die ganze Zeit so gehen? Verdammt!

Sie hatte eigentlich nur eine halbe Stunde spazieren gehen

wollen, bevor es dunkel wurde, außerdem sah es sehr nach


Regen aus. So wie sich dieser verrückte Hund benahm,

würde daraus nichts werden. Immer wieder lief er voraus,

kurz bevor sie ihn erreichte. Das war sicher das erste und

letzte Mal, dass sie ihrer Nachbarin einen Gefallen tat. Das

nächste Mal, wenn sie krank war, musste sie sich jemanden

anderen suchen, dabei hatte sie Elena versichert, dass Bello

sooo brav war. Sehr witzig.

Wütend ging Elena hinter dem Hund her den Weg entlang.

Sie hatte aufgegeben, ihn einfangen zu wollen. Sie hoffte,

dass er reagieren würde, wenn er sich ein wenig ausgetobt

hatte. Es begann zu tröpfeln und dann zu regnen.

Bestens, dachte Elena sarkastisch. Noch dazu war es kein

warmer Sommerregen und es dauerte nicht lange, bis sie

fröstelte. Jetzt müsste sich Bello doch einfangen lassen, es

war doch so, dass Hunde Regen hassten?

Bello auf jeden Fall nicht, denn er lief munter vor ihr her.

Jetzt bog er auch noch in den Weg ein, der zu Jeremys Besitz

gehörte. Schlimmer konnte es ja eigentlich nicht mehr

werden.

Elena rief ihn wieder, ohne dass er kam. Mit schmeichelnden

Worten versuchte sie ihn davon zu überzeugen, dass er

kommen sollte. Als das nicht funktionierte, wurde sie


wütend und brüllte ihn an. Das zeigte ebenfalls keinerlei

Wirkung. Elena stampfte wütend auf und setzte sich wieder

in Bewegung.

Und es wurde schlimmer. Der Regen wurde stärker und

Wind kam auf. Mittlerweile bis auf die Haut durchnässt,

schrie Elena immer wütender nach dem Hund. Es hatte

lediglich den Erfolg, dass er noch weiter voraus lief. Und

dann zerriss ein Donner die Luft. Der Hund jaulte auf und

schoss davon.

Elena blieb wie angewurzelt stehen. Sie hatte keine Chance

mehr, ihn einzuholen. Ratlos stand sie da. Was sollte sie

tun? Sie konnte doch nicht den ganzen Wald nach diesem

bescheuerten Hund absuchen. Sie ließ den Kopf frustriert

hängen, als ihr die Spuren auffielen. In dem vom Regen

aufgeweichten Boden, waren die Pfotenabdrücke des

Hundes deutlich zu sehen.

Seufzend machte sie sich wieder auf den Weg. Was blieb ihr

denn anderes über? Sie konnte ja schlecht ohne den Hund

wieder bei ihrer Nachbarin auftauchen. Jetzt musste sie

auch noch unter die Spurenleser gehen. Wenn sie das

jemandem erzählte, würde derjenige sich totlachen, ganz

bestimmt. Wütend und frierend stampfte sie dahin, mit

gesenktem Kopf, die Spur nicht aus den Augen lassend.


Erschrocken fuhr sie zusammen, als neben ihr ein Reiter aus

dem Unterholz brach. Ritt er niemals auf den Wegen?

„Es tut mir leid. Der Hund meiner Nachbarin ist mir

weggelaufen“, rechtfertigte sie sich, bevor er etwas sagen

konnte und deutete auf die Spur. Jeremy warf nur einen

kurzen Blick auf den Boden, dann ritt er weiter. War ja klar

gewesen! Hatte sie wirklich erwartet, dass er ihr helfen

würde?

Bevor Elena sich wieder in Bewegung setzte, hielt er jedoch

wieder an. Direkt neben einem umgestürzten Baumstamm.

Dann drehte er den Oberkörper zu ihr und streckte die Hand

aus. Elena schluckte. Wollte er wirklich, dass sie zu ihm aufs

Pferd stieg?

Es gab wohl nur eine Möglichkeit, das heraus zu finden. Sie

ging die wenigen Schritte zu ihm und stieg auf den Stamm.

Sie blickte Jeremy noch einmal prüfend an. Der kalte Blick

traf sie härter, als die Regentropfen, doch er hielt ihr nach

wie vor die Hand hin. Zögernd griff sie danach und stieg

hinter ihm auf. Ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust, die

Flamme loderte auf, schien sie innerlich zu verbrennen, als

sie ihn so nah an sich spürte.

Erschrocken hielt sich Elena an Jeremy fest, denn kaum, dass


sie richtig saß, trieb er das Pferd in Galopp. Das lenkte sie

erstmal erfolgreich von ihrem Herzklopfen und der Flamme

ab. Sie war noch nie ohne Sattel geritten und musste

aufpassen, um nicht hinunter zu rutschen. Doch nach

wenigen Metern hatte sie sich soweit daran gewöhnt, dass

sie bemerken konnte, dass Jeremys Blick auf den Boden

gerichtet war. Sie folgte diesem Blick, konnte die Spur des

Hundes aber nicht erkennen. Dafür waren sie erstens zu

schnell unterwegs und zweitens war es schon zu dunkel.

Seine Augen mussten außergewöhnlich sein, wenn er der

Spur folgen konnte. Sie nahm diese Information auf, wie

auch alle anderen Beobachtungen von ihm. Dann beschloss

sie, seine Nähe zu genießen, so lange es möglich war. Die

Wärme seines Körpers schien nicht nur dort, wo sie ihn

berührte, sondern breitete sich im ganzen Körper aus. Es

war fast berauschend, ihm so nahe sein zu können. Sie

konnte sich kaum beherrschen ihr Gesicht an seinen Rücken

zu pressen.

Als Jeremy das Pferd anhielt blickte sie auf. Sie waren an der

Rückseite eines Hauses angelangt. An dessen Seite befand

sich ein Stall. Jeremy schwang sein Bein über den Hals des

Pferdes, rutschte zu Boden. Schnell schwang auch sie sich

herunter. Ein wenig ratlos, blickte sie ihm nach, als er das


Pferd in den Stall führte. Sie schlang die Arme um sich,

versuchte ein Zittern zu unterdrücken. Ohne seine Wärme,

war ihr gleich doppelt so kalt wie zuvor. Eigentlich nur, um

hier nicht tatenlos herum zu stehen, folgte sie ihm in den

Stall. Mit einem erleichterten Seufzer, nahm sie die Wärme

wahr.

Sie blickte sich suchend um. Es gab fünf Boxen, doch nur vier

waren besetzt. Bevor ihre Neugier zuschlagen und sie die

Pferde betrachten konnte, fuhr sie zusammen. Jeremy war

aus einer der Boxen getreten, allerdings so schnell, dass es

unheimlich war. Als er sie bemerkte, stockte er mitten im

Schritt. Bei seinem Blick wurde ihr wieder eine Spur kälter.

Warum hatte sie schon wieder mit ein wenig mehr Wärme

in seinem Blick gerechnet?

Sie holte Luft um ihn wegen dem Hund zu fragen, doch er

kam ihr zuvor, indem er auf die leerstehende Box deutete.

Sie ging hin und blickte hinein. Der Hund lag

zusammengerollt im Heu und schlief. Er schien sich

vollkommen verausgabt zu haben.

Was sollte sie jetzt tun? Es schien ihr nichts anderes übrig zu

bleiben, als den ganzen Weg im Regen wieder zurück zu

gehen. Seufzend machte sie einen Schritt in die Box.


„Elena“, sprach Jeremy sie an. Sofort stockte sie in der

Bewegung und drehte sich um. Er stand an der Türe des

Stalls, bedeutete ihr, ihm zu folgen. Sie zögerte keine

Sekunde, was war schon der Hund der Nachbarin im

Gegensatz zu Jeremy?

Sie schloss die Box, damit Bello nicht doch noch davon lief

und folgte Jeremy in das Haus. So selbstverständlich wie er

sich darin bewegte, schloss sie, dass er hier wohnen musste.

Sie betraten direkt ein Wohnzimmer, von dem sie nur

wenige Eindrücke aufschnappte. Groß, gemütliche

Sitzgruppe, Kamin, gedämpfte Farbe an den Wänden. Dann

waren sie schon in einem Flur, wo er vor einer Tür anhielt.

„Warte kurz“, wies er sie an und verschwand durch eine

andere. Kurz darauf tauchte er wieder auf, reichte ihr einige

Kleidungsstücke und öffnete die Türe vor der sie stand. Es

war ein Badezimmer. Sie ging hinein und schälte sich

frierend aus ihren nassen Sachen. Dabei sah sie sich

neugierig um. Sie hatte mit mehr Luxus gerechnet. Immerhin

war es kein Geheimnis, dass Jeremy jede Menge Geld hatte.

Andererseits konnte es natürlich auch sein, dass seine Eltern

ihm gar nicht so viel mitgegeben hatten und er auf sich

gestellt, sein eigenes verdienen musste. Andererseits könnte

er sich mit dem Gehalt dieses Haus nicht leisten. Und schon


gar keine vier Pferde.

Elena stellte die Spekulationen ein, es brachte nichts und es

war eigentlich auch vollkommen irrelevant. Sie schlüpfte in

die Sachen, die er ihr gegeben hatte. Es war ein T-Shirt und

eine Trainingshose, sogar an Socken hatte er gedacht.

Verstohlen roch sie an dem Shirt – himmlisch. Dann packte

sie ihre Sachen auf einen Stapel und ging hinaus. Sie hatte

damit gerechnet, dass er vor der Türe auf sie warten würde,

doch er war weit und breit nicht zu sehen. Zögernd ging sie

weiter, ins Wohnzimmer. Sofort fiel ihr Blick auf ihn, wie er

mitten im Zimmer stand. Auch er hatte sich trockene Sachen

angezogen. Sobald sie das Zimmer betrat, drehte er sich um.

„Danke“, sagte sie leise, leicht verlegen.

Er reagierte nicht, sah sie nur an. Schauer über Schauer

jagten ihr den Rücken hinunter, doch es lag nicht daran, dass

ihr kalt wäre – im Gegenteil. Sein kalter Blick taute auf. Je

länger er sie ansah, desto wärmer wurde der Ausdruck in

seinem Gesicht. Sie unterbrach den Blickkontakt sonst

hätten ihre Knie nachgegeben. Sie verbot sich jegliche

Reaktion, jegliche Spekulation. Sie wollte nur noch weg.

Denn auch wenn es himmlisch war, wie er sie ansah, hatte

sie Angst vor ihrer Hoffnung.


„Ich bringe dich nach Hause“, sagte er und sie setzte sich in

Bewegung, bevor sie schwanken konnte. Diese Stimme! So

lange hatte sie gehofft – auch wenn sie es nie zugeben

würde – dass er mit ihr mit dieser warmen Stimme sprach.

