Große Exkursion Mali

mali.mali.de

Große Exkursion Mali

Leuphana Universität Lüneburg

Studiengang: Angewandte Kulturwissenschaften

Kulturgeographie, Kulturtheorie und Interkulturelle Studien

Unter der Leitung von:

Dr. Ilsemargret Luttmann, Prof. Dr. Peter Pez

Redaktion und Exkursionsorganisation:

Milena Grünewald, Margaretha Kühneweg

Große Exkursion Mali

07. – 25. Februar 2009


INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Dr. Ilsemargret Luttmann, Prof. Dr. Peter Pez 6

TEIL I: SEMINARREFERATE

Kima und zu beobachtende Klimazonenverschiebung

Susann Aland 11

Geologisch-tektonischer Aufbau und geomorphologische Einheiten Malis/ Westafrikas

Mirja Greßmann 25

Bevölkerungsstruktur, -entwicklung und –verteilung, ethnische Zusammensetzung,

Siedlungsstruktur und Urbanisierung in Mali

Robert Oschatz 37

Agrarwirtschaftliche Strukturen und Lebensbedingungen

Melanie Kühl 55

Politische Entwicklung und politisches System des jungen Staates

Sally Ollech 73

Touristische Strukturen in Mali

Mirjam Krüger 87

Alles für die Katz? Lehren aus der Entwicklungspolitik

Mathias Becker 101

TEIL II: KURZREFERATE

Reiseinformationen: was bei Reisen nach Mali, in einen „fremden“ Kulturraum, von

Bedeutung ist

Julia Zimmermann 119

Timbuktu – Entwicklung einer nicht nur historischen Metropole

Friederike Brumhard 127

Stadtentwicklung: Bamako, Djenné, Mopti

Ute Tschirner 139

3


Traditionelle Architektur in Stadt und Land: Der Sudanstil

Susann Aland 149

Kulturelle Konstruktion von Landschaft – die Wissenschaftsreisen von Heinrich Barth

Lisa Trager 163

Die Frau im islamisch geprägten Mali

Elena Konrad 169

Umweltsituation in Mali

Theresa Lauw 175

TEIL III: REISEPROTOKOLLE

Samstag, 07. Februar 2009

Anreise, Bamako 182

Sonntag, 08. Februar 2009

Bamako: Stadtrundfahrt, Nationalmuseum 184

Montag, 09. Februar 2009

Bamako: Deutsche Botschaft, DED 188

Dienstag, 10. Februar 2009

Kati: Staudamm 190

Mittwoch, 11. Februar 2009

Ségou:: CPEL 192

Donnerstag, 12. Februar 2009

Niono: ALPHALOG 193

Freitag, 13. Februar 2009

Termitenhügel 195

Samstag, 14. Februar 2009

Sevaré: Bioklima, Perlenmuseum

Mopti: Pirogenfahrt, Bozo-Fischerdorf 196

Sonntag, 15. Februar 2009

Djenné: Stadtrundgang 199

Montag, 16. Februar 2009

Djenné djeno: Ausgrabungsstätte

Djenné: Markt 201

4


Bandiagara

Dienstag, 17. Februar 2009

Bandiagara: Mission Culturelle, Zentrum für traditionelle Medizin 208

Mittwoch, 18. Februar 2009

Bandiagara: Schule, GAAS Mali (Arbeit zu Aids, Beschneidung) 210

Donnerstag 19. Februar 2009

Wanderung durch Falaise; Nombori: Rundgang/Übernachtung im Dogondorf, Tanz 214

Freitag, 20. Februar 2009

Schule, Wanderung durch Sanddünen 216

Timbuktu

Dienstag, 17. Februar 2009

Hinfahrt 220

Mittwoch, 18. Februar 2009

Timbuktu:: Stadtführung, Dromedarritt, Übernachtung in Campement in der Wüste 221

Donnerstag 19. Februar 2009

Tin Telut: Mali Nord, Einladung zu Mohammeds Familie 226

Freitag, 20. Februar 2009

Rückfahrt 231

Samstag, 21. Februar 2009

Sevaré: Plastikmüllrecycling, Lateritabbau 232

Sonntag, 22. Februar 2009

Segou: Bogolanzentrum 236

Montag, 23. Februar 2009

Bamako: FES 239

Dienstag, 24. Februar 2009

Bamako: Point Sud 241

Mittwoch, 25. Februar 2009

Bamako: GTZ, Rückflug 243

5


Vorwort

Die Große Geographische Exkursion ist so etwas wie die „Krönung“ des Studiums im

Fach Geographie. Nachdem – ganz besonders im Grundstudium – umfangreiche

theoretische Grundlagen vermittelt und (hoffentlich) verinnerlicht wurden, geht es

während der Exkursion um die Anwendung des Gelernten. Dies erfolgt in der gesamten

Breite von Natur- und Kulturgeographie, je nachdem, was der besuchte Raum zu bieten

hat. Die Exkursion nach Mali ging aber über diese „übliche“ Zielsetzung der Geographie-

Exkursionen weit hinaus, denn Dank der Zusammenarbeit mit der Lehrbeauftragten Frau

Ilsemargret Luttmann wurde der inhaltliche Bogen weiter gespannt zum Studiengebiet

„Kulturtheorie und interkulturelle Studien“. Dies wiederum galt nicht nur für die

Exkursion und ihr eigenes Vor- und Nachbereitungsseminar, sondern durch die

Koppelung mit weiteren Veranstaltungen gelang die Organisation eines interdisziplinären

„Studienprojektes Mali“. Zu diesen ergänzenden weiteren Angeboten gehörten

- das Seminar „Unterentwicklungstheorien und Entwicklungsstrategien für den

Bereich der ‚Dritten Welt’“, Bereich Kulturgeographie (Pez)

- das Seminar „Darstellung afrikanischer Kulturen in den Medien: das Beispiel Mali“,

Bereich Kulturtheorie (Luttmann)

- das Seminar „Französisch/FSZ: Préparation à l'excursion au Mali“, Bereich

Fremdsprachen (Gola / Luttmann)

und im Sommersemester 2009 zwei weiterführende Seminare

- „Tourismus und Entwicklung am Beispiel Afrikas“, Bereich Kulturtheore (Luttmann)

- „Französisch/FSZ: Les femmes au Mali: environnement socio-économique et

approches de la coopération technique européenne“, Bereich Fremdsprachen

(Gola / Luttmann)

Ein solch umfassendes Angebot gab es bislang in Lüneburg nicht und könnte beispielgebend

wirken für die zukünftige Ausbildung, wenn die Ziele der Internationalisierung und

Interdisziplinarität weiterverfolgt werden.

Bedingt durch den besuchten Raum spielte das Thema Entwicklungszusammenarbeit eine

herausragende Rolle. Dies hat uns immer wieder gefesselt, aber auch innerlich mitunter

„zerrissen“. Wir haben eine Reihe hochinteressanter und erfolgreicher lokaler Projekte

gesehen, mussten aber ebenso die hohe Krisenanfälligkeit des Naturraumes und die

unzureichenden Möglichkeiten zur nationalen und internationalen Krisenbewältigung

registrieren. Wir waren überwältigt von der Gastfreundschaft derer, die uns aufgenommen

haben bzw. zur Verfügung standen, konnten aber als Studierendengruppe dem Eindruck, zur

Gruppe der reichen Europäer zu gehören, angesichts von Armut und Aufforderungen von

Kindern wie „Donnez-moi un cadeau“ aus der Perspektive der einheimischen Bevölkerung

(und ggf. eigenen Ansprüchen, von uns etwas zu[rückzu-] geben) sicher nicht gerecht

werden. Wir haben uns nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet – Moskitodome,

Impfungen, Sonnencreme, Kopfbedeckungen, Medikamente u. v. m. –, und mussten doch

unsere unzulänglichen Resistenzen gegen Krankheiten und klimatische Belastungen am Leibe

erfahren. Aber vielleicht gerade deshalb war die Mali-Exkursion auf einzigartige Weise

eindrücklich. Wir haben pausenlos durch unmittelbare Erfahrungen gelernt und dies mit

7


allen Sinnen sowie viel, viel mehr als jemals in Seminarräumen vermittelt werden kann.

In dieser Hinsicht möchten wir uns bei den Teilnehmenden für ihr ungeheuer großes

Engagement, abschnittweise gepaart mit Leidensfähigkeit, weit mehr aber verbunden mit

Begeisterungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen herzlich bedanken. Es war eine Exkursion,

die wir alle – Leitung und Teilnehmende gleichermaßen – sicherlich niemals vergessen

werden.

Peter Pez, Ilsemargret Luttmann

8


TEIL I: SEMINARREFERATE

9


Klima

und zu beobachtende

Klimazonenverschiebung

Susann Aland

11


Inhaltsverzeichnis

1. Lagebeschreibung und Gradnetzeinordnung.......................................................................... 13

2. Klima- und Vegetationszonen.................................................................................................... 13

3. Klimatische Entwicklungen in der Sahelzone ......................................................................... 14

4. Beobachtungen während des Aufenthaltes in Mali im Februar 2009................................ 18

5. Schlussfolgerungen ....................................................................................................................... 21

12


Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den klimatischen Entwicklungen in Mali. Es werden

zunächst jüngere Tendenzen in der Vegetation des Sahels betrachtet, um diese dann

langfristigen Messwerten gegenüberzustellen. Anhand der Ergebnisse und zusätzlicher

Beobachtungen, die vor Ort im Februar 2009 gesammelt wurden, werden die

zunehmende Trockenheit und die wachsende Gefährdung der Sahelzone durch

Dürreperioden betont und auf die Notwendigkeit für eine Notfallplanung aufmerksam

gemacht.

1. Lagebeschreibung und Gradnetzeinordnung

Mali liegt in Westafrika und grenzt im Nordosten an Algerien, im Osten an Niger und

Burkina Faso, im Süden an Côte d’Ivoire und Guinea, im Westen an den Senegal und im

Nordwesten an Mauretanien. Mit einer Fläche von 1.240.192 km² (Fischer Weltalmanach

2002, 181) erstreckt sich das Land zwischen ca. 10° und 25° nördlicher Breite sowie

zwischen ca. 12° westlicher und 4° östlicher Länge.

2. Klima- und Vegetationszonen

Der klimatischen Betrachtung Malis wird im Folgenden die Klimaklassifikation nach

Troll/Paffen zugrunde gelegt. Bei dieser Klassifikation sind allgemein Jahreszeiten,

Wechsel von Trocken- und Regenzeiten, die Temperatur sowie die Vegetation von

Bedeutung. Die Erde ist in fünf Großklimazonen, die nach Temperaturwerten abgegrenzt

werden, eingeteilt: polare und subpolare Zonen (I), kaltgemäßigte Zonen (II),

kühlgemäßigte Zonen (III), warmgemäßigte Subtropenzonen (IV) und Tropenzonen (V).

Bei der Untergliederung der Hauptzonen werden auch Trocken- und Regenzeiten bzw.

aride und humide Monate und besonders die jeweils vorherrschende Vegetation

berücksichtigt.

Aufgrund der beschriebenen Lage und Größe Malis sind von Süd nach Nord insgesamt

vier verschiedene Klima- und Vegetationszonen zu finden. Diese sind in der Abb. 1 stark

vereinfacht dargestellt nachzuvollziehen.

Abb. 1: Klima- und Vegetationszonen Afrikas (stark

vereinfacht)

(Quelle: www.zum.de)

13


Der südliche Teil Malis befindet sich bis etwa 13° nördlicher Breite in der

Trockensavanne der wechselfeuchten Tropenklimate (V 3). Die aride Zeit in den

Wintermonaten hält durchschnittlich 5 bis 7,5 Monate an. Zwar herrschen zwischen

Trocken- und Regenzeit sehr unterschiedliche Bedingungen mit entsprechend

ausgeprägter jahreszeitlicher Vegetation, doch sind die durchschnittliche Niederschlagsmenge,

-dauer und -verlässlichkeit des Monsuns ausreichend für Landwirtschaft. Die

Trockensavanne zeichnet sich durch mannshohes Gras und einen sehr aufgelockerten

Baumbestand aus. Zwischen ca. 13° und 18° nördlicher Breite folgt die Dornsavanne der

tropischen Trockenklimate, welche in Nordafrika auch als Sahelzone bezeichnet wird (V

4). Der saisonale Niederschlag in der Sahelzone ist monsunal bedingt. Mit 7,5 bis 10

Monaten überwiegt die winterliche aride Zeit des Jahres. Die kurze, vor allem sehr

variable humide Zeit und die stete Gefahr von Dürrejahren lassen Ackerbau in diesem

Raum ohne regelmäßige Bewässerung nicht zu. An diesen Lebensraum mit schütterer

Vegetation, kniehohem Gras, Dornsträuchern und vereinzelnd auftretenden Sukkulenten

(z. B. der Affenbrotbaum) haben sich nomadisch lebende Völker angepasst. Richtung

Norden schließt sich bis ungefähr 20° nördlicher Breite das Klima der tropischen

Halbwüsten- und Wüsten an (V 5). Typisch für diesen Raum sind Sukkulenten wie bspw.

Kakteen. Im äußersten Norden herrscht ab ca. 20° nördlicher Breite Halbwüsten- und

Wüstenklima der warmgemäßigten Subtropenzone (IV 5) und tritt mit Kurzgras- und

Waldsteppe in Erscheinung.

3. Klimatische Entwicklungen in der Sahelzone

Erst kürzlich, im April 2009, berichtete das Wochenmagazin ‚Der Spiegel’ über das zu

beobachtende Ergrünen der Sahelzone. Der Geograph Chris Reij von der Freien

Universität Amsterdam macht darauf aufmerksam, dass seit etwa 20 Jahren der

Baumbestand in Niger jährlich um ca. ¼ Mio. Hektar anwächst und dass Vergleichbares

ebenso in Burkina Faso und Mali festzustellen ist. Diese Entwicklungen führt Reij auf

zufällige Ereignisse zurück, die er während seiner regelmäßigen Aufenthalte im Sahel seit

30 Jahren beobachtet hat. In Zeiten der Dürre, wie zwischen 1968 und 1973 sowie

Anfang der 1980er Jahre, versucht sich die lokale Bevölkerung auf verschiedene Weise

aus der Not zu helfen. Sie schlagen Brennholz, um es auf dem Markt zu verkaufen und

etwas Geld für Nahrungsmittel zu verdienen. Mit steigendem Holzeinschlag sinkt der

Erosionsschutz der Böden und die Gefahr der Abtragung von fruchtbarem Boden samt

Saat steigt. Einen weiteren Ausweg suchen junge Männer, indem sie in Nachbarländern

ihre Arbeitskraft anbieten. In der Dürreperiode Anfang der 1980er Jahre wurde durch

die (Arbeits-)Migration das Roden mancherorts in Niger vernachlässigt, was sich nach

Einsetzen des Niederschlags im Juni als Glücksfall erwies: Dort wuchs die Hirse auffallend

besser heran als auf den Feldern, in deren Nähe der Baumbestand reduziert wurde. Die

heimischen Akazien, die in der Trockenzeit Blätter tragen, spendeten nicht nur Schatten

und Futter für das Vieh, sondern boten in der Nähe der Felder vor allem Windschutz für

die Saat. Das Vieh wiederum war Düngerlieferant für den Boden. Diese Zusammenhänge

von schützender Vegetation und den Erfolgsaussichten der Ernte verbreiteten sich

zunehmend über Mundpropaganda, so dass andere Dörfer gezielt Akazien anpflanzten

(Schmid 2009, 136 ff.).

Bei dem Erfolg der Pflanzaktionen ist zu berücksichtigen, dass sie in der Folgezeit ab etwa

14


Mitte der 1980er Jahre und besonders seit etwa 2000 durch natürlich feuchtere Jahre

begünstigt wurden. Das Ergrünen des Sahels ist maßgeblich auf diese erhöhte

Feuchtigkeit zurück zuführen. Es darf nicht vergessen werden, dass in dieser Klimazone

die Niederschlagsvariabilität sehr hoch ist und stets das Risiko von erneuten

Dürrephasen besteht. Dabei ist zu bedenken, dass die Niederschlagsmengen nicht nur

von Jahr zu Jahr enorm schwanken können, sondern auch die räumliche Verteilung

innerhalb einer Regenzeit (vgl. Krings 2006, 21).

Betrachtet man langjährige Mittelwerte von Temperatur und Niederschlag, ist eine

klimatische Entwicklung in Richtung Trockenheit festzustellen. Um diese langfristige

Tendenz zu verdeutlichen, werden im Anschluss Klimadaten aus den Zeiträumen 1930

bis 1960 und 1961 bis 1990 ausgewählter Klimastationen Malis miteinander verglichen.

Die Klimastation Mopti ist anhand der Temperaturwerte und der Anzahl der humiden

Monate in die Dornsavanne der Tropenzone (V 4), sprich in die Sahelzone, einzuordnen.

Die Temperatur des kältesten Monats liegt über 13 °C und im Klimadiagramm sind drei

humide Monate abzulesen. Werden die Mittelwerte der Temperatur aus der Periode

1930-60 mit denen der Periode 1961-90 verglichen (Abb. 2), ist ein durchschnittlicher

Temperaturanstieg von ca. 0,48 °C abzulesen. Bei den Niederschlagswerten hingegen ist

ein erkennbarer Rückgang zu verzeichnen. Wie die Tabelle zeigt, sind die Mittelwerte

besonders in den Hauptmonaten der Regenzeit gesunken: im Juli von 147 mm auf 128

mm, im August von 198 mm auf 143 mm und im September von 94 mm auf 82 mm.

Monat J F M A M J J A S O N D

Mittl. Temp. in °C

(1930-60)

22,6 25,2 29 31,6 32,8 31,2 28,6 27,3 28,3 28,8 26,8 23,1

Mittl. Temp. in °C

(1961-1990)

23,2 26,2 29,4 32,3 33,4 31,7 29,1 27,7 28,3 29,3 26,9 23,5

mittl. Nied. in mm

(1930-60)


100

T in °C

90

16

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Mopti (14° 30'N / 4° 12'W)

J F M A M J J A S O N D

200 N in mm

Abb. 3: Vergleichendes Klimadiagramm der Perioden 1930-60 und 1961-90 für die Station Mopti

(eigener Entwurf nach Daten von Richter 1996, 321; www.klimadiagramme.de)

180

160

140

120

100

80

60

40

20

0

mittl. Niederschlag

in mm (1930-60)

mittl. Niederschlag

in mm (1961-90)

mittl. Temp. in °C

(1930-60)

mittl. Temp. in °C

(1961-90)

Zusätzlich soll das Auftreten von Dürrephasen, die eingangs als Merkmal der Sahelzone

beschrieben wurden, in die Betrachtung mit einbezogen werden. Zwar treten Dürren in

dieser Klimazone immer mal wieder auf, jedoch ist zu beachten, dass sich der Abstand

und die Intensität der Trockenphasen seit Ende der 1960er Jahre zunehmend verkürzt

hat. Verglichen mit dem langjährigen Niederschlagsmittel 497 mm (Bezugszeitraum 1931-

2000) treten Niederschlagsdefizite ab etwa 1970 häufiger auf, wie Abb. 4 zeigt (vgl.

Krings 2006, 23).

Abb. 4: Abweichung der mittleren Niederschläge vom langjährigen Mittel 497 mm (1931-2000)

(Quelle: Atlas du Mali 2001, 19 nach Krings 2006, 23)

Ein weiteres Beispiel soll diesen langjährigen Trend belegen. Die Stadt Gao liegt

nordöstlich von Mopti und, laut Klimakarte, ebenfalls in der Sahelzone, allerdings mit


deutlich niedrigeren durchschnittlichen Niederschlagswerten am Übergang zur

tropischen Halbwüste.

Zwischen den Vergleichszeiträumen ist die Temperatur im Durchschnitt um ca. 0,42 °C

angestiegen. Auch hier sind sinkende Niederschläge zu verzeichnen. Besonders auffällig

ist der Rückgang im August von 127 mm auf 75 mm (vgl. Abb. 5).

Monat J F M A M J J A S O N D

Mittl. Temp. in °C

(1930-60)

22 25 28,8 32,4 34,6 34,5 32,3 29,8 31,8 31,9 28,4 23,3

Mittl. Temp. in °C

(1961-1990)

22,6 25,4 29,4 32,8 35,6 35,1 32,6 31,1 32,1 32,1 27,5 23,5

mittl. Nied. in mm

(1930-60)


Abb. 7: Verschiebung der Niederschlagsmittel im Senegal zwischen den Perioden 1960-69 und 1990-94

(Quelle: Service de la Météorologie National, Sénégal 1998 nach Krings 2006, 24)

Während im Zeitraum 1960-69 im Norden Senegals noch durchschnittlich zwischen 200

mm und 400 mm Niederschlag fielen, wurden in den Jahren 1990-94 nur noch Werte

unter 200 mm gemessen. In der Hauptstadt Dakar sind die Messungen sogar von 500

mm bis 700 mm auf 200 mm bis 400 mm gesunken (Krings 2006, 24). Wie an der Grafik

gut zu erkennen ist, verlaufen die Linien gleicher Niederschlagsmengen (Isohyeten)

ungefähr breitengradparallel. Das bedeutet, dass sich diese Entwicklungen auch auf den

Süden Malis übertragen lassen.

Die beschriebene klimatische Verschiebung in Mali konnte während der universitären

Exkursion im Februar 2009 anhand der Vegetation bestätigt werden.

4. Beobachtungen während des Aufenthaltes in Mali im Februar 2009

In der Beschreibung der Reiseroute des einleitenden Kapitels wurde Timbuktu als ein

Etappenziel der Studienreise im Februar 2009 erwähnt. Mit den Koordinaten 16°46’N /

3°1’W müsste Timbuktu nach der Klassifikation von Troll/Paffen in der Sahelzone (V 4)

liegen und die Vegetation der Dornsavanne vorherrschen. Die Beobachtungen vor Ort

zeigten jedoch ein anderes Bild: Schon über die Dächer Timbuktus hinaus waren

Sanddünen dicht am Rand der Stadt zu sehen (Abb. 8).

Abb. 8: Blick über den nördlichen Stadtrand von Timbuktu

(Aufnahme Sally Ollech)

Große Flächen des Gebietes, das sich im Norden an Timbuktu anschließt, sind gar nicht

18


von Vegetation bedeckt und unterliegen der Winderosion (Abb. 9).

Abb. 9: Sanddünen am nördlichen Stadtrand von Timbuktu

(Aufnahme Mirja Greßmann)

Abb. 10: Sandverwehungen auf der Straße in Timbuktu

(Aufnahme Mirja Greßmann)

Der feine Sand der nahen Dünen wird häufig

von den Luftmassenströmungen des

Harmattan in die Stadt getragen, in der er sich

überall ablagert. In der Abb. 10 sind bspw.

Sandverwehungen auf der Teerstraße in

Timbuktu zu sehen. Im Extremfall können

Sandstürme zur Versandung der

Verkehrswege führen und sie unpassierbar

machen.

Diese Beobachtung kann durch die Temperatur- und Niederschlagswerte von Timbuktu

aus dem Bezugszeitraum 1961-90 unterstützt werden. Aus dem Klimadiagramm in Abb.

11 ergibt sich nur ein Monat, in dem der Niederschlag die Verdunstung übersteigt. Das

spricht folglich für das Klima der tropischen Halbwüste, denn nach Troll/Paffen sind 2 bis

4,5 humide Monate Bedingung für die Sahelzone.

19


50

T in °C

20

40

30

20

10

0

Timbuktu (16° 46'N / 3° 1'W)

J F M A M J J A S O N D

Abb. 11: Klimadiagramm der Station Timbuktu (Bezugszeitraum 1961-90)

(eigener Entwurf nach Daten von www.klimadiagramme.de)

100 N in mm

80

60

40

20

0

Niederschlag in

mm (1961-90)

Temperatur in

°C (1961-90)

Zwar gibt es keine wissenschaftliche Messgröße für die Ausbreitung der Wüste am Rand

der Sahelzone oder genaue quantitative Erfassungsmethoden der Folgeerscheinungen, die

in konkreten Zeiträumen auftreten (Krings 2996, 69), doch kann die Tatsache der

fortschreitenden Desertifikation, die mit der Klimazonenverschiebung einhergeht, nicht

ignoriert werden. Die Langzeittendenzen müssen Beachtung finden und in Überlegungen

der Entwicklungszusammenarbeit mit einbezogen werden.


5. Schlussfolgerungen

Die jüngste klimatische Entwicklung im Sahel darf nicht über den langfristigen Trend in

Richtung Trockenheit hinwegtäuschen. Die zu beobachtende Klimazonenverschiebung

bringt ernstzunehmende Folgen und Handlungsbedarf bzw. die Notwendigkeit zu einem

Umdenken mit sich. In Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung wurde immer wieder

die Feuchtigkeit der letzten Jahre, die die Landwirtschaft in vielen Teilen Malis begünstigt,

betont. In dieser, für die Sahelzone eher ungewöhnlich feuchten Phase ruht besonders

für die ländliche Bevölkerung, die auf erfolgreiche Ernten angewiesen ist, sehr viel

Hoffnung. Die weit verbreitete Hoffnung, dass sich dieser Trend fortsetzt, lässt das stete

Risiko einer Dürre zu sehr in den Hintergrund rücken. Auch nach Auskunft der

Deutschen Botschaft in Bamako gibt es derzeit keinen akuten Notstand oder „Grund zur

Sorge“ in Mali.

Trotz der gegenwärtigen erfreulichen Situation des ergrünenden Sahels macht die

geographische Lage Malis mit den instabilen klimatischen Verhältnissen über längere

Zeiträume das Denken an und vor allem die Planung für Notzeiten unabdingbar. Nicht

nur die agronomische Inwertsetzbarkeit des Raumes ist stark von der Verlässlichkeit des

Niederschlages abhängig, sondern auch die Versorgung der nördlichen Gebiete auf dem

Flussweg. Bei verstärkter Aridifizierung nimmt die Verdunstung des Niger, der durch

große Teile des Landes als Fremdlingsfluss fließt, zu, was sich negativ auf die Niger-

Binnenschifffahrt auswirkt. In den Monaten zwischen Februar und Juli ist der Fluss in dem

Raum zwischen Mopti und Timbuktu nur von kleinen motorisierten Pinassen und

Segelbooten befahrbar. Langfristig gesehen ist die regelmäßige Lebensmittelversorgung

der nördlichen Sahelzone auf dem Wasserweg in Gefahr (vgl. Krings 2006, 25).

21


Abbildungsverzeichnis

Abb. 1:

Klima- und Vegetationszonen Afrikas (stark vereinfacht)

(Quelle: www.zum.de)

Abb. 2:

Vergleichende Klimatabelle der Perioden 1930-60 und 1961-90 für die Station Mopti

(Quellen: Richter 1996, 321; www.klimadiagramme.de)

Abb. 3:

Vergleichendes Klimadiagramm der Perioden 1930-60 und 1961-90 für die Station Mopti

(eigener Entwurf nach Daten von Richter 1996, 321; www.klimadiagramme.de)

Abb. 4:

Abweichung der mittleren Niederschläge vom langjährigen Mittel 497 mm (1931-2000)

(Quelle: Atlas du Mali 2001, 19 nach Krings 2006, 23)

Abb. 5:

Vergleichende Klimatabelle der Perioden 1930-60 und 1961-90 für die Station Gao

(Quellen: Richter 1996, 321; www.klimadiagramme.de)

Abb. 6:

Vergleichendes Klimadiagramm der Perioden 1930-60 und 1961-90 für die Station Gao

(eigener Entwurf nach Daten von Richter 1996, 321; www.klimadiagramme.de)

Abb. 7:

Verschiebung der Niederschlagsmittel im Senegal zwischen den Perioden 1960-69 und

1990-94

(Quelle: Service de la Météorologie National, Sénégal 1998 nach Krings 2006, 24)

Abb. 8:

Blick über den nördlichen Stadtrand von Timbuktu (Aufnahme Sally Ollech)

Abb. 9:

Sanddünen am nördlichen Stadtrand von Timbuktu (Aufnahme Mirja Greßmann)

Abb. 10:

Sandverwehungen auf der Straße in Timbuktu (Aufnahme Mirja Greßmann)

Abb. 11:

Klimadiagramm der Station Timbuktu (Bezugszeitraum 1961-90)

(eigener Entwurf nach Daten von www.klimadiagramme.de)

22


Literaturverzeichnis

KRINGS, Thomas 2006: Sahelländer. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik.

Darmstadt.

FISCHER VERLAG 2001: Fischer Weltalmanach 2002. 1. Auflage, Frankfurt am Main.

RICHTER, Gerold (Hrsg.) 1996: Handbuch ausgewählter Klimastationen der Erde. 5.

Auflage, Trier.

SERVICE DE LA MÉTÉOROLOGIE NATIONAL 1998: Dakar.

SCHMID, Hilmar 2009: „Ground Zero“ ergrünt. In: Der Spiegel Nr. 17/2009, S. 136 ff.

http://www.klimadiagramme.de/Afrika/gao.html, Stand, 06.05.2009.

http://www.klimadiagramme.de/Afrika/mopti.html, Stand 06.05.2009.

http://www.klimadiagramme.de/Afrika/timbuktu.html, Stand 06. 05.2009.

http://www.zum.de/Faecher/Ek/BAY/mek/mek/klima/afrika/troll_paffen.html, Stand

31.05.2009.