Was war nur in ihn gefahren?

Was bedeutete das?

Es war schon das zweite Mal, dass er so mit ihr sprach. Sie

konnte gar nicht anders, als zu hoffen. Zu hoffen, dass es so

blieb. Elena holte tief Luft und es war ihr egal, ob er es hören

konnte, oder nicht. Sie musste sich mit Macht daran

erinnern, dass sie daraus nicht auf sein zukünftiges

Verhalten schließen durfte.

Wieder ging sie ihm nach, zur Terrassentür, durch die sie

auch ins Haus gekommen waren. Kurz bevor sie aus der Türe

trat, reichte er ihr einen Regenschirm. Sie liefen zum Stall,

holten Bello und gingen dann zu seinem Auto. Als sie beide

saßen, sagte sie leise: „Ich habe mein Auto am Waldrand

stehen gelassen.“

Er nickte und fuhr los. Sie starrte aus der Windschutzscheibe.

Er blickte sie immer wieder von der Seite an. Sie

war sich dessen bewusst. Sie war sich auch bewusst, dass

sein Blick wieder die übliche Kälte ausstrahlte. Doch sie tat


so, als bemerke sie es nicht. Sie wollte nicht nachdenken

und nicht grübeln. Sie wollte einfach so aussehen, als wäre

es nichts Besonderes, was ihr heute passierte. Sie wollte den

Eindruck vermitteln, als wäre es das Selbstverständlichste

auf der Welt, dass sie neben ihm im Auto saß, nicht einmal

einen halben Meter entfernt von ihm.

Als er schließlich neben ihrem Auto anhielt, sagte sie noch

einmal: „Danke.“

Du ahnst nicht, wie viel es mir bedeutet. Deine Stimme. Dein

Blick. Dass du mir geholfen hast. Doch sie sprach es nicht

aus, natürlich nicht. Stattdessen stieg sie aus, holte den

Hund und beeilte sich in ihr Auto zu kommen. Sie fuhr nach

Hause und lieferte den Hund ab. Sie hatte gelernt und

öffnete die Türe erst, als sie die Leine in der Hand hatte. So

riss ihr dieser blöde Köter wenigstens nur halb den Arm aus,

anstatt wieder davon zu laufen. Doch irgendwie schaffte sie

es nicht, ihm wirklich böse zu sein. Über den Grund, wollte

sie jetzt nicht nachdenken. Erst wenn sie in ihrer Wohnung

war, wollte sie es zulassen. Sie beeilte sich, den Hund

abzuliefern. Auch wenn sie nicht wirklich böse auf ihn war,

sagte sie gleich, dass sie nicht noch einmal mit ihm spazieren

gehen würde. Die Nachbarin wunderte sich zwar, war aber

viel zu fertig, um weiter darauf einzugehen. Auch die


Tatsache, dass es ihrer Nachbarin so schlecht ging, würde

Elena nicht dazu bringen, noch einmal mit diesem irren

Köter raus zu gehen.

Als sie endlich in ihrer Wohnung war, warf sie sich in ihr Sofa

und schon begannen die Gedanken zu fließen. Zu sagen,

dass sie verwirrt war, war untertrieben. Sie wusste einfach

nicht, was sie von seinem Verhalten halten sollte. Vielleicht

das erste Mal, seit sie ihn kannte, konnte sie ihn nicht

einschätzen.

Sie wusste einfach nicht, was es zu bedeuten hatte und das

machte sie irgendwie fertig. Schon das letzte Mal, als sie ihn

zufällig in diesem Lokal getroffen hatte, hatte sie gedacht,

dass er sich ändern würde. Zumindest ihr gegenüber.

Andererseits auf was hinauf?

Weil sie Arbeitskollegen waren?

Das war unlogisch. Nur weil sie ihn liebte, hieß das nicht,

dass er in ihr Verhalten irgendetwas hinein interpretierte.

Nur weil sie ihn liebte, bedeutete es nicht, dass er in ihr

etwas anderes sah, als eine Arbeitskollegin, die er zufällig

von der Schule her kannte.

Elena seufzte genervt. Sie kam einfach nicht weiter!

Wie sollte sie auch? Dafür müsste sie mit ihm reden. Doch


diese Chance hatte sie verstreichen lassen. Das hätte sie

vorher machen können. Als sie alleine gewesen waren.

Alleine mit ihm in seinem Haus. In seinem Auto.

Aber nein, da hatte sie ja auf „Ist alles nichts Besonderes“

machen müssen. Andererseits war sie sich nur zu bewusst,

dass sie ihn auch dann nicht gefragt hätte, wenn sie nicht so

verwirrt gewesen wäre. Dass sie ihn nicht mit Fragen

belästigt hätte, selbst wenn sie vorher auf diesen Gedanken

gekommen wäre.

Sie würde noch irre, werden, wenn sie hier noch länger

grübelte!

Sie beschloss, Isabella anzurufen. Auch wenn sie sie damit

nerven würde. Sie hatte niemand anderen, mit dem sie über

ihn reden konnte. Freundinnen hatte sie sonst keine und mit

ihren Arbeitskolleginnen wollte sie darüber nicht reden. Sie

versuchte, Arbeit und Privat zu trennen. Mit Ausnahme von

Jeremy selbstverständlich.

Kaum dass Isabella ans Telefon gegangen war, klagte Elena

ihre Verwirrung. Sie erzählte, was heute passiert war und

wartete schließlich gespannt. Isabella seufzte genervt, doch

das merkte man ihrer Stimme danach nicht an.

„Das ist doch ganz einfach, entweder er ändert sich dir


gegenüber, was du morgen in der Früh rausfindest, oder

nicht, dann bleibt alles beim Alten. Also zerbrich dir nicht

den Kopf, sondern warte ab. Das hast du die letzten Jahre

schließlich auch getan“, predigte Isabella.

Einen Moment war Elena verblüfft, dass es so einfach war.

Aber Isabella hatte zweifellos recht. Sie hatte immer

abgewartet. Warum sollte sie es jetzt plötzlich ändern?

Spätestens morgen würde sie Bescheid wissen.

„Danke. Du bist die Beste“, sagte sie schließlich.

„Ich weiß. Ich hoffe, dass er sich ändert“, erklärte Isabella.

Unwillkürlich lachte Elena auf, als sie erwiderte: „Damit ich

dich nicht mehr mit ihm nerve.“

„Jaaaa“, zog Isabella das Wort gequält in die Länge.

„Tut mir leid“, sagte Elena betreten. Irgendwie kam sie sich

in solchen Situationen immer ziemlich erbärmlich vor.

„Hey, du weißt wie ich das meinte“, sagte Isabella tadelnd.

„Ja, schon klar“, gab Elena zu, dass sie es nicht wirklich ernst

genommen hatte. Nur ein klein wenig.

„Ich bin immer da, wenn du wen zum Reden brauchst“,

bekräftigte Isabella noch einmal.

„Ich weiß, danke“, meinte Elena ehrlich. Sie verabschiedeten


sich und Elena lehnte sich erleichtert zurück. Sie verbot sich

sämtliche Gedanken über Jeremy. Sie würde einfach

abwarten, so wie Isabella gesagt hatte.

Diese Einstellung stellte sich als die richtige heraus, denn es

änderte sich nichts. Jeremy war, wie er immer gewesen war.

Er sah sie nicht an. Sein Blick war kalt. Seine Stimme hart.

Es machte sie verrückt!

Sie hatte sich zwar geschworen, sich keine Hoffnungen zu

machen, aber mit seinem Verhalten hatte er sie in eine Lage

gebracht, in der sie praktisch gezwungen war, sich welche zu

machen. Eigentlich sollte sie ihn darauf ansprechen.

Eigentlich sollte sie ihm sagen, dass er nicht mit ihr spielen

sollte. Eigentlich sollte sie ihm sagen, dass er sich

entscheiden sollte, wie er mit ihr umging.

Aber sie traute sich nicht, schon gar nicht in der Arbeit. Das

war einfach nicht richtig. Außerdem war die Angst zu groß,

dass er klipp und klar sagte, dass er nichts mit ihr zu tun

haben wollte. Denn dann wären sämtliche Hoffnungen – die

sie sich ja nicht machte – dahin. Doch trotz dieser Angst

wurde das Bedürfnis, das zu klären immer größer. Je mehr

Tage und Stunden vergingen, desto klarer wurde ihr: Er


musste irgendetwas für sie empfinden, denn sonst wäre sein

Verhalten ein anderes gewesen. Er hätte ihr vielleicht sogar

trotzdem geholfen, doch niemals hätte er sie so angesehen

und mit seiner alten Stimme mit ihr gesprochen.

Am Freitag, als sie wieder zu Hause saß und – wie nicht

anders zu erwarten – sich ihre Gedanken ausschließlich um

Jeremy drehten, fasste sie einen Entschluss.

Sie schnappte sich ihre Schlüssel und ging zu ihrem Auto.

Schnell, sich selbst keine Zeit zum Nachdenken gebend, stieg

sie ein und fuhr los. Es funktionierte, so lange, bis sie vor

seinem Haus angekommen war. Dort packten sie die

Zweifel. Sollte sie das wirklich machen? Konnte sie es?

Konnte sie wirklich aussteigen und ihn zur Rede stellen?

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als die Haustüre

aufging und er zu ihr hinaus schaute. Viel schlimmer, als mit

ihm zu reden, war, jetzt wieder los zu fahren.

Sie holte noch einmal tief Luft und stieg aus. Sie musste

schlucken, als sie näher kam. Sein Blick war kalt – natürlich.

Doch er trat einen Schritt zurück und lud sie somit ein,

herein zu kommen. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie sich

nicht gewundert hätte, wenn er es gehört hätte. Sie gingen

ins Wohnzimmer, wo er stehen blieb und sich umdrehte.


Wortlos blickte er ihr in die Augen, sie konnte nicht

wegsehen. Und bevor sie auch nur ein Wort herausbringen

konnte, war sie gefangen. Gefangen von seinen Augen.

Gefangen von der Verwandlung, die wieder stattfand.

Gefangen von der Wärme, die am Ende aus seinen Augen

strahlte. Die innere Flamme loderte so hoch, dass sie sich

nicht gewundert hätte, wenn sie tatsächlich in Flammen

aufgegangen wäre.

Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Ihr Körper hatte die

Kontrolle übernommen. Ihr Kopf wusste, dass es ein Fehler

war– ein großer Fehler. Doch ihr Verstand hatte keine

Chance.

Sie überwand die Distanz zwischen ihnen mit wenigen

Schritten, fasste ihn um den Nacken und küsste ihn.

Eine Sekunde, zwei Sekunden. Sie erstarrte.

Er war von ihr fortgesprungen. Gleich drei Meter mit einem

einzigen Satz. In derselben Bewegung griff er nach etwas

von dem nahestehenden Tisch und warf es mit einem Schrei

gegen die Wand hinter ihr. Sie war so geschockt, dass sie

nicht einmal zusammen zuckte, als das Ding an ihr vorbeiflog

und es hinter ihr splitterte. Er wirbelte herum, ein weiteres

Etwas krachte gegen eine andere Wand, wieder ein Schrei.


Sein Blick war wieder eiskalt, fast so sehr wie er damals

diesen Typen angesehen hatte, der sie belästigt hatte. Dann

schlug er mit der Faust gegen die Wand. Das alles geschah

mit einer derartigen Geschwindigkeit, dass ihr schwindlig

geworden wäre, wenn sie es denn realisiert hätte. Doch sie

stand da, wie erstarrt – vor Angst. Als er den Kopf ihr

zuwandte und dieser eisige Blick sie traf, drehte sie sich um

und flüchtete. Sie rannte zu ihrem Auto, sprang hinein und

fuhr los. Vollkommene Leere herrschte in ihrem Kopf. Das

einzige, was sie empfinden konnte war Angst. Angst und

Entsetzen.

Erst als sie zu Hause ankam und sich auf ihr Sofa warf,

konnte sie wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen.

Sie kauerte sich zusammen, ein Kissen vor sich an die Brust

gepresst.

Sie hatte gewusst, dass es ein Fehler gewesen war.

Verdammt, wieso hatte sie sich hinreißen lassen? Sie wusste

doch, besser als jeder Andere, dass er alleine sein wollte,

dass er keine Gespräche wollte, dass er keinen Kontakt

wollte. Was, in Gottes Namen, hatte sie geritten, ihn zu

küssen? Sie hatte doch reden wollen!

Tränen schossen ihr in die Augen. Er war so wütend auf sie!

Sie hatte echt Angst gehabt. Angst, dass er sie treffen


könnte, Angst, dass er seine Wut an ihr auslassen würde. Sie

hätte es verdient, keine Frage. Nichts desto trotz hatte sie

Angst gehabt. Er war so verdammt schnell, er war so

unberechenbar für sie geworden! Selbst jetzt noch begann

sie zu zittern, wenn sie an den mörderischen Ausdruck in

seinen Augen dachte.

Hatte sie jemals geglaubt, ihn zu kennen?

Hatte sie wirklich gedacht, ihn einschätzen zu können?

Weit gefehlt, sie hatte absolut keine Ahnung, wie er wirklich

war. Diese Einsicht schmerzte fast mehr, als ihr Fehlschlag.

Warum nur hatte sie sich überreden lassen mitzukommen?

Sie hatte doch eigentlich nur einen Ausritt genießen wollen

um auf andere Gedanken zu kommen. Was natürlich nicht

funktioniert hatte, denn sie musste ständig daran denken,

wie es sich angefühlt hatte, an Jeremy geschmiegt zu reiten.

Das wiederum führte unweigerlich zu ihrer dämlichen Aktion

letzte Woche.

„Juhu, Erde an Elena“, riss Tanja sie aus ihren Gedanken.

Tanja und Sophie hatte sie dazu überredet, noch etwas

trinken zu gehen. Als sie in den Stall zurückgekommen war,

hatten die beiden gemeint, sie sah so aus, als könnte sie es


auchen. Das mochte stimmen, aber es lenkte sie nicht ab.

„Entschuldige“, sagte sie ein wenig betreten. Tanja und

Sophie schenkten ihr einen mitleidigen Blick, sie hatten

schon akzeptiert, dass sie nicht darüber reden wollte und so

führten sie ihr Gespräch fort. Das hieß sie hielten Ausschau

nach Männern, die sofort analysiert wurden. Es dauerte

nicht lange, bis Elenas Gedanken wieder abschweiften, denn

andere Männer interessierten sie nicht im Geringsten.

Sie dachte an das furchtbare Wochenende. Ein

Wochenende, an dem sie sich endlos Vorwürfe gemacht

hatte, abgewechselt mit Möglichkeiten, was sie tun sollte.

Sie war geschwankt zwischen Vergiss ihn und Geh noch

einmal zu ihm. Am Ende hatte sie sich für Vergiss ihn

entschieden. Sie hatte eingesehen, dass sie es verbockt

hatte. Sie hatte fünf Jahre abgewartet und es in zwei

Sekunden vermasselt.

Am Montag war sie geschlagene drei Minuten vor der

Bürotür gestanden, bevor sie sich getraut hatte, sie zu

öffnen. Sie hatte Angst gehabt. Sie wusste selbst nicht, ob

sie mehr gefürchtet hatte, wieder seinem kalten Blick zu

begegnen oder eine andere Reaktion von ihm. Ihre Furcht

war unbegründet gewesen, denn er war nicht da gewesen.

Sie hatte sich gewundert, sie war später dran gewesen, weil


sie verschlafen hatte. Nach wenigen Minuten war Lisa zu ihr

gekommen.

„Guten Morgen. Wie siehst du denn aus? Ist alles ok?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“

„Wie du meinst. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass

Jeremy nicht mehr kommt.“

Elena hatte sich sehr anstrengen müssen, nicht geschockt

auszusehen und ihre Stimme normal klingen zu lassen.

„Warum?“

Lisa hatte die Schultern gezuckt.

„Er hat gekündigt. Hat einen anderen Job gefunden.“

„Alles klar.“

Zu Elenas Erleichterung, hatte Lisa gleich darauf das Zimmer

verlassen. Elena hatte blicklos vor sich hin gestarrt. War es

wegen Freitag? Nein, er hatte sicher schon vorher

gekündigt, oder? Ging das überhaupt so kurzfristig?

„Elena jetzt reiß dich mal zusammen!“

Erschrocken blickte sie auf. Sophies Blick war nicht mehr

mitleidig, sondern schon fast vorwurfsvoll.


„Ja, du hast recht. Entschuldige“, Elena schob die Gedanken

an Jeremy beiseite.

„Schau mal da an der Bar. Der mit dem weißen Shirt. Der

wäre doch was für dich oder?“, sprach Tanja sie an. Elena

wollte eigentlich den Kopf schütteln, andere Männer waren

ihr sowas von gleichgültig. Aber sie wollte den beiden die

Laune nicht endgültig verderben. Also wandte sie sich um

und suchte die Bar nach einem weißen Shirt ab.

Scheiße! Das konnte doch nicht wahr sein!

Gerade hatte sie die Gedanken an ihn beiseite geschoben,

da tauchte er auf. Und ausgerechnet ihn hatte Tanja

entdeckt.

„Ja, sicher“, erwiderte sie nach einem kurzen Blick. Er

schaute in ihre Richtung, weshalb sie sich schnell wieder

umdrehte. Sophie deutete das falsch und forderte sie auf:

„Los geh hin und sprich ihn an!“

Sie war richtig begeistert bei der Sache, so wie es aussah,

war sie der Meinung, dass ein bisschen Flirten Elena auf

andere Gedanken bringen konnte. Diese spielte mit ihrem

Glas und schüttelte den Kopf. Während sie versuchte,

Jeremy wieder aus ihren Gedanken zu verbannen,

unterhielten sich die zwei weiter.


„Es ist echt zu schade, dass wir seinen Namen nicht wissen“,

sagte Tanja nachdenklich.

„Warum?“, fragte Sophie verblüfft.

„Na, es ist immer besser, wenn man die Jungs schon mit

Namen ansprechen kann, oder? Soll ich mit dir hingehen

und ihn fragen?“, fragte Tanja schelmisch. Der letzte Satz

hatte eindeutig Elena gegolten, doch sie ignorierte ihn.

„Jeremy“, sagte sie, weiterhin auf ihr Glas starrend,

desinteressiert, sich bemühend, ihre Gefühle in den Griff zu

bekommen.

„Du kennst ihn?“, fragten die beiden gleichzeitig. Elena

nickte nur mit dem Kopf. Sie fühlte sich furchtbar, sie sollte

nach Hause gehen. Es war wirklich keine gute Idee gewesen,

mitzukommen.

„Also wenn du ihn nicht willst, dann geh ich zu ihm“, stellte

Tanja fest.

„Nein! Er gehört mir!“, rief Elena aus und ihr Kopf fuhr hoch.

Wie peinlich! Wie konnte sie nur?

Er gehörte niemandem. Ihr schon gar nicht.

„Raus mit der Sprache! Was läuft zwischen euch?“, fragte

Sophie sie misstrauisch.


„Ich liebe ihn, aber er mich nicht“, sagte sie, ohne

nachzudenken. Erst als sie die verblüfften Blicke von Tanja

und Sophie sah, wurde sie sich bewusst, was sie da gesagt

hatte. Um das zu überspielen, denn jetzt war es ihr doch

peinlich, es so offen zugegeben zu haben, vor allem, da sie

ihre Chance verspielt hatte, fügte sie hinzu: „Außerdem

würde er dich sowieso abblitzen lassen.“

„Nur weil er es bei dir getan hat, heißt es noch lange nicht,

dass er es bei mir auch machen wird“, fauchte Tanja und

stand auf. Elena konnte gar nichts darauf erwidern, denn sie

war schon weg. Hatte sie was Falsches gesagt? Warum war

Tanja plötzlich wütend auf sie? Warum ging sie jetzt zu ihm,

wo Elena doch gesagt hatte, dass sie ihn liebte? War er

damit nicht automatisch Tabu für die Beiden? Bei

Freundinnen war das doch eigentlich so? Doch es war so wie

so egal, eigentlich sollte sie Mitleid mit Tanja haben.

Wie vermutet, dauerte es nicht lange, bis sie wieder an den

Tisch zurück kam. Sie setzte sich und noch bevor sie etwas

sagen konnte, fragte Sophie aufgeregt.

„Was hat er gesagt?“

Tanja sah ihr ausdruckslos ins Gesicht, als würde sie unter

Schock stehen.


„Er hat gar nichts gesagt. Er hat sie mit einem kalten Blick

angesehen, der Eis versprühen könnte“, stellte Elena in

sachlichem Ton fest. Sowohl Tanja, als auch Sophie sahen sie

überrascht an.

„Ich hätte es dir gesagt, wenn du mich hättest zu Wort

kommen lassen“, erklärte Elena. Tanja schien sich schon

wieder von dem Schock erholt zu haben.

„Du hättest es gleich sagen können, dass du ihn so gut

kennst!“, warf sie ihr vorwurfsvoll vor. Elena zuckte nur mit

den Schultern.

„Ich glaube es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Amüsiert euch

noch. Das geht sicher besser ohne mich“, sagte sie

niedergeschlagen. Sie musste hier raus. Sie konnte ohnehin

keinen klaren Gedanken fassen. Egal, was die beiden auch

versuchten. Doch die schienen ihr gar nicht zu zuhören, sie

schauten an ihr vorbei. Auch egal, dachte Elena, packte ihre

Tasche und stand auf.