23


Geologisch-tektonischer Aufbau und

geomorphologische Einheiten

Malis / Westafrikas

Mirja Greßmann

25


Inhaltsverzeichnis

1. Definition ....................................................................................................................................... 27

2. Geologische Gegebenheiten ...................................................................................................... 27

2.1. Grundwasservorkommen................................................................................................... 28

3. Geomorphologische Einheiten .................................................................................................. 28

3.1. Die Bandiagara-Schichtstufe ............................................................................................... 30

3.2. Weitflächige Lateritplateaus............................................................................................... 31

3.3. Das Nigerbinnendelta.......................................................................................................... 31

3.4. Dünengebiete ........................................................................................................................ 32

4. Böden.............................................................................................................................................. 33

4.1. Zonale Böden ........................................................................................................................ 33

4.2. Azonale Böden ...................................................................................................................... 34

5. Zusammenfassung ........................................................................................................................ 35

26


Dieser Beitrag befasst sich mit den geologischen Gegebenheiten und geomorphologischen

Einheiten in Mali, wobei der Fokus auf den bereisten Gebieten des

Nigerbinnendeltas und der Bandiagara-Schichtstufenlandschaft liegt.

1. Definition

„Geologie ist die Wissenschaft von der Zusammensetzung, vom Bau und von der

Geschichte der Erdkruste und von den Kräften, unter deren Wirkung sich die

Entwicklung der Erdkruste vollzieht.“(Neef 1974, 619).

„Geomorphologie ist die Lehre von den Formen der Erdoberfläche und den Kräften und

Vorgängen, die sie geschaffen haben, sowie den Prozessen, die heute daran wirken.“

(Wilhelmy 1994, 11).

2. Geologische Gegebenheiten

Westafrika besteht wie der gesamte afrikanische Kontinent aus einer geologisch alten

Plattform (Gondwana). Diese Plattform wird von einem Grundgebirge bestehend aus

präkambrischen Gesteinen gebildet, das meist mit Sedimentgesteinen unterschiedlichen

Alters bedeckt ist. Die charakteristische Grundstruktur Westafrikas wird wesentlich

durch die weitflächigen Becken (Synklinalen) bestimmt, welche durch flache Schwellen

(Antiklinalen) voneinander abgegrenzt werden (vgl. Barth 1970, 15). Die Becken

entsprechen Sedimentationsräumen mit mehreren tausend Metern mächtigen

kontinentalen und teilweise maritimen Ablagerungen.

Solche Becken, wobei das Toudenni-Becken und das Niger-Becken für Mali von

Bedeutung sind, werden im Nordwesten von der Karet-Yetti-Eglab-Antiklinale und

südlich von der Guinea-Schwelle abgegrenzt (vgl. Barth 1970, 16). Deren Randschwellen

sind über die breite Mossi-Antiklinale mit der Erhebung des Adrar des Iforas im Norden

verbunden. Die Oberfläche dieser Schwellen besteht weitgehend aus dem abgetragenen

und über Millionen von Jahren stark umgewandelten Grundgebirge. Dieses ist

hauptsächlich aus kristallinen Schiefer, Gneisen und Quarziten aufgebaut (vgl. Barth 1970,

18).

Den Hauptanteil der Beckensedimente bilden die nahezu horizontal abgelagerten

Sandgesteine unterschiedlichen Alters. Am Rande der Becken erschaffen die älteren

Sedimente Sandsteintafeln, welche als Schichtstufen gegen die Antiklinale abbrechen und

im inneren des Beckens unter jüngere Sedimentschichten abtauchen. Diese jüngeren

Sedimente bestehen aus Ablagerungen des sog. „Continental intercalaire“ (Sandstein,

sandige Tongesteine und Mergel) sowie aus marinen Ablagerungen (z. B. Kalk) der

letzten Überschwemmungsphase. Im Nigerbinnendelta wie auch in allen anderen Becken

lassen sich außerdem Sande und Tone als Sedimente des „continental terminal“ finden

(vgl. Barth 1970, 19).

27


2.1. Grundwasservorkommen

Neben den klimatischen Gegebenheiten sind auch die Beschaffenheit und Zusammensetzung

der Sedimentschichten für die Oberflächengestaltung und im Zusammenspiel für

die Existenz von Grundwasser in einer Region von großer Bedeutung (vgl. Barth 1986,

165). „Grundwasser ist das Wasser, welches die Hohlräume der Erdrinde zusammenhält

und dem hydrostatischen Druck unterliegt.“ (Barth 1986, 165).

Geologische Formationen, die in Hohlräumen Wasser führen können, sog. Aquifere,

werden ausschließlich in den Beckenregionen Malis von den Ablagerungen des

„continental intercalaire“ und des „continental terminal“ gebildet (vgl. Barth 1986, 165).

Diese Ablagerungen treten als Grundwasserträgergesteine auf und schaffen mit den

aufliegenden Schwemmböden und vom Wind angelieferten Sanden und Tonmineralien

günstige Bedingungen für das Vorkommen von Grundwasser sowie für dessen Ergänzung

und Bewegung. Das Nigerbinnengebiet ist aufgrund des Potentials und der Mächtigkeit

dieser Grundwasserträger das grundwasserreichste Gebiet Malis (vgl. Barth 1986, 167).

In Gebieten, in denen das Grundgebirge dominiert (zentrale Aufwölbung des Adrar des

Iforas sowie nördliche Teile der Guinea-Schwelle), bildet sich das Grundwasser aufgrund

des wasserundurchlässigen Untergrundes (Granite, Gneise, kristalline Schiefer) nur in

Spalten und Klüftungen des Gesteins. Da es sich hier um niederschlagsreiche Gebiete

handelt, ist die dörfliche Wasserversorgung dennoch gedeckt (vgl. Barth 1986, 165).

Die porenarmen Sandsteine, welche die Sandsteinplateaus am Rande der Beckengebiete

bilden, ermöglichen nur eine Grundwasseranreicherung in den bestehenden Klüftungen

(vgl. Barth 1986, 167).

Nach Barth zeigen die nutzbaren Grundwasserressourcen keine Möglichkeiten der

Entwicklung auf, da abgesehen von dem ohnehin durch das Oberflächenwasser

begünstigten Nigerbeckengebiet, die hydrogeologischen Bedingungen in den übrigen

Regionen nur geringes Grundwasserpotential zulassen (vgl. Barth 1986, 167).

3. Geomorphologische Einheiten

Westafrika ist ein Teil von Niederafrika (vgl. Krings 2006, 16). Bis auf einige Ausnahmen,

wie z.B. die Zeugenberge der Bandiagara-Schichtstufe (Hombori-Berge), welche eine

Höhe von ca. 1000 m ü. NN erreichen, werden Höhenwerte von 300 m ü. NN selten

überschritten (vgl. Barth 1986, 123). Fastebenen, sog. Rumpfflächen, dominieren das

Landschaftsbild in Westafrika (vgl. Krings 2006, 16). Sie sind das Ergebnis aus vorangegangenen

Verwitterunsprozessen und nachfolgenden meist flächenhaften Abtragungsvorgängen,

die während einer langen Periode der tektonischen Ruhe erfolgten und zu

einer weitgehenden Einrumpfung der Gebirgsaufwölbungen führten. Die rezente

Gliederung der Becken und Schwellenstruktur ist hauptsächlich die Folge von schwachen,

weiträumigen Verbiegungen (vgl. Barth 1970, 20).

28


Die Monotonie der Ebenen wird durch die für Westafrika typischen Schichtstufen belebt.

„Schichtstufen sind Geländeformen mit einer steilen Frontseite und einer flachen

Rückseite. Sie sind aufgebaut aus einer flachlagernden, hängenden „harten“ und einer

liegenden „weichen“ Schicht, wobei die weiche Schicht rascher abgetragen wird als die

harte.“ (Fischer 1998, 5). Im morphologischen Sinne ist unter dem Begriff der Härte die

Widerständigkeit eines Gesteins gegenüber Verwitterung und Erosion zu verstehen. Die

morphologische Härte eines Gesteins ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig, wie

z.B. dem physikalischen Härtegrad des Gesteins und der Härte des Bindemittels. Ein aus

Quarzkörnern und kieselsäurehaltigem Zement zusammengehaltener Sandstein (Quarzit)

ist beispielsweise härter, als ein Sandstein mit einem tonigen oder kalkigen Bindemittel.

Von Bedeutung sind auch das Verhalten eines Gesteins unter Druck und seine

Anfälligkeit für chemische Verwitterungen (vgl. Fischer 1998, 5).

Tone oder Mergel sind zum Beispiel wenig widerständig gegenüber dem Druck

überlagernder Gesteinsschichten und geben nach, indem sie seitlich ausweichen. Auch

die Porosität eines Gesteins und folglich dessen Wasserdurchlässigkeit spielen bei der

Bestimmung der geomorphologischen Härte eine Rolle (vgl. Fischer 1998, 5).

Durchfeuchtete Gesteine sind beispielsweise anfälliger gegenüber Abspülungsprozessen

als wasserdurchlässige Gesteine, bei denen das Wasser in darunter liegende Schichten

geleitet wird. Tone und Mergel beispielsweise können Wasser gut aufnehmen und

speichern. Voll gesogen mit Wasser werden sie leicht beweglich, wodurch es zu

Hangrutschungen kommen kann. Aufgrund ihrer Wasserundurchlässigkeit können sie

aber auch innerhalb von Sedimentschichten Wasser tragende Horizonte bilden (vgl.

ebda.).

Folglich ist die Voraussetzung für die Entstehung von Schichtstufen die Aufschichtung von

Gesteinsschichten unterschiedlicher Härte, wobei harte Schichten als Stufenbildner und

weiche Stufen als Sockelbildner bezeichnet werden (vgl. Fischer 1998, 6).

In Westafrika haben sich über Millionen von Jahren unterschiedliche Sedimentationsschichten

abgelagert und das Grundgebirge bedeckt. Über den Schwellen bildeten die

schräg gestellten Gesteinschichten einen Sattel, der durch tektonische Verbiegungen

noch weiter angehoben wurde. Der höchste Punkt dieser Aufwölbung bot eine

Angriffsfläche für Erosionsprozesse, sodass der Gipfel und die obere kalkhaltige

Gesteinsschicht über einen langen Zeitraum hinweg abgetragen wurden. Auf den

freigelegten Sandsteinschichten setzte eine verstärkte Verwitterung ein. In Verbindung

mit Abtragungsprozessen führte diese zu einer Einschneidung der Sandsteinschichten

mittig der ehemaligen Aufwölbung. Die darunter liegende weichere Schicht (tonhaltiger

Sandstein) gab nach. In den Bereichen der Einschneidung wurde die tonhaltige

Sandsteinschicht aufgrund ihrer geringeren Resistenz schneller abgetragen als die

aufliegenden härteren Sandsteinschichten. Folglich brachen nach und nach die oberen

härteren Sedimentschichten in den Bereichen der Einkerbung steil ab. Das zerkleinerte

Material wurde von Wind und je nach klimatischen Verhältnissen auch von Wasser in die

tiefer gelegenen Ebenen abtransportiert. Verstärkt wurde und wird die Stufenbildung

durch die erodierenden Kräfte eines Flusses. Diese Prozesse, die auch heute noch

stattfinden, führten über Millionen von Jahren zu einer Muldenbildung und somit zu einer

Reliefumkehr. Die Abbruchstellen der härteren witterungsresistenteren Sandsteinschicht

bilden, basierend auf dem weicheren Sockel, die heutigen Schichtstufen.

29


Während Sedimentschichten mit einer Neigung von 1-5° eine Stufe bilden (vgl. Zepp

2002, 247), sind bei einer Schichtneigung mit einem Winkel von 7-10° auch mehrere

Stufenbildungen möglich. Formationen mit einer Stufe werden Schichtstufen und jene mit

mehreren Stufenbildungen Schichtkämme genannt (vgl. Zepp 2002, 251).

3.1. Die Bandiagara-Schichtstufe

Im Südosten Malis gelegen verläuft die Bandiagara-Schichtstufe in südwest-nordöstlicher

Richtung. Sie steigt kontinuierlich von 400 m ü. NN im Süden auf 700 m ü. NN nach

Nordosten hin an (vgl. Barth 1970, 49). Mit der Stufenfront zur Mossi-Schwelle gerichtet,

der vorgelagerten Gondoebene und den in das Nigerbinnendelta abflachenden

Sandsteintafeln bildet die Bandiagara-Schichtstufe den „Prototyp einer klassischen

Schichtstufenlandschaft“ (Barth 1986, 123). Die steil abfallende Front der Bandiagarastufe

wird auch „Falaise de Bandiagara“ genannt (vgl. Barth 1970, 64). Während es sich bei

dem Stufenbildner der Bandiagarastufe um resistente quarzitische Sandsteine handelt,

wird der Sockel von tonhaltigen Sandsteinen gebildet (vgl. Barth 1986, 124).

Das durch Erosionsprozesse entstandene Schuttmaterial bedeckt die unteren Hänge der

Stufe mit Blockschutt und weiter abwärts mit feineren Schuttsedimenten. Die

Mächtigkeit dieser feineren Schuttsedimente stellt in den Vorlandbereichen der Stufen

einen ökologischen Gunststandort dar (vgl. Barth 1986, 124). Dieser bietet gute

Voraussetzungen für eine Siedlungsbildung.

Die Sedimentablagerungen deuten auch auf ein Zurückschreiten der Schichtstufen

aufgrund von erodierenden Kräften hin (vgl. Barth 1970, 98). Befinden sich innerhalb

einer Schichtstufe härtere Gesteinspakete, bilden sich beim Zurückschreiten der

Schichtstufe sog. Zeugenberge heraus. Die Hombori-Berge sind ein Beispiel dieser durch

Abtragung der weicheren umliegenden Schichten heraus präparierten Zeugenberge.

Früher verbunden mit der Bandiagara-Schichtstufe bilden die Hombori- Berge heute

isoliert von der Front die höchsten Erhebungen innerhalb Malis (vgl. Barth 1970, 49).

Die teilweise starken Zerklüftungen der Schichtstufenlandschaft sind auf die erodierenden

Kräfte von (periodischen) Flüssen zurückzuführen. Aufgrund des Nordost-

Südwest-Gefälles des Bandiagara-Plateaus wird dieses hauptsächlich nach Südwesten auf

das Nigerbinnendelta zu entwässert (vgl. Barth 1970, 49). Das zwar kurze aber heftige

Eintreten von Regenfällen auf den größtenteils wasserundurchlässigen vegetationslosen

Gesteinsschichten bedingt einen schnellen Oberflächenabfluss (vgl. Barth 1970, 77).

Während sich der Abfluss auf Ebenen flächenhaft vollzieht, wirkt der Oberflächenabfluss

an Hängen und Flächen ab einem Neigungswinkel zwischen 2° und 3° linienhaft. In dem

Bandiagara-Plateau schneidet der schnelle Oberflächenabfluss Rinnen und Kerben in den

Untergrund ein und lässt periodisch Wasser führende Flüsse entstehen (vgl. Barth 1970,

77).

Die Tiefen- und Seitenerosionen der periodisch Wasser führenden Flüsse führen zu

regelrechten Talbildungen (Canyons) innerhalb des Plateaus (vgl. Barth 1970, 78).

30


Die periodischen Flüsse fließen meist nicht mit dem Gefälle des Plateaus. Vielmehr

orientiert sich ihr Verlauf an den bei der tektonischen Verbiegung innerhalb der

Sandsteinschichten entstandenen süd-südwestlich bzw. nord-nordöstlich verlaufenden

kleinräumigen Falten, die eine Kluftenbildung begünstigten (vgl. Barth 1970 , 57).

Die Hauptsammelader für den Oberflächenabfluss bildet der Yame de Bandiagara. Als

ständig Wasser führender Fluss tritt er auf der Höhe von Goundaka aus dem Plateau aus

und mündet schließlich im Niger (vgl. Barth 1970, 49). Im Gegensatz zu den periodischen

Flüssen verläuft der Yame de Bandiagara mit dem Gefälle des Plateaus.

3.2. Weitflächige Lateritplateaus

Ein für Westafrika ebenso charakteristisches Landschaftsbild wird geprägt durch die

weitflächigen Lateritplateaus, auf denen nur anspruchslose Vegetation wachsen kann. Die

stark verkrusteten Hochflächen bestehen aus einer bis zu mehreren Metern dicken

Eisenschicht lateritischer Genese (siehe zonale Bodenbildung). Diese fällt mit deutlichen

Abstufungen zur niedriger gelegenen Rumpffläche ab (vgl. Krings 2006, 17). Das

Mandingo-Plateau ist ein Beispiel einer solch mächtigen lateritischen Verkrustung.

Aufgrund der hohen Widerständigkeit gegenüber Erosionsprozessen tragen die

Lateritkrusten beachtlich zur Flächenerhaltung bei (vgl. Barth 1970, 20).

3.3. Das Nigerbinnendelta

Im westlichen Beckenraum dominieren großflächige Verkrustungen die Oberfläche. Im

Deltabereich kennzeichnen periodisch überschwemmte Sedimentationsgebiete die

Landschaft (vgl. Barth 1986, 128). Das Überflutungsgebiet umfasst eine Fläche von 20.000

km², in der mehrere Niger- und Bani-Arme eine Flusslandschaft entstehen lassen (vgl.

Barth 1986, 83). Bis vor ca. 8000 Jahren war das Becken zwischen der Mossi- und der

Assaba-Schwelle ein abflussloser Sedimentationsraum mit einem bis weit in die Sahara

hineinreichenden schätzungsweise 300.000 km² großen See (vgl. Barth 1986, 84).

Mit der Anzapfung des Binnensees durch den heutigen Unterlauf des Nigers wurde das

Becken entwässert, und der Lauf des Nigers nahm seine heutige Form an. Reste des

ehemaligen Binnensees bilden die heutigen großen Seengebiete (vgl. Barth 1986, 84).

Der Niger entsteht aus dem Zusammenfluss verschiedener kleinerer Flüsse. Deren

Quellgebiete befinden sich in den nördlichen Randgebieten der niederschlagsreichen

Guinea-Schwelle. Oberhalb von Bamako vereinigen sich die wichtigsten Zuflüsse zum

Niger. Von dort aus fließt er in nordöstliche Richtung in die Sahelzone ein (vgl. Barth

1986, 83). Mit dem aus Süd-Südwest fließenden Fluss Bani, der bei Mopti in den Niger

mündet, entsteht ein großes Überschwemmungsgebiet, das Nigerbinnendelta, in dem sich

Fließ- und Spülsedimente ablagern (vgl. Barth 1986, 85).

Die Intensität der Überschwemmung dieser Gebiete ist weniger von den lokalen

31


Niederschlägen während der Regenzeit abhängig, sondern eher von den

Niederschlagsmengen in den Gebieten der Quellflüsse.

Die in den Bereichen der Guinea-Schwelle hauptsächlich im Sommer fallenden intensiven

Niederschläge lösen eine Hochwasserwelle aus, die im September bei Bamako angelangt

ist (vgl. Barth 1986, 85). Erreicht die Flutwelle das Nigerbinnendelta kommt es zu einer

Phasenverschiebung der Hochwasserwelle. Zuerst werden Flussarme, Mare und Kanäle

geflutet, darauf folgt die Überflutung der Überschwemmungsgebiete (vgl. Barth 1986, 86).

Die sich im Becken befindenden Sedimente verfügen über eine sehr gute

Wasserspeicherkapazität (vgl. Barth 1986, 85), so dass ein großer Teil des Hochwassers

vom Boden aufgenommen wird. Bedingt durch die Auffüllung des Gewässernetzes sowie

der Überflutung der Schwemmgebiete bewegt sich die gemäßigte Hochwasserwelle erst

mit einer zeitlichen Verzögerung von vier bis fünf Monaten weiter den Niger entlang.

Mopti beispielsweise erreicht die Hochwasserwelle erst im November (vgl. Barth 1986,

86). Folglich durchfließt die Hochwasserwelle das Nigerbinnengebiet inmitten der ariden

Jahreszeit zwischen Oktober und Januar (vgl. ebda.).

Auch die Pegelstände der Seen sind größtenteils abhängig von der Hochwasserwelle des

Nigers und nicht vom lokalen Klimageschehen. Die häufig über schmale

Überlaufschwellen verbundenen Seen werden von dem Hochwasser konsequent (vgl.

ebda.), aber ohne jegliche Heftigkeit und Strömungsdynamik (vgl. Barth 1986, 88),

hintereinander aufgefüllt. Innerhalb der Seenbecken kommt es zu keiner Sedimentation,

so dass ihr Wasser relativ klar ist. Beim Rückgang des Pegelstandes des Nigers

verhindern die Schwellen den Rückfluss des Wassers aus den Seen (vgl. ebda.). Die

Pegelstände der Seen sinken hauptsächlich aufgrund von Verdunstung, trocknen aber

dank der nigrischen Wasserversorgung auch während der ariden Jahreszeit nicht aus (vgl.

Barth 1986, 86). „Nicht die Aridität des Lokalklimas, sondern die azonale Hydromorphie

ist die gestaltende Dominante dieses Raumes. (Barth 1986, 90)“

3.4. Dünengebiete

Sandgebiete mit fossilen Dünen sind vor allem im nördlichen Teil Malis weit verbreitet.

Sie reichen teilweise bis ins Innere des Nigerbinnendeltas und westlich darüber hinaus bis

nach Gourma. Bei der Bodenbildung erfolgt in den Oberhorizonten eine Anreicherung

mit Eisenoxiden, wodurch eine bräunliche bis rote Färbung entsteht. Die zwischen 10

und 30 m hohen Dünen verlaufen größtenteils parallel mit einem Abstand von 1 bis 10

km in Norost-Südwest-Richtung (vgl. Barth 1986, 129). Entstanden sind diese sog.

Lingualdünen vor ca. 21000 – 15000 Jahren. Neben den fossilen Dünengebieten sind

rezente Dünen in Form von Transversalen und Sicheldünen vor allem in den nördlichen

Landesteilen vertreten (vgl. Barth 1986, 130).

32


4. Böden

Nach Krings lassen sich die Böden im westlichen Sahel in zonale Böden und azonale

Böden unterscheiden (vgl. Krings 2006, 20).

4.1. Zonale Böden

Die Bodenbildungsprozesse der zonalen Böden sind hauptsächlich abhängig von den

klimazonalen Verhältnissen (diese und folgende Angaben zu den zonalen Böden stammen,

wenn nicht anders vermerkt, aus Krings 2006, 20). In den niederschlagsreicheren

Savannengebieten dominiert die relativ sterile und humusarme tropische Roterde, die

sog. Ferrallite. Während der humiden Jahreszeit werden Restmineralien aus dem

Untergrund ausgewaschen. Die mit Eisen, Mangan und Aluminiumoxid angereicherte

Bodenlösung sickert in die tieferen Bodenhorizonte. Im Gegensatz zu den in der

Regenzeit herrschenden abwärtsgerichteten Auswaschungsvorgängen dominiert in der

Trockenzeit eine senkrecht nach oben gerichtete Bewegung. Bedingt durch die hohe

Bodensonneneinstrahlung dringt die Bodenlösung Richtung Oberfläche in die oberen

Bodenhorizonte.

Treten die Anreicherungshorizonte an die Oberfläche, z.B. durch flächenhafte Abtragung,

trocknen diese vollkommen aus und verhärten sich zu teilweise mächtigen

Lateritkrusten. Der Prozess dieser Krustenbildung vollzieht sich über mehrere Millionen

von Jahren. Aufgrund der Widerständigkeit dieser Krustenformationen gegenüber

Erosionsprozessen sind mächtige Lateritkrusten im Sahel und in den Savannengebieten

Malis vorzufinden. Auf diesen Eisenkrusten gedeiht wenn überhaupt nur spärliche

Vegetation.

Ebenfalls der Gruppe der tropischen Böden zugehörig sind die sog. Fersiallite. Sie

entstanden im Vergleich zu der fossilen Bodenbildung der Ferrallite aus rezenten

Bodenbildungsprozessen. Aufgrund der weniger stark ausgeprägten chemischen

Verwitterung beinhalten die Fersiallite noch verwitterbare Restmineralien. Ihr Oberboden

besteht größtenteils aus einer 20 – 30 cm dicken Humusschicht (vgl. Barth 1986,

134). Dieser Bodentyp kann Düngemittel relativ gut aufnehmen, so dass ein Anbau von

Nutzpflanzen (Hirse, Baumwolle) möglich ist. Wird die Bodenstruktur durch beispielsweise

Brandrodungen beschädigt und dann abgetragen, tritt die darunter liegende harte

und unfruchtbare Schicht an die Oberfläche. Die schwach rötlichen Böden sind vor der

Bandiagara-Stufe und auf fossilen Dünen verbreitet, wo sie die Grundlage einer dichten

Baumsavanne bilden (vgl. Barth 1986, 134).

Nach Barth wird subaride Braunerde häufig als Steppenboden bezeichnet, „da sie meist

eine Steppen-Vegetation mit vereinzelten Gehölzen zwischen weiten Grasformationen

tragen.“ (Barth 1986, 137). Diese Böden weisen eine sandig- tonige Matrix auf und bilden

durch Nährstoffzufuhr, z.B. in Form von Tierdung, einen Gunststandort besonders für

die nomadische Bevölkerung. Diese nutzt die mit Gras bewachsenen Flächen als

Trockenzeitweiden für ihre Viehherden. Wenn die Vegetationsdecke beschädigt wird,

z.B. durch Überweidung, sind diese Böden besonders anfällig für die Erosion durch Wind

33


und Wasser.

In den Gebieten der Halb- und Vollwüsten sind sandige und steinige Wüstenböden stark

verbreitet. Je nach Ausgangsgestein bilden sich aufgrund der dominierenden

physikalischen Verwitterung weitflächige Sand-, Kies- und Geröllwüsten. Vom Wind

angewehte und abgelagerte Sandmassen lassen Sandwüsten mit verschiedenen Formen

von Dünen entstehen. Je nach Windverhältnissen bilden sich Sterndünenfelder,

Längsdünen oder Sicheldünen. Solche Sanddünenböden verfügen nur über eine geringe

Wasserspeicherkapazität, sind nährstoffarm und somit wenig ertragsreich. Verfügt die

Vegetation jedoch über ein tiefes Wurzelwerk, kann sie sich dank des gut zu

durchdringenden Bodens direkt oder indirekt mit Grundwasser versorgen. Fehlt die

Vegetation, sind diese Böden sehr erosionsanfällig.

4.2. Azonale Böden

Die Bildung azonaler Böden ist weniger abhängig von den klimazonalen Gegebenheiten,

sondern vom Relief, sowie dem Vorkommen von Stau-, Überflutungs- und Grundwasser

(diese und folgende Angaben zu den zonalen Böden stammen, wenn nicht anders

vermerkt, aus Krings 2006, 21).

Nach Krings zählen zu den azonalen Böden verschiedene Typen der hydromorphen

Böden. Diese schweren tonigen Böden treten entlang von periodisch überschwemmenden

Flusstälern, in großräumigen Überschwemmungsgebieten und an

Spülmulden und Maren auf. Je nach Wasserversorgung lassen sie sich in Pseudogleye und

Gleye unterscheiden.

Gleye werden vom oberflächennahen Grundwasser mit Feuchtigkeit und Nährstoffen

versorgt. Pseudogleye befinden sich in saisonalen Überflutungsgebieten. Ihre Nährstoffzufuhr

erfolgt über die Ablagerung angeschwemmter nährstoffreicher Sedimente. Diese

Böden sind fruchtbarer, als die zonalen Böden. Sie verfügen über eine hohe

Wasserspeicherkapazität, lassen sich aber schwer bewirtschaften. Dennoch sind Gleye

für den Anbau von Sorghum, Reis und Gemüse geeignet. Es besteht allerdings die Gefahr

der Bodenversalzung.

Die Vertisole können ebenfalls den azonalen Böden zugeordnet werden. Bei guter

Durchfeuchtung sind diese lehmartigen Böden u.a. wegen ihres hohen Anteils an

mineralischen Nährstoffen sehr produktiv. Trocknen sie allerdings während der ariden

Jahreszeit aus, kommt es zu Schrumpfungserscheinungen in Form von bis zu einen Meter

tiefen Rissen. Verbreitet sind die Vertisole beispielsweise im Gebiet des Bewässerungsprojektes

„Office du Niger“.

34


5. Zusammenfassung

Als Teil einer uralten Plattform ist die Landschaft Westafrikas von einer Becken- und

Schwellenstruktur geprägt. Über dem stark eingerumpften Grundgebirge haben sich über

Millionen von Jahren mehrere tausend Meter dicke Sedimentschichten unterschiedlichen

Alters abgelagert. Aufgrund von lang anhaltenden Abtragungs- und Sedimentationsprozessen

dominieren leicht gewellte Ebenen das Landschaftsbild. An den Beckenrändern

wird das Landschaftsbild von den steilen z. T. mehrere hundert Meter hohen

Schichtstufen belebt. Als ein Beispiel solch mächtiger Schichtstufen ist die Bandiagara-

Schichtstufe zu nennen, deren Zeugenberge eine Höhe von ca. 1000 m ü. NN erreichen.