Als sie sich umdrehte, wusste sie, warum die Beiden so

komisch geguckt hatten. Jeremy war auf sie zugekommen

und stand nun vor ihr.

„Hast du kurz Zeit?“, fragte er. Sie hatte diese Stimme die

letzte Woche vermisst, obwohl es nur die harte Version war.


Auch der kalte Blick war nach wie vor da. Elena hasste sich

selbst dafür, hasste es, dass die Glut sofort angefacht wurde

und die Flamme aufflackerte. Sie zwang sich, nicht darauf zu

achten und schüttelte den Kopf. Was hatte es für einen Sinn

zu reden? Sie hatte es vermasselt. Sie wusste, wie er war. Sie

wusste, dass er keinen Kontakt wollte. Er brauchte es nicht

zu erklären.

Ohne ein Wort ging sie an ihm vorbei und nach draußen.

Zielstrebig schritt sie Richtung nach Hause. Sie war nicht mit

dem Auto unterwegs, weil das Lokal nur wenige Minuten

von ihrer Wohnung entfernt war. Sie merkte sehr wohl, dass

er ihr nachging. Aber was sollte sie tun? Laufen? Ha, schnell

wie er war, hätte er sie sofort wieder eingeholt.

Schließlich schloss sie ihre Wohnungstüre auf. Er trat einfach

hinter ihr ein, als hätte sie ihn eingeladen, mitzukommen.

Kurz sah er sich um. Verdammt was hatte er vor?

„Hier wohnst du?“, fragte er ungläubig. Nur ganz nebenbei

bemerkte sie, dass es nur harte Stimme war. Viel mehr

beschäftige sie der Gedanke, was er von ihr wollte.

Trotzdem antwortete sie: „Ich weiß dass es schäbig ist, dafür

hab´ ich aber Geld für andere Sachen über. Dass ist mir

wichtiger, als eine tolle Wohnung.“


Es klang trotzig, immerhin konnte ja nicht jeder in so einem

super Haus wohnen.

Sie wandte sich zu ihm um, holte tief Luft.

„Ich hab´s begriffen ok? Deine Wut auf mich war nicht zu

übersehen und ich hatte Angst, richtig Angst“, sagte sie so

fest sie konnte. Dabei schob sie ihn nach hinten aus der

Türe. Sie ignorierte das aufgeregte Kribbeln in ihrem Körper,

als sie ihre Hände dabei auf seine Brust legte. Er leistete

keinen Widerstand, sagte nur sehr leise: „Aber du hast

gesagt, dass du mich liebst.“

Sie achtete nicht auf sein Murmeln, ließ das Gehörte einfach

nicht bis in ihr Hirn dringen. Sie machte ihm einfach die Türe

vor der Nase zu und lehnte sich zitternd dagegen. Egal was

er sagen wollte, es wäre nicht von Belang. Sie wusste, dass

er seine Ruhe haben wollte.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Warum nur, konnte ihr Herz

nicht akzeptieren, was ihr Verstand schon längst wusste?

Sie atmete tief ein, zwang ihre Gedanken von Jeremy weg.

Es würde seine Zeit brauchen, doch sie würde es schaffen,

von ihm los zu kommen. Was hatte es schließlich für einen

Sinn, sich selbst das Leben schwer zu machen?

Sie würde ihn nicht mehr sehen. Hoffte sie. Zumindest nicht,


is sie ihn, oder besser die Gefühle für ihn, überwunden

hatte. Jetzt war sie froh, dass er nicht mehr mit ihr arbeitete.

Denn da hätte sie keine Chance gegen sich selbst. So jedoch,

war sie zuversichtlich, dass sie ihn vergessen konnte.

Zumindest redete sie sich das ein.

Am nächsten Tag war Freitag und sie fühlte sich schrecklich,

als sie die Augen aufschlug. Sie hatte ewig nicht einschlafen

können. Die ganze Zeit hatte sie immer und immer wieder

die Gedanken an Jeremy beiseite schieben müssen.

Letztendlich hatte sie es geschafft, doch sie hatte nicht gut

geschlafen. Sie überlegte schon, ob sie nicht einfach zu

Hause bleiben sollte. Doch das verwarf sie gleich wieder.

Liebeskummer war wohl nicht wirklich ein Grund, zu Hause

zu bleiben. Außerdem wäre sie in der Arbeit wenigstens

abgelenkt. Zumindest mehr als hier.

Sie quälte sich also aus dem Bett und machte sich fertig.

Irgendwie fühlte sie sich wie ferngesteuert. Immer noch

musste sie die Gedanken an ihn wegschieben und das nahm

fast ihre gesamte Konzentration in Anspruch.

Als sie schließlich in der Arbeit war, machte sie sich fast

grimmig über die ersten Mails her. Plötzlich tauchte Lisa auf

und ließ sich ihr gegenüber nieder. Sie hatte einige

Unterlagen in der Hand.


„Was wird das denn?“, fragte Elena perplex.

„Du siehst so aus, als könntest du Gesellschaft brauchen“,

sagte Lisa, während sie den Computer hochfahren ließ.

„Aber ich…“, begann Elena.

„Keine Chance, ich werde heute auf jeden Fall hier arbeiten

und vielleicht morgen und übermorgen und

überübermorg…“

„Ist ja gut“, musste Elena lachen. Es tat gut. Vielleicht hatte

Lisa ja recht. Wenn sie alleine wäre, würden ihre Gedanken

nur ständig zu Jeremy wandern. Komisch, früher hatte sie

keine Probleme damit gehabt, ihre Gedanken unter

Kontrolle zu halten. Sie hatte nie Schwierigkeiten gehabt,

sich auf etwas Anderes zu konzentrieren. Wo war der

Unterschied? Damals wie heute wusste sie, dass aus ihnen

beiden nichts werden würde.

Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken. Sie nahm ab, schob

– wieder einmal – die Gedanken an Jeremy beiseite und

konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Zwischendurch redete sie

mit Lisa, besprach Kundenanfragen oder sie machten sich

über besonders einfältige Kunden lustig. Es funktionierte. Sie

dachte tatsächlich für einige Stunden nicht an Jeremy. Bis sie

eine E-Mail öffnete und las:


Ich war nicht auf dich wütend.

Darf ich es erklären?

Jeremy

Vollkommen überrascht, unfähig einen klaren Gedanken zu

fassen, starrte sie auf die Worte. Das Telefon klingelte, sie

reagierte nicht.

„Soll ich´s nehmen?“, fragte Lisa. Irritiert blickte sie auf,

nickte nur. Wieder starrte sie auf den Bildschirm. Schließlich

schieb sie zurück.

Ich höre/lese.

Sie wartete gebannt. Schnell war die Antwort da.

Persönlich.

Sofort schlug ihr Herz schneller. Er wollte sie sehen. Traute

sie sich? Wieder musste sie an seine Aggressivität an jenem


Tag denken. Doch er hatte geschrieben, dass seine Wut

nicht ihr gegolten hätte. Würde sie sich diese Gelegenheit

entgehen lassen? War sie so feig, dass sie diese Chance

verstreichen ließ?

Nein!

Ich komme zu dir.

Sie erinnerte sich nur zu gut, wie er auf ihre Wohnung

reagiert hatte. Außerdem war es leichter aus seinem Haus

zu flüchten, als ihn aus der Wohnung zu werfen. Er schien es

zu akzeptieren, denn es kam keine Antwort mehr.

Nachdem sie minutenlang gewartet hatte, musste sie es als

Zusage akzeptieren. Sie zwang sich, sich wieder zu

beruhigen. Ihr Herzschlag beruhigte sich nur langsam

wieder. Doch sie hatte hier Arbeit und konnte nicht den

restlichen Tag auf den Bildschirm starren. Sie holte tief und

zittrig Luft und erst dann fiel ihr Lisa ein. Sie blickte

vorsichtig zu ihr, registrierte, dass sie sie neugierig ansah.

Kein Wort würde sie ihr erklären. Sie versuchte sich an

einem Lächeln und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Quälend langsam verging der restliche Tag. Als es endlich


vier Uhr war, wollte sie sofort los. Doch dann hielt sie inne.

War er überhaupt schon zu Hause? Sie hatte keine Ahnung,

wo und wie lange er jetzt arbeitete.

„Los komm mit“, sagte Lisa entschlossen.

„Was?“, fragte sie verwirrt.

„Wir gehen was trinken“, stellte Lisa fest.

Nicht schon wieder, dachte Elena.

„Ich kann nicht. Ich …“, begann sie.

„Keine Widerrede. Du bist fertig. Du brauchst Abwechslung“,

stellte Lisa fest, schnappte sie am Arm und zog sie aus dem

Raum. Seufzend gab Elena nach, sie wusste ja sowieso nicht,

ob er schon zu Hause war. Sie würde kurz mit Lisa mitgehen,

dann war diese zufrieden und danach würde sie zu Jeremy

fahren.

Lisa hatte sie in einen nahe gelegenen Pub gezogen. Sie

hatte sie in ein Gespräch – über die Arbeit und die

Arbeitskollegen, Firmenfeiern und so weiter – verwickelt

und nicht gehen lassen. Sie hatte Elena sogar etwas zu essen

bestellt und darauf bestanden, dass sie es auch aß.

Mittlerweile war es elf Uhr abends.

„Darf ich jetzt los?“, fragte Elena schließlich schon fast

verzweifelt.


„Hast du in den letzten Stunden daran gedacht, was auch

immer dich bedrückt?“, fragte Lisa zurück.

„Immer nur wenige Sekunden, wenn ich gesagt habe, dass

ich gehen will“, antwortete sie genervt.

„Siehst du. Man braucht manchmal Ablenkung“,

triumphierte Lisa mit einem Grinsen.

„Ja“, seufzte Elena ergeben. Sie wollte jetzt wirklich los. Zu

ihrer Erleichterung stand Lisa auf und gemeinsam gingen sie

zu den Autos auf dem Firmenparkplatz.

„Schönes Wochenende!“, rief Lisa noch fröhlich, bevor sie in

ihr Auto stieg und davon fuhr.

„Mal sehen“, murmelte Elena und machte sich auch auf den

Weg. Sie hatte richtig schlechtes Gewissen, weil es schon so

spät war. Ob sie jetzt wirklich noch bei ihm aufkreuzen

konnte?

Andererseits wollte sie sich auch nicht die ganze Nacht

Gedanken machen. Wobei sie vermutlich sofort einschlafen

würde. Sie war wirklich schon müde. Dank Lisa. Was sicher

deren Absicht gewesen war. Doch wenn sie daran dachte,

gleich mit Jeremy zu reden, war sie wieder munterer. Mit

jedem Kilometer wurde sie angespannter, doch sie verbot

sich jegliche Spekulation.


Wieder öffnete er die Türe, kaum dass sie das Auto

abgestellt hatte. Mit klopfendem Herzen und trockenem

Mund stieg sie aus, registrierte die Flamme, die wie immer

aufloderte, sobald sie ihn sah.

Wortlos bat er sie herein, ging ihr voraus ins Wohnzimmer.

Wie beim letzten Mal blieb er schließlich stehen, drehte sich

zu ihr um. Aufmerksam sah sie ihn an, versuchte ihn

einzuschätzen. Sein Blick schien ein wenig wärmer als

gewöhnlich, doch es schien ihm nicht leicht zu fallen mit ihr

in einem Raum zu sein, denn sein Gesichtsausdruck war

konzentriert.

„Ich war auf mich selbst wütend“, begann er schließlich.

Sollte das etwas erklären? Sie sah ihn ratlos an. Auch wenn

ihr Herz bis zum Hals klopfte, hatte sie sich so weit im Griff,

dass sie einfach abwarten konnte. Er fuhr sich mit der Hand

übers Gesicht. Schien nach Worten zu suchen.

„Jahrelang hab ich meine Gefühle abgeschaltet, hab mich

quasi mit einer Eisschicht umgeben, nichts an mich

herangelassen“, erklärte er schließlich. Elena nickte,

realisierte nebenbei, dass seine Stimme nach wie vor hart

war. Sie hätte damit rechnen müssen, trotzdem war sie

enttäuscht.


„Du hast mich einfach überfallen. Es war … zu schnell ... zu

intensiv …“, verlegen brach er ab.

Elena brauchte einige Momente um das zu verarbeiten. Er

ließ ihr nicht viel Zeit dafür.

„Ich war so wütend, weil ich mir geschworen hatte, keine

Gefühle mehr zu zulassen. Keine Angriffsfläche mehr zu

bieten. Ich war so wütend, weil ich chancenlos war. Ich war

so wütend, weil ich dich schon die ganze Zeit zu nah an mich

rangelassen hatte“, fuhr er fort. Dabei wurde seine Stimme

noch härter und sein Blick wieder kalt. Er schien nach wie

vor wütend darüber zu sein. Doch etwas verstand sie so gar

nicht.

„Die ganze Zeit zu nah?“, echote sie leise, ungläubig. Was

sollte das heißen? Er hatte sie überhaupt nicht an sich heran

gelassen. Naja, mit ein, zwei Ausnahmen scheinbar.

„Seit einem Jahr“, bestätigte er nickend. Elena senkte den

Blick, das war einfach zu viel für ihren Verstand. Was sollte

das heißen?

Dass sie sich so lange umsonst zusammen gerissen hatte?

Sie trat zwei Schritte zurück und lehnte sich schwach gegen

die rückwärtige Lehne des Sofas. War es das, was er sagen

wollte?


Sie blickte auf und in sein Gesicht. Er musterte sie, scheinbar

besorgt. Seine Augen hatten ihre Kälte fast ganz verloren.

Bevor sie dem irgendeine Bedeutung beimessen konnte,

erklärte er.

„Das ist mir in jenem Moment erst wirklich klar geworden.

Du warst immer da. Schon in der Schule. Alle haben mich

fallen lassen, aber du warst da. Du hast nicht gefordert,

nicht gebeten. Du warst einfach da. Bei dem Projekt zum

Beispiel. Oder dann auch in der Arbeit. Du hast es immer

gewusst, du hast die anderen ferngehalten.“

Seine Stimme wurde weicher und weicher, bis sie einen

Samtton hatte, den sie noch nie gehört hatte. Mehr als alles

andere bewies es ihr, welche Gefühle er hatte. Sie musste

schlucken. Brachte kein Wort heraus. Sie wagte nicht, die

Bedeutung dieser Worte zu erfassen. Was, wenn sie ihn

falsch verstand? Wenn er gar nicht das sagen wollte, was sie

hoffte? Spielte ihr vielleicht ihr Verstand einen Streich?

„Und dann bist du hergekommen. Dein Kuss war… wie ein

Feuer... Nach so vielen Jahren Eis .. es war einfach … zu viel

... zu schnell “

Ihr Verstand hatte das alles noch nicht realisiert, doch ihr

Herz jubilierte. Langsam breitete sich ein Lächeln in ihrem


Gesicht aus. Sie kannte ihn so gut. Sie wusste, dass sie es

nicht falsch interpretieren konnte. Diese samtene Stimme

und die Wärme, die wieder aus seinen Augen strahlte, das

konnte sie nicht missverstehen. Da gab es keinen Zweifel.

„Dann solltest du dich vielleicht langsam an mir

aufwärmen“, flüsterte sie, mehr konnte sie ihrer Stimme

nicht abverlangen.

„Ja“, hauchte er. Er setzte sich in Bewegung, kam auf sie zu.

Elena war froh, dass sie bereits an der Couch lehnte, sonst

hätten spätestens jetzt ihre Knie endgültig nachgegeben. Sie

rührte sich nicht, ließ die Hände neben sich auf der Lehne,

wartete ab. Er legte eine Hand an ihre Wange, näherte sich

ihren Lippen. So quälend langsam!

Ihr Herz trommelte in ihrer Brust, dass sie befürchtete, es

würde herausspringen. Seine Lippen verzogen sich zu einem

hinreißenden Lächeln, das sie seit mehr als zwei Jahren nicht

mehr zu Gesicht bekommen hatte. Sie musste sich gewaltig

zusammenreißen, um sich nicht auf ihn zu stürzen. Seine

Lippen berührten ihre, sie krallte ihre Hände in die

Polsterung, zwang sich, still zu halten. Aber dass sie ihre

Lippen öffnete und ihre Zunge mit einem Seufzen seine

Lippen berührte, konnte sie nicht verhindern.


Jeremy versteifte sich, begann zu zittern. Sofort zog sie

ihren Kopf zurück.

„Nicht, es ist ok“, murmelte er. Seine Hand strich von ihrer

Wange in ihrem Nacken, zog sie wieder näher. Erneut trafen

seine wunderbaren, weichen Lippen auf ihre. Sie brannte,

sie brannte lichterloh vor Verlangen nach ihm – nach mehr

von ihm. Seine Lippen öffneten sich, seine Zunge liebkoste

ihre. Sie musste sich schwer beherrschen, nicht fordernder

zu werden. Zu lange hatte sie warten müssen. Zu lange hatte

sie sich danach gesehnt.

Sie legte eine Hand auf seine Brust, drückte ihn von sich

weg. Schwer atmend, mit gesenktem Blick, stand sie da,

versuchte, sich wieder zu beruhigen.

„Hab ich was Falsches gemacht?“, fragte er.

Sie blickte auf, direkt in seine wundervollen Augen, die nach

wie vor Wärme ausstrahlten. Lächelnd schüttelte sie den

Kopf.

„Ich will dich nur nicht überfordern.“

„Oh“, machte er, trat einen Schritt zurück. Fast wäre sie ihm

gefolgt, hätte sich an ihn gepresst. Als hätte er ihre

Gedanken gelesen und wollte sie nicht in Versuchung

führen, wandte er sich um und wollte scheinbar den Raum


verlassen.

„Willst du was trinken?“, fragte er in der Türe.

„Ja, bitte“, brachte sie heraus.

Als er weg war, setzte sie sich auf das Sofa, an dem sie bis

jetzt gelehnt hatte. Kaum, dass sie Platz genommen hatte,

tauchte er schon wieder auf. Reichte ihr ein Glas und setzte

sich ihr gegenüber. Fasziniert beobachtete sie ihn, sein

entspanntes Gesicht, seinen warmen Blick. So lange hatte

sie es vermisst, so lange hatte er sich abgekapselt gehabt. Er

hatte den Blick gesenkt, schien ein wenig verlegen, oder

unschlüssig, als hätte er verlernt, wie man sich unterhielt.

Doch das kümmerte sie nicht. Sie wollte Antworten. Jetzt wo

sie hier bei ihm war.

„Darf ich dich was fragen?“, sagte sie schließlich vorsichtig.

Um nichts in der Welt, wollte sie seine momentane

Stimmung trüben.

„Alles“, antwortete er mit einem breiten Grinsen, hob den

Kopf. Es war erstaunlich, wie anders er wirkte. Die

Bedrohung, die er irgendwie immer ausgestrahlt hatte, seit

er diesen kalten Blick gehabt hatte, war weg. Dass sie

überhaupt da gewesen war, fiel ihr erst jetzt auf, wo sie

nicht mehr da war. Und es fühlte sich so verdammt gut an,


wenn er sie so ansah.

„Warum hast du dich, wie du gesagt hast, mit einer

Eisschicht umgeben?“, wollte sie wissen.

Ein trauriger Ausdruck trat auf sein Gesicht. Hatte sie nicht

seine Laune nicht verderben wollen?

„Meine Eltern und meine Schwester sind bei einem

Autounfall gestorben“, antwortete er leise.

„Das tut mir leid“, sagte sie erschrocken. Das hatte sie

überhaupt nicht mitbekommen. Seltsam, normalerweise

sprach sich sowas doch herum? Nun ja, er hatte ja mit

niemandem mehr geredet. Ihre Gedanken schweiften in die

Vergangenheit ab. Es war nur logisch, dass er verzweifelt

gewesen war. Und hoffnungslos. Doch dann fiel ihr ein, dass

er zuvor schon so anders gewesen war.

„Und was war vorher?“, fragte sie schließlich.

Sein Blick wäre zum Lachen gewesen, wenn das Thema nicht

so traurig gewesen wäre. Absolute Verblüffung.

„Vorher?“

Sie nickte, suchte nach den richtigen Worten.

„Du hast dich schon vorher – verändert. Du hast dir schon

zwölf Tage vorher noch weniger Mühe als sonst gemacht,


ei den Spielen. Du hast nicht mehr so viel gelacht. Nicht

mehr so äh – verspielt mit den Mädels geredet“,

„Noch weniger Mühe?“, fragte er nach.

Ein wenig verwirrt über die Frage, entgegnete sie: „Na du

musstest dich schließlich nie anstrengen.“

Sein Blick wurde starr. Verdammt, jetzt hatte sie es zu weit

getrieben.

„Du hast das gemerkt?“, keine Härte in der Stimme, doch sie

traute sich nicht, den Blick zu heben, nickte nur.

„Du warst damals schon da, wie in der ganzen Zeit danach.

Ich habe es nicht einmal gemerkt!“, rief er aus. Nun blickte

sie doch auf, er war wütend. Na Klasse, was sie am

wenigsten wollte, war, ihn wütend zu machen. Sie wusste

schließlich wie er dann sein konnte.

„Wenn ich das gewusst hätte. Wenn ich dich da schon …“,

begann er, noch immer wütend.