In dem Nigerbinnendelta findet heute noch eine Akkumulation von fruchtbaren

Sedimenten statt. Mit der Besonderheit, dass dieses Gebiet auch während der ariden

Jahreszeit überschwemmt wird, bildet das Nigerbinnendelta einen Gunststandort für

Bauern, Viehwirte und Fischer.

35


Literaturverzeichnis

BARTH, Hans Karl 1970: Probleme der Schichtstufenlandschaften West-Afrikas am

Beispiel der Bandiagara-, Gambaga- und Mampong-Stufenländer. Tübinger Geographische

Studien 38, Tübingen.

BARTH, Hans Karl 1986: Mali: eine geographische Landeskunde. Wissenschaftliche

Länderkunden Bd. 25. Darmstadt.

FISCHER, Friedrich 1998: Die Schichtstufenlandschaft als strukturbedingter und

klimabeeinflußter Formenkomplex. Blieskastel.

KRINGS, Thomas 2006: Sahelländer: Mauretanien, Senegal, Gambia, Mali, Burkina Faso,

Niger. Wissenschaftliche Länderkunde. Darmstadt.

NEEF, Ernst 1974: Das Gesicht der Erde. Taschenbuch der Physischen Geographie.

3.Aufl., Zürich.

ZEPP, Harald 2002: Geomorphologie: eine Einführung, München, Wien, Zürich.

WILHELMY, Herbert 1994: Endogene Kräfte, Vorgänge und Formen. Geomorphologie in

Stichworten, Kiel.

36


Bevölkerungsstruktur, -entwicklung und -verteilung,

ethnische Zusammensetzung, Siedlungsstruktur und

Urbanisierung in Mali

Robert Oschatz

37


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung........................................................................................................................................ 39

2. Bevölkerungsentwicklung in Mali .............................................................................................. 39

2.1. Das Modell des demographischen Übergangs................................................................ 40

2.2. Die natürliche Bevölkerungsbilanz in Mali....................................................................... 41

2.2.1. Die Geburten- und Fertilitätsrate............................................................................. 42

2.2.2. Die Sterberate und Säuglingssterblichkeit............................................................... 43

2.3. Mali im Modell des demographischen Übergangs.......................................................... 45

2.4. Bevölkerungsprognosen für Mali....................................................................................... 45

2.5. Ethnische und religiöse Zusammensetzung .................................................................... 46

3. Bevölkerungsverteilung in Mali.................................................................................................. 46

4. Urbanisierung Malis...................................................................................................................... 47

4.1. Die afrikanischen Stadttypen.............................................................................................. 48

4.2. Grad der Urbanisierung in Mali......................................................................................... 49

4.3. Ursachen des Städtewachstums ........................................................................................ 51

4.4. Folge: Marginalsiedlung........................................................................................................ 52

4.5. Folge: Primatstadt Bamako ................................................................................................. 52

4.6. Abschließende Anmerkungen zum Grad der Urbanisierung Malis............................ 52

38


1. Einleitung

In folgendem Kapitel wird auf die Bevölkerungsstruktur von Mali eingegangen. Der erste

Abschnitt behandelt im Einzelnen die Gesamtbevölkerung, die Geburten- und Sterberate

sowie die Bevölkerungsentwicklung und zukünftige Bevölkerungsprognosen für Mali,

sowie im Weiteren die ethnische und religiöse Zusammensetzung der malischen

Gesellschaft. Im zweiten Teil wird die betrachtete Bevölkerungsstruktur um die

räumliche Komponente ergänzt, mit einer Betrachtung der Siedlungsstruktur des Landes,

also der räumlichen Gliederung mit ihren Ballungsgebieten und Städten. An dieser Stelle

kann schon auf den hohen Grad der Verstädterung in Mali hingewiesen werden, woraus

der Fokus des letzten Bereiches erwächst. Hier stehen die Urbanisierung sowie die

unterschiedlichen Stadttypen, die für eine Betrachtung der Prozesse von Bedeutung sind,

im Mittelpunkt. Sie dienen als Grundlage um Ursachen und Folgen des rasant

voranschreitenden Städtewachstums Malis mit seinen Problemen, wie beispielsweise der

Entstehung von Marginalsiedlungen, zu untersuchen.

2. Bevölkerungsentwicklung in Mali

Malis Gesamtbevölkerung umfasst laut World Population Data Sheet 2008 (World

Population Bureau 2008, 7& 10.) eine Größe von 12,7 Mio. Einwohnern und liegt damit

hinsichtlich der Bevölkerungsgröße im Mittelfeld westafrikanischer Länder. Um Daten,

wie die Bevölkerungszahl Malis besser einordnen zu können, werden die Daten des

Landes im Weiteren jeweils mit Daten vom gesamten Kontinent Afrika sowie mit den

Zahlen Deutschlands verglichen. In Deutschland beträgt die Gesamtbevölkerung 82,2

Mio. Einwohner (Ebda.), in ganz Afrika leben 967 Mio. (Ebda.) Menschen. Bei der

Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung der letzten 60 Jahre ergibt sich ein deutlicher

Unterschied in der Entwicklung zwischen Deutschland, Mali und Afrika. Nach Angaben

der Vereinten Nationen (United Nations – Department of Economic and Social Affairs

Population Division 2008.) betrug die Bevölkerungsgröße Malis im Zeitraum von 1950-55

3,3 Mio. Einw. (Ebda.), im Vergleich dazu lag die Zahl in Afrika bei insgesamt 224,2 Mio.

Einw. (Ebda.) und in Deutschland waren es 68,4 Mio Einw. (Ebda.). Bereits 25 Jahre

später in Zeitabschnitt 1975-80 lag die Bevölkerungszahl im Mali bei 5,4 Mio. Einw.

(Ebda.), in Afrika bei 416,4 Mio. (ebda.) und in Deutschland bei 78,7 Mio (Ebda.). Bei

einem Vergleich der drei Zeitabschnitte 1950-55, 1970-75 und 2008 zeigt sich eine

unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung. Während sich die Bevölkerung in Mali

zwischen den ersten beiden Zeitabschnitten nahezu verdoppelt hat und in der

Gesamtbetrachtung von 1950 bis 2008 vervierfacht hat, ist in Deutschland eine ganz

andere Entwicklung zu beobachten. Deutschland hatte noch zwischen 1950-55 und 1975-

80 einen deutlichen Zuwachs an Bevölkerung von 10,3 Mio. Einw., im zweiten Zeitsprung

bis 2008 ist dann die Bevölkerung lediglich minimal um 3,5 Mio. Einw., in Relation zur

Bevölkerungszahl gewachsen. Für Afrika ist eine ähnliche Bevölkerungsentwicklung wie

für Mali festzustellen. In Abb. 1 ist noch einmal die Entwicklung der beiden

Vergleichsländer Mali und Deutschland aufgezeigt. Beide Länder haben verschiedene

Bevölkerungsentwicklung vollzogen.

39


40

90000

80000

70000

60000

50000

40000

30000

20000

10000

0

1950

68376 70326

72815

Bevölkerungsentwicklung 1950-2005

75964 78169 78674 78289 77685 79433 81661 82309 82652

3329 3657 4015 4408 4866 5447 6069 6794 7669 8736

1955

1960

1965

1970

1975

Jahr

1980

1985

1990

1995

2000

10004 11611

2005

Mali

Deutschland

Abb. 1: Eigener Entwurf nach United Nations – Department of Economic and Social Affairs Population Division

2008.

2.1. Das Modell des demographischen Übergangs

Eine unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung ist natürlich nicht nur zwischen Mali und

Deutschland festzustellen, sondern generell weisen Länder einen unterschiedlichen

Verlauf in ihrem Bevölkerungswachstum auf. Viele Faktoren beeinflussen das

Bevölkerungswachstum eines Landes und auch die Beeinflussungsfaktoren variieren von

Region zu Region. Sie sind bedingt durch unterschiedliche räumliche, geschichtliche,

wirtschaftliche oder auch gesellschaftlich Hintergründe. Trotz der unterschiedlichen

Entwicklungen des Bevölkerungswachstums, ist es dennoch möglich ähnliche Entwicklungsmuster

innerhalb der Entwicklung von Ländern wieder zuerkennen.

Das Modell des demographischen Übergangs dient nun dazu Länder in dem Verlauf ihrer

raumzeitlichen Bevölkerungsentwicklung einordnen zu können. Es wird von einem

idealtypischen Transformationsprozess ausgegangen, der auf der Basis von Beobachtungen

europäischer sowie später nordamerikanischer Bevölkerungsentwicklungen

festgelegt wurde. Jedes Land durchläuft fünf Phasen der Entwicklung: (1) prätransformative

Phase bzw. Phase der Vorbereitung, (2) frühtransformative Phase bzw. Phase

der Einleitung, (3) mitteltransformative Phase bzw. Phase des Umschwungs, (4)

spättransformative Phase bzw. Phase des Einlenkens, (5) posttransformative Phase bzw.

Phase des Ausklingens. Die entscheidenden Faktoren, die den Prozess des demographischen

Wandels bedingen, sind die Kennziffern der natürlichen Bevölkerungsbilanz,

die Geburten- und Sterberate.


Abb. 2: Bähr 2004, 220.

Die Abb. 2 zeigt den idealtypischen Verlauf des demographischen Übergangs. In der

Grafik werden die verschieden Phasen erkennbar. Die (1) prätransformative Phase ist

durch eine hohe Geburten- sowie eine hohe Sterberate gekennzeichnet. Dabei liegen die

beiden Raten relativ dicht beieinander, so dass es zu einer ziemlich konstanten

Zuwachsrate kommt. In der (2) frühtransformativen Phase folgt ein Abfallen der

Sterberate bei gleich bleibender Geburtenrate mit der Folge einer steigenden

Zuwachsrate. Innerhalb der (3) mitteltransformativen Phase sinkt die Sterberate dann

weiter, jedoch beginnt nun auch die Geburtenrate zu sinken, so dass die Zuwachsrate

aufhört zu steigen und konstant weiter verläuft. Mit dem Übergang zur (4)

spättransformativen Phase stoppt die Sterberate zu sinken und bleibt auf einem konstant

niedrigen Niveau, die Geburtenrate sinkt jedoch weiter und folglich geht die

Zuwachsrate zurück. Erreicht ein Land die (5) posttransformative Phase, ist es von einer

hohen Sterbe- und Geburtenrate zu einer niedrigen Ausprägung der beiden Raten

übergangen, die konstant auf dem niedrigen Level weiter laufen. Die Zuwachsrate bleibt

ebenso auf einem gleich bleibenden Niveau. (Vgl. Bähr 2004, 219f..)

2.2. Die natürliche Bevölkerungsbilanz in Mali

Für eine Einordnung Malis und Deutschlands innerhalb des Modells des demographischen

Übergangs ist zuerst einmal eine Betrachtung der Geburten- und Sterberate erforderlich.

Die Gesamtbevölkerung eines Landes ist das Ergebnis der natürlichen Bevölkerungsbilanz

und der Wanderungsbilanz eines Landes. Die natürliche Bevölkerungsbilanz setzt sich aus

einerseits der Geburten- und Fertilitätsrate und andererseits der Sterberate zusammen.

Die Geburten- und Fertilitätsrate sind für die Reproduktion der Bevölkerung eines

Landes die entscheidenden Kennzahlen. Die natürliche Bevölkerungsbilanz erlaubt

zusätzlich einen Rückschluss auf den sozioökonomischen Entwicklungsstand eines Landes.

Die Sterberate, im Besonderen die Säuglingssterblichkeit, kann als Indikatoren, für

beispielsweise die Gesundheitsversorgung in einem Land dienen. Die Kennzahlen Malis

werden wieder in Relation zu Afrika und Deutschland betrachtet, und auch in ihrem

historischen Verlauf präsentiert.

41


2.2.1. Die Geburten- und Fertilitätsrate

Die rohe Geburtenrate Malis ist mit 48 Kinder / 1.000 Einw. im Jahre 2008 (World

Population Bureau 2008, 7 & 10.) vergleichsweise zu restlichen Welt sehr hoch und

damit liegt die Zahl auch deutlich über der rohen Geburtenrate Afrikas 2008 mit 37

Kinder / 1.000 Einw. (Ebda.). Außerdem ist sie fünfmal so hoch wie die rohe

Geburtenrate von Deutschland mit 8 Kinder / 1.000 Einw. (Ebda.). Interessant ist die

Betrachtung, der Entwicklung der Geburtenraten der drei Vergleichsregionen Mali, Afrika

und Deutschland. In Tab. 1 sind die Veränderungen anhand von drei Zeitpunkten: 1950-

55, 1975-80 und 2008 zu erkennen.

Tab. 1: Rohe Geburtenrate

Die Geburtenrate Malis ist seit 1950 nahezu konstant geblieben, während die

Geburtenrate Afrikas um ein Viertel zurückgegangen ist und die Deutschlands sich

offensichtlich halbiert hat. Diese Entwicklung zeigt einen deutlichen Unterschied

zwischen den auf der einen Seite stehenden, weiterentwickelten Ländern wie

Deutschland eines ist, und den auf der anderen Seite stehenden weniger entwickelten

Ländern, von denen viele auf dem afrikanischen Kontinent liegen. Laut HDI (Human

Development Indices) Rangliste, die 171 Länder umfasst, liegt Deutschland auf dem 23.

Platz, gehört somit zur Gruppe der weiterentwickelten Länder, und Mali liegt auf dem

168. Platz, gehört somit zur Kategorie der weniger entwickelten Länder (Vgl. United

Nation Development Programm 2008, 29 & 31.).

Tab. 2: Zusammengefasste Fertilitäsrate

42

1950-55 1

1950-55 2

1975-80 2

1975-80 2

2008 2

Mali 51,8* 52* 48*

Afrika 48,9* 45,8* 37*

Deutschland 16* 10,3* 8*

*Einw. / 1.000 Einw. | 1 World Population Bureau 2008, 7 & 10. | 2 United Nations – Department of Econonic

and Social Affairs Population Division 2008.

2005 2

Mali 7,11* 7,56* 6,52*

Afrika 6,75* 6,61* 4,67*

Deutschland 2,16* 1,52* 1,36*

*Kinder / gebärfähiger Frau | 2 United Nations – Department of Economic and Social Affairs Population Division

2008.

Für die Reproduktion einer Gesellschaft ist jedoch nicht nur die rohe Geburtenrate von

Bedeutung, sondern viel mehr die Fertilitätsrate. Sie gibt an wie viele Kinder eine Frau im

Durchschnitt bekommt. Dabei zählen die Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 15 und

49 Jahren (Vgl. Bähr 2004, 159.). Die Tab. 2 zeigt die Entwicklung Malis, Afrikas und

Deutschlands anhand von drei Zeitpunkten: 1950-55, 1975-80 und 2005.


Auch hier ist immer noch ein deutlicher Unterschied zwischen Deutschland und Mali

bzw. Afrika festzustellen. Bereits im Zeitraum 1950-55 ist ein gravierender Unterschied

zu erkennen. Während sich die Fertilitätsrate von Afrika zum Zeitpunkt 2005 im

Vergleich zu 1950-55 um zwei Kinder pro Frau verringert hat, ist in Mali die Rate von

6,52 Kinder / gebärfähiger Frau verhältnismäßig hoch.

2.2.2. Die Sterberate und Säuglingssterblichkeit

Die Sterberate dient als zweite Größe, die maßgeblich für die natürliche

Bevölkerungsbilanz ist. Und im Weiteren wird sie bei der Einordnung Malis und

Deutschlands innerhalb des Modells des demographischen Wandels von entscheidender

Bedeutung sein. Ein Blick auf die Tab. 3 zeigt, bei Mali und auch für den ganzen

afrikanischen Kontinent eine erkennbare Veränderung der rohen Sterberate im

bekannten Betrachtungszeitraum: 1950-55, 1975-80 und 2008.

Tab. 3: Rohe Sterberate

1950-55 2

1975-80 2

2008 1

Mali 31* 24,3* 15*

Afrika 26,2* 17,2* 14*

Deutschland 11,1* 12,2* 10*

*Einw. / 1.000 Einw. | 1 World Population Bureau 2008, 7 & 10. | 2 United Nations – Department of Econonic

and Social Affairs Population Division 2008.

Während sich die Sterberate Malis von 1950-55 halbiert hat, ist in Deutschland nur eine

minimale Veränderung im gleichen Zeitabschnitt festzustellen. Die Sterberate kann als ein

Indikator für die Gesundheitsversorgung in einem Land dienen. Mit einer verbesserten

Gesundheitsversorgung wird auch der historische Rückgang der Sterberate in Europa

erklärt. Für den Rückgang der Sterblichkeit in Europa werden drei Hauptkategorien

genannt: (1) Ökologische Determinanten, (2) Sozio-ökonomische, politische und

kulturelle Determinanten und (3) Medizinische Determinanten (Ebda., 174.). Somit lässt

sich im Umkehrschluss, anhand der Sterblichkeit eines Landes auch Rückschlüsse auf

seinen Entwicklungsstand ziehen.

Ein wichtiger Zusammenhang zwischen der Demographie und der sozioökonomischen

Entwicklung eines Lands zeigt ein Blick auf die Säuglingssterblichkeit mit seiner

Korrelation zum Pro-Kopf-Einkommen eines Landes. Die Abb. 3 nach einem Entwurf von

Dünckmann mit der Datengrundlage des World Population Data Sheets 1988 zeigt den

deutlichen Zusammenhang der beiden Größen.

43


Abb. 3: Dünckmann 2008.

Die Grafik veranschaulicht den Zusammenhang zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen

eines Landes und der Säuglingssterblichkeit. Länder, die eine hohe Säuglingssterblichkeit

aufweisen, verfügen meist über ein geringes Pro-Kopf-Einkommen. Unter diesem

Gesichtspunkt soll nun auch die Säuglingssterblichkeit in Mali betrachtet werden. In Tab.

4 ist sie in Vergleich zu Afrika und Deutschland gestellt. Es ist im Verlauf von 1950-55,

ähnlich wie bei der Entwicklung der Sterberate, eine Abnahme der Säuglingssterblichkeit

in Mali, wie auch in ganz Afrika festzustellen. Gleichzeitig ist der immense Unterschied

zur Vergleichsgröße Deutschland auffallend. Die Diskrepanz zwischen Mali und

Deutschland durchzieht den gesamten Betrachtungszeitraum. Mit der Grafik nach

Dückmann als Hintergrundinformation wird deutlich, dass die wirtschaftliche Situation

Malis entscheidend für die Verbesserung der Lebensbedingungen, z. B. gemessen an der

Säuglingssterblichkeit ist.

Tab. 4: Säuglingssterblichkeit

44

1950-55 2

1975-80 2

2008 1

Mali 237,4* 182,5* 96*

Afrika 180,6* 122,4* 82*

Deutschland 50,6* 14,9* 3,9*

*Säuglinge / 1.000 lebend geborenen Säuglingen. | 1 World Population Bureau 2008, 7 & 10. | 2 United Nations –

Department of Econonic and Social Affairs Population Division 2008.


2.3. Mali im Modell des demographischen Übergangs

Mit den Grundlagen aus den vorherigen Abschnitten zu den Bevölkerungszahlen, der

Sterberate und der Geburtenrate Malis ist es nun möglich, das Land innerhalb des

Modells des demographischen Wandels in die entsprechende Phase einzuordnen. Für die

Einordnung ist die Sterberate mit 15 Einw. pro 1.000 Einw. (World Population Bureau

2008, 10.) und die Geburtenrate mit 48 Einw. pro 1.000 Einw. (Ebda.) relevant. Daraus

ergibt sich für Mali eine Positionierung in der (2) frühtransformativen Phase, in der die

Sterberate bereits sinkt bzw. gesunken ist und die Geburtenrate immer noch konstant

hoch ist, mit der Folge eines starken Bevölkerungszuwachses.

Die Entwicklung eines Landes in Bezug auf das Durchlaufen der verschieden Phasen

innerhalb des Modells des demographischen Überganges ist nicht absehbar. Bereits bei

der empirischen Überprüfung des Modells haben die unterschiedlichen europäischen

Länder verschieden lange für den Durchlauf des Prozesses benötigt (Vgl. Bähr 2004, 222).

Mit dem Modell lässt sich Mali in eine demographische Entwicklung einordnen, allerdings

ist es schwierig Bevölkerungsprognosen abzuleiten, da es sich um den idealtypisch Verlauf

westlicher Industrienationen handelt (Ebda., 221.). Dennoch kann das Modell bei

Untersuchung der sozioökonomischen Entwicklung Malis für die Forschung nach

Ursachen herangezogen werden und dabei hilfreich sein (Ebda.).

2.4. Bevölkerungsprognosen für Mali

Im diesem Teil geht es abschließend zur Bevölkerungsentwicklung um einen zukünftigen

Verlauf der Bevölkerungsentwicklung Malis. Obwohl es sich schwierig gestaltet

Prognosen über zukünftige Bevölkerungsentwicklungen abzugeben, soll hier auf der

Datenbasis der Vereinten Nationen eine mögliche Entwicklung skizziert werden. Die

Abb. 4 zeigt in Abgrenzung zu Deutschland eine eventuelle Entwicklung der Bevölkerung

im Subsahara-Land.

In der Grafik ist erkennbar dass sich die Bevölkerung in Mali bis 2050 verdreifachen wird.

Hingegen dieser Entwicklung wird die Bevölkerung in Deutschland um etwa 10% zum

heutigen Stand sinken. Eine Verdreifachung der Bevölkerung stellt jedes Land und im

besonderen Mali, als ein bisher weniger entwickeltes Land, vor enorme

Herausforderungen in der Zukunft.

45


46

90000

80000

70000

60000

50000

40000

30000

20000

10000

0

2005

2010

2015

Bevölkerungsentwicklung 2005-2050

2020

2025

Jahr

2030

2035

2040

2045

2050

Mali

Deutschland

Abb. 4: Eigener Entwurf nach United Nations – Department of Economic and Social Affairs Population Division

2008.

2.5. Ethnische und religiöse Zusammensetzung

In Mali gibt es eine große Anzahl verschiedener ethnischer Gruppen. Die politisch und

ethnisch interessanteste Gruppe sind die Bambara, die rund 32 % (Fischer Weltalmanach

2002, 525.) der gesamten Bevölkerung ausmachen. Bambara ist auch neben der

Amtssprache Französisch die meist gesprochene Sprache in Mali und gilt zusammen mit

Arabisch als eine der offiziellen Verkehrssprachen (Leisinger / Schmitt 1992, 125.).

Weitere ethnische Gruppen sind die Fulbe (Peul) mit 14 %, die Senufo mit 12 %, die

Soninké mit 9 %, die Tuareg mit 7 %, die Songhai mit 7 %, die Malinké mit 6 % und die

Dogon mit 2,5 % (Fischer Weltalmanch 2002, 525.).

Bei der Betrachtung der Religionszugehörigkeit fällt eine Zuwendung zum Islam deutlich

auf. Über 90 % der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens, die restlichen 9 % sind

einer animistischen Religion zu zuordnen und 1 % sind Anhänger des christlichen

Glaubens. (CIA 2009; Leisinger / Schmitt 1992, 125.)

3. Bevölkerungsverteilung in Mali

In diesem Kapitel wird der räumliche Bezug zu der vorangegangen Bevölkerungsentwicklung

geschaffen. Besonders in einem klimatisch zerteilten Land wie Mali ist eine

Untersuchung der räumlichen Verteilung von Bevölkerung und ihren Ballungsgebieten

äußerst interessant. Mali umfasst mit einer Fläche von 1.240.192 km² (Fischer

Weltalmanach 2002, 181.) fast die vierfache Fläche von Deutschland, das eine Größe von


357.020 km² (Ebda., 525.) besitzt. Es ist jedoch anzumerken, dass der Norden Malis mit

einer Fläche von 280.000 km² (22,6 % des Staatsgebietes) Teil des Wüstengebiets der

Sahara ist und eine Fläche von 320.000 km² (25,8 % des Staatsgebietes) der Sahelzone

angehören (vgl. Barth 1986, 6.). Demzufolge ist fast die Hälfte des Staatsgebietes sehr

trockener Lebensraum, der eine Besiedlung erschwert. Für Mali ergibt sich somit eine

Bevölkerungsdichte von 10 Einw. / km² Fläche (World Population Bureau 2008, 11.). Im

Vergleich dazu leben in Deutschland auf derselben Fläche 230 Einw. (Ebda., 14) und in

Afrika sind es 32 Einw. / km² (Ebda., 11). Bei dieser Diskrepanz machen die

naturräumlichen Gegebenheiten Malis höchstens im Vergleich zum Kontinent Afrika

einen Unterschied. Auf der Abb. 5 ist die räumliche Verteilung der Bevölkerung in Form

von Ballungsgebieten mit der Größe von 10.000 Einw. – entsprechend eines Punktes – zu

erkennen.

Abb. 5: Barth 1986, 191. Abb. 6: Diercke Weltatlas 2005, 139.

Es ist erkennbar, dass sich die Ballungspunkte entlang des Niger Fluss und vornehmlich

im Süden des Landes befinden. Diese räumliche Position entspricht wiederum den

naturräumlichen Gegebenheiten, wie in der Abb. 6 zu erkennen ist. Im Norden liegt das

Wüstengebiet der Sahara und südlich daran angrenzend die Sahelzone mit ihrer

Trockensavanne.

4. Urbanisierung Malis

Bei der räumlichen Betrachtung durch Bevölkerungsverteilung und -dichte im

Staatsgebiet spielt der Prozess der Urbaniserung eine wesentliche Rolle. Weltweit leben

bereits nach dem 'World Population Data Sheet 2008' 49 % der Menschen in Städten

(World Population Bureau 2008, 11.). In den weiter entwickelten Ländern liegt der Grad

der Urbanisierung sogar bei 74 % (Ebda.). Damit ergibt sich auch die Relevanz einer

genaueren Betrachtung der Rolle der Stadt oder des städtischen Ballungsgebietes für

Mali. Im Folgenden werden die, für den westafrikanischen Raum, wichtigen Stadttypen

vorgestellt, der Grad der Verstädterung Malis sowie seine Entwicklung präsentiert und

47


zuletzt werden die Ursachen und Folgen der Verstädterung im Allgemeinen und im

Speziellen für Mali dargestellt.

4.1. Die afrikanischen Stadttypen

Im west-afrikanischen, subsahara Raum sind zwei Stadttypen wieder zu finden, die

nordafrikanisch-orientalische Stadt und die Kolonialstadt. Die nordafrikanischorientalische

Stadt ist um die Jahrtausendwende entstanden und somit keine autochthone

Stadt. Sie ging einher mit der islamisch-arabischen Eroberung weiter Teile der südlichen

Sahararegion (Vgl. Bähr / Jürgens 2005, 283.). Es bildeten sich Städte die als Handelsknotenpunkte

für den Trans-Sahara-Handel wichtig waren, wie beispielsweise Timbuktu.

Ihr Stadtbild entspricht heute noch in vielen Bereichen dem islamisch-orientalischen

Stadtbild und kennzeichnet sich somit ebenso durch einen zentralen Bazar oder Suq,

durch ihren Sackgassen-Grundriss und die Innenhofstruktur, die beide dem Wahren der

Privatsphäre dienen, und durch die Abtrennung in verschiedene Wohnquartiere

entstehen (Vgl. Bähr 2006, 288f.). Als Beispiel für den Grundriss einer malischen Stadt,

die dem Modell der nordafrikanisch-orientalischen Stadt entspricht, ist Timbuktu zu

nennen. Die Abb. 7 und Abb. 8 zeigen die Stadt Timbuktu, zum einen in ihrem Grundriss

und zum anderen aus der Satellitenperspektive.

Abb. 7: Därr 2008, 411. Abb. 8: Google Earth 2008.

Die Kolonialstadt als zweite entscheidende westafrikanisch Stadt ist im malischen

Staatsgebiet weniger wieder zu finden, da ihre Gründung häufig an die Lage am Meer

gebunden war. Die Entstehung von Kolonialstädten ist in die Phase der Kolonialzeit

einzuordnen. Es handelt sich dabei um Verkehrsknotenpunkte, die für die Ausbeutung

der Bodenschätze des Landes helfen sollte. Dabei kam es häufig zur Neugründung von

Städten in der Nähe bereits bestehender autochthoner Städte und mit Lage am Wasser,

die dann wiederum zum Bau einer Hafenanlage führte. Bei der weiteren Entwicklung kam

48


es zur Überformung des autochthonen Stadtgebietes, mit der Folge eines dualen

Stadtbildes, der so genannten Hybridstadt. Dieser Prozess ist deutlich in der Abb. 9 zu

erkennen. Die Hybridstadt hat eine ethnische Segregation zur Folge, die aus der

Überlagerung zweier Stadttypen entsteht (Vgl. Bähr / Jürgens 2005, 282.).

Abb. 9: Bähr / Jürgens 2005, 291.