„Du hättest mich zu der Zeit nicht so wahrnehmen können,

wie du es danach getan hast“, unterbrach sie ihn, als ihr der

Grund für seine Wut schlagartig klar wurde. Er machte sich

selbst Vorwürfe.

Wieder starrte er sie mit dieser Verblüffung an.


„Was ist?“, fragte sie deshalb unsicher.

„Wie kann es sein, dass du mich so gut kennst?“, fragte er.

„Dich gut kennen? Ich weiß doch nichts über dich, außer …“,

sie brach verlegen ab.

„Außer?“, bohrte er neugierig nach.

Sollte sie das jetzt wirklich sagen? Es zu wissen, war eines, es

auszusprechen etwas ganz anderes.

„Du bist unwahrscheinlich schnell, deine Augen sind schärfer

als normalerweise und du hörst was kein normaler Mensch

hören sollte“, sagte sie kleinlaut und kam sich dabei ziemlich

dämlich vor.

Zu ihrer Überraschung brach Jeremy in Lachen aus. Entzückt

lauschte sie ihrem Lachen. Schon bevor er sich

zurückgezogen hatte, hatte sie es selten gehört, doch

mittlerweile war es über vier Jahre her, dass sie es gehört

hatte.

Sie schwelgte so sehr in diesem Klang, dass sie gar nicht

realisierte, dass er sie auslachte. Doch das war ihr

vollkommen egal. Als er sich wieder beruhigt hatte, betonte

er: „Aber das ist doch alles was mich ausmacht!“

Elena schüttelte den Kopf: „Das ist, was du kannst, nicht wer

du bist.“


„Aber selbst das scheinst du zu wissen“, seine Stimme war

fast ehrfürchtig. Das stimmte nicht, denn dann wäre sie in

letzter Zeit nicht so niedergeschlagen gewesen. Bevor sie

das aussprechen konnte, fragte er weiter: „Wie hast du das

alles herausgefunden?“

Sie zuckte die Schultern und lenkte ab: „Du hast meine Frage

noch nicht beantwortet.“

Ihm zu gestehen, dass sie ihn jahrelang beobachtet hatte,

soweit war sie dann doch noch nicht.

Sein Gesicht verlor die Fröhlichkeit, die es gerade noch

ausgestrahlt hatte.

„Meine Schwester hatte manchmal Vorherwissen. Sie hat

gesagt, es war, als träume sie am Tag. Sie hat uns gesagt,

was passieren würde. Jedes Jahr sind wir am gleichen Tag zu

unseren Freunden gefahren. Das war schon so seit ich

denken kann, warum weiß ich nicht. Auf jeden Fall hatte

meine Schwester nun diese Vision von dem Autounfall.

Meine Eltern beschlossen, das Schicksal auszutricksen und

einen Tag früher zu fahren. Ich sollte auch deshalb zu Hause

bleiben.“

Elena sah ihn entsetzt an. Er lächelte leicht, doch es

erreichte seine Augen nicht.


„Das ist furchtbar“, brachte sie schließlich heraus. Er nickte

nur, die Kälte war wieder in seinen Augen. Elena wandte den

Blick ab, als sie murmelte: „Ich hätte dich nicht daran

erinnern sollen.“

„Schon gut“, beschwichtigte er sie. Elena fand das nicht und

starrte weiter vor sich hin. In ihrem Kopf spielten sich Bilder

ab, die sie gar nicht sehen wollte, doch sie konnte sie auch

nicht stoppen.

„Elena?“, hörte sie Jeremys Stimme und hob ruckartig den

Kopf. War sie hier gerade weggedämmert?

„Tut mir leid“, murmelte sie. Sie verfluchte Lisa, dass sie sie

so lange festgehalten hatte. Jetzt konnte sie kaum noch die

Augen offen halten.

„Ich sollte besser nach Hause fahren“, sagte sie und

schüttelte den Kopf, um wieder wacher zu werden.

„Das ist, glaube ich, keine gute Idee“, stellte er fest.

„Wieso?“, fragte sie verständnislos. Wieder lachte er,

diesmal leise – hinreißend.

„Weil du sicher gegen den nächsten Baum fährst“, sagte er

und stand so schnell vor ihr, dass sie erschrocken auffuhr.

„Entschuldige, los komm mit“, forderte er sie auf und

lächelte sie dabei an. Auffordernd hielt er ihr die Hand hin.


Sie ergriff sie, während sie fasziniert auf dieses Lächeln

starrte, dass alleine ihr galt.

Er zog sie hoch und führte sie in das obere Stockwerk. Er ließ

ihre Hand nicht los, was ein schönes Gefühl war. Schließlich

brachte er sie in ein Schlafzimmer, es war seines. Das stellte

sie sofort fest, es strahlte irgendwie von seiner Gegenwart,

passte zu ihm.

„Mach es dir gemütlich. Das Bad ist dort rechts“, sagte er

und ließ ihre Hand los, nachdem er ihr einen Kuss auf den

Handrücken gedrückt hatte. Schon war er verschwunden.

Sie schlurfte zum Bett, zog sich bis auf die Unterwäsche aus

und schlüpfte unter die Decke. Sie kuschelte sich in die

Kissen, registrierte den angenehmen Geruch. Sie erinnerte

sich, dass es sein Geruch war, den sie wahrgenommen hatte,

als sie sich geküsst hatten. Sie lächelte in die Dunkelheit.

Es war ein wenig ein seltsames Gefühl, dass sie schon an

ihrem ersten gemeinsamen Abend hier übernachten sollte,

doch sie war so müde, dass sie gleich einschlief.

Als sie am Morgen aufwachte, wusste sie erst nicht wo sie

war. Es fühlte sich falsch an. Erst als sie die Augen öffnete

und in Jeremys Gesicht blickte, erinnerte sie sich.


„Guten Morgen“, lächelte er sie an. Hatte er mit ihr in einem

Bett geschlafen?

Bei diesem Gedanken entfachte sofort das Feuer und sie

musste den Blick abwenden.

„Guten Morgen“, murmelte sie, den Kopf ins Kissen

gedrückt.

„Elena, bist du mir böse?“, fragte er zaghaft. Sie schüttelte

den Kopf, alleine wie er ihren Namen aussprach, jagte ihr

einen angenehmen Schauer den Rücken hinunter.

„Darf ich dich in den Arm nehmen“, flüsternd, schüchtern.

Fast entsetzt schüttelte sie wieder den Kopf.

„Ich weiß nicht, ob ich mich dann beherrschen kann“,

murmelte sie wieder ins Kissen. War es zu leise gewesen?

Nein, sicher nicht schließlich hatte er sie durch einen ganzen

Raum voller Leute und Musik gehört, als sie normal

gesprochen hatte.

„Das Risiko gehe ich ein“, sagte er. Bevor sie diese Aussage

noch realisiert hatte, hob er ihre Decke an, rutsche an sie

heran und legte einen Arm um ihre Taille. Wieder durchfuhr

sie ein Schauer, sie rutschte fast instinktiv ganz an ihn heran,

den Kopf an seine Brust gelegt, den ganzen Körper an ihn

gepresst.


Jeremy seufzte zufrieden, drückte sie noch fester an sich.

Elena war es nur recht. Obwohl die Flammen loderten war

es erstaunlich einfach, sich zurückzuhalten. Sie legte ihre

Hand auf seinen Rücken und strich sanft auf und ab. Genoss

das vertraut-warme Gefühl, in seinen Armen zu liegen.

Jeremy begann zu brummen, was Elena zum Kichern

brachte: „Du klingst wie ein zufriedener Tiger.“

„Sehr gut.“

„Wieso sehr gut?“

„Weil der Tiger mein Lieblingstier ist.“

Das brachte sie zum Lachen: „Jeremy du bist ein Spinner.“

„Ich weiß, hast du Hunger?“

„Ja.“

Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und sprang aus dem

Bett. In Rekordgeschwindigkeit zog er sich an und blinzelte

ihr zu, als er aus dem Zimmer lief.

Elena schüttelte lachend den Kopf, wollte er sie etwa

beeindrucken? Viel, viel langsamer als er, stand sie auf und

ging ins Bad. Sie hatte nichts mit, also beschränkte sie die

Morgentoilette auf das Notwendigste und zog sich dann an.

Sie ging ins Wohnzimmer und als er da nicht war, weiter in


den Raum, aus dem er gestern ihr Getränk geholt hatte. Es

war, wie sie schon vermutet hatte, die Küche – mit

angrenzendem Esszimmer. Der Tisch war bereits gedeckt,

der Kaffee fertig, er stand, sie angrinsend, da.

„Willst du mich vielleicht beeindrucken?“, fragte sie

herausfordernd. Sofort schaute er schuldbewusst auf den

Tisch. Konnte er sie wirklich so schlecht einschätzen? Sie

lachte auf, ging zu ihm und sagte dabei: „Das brauchst du

nicht. Du beeindruckst mich genug mit dir, so wie du bist.“

Man, was war das denn für ein Satz? Sie schlang ihre Arme

um ihn und drückte ihm einen kurzen Kuss auf den Mund.

Als sie sich wieder lösen wollte, ließ er sie nicht los, sondern

presste sie wieder an sich und küsste sie weiter. Seine Zunge

forderte Einlass, den sie nur zu gerne gewährte. Seine Hände

schlüpften unter ihr Shirt, liebkosten ihren Rücken. Hilflos

krallte sie sich in sein Haar. Mit einem Seufzen, das schon

fast ein leises Stöhnen war, presste er sein Becken an sie.

Aufkeuchend löste sie sich ruckartig von ihm.

„Mir scheint, das Eis ist geschmolzen“, lachte sie.

Auch er verzog seinen Mund zu einem Lächeln.

„Scheint so“, murmelte er schwer atmend. Elena setzte sich

an den Tisch, noch immer leise lachend. Er setzte sich ihr


gegenüber und griff herzhaft zu. Elena nicht. Sie sah ihn nur

an. Erst jetzt realisierte sie, was passiert war.

Scheinbar war ihr Hirn gestern doch nicht so aufnahmefähig

gewesen, wie sie gedacht hatte. Doch sie saß tatsächlich

hier. Mit Jeremy. Seine Augen strahlten die lang vermisste

Wärme aus. Die Lebensfreude, die sie so lange nicht in ihnen

gesehen hatte. Seine Stimme war kein bisschen hart

gewesen, schon nicht, als sie aufgewacht war.

Und so, wie sie es verstanden hatte, erwiderte er ihre

Gefühle. Ihr Herz begann bei dieser Erkenntnis schneller zu

schlagen. Die Flammen loderten auf. Nicht vor Verlangen,

sondern aus Liebe. Aus Liebe, die sie endlich zulassen

konnte.

Jeremy hielt plötzlich mitten in der Bewegung inne, legte

den Kopf leicht schief, als würde er lauschen. Dann sah er sie

fragend an.

„Was?“, wollte sie wissen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er zurück.

„Besser könnte es gar nicht sein. Warum?“, gab sie mit

einem glücklichen Lächeln zurück.

„Weil dein Herz rast“, erklärte er stirnrunzelnd. Elena lief rot

an und ihr Herz schlug noch schneller. Diesmal aus


Peinlichkeit.

„Ähm, ja. Ich hab grad erst richtig realisiert, dass ich hier

bin“, gestand sie leise, mit gesenktem Blick. Jeremy brach in

Lachen aus, dem sie, wie gestern entzückt lauschte.

Allerdings war ihr sehr wohl bewusst, dass er sie auslachte.

„Schön dass du dich auf meine Kosten amüsierst“, schmollte

sie. Schlagartig verstummte sein Lachen und sie hob den

Blick. Lächelnd blickte er sie an.

„Mir ist es so gegangen, als ich neben dir aufgewacht bin“,

erklärte er. Auf Elenas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

„Allerdings hätte ich mich gern in den Hintern gebissen, weil

ich dich nicht eher realisiert habe“, fuhr er leise fort. Diesmal

lachte Elena auf und blickte ihn dabei schelmisch an.

„Wenn du das schaffst, dann bin ich wirklich beeindruckt“,

sagte sie schmunzelnd. Jeremy lachte und widmete sich

wieder seinem Frühstück. Nun griff auch Elena zu. Allerdings

wurde sie gleich wieder unterbrochen, weil ihr Handy

klingelte. Sie angelte es aus ihrer Hose und warf einen Blick

aufs Display. Es war Isabella. Ausnahmsweise freute sie sich

nicht, dass sie anrief.

„Ja?“, meldete sie sich trotzdem gut gelaunt.

„Wie geht’s dir?“, wollte Isabella wissen.


„Gut“, sagte Elena ehrlich.

„Sicher“, gab Isabella sarkastisch zurück, „Ich hole dich

gleich ab zu einem Ausritt.“

„Ich bin nicht zu Hause. Und ich brauche keinen Ausritt“,

sagte Elena grinsend.

„Ja, sicher ich weiß. Aber du wirst sicher nicht zu Hause rum

hocken und Trübsal blasen. Letzte Woche war ich nicht für

dich …“

„Isabella, ich bin nicht zu Hause. Außerdem hab ich nicht

Trübsal geblasen“, unterbrach Elena sie.

„Dann hast du eben versucht Jeremy zu vergessen“, gab

Isabella unwirsch zurück. Genau in diesem Moment fiel

Elena ein, dass genau dieser Jeremy vermutlich jedes ihrer

Worte hören konnte. Sie warf ihm einen vorsichtigen Blick

zu. Tatsächlich sah er sie an. Reumütig, wie sie fand. Sie

lächelte ihn an, denn alles was sie zuvor durchgemacht

hatte, war für sie schon Vergangenheit und so gut wie

vergessen.

„Wer sagt, dass ich das will?“, fragte sie grinsend.

„Eindeutig, es geht dir nicht gut. Wo bist du?“, fragte

Isabella streng.

„Bei Jeremy. Wir sitzen gerade beim Frühstück“, erklärte


Elena und konnte nicht verhindern, dass sie breit grinste. Sie

konnte sich förmlich vorstellen, wie Isabella die Augen

aufriss.

„Wach auf, du träumst“, sagte sie energisch.

„Nein, ganz sicher nicht. Ich bin ganz sicher in seinem Bett

aufgewacht“, erklärte Elena und konnte sich das Lachen

kaum mehr verkneifen.

„Ich hol dich, du fantasierst ja schon!“, rief Isabella

aufgebracht. Jeremy brach in Lachen aus, was Elena wieder

zu ihm sehen ließ. Er sah sie entschuldigend an, doch er

hörte erst nach einer Weile wieder auf zu lachen.

„Was war das?“, fragte Isabella tonlos.

„Jeremy“, erklärte Elena kichernd.

„Du bist echt bei ihm“, stellte Isabella fest.

„Sag ich doch. Ich bin entsetzt, dass du mir nicht glaubst“,

schmollte Elena gespielt.

„Ok. Dann will ich mal nicht länger stören. Aber ich will alles

hören. Verstehst du? Jedes Detail!“, verlangte Isabella.

„Selbstverständlich“, sagte Elena ernst. Kaum hatte sie es

ausgesprochen, hatte, Isabella aufgelegt. Kichernd steckte

sie ihr Handy weg und blickte zu Jeremy. Diesem war


scheinbar das Lachen vergangen, denn er sah sie streng und

forschend an. Sofort hatte sie einen Verdacht, warum er so

dreinsah. Deshalb sagte sie: „Ich hab meine Beobachtungen

immer für mich behalten und werde es auch in Zukunft tun.“

„Entschuldige“, sagte er sofort und sah sie betreten an.

„Schon gut“, wiegelte sie ab, „Du hast mich ja….“

Sie brach ab, als ihr bewusst wurde, dass sie ihm gerade

indirekt gestehen wollte, dass sie ihn ständig beobachtet

hatte.

„Ich hab was?“, hakte er natürlich nach. Elena schüttelte den

Kopf und biss von ihrem Brot ab.

„Komm schon, das ist unfair. Ich kenn dich nur halb so gut,

wie du mich. Da musst du mir schon ein bisschen helfen“,

verlangte er und sah sie flehend an. Elena hätte sich fast

verschluckt, weil sie lachen musste. Sein Gesichtsausdruck

war aber auch zu komisch. Doch dann wurde sie ernst,

schluckte und fragte: „Was bringt dich zu der Annahme, dass

ich dich besser kenne, als du mich?“

„Deine gestrigen Aussagen natürlich“, stellte er lächelnd

fest. Elena nickte und aß scheinbar ungerührt weiter,

während sie sich versuchte, genau zu erinnern. Ja, da hatte

sie wohl doch einiges verraten, aber: „Das waren doch nur


deine Fähigkeiten, die mir aufgefallen sind.“

„Das glaube ich dir nicht“, sagte er prompt. Sie zog fragend

eine Augenbraue hoch und er fuhr fort, während er einen

Finger in die Höhe streckte: „Du hast mitbekommen, dass es

mir nicht so gut ging, obwohl das meine Freunde nicht

gemerkt haben.“

„Das waren auch nur Heuchler, die nicht an dir interessiert

waren“, platzte sie, ihn unterbrechend, heraus. Er nickte und

hob einen zweiten Finger.

„Das zählt nicht, das betrifft nicht dich“, widersprach sie

sofort. Er lächelte und meinte: „Doch, ich hab´s nämlich erst

viel zu spät kapiert. Du hast gesagt, dass ich dich zu der Zeit

nicht so wahrnehmen hätte können“, er hob den dritten

Finger und fuhr ohne Unterbrechung fort: „Du hast gewusst,

dass ich, nachdem ich eine Woche krank war, die Unterlagen

brauchte.“

Der vierte Finger. Elena wollte protestieren, doch er hob die

andere Hand und sie hielt den Mund.

„Du hast mich in Ruhe gelassen, obwohl wir ein Projekt

zusammen gemacht haben, wo sich alle ständig darüber

unterhalten haben. Du hast mir in der Arbeit nur alles erklärt

und mich dann alleine gelassen. Du hast deinen Kolleginnen


nichts erzählt. Du hast Isabella daran gehindert, mir zu

widersprechen. Du hast, als mich diese Tanja angequatscht

hast, genau gewusst wie ich reagiere. Und du hast sofort

mitbekommen, dass ich gegen dich chancenlos bin.“

Elena starrte auf die zehn ausgestreckten Finger, die er

mittlerweile in die Höhe hielt. Dann fing sie sich wieder und

meinte: „Ich hab überhaupt nicht mitbekommen, dass du

gegen mich chancenlos bist, sonst hätte ich ganz anders

reagiert.“

Sie beugte sich über den Tisch und klappte einen seiner

Finger wieder auf die Handfläche. Dann fuhr sie fort: „Dass

du die Unterlagen brauchst, nachdem du eine Woche weg

warst, ist auch logisch und hat nichts damit zu tun, wie gut

ich dich kenne.“

Sie klappte einen weiteren Finger auf die Handfläche und

dann überlegte sie einen Moment, bevor sie mit beiden

Händen zugriff und seine Hände zu Fäusten ballte.

„Und alles andere hat sich daraus ergeben, dass du mit

niemandem reden wolltest. Und dafür brauchte man

wirklich keine gute Beobachtungsgabe“, erklärte sie

bestimmt. Sie ließ seine Hände los und lehnte sich wieder

zurück. Jeremy lächelte sie fast triumphierend an. Im selben


Moment wo ihr klar wurde, dass sie sich gerade verraten

hatte.

„Und gerade eben, weißt du ganz genau, dass ich dir auf die

Schliche gekommen bin“, erklärte er leise. Sie nickte nur und

biss wieder von ihrem Brot ab.

„Ach ja und das mit Lisa hatte ich noch vergessen. Du hast

ihr kein Sterbenswörtchen verraten.“

„Was hätte ich denn sagen sollen?“, rief sie ein wenig

frustriert aus. Jeremy lachte leise und sah sie schon wieder

so forschend an.

„Warum ist es dir so unangenehm? Es ist doch gut, wenn

man einen Menschen kennt“, fragte er, statt ihre Frage zu

beantworten.

„Weil du mich hinstellst, als hätte ich etwas

außergewöhnliches geleistet!“, rief sie aufgebracht, „Dabei

ist es einfach nur traurig, dass man jemanden ständig

beobachtet, weil man zu feig ist, ihn anzusprechen.“

Jeremy nickte nachdenklich und schwieg eine Weile, vor sich

hinstarrend. Dann blickte er sie wieder an und sagte:

„Wegen Lisa: Du hättest ihr sagen können, dass du mich von

früher kennst. Dass ich anders war, dass ich gelacht habe

und mich normal verhalten konnte. Du hättest ihr sagen


können, dass ich die Kunden nicht besser behandel, als alle

anderen. Dass ich es kaum auf die Reihe gebracht habe,

normal mit ihnen zu reden. Doch du hast nichts gesagt, du

hast einfach dafür gesorgt, dass sie mich in Ruhe lassen.“

Elena starrte ihn perplex an. Das stimmte, das hätte sie tun

können.

„Das wär mir im Traum nicht eingefallen“, murmelte sie.

„Eben“, lächelte er. Unwillkürlich schlug Elenas Herz wieder

schneller, was ihn noch breiter lächeln ließ. Zumindest

vermutete sie, dass es deshalb war. Dann verschwand sein

Lächeln und er blickte wieder eine Weile nachdenklich vor

sich hin.

„Was das andere betrifft. Es ist vielleicht keine

außergewöhnliche Leistung, wie du es bezeichnet hast. Aber

kannst du dir auch nur annähernd vorstellen, was es für

mich heißt, wie du dich verhalten hast und es noch immer

tust?“, fragend blickte er sie an. Dabei schien er ein wenig

traurig zu sein.