Durch seine Binnenlage des Landes spielt der koloniale Stadttyp für Mali eine eher

geringere Bedeutung. Die religiöse Zusammensetzung der malischen Bevölkerung deutet

bereits auf einen starken islamischen Einfluss hin. Dieser findet sich auch im Stadtbild

wieder und führt somit zu einer vornehmlichen Zuordnung zur nordafrikanischenorientalischen

Stadt, wie auch die Satellitenaufnahme Timbuktu in Abb. 8 zeigt.

4.2. Grad der Urbanisierung in Mali

Nach der Zuordnung der malischen Stadt zu einem vorrangigen islamisch-orientalisch

geprägten Stadtbild, wird nun der Grad der Verstädterung betrachtet. In Mali hat sich der

Grad des städtischen Lebens im bekannten Zeitraum von 1950 bis 2008 nahezu

vervierfacht. In Tab. 5 wird die Entwicklung ersichtlich und auch der Unterschied

zwischen Deutschland und Mali anhand der letzten sechzig Jahre deutlich. In Deutschland

ist der Zuwachs der Städte im Verlauf der Tabelle eher gering, wobei in Afrika und Mali

ein massiver Verstädterungsgrad zu verzeichnen ist.

49


Tab. 5: Grad der Urbanisierung

Für diese Entwicklung ist es notwendig eine Verbindung zum allgemeinen Bevölkerungszuwachses

in Afrika und in Mali zuziehen. So ist die Bevölkerung, ebenso wie der Grad

der Verstädterung, sind innerhalb der letzten ca. 60 Jahre um das Vierfach gestiegen.

Dennoch spielen für das Städtewachstum auch die regionalen Wanderungsbewegungen,

wie z. B. die Land-Stadt-Wanderung eine wichtige Rolle.

50

1950-55 2

Stadt-/Landverteilung

282 354 444 556 697 885 1122 1428 1789 2229 2787 3537

3047 3302 3571 3852 4169 4562 4947 5366 5880 6507 7217 8074

4503

9003

5716

7207

8987 11022 13294 15788 18482 21333

9939 10827 11603 12228 12672 12931 13006 12898

1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050

Jahre

Landbevölkerung Stadtbevölkerung

1975-80 2

2008 1

Mali 8,5 % 16, 2 % 31 %

Afrika 14,5 % 25,2 % 38 %

Deutschland 68,1 % 72,6 % 73 %

1 World Population Bureau 2008, 7 & 10. | 2 United Nations – Department of Econonic and Social Affairs

Population Division 2008.

Abb. 10: Eigener Entwurf nach United Nations - Department of Economic and Social Population Division 2008.

Die Abb. 10 zeigt die bisherige Entwicklung sowie eine Prognose für den zukünftigen

Grad der Stadt- und Landbevölkerung in Mali. Aus der Grafik ist erkennbar, dass ein

großer Teil des Bevölkerungswachstums in den Städten Malis wieder zu finden sein wird.

Wodurch die Städte vor zukünftige, aber bereits aktuelle Problematiken gestellt werden,

die es zu lösen gilt.


4.3. Ursachen des Städtewachstums

Als Ursache für das städtische Wachstum spielen zum einen Anziehungskriterien – Pull-

Faktoren – der Städte ein Rolle, zum anderen führen schlechte Lebensbedingungen auf

dem Land – Push-Faktoren – zur Wanderung in die Stadt. Die Ursachen werden

allgemein als Push- / Pull-Fakoren bezeichnet. Für Push- / Pull-Faktoren kommen fünf

Wirkungsbereiche zum Tragen: demografische, ökologische, wirtschaftliche, infrastrukturelle

und sozial-gesellschaftliche Faktoren. (Vgl. Heineberg 2006, 33 & 326.)

Unterschiedliche Push-Faktoren spielen dabei auch für Mali eine Rolle und verursachen

eine Abwanderung aus dem ländlichen Raum. Hierfür steht auf der demografischen

Ebene das stark zunehmende Bevölkerungswachstum, auf der ökologischen Ebene spielen

die naturräumlichen Gegebenheiten und die daraus resultierende Probleme, wie die

Dürreperioden – in Mali Anfang der 80er Jahre – eine entscheidende Rolle (Vgl. Bähr /

Jürgens 2005, 282.). Ein weiterer Push-Faktor kann aus der wirtschaftlichen Situation

durch mangelnde Arbeitsplätze im ländlichen Raum ausgelöst werden oder auch

infrastrukturell bedingte mangelnde Versorgung mit Bildung, Krankenhäusern oder auf

sehr essentieller Ebene – allerdings sehr relevant für Mali – mit Trinkwasser. Die

genannten Push-Faktoren, waren während der Exkursion in Mali wieder zu finden.

Gleichzeitig locken jedoch bestimmte Pull-Faktoren die Bevölkerung in die Städte. Dabei

kehren sich viele Push-Faktoren um, so dass in der Stadt z. B. auf bessere oder höhere

Anzahl von Arbeitsplätzen gehofft wird. Bessere Versorgungsmöglichkeiten locken in die

Städte, dabei gibt es für Malier, die studieren möchten, nur in Bamako die Möglichkeit

dazu. Außerdem existiert häufig ein positives Bild vom Stadtleben, das auf der sozialgesellschaftlichen

Ebene Anreize zur Wanderung in die Stadt bietet. Dieses Bild wird

häufig durch 'falsche Anreize' – bessere Versorgungsversorgungssetzungen für Städter,

durch Preisbindung – auf politischer Ebene zusätzlich noch gestärkt (Ebda.).

Unterschiedliche Gründe führen zu einer Zunahme der städtischen Bevölkerung. Es gibt

Push- und Pull-Faktoren durch die es zur Wanderung in die Stadt kommt. Am Beispiel

Moptis hat Beate Lohnert verschiedene Wanderungsbewegungen, die mit der

Urbanisierung zusammenhängen in ihrem Buch ‚Überleben am Rande der Stadt’

aufgezeigt. Für die Stadt Mopti, die nahe dem Niger-Binnendelta gelegen ist, stellt Beate

Lohnert vier Wanderungsströme fest: die Land-Stadt Migration, Inter-urbane Migration,

Saisonale Arbeitsmigration (zirkulär) und Stadt-Stadt Migration (Vgl. Lohnert 1995, 10.).

Diese Einteilung macht deutlich, dass für den Zuwachs der Städte die Push- und Pull-

Faktoren, die vor allem für die Land-Stadt Migration gelten eine Rolle spielen, jedoch gibt

es noch weitere Migrationströme, innerhalb der Stadt sowie zwischen Städten oder auch

saisonale bedingte Wanderungen, die zirkulär funktionieren, d. h. es kommt auch zu

Rückwanderungen in den ländlichen Raum (Vgl. Bähr / Jürgens 2005, 281.). Dennoch

ergibt sich insgesamt ein Bevölkerungszuwachs, der die Städte und auch das Land vor

weitere Herausforderung stellt.

51


4.4. Folge: Marginalsiedlung

Als Folge von überproportionalem Städtewachstums können sich Probleme in der

Versorgung aber auch für die städtischen Strukturen ergeben. Ein häufiges, auch

strukturelles Problem starken Städtewachstums in weniger entwickelten Ländern ist die

Bildung von Marginalsiedlungen. Der Begriff 'Marginal' bezieht sich dabei auf die

Bausubstanz, die minderwertige städtische Lage der Siedlungen sowie die soziökonomische

Situation der Bewohner. Des Weiteren sind sich Marginalsiedlungen durch

eine hohe Bevölkerungsdichte gekennzeichnet, und darin spiegelt sich erneut das

Problem der Überbevölkerung. Es sind oft unkontrolliert, am Stadtrand wachsende

Viertel, die eine schlechte Versorgung sowie eine hohe Kriminalität aufweisen. (Vgl.

Heineberg 2006, 50.)

In westafrikanischen Städten ist wenig Boden in öffentlichem Besitz, wodurch eine

größere Kontrolle über den Boden herrscht, da die privaten Besitzer ihre eigenen

Interessen verfolgen. Daraus ergibt sich weniger verfügbare Fläche im städtischen Raum

und somit eine höhere Verdichtung mit der Folge, dass es schneller zur Bildung von

Marginalsiedlungen kommt. (Vgl. Bähr / Jürgens 2005, 287.)

4.5. Folge: Primatstadt Bamako

Ein interessantes Phänomen, das gehäuft in weniger entwickelten Ländern vorkommt, ist

die Herausbildung einer Primatstadt. Die Primatstadt ist eine Stadt, die im Zuge einer

Überverstädterung, eine führende Rolle einnimmt, dabei handelt es sich häufig um eine

Groß- oder Hauptstadt. Die Primatstadt bekommt neben ihrer demographischen Primacy

– der Begriff kommt aus dem englischen von der so genannten 'Primate City' – auch noch

eine funktionale Primacy, also eine funktionale Überkonzentration von politischadministrativen,

wirtschaftlichen, sozialen und kulturell-wissenschaftlichen Funktionen.

(Vgl. Heineberg 2006, 38.)

In Mali ist das Phänomen der Primatstadt in der Hauptstadt Bamako wieder zuerkennen.

Ein Großteil der Bevölkerung, vor allem der städtischen Bevölkerung lebt in der

Hauptstadt. Insgesamt leben 1.494.000 Einw. in Bamako, das sind somit 12 % der

gesamten malischen Bevölkerung und 39 % der städtischen Bevölkerung. (Vgl. United

Nations – Department of Economic and Social Population Division 2008.) Auch ist ein

funktionaler Bedeutungsüberschuss für die Hauptstadt vorhanden: Bamako ist der

Verkehrsknotenpunkt, Universitätsstandort und politisches Zentrum Malis.

4.6. Abschließende Anmerkungen zum Grad der Urbanisierung Malis

Während der Exkursion ist die ländliche Prägung des städtischen Raumes aufgefallen,

woraus sich die Frage ergibt, ob der Grad der Verstädterung in Mali bzw. in weniger

entwickelten Ländern mit dem der weiter entwickelten Länder gleichgesetzt werden

52


kann. Und ob nicht über einen Prozess vielleicht unter dem Begriff der 'Ruralisierung'

von Städten nachgedacht werden könnte. Beim spazieren durch Bamako, war es kein

unübliches Bild, Hühner oder auch eine Ochsen mitten in der Stadt zu treffen. Oder für

einen galoppierenden Reiter ohne Sattel Platz zu machen. Diese Erfahrungen ließen das

Gefühl entstehen, dass es nicht nur möglich ist, dass sich städtische Lebensweise

verbreitet, sondern auch ländliche Lebensweise auf den Stadtraum übergeht. Dabei wird

jedoch gleichzeitig wieder einmal deutlich, dass der Stadtbegriff ein aus dem europäischen

Stadtverständnis entwickeltes Konzept ist und damit ein Begriff darstellt, der mit seinen

Strukturen und Merkmalen nicht unbedingt für jeden anderen Lebensraum anwendbar

ist.

53


Literaturverzeichnis

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BÄHR, Jürgen; JÜRGENS, Ulrich 2005: Stadtgeographie II - Regionale Stadtgeographie.

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54


Agrarwirtschaftliche Strukturen

und Lebensbedingungen

Melanie Kühl

55


Inhaltsverzeichnis

1. Rahmenbedingungen.................................................................................................................... 57

1.1. Ausgewählte Standortfaktoren .......................................................................................... 57

2. Ökologische Bedingungen .......................................................................................................... 58

2.1. Dürre und Desertifikation.................................................................................................. 58

2.2. Veränderungen der Nigerflutbewegung........................................................................... 58

2.3. Savanne ................................................................................................................................... 59

3. Regenfeldanbau ............................................................................................................................. 59

3.1. Sorghum.................................................................................................................................. 59

3.2. Hirse........................................................................................................................................ 60

3.3. Mais.......................................................................................................................................... 60

3.4. Reis .......................................................................................................................................... 60

3.5. Erdnüsse ................................................................................................................................. 60

3.6. Baumwolle.............................................................................................................................. 61

3.6.1. Baumwollproduktion für den Weltmarkt: verzerrter Wettbewerb und die

Folgen für Mali............................................................................................................... 61

3.7. Spezialkulturen ...................................................................................................................... 63

4. Probleme der Landwirtschaft in der Savanne ........................................................................ 63

4.1. Die sahelischen Regionen ................................................................................................... 64

5. Bewässerungswirtschaft.............................................................................................................. 64

5.1. Gebiete der Bewässerungswirtschaft............................................................................... 65

5.2. Oberflächengewässer .......................................................................................................... 65

6. Weidewirtschaft und Tierhaltung............................................................................................. 66

7. Sammelwirtschaft und Schilfgrasnutzung................................................................................. 68

8. Fischfang ......................................................................................................................................... 68

9. Desertifikation .............................................................................................................................. 68

9.1. Nachhaltige Desertifikationsbekämpfung ........................................................................ 70

56


1. Rahmenbedingungen

Die Binnenlage Malis ist einer der Hauptgründe für die Ausprägung allgemeiner negativer

Rahmenbedingungen. Große Teile des Landes leiden an der schlechten inneren und

äußeren Verkehrsanbindung, die zusammen mit der wirtschaftlichen und medizinischen

Unterversorgung zur infrastrukturellen Benachteiligung führt (Vgl. Barth 1986, 59).

1.1. Ausgewählte Standortfaktoren

Die Hydrologie ist besonders durch das mäandernde Flusssystem des Nigers bestimmt,

der mit seinen jahreszeitlich bedingten Flutbewegungen das Leben der Menschen

bestimmt (Vgl. Barth 1986, 60).

Niederschläge sind, bezogen auf die Landwirtschaft, in direkte und indirekte Wirkung zu

unterteilen:

Direkte Niederschlagswirkungen beeinflussen besonders den traditionellen Überflutungsreisanbau,

da durch die gleichmäßige Verteilung der ersten Regenfälle der Erfolg der

Direktansaat des traditionellen Flutreises bestimmt wird.

Die indirekte Niederschlagswirkung ergibt sich aus der Flutveränderung des Nigers. Da

ein Großteil der vom Regen abhängigen Anbaugebiete außerhalb der agronomischen

Regenfeldbau Grenzen liegt, ist das sichere Eintreten der alljährlichen Flutbewegung von

großer Bedeutung (ebda.).

Klima: Der Süden des Landes befindet sich in der sahelischen Klimazone. Das bedeutet

eine durch die innertropische Konvektionsgrenze ausgelöste Abfolge von Trocken- und

Regenzeit, die klimabestimmend wirkt. Landwirtschaftlich bedeutend ist daher die

ungleichmäßige Niederschlagsverteilung. Häufige Starkregenfälle, vor allem zu Beginn der

Vegetationszeit sorgen dafür, dass das Wasser größtenteils oberflächlich abfließt und

damit nur zu einem geringen Teil für die Pflanzen verfügbar ist (Vgl. Barth 1986, 61).

Die hydrologische Negativbilanz wird noch durch die hohe Evapotranspirationsrate, von

über 2000 mm/Jahr, verschärft, die sich bei herrschenden Temperatur-Mittelwerten um

36°C einstellt (ebda.).

Die Höhe der Niederschlagswerte und deren erhebliche Schwankungsbreite

unterstreichen die Bedeutung des Nigerwassers für eine Bewässerungslandwirtschaft als

Lebensgrundlage der Bevölkerung. Die negativen Niederschlagsverhältnisse bewirkten

jedoch in der Regel auch einen unmittelbaren Rückgang des Nigerwasserstandes.

Wind: Ist ein bedeutender Klimafaktor, da er trockenheitsverstärkend und erosiv wirkt.

Sandstürme können die landwirtschaftlichen Kulturen sehr gefährden (Vgl. Barth 1986,

63). Dieser Gefährdung sollen Windschutzanpflanzungen entgegenwirken.

Der Boden besteht vorwiegend aus subarider Braunerde, entstanden auf Sandsteinformationen.

Im Überschwemmungsgebiet des Nigers entstehen hydromorphe Böden,

die vorwiegend durch Flutwasser oder oberflächennahes Grundwasser beeinflusst

werden. Dieser Bereich konzentriert sich vorwiegend auf den einen schmalen Bereich

von 10 – 20 km entlang des Nigerverlaufs und setzt den Möglichkeiten der acker-

57


aulichen Nutzung deutliche Grenzen. Dieser Bereich wird der agropastoralen Zone

zugeordnet. Sie ist von der Überflutungstätigkeit des Nigers abhängig. Die hier

entstehenden Böden mit hohem Ton- und Feinschluffanteil, eignen sich aufgrund der

Wasserrückhaltefähigkeit gut für den Naßreisanbau, sind jedoch nur schwer bearbeitbar

(Vgl. Barth 1986, 63-64).

Die sandigen Böden der Baum/Strauch- bzw. Dornbuschsavanne gehören in der Regel zu

den subariden Braunerden, die nur sehr geringe organische Substanz aufweisen. Dieses

wirkt ertragsbegrenzend (Vgl. Barth 1986, 65).

2. Ökologische Bedingungen

2.1. Dürre und Desertifikation

Dürre: Zeiträume anhaltender Wasserknappheit (Niederschlagsmangel) über mehrere

Jahre, „sind im Sahel wiederkehrende Ereignisse, die daher im Leben der Sahelbevölkerung

eine zentrale Rolle spielen“. (Barth 1986, 65). Die soziokulturellen

Lebensformen sind dieser Situation angepasst. Die Auswirkungen der großen Dürren der

70er und 80er Jahre waren Langezeit in der gesamten Sahelregion sichtbar. „Die Ursache

hier ist die Empfindlichkeit des sahelischen Ökosystems, dessen klimatisch bedingte

Regenerationsfähigkeit durch die Dürreauswirkungen erheblich geschwächt wurde“

(Barth 1986, 67).

Desertifikation: „… die Ausbreitung wüstenähnlicher Verhältnisse im Gebiete hinein, in denen

sie zonal-klimatisch eigentlich nicht existieren sollten.“ (Barth 1986, 65 zitiert nach Mensching

1990,4).

Dürrekatastrophen und Desertifikation sind fast immer miteinander verbunden. Hierbei

trägt der Mensch durch die Landnutzung indirekte Verantwortung für die Desertifikation

als Ursache zunehmender Dürren.

2.2. Veränderungen der Nigerflutbewegung

Der Niger durchfließt auf einer Länge von 1745 km das Staatsgebiet und wirkt in seinem

Durchzugsgebiet bestimmend auf die landwirtschaftliche Produktivität. In den letzten

Jahrzehnten kam es zu einer Verringerung der Nigerfluthöhe. Dazu kommt, dass die

flächenhafte Überschwemmung zu einer Abschwächung der Nigerflutfälle führt. Große

Flächen, die mittlerweile nicht mehr von der Nigerflut erreicht werden, müssen seitdem

mit Motorpumpen bewässert werden um die Reisproduktion soweit wie möglich

sicherzustellen. Der Haupteinfluss auf die Abschwächung der Nigerfluthöhe hat klimatische

und anthropogene Ursachen: insbesondere der extreme Rückgang des

Wasserführung des Bani-Flusssystems. Dieser Hauptzufluss oberhalb des Binnendeltas

wurde stark durch den Niederschlagsrückgang und Abholzung im Quellgebiet verringert.

Er lieferte 1986 bereits 60 % weniger Wasser als 1966. Die Durchflussmenge des Nigers

58


verringerte sich von 1970 bin 1986 von ca. 1.000 m³/s auf 500 m³/s im jährlichen Mittel

(Vgl. Barth 1986, 70-71).

2.3. Savanne

Die agrarökologischen Voraussetzungen der Savannengebiete im südlichen Landesteil

Malis leiten sich im Wesentlichen ab von der klimatischen Ausstattung, wobei

Niederschlagsmenge, Niederschlagsgang im Jahresverlauf, Strahlungspotential und

Temperatur sowie Wasserhaushalt im Vordergrund stehen. Raumdifferenzierende, das

jeweilige Nutzungspotential innerhalb der Savannengebiete bestimmende Naturhaushaltskomponenten

sind das Relief und die Böden (Vgl. Barth 1977, 147).

Im südlichen und mittleren Landesteil Malis herrscht Feucht- und Trockensavanne vor.

Die Niederschlagsmenge beträgt zwischen 1000 und 1500 mm/Jahr. Dies sind günstige

Bedingungen für Regenfeldanbau. In allen Teilen gibt es eine ausreichend lange Regenzeit

mit 9 bis 3 humiden Monaten. Dies gewährleistet eine Wachstumsperiode, die den

Anbau einer vieler Kulturpflanzen ermöglicht (ebda.).

3. Regenfeldanbau

Der Regenfeldanbau ist durch Dürreereignisse zunehmend unsicher. Der häufige

Saatgutmangel ist ein weiteres Risiko. Daher besteht ein deutliches Anbaugefälle Richtung

Norden, so dass hier kaum noch Getreideproduktion im Regenfeldbau betrieben wird. Er

hat somit eine geringere Bedeutung gegenüber der traditionellen Bewässerungswirtschaft.

3.1. Sorghum

Der Anbau von Sorghum gehört zu den ältesten ackerbaulichen Aktivitäten Afrikas. Er

besitzt je nach Ortslage und Bodenverhältnissen unterschiedliche Bedeutung. Heute ist

er in den Savannengebieten Afrikas die am weitesten verbreitete Kulturpflanze und

mittlerweile wichtiger als Hirse, da er auf den schweren Böden im Nigerflutbereich

bevorteilt ist und eine hohe ökologische Anpassungsfähigkeit besitzt: Dürreeinwirkungen

machen ihr ebenso wenig aus wie Wasserandrang in der Zeit der Niederschlagsmaxima.

An die Dauer der Niederschlagsperiode angepasste Vegetations- und Reifephase

zwischen 90 und 140 Tagen erlaubt den Anbau sowohl in den südlichen Feuchtsavannen

als auch im Bereich der agronomischen Trockengrenze (Vgl. Barth 1977, 147). Unterschieden

wird in Nachflutanbau, welcher auf den restfeuchten Niger-Überschwemmungsflächen

oder tonhaltigen Senken mit anstehendem Grundwasser gesät wird und

Direktsaat, welche mit Einsetzen der Regenzeit auf tonhaltigen Sanden und Senken

geschieht.

59


3.2. Hirse

Die Anbaufähigkeit von Hirse reicht von den Feuchtsavannen im Süden bis in die

sahelischen Regionen. Diese über mehrere Klimazonen hinweg reichende Anbaufähigkeit

ist in den Merkmalen der Hirse begründet: Unterschiedliche Wachstums- und

Reifeperioden (je nach Sorte), gute Anpassung an hohe Strahlungs- und Temperaturwerte

und relativ geringe Ansprüche an die Bodengüte (Vgl. Barth 1977, 148) Im

Unterschied zu Sorghum ist Hirse allerdings empfindlicher gegenüber Staunässe und

Überflutung (ebda.).

Der Anbau ist auch auf sandigen Böden möglich. Etwas schwerere tonig-schluffige Sande

werden allerdings bevorzugt, so dass optimale Ertragsbedingungen in der Region der

Trockensavanne herrschen. Der Anbau ermöglicht gleichzeitig Weidewirtschaft. Die

Erträge liegen wegen der geringen Niederschläge meinst unter 300 kg/ha.

3.3. Mais

Mais hat eine wesentlich geringere Bedeutung gegenüber Sorghum und Hirse. Der Anbau

wird vor allem in den Feuchtsavannen im Südosten betrieben. Im Unterschied zu

Sorghum und Hirse reagiert Mais empfindlich auf Feuchtemangel und mindere

Bodengüte. Sichere Erträge sind nur in Niederschlagsgebieten bis zu 800 mm/Jahr

möglich (Vgl. Barth 1977,149). Nährstoffarme Böden sind ausgeschlossen. Für eine

zukünftige Ausweitung des Anbaus spricht allerdings, dass Mais in seiner Reifeperiode

gegen Verluste durch Schlagregen, Insektenbefall und Vogelfraß geschützt ist (ebda.).

3.4. Reis

Man unterscheidet Nass- und Trockenreis. In Mali vorwiegend in Überflutungsniederungen

entlang der Flüsse im Gebiet der Feuchtsavannen aber auch in den

Trockensavanne und Sahel angebaut. Einige Sorten haben ihr Hauptanbaugebiet des

Niger-Binnendeltas mit seinen riesigen Überschwemmungsebenen (Vgl. Barth 1977, 150).

Reis hat sehr spezifische Ansprüche an den Wasserhaushalt und die Böden. „Die

Verfügbarkeit von Wasser in ausreichender Menge und zum richtigen Zeitpunkt ist eine

der wichtigsten Voraussetzungen, die über Erfolg oder Misserfolg der Nassreiskultur

entscheiden“ (ebda.).

3.5. Erdnüsse

Der Anbau von Erdnüssen findet schwerpunktmäßig in den südwestlichen Landesteilen

zwischen Bamako und Kayes statt. Neben Baumwolle das wichtigste Agrarprodukt, das

als „cash crop“ exportiert oder im Land verarbeitet wird. Feuchtsavanne und südliche

Trockensavanne bieten günstige Bedingungen hinsichtlich der Anforderungen der

Erdnusspflanze. Relative Sicherheit im Niederschlagsgang, richtige Terminierung von Saat

60


und Ernte in Abhängigkeit vom Niederschlag und ausgeglichene Wasserversorgung in der

Wachstumsphase sind daher ertragswirksame Voraussetzungen: fallen in der Reifezeit

noch Niederschläge, so bedeutet eine „feuchte“ Ernte erhebliche Einbußen. Leichte,

sandige Lehmsubstratböden ohne Wasserstaueigenschaften und gute Dränierung sind

Voraussetzung, ebenso wie ein gutes Nährstoffangebot (Vgl. Barth 1977, 151).

3.6. Baumwolle

Die Baumwolle ist, wie die Erdnuss, ebenfalls als „cash crop“ zu bezeichnen. Die

Hauptanbaumöglichkeit ist auf den Süden des Landes beschränkt. Das Feuchteangebot

nach Dauer und Verteilung ist ein wesentliches Kriterium, die den Zeitpunkt der Ernte

bestimmen und über den Ertrag entscheidet. Hinzu kommt die Voraussetzung gut

dränierter und durchlüfteter Böden mit guten Speichereigenschaften (Vgl. Barth, 1977,

151-152).

3.6.1. Baumwollproduktion für den Weltmarkt: verzerrter Wettbewerb und

die Folgen für Mali

Laut FAO Production Yearbook belegt China weltweit Platz 1 der Rangliste der

Produzenten von Baumwollfaser. Dies verweist auf die enorme wirtschaftsstrategische

Rolle der Baumwolle in den Schwellenländer Asien. Auch die enorme, vom Staat

subventionierte US-amerikanische Baumwollproduktion ist die Grundlage für eine auf

weltweiten Absatz ausgerichtete Textilherstellung (Vgl. Krings 2004, 28).

Auf dem Hintergrund der Machtstellung der großen amerikanischen und asiatischen

Baumwollproduzenten ist es sehr erstaunlich, dass sich auch in den am wenigsten

entwickelten Ländern Afrikas die Baumwollproduktion äußerst dynamisch entwickelt hat.

Auf der Ministerkonferenz der WTO 2003 in Cancún waren die Agrarsubventionen der

EU und der USA eines der Hauptgesprächsthemen. Die Schwellenländer und

afrikanischen Baumwollerzeugerländer forderten eine konkrete Zusage zum Abbau der

Exportsubventionen.

Die afrikanischen Erzeugerländer, von denen die meisten der Gruppe der LDC (least

developed countries) gehören, können Baumwolle häufig um 50 % billiger als die USA

produzieren, sind aber wegen der hohen Subventionen nicht wettbewerbsfähig. Die

Subventionen gepaart mit einem hohem $-Kurs führten 2000/1 zu den niedrigsten

Weltmarktpreisen seit 30 Jahren, was für die afrikanischen Länder rund 30 % der

Exporteinnahmen, mehr als 60 % der agrarischen Exporterlöse und bis zu 10 % der BIP

ausmachten. Dies hatte große Folgen für Kleinbauern. Mehrere Entwicklungsländer

reagierten auf die Forderungen ihrer Kleinbauern nach einer besseren Vertretung ihrer

Interessen in der WTO (ebda.).

Baumwolle wurde in Mali in den vergangenen Jahren nach Gold zum wichtigsten

Exportprodukt. Etwa 60 % des malischen Exporterlöses kommt aus der Baumwollproduktion.

Die in den westafrikanischen Ländern produzierte Baumwolle ist von sehr guter Qualität,

da sie von Hand gepflückt wird und somit nicht so stark verunreinigt ist wie die

61


mechanisch geerntete Baumwolle (Vgl. Krings 2004, 30). Der Baumwollanbau findet in

kleinen und mittleren Familienbetrieben statt. Die Baumwollanbaugebiete gehören zu den

ländlichen Gebieten mit dem höchsten Entwicklungsstand des Landes. Infolge der

überdurchschnittlichen hohen Einkommen, verfügen viele Haushalte über einen oder

mehrere Pflüge oder Ochsen. Die Baumwolle bildet darüber hinaus die Grundlage der

Agroindustrie in Mali: Baumwollentkörnungsfabriken, Baumwoll-Ölmühlen.

Abb. 1: Geographische Rundschau 11/2004, 32.

Die beachtlichen Produktionssteigerungen im Baumwollanbau sind weniger das Ergebnis

der Erhöhung der Flächenproduktivität als vielmehr durch die jahrzehntelange

Ausdehnung der Ackerflächen bei einer gleichzeitigen Reduzierung des Brachlandanteils

erreicht. Hinzu kommt, dass seit einigen Jahren der Mineraldünger in Mali nicht mehr

staatlich subventioniert wird, und so die Bodenfruchtbarkeit auf sehr vielen Ackerflächen

abnimmt.

Des Weiteren besteht die Gefahr, dass bei anhaltend hohem natürlichem Bevölkerungswachstum

von 2,5 – 3 % pro Jahr eine notwendige weitere Steigerung der Nahrungsmittelproduktion

im Regenfeldbau in den kommenden Jahrzehnten zumindest sehr

wahrscheinlich wird (Vgl. Krings 2004, 31).

Die rasante Entwicklung des Baumwollanbaus führt in Mali und anderen westafrikanischen

Baumwoll-Erzeugerländern nicht nur zu ökologischen, sondern auch zu

einer Reihe sozioökonomischer, Probleme:

1. Notwendigkeit von Bargeld durch den Baumwollanbau zu erwirtschaften

begünstigt die größeren Betriebseinheiten. Am schlechtesten gestellt sind die

Zwergbetriebe ohne nennenswerte Mechanisierung

2. In Mali ergeben sich neue Konflikte aufgrund einer erfolgreichen Alphabetisierung

der Kleinbauern. Autorität der Alten wird untermindert

3. Der Sturz des malischen Staatschef Moussa Traoré 1991 führte zu einer

politischen Liberalisierung (Baumwollstreik 1998: Produktionseinbrüche)

62


4. Bodenspekulationen im Umkreis der schnellwachsenden städtischen Zentren

Sikasso und Koutiala. Nur diejenigen Akteure, die über einen legalen

Eigentumstitel an Grund und Boden verfügen, können die höchsten Bodenrenten

durch Verpachtung, Verkauf von Bauland oder durch den Baumwollanbau

realisieren. (ebda.).

Fazit: In den Trocken- und Feuchtsavannen hat die Baumwolle eine zentrale ökonomische

Bedeutung zu Erwirtschaftung benötigter Devisen. Für viele Menschen im

ländlichen Raum bildet der Verkauf von Rohbaumwolle die wichtigste Einkommensquelle.

Vorteile: Baumwollgebiete haben einen allgemeinen Entwicklungsstand hinsichtlich

Nahrungssicherheit, Bildung und Gesundheit, der wesentlich höher liegt als in Gebieten

ohne Baumwollanbau.

Die Nachteile sind Bodenerschöpfungen, Bodendegradation, flächenhafte Rodung und der

Verlust von Brachflächen.

Maßnahmen:

1. Einführung von Boden konservierenden Maßnahmen

2. Erhöhtes Verantwortungsbewusstsein der „großen“ Erzeugerländer hinsichtlich

der Gewährung von fairen Zugangschancen zum Weltmarkt (ebda.).

3.7. Spezialkulturen

Die Feucht- und Trockensavanne eröffnen eine Vielzahl von Anbaumöglichkeiten für eine

Vielzahl von Kulturarten. Der Gemüseanbau ist für viele Anbauer mittlerweile

Haupterwerbszweig. An erster Stelle stehen Tomaten und Zwiebeln, es folgt Gombo. In

städtischen Bereichen werden außerdem Karotten, Kohl, Rote Beete sowie lokale Tee-

und Gewürzpflanzen angebaut. Des Weiteren die Stärkefrucht Batate und die

Eiweißpflanze Augen- oder Niébé-Bohne. Auch Obstkulturen, wie Mango-Bäume,

Limonen und Orangen, vereinzelt Bananen und Datteln aus den Oasen des Nordens, sind

anzufinden (Vgl. Barth 1986, 133).

4. Probleme der Landwirtschaft in der Savanne

Das ökologische Potenzial der Savannengebiete bleibt durch das spezifische Klimageschehen,

durch die Hemmnisse mangelnder Bodenfruchtbarkeit, durch die

Empfindsamkeit in der Reaktion des Naturhaushalts gegenüber menschlichen Eingriffen

beschränkt. Eine großräumige intensivierte Agroindustrie nach europäischen oder USamerikanischen

Muster ist, selbst bei Vorhandensein entsprechender Investitionsmitteln

sowie Bereitschaft und Know-how unter der landwirtschaftlichen Bevölkerung, nicht

möglich. Eine Verbesserung agrarwirtschaftlicher Produktion erscheint nur dann möglich,

wenn entsprechende Maßnahmen und Veränderungen schrittweise und in vorsichtiger

Anpassung an die jeweiligen kleinräumigen Besonderheiten im Naturhaushalt erfolgen

(Vgl. Barth 1986, 152).

63


4.1. Die sahelischen Regionen

Der Sahel ist der „Übergangsraum“ von den Wüsten und Halbwüsten zu den trockenen

und wechselfeuchten Savannen. Die Vegetationszone des Sahel wird vereinfachend mit

der Bezeichnung Dorn- oder Dornbuschsavanne umschrieben. (Vgl. Barth 1986, 67). Die

wird je nach klimatischer Situation und damit verbundener Pflanzendichte in einen Nord-

und Süd-Sahel unterteilt:

Die Nördliche Region ist bereits saharisch geprägt. Niederschläge erreichen hier nur

noch 100 – 200 mm auf 1 – 2 Monate verteilt. Es gibt große vegetationsfreie Flächen mit

fließendem Übergang in den Wüstenbereich. Es überwiegt die Dornbuschsteppe, in der

Bäume zurücktreten und nur noch in Wadiflächen vorkommen. (Vgl. Barth 1986, 68).

Ausgedehnte Grasflächen kommen im Nordbereich kaum noch vor und werden

hauptsächlich von einjährigen Gräsern bestimmt (Vgl. Barth 1977, 154-155).

In der südlichen Region, die heute zwischen 200 – 400 mm Niederschlag erhält, nimmt

wegen der besseren Niederschlagsverteilung über 2 – 3 Monate der natürliche

Baumbewuchs zu. weiter enthält diese Zone größere, zusammenhängende Weideflächen

mit saheltypischen Gräsern. (Vgl. Barth 1986, 68). Es wird hier von einer Dorn- oder

Trockensavanne gesprochen oder einer Baum-Busch-Steppe. Die biogeografische

Zonierung kann allerdings nicht klar abgegrenzt werden (ebda.).

5. Bewässerungswirtschaft

Hauptkultur entlang des Nigers ist, auf den Überflutungsflächen, der Nassreisanbau. Die

Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen sind eng mit dem Rhythmus des

Wasserstandes verbunden. „Hydrologische Bestimmungsgrößen sind das Einsetzen, die

Dauer und Höhe der Überschwemmung, sowie die Intensität und Verteilung der ersten

Regenfälle“ (Barth 1986, 121). Je nach Vegetationszeit und Wassertiefe der Überflutungszone

werden verschiedene Reissorten mit unterschiedlichen Methoden angebaut. Die

tonreichen Überschwemmungsböden werden, da sie nur schwer zu bearbeiten sind,

vielfach erst nach Einsetzen der ersten Starkregenfälle oder aber kurz nach Ablaufen des

Wassers und entsprechendem Restfeuchtegehalt, schon früher umgebrochen (Vgl. Barth

1986, 124). Gegen eine zeitige Bearbeitung spricht jedoch, die Nutzung der abgeernteten

Reisflächen und der angrenzenden Schilf- und Wildbewuchsbereiche als Viehweide in der

Trockenzeit (ebda.).

Die Sortenwahl richtet sich in erster Linie nach den vorherrschenden Niger-

Flutverhältnissen. Aus Gründen der Ertragssicherheit überwiegt der Anteil von

Spätsorten. Allerdings sind die Flächen der Frühsorten sehr begehrt, da auf diese Weise

die mangelnder Getreideversorgung abkürzt werden kann.

Neben der Unterscheidung nach der Vegetationszeit können die Sorten auch nach ihrer

Strohlänge unterschieden werden. Die anfallenden Strohmengen werden als zusätzliche

Viehfutterquelle genutzt (Vgl. Barth 1986, 125).

64


5.1. Gebiete der Bewässerungswirtschaft

Bewässerung wird betrieben, um die für die semiariden Trockensavannen und die Sahel-

Gebiete Unsicherheiten im Klimageschehen auszugleichen sowie den einen Anbau

ausschließenden Niederschlagsmangel des nördlichen Sahel und der Wüstenrandgebiete

zu ersetzen.

Das Potenzial an Oberflächengewässern ist überraschend groß. Dennoch steht deren

Nutzung noch in den Anfängen. Bislang werden weder Grund- noch Oberflächenwässer

in ihrem Potential ausgeschöpft, da dies mit entsprechenden Anforderungen an

Infrastruktureinrichtungen, Agrar- und Bewässerungstechnik hohen Kapitalaufwand

voraussetzt, den zu erbringen weder Regierung noch die bäuerliche Bevölkerung in der

Lage ist (Vgl. Barth 1977, 159).

5.2. Oberflächengewässer

Der Gesamtraum Malis ist durch Niger und Senegal beherrscht. Da diese erheblichen

Wasserstandsschwankungen unterliegen, gestaltet sich eine Nutzbarmachung schwierig.

Hohe Wasserstands- und Schüttungsunterschiede im jahreszeitlichen Ablauf müssten, um

das Abflusswasser einer Nutzung in Bewässerungskulturen zuzuführen, durch

Stromverbauungen aufgefangen werden. Dies ist allerdings durch geomorphologische und

topografische Gegebenheiten äußerst schwierig und mit hohem Kostenaufwand

verbunden (Vgl. Barth 1977, 159-160). Im Planungsstadium befinden sich im Sahel-Gebiet

gelegen zwei Stauwerke, die auf die Bewässerungskultur des Nigers abzielen. Diese

beiden Vorhaben sollen auf lange Sicht die sozioökonomische und infrastrukturelle

prekäre Situation der Nordregion Malis verbessern. So soll das Nigertal unterhalb

Timbuktus vor allem für Weizen- und Reisanbau erschlossen werden.

Probleme:

1. erhebliche Teile des Überschwemmungsgebietes im Binnendelta werden nicht

mehr erreicht.

2. Traditioneller Fischfang und Reisanbau zahlloser Dorfgemeinschaften im Delta

bedroht

3. Auf frühere Hochwasserspiegel eingestellte Schleusen und Kanäle außer Funktion

gesetzt (Vgl. Barth 1977, 162-163).

Unter diesem Aspekt gewinnen Alternativen zu solchen großen Projekten an Bedeutung.

Eine Vielzahl kleiner weniger spektakulärer, dafür aber effektiver, finanziell überschaubarer

und vor allem geoökologisch kontrollierbarer Vorhaben, wurden bereits mehrfach

in verschiedenen Teilen des Landes erfolgreich realisiert.

Beispiel: In Kamankolé unterhalb Kayes wurden auf einer oberen Uferterrasse am

Senegal mit geringem finanziellen Auswand eine Bewässerungsfläche von 5 ha erschlossen

und unter 20 Bauern verteilt.

Demnach haben sowohl Trockensavanne als auch der Sahel gleichermaßen ein

hervorragendes Potential in der Nutzung von Oberflächenwässern für Bewässerungszwecke

• Nutzeffekt kleinerer Vorhaben

• Minimale Kapitalintensität

65


• Praktikabel und überschaubar

• Anwendbarkeit traditioneller Methoden

• Anpassung der Agrarproduktion an die herkömmlichen Sozialstrukturen der

Dorfgemeinschaften (ebda.).

Hinzu kommt, dass die geoökologische Gefährdung des Naturpotentials und Vorgänge

der Desertifikation im Rahmen kleinräumiger Eingriffe in den Naturhaushalt weit geringer

und kontrollierbarer sind als dies bei großflächigem Vorhaben der Fall ist und somit

Klein- und Kleinstprojekten Vorzug zu geben ist.

6. Weidewirtschaft und Tierhaltung

Abnehmende Niederschläge und zunehmende Niederschlagsvariabilität im Übergangsgebiet

der nördlichen Trockensavanne zur südlichen sahelischen Zone machen

Regenfeldbau nur noch beschränkt möglich und somit gewinnt die Tierhaltung an

Bedeutung. Außerdem hat hier die Tsetsefliege keinen Einfluss mehr. Besonders in den

nördlichen Sahel- und Wüstenrandgebieten stellt die Weidewirtschaft die einzige

Lebensgrundlage der Bevölkerung dar (Vgl. Barth 1977, 154).

Neben der weitverbreiteten Rinderzucht sind insbesondere die Haltung von Schafen und

Ziegen von Bedeutung. Insgesamt handelt es sich hierbei um sehr extensive Formen der

Viehwirtschaft, die vor allem von (Halb-)Nomaden praktiziert wird (ebda.).

Bedingt durch den klimatischen Rhythmus zwischen langanhaltender Trocken- und

kurzer Feuchtperiode unterliegt das Futterangebot der natürlichen Weiden außerordentlichen

Schwankungen

Während im nördlichen Sahel weniger als 30 % der Oberfläche von Vegetation bedeckt

sind, ist eine geschlossene Rasengesellschaft vor allem für die südlichen Sahel-Gebiete

während der Regenzeit kennzeichnend. Aus diesem Grunde sind große Wanderbewegungen

der Weidetiere notwendig. (ebda.).

Je nach Vegetationsentwicklung und –dichte variieren Futterwert und Weidequalität. Das

Problem: bei der Unsicherheit des Vegetationsangebotes und dem schwankenden

weidewirtschaftlichen Nutzungspotentials kann es sich bei dem sahelischen Weidewirtschaftssystem

nicht um eine optimale, regelmäßige und das Naturpotential

aufrechterhaltende bzw. fördernde Viehwirtschaft handeln. Vielmehr erfordert das

während der Trockenzeit geringe Futterangebot einen Weidegang unter extremen

Temperaturbedingungen und verursacht eine unregelmäßige Produktivität (Gewicht und

Zahl der Weidetiere stark schwankend). In der Hoffnung auf günstigere Weidebedingungen

im darauffolgenden Jahr wird der Viehbestand, der nach wie vor als soziales

Statuskriterium gilt, unter allen Umständen aufrechterhalten. (Vgl. Sturm 1999, 270).

66


Abb. 2: Geographische Rundschau 05/1999, 271.

Während der 60er Jahre kam es zu einer Ausstockung der Viehbestände vor allem der

Rinder und Schafe. Die Gründe hierfür liegen nicht nur bei den relativ günstigen

Niederschlagsverhältnisse dieser Zeitperiode, sondern auch bei den von der Regierung

verfolgten Entwicklungsintensionen, da die Viehzucht einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor

darstellt. Zum Beispiel wurden die veterinärmedizinische Betreuung und der

Ausbau von Brunnen gefördert. Dazu kam Zunahme der Bevölkerung die mit der

Vergrößerung der Herden konform ging.

Die absolute Zahl der Weidetiere täuscht eine außerordentlich geringe Herdenwanderung

vor, da auf traditionell festgelegten Wanderwegen getrieben wird

(Weiseachsen statt Weideräume) (Vgl. Sturm 1999, 271).

Tierhaltung hat eine besondere Bedeutung vor allem für die Ethnie der Songhay.

Rund 30 % der Familien haben Rindvieh – 1-3 Tiere pro Familie

Knapp 70 % besitzen Ziegen und Schafe – 3-5 Tiere sind die Regel

Geweidet wird in Gemeinschaftsherden auf den abgeernteten Reisflächen (Vgl. Barth

1986, 133).

Neben der Landwirtschaft spielt auch die Forstwirtschaft, der Fischfang, Bergbau und die

Sammelwirtschaft eine Rolle, die allerdings eher untergeordnet ist.

67


7. Sammelwirtschaft und Schilfgrasnutzung

Die Sammelwirtschaft und die Schilfgrasnutzung spielen bei der ländlichen Bevölkerung

eine erhebliche Rolle als Ergänzungsernte zur Anhebung der Selbstversorgung. An erster

Stelle stehen Wildgrassamen. Die Bereitschaft zur Sammelwirtschaft richtet sich nach der

jeweiligen Ertragssituation der Hauptkultur. Ein Beispiel für Sammelwirtschaft stellt die

Palmblatternte zur Mattenherstellung dar (Vgl. Barth 1986, 128). Weitere wichtige

Sammelprodukte: Baumfrüchte, wie Jujube oder Tamarinden. Diese Sammelfrüchte

stellen für die Bevölkerung als Nahrung und Marktfrucht eine große Bedeutung dar. Dies

gilt insbesondere auch für die nomadischen Volksgruppen (ebda.).

8. Fischfang

Das ca. 20000 km² große Überflutungsarenal, das aus zahllosen Niger- und Bani-

Flußarmen zusammengesetzte Flußlandschaft der Deltaregion stellt ein hervorragendes

Potential für den Fischfang dar (Vgl. Barth 1977, 173).

Der Fischfang konzentriert sich auf die Songhay-Fraktion der „Sorko“ und die Ethnie der

„Bozo“, die im Fischfang ihren Haupterwerb sehen (Vgl. Barth 1986, 135). Der

periodisch wiederkehrende Wechsel von Hochwasser, Hochwasserrückgang und

Niedrigwasser im Jahresverlauf beherrscht den Lebensrhythmus der Fischer.

Vor dem Hintergrund des generellen Eiweißmangels in der Ernährung großer Teile der

Bevölkerung sowie bei der tragenden Bedeutung des Fisches im Außenhandel des Landes,

vor allem aber auch im Hinblick auf die ca. 200000 Menschen, deren einzige

Lebensgrundlage im Fischfang und –handel besteht, ist die rückläufige Tendenz der

Fangzahlen bedrohlich. Der Grund dafür ist in der extremen Überfischung der Delta-

Gewässer und starke Ausweitung der Reiskultur zu sehen. Hinzu kommt eine verstärkte

Hinwendung anderer Bevölkerungsgruppen zum Fischfang die eine zunehmende

Liberalisierung der Fangpraxis zu Folge hat. Dies wirkt sich nachteilig sowohl auf die

Fangzeiten als auch Fanggeräte und Fanggebiete aus (ebda.).

Um die Potentiale auch in Zukunft nutzen zu können, müssen bestimmte Maßnahmen

ergriffen werden, um besonders in der Trockenzeit und als wichtige Quelle für das

notwenige Einkommen zu sorgen:

- Einhaltung von Schon- und Fangzeiten

- Benutzung von Netzen genormter Maschenweite

- Einschränkung der Zahl vergebener Lizenzen (Vgl. Barth 1977, 177).

9. Desertifikation

Desertifikation ist eines der größten Probleme im Sahel. In Mali betraf sie bereits 1986

knapp 60 % der Landesfläche, wobei 50 % von dauerhafter Wüstenbildung bedroht ist.

Allein von 1976 – 1986 betrug die Wüstenausdehnung im Norden des Landes ca. 50 –

100 km in Richtung Süden. Die führt zu erschwerten Bedingungen, sinkender Erträge und

mangelnder Wasser- und Nahrungsversorgung. Es kommt zu:

Flächenausdehnung und Aufhebung der Brache sowie zu einer Übernutzung von

68


Weidearealen und Sammelflächen für Wildgräser. Dies führt zu einer Konkurrenz unter

den dortigen Nomaden-Gruppen.

Im nigernahen Bereich sind die Auswirkungen der Desertifikation zum Teil besonders

deutlich. Hier kommt es verstärkt zur Bildung von wandernden Dünen. Die damit

verbundenen Verwehungen führen zu einem erheblichen Abtrag des fruchtbaren

Oberbodens und der wenig inkorporierten Humusanteile.

Ein großes Problem ist außerdem die (landesweite) Feuerholzknappheit und die damit

verbundene Abholzung. In Mali sind 80 % der Bevölkerung auf Feuerholz als

Energiequelle angewiesen. Die Ursachen für diese Unterversorgung der Bevölkerung

können ist der Regel in den dem Naturpotential nicht angepassten Nutzungsformen

gesehen werden. In deren Verlauf treten mit Vegetationsvernichtung, Bodenerosion,

Veränderungen im Wasserhaushalt sowie Meso- und Mikroklima Selbstverstärkungseffekte

ein, die den Lebensraum insgesamt gefährden.

Gründe für die Ausbreitung der Desertifikation im Sahel:

Geofaktoren:

• Niederschlagsvariabilität

• Sinkender Grundwasserspiegel

• Nährstoffarme Böden

• Hohe Evapotranspiration

• Lose bzw. abnehmende Vegetationsdecke

Interne Faktoren:

• Aufgabe traditioneller, langfristig orientierter Landnutzungssysteme und lokaler

Weidewirtschaftssysteme

• Land- und Bodenverknappung

• Holz als hauptsächliche Energiequelle

• Unangepasste Bewässerungsmethoden im Bewässerungsfeldbau

• Bevölkerungswachstum

Externe Faktoren:

• Weltmarktorientierung und Weltmarktpreisschwankungen

• Zunehmende technologische Schere zwischen Afrika und Westen

• Exportproduktion

• Welthandelsbedingungen (Vgl. Hammer 2000, 5).

69


70

Nordafrika Sahel Südafrika Andere

Gebiete

gesamt

Überweidung 27,7 118,8 44 3,9 194,4

Landwirtschaft 8,6 34,8 12,8 4,2 60,4

Übernutzung 0,2 54,2 1,1 0 55,5

Entwaldung 4,3 16,3 0,7 0,7 22

gesamt 40,8 224,1 58,6 8,8 332,3

Abb. 3: Geographische Rundschau 11/2000, 5 nach UNEP 1997, 71.

Erste konkrete Anläufe zur Bekämpfung der Desertifikation wurden mit der 1992 in Rio

geführten „United Nations Conference on Environment und Development“ begonnen.

Primär auf Druck Afrikas wurde in Kapitel 12 der Agenda 21 die Forderung verankert,

eine internationale, völkerrechtlich verbindliche Konvention vorzubereiten (Vgl. Hammer

2000, 4).

Seit Anfang der 90er ist das Ziel eine kohärente Entwicklungspolitik gegenüber dem

ländlichen Raum und eine Verbesserung struktureller Bedingungen auf den

unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen zu erwirken. Für Afrika verlangte die

Konvention die Ausarbeitung regionaler Aktionsprogramme, wobei ein Prozess von

unten nach oben vorgesehen ist:

Die ökologischen Veränderungen, verbunden mit den ökonomischen infrastrukturellen

Rahmenbedingungen, führen in Mali zu wechselseitigen, desertifikationsauslösenden oder

–beschleunigenden Entwicklungen:

1. Mali ist einseitig von einer traditionell extensiven Landwirtschaft abhänging

2. Keine gute Verbindung zu produktiven Regionen

3. Abnahme der durchschnittlichen Niederschlagemenge

4. Abnahme der Nigerfluthöhe und –flutdauer zur Reduzierung der Überflutungs-

Reisflächen der Weidezonen

5. Gebietsweise Zunahme der Bevölkerung

6. Übernutzung der Weiseflächen und Sammelgebiete

7. Zunahme der Sandstürme (ebda.).

9.1. Nachhaltige Desertifikationsbekämpfung

Seit den 80ern gibt es verschiedene Projekte zur Desertifikationsbekämpfung. Ziel ist

eine nachhaltige Wirkung der Ressourcenschutzmaßnahmen, durch Erhöhung der

Eigenverantwortung auf Dorfebene, zu erreichen sowie eine Absicherung der

Landnutzungsrechte. Entscheidend ist die Beteiligung der Dorfbevölkerung an


Entscheidungen, Planung und Ausführung (Vgl. Krings 1994, 546).

Eine Möglichkeit ist in der Erstellung von Bankettenfeldern zu sehen. Das Problem:

aufgrund fehlender Eigentumstitel gibt es nur geringes Interesse an längerfristig

konservierenden Maßnahmen.

In Bla wurde keine der Maßnahmen, wie z. B. der Bau von Steinwällen, von den Bauern

selbst aufgegriffen. Dies führte zu mangelnder Akzeptanz. Gründe:

• Die Projekte führen erst nach mehreren Jahren zum Erfolg

• Der Verbesserungseffekt steht in einem ungünstigen Verhältnis zum notwendigen

Arbeitsaufwand

• Es herrscht im Gebiet von Bla keine Landknappheit, so dass bei Erosionsschäden

Ausweichflächen vorhanden sind. (Vgl. Krings 1994, 549).

71


Literaturverzeichnis

ANHUF, Dieter 1990: Niederschlagsschwankungen und Anbauunsicherheit in der

Sahelzone. Geographische Rundschau 42 (3), S. 152-158.

BARTH, Hans Karl 1977: Der Geokomplex Sahel: Untersuchungen zur

Landschaftsökologie im Sahel Malis als Grundlage agrar- und weidewirtschaftlicher

Entwicklungsplanung. Tübingen.

BARTH, Hans Karl 1986: Mali. Eine geographische Landeskunde. Darmstadt.

HAMMER, Thomas 2000: Desertifikation im Sahel. Geographische Rundschau 52 (11), S. 4-

10.

HAAS, Armin; Lohnert, Beate 1994: Ernährungssicherung in Mali. Geographische

Rundschau 46 (10), S. 554-560.

KRINGS, Thomas 1994: Probleme der Nachhaltigkeit in der Desertifikationsbekämpfung.

Geographische Rundschau 46 (10), S. 546-552.

KRINGS, Thomas 2004: Baumwollproduktion für den Weltmarkt: verzerrter Wettbewerb

und die Folgen für Mali. Geographische Rundschau 56 (11), S. 26-33.

STURM, Hans-Jürgen 1999: Weidewirtschaft in Westafrika. Geographische Rundschau 51

(5), S. 269-274.

72


Politische Entwicklung und

politisches System

des jungen Staates

Sally Ollech

73


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Nationale Symbole und Staatsform ...................................................................... 75

2. Historischer Überblick................................................................................................................ 76

2.1. 1960: I. Republik Mali........................................................................................................... 76

2.2. 1968 Militärputsch und Militärdiktatur: II. Republik Mali............................................. 76

2.3. 1991 Absetzung des Militärregimes und neue Verfassung: III. Republik Mali .......... 77

3. Formaler Staatsaufbau ................................................................................................................. 78

4. Genese von Zivilgesellschaft und Medienlandschaft ............................................................. 79

5. Derzeitige Regierung ................................................................................................................... 79

6. Demokratisierungsprozess......................................................................................................... 80

7. Innenpolitische Themen.............................................................................................................. 81

8. Außenpolitische Beziehungen .................................................................................................... 81

9. Fazit: Versuch einer Bewertung ................................................................................................ 82

74


1. Einleitung: Nationale Symbole und Staatsform

Einleitend eine kurze Darstellung dreier nationaler Symbole von Mali (vgl. Seebörger,

Flagge und andere nationale Symbole): Nationalhymne, Nationalflagge und Staatswappen

sowie eine knappe Erläuterung der Präsidialdemokratie als Staatsform von Mali in

Abgrenzung zu parlamentarischen Regierungssystemen.

Der Text der Nationalhymne „Pour l’Afrique et pour toi Mali“ stellt die Umsetzung einer

afrikanischen Einheit sowie die Verteidigung der malischen Nation in den Vordergrund.

Neben dem französischen Text besteht auch eine Fassung in Bambara. Die Hymne wurde

innerhalb der am 22.09.1960 durch Modibo Keita ausgerufenen, ersten unabhängigen

Republik Mali im Jahr 1962 eingeführt. Der damalige Landwirtschaftsminister Badian

Kouyaté verfasste den Text, während die Melodie von Banzoumana Sissoko komponiert

wurde. Die Einführung einer Nationalhymne innerhalb der zweiten Hälfte des 20.

Jahrhunderts ist für ehemalige Kolonien ein typischer Zeitpunkt, da nationale Symbole

wie Hymne, Flagge und Staatswappen meist kurz nach der erlangten Unabhängigkeit

eingeführt wurden.

Die drei Farben der malischen Nationalflagge – grün, gelb, rot – stehen als Symbol für

Hoffnung, Gold und das Gedenken an die im Kampf um die nationale Souveränität

Gestorbenen.

Das Staatswappen trägt die offizielle Staatsbezeichnung „République du Mali“ und

darunter die Zeile „Un peuple, un but, une foi“, was übersetzt bedeutet „Ein Volk, ein

Ziel, ein Glaube“. Des Weiteren sind drei Symbole abgebildet: ein in malischen Sagen

vorkommender Geier, die berühmte Moschee von Djenné und ein Sonnenaufgang.

Die Staatsform in Mali kann als ein Teil des kolonialen Erbes gesehen werden: Es handelt

sich um eine Präsidialdemokratie und somit um ein Regierungssystem, in dem eine strikte

Trennung zwischen gesetzgebender und ausführender Gewalt vorherrscht, an dessen

Spitze der Präsident steht. Der malische Präsident ist Staatsoberhaupt, der

Premierminister Regierungschef, gemeinsam bilden sie die Exekutive. Der Präsident und

die Abgeordneten des Parlaments, der Volksvertretung, werden in freien und geheimen

Wahlen für jeweils fünf Jahre direkt vom Volk gewählt.

Den Gegensatz zum Präsidialsystem bilden parlamentarische Regierungssysteme, in

denen die Regierung nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von der Mehrheit des

Parlamentes bestimmt wird. Dabei handelt es sich folglich um eine repräsentative

Demokratie, bei der die Regierung vom Vertrauen des Parlaments abhängig ist und eine

enge Verknüpfung der Legislative und der Exekutive besteht – eine Kontrollfunktion

erfüllt hier das Wechselspiel zwischen Regierungsmehrheit und Opposition im Parlament.

Ein Hauptunterschied beider demokratischer Systeme liegt darin, dass es im

Präsidialsystem häufig zu einer starken Personalisierung bei gleichzeitiger Endideologisierung

der Politik kommt, bei der die Parteiprogramme tendenziell in den

Hintergrund rücken und die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten im Vordergrund

stehen.

75


2. Historischer Überblick

2.1. 1960: I. Republik Mali

Nach der gescheiterten Föderation zwischen Mali und Senegal rief Modibo Keita am

22.09.1960 die unabhängige Republik Mali aus. Der 22. September ist seither

Nationalfeiertag. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war in den französischen

Kolonialgebieten Westafrikas ein wachsendes politisches Bewusstsein entstanden,

welches im Jahr 1946 zur Gründung der Nationalbewegung „Rassemblement Démocratique

Africain“ (RDA) geführt hatte (Seebörger, Geschichte und Staat). Einer der Führer

der RDA war Modibo Keita, der 1960 erster Staatspräsident der Republik Mali wurde.

Keitas Politik war am sozialistischen Lager orientiert. Es wurde eine zentrale Planung,

Verstaatlichung sowie eine technisch-wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der UdSSR und

der VR China verfolgt. Keita strebte eine Integration anderer politischer Parteien in die

Regierungspartei „Union Soudanaise / Rassemblement Démocratique Africain“ (US-RDA)

zu einer Art nationalen Front an und etablierte so ein sozialistisch orientiertes

Einparteiensystem, das sich jedoch zu keinem Zeitpunkt fest stabilisieren konnte: Es kam

zu Geldentwertung, Versorgungsengpässen, Nahrungsmittelknappheit, der Herausbildung

eines Schwarzmarktes in allen Bereichen sowie zu Korruption (Treydte, Dicko, Doumbia

2005, 6). Aufgrund dieser Entwicklung war Mali im Jahr 1967 nahezu gezwungen, wieder

in die Franc-Zone zurückzukehren. Der Preis für die von Paris garantierte

Währungsstabilität und den Kapitalzufluss aus Frankreich war hoch: Das Handelsmonopol

der alten französischen Handelgenossenschaften wurde wieder eingeführt. Die

Versorgungslage für den Großteil der Bevölkerung verbesserte sich dadurch nicht und es

kam zu einer Radikalisierung politischer Lager innerhalb der US-RDA. 1967 wurde der

Parteivorstand aufgelöst und ein Nationaler Rat zur Verteidigung der Revolution

(CNDR) gegründet, unter dem sich totalitäre Instrumente wie Gesinnungspolizei sowie

schwarze Listen entwickelten und Keita war nicht mehr in der Lage, diese Entwicklung zu

lenken (Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 6).

2.2. 1968 Militärputsch und Militärdiktatur: II. Republik Mali

Im November 1968 wurde das Regime von Modibo Keita durch einen Militärputsch einer

Gruppe Offiziere um Moussa Traoré gestürzt. Es folgte eine Militärdiktatur unter dem

Diktator Moussa Traoré, die bis 1991 andauern sollte. Nach einer siebenjährigen

Übergangsphase wurde im Jahr 1974 unter Moussa Traoré die II. Republik Mali

eingeführt. Erneut etablierte sich mit der Partei „Union Démocratique du Peuple Malien“

(UDPM) ein Einparteiensystem, jedoch ohne sozialistische Ausrichtung der

Wirtschaftspolitik. Dennoch blieben große, unproduktive Unternehmen und Bürokratien

bestehen und es ging auch unter Traoré wirtschaftlich und sozial abwärts. Einem Bericht

der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zu Folge, baute das Militär den Staat gewisser Weise in

einen „Selbstbedienungsladen für Offiziere“ (Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 7) um. De

Folgen waren Korruption und Villenakkumulation auf Seiten der nationalen Elite sowie

auf Seiten der Arbeiter und Angestellten ausbleibende Löhne und Gehälter und vor allem

76


innerhalb der gleichzeitig von der großen Sahel-Trockenheitsperioden betroffenen

ländlichen Bevölkerungskreisen Hunger und Elend (Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 7).

Verstärkt wurde diese Entwicklung durch drei von außen kommende Elemente (Treydte,

Dicko, Doumbia 2005, 7): (1) Ab 1988 verordneten die Strukturanpassungsprogramme

der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) dem malischen

Militärregime eine Sparpolitik. (2) Eine Neuausrichtung der französischen Außenpolitik

unter Mitterrand, welche im Juni 1990 Demokratiefortschritte im frankophonen Afrika

forderte und französische Hilfe von Demokratisierungserfolgen abhängig machte. (3) Der

Zusammenbruch der Sowjetunion sowie der Fall der Berliner Mauer führten zum Wegfall

politischer Renten durch ideologisches Wechselwählertum im internationalen Kontext.

2.3. 1991 Absetzung des Militärregimes und neue Verfassung: III. Republik Mali

Im Jahr 1991 kam es verstärkt zu Unruhen innerhalb der Bevölkerung, auf die das Regime

mit Militäraktionen reagierte. Am 26.03.1991 wurde Moussa Traoré durch eine Gruppe

Militärs unter Führung von Amadou Toumani Touré (populäre Kurzbezeichnung: ATT)

abgesetzt. Im April 1991 wurde unter Touré ein Übergangskomitee für das Wohl des

Volkes, „Comité de Transition pour le Salut du Peuple“ (CTSP), einberufen. Unter Touré

begann ein politischer Transformationsprozess mit demokratischen Reformen. Im August

1992 nahmen etwa 1.500 Delegierte an einer Nationalkonferenz in Bamako teil und die

Erarbeitung einer neuen Verfassung sowie eines Wahlgesetzes begann, wodurch die Basis

für das malische Mehrparteiensystem gelegt wurde (Seebörger, Entwicklung des heutigen

Staates). Der Entwurf der neuen malischen Verfassung wurde am 12.02.1992

verabschiedet und Anfang 1992 fand die erste freie Parlamentswahl in Mali statt, bei der

die ADEMA-Partei als eindeutige Siegerin hervorging (Alliance pour la Démocratie

Malienne - Parti Africain pour la Solidarité de la Justice). Die ADEMA/PASJ ist „ein

breites Sammelbecken politischer Meinungen und Multiplikatoren“ (Treydte, Dicko,

Doumbia 2005, 12) und Mitglied der Sozialistischen Internationale, dem weltweiten

Zusammenschluss von sozialistischen und sozialdemokratischen politischen Parteien, was

wiederum eine grobe politische Einordnung der Partei ermöglicht.

Alpha Oumar Konaré wurde als Kandidat der Regierungspartei ADEMA erster

demokratisch gewählter Präsident von Mali. Im Jahr 1997 kam es zur zweiten

Präsidentschaftswahl, welche die Wiederwahl Konarés beinhaltete. Im Jahr 2002 musste

die ADEMA-Partei bei der dritten Parlamentswahl deutliche Verluste hinnehmen.

Berichten zu Folge werden mögliche Gründe in parteiinternen Streitigkeiten und der

Abspaltung eines Flügels sowie Vorwürfen des Machtmissbrauchs und der Misswirtschaft

gesehen (Seebörger, Geschichte und Staat). Die dritte Präsidentschaftswahl im Mai 2002

konnte der parteilose Amadou Toumani Touré mit 64 % der Stimmen für sich

entscheiden und löste somit Konarés Präsidentschaft ab, der aufgrund der Verfassung

ohnehin kein drittes Mal als Präsidentschaftskandidat antreten konnte. In einem Bericht

der Friedrich-Ebert-Stiftung wird konstatiert, dass die Wahlbeteiligung mit 38,58 % der

registrierten Wähler trotz mobiler Wahlbüros weit unter den Erwartungen blieb (Auga

2002). Als ein möglicher Grund wird die verpflichtende Vorlage eines Personalausweises

genannt: Laut FES-Bericht verfügen nur 30 % der Malier über ein Ausweisdokument. Die

Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen im Juli desselben Jahres war noch

erschreckender: Sie lag bei 20 % der eingeschriebenen Wähler beim ersten und 14 %

beim zweiten Wahlgang (Gierczynski-Bocandé, Lerch 2002). In dem Bericht der Konrad

77


Adenauer Stiftung werden diese Negativ-Rekorde der Wahlbeteiligung auf die schlechte

wirtschaftliche Entwicklung des Landes zurückgeführt, die dazu führe, dass die

Bevölkerung das Vertrauen in die Politik verliert.

Bei den Kommunalwahlen im Jahr 2004 war eine Wahlbeteiligung von 43,6 % zu

verzeichnen, was als ein Erfolg der Wählermobilisierung durch den verstärkt

eingeleiteten Dezentralisierungsprozess und die Förderung von politischem Engagement

auf kommunaler Ebene gesehen werden kann (vgl. Gierczynski-Bocandé 2004).

Im darauf folgenden Wahljahr 2007 wurde der Amtinhaber Touré mit 71,2 % der

Stimmen wiedergewählt. Die besten Ergebnisse erzielte er in den nomadischen Regionen

Timbuktu und Gao, während sein wichtigster Herausforderer Ibrahim Boubacar Keita

vor allem in Bamako und Teilen Westmalis seine höchsten Stimmenanteile erzielte –

insgesamt erhielt Keita 18,6 % der Stimmen in Mali (Seebörger, Wahlen). Des Weiteren

bleibt zu vermerken, dass 2007 erstmals eine Frau unter den Präsidentschaftskandidaten

war. Als problematisch galt vor allem die niedrige Wahlbeteiligung. Sie lag einem Bericht

von InWent zu Folge bei der Präsidentschaftswahl im April 2007 bei 36 %. Internationale

Wahlbeobachter bezeichneten die Wahlen im Jahr 2007 als fair.

3. Formaler Staatsaufbau

Der Grenzverlauf von Mali entspricht nach wie vor den Verwaltungsgrenzen der

ehemaligen Teilkolonie Französisch-Sudan und vernachlässigt dabei geographische,

ethnische oder sprachliche Einheiten. Der Staat ist in acht Regionen (Gao, Kayes, Kidal,

Koulikoro, Mopti, Ségou, Sikasso, Timbuktu) und den Hauptstadtdistrikt Bamako

aufgeteilt. Die acht zentralstaatlichen Verwaltungsregionen (régions) teilen sich in 49

Kreise (cercles) und 703 Gemeinden (communes) als unterste Verwaltungsebene. Die

malische Verwaltung besteht folglich aus vier Verwaltungsebenen: Zentralregierung,

Regionalversammlungen, Kreisräte (conceils de cercle) und als unterste Machtebene die

seit 1999 eingerichteten und von der wahlberechtigten Bevölkerung jeweils für fünf Jahre

gewählten Gemeinderäte (conceils de commune). Diese dezentrale Struktur soll dazu

beitragen, dass die Interessen der Gemeindebewohner Gehör finden (Seebörger,

Formaler Staatsaufbau und Territorialverwaltung).

Die Dezentralisierungspolitik gehört mit zu den wichtigsten Programmen der malischen

Regierung und die Umsetzung stellt nach wie vor eine große Herausforderung dar. Die

malische Regierung hat zum Fernziel, dass die Gemeinden finanziell eigenständig sind

(Kreditvergabe, eigenes Personal, Befugnis, Steuern zu erheben). Es wurde ein

Förderungsministerium eingerichtet, welches die Förderung kommunaler Investitionen

zur Aufgabe hat, um den Gemeinden mit Beratungs- und Fremdfinanzierungsoptionen zur

Seite zu stehen (Seebörger, Wichtige politische Entscheidungen). Auf kommunaler Ebene

sind aktuelle Themen vor allem die Armutsbekämpfung sowie die Frage der

Flächennutzung.

78


4. Genese von Zivilgesellschaft und Medienlandschaft

Seit dem Sturz der Traoré-Diktatur im Jahr 1991 wird die Entwicklung der

Zivilgesellschaft in Teilen der malischen Bevölkerung diskutiert. Tatsache ist, dass seit

1991 die Zahl an gesellschaftlichen Vereinigungen, Interessensverbänden und

Basisgruppen in Mali stark zugenommen hat (Seebörger, Zivilgesellschaft). Es

entwickelten sich auf nationaler und regionaler Ebene Nichtregierungsorganisationen

(NRO) und andere Interessensvertretungen und man kann diesbezüglich von der Genese

einer Zivilgesellschaft sprechen. Allerdings weist der Verband Entwicklungspolitik

Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) in seinem Länderprofil Mali auf die

Zweifel von einigen Beobachtern hin, dass die Vertreter der malischen Zivilgesellschaft

eine breite Repräsentanz der Bevölkerung sicherstellen können. Es stellt sich die Frage,

ob eine ausreichende Repräsentanz der Interessen der großen Bevölkerungsmehrheit mit

geringer Bildung gewährleistet werden kann. Kritiker sprechen von einer relativ kleinen

gebildeten Elite, welche den gesellschaftspolitischen Diskurs innerhalb des

Regierungskreises sowie der nationalen Szene der NRO’s dominiert.

Trotzdem hat sich seit 1991 in Mali eine vielfältige Medienlandschaft entwickelt. Vor

allem in der Hauptstadt Bamako ist eine große Anzahl von Tageszeitungen erhältlich. Für

die landesweite Informationsdistribution sind jedoch vor allem Hörfunkmedien

entscheidend, da die Alphabetisierungsrate 2000-2005 bei Personen im Alter von 15

Jahren und älter lediglich bei 24 % lag, bei männlichen Jugendlichen (15 – 24 Jahre, 2000-

2006) bei 32 % sowie bei weiblichen Jugendlichen bei 17 % (Unicef, Mali Statistics).

In Mali gibt es landesweit über 100 Radiostationen. Allerdings wird vielfach über

Repressionen gegenüber kritisch berichtenden Journalisten geklagt und im letzten

Präsidentschaftswahlkampf 2007 wurden Vorwürfe laut, dass die staatlichen Medien zu

einseitig und pro-Touré berichtet hätten (vgl. Seebörger, Presse und andere öffentliche

Medien).

5. Derzeitige Regierung

Seit Mai 2002 ist Amadou Toumani Touré Präsident von Mali. Im Jahr 2007 wurde

Modibo Sidibé nach dem Rücktritt seines Vorgängers Premierminister. In der im

Oktober 2007 neu gebildeten Regierung sind 27 Minister, darunter sieben Frauen. Mali

hat mit 27 Ministerien eine im Verhältnis zur Bevölkerungszahl von 12,7 Mio. relativ

große Anzahl an Ministerien (Seebörger, Staatsform, Verfassung und Gewaltenteilung).

Zum Vergleich: Deutschland hat bei 82,2 Mio. Einwohnern lediglich 14 Ministerien

(World Population Bureau 2008, 7 u. 10). Außerdem wird die Leistungsfähigkeit ebenso

wie die Zusammenarbeit der einzelnen malischen Ministerien oft als begrenzt

eingeschätzt.

Es besteht ein Mehrparteiensystem in Mali. Von über 100 bestehenden Parteien sind

derzeit 15 im Parlament vertreten. Diese 15 Parteien bilden zwei Parteienbündnisse: die

ADP (Alliance pour la Démocratie et le Progès) und die FDR (Front pour la Démocratie

et la République). Die APD ist ein Zusammenschluss von 12 Parteien, darunter die

vorherige Regierungspartei (Alliance pour la Démocratie Malienne) sowie die als

Abspaltung aus der ADEMA hervorgegangene UDR (Union pour la Démocratie et le

Déveleoppement). ADP und UDR gewannen bei der letzten Parlamentswahl im Juli 2007

79


die meisten Stimmen, wobei die Wahlbeteiligung mit ca. 32 % wiederum als schwach

einzustufen ist. Neben der ADEMA-Partei mit 51 Sitzen und der UDR mit 34 Sitzen sind

verschiedene Parteien mit nur wenigen Abgeordneten und 15 Unabhängige im Parlament

vertreten. Folglich ist die ADP weit stärker vertreten als die FDR (Seebörger,

Machthaber und Machtgruppen). Eine Opposition ist somit nur schwach ausgeprägt.

Außerdem stehen die meisten Parteien dem Präsidenten nahe. Eine Ausnahme bilden

hier „Rassemblement pour le Mali” (RPM) mit acht Sitzen und „Solidarité Africain pour

Démocratie et Indépendence“ (SADI) mit vier Sitzen (vgl. Auswärtiges Amt:

Länderinformation Mali).

6. Demokratisierungsprozess

Betrachtet man den Demokratisierungsprozess in Mali, so stand am Anfang ein immer

noch andauernder politischer Transformationsprozess, dessen Beginn in der

Entkolonialisierung gesehen werden kann. Nach dem zweiten Weltkrieg gewährte

Frankreich seinen Kolonien eine formelle Unabhängigkeit. Dass es zu dieser formellen

Unabhängigkeit in den meisten Fällen ohne einen Befreiungskampf seitens der westafrikanischen

Kolonien kam (Ausnahme Algerien; vgl. Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 4),

begünstigte die Einbindung in die Communauté Francaise, die erst 1995 offiziell aufgelöst

wurde. Mit dieser französischen Gemeinschaft handelte es sich um einen Staatenbund, in

dem die ehemaligen französischen Kolonien „formal von Frankreich unabhängig wurden,

politisch, wirtschaftlich und sozial hingegen am Tropf der Kolonialmacht hingen“

(Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 4). Der Aufstieg der großen afrikanischen politischen

Führer wie beispielsweise Modibo Keita und die allmähliche Genese des malischen

Mehrparteiensystems ist auf diesem Hintergrund halb-autonomer Formen der

Territorialverwaltung zu sehen.

Die neue, jedoch zunächst nur formelle Unabhängigkeit, brachte einige Begleiterscheinungen

mit sich (vgl. Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 4): zum einen die Erbschaft des

Präsidialsystems und zum anderen eine Elitenbildung nach dem Muster der Entfremdung

– hier wird häufig das 1952 erschienene Werk von Frantz Fanon als Vordenker der

Entkolonialisierung zitiert: „Peau noire, masques blancs“, meint „Schwarze Haut, weiße

Masken“, womit auf die ideologische Einflussnahme der Franzosen durch Bildungseinrichtungen

während der Kolonialzeit angespielt wird. Weitere Begleiterscheinungen sind

in dem festen Wechselkurs zwischen malischer (FCFA) und französischer Währung (FF

bzw. EUR) zu sehen, bei der eine strukturelle Überbewertung zu beobachten war, einer

wirtschaftlichen Abhängigkeit von Paris, verzerrten Export-/Importstrukturen, vehementer

Defizite im Governance-Bereich in Form von Misswirtschaft und Korruption sowie

einem demokratischen Defizit (vgl. Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 4). Diese

Entwicklungen können darauf hindeuten, dass das neue politische System von oben

aufgesetzt wurde und sich nicht aus sich heraus entwickelte.

Neben dem historischen, bleibt im Hinblick auf den Demokratisierungsprozess auch der

kulturelle Hintergrund zu berücksichtigen. Eine innerparteiliche Demokratie scheint in

der traditionellen Umgebung der malischen Gesellschaft schwierig umsetzbar zu sein,

denn traditionelle Wertesysteme beeinflussen weiterhin stark das Handeln. So spielen

Altersstrukturen eine wichtige Rolle, junge Männer geben dem Patriarchen keine

Widerworte, aber auch der Gender-Aspekt ist entscheidend, da Frauen im traditionellen

Kontext nicht in der Öffentlichkeit sprechen (Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 10).

80


Betrachtet man die Parteienlandschaft in Mali, so muss festgehalten werden, dass

malische Parteien vielfach auf der Idee einer Führungspersönlichkeit und deren

Anhänger basieren. Unterschiedliche Auffassungen führen zu einer Spaltung der ohnehin

kleinen Partei. In unserem westlichen oder europäischen Demokratieverständnis kann

eine innerparteiliche Demokratie ohne eine gewisse Breiten- oder Massenbasis jedoch

nicht praktiziert werden.

In Mali führte der äußere Druck unter dem Militärregime Moussa Traorés die Kritiker

und Andersdenkenden zusammen. Folglich setzte mit der Demokratie auch ein fast

natürlicher Zerfallsprozess der großen politischen Blöcke ein (Treydte, Dicko, Doumbia

2005, 10). Nach dem Sturz der Militärdiktatur und rund 30 Jahren Einparteiensystem kam

es zu einer regelrechten Explosion in der Parteienlandschaft. Einem Bericht der

Friedrich-Ebert-Stiftung zu Folge, wurde jedoch bei einer empirischen Untersuchung

2004 festgestellt, dass nur 63 der 94 offiziell registrierten Parteien ausgemacht werden

konnten (Treydte, Dicko, Doumbia 2005, 10). Häufige Kritik von internationalen

Beobachtern ist das Fehlen von durchdachten und stringenten Partei- und Wahlprogrammen.

Hinzu kommt das Phänomen der politischen Transhumance, was den

häufigen Lagerwechsel einzelner Abgeordneter beschreibt. Entsprechend wechselhaft

und personengebunden ist auch das Wählerverhalten (Treydte, Dicko, Doumbia 2005,

10).

7. Innenpolitische Themen

Im Zentrum der innenpolitischen Themen stehen die Bekämpfung der Armut, die

Förderung der Wirtschaftsentwicklung und die Konsolidierung des politischen Systems.

Aber auch der Kampf gegen Korruption wurde ab dem Jahr 2000 zu einem wichtigen

innenpolitischen Thema. Durch wiederkehrende Vorwürfe und mediale Aufdeckung von

Korruptionsfällen berief die malische Regierung eine Antikorruptions-Kommission ein,

die zum Teil erhebliche Fälle von Missmanagement und Korruption in einigen Regierungsinstitutionen

dokumentiert (Seebörger, Korruption).

Die Maßnahmen und Prozesse im Rahmen der Dezentralisierungspolitik sowie der

Umgang mit der Konfliktzone Nordmali, die eine Lösung des Tuareg-Konfliktes fordert,

gilt als kritische Bewährungsprobe der III. Republik.

8. Außenpolitische Beziehungen

Malis Außenpolitik ist nicht ideologisch orientiert, sondern kann als pragmatisch

ausgerichtet bezeichnet werden. Das wichtigste europäische Partnerland bleibt trotz

temporärer Belastungen in den malisch-französischen Beziehungen die ehemalige

Kolonialmacht Frankreich (Seebörger, Außenpolitische Themen). Im außenpolitischen

Kontext mit Frankreich und der Europäischen Union werden Fragen bezüglich der

Migration immer wichtiger. Die Emigration von Mali, welches als ein Transitland fungiert,

in Richtung Europa, ist oftmals lebensgefährlich und stellt für beide Seiten eine große

Herausforderung dar.

Seit Mitte der 90er Jahre ist in Mali ein zunehmender US-amerikanischer Einfluss zu

81


eobachten. Innerhalb der US-Afrikapolitik wird Mali eine wichtige Rolle in dem von den

USA initiierten Kampf gegen den Terror zugesprochen (vgl. Abramovici 2004). Diese

Entwicklung weist auf den postkolonialen Bedeutungsverlust von Frankreich in Afrika hin

(vgl. Kambudzi; Lecoutre, 2006). Neben den Beziehungen nach Europa und in die USA

pflegt Mali zudem gute Beziehungen zu der VR China sowie den wichtigsten islamischen

Staaten (Seebörger, Außenpolitische Themen).

9. Fazit: Versuch einer Bewertung

Mali wird oft als gelungenes Beispiel für eine Demokratisierung in Westafrika angeführt

(vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung 2005, 4; Seebörger, Machthaber und Machtgruppen) und

scheint im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit aufgrund der relativen politischen

Stabilität ein Liebling der internationalen Gebergemeinschaft zu sein.

Gemäß des BTI-Ländergutachtens 2008 für Mali (Bertelsmann Transformation Index)

haben sich die Erfolge der politischen Transformation verfestigt, während die

wirtschaftliche Transformation nicht so stark vorangeschritten ist: Mali nimmt beim

Länderranking nach dem Status Index Politik Rang 36 ein, befindet sich nach dem Staus

Index Wirtschaft jedoch lediglich auf Rang 76 von 125 (Bertelsmann Stiftung 2008-1). Mit

dem Bertelsmann Transformation Index wird versucht, Transformationsleistungen von

Ländern bezüglich ihrer marktwirtschaftlichen Demokratie zu messen und somit

Vergleiche zwischen einzelnen Regionen und Ländern zu erleichtern (Schmidt 2006, 9).

Der BTI gliedert sich in zwei Indices: den Status Index (Status Politik und Status

Wirtschaft) sowie den Management Index (vgl. Schmidt 2006, 10).

Abb. 1: BTI 2008 für Mali

Bertelsmann Stiftung 2008-2, 1.

Auch wenn die politische Transformation in Mali vergleichsweise weit fortgeschritten ist,

bleibt aus unserem westlichen Demokratieverständnis heraus kritisch zu beurteilen, dass

es sich in Mali weitestgehend um eine Konsensdemokratie handelt, in der eine

Opposition bisher nur sehr schwach ausgeprägt ist, Pluralität zwar akzeptiert wird, alle

Akteure jedoch eine soziale Hegemonie anzustreben scheinen. Konsensdemokratie

meint in diesem Zusammenhang, dass mittels Dialog der Konsens zwischen allen

angestrebt wird und die Machtausübung nicht durch die Mehrheit erfolgt.

Konsensdemokratien zielen darauf ab, im Hinblick auf politische Entscheidungen eine

möglichst breite Übereinstimmung zu erreichen und dabei auch die Vertreter der

Minderheitsmeinungen einzubeziehen. Kritiker sehen in dieser Strategie eine

82


Behinderung für realistische Lösungsstrategien und eine Behinderung von

Reformprozessen. In Mali beträfe das beispielsweise den Umgang mit Themen wie der

Stellung der Frau, dem geplanten Familienrechtsgesetzbuch oder der Genitalverstümmelung

– bei letzterem Thema setzt Malis Regierung eher auf eine allmähliche

Bewusstseinsbildung und nicht auf rechtliche Veränderungen der Rahmenbedingungen.

„Die politischen Parteien tendieren zur All-Parteienkoalition und es ist kein Zufall, dass

der Präsident parteilos ist. Obwohl dadurch ein potentiell fruchtbarer Wettstreit der

Ideen abgeschwächt wird, ist die Konsensneigung einer der Hauptgründe für den

relativen Erfolg der Demokratie in Mali.“ (Bertelsmann Stiftung 2008-2, 3).

Beim Blick auf die malische Demokratie werden außerdem häufig überzogene Privilegien

von führenden Regierungsmitgliedern kritisiert. Die Regierung unternimmt erste Schritte

im Kampf gegen Korruption, wobei die rechtliche Verfolgung oft nicht stringent ist.

Verschiedene Länderberichte über Mali zeigen, dass Korruption immer noch auf vielen

Ebenen verbreitete ist und als ein wichtiges Entwicklungshemmnis angesehen werden

kann. Mali liegt bei dem Corruption Perceptions Index 2008 auf Platz 96 von 180

Rangplätzen (Transparency International 2008).

In aktuellen Diskursen zum Thema Entwicklungszusammenarbeit, Demokratie in Afrika

und einer Partnerschaft zwischen Europa und Afrika wird vielfach darauf hingewiesen,

dass Teilaspekte einer afrikanischen Kultur 1 nur schwer mit westlicher Demokratie

vereinbar sind, dass jedoch bereits seit jeher auf lokaler Ebene funktionsfähige Strukturen

des Miteinanderlebens auf dem afrikanischen Kontinent bestanden. Die namibischen

Staatsanwältin Unomwinjo Katjipuka-Sibolile stellte beim ZEIT Forum Politik (ZEIT

Forum Politik: „Ein neuer Blick auf Afrika?“ am 19.04.09 in Hamburg) heraus, dass ihr der

aus der Begriffsabgrenzung ‚westliche Demokratie’ zu folgernde Begriff einer ‚afrikanischen

Demokratie’ geradezu suspekt erscheine. Es sei festzustellen, dass das

Zusammenleben und das politische Leben in Afrika vielerorts immer westlicher geformt

werden und dabei die Kultur und Tradition des jeweiligen afrikanischen Landes vielerorts

verloren gingen, beziehungsweise sich im Wandel befinden. Es sei schwierig, die

Traditionen zu erhalten und gleichzeitig zu einem demokratischen Umgang zu finden.

Unerwünschte, vermeintliche Begleiterscheinungen der Demokratisierungen können

folglich in einem zu beobachtenden, abnehmenden Respekt vor traditionellen Strukturen

gesehen werden. Doch hierbei muss berücksichtigt werden, dass Mali sich in einem

komplexen Prozess eines gesellschaftlichen Wandels befindet. Dieser gesellschaftliche

und politische Transformationsprozess ist in gewisser Weise mühsam, bietet Chancen

und Risiken und ist im Ergebnis noch offen.

Als mögliche Blickwinkel und Fragestellungen für die Exkursion nach Mali stand die Frage

nach einer Beteiligung der Bevölkerungsmehrheit am Demokratisierungsprozess:

Inwieweit besteht ein politisches Bewusstsein, eine konkrete politische Position, die in

Gesprächen vertreten wird. Wo liegen mögliche Gründe der geringen Wahlbeteiligung?

Viele Gespräche mit Maliern zeigten, dass ein demokratisches Bewusstsein ausgeprägt ist.

Beispielsweise wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass sich bei der nächsten Wahl im

Jahr 2012 zeigen werde, ob der regierende Präsident ATT sich an die demokratischen

Spielregeln halte, da er gemäß Verfassung kein weiteres Mal kandidieren darf.

Auf dem Hintergrund solcher Gespräche mit Menschen mit ausgeprägtem politischen

Bewusstsein könnte ein Grund für die geringe Wahlbeteiligung in mangelnden

1 Anm.: Eine zusammenfassende Verallgemeinerung des Kulturbegriffs ist ungenügend, dient in diesem Kontext jedoch der

vereinfachten, zusammenfassenden Betrachtung.

83


Alternativen liegen, da die programmatischen Unterschiede der Parteien häufig nicht

deutlich werden und allgemein ein großes Konsensstreben zum Mangel einer Opposition

führt. Zwar wurden bereits mobile Wahlbüros eingesetzt, um die ländliche Bevölkerung

bei den Wahlen einzubeziehen, dennoch liegt ein weiterer Grund für eine geringe

Wahlbeteiligung sicherlich in den maroden Verkehrsstrukturen sowie Mängeln auf Seiten

der Verwaltungsinfrastruktur, was sich beispielsweise im Fehlen von Ausweisdokumenten

zeigt. Bei dieser Betrachtung erscheint die Suche nach erfolgreichen Praxisbeispielen, die

den Demokratisierungsprozesses unterstützen und nach Ansätzen, die traditionelle

Strukturen und Demokratie verbinden und das kulturelle sowie nationale

Selbstbewusstsein Malis stärken, als wichtig. Der von der malischen Regierung

vorangetriebene und auf Geberseite geförderte Dezentralisierungsprozess kann dabei als

viel versprechend angesehen werden.

84


Literaturverzeichnis

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86


Touristische Strukturen

in Mali

Mirjam Krüger

87


Inhaltsverzeichnis

1. Die Geschichte des Tourismus in Mali.................................................................................... 89

2. Touristenankünfte........................................................................................................................ 89

3. Darstellung Malis bei den Reiseveranstaltern ........................................................................ 90

4. Touristische Regionen in Mali.................................................................................................... 91

5.1. Tourismus in der Dogon-Region ...................................................................................... 92

5.2. Chancen und Risiken des Tourismus ............................................................................... 93

5.3. Touristische Strukturen im Dogon-Land ........................................................................ 93

5.4. Die Begegnung der Dogon mit Touristen....................................................................... 95

5.5. Die neue Identitätsbildung bei den Reiseführern .......................................................... 95

6. Tourismus in Timbuktu............................................................................................................... 96

7. Resümee......................................................................................................................................... 97

88


1. Die Geschichte des Tourismus in Mali

Die Wurzeln des Tourismus in Mali gehen streng genommen zurück auf die Zeit des

Songhai-Reiches im 15. und 16. Jahrhundert. Mali war zu dieser Zeit eines der größten

Reiche Afrikas- europäische sowie arabische Forscher kamen, um besonders Timbuktu

als Handelszentrum dieses Reiches zu entdecken und im Westen darüber zu berichten

(vgl. Krause 2006, 30). Auch die Dogon-Region im Südosten des Landes hat eine lange

Tourismustradition. Ab den 1930er Jahren gab es ethnische Forschungen über das

Dogon-Volk und in Besondere die ethnographischen Filme von Griaul haben dies

Interesse geweckt. Die Dogon werden in seinen Filmen mystisch dargestellt und dieses

Bild lockt bis heute Touristen an. (vgl. Luttmann 2002, 172f.). Das Land verfügt über

einen großen kulturellen Reichtum auf Grund seiner Vergangenheit. Der Reichtum der

einstigen großen territorialen Reiche spiegelt sich heute noch in dem sudanesischen

Lehmbaustil, den Maskentänzen und dem Textilhandwerk wieder (vgl. ebd.) Die

Tourismuswerbung bedient sich diesem ethnologisch geprägten Bild der Dogon und

dem kulturellen Reichtum.

Im Jahre 1960 wurde Mali unabhängig von den Franzosen und landesweit stieg die Zahl

der Touristenankünfte (vgl. Tabelle Nr.1). Nach der Unabhängigkeit war der Tourismus

vorerst staatlich organsiert und somit verdiente auch nur der Staat am ihm. 1990 kam es

zur Liberalisierung und die Einheimischen konnten fortan als Tourenführer oder

Hotelbetreiber Geld verdienen. Durch regen Straßenbau wurden viele kleine Dörfer,

besonders im Dogon-Gebiet, nach der Liberalisierung für die Touristen zugänglich, die

vorher noch abgeschnitten waren (vgl. Van Beek 2003, 265ff.). Obwohl der Tourismus

heute liberalisiert ist, bleibt die Tendenz diesen zu begrenzen. Das Dogon-Land dürfen

Touristen beispielsweise nur mit einem einheimischen Fremdenführer besuchen (vgl. Van

Beek 2003, 272). Heute spielt der Staat keine große Rolle mehr bei der Organisation des

Tourismus. In Mali gibt es keine politischen Leitlinien mit Maßnahmen hinsichtlich

Qualitätssicherung der Hotels oder Touren und der Ausbildung der Angestellten

(Luttmann 2002, 172).

Die Kernbesuchszeit Malis ist in der Trockenzeit von Oktober bis Februar. Ab März

werden die Temperaturen sehr heiß und im Juli beginnt die Regenzeit (vgl. Velton 2008,

S.33f.). Der Tourismus spielt sich seit der Tuareg-Rebellion zu Beginn der 90er Jahre fast

ausschließlich im Sahel Gebiet ab, da die Sahara als unsicher eingestuft wird. Dies war zu

Beginn der 90er Jahre noch anders, da viele Sahara Touristen auch nach Mali reisten.

2. Touristenankünfte

Die Bedeutung Malis als Reiseland im internationalen Vergleich ist sehr gering. Der

Kontinent Afrika verzeichnet 3,6% der weltweiten Touristenankünfte und auch im

afrikanischen Vergleich ist der Tourismus noch gering ausgeprägt (vgl. WTO 2007). Die

Zahlen der Ankünfte in Mali bis 2001 belegen aber, dass sich der Tourismus auf geringem

Level aber stetig entwickelt. Besonders seit Mitte der neunziger Jahre, nachdem die

Dürre-Periode und die Tuareg-Rebellion überwunden waren, haben sich die

Touristenankünfte im Land verdreifacht (vgl. Krause 2006, 110).

89


Abb. 1: Touristenankünfte Mali

KRAUS, Silke 2006: Mythos Timbuktu, Freie Universität Berlin. Magisterarbeit.

Für die Bewohner Malis hat der Fremdenverkehr jedoch eine wichtige Bedeutung, da

durch ihn neue Arbeitsplätze im Land geschaffen werden. Ansonsten bietet das Land vor

allem Beschäftigung im Agrarsektor. Der Tourismus ist in einigen Gebieten des Landes

schon zu dem wichtigsten Standbein der Wirtschaft geworden. (vgl. VAN BEEK 2003,

252)

3. Darstellung Malis bei den Reiseveranstaltern

Mali als Reiseziel ist nur bei Spezialreiseveranstaltern und Studienreiseveranstaltern

vertreten und wird meisten als geführte Rundreise angeboten. Daran lässt sich erkennen,

dass es sich nicht um ein Massenreiseziel handeln kann und es ergibt sich die Chance die

Entwicklung des Tourismus mit beeinflussen zu können. Bei den Reiseveranstaltern wird

Mali als das unberührte, exotische Land mit einer unverfälschten Kultur und einer

ethischen Vielfalt dargestellt. Gerade die Kombination aus Wüstenerlebnis und

kultureller Vielfalt wird von vielen Veranstaltern in den Vordergrund gestellt (vgl.

Africantours 2009). Dieses dargestellte Bild geht einher mit den Wünschen der

Menschen nach Individualisierung und dem Drang immer wieder einzigartige und

exotische Dinge zu erleben. Man möchte am liebsten als Tourist dorthin, wo noch kein

Mensch vorher gewesen ist. Dieser Trend in unserer Gesellschaft eröffnet Mali viele

Chancen.

Gleichzeitig impliziert das Reiseland Afrika bei den Touristen auch Krankheiten und

Unsicherheit. Aus dieser Kombination ergibt die Tendenz, dass die Touristen in Mali in

einer für Sie geschaffenen Blase reisen. Von den Reiseveranstaltern wird eine

durchgeplante Route vorgegeben und ein bestimmter Komfort gewährleistet, der meist

nicht typisch für afrikanische Verhältnisse ist. So können die Touristen die exotische

90


Anziehungskraft erleben, dennoch wird gleichzeitig zu viel Unsicherheit und ein

Kulturschock vermieden (vgl. Van Beek 2003, 254).

4. Touristische Regionen in Mali

Der Tourismus im Land beschränkt sich seit Mitte der 90er Jahre auf die Sahel-Zone, da

die Sahara-Region seit der Tuareg-Rebellion als unsicher gilt. Ebenfalls halten sich in

diesem Gebiet Al-Qaida Gruppen auf, weswegen von Reisen in diese Region abgeraten

wird (vgl. Auswärtiges Amt 2009). Es gibt kaum noch Reiseveranstalter die Reisen in die

Wüste anbieten- bis in die 80er Jahre waren diese grenzüberschreitende Karawanenreisen

noch ein wichtiges touristisches Geschäft.

Heute spielt sich das touristische Leben hauptsächlich entlang des Nigers in den Städten

Bamako, Ségou, Mopti, Timbuktu und Gao sowie in Djenné und im Dogon-Land ab.

Bamako ist die Hauptstadt des Landes und nahezu alle Rundreisen starten hier. In der

Stadt sind drei große Märkte, auf denen man unter anderem traditionelles

Kunsthandwerk erwerben kann (vgl. Velton 2008, 99ff.). In Mopti sind der große

Fischerhafen mit den Pirogen und Pinassen sowie der turbulente Markt ein touristischer

Anziehungspunkt (vgl. ebd. 160ff.). Djenné und Timbuktu waren die einstigen großen

Zentren des Songhai-Reiches und die sudanesische Lehmbauarchitektur ist hier

besonders ausgeprägt. In Djenné sei noch der immer montags stattfindende Markt

erwähnt, der die ganze Stadt schlagartig belebt (vgl. ebd. 147ff.). Das Dogon-Land bietet

dem Touristen einen Einblick in die reiche Dogon-Kultur mit ihren Riten, Maskentänzen

und traditioneller Musik. Auch der Lehmbaustil ist in dieser Region verbreitet (vgl. ebd.

175ff.).

Foto 2 : eine Piroge auf dem Niger

Aufnahme von Theresa Lauw

91


Foto 3 /Foto 4: Beispiel der Lehmbauarchitektur in Mopti und Djenné

Aufnahmen von Susann Aland

Die wichtigsten touristischen Regionen stellen die Dogon-Region im Südosten und

Timbuktu im Zentrum Malis dar, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.

5.1. Tourismus in der Dogon-Region

Die Region im Südosten Malis hat ein außergewöhnlich großes touristisches Potenzial.

Dies ist bedingt durch die lange kulturelle Tradition der Ethnie, die seit dem

15.Jahrhundert dort lebt. Die Dorfsiedlungen der Dogon sind in Felshänge im Bandiagara-

Plateau gebaut, wodurch sich die Bevölkerung vor den Sklavenhändlern und anderen

Feinden schützen konnte. Diese anscheinend unberührte Kultur zieht den westlichen,

internationalen Touristen in besonderem Maße an (vgl. Van Beek 2003, 256ff). Im Fokus

92


der Reisen steht für die Touristen meist die Kultur der Dogon, ihre Feste und ihr

animistischer Glauben all dies in einer landschaftlichen Traumkulisse.

Die Region der Dogon ist in der Agrarproduktion, im Vergleich zu vielen anderer

Regionen in der Sahel-Zone entlang des Nigers, stark benachteiligt. Dieses ist vor allem

geographisch (unebene Plateauregion) und klimatisch bedingt, da es sich um eine sehr

trockene Region handelt (vgl. ebd. 255). Die Einnahmequelle aus dem Tourismus ergänzt

sich gut mit der Landwirtschaft, da er zeitlich in die wirtschaftlich weniger aktive Zeit

fällt. (vgl. Luttmann 2002, S.182). Bevor ich näher auf die heutigen touristischen

Strukturen und die Begegnung der Dogon mit den Touristen eingehe, möchte ich kurz

auf die Chancen und Risiken des Tourismus für eine Region zu sprechen kommen.

5.2. Chancen und Risiken des Tourismus

Es gibt ambivalente Diskussionen über die Rolle von Entwicklungsländern im Tourismus.

Einerseits wird in dem internationalen Tourismus eine große Chance bezüglich des

ökonomischen Wachstums gesehen. Gerade seit der Liberalisierung des Tourismus in

Mali Anfang der 90er Jahre kommen die Einnahmen nicht mehr dem Staat sondern der

Bevölkerung zu Gute. Andererseits ist der Tourismus ein Wirtschaftszweig, bei dem viel

Geld in nationalen und internationalen Touristikunternehmen „hängenbleibt“ und vor

allem gering qualifizierte, einheimische Saisonkräfte eingesetzt werden (vgl. Luttmann

2002, 169). Auch wird beim Tourismus immer wieder über die negativen Auswirkungen

auf die lokale Kultur und die Ökologie berichtet. Bei den negativen Auswirkungen auf die

lokale Kultur ist die Rede von Überfremdung, Kulturverfall und Vermarktung der Kultur

(vgl. Van Beek 2003, 251).

Inzwischen findet ein differenziertes Denken bezüglich der positiven und negativen

Auswirkungen statt- es muss bei jeder Region und bei jedem Land individuell betrachtet

werden, wie die Bevölkerung mit dem Tourismus umgeht. Die Weiterentwicklung des

sozial- und ökologisch tragfähigen Tourismus ist sehr wichtig, so dass die Einheimischen

einen ökonomischen Vorteil haben und die Einnahmen aus dem Tourismus nicht

ausschließlich an Großkonzerne gehen. Außerdem müssen die Gastgeber die

Entscheidungen mit eingebunden werden und die Auswirkungen des Tourismus sollten

aus ihrer Perspektive betrachtet werden und nicht aus der Perspektive der westlichen

Welt (vgl. LUTTMANN 2002, 169) So kann der Tourismus auch die Chance zur

Stärkung der Identität und Selbstwahrnehmung bieten und impliziert nicht immer sofort

Zerstörung (vgl. ebd. 170)

5.3. Touristische Strukturen im Dogon-Land

Die Unterkünfte in der Region sind einfach, häufig auch unter freiem Himmel und

werden meistens von Einheimischen geführt. Trotzdessen sind sie den Bedürfnisses des

westlichen Touristen angepasst- sie sind ergänzt durch Baumbepflanzung und

Blumensträuchern, die Nutzungsräume des einzelnen Touristen sind abgetrennt so dass

93


jeder seine Privatsphäre hat. Die Speisen sind ebenfalls auf den europäischen Gaumen

zugeschnitten (vgl. Luttmann, Tourismusstrukturen im heutigen Dogon-Land). Häufig sind

die Unterkünfte um einen Souvenirshop ergänzt, in denen typische Kunst wie

beispielsweise die Masken „kanaga“ der Dogon verkauft werden. Es ist nur eine Maske

von vielen der Dogon und sie wird bei den Maskentänzen von den Männern getragen.

Die Maskentänze gehören zu einem touristischen Highlight der Region und die Touristen

zahlen ein Entgelt, damit diese Tradition extra für die „nachgeahmt“ wird.

Die zentrale Rolle im Tourismus haben die jungen Dogon-Männer, die sich als Guides

betätigen. Sie führen die Touristengruppen von Dorf zu Dorf und erklären ihnen die

Lebensweise der Dorfbewohner und das animistische Glaubensprinzip. Es existiert ein

starker Konkurrenzkampf da der Begriff Fremdenführer kein geschützter Begriff ist.

Auch als Souvenirverkäufer und Hostelbetreiber betätigen sich in der Regel die jungen

Männer, die gerne die ökonomischen Chancen ergreifen (vgl. Luttmann 2002, 172f.). Sie

sind ansonsten wegen der hierarchischen Sozialstruktur stark benachteiligt, da erst mal

die Brüder des Vaters erben wenn dieser verstirbt. Dadurch kommen die Männer erst

im fortgeschrittenen Alter in den Besitz von guten Böden um Landwirtschaft zu

betreiben (vgl. Van Beek 2003, 272)

Die Touristenzahlen in der Dogon-Region sind genauso wie im gesamten Land Mali

steigend. Im Jahre 2000 lag die Zahl der Übernachtungen bei 15.000 im Jahr, heute sind

es bereits doppelt so viele. Diese Zahl hört sich vergleichsweise sehr gering an aber man

muss bedenken, dass es auch nur eine limitierte Zahl an Übernachtungsmöglichkeiten

gibt die Region als Massenreiseziel nicht geeignet ist (vgl. Van Beek 2003, 268).

Foto 5: Maske der Dogon: kagan

Galerie für traditionelle Afrikanische Kunst

94


5.4. Die Begegnung der Dogon mit Touristen

Das Verhältnis zwischen Tourist und Bewohner des Landes ist bei Entwicklungsländern

sehr asymmetrisch (vgl. Luttmann 2002, 170). Westliche Touristen, die ins Dogon-Gebiet

gelangen, sehen sich anders als sie von den Einheimischen gesehen werden. Sie

betrachten sich als überdurchschnittlich in anderen Kulturen interessiert und gebildet.

Die Dogon nehmen den Touristen nicht so wahr- für sie sind sie eine „wandelnde

Geldbörse“, die möglichst viel konsumieren sollten (vgl. Van Beek 2003, 278). Die

Besucher erweisen sich in der Regel als sehr großzügig und teilweise entstehen sogar

Initiativen zum Bau von neuen Schulen, Brunnen, Staudämmen etc. Die Frage ist, wie die

einheimische Bevölkerung mit dieser Asymmetrie umgeht? Wie reagieren sie auf die

materielle Überlegenheit und können sie ihre Kultur bewahren? Wie bereits an anderer

Stelle erwähnt ist nur eine kleine Gruppe von jungen Männern direkt am Tourismus

beteiligt, wobei das Gros der Bevölkerung sich von den Touristenströmen nicht

betroffen fühlt (vgl. Luttmann 2002, 183). Das tägliche Leben orientiert sich an der

Landwirtschaft, dem wöchentlichen Rhythmus der Märkte und der Trocken- und

Regenzeit. Der Tourist stellt eine willkommene Abwechslung da, aber keinen Eingriff in

den Alltag. Sie reisen sehr abgegrenzt von der Bevölkerung -halt in der künstlich für sie

konstruierten Blase. Es findet auch kaum Kommunikation zwischen den beiden Gruppen

statt, was auch durch sprachliche Barrieren hervorgerufen wird. Das Produkt „Kultur“

ist die Hauptattraktion für die Besucher, deswegen sind auch die Maskentänze als

wichtiger Teil dieser Kultur so beliebt. Dies birgt die Gefahr, dass die Bewohner den

Eindruck bekommen ihre Kultur würde als Gebrauchsgegenstand gehandelt werden (vgl.

Van Beek 2003, 273ff.). Andererseits kann der Tourismus auch dazu führen, dass die

Identität noch mehr gestärkt wird durch das starke Interesse an der Kultur. Die Dogon

sind sehr stolz, haben eine starke Verbindung zu ihrer Kultur, dadurch ein starkes

Selbstbewusstsein und vermitteln dies auch den Touristen. Die Kultur ist geprägt durch

Sesshaftigkeit- die Abenteuerkultur der Reisenden ist für sie schwer nachvollziehbar und

deswegen begegnen sie ihnen auch eher skeptisch. Sie haben dem Touristen gegenüber

ein Überlegenheitsgefühl, sind dabei aber trotzdem offen und gastfreundliche (vgl.

Luttmann 2002 179f.)

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Gefahr der kulturellen Überfremdung durch

die Touristen in der Dogon-Region sehr gering ist. Einerseits ist es bedingt durch die

wenigen Berührungspunkte und andererseits durch das starke Selbstbewusstsein und die

Verbindung zu ihrer Kultur.

Der Tourismus hat noch eine positive Folge: Den Dogon wurde durch das

entgegengebrachte Interesse an ihrer Kultur die Notwendigkeit des Erhalts des

kulturellen Erbes bewusst (vgl. LUTTMANN 2002 182f.).

5.5. Die neue Identitätsbildung bei den Reiseführern

Die jungen Dogon-Männer, die sich als Touristen- Guides betätigen, geraten durch ihre

Tätigkeit in einen Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne. Die Männer geraten in

diesen Zwiespalt weil ihre Arbeit von der traditionellen Bevölkerung als nicht ehrenhaft

95


angesehen wird. Soziale Anerkennung erfahren bei den Dogon lediglich die Feldarbeiter

(walu) wohingegen die Arbeiten der Berufskasten (bire), zu denen auch die Händler

zählen, als abhängig und heuchlerisch betitelt werden. Die Reiseführer bilden quasi eine

neue Berufskaste, die sich durch Verhandlungsgeschick und auch Abhängigkeit zu den

Kunden, auszeichnet und somit von den Dogon als nicht ehrenhaft gilt (vgl. Luttmann

2002 188f.).

Die Fremdenführer selber sehen sich als modernes Leitbild und streben nach sozialer

Anerkennung in der Gesellschaft. Sie können als Fremdenführer schnelles Geld verdienen

und Begeben sich auf Reisen, was den meisten anderen Dorfbewohnern verwehrt bleibt.

Ihr äußeres Erscheinungsbild wird von den Touristen als traditionell wahrgenommen, da

es auf den ersten Blick so aussieht aber die traditionelle Kleidung ist stark verfälscht.

Auch das Freizeitverhalten der jungen, modernen Touristenführer wird von der

traditionellen Bevölkerung verachtet. Einige der Männer kleiden sich in einem westlichen

Kleidungsstil und tragen deren Konsumgüter, was auf Ablehnung in der Bevölkerung

stößt (vgl. Luttmann 2002, 185 ff.).

Abschließend kann man festhalten, dass die jungen Dogon-Männer auf Grund der

soziokulturellen Konstruktion der Dogon nicht als das moderne Leitbild angesehen

werden, als dass sie sich gerne sehen.

6. Tourismus in Timbuktu

Mit dem Namen „Timbuktu“ wird in der westlichen Welt etwas Geheimnisvolles

verbunden. Einerseits wird die Stadt mit dem Bild vom „Ende der Welt“ assoziiert und

andererseits existiert das Bild einer Stadt als Treffpunkt von Gläubigen und

Intellektuellen (vgl. Kraus 2009, 29). Timbuktu war zur Zeit des Songhai-Reiches ab Mitte

des 15.Jahrhunderts eine reiche Stadt und das Handelszentrum, in dem mit Gold,

Elfenbein, Gewürzen und dem bekannten Wüstensalz gehandelt wurde. Aus dem Norden

kamen die Kamelkarawanen und die Güter wurden weiter in den Süden gehandelt. Zu

dieser Zeit war die Stadt ein Treffpunkt von Händlern und Gelehrten, außerdem gab es

über 100 Koranschulen und Universitäten in der Stadt. Im Jahre 1591 wurde die Stadt

von marokkanischen Truppen zerstört und die Reichtümer wurden geplündert. Heutzutage

aber auch während des Songhai-Reiches leben in Timbuktu verschiedene Ethnien,

überwiegend aber die Songhai und die Tuareg. Ursprünglich sind die Tuareg

Halbnomaden und lebten von der Viehzucht aber die Dürrejahre in Mali haben viele in

die Städte gezogen (vgl ebd. 30ff.)

Heute reisen die Touristen nach Timbuktu um die Zeitzeugnisse dieser großen Ära zu

entdecken: alte Kaufmannshäuser aus dem 15.Jahrhundert, Moscheen, Bibliotheken,

sudanesische Lehmbaukultur. Auch die beeindruckende Halbwüstenlandschaft, in der für

den Touristen Kamelritte inklusive Übernachtung in einem Campement angeboten wird.

In den 80er Jahre waren auch noch Kamelritte durch die Wüste mit den Touristen eine

Einnahmequelle der Tuareg. Die Nachfrage nach den mehrtägigen Trips aus dem Norden

kommend ist in Folge der Tuareg-Rebellion aber quasi eingebrochen. Touristen reise

ebenfalls nach Timbuktu um die Kultur der Tuareg kennenzulernen, die früher als

Nomaden durch die Wüste gezogen sind (vgl. ebd. 64ff.). Der Tourismus hat sich in

Timbuktu inzwischen zu der Haupteinnahmequelle entwickelt.

96


Foto 6: Eine der drei Moscheen in Timbuktu

Aufnahme von Susann Aland

Für einen Besuch in dieser Stadt nehmen die Touristen eine beschwerliche Anreise auf

sich. Mit Trucks fährt man einen Tag lang durch die Halbwüste oder man steigt in

Bamako in ein kleines Flugzeug. Aber warum nehmen alle Touristen diese Kosten und

Mühen auf sich? Was erwarten sie sich von ihrem Besuch in Timbuktu und wie sieht die

Realität aus?

7. Resümee

Auch während unserer Reise durch Mali war in der Gruppe immer wieder eine ganz

besondere Aufregung zu spüren, wenn wir über die bevorstehende Tour nach Timbuktu

gesprochen haben. Was erwartet uns dort? Wie viele Zeitzeugnisse sind tatsächlich noch

zu sehen? Wie beschwerlich wird die Reise?

In den zwei Tagen in Timbuktu stellten wir Gemeinsamkeiten zu den bisher gesehenen

Städten fest aber auch viele Unterschiede, besonders aus dem touristischen Blickwinkel.

Tatsächlich haben wir festgestellt, dass nicht mehr viel in der Stadt an den einstigen

Reichtum erinnert. Die Menschen leben in armen Verhältnissen in den traditionellen

Lehmhäusern, die etwas betuchteren bauen Häuser aus Ziegelsteinen. Das Leben findet

ebenso wie in den anderen Städten Malis auf der Straße statt, die Einwohner verkaufen

ihre Waren auf den Märkten, in kleinen Läden oder auf der Straße um ihre Familie zu

ernähren. Die Stadt unterscheidet sich in ihrem Stadtbild nicht sehr von anderen

malischen Städten, bis das wir uns in der Halbwüstenlandschaft befinden und die Straßen

deshalb mit Sand bedeckt sind. Trotzdem war es ein besonderes Gefühl durch die

Straßen zu gehen und sich vorzustellen, wie es hier wohl ausgesehen haben mag als die

Stadt übersät war von Universitäten und Studenten. Und als riesige Karawanen mit bis zu

400 Kamelen, aus dem Norden mit Gold und Salz beladen, eintrafen. Dieses

Vorstellungsvermögen hatten wir auch unserem Fremdenführer Kalil zu verdanken, der

97


uns in einem guten Englisch die Geschichte der Stadt, die heutigen Strukturen und viele

Informationen über das Leben der Tuareg näher gebracht hat.

Dies ist ein großer Unterschied Timbuktus zu den bis dahin besuchten Städten. Die

Fremdenführer können nicht-französisch sprachigen Touristen mehr vermitteln wenn sie

Touren auch auf Englisch anbieten können. Glaubt man der Aussage Kalils so können alle

Tuareg, die sich als Fremdenführer betätigen, auch Englisch sprechen. Die Händler auf

der Straße und auf den Märkten, die sich auf touristische Produkte wie etwa Tuareg-

Schmuck spezialisiert haben, sprechen Brocken von Englisch um sich mit den Touristen

unterhalten zu können und ihre Ware besser verkaufen zu können.

Während der Stadtführung hat uns Kalil ebenfalls über das Kanalisationssystem

aufgeklärt, dass in der Altstadt Timbuktus entsteht. Die Stadt erhofft sich durch diese

Maßnahme natürlich bessere Lebensbedingungen für die Einwohner aber gleichzeitig, dass

noch mehr Touristen die Stadt besuchen werden. In keiner anderen Stadt, die wir als

Gruppe besucht haben sind solche Maßnahmen in Planung.

In Timbuktu hat man ebenfalls damit begonnen regionale Ressourcen und Faktoren für

die touristische Entwicklung der Stadt besser zu nutzen. Ein Beispiel hierfür ist die

Kameltour durch die Halbwüste mit anschließender Übernachtung und Bewirtung im

Campement, die auch wir unternommen haben. Auf Basis der endogenen Potenziale wird

ein touristisches Programm entwickelt, für das keine zusätzliche Infrastruktur wie etwa

Hotels geschaffen werden müssen, sondern das sich aus den Gegebenheiten vor Ort

ergibt. Für den westlichen Touristen sind solche Angebote etwas Einzigartiges und sie

haben das Gefühl die Kultur der Tuareg hautnah mitzuerleben. Auch die Tuareg schlafen

unter freiem Himmel während sie mit Karawanen durch die Wüste ziehen. Vergleichbar

ist dieses Angebot in Timbuktu mit den Maskentänzen bei den Dogon, die von den

Touristen gebucht werden können um die Kultur hautnah mitzuerleben.

Foto 7: Kameltour zum Wüstencamp

Aufnahme von Susann Aland

98


Wir als Gruppe hatten den Eindruck, dass der Tourismus in ganz Mali noch in den

Kinderschuhen steckt. Während der Reise sind wir selten auf andere Touristen gestoßen

und wenn waren es organisierte Kleingruppen von Touristen mittleren Alters, die

vermutlich eine organisierte Rundreise gebucht hatten. Das Land hat viele touristische

Potenziale vor allem aus kultureller Sicht, die ich in dieser Ausarbeitung ausführlich

aufgeführt habe. Hinzu kommt, dass man in Mali als Tourist ein hohes Sicherheitsgefühl

empfindet. Wir haben uns auf der Straße frei bewegen können, hatten keine Angst vor

Überfällen und haben auch immer nach Einbruch der Dunkelheit das Hotel verlassen

können. Dies ist nicht in allen afrikanischen Ländern so selbstverständlich möglich. Nicht

vergessen möchte ich an dieser Stelle die Offenheit, mit der man als Tourist in Mali

empfangen wird. Wir waren immer wieder überwältigt von der Gastfreundschaft und der

Freundlichkeit der Menschen. All dies macht Mali zu einem reizvollen und einzigartigen

Reiseland.

99


Literaturverzeichnis

KRAUS, Silke 2006: Mythos Timbuktu, Freie Universität Berlin. Magisterarbeit.

LUTTMANN, Ilsemargret 2002: Tourismus und Kulturerhalt. Ein Widerspruch? Der

Umgang der Dogon (Mali) mit dem internationalen Tourismus. Baessler Archiv,51.

VAN BEEK, Walter 2003: African tourist encounters. Effects of tourism on two West

African societies. In: Africa, 73, 2.

VELTON, Roos 2008: Mali. The Bradt Travel Guide, Guilford.

AFRICANTOURS 2009: Mali. Durch den Sahel an den Rand der Wüste mit einer

Wanderung durch das Land der Dogon. URL:

http://www.africontours.de/103/Mali/Touren/Mali_MA_01.html, Stand 01.04.2009.

AUSWÄRTIGES AMT 2009: Reise- und Sicherheitshinweise. URL: http://www.auswaertigesamt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Mali/Sicherheitshinweise.html,

Stand 24.04.2009.

WORLD TRAVEL ORGANIZATION 2009: Tourism Statistics Mali. URL:

http://www.unwto.org/index.php, Stand 01.04.2009.

100


Alles für die Katz?

Lehren aus der Entwicklungspolitik

Mathias Becker

101


Inhaltsverzeichnis

1. Armut in Zahlen: Mali .............................................................................................................. 103

2. Ursachen der Unterentwicklung............................................................................................. 104

2.1. Die Sahelzone – naturräumliche Festsetzung von Armut?........................................ 104

2.2. Nomadentum: rückständige oder angepasste Lebensweise? .................................... 105

2.3. Das koloniale Erbe ............................................................................................................. 106

2.4. Bevölkerungsexplosion...................................................................................................... 106

2.5 Wirtschaftliche Defizite und Abhängigkeiten ................................................................ 107

3. Entwicklung der Entwicklungszusammenarbeit ................................................................... 107

4. Entwicklungszusammenarbeit an Beispielen ......................................................................... 109

4.1. Das „Office du Niger“....................................................................................................... 109

4.2. Mali Nord ............................................................................................................................. 111

5. Fazit ............................................................................................................................................... 114

102


1. Armut in Zahlen: Mali

Mali gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Weltbank beziffert das BIP 2006 auf

6.1 Mrd. US-Dollar, das Pro-Kopf-Einkommen betrug 440 US-Dollar (vgl. Weltbank

2008a, 388). 72 % der Bevölkerung leben unterhalb der internationalen Armutsgrenze

von 2 US$ pro Tag (vgl. Weltbank 2008a, 391). Im aktuellen UNDP-Bericht über die

menschliche Entwicklung verharrt Mali auf den hintersten Plätzen: zuletzt auf Rang 168

von 179 Ländern (vgl. UNDP 2008) 2 .

Abb. 1: Mali’s Human Development Index (Quelle: UNDP 2008)

Einen anderen Ansatz, die Entwicklung eines Landes zu messen, verfolgt der Bertelsmann

Transformation Index BTI der Bertelsmann Stiftung. Der BTI versucht, zwei Komponenten

zu erfassen: Zum einen die Berücksichtigung des Schwierigkeitsgrades, der die

Spielräume politischen Handelns beeinflusst. Diese Komponente, die erheblichen Einfluss

auf das Länder-Ranking hat, lässt Rückschlüsse auf die Möglichkeiten und Grenzen

entwicklungspolitischer Interventionen zu. Zum anderen hat die Bewertung der

Bereitschaft der politischen Führungsgruppe zur Kooperation mit externen Akteuren

und bei der Umsetzung von Reformpolitik viel mit der Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit

zu tun (vgl. Nuscheler 2008, 11f). Während UNDP und Weltbank Mali

auf die hintersten Plätze ihrer Indizes verweisen, sieht der BTI das vielzitierte

„Musterbeispiel für Demokratie in Afrika“ aufgrund seiner politischen Stabilität erheblich

positiver.

2 Der Human Development Index (HDI) der UN ist eine Messzahl für den Entwicklungsstand eines Landes und

setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Lebenserwartung, Ausbildung und Kaufkraft.

103


Abb. 2: Der BTI für Mali (Quelle: BTI 2007, 1) 3

2. Ursachen der Unterentwicklung

2.1. Die Sahelzone – naturräumliche Festsetzung von Armut?

„Sahel“ leitet sich aus dem arabischen Wort „as-sahil“ ab und bedeutet „Ufer“ oder

„Küste“ – denn das war der Sahel für die Bewohner der Wüste: ein rettendes Ufer. Dort

gab es Wasser, Getreide, dort begegneten sich hellhäutige, nomadische Viehzüchter und

negride, sesshafte Bauern und Stadtbewohner. In unserem westlichen Weltbild hingegen

steht der Sahel geradezu als Synonym für Dürrekatastrophen und Hungersnöte.

Naturgeografisch weist dieser Raum nirgendwo klare Grenzen auf. Eine ungefähre

Abgrenzung erfolgt meist durch die Isohyten (Linien gleichen Jahresniederschlags): den

Nordrand bildet die 200mm-Linie und den Südrand die 600mm-Linie. Entscheidend für

die Ökologie des Sahels ist jedoch nicht so sehr die absolute Niederschlagsmenge,

sondern viel mehr die Niederschlagsschwankungen. In der Kernzone des Sahel beträgt

die Niederschlagsvariabilität zwischen 20 und 30 % (vgl. Krings 1993 130).

3 Der Status-Index informiert über den im Frühjahr 2007 erhobenen Entwicklungsstand eines Landes auf dem

Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft, während der Management-Index die Qualität der

Steuerungsleistungen der politischen Entscheidungsträger im Zeitraum von 2005 bis 2007 klassifiziert.

104


Abb. 3: Die Sahelzone (Quelle: Krings 1993, 131)

2.2. Nomadentum: rückständige oder angepasste Lebensweise?

Die hohe Niederschlagsvariabilität verdeutlicht die Labilität des Naturhaushaltes, eine der

größten Herausforderungen für das Leben im Sahel. Sie bedingt, dass in den nördlichen

Gebieten des Sahel (im Gegensatz zum feuchteren Süden) kein sicherer Ackerbau mehr

betrieben werden kann, hier dominieren daher vielfältige Formen der voll- und

halbnoma-dischen Tierhaltung. Im Nordosten Malis sind dies die vollnomadischen

Stämme der Tuareg, weiter südlich vor allem die halbnomadischen Fulbe (vgl. Krings

1993, 134-135).

Abb. 4: Siedlungsgebiet der Tuareg (Quelle: Care 2008)

105


Die Kolonialzeit brachte für die nomadischen Stämme Nord-Malis weniger das Problem

der „Seßhaftmachung“ als vielmehr die sukzessive Einschränkung ihre Landrechte. Die

Ausdehnung der Feldbauzonen gen Norden führte zu Konflikten über angestammte

Weideareale und Wasserstellen zwischen den Tuareg und sesshaften Siedlern. Die

willkürlichen Grenzen, die mit der Unabhängigkeit der Sahelländer zementiert wurden,

sorgen für weitere Schwierigkeiten. Eine großräumige Wandertierhaltung ohne Grenzverletzungen

ist nicht mehr möglich. Die nomadische Lebensweise wurde in allen

Sahelländern als rückständig und überkommen angesehen, die Seßhaftmachung der

Stämme war (und ist) oft das erklärte Ziel. Nicht erkannt wird dabei meist, dass ihre

nomadische Lebensweise die einzige ist, die in den Wüsten und Halbwüsten nachhaltig

möglich ist. Die Stiefmütterliche Behandlung insbesondere der Tuareg führt bis heute

immer wieder zu Spannungen und Konflikten.

2.3. Das koloniale Erbe

Der labile Naturhaushalt ist allerdings nicht die alleinige Ursache für die destabilisierte

Landwirtschaft im Sahel. Die naturräumlichen Gegebenheiten ließen durchaus eine

Selbstversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu. Verhindert wird dies im

Wesentlichen auch durch die koloniale Ausrichtung auf den Export landwirtschaftlicher

Güter anstatt auf agrarische Selbstversorgung. Diese Schieflage wurde wie in vielen

Sahelländern so auch in Mali von den postkolonialen Eliten nicht beseitigt. Hauptexportgüter

Malis sind nach wie vor Baumwolle und Gold sowie Erdnüsse. Die

Nahrungsmittelproduktion ist auf die Bedürfnisbefriedigung urbaner Eliten ausgerichtet

(vgl. Krings 1993, 136). Eine weitere Hypothek aus der Kolonialzeit für die Sahelländer

sind die künstlich gezogenen Staatsgrenzen. Mali als Binnenland ohne Zugang zum Meer

hat dabei zusätzlich mit dem Problem zu kämpfen, dass Importgüter höhere

Transportkosten aufweisen.

2.4. Bevölkerungsexplosion

Die Bevölkerung Malis hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark zugenommen. Im

Schnitt lag der Bevölkerungszuwachs von 1990 bis 2006 bei etwa 3 % pro Jahr (vgl.

Weltbank 2008). Dies bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Zunächst führt die

steigende Nachfrage nach Lebensmitteln zu einer Ausweitung der Ackerflächen und

zunehmender Entwaldung. Folge dieser Entwicklung ist zum einen die zunehmende

Ausbreitung wüstenähnlicher Verhältnisse (Desertifikation). Zum Anderen werden

gerade die ärmsten Bevölkerungsteile und insbesondere auch die Nomadenvölker in

noch ungünstigere Räume abgedrängt, wo sie gezwungen sind, das Acker- und Weideland

zu übernutzen, was wiederum die Desertifikation und Umweltzerstörung beschleunigt.

(vgl. Krings 1993, 138-139). Konsequenz dieser Ursachenkette ist die Zunahme von

Armut und Hunger, Armut und Hunger wiederum beschleunigen die Umweltzerstörung.

106


2.5 Wirtschaftliche Defizite und Abhängigkeiten

Nach wie vor hat die Landwirtschaft einen hohen Anteil an Malis Wirtschaftsleistung,

obwohl dieser kontinuierlich abgenommen hat: von 46% im Jahre 1990 auf 37% in 2006,

der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft liegt bei ca. 80 % (vgl. Broetz 1993,

304; Weltbank 2008a, 394). Mit der Konzentration auf nur zwei Hauptexportgüter –

Baumwolle und Gold – bleibt Malis Wirtschaft stark abhängig von externen Faktoren wie

dem Weltmarktpreis oder den Wetterbedingungen. Insbesondere in den 80er Jahren

war der staatlich verwaltete Agrarsektor durch kontraproduktive politische Entscheidungen

geprägt. Die Preise für Nahrungsmittel wurden staatlich festgelegt und zugunsten

der städtischen Eliten niedrig gehalten wohingegen die Erzeuger kaum kostendeckend

arbeiten konnten. Erst die sonst wenig erfolgreichen Strukturanpassungsprogramme von

IWF und Weltbank Anfang der 90er Jahre konnten dieses Ungleichgewicht beenden (vgl.

Broetz 1993, 306-307).

Malis Außenhandel ist defizitär. 2007 standen Importen im Wert von 1,59 Mrd. Euro,

Exporte von 1,32 Mrd. Euro gegenüber (vgl. Weltbank 2008b). Der hohe Verschuldungsgrad,

der Mali in den letzten Jahrzehnten fesselte, konnte durch weitreichende

Schuldenerlassmaßnahmen 2006 deutlich verbessert werden. Betrug die Auslandsverschuldung

2005 noch 65% des BIP, so waren es 2006 nur noch 27 % (vgl. BTI 2008,

11). Nach wie vor gehört das Land zu den größten Empfängern internationaler

Entwicklungshilfe. Pro Kopf beliefen sich die Leistungen 2005 auf 51 US$, während der

Schnitt der Low-Income-Countries bei 17 US$ lag (vgl. ebda., 396-397).

3. Entwicklung der Entwicklungszusammenarbeit

Die Geschichte der Entwicklungspolitik in Mali lässt sich, wie in vielen anderen Ländern

auch, in verschiedene Etappen oder auch „Entwicklungsdekaden“ einteilen. In den 60er

Jahren standen Industrialisierung, Modernisierung und Wohlstand im Mittelpunkt aller

Bemühungen. Die sogenannten Modernisierungsstrategien versuchten mittels massiver

Kapitalspritzen das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, die Entwicklungsländer sollten auf

dem „vorgezeichneten Weg der Industrieländer“ die Unterentwicklung ablegen. Statt des

erhofften trickle-down-Effekts brachten diese von oben nach unten gerichteten Ansätze

aber meist nur eine Verschärfung der Disparitäten mit sich und führten die Entwicklungsländer

tiefer in die Abhängigkeit (vgl. Nuscheler 2006, 78). Zwar besann sich Mali in

dieser Zeit auf die Bedeutung seines Agrarsektors. Allerdings geschah dies vor allem, um

mit den Exporterlösen aus der Landwirtschaft die Modernisierung der urbanen Zentren

finanzieren zu können. Aus der Vernachlässigung des ländlichen Raumes folgte eine

Verstärkung der Landflucht, ein weiterer Schritt im vielbeschworenen „Teufelskreis der

Armut“ war getan (vgl. Barth 1983, 321).

Anfang der 70er Jahre zog der damalige Präsident der Weltbank Robert McNamara ein

vernichtendes Fazit des Konzepts „Entwicklung durch Wachstum“. Er forderte eine

Konzentration auf den Kampf gegen die Armut, Entwicklungsarbeit sollte an der Basis

ansetzen, statt dem Ideal der Industrialisierung nach westlichem Vorbild

hinterherzulaufen. Die Grundbedürfnisstrategien waren geboren. So orientierten sich an

den Basisbedürfnissen der Bevölkerung. Aber nach wie verfolgte die Entwicklungs-

107


zusammenarbeit einen top-down-Ansatz und war eurozentristisch geprägt, was

zunehmend Misstrauen in den Entwicklungsländern hervorrief (vgl. ebda., 79-80).

In den 80er Jahren, die manchmal auch als „das verlorene Jahrzehnt der

Entwicklungspolitik“ bezeichnet werden (vgl. ebda., 80), begann in Mali ein Wandel hin

zur Marktwirtschaft. Gezwungen durch die zunehmende Verschuldung des Landes

versuchte der Militärdiktator Traoré, mit dem Internationalen Währungsfonds

zusammenzuarbeiten. Die eingeleiteten Strukturanpassungsprogamme des IWF zielten

auf eine vollständige Liberalisierung der Wirtschaft: Im- und Exportmonopole wurden

aufgelöst, unrentable Staatsbetriebe geschlossen und rentable privatisiert, der öffentliche

Dienst durch Entlassungen entschlackt und Sozialausgaben gekürzt (vgl. Broetz 1993,

307-308). Allerdings waren die durchgeführten Maßnahmen nur wenig erfolgreich und

nutzten vor allem der politischen Elite, was letztlich auch zum Sturz der Militärdiktatur

beitrug (vgl. BTI 2007, 3).

Mit dem Sturz Traorés im Jahre 1991 begann ein umfangreicher Demokratisierungs- und

Dezentralisierungsprozess in Mali. Unter Präsident Konaré wurde die Liberalisierung von

Malis Wirtschaft weiter vorangetrieben: staatliche Elektrizitäts-, Wasser-, Textil- und

Telekommunikationsunternehmen wurden privatisiert, staatliche Marktinterventionen

und Preisfestsetzungen zurückgefahren. Letzteres nutzte vor allem der Landwirtschaft,

die eine deutliche Produktionssteigerung verzeichnen konnte. Andere Wirtschaftszweige

wie bspw. der Minenbergbau wurde für ausländische Investitionen geöffnet (vgl. ebda.)

Konarés Nachfolger, General Touré (kurz ATT), führt die Reformpolitik seit 2002 fort.

Lohn dieser Bemühungen waren weitreichende Schuldenerlässe durch den Internationalen

Währungsfonds in den Jahren 2003 und 2006 (vgl. ebda.) Malis politischer Erfolg

steht allerdings in starkem Kontrast zu der nach wie vor katastrophalen wirtschaftlichen

Lage des Großteils der Bevölkerung. Nach wie vor ist Mali stark von externer Hilfe

abhängig. Diese wird seit Beginn der 90er Jahre verstärkt durch Nichtregierungsorganisationen

(NGOs) geleistet, die mit Unterstützung der Basis eine Wirkung von

unten nach oben erzielen wollen. Der politische Reformkurs erlaubt es den

Geberländern zudem, verstärkt Finanzielle Zusammenarbeit (auch Budgethilfe genannt) in

Mali zu leisten. Dabei werden unter Einforderung von Transparenz und Erfolgskontrollen

finanzielle Mittel vom Geberland in den malischen Haushalt eingestellt, die für die

Förderung der eigenen Entwicklung verwendet werden. (vgl. BMZ 2009a). Deutschland

gehört dabei mit Frankreich, den USA, Kanada und den Niederlanden zu den wichtigsten

Gebern Malis. Die Bundesrepublik stellt für die bilaterale staatliche Entwicklungszusammenarbeit

mit Mali von 2006 bis 2008 insgesamt 78 Millionen Euro zur Verfügung.

Mit der malischen Regierung wurden die folgenden drei Schwerpunkte für die bilaterale

Entwicklungszusammenarbeit vereinbart:

Dezentralisierung und Kommunalentwicklung

Landwirtschaft und nachhaltiges Ressourcenmanagement

Trinkwasserversorgung und Abwasser- und Müllentsorgung

Diese Schwerpunkte entsprechen den Zielen der nationalen malischen Strategie zur

Armutsbekämpfung. Zusätzlich beteiligt sich die Bundesrepublik an der Bekämpfung von

AIDS (vgl. BMZ 2009b).

108


4. Entwicklungszusammenarbeit an Beispielen

4.1. Das „Office du Niger“

Mit seiner wechselvollen Geschichte geradezu beispielhaft für den Werdegang der

Entwicklungspolitik ist das größte Bewässerungsprojekt Westafrikas, das „Office du

Niger“ (ON). Das ON ist ein Gravitationsbewässerungssystem, d. h. Wasser gelangt

ausschließlich

über Niveauunterschiede auf die Felder. Der Staudamm bei Markala (1947), hebt den

Wasserspiegel des Niger um 5,5 m über den niedrigsten Wasserstand. Über einen

Zuleitungskanal fließt Wasser aus dem Staubecken zur Schleuse A, wo es durch drei

Hauptkanäle bzw. ehemalige Flussbetten des Niger in die Zonen des ON weitergeleitet

wird. Weitere Schleusensysteme verteilen das Wasser in kleinere Verteilerkanäle (vgl.

Etz 2007, 29).

Abb. 5: Projektgebiet des Office du Niger (Quelle: Etz 1997, 30)

109


Das „Office du Niger“ mit Sitz in Ségou als halbstaatliche Gesellschaft wurde 1932 von

der französischen Kolonialverwaltung ins Leben gerufen. Ziel war es, innerhalb von 50

Jahren 960.000 ha Bewässerungsland. Zu gewinnen. Angebaut werden sollten vor allem

Baumwolle, um die französische Textilindustrie zu stützen und Reis zur Ernährungssicherung.

Dafür sollten bis zu 800.000 Arbeitskräfte im Projektgebiet angesiedelt

werden. Zusätzlich sollte eine Trans-Sahara-Eisenbahn von Abidjan nach Algier den

Abtransport der Ernteprodukte sicherstellen, die allerdings nie realisiert wurde (vgl.

Barth 1983, 322-323). Bereits in der Anfangsphase zeigte sich die Unzulänglichkeit der

Planungen. Es mangelte an nötigen Arbeitskräften, da sich die sesshaften Ackerbauern

nicht freiwillig auf eine ungewisse Zukunft im Projektgebiet einlassen wollten. So wurden

kurzerhand Arbeiter aus der Umgebung und aus ganz Französisch-Westafrika

zwangsrekrutiert (vgl. Etz 2007, 30). Im Jahre 1947 wurde schließlich der Hauptdamm bei

Markala fertig gestellt. Die Erwartungen der französischen Verwaltung konnten aber bei

weitem nicht erfüllt werden.

110

„Die Investitionen für die bis dahin nur 25.000 ha bewässerten Felder waren enorm (2,3

Milliarden €). Durch Mechanisierung der Anbaumethoden und Verpflichtung der

angesiedelten als Lohnarbeiter versuchte man die Kontrolle über die Arbeiter noch zu

erhöhen und die Produktion anzutreiben, doch dies misslang. Die koloniale Vision des

delta mort als Baumwolllieferant für die französische Textilindustrie und als Reisversorger

für Westafrika musste ständig nach unten redimensioniert werden. Als Mali 1960 die

Unabhängigkeit erlangte, wurden nur 35-40.000 ha bewässert, weniger als 5 % der

geplanten Fläche“ (ebda., 31).

Nach der Unabhängigkeit Malis wurde der ON zum Staatsbetrieb und die Reisproduktion

in Kollektiven nach sowjetischem Vorbild umorganisiert. Der Anbau von Baumwolle im

Delta wurde aufgrund zu geringer Erträge aufgegeben, stattdessen kam Zuckerrohr

hinzu. Aber selbst massive Subventionen konnten die Zunahme der Armut unter den

Bauern nicht verhindern. Die strenge staatliche Kontrolle sorgte zudem für Unmut unter

den Siedlern (vgl. ebda.) Unter der Militärregierung Traorés konnten zwar einige

Produktionsverbesserungen erreicht werden, aber die grundsätzlichen Probleme des

Projekts nicht beseitigt werden. Die Erhöhung des Outputs stand in keinem Verhältnis zu

den dafür notwendigen Kosten in dem zentralistischen und monopolistischen

Großprojekt (vgl. Barth 1983, 329). Das Office du Niger war unrentabel, der gesunkene

Preis für Reis deckte kaum noch die Produktionskosten, um 1980 es kam zu einem

Einbruch der Agrarproduktion im ON (vgl. Etz 2007, 31-32).

In den 80er Jahren wurden in Zusammenarbeit mit den wichtigsten Geldgebern

(Weltbank, Frankreich, Niederlande) Reformen des bis dato gescheiterten Großprojektes

eingeleitet. Der Anbau wurde diversifiziert, die Bauern intensiv beraten und

stärker beteiligt. So wurden ab 1984 Produzentenvereinigungen eingerichtet, die viele

frühere Aufgaben des Office du Niger übernehmen und so eine stärkere Selbstbestimmung

der Produzenten ermöglichen und ihre Position stärken sollten.

„Liberalisierung der Vermarktung und Verarbeitung der Produkte, Restauration des

Bewässerungsnetzes und die daran anknüpfende Ausweitung der Anbauflächen,

Integration der Bauern und Dorfverbände in Entscheidungs- und Durchführungsprozesse

sowie Diversifizierung, Intensivierung und Kreditmöglichkeiten machten ab 1982 den

Office du Niger wieder zu einem Immigrationszentrum für die Bevölkerung der Region


und, in geringerem Ausmaße, ganz Malis. Die Reisernte des Gebietes konnte bis zum

Jahr 1994 verdreifacht werden und die Einnahmen der Bauern stiegen um 30 bis 70 %

[…]. Eine umfassende Restrukturierung des Office du Niger erfolgte allerdings erst ab

1994.“ (ebda. 33)

1994 wurde das „Office du Niger“ in eine öffentlich-rechtliche Anstalt umgewandelt und

ist seither nur noch für das Management der Wasserzufuhr sowie den Unterhalt des

Wassernetzes zuständig. Die Kosten hierfür werden komplett aus den Wasserabgaben

der ansässigen Bauern gedeckt. Zusätzlich stellt die Regierung Gelder für einige

öffentliche Dienstleistungen (z.B. Bauernberatung, Infrastrukturverbesserungen, Landverwaltung)

bereit. Außerdem wurde der malische Reismarkt liberalisiert und die daraus

resultierenden Preissteigerungen sorgten in Verbindung mit Verbesserungen im Anbau

für Ertragssteigerungen Mitte der 90er Jahre. Eine intensive Beteiligung der Bauern (z.B.

über die sog. „Comités Paritaires“ oder die Wassernutzerorganisation OERT 4 ) an allen

Planungs- und Entscheidungsprozessen sorgt für Akzeptanz des Projektes und ermöglicht

so eine nachhaltige Steigerung der Effizienz (vgl. Etz 2007, 34).

Bis 2020 soll das Office du Niger finanziert durch private Investoren von heute 70.682 ha

auf ca. 200.000 ha ausgeweitet werden. Der ON soll in Zukunft das Werkzeug der

Nahrungssicherung Westafrikas und der Sahelzone werden, in dem es etwa 100.000 ha

Anbaufläche den Sahelländern zur Verfügung stellt (vgl. ebda., 27).

4.2. Mali Nord

Die bereits beschriebenen Konflikte zwischen den nomadischen Tuareg und den

sesshaften Siedlern bzw. der malischen Regierung und der unerfüllte Wunsch nach

Selbstverwaltung gipfelte Anfang der 90er Jahre in einer Rebellion der Tuareg mit

bürgerkriegsähnlichen Ausmaßen. Mehr als 100.000 Menschen flüchteten zwischen 1990

und 1994 aus der Region (diese und folgende Angaben über das Projekt Mali Nord

stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus Mali Nord 2009). Seit 1995 versucht das

Programm „Mali Nord“ (ein Gemeinschaftsprogramm von GTZ und KfW), die

bewaffneten Konflikte mit den Tuareg im Gebiet um Timbuktu zu überwinden.

4 Organisation des Exploitants pour l’Entretien du Réseaux Tertiaire.

111


Abb. 6: Projektgebiet des Programms Mali Nord (Quelle: Mali Nord 2009)

Das Projekt Mali Nord umfasst eine Vielzahl verschiedene Kleinprojekte, die mehrere

Schwerpunkte der Entwicklungsarbeit abdecken. Hauptaugenmerk liegt auf der

wirtschaftlichen Förderung der Region. Zunächst sollten die lokalen Wirtschaftskreisläufe

wiederbelebt werden. Waren und Dienstleistungen sollten dabei nicht von außerhalb

importiert werden, sondern die Betroffenen sollten die Werte nach Möglichkeit selbst

schöpfen. Entwicklungsgelder wurden dabei für die Löhne der lokalen Handwerker

bereitgestellt, die bspw. die Unterkünfte für zurückkehrende Flüchtlinge errichteten.

Ebenso wurden Mittel als Startkapital bzw. als Kredit an Gewerbetreibende vergeben. In

einigen Dörfern konnten die geförderten Handwerker bereits Ende 1996 wieder

selbständig wirtschaftlich arbeiten. 5 Ein Schwerpunkt liegt dabei insbesondere auch auf

der Förderung der Erwerbstätigkeit der Frauen. Des Weiteren unterstützt das

Programm die nomadischen bzw. halbnomadischen Viehzüchter insbesondere durch eine

Verbesserung der Gesundheit der Viehherden. Bspw. wurden ab 1995 jährlich Impfkampagnen

durchgeführt, die von Jahr zu Jahr stärker und ab 2001 gänzlich von den

Hirten selbst finanziert werden.

Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Sicherung der Wasserversorgung in der Region

dar. Dafür wurden alte, versandete Brunnen wieder instandgesetzt und neue Brunnen

errichtet. Dies geschah hauptsächlich durch lokale Brunnenbauer, die lediglich von

Mitarbeitern der GTZ beraten und angeleitet wurden. Für die Versorgung der

Viehherden dienen dabei die traditionellen Schachtbrunnen, in den das bis zu 60 Meter

tiefe Grundwasser gefördert wird. Die begrenzt Fördermenge verhindert dabei, dass

umliegende Weideflächen veröden. Der Zugang der Herden und Tierarten zu den

Brunnen ist genau geregelt