„Hä?“, machte sie vollkommen verständnislos. Er lächelte

wieder, doch es erreichte seine Augen nicht.

„Du hast zweifellos mitbekommen, dass ich nicht wollte,

dass irgendwer erfährt, was ich wirklich kann“, Elena nickte,


ohne ihn zu unterbrechen, „Es ist belastend für

Freundschaften, wenn man Geheimnisse hat. Doch es ist

auch belastend, wenn man es jemandem erzählt. Es führt

unweigerlich dazu, dass man dazu angehalten wird, diese

Fähigkeit zu gebrauchen. Hätte mein Team zum Beispiel

gewusst, wie schnell ich wirklich bin, hätten sie sich nicht mit

knappen Siegen zufrieden gegeben. Hätten die Mädels

gewusst, wie gut ich höre, hätten sie vermutlich verlangt,

dass ich irgendwen belausche. Und so geht das immer

weiter. Das wollte ich nicht.“

Nachdenklich hielt er einen Moment inne, was Elena für

eine Frage nutzte: „Du bist aber doch erst später dahinter

gekommen, dass sie nicht wirklich deine Freunde waren?“

Jeremy blickte auf: „Ja, das stimmt. Ich meine, mir war

schon klar, dass ein Grund mein Geld war. Aber eigentlich

hatte ich doch gedacht, dass sie hinter mir stehen. Ich hatte

nicht gedacht, dass es nur zwei Tage dauert, bis sie mich

fallen lassen. Dass ein scharfes Wort reicht, sie für immer zu

vertreiben.“

„Da wollte ich dich das erste Mal wirklich ansprechen“,

murmelte Elena. Jeremy sah sie einen Moment verwundert

an, dann meinte er: „Ja, ich erinnere mich. Aber du hast dich

gleich wieder hingesetzt.“


Es hatte wie eine Frage geklungen, weshalb Elena gestand:

„Ich hatte Angst, dass du mir vor allen eine kalte Abfuhr

erteilst. Alleine hab ich dich nicht mehr erwischt und

nachlaufen schien mir zu aufdringlich.“

Jeremy nickte nur dazu, dann fuhr er fort: „Was ich

eigentlich sagen wollte ist, dass du alles weißt. Und du

behandelst mich deshalb nicht anders. Du hast einfach nie

Ansprüche gestellt. Bei dir habe ich die Angst nicht, dass du

irgendetwas von mir fordern würdest.“

Elena war sich nicht ganz sicher, was er damit sagen wollte,

doch sie bekam es ein wenig mit der Angst zu tun.

„Also wenn ich dich fragen würde, was - keine Ahnung - auf

einem Plakat steht, das ich nicht mehr lesen kann, dann ist

das ein Problem für dich?“, fragte sie vorsichtig. Jeremy

lachte auf und schüttelte den Kopf. Stirnrunzelnd

betrachtete sie ihn. Was sonst, sollte er damit gemeint

haben?

„Ich weiß gar nicht so recht wie ich das beschreiben soll. Du

behandelst mich einfach wie einen normalen Menschen und

nicht wie eine Kuriosität. Und vor allem, du akzeptierst mich

einfach, wie ich bin, ohne Fragen zu stellen. Das ist das

Erstaunlichste überhaupt“, erklärte er.


„Nun ja, dazu hatte ich ja auch noch keine Gelegenheit“,

warf sie ein wenig perplex ein. Doch er hatte recht mit

seiner Einschätzung.

„Aber du würdest es nicht machen“, stellte er fest. Sie

schüttelte den Kopf.

„Wozu auch. Du bist, wie du bist. Warum ist schließlich

vollkommen nebensächlich“, meinte sie ein wenig hilflos.

Sein Lächeln wurde wieder breiter und er strahlte sie

förmlich an: „Genau das ist es was ich meine.“

Elena lächelte zurück. Da konnte sie nichts mehr dazu

ergänzen.

Bis sie fertig waren, schwieg Elena. Was hauptsächlich daran

lag, dass sie sich an Jeremy einfach nicht satt sehen konnte.

Sie hatte es bisher immer vermieden, ihn offen zu mustern,

um ihn nicht irgendwie damit unter Druck zu setzen. Jetzt

jedoch konnte sie es tun, ohne jegliches schlechtes

Gewissen. Noch dazu lächelte er sie immer wieder an,

sodass sie jedesmal ein Kribbeln in ihrem Bauch spürte. Sie

räumten den Tisch gemeinsam ab, wobei Elena nicht viel

machen konnte, weil Jeremy sich erneut so schnell bewegte.

Sie kicherte in sich hinein, weil sie sich wie eine Schnecke

vorkam, im Gegensatz zu ihm.


Kaum waren sie fertig, nahm er ihre Hand und zog sie nach

draußen. Es war wieder angenehm warm und Elena blieb

einen Moment stehen und zog die Waldluft ein. Es war

herrlich hier. Man sah direkt in den Wald, hörte nichts als

die Geräusche, die eben in einem Wald zu hören waren. Das

Rauschen der Baumkronen, das Summen der Insekten. Hin

und wieder ein Knarzen, wenn sich die Äste bogen.

Schließlich setzte sie sich doch wieder in Bewegung und ging

in den Stall. Jeremy war dabei die Boxen auszumisten. Sie

überlegte, ihm zu helfen. Doch das verwarf sie gleich wieder.

Bis sie eine Mistgabel gefunden hätte, wäre er vermutlich

fertig. Stattdessen trat sie an eine der Boxen, in der schon

frisches Stroh lag und musterte das Pferd, das neugierig ans

Gitter kam. Gedankenverloren strich sie über die Nüstern.

Plötzlich spürte sie Hände an ihren Hüften und warmen

Atem an ihrem Hals. Mit einem breiten Lächeln drehte sie

sich um. Jeremy blickte sie liebevoll an und küsste sie sanft.

Als er von ihr abließ, meinte sie vorsichtig: „Darf ich dich was

fragen?“

„Alles“, erwiderte er und sie musste grinsen. Das hatte er

gestern auch gesagt.

„Musst du dich zurückhalten, damit du dich nicht verrätst?


Ich meine, …“, wollte sie wissen, doch er ließ sie nicht

ausreden, legte seine Finger an ihre Lippen.

„Nein. Es ist einfach so, dass wenn ich schnell etwas

erledigen will, es schneller geht, als bei anderen“, erklärte

er. Elena nickte und schmiegte sich an ihn. Es war einfach so

herrlich. Nie hatte sie wirklich damit gerechnet, dass sie

tatsächlich zusammen kommen würden.

„Was hältst du von einem Ausritt?“, fragte er unvermittelt.

Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an. Doch dann

wurde sie skeptisch.

„Nur wenn ich einen Sattel kriege“, stellte sie eine

Bedingung.

„Tut mir leid, damit kann ich nicht dienen“, schmunzelte er.

„Das ist nicht witzig“, schmollte sie.

„Das war kein Witz. Ich hab wirklich keine Sättel“, sagte er

vollkommen ernst. Sie stöhnte entsetzt und vergrub ihr

Gesicht wieder an seiner Brust. Sie spürte sein Lachen und

boxte ihn in die Seite. Das brachte ihn noch mehr zum

Lachen und schließlich schmunzelte sie auch. Sie hob den

Kopf wieder und blickte ihn herausfordernd an.

„Wenn ich runterfalle, erwarte ich, dass du mich auffängst!“,

erklärte sie. Er sah sie einen Moment perplex an, dann


nickte er grinsend.

„Also schön, aber dann muss ich noch mal Heim“, stimmte

sie zu und schob ihn ein wenig von sich. Jeremy nickte und

folgte ihr, als sie durchs Haus zu ihrem Auto ging. Als sie ihn

fragend ansah, grinste er nur und stieg ein. Elena zuckte die

Schultern. In Wahrheit wollte sie ohnehin nicht von ihm

weg, da war es ihr nur recht, wenn er mitkam. Als sie

schweigend dahin fuhren, bemerkte sie seine Seitenblicke

und musste unwillkürlich an ihre letzte Autofahrt mit ihm

denken. Diesmal müsste sie nicht so tun, als würde sie seine

Blicke nicht bemerken, doch sie hatte Angst, sich in seinem

Anblick zu verlieren, wenn sie ihn ansah. Daher hielt sie den

Blick starr auf die Straße gerichtet. Trotzdem kam es ihr wie

eine Ewigkeit vor, bis sie endlich vor ihrer Wohnung anhielt.

Seufzend stellte sie den Motor aus und stieg aus. Dann

wandte sie sich um und beobachtete Jeremy, der um das

Auto herum kam. Es war noch ein wenig ungewohnt, dass er

sie nicht mit diesem kalten Blick ansah, der ihr so sehr zur

Gewohnheit geworden war. Sie rührte sich nicht, bis er vor

ihr stand, sie war tatsächlich versunken in seinen Anblick.

Erst als er fragte: „Was ist los?“, wurde sie sich dessen

bewusst.

„Nichts“, schüttelte sie den Kopf und wandte sich ab. Sie


schloss auf und stieg die Stiegen nach oben. In der Wohnung

angekommen, steuerte sie gleich ihr Schlafzimmer an,

während Jeremy im Wohnzimmer stehen blieb. Sie beeilte

sich, ihre Reitsachen anzuziehen und ein paar Sachen in eine

Tasche zu werfen, damit sie sich anschließend bei ihm

wieder umziehen konnte. Als sie ins Wohnzimmer kam,

musterte er die Wände. Sein Blick dabei war fast

angewidert.

„Diese Wohnung ist furchtbar“, sagte er fast vorwurfsvoll.

„Die schönen Wohnungen sind alle so teuer. Ich wollte ein

Auto und Klamotten und fortgehen können, ohne dass ich

jeden Cent dreimal umdrehen muss“, verteidigte sie sich

wieder. Aber er hatte recht. Normalerweise achtete sie nicht

mehr darauf, nur wenn sie sich, so wie jetzt bewusst umsah,

realisierte sie, wie schäbig die Wohnung in Wirklichkeit war.

„Weißt du, ich habe genug Platz“, meinte er nachdenklich.

Ruckartig drehte sie sich zu ihm um. Wann war er so nah

gekommen? Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Meinst du…“

„Ja“, sagte er, legte seine Hände an ihre Hüften.

Unaufgefordert, trat sie ganz nah an ihn heran.

„Bist du dir sicher?“, fragte sie leise, sah ihm dabei ernst in


die Augen.

Er lächelte sie an, dass es ihr schon Antwort genug war.

„Ja!“, hauchte er und presste seine Lippen auf ihre.

Elena erwiderte den Kuss glücklich.

Ihr Traum war endlich wahr geworden.

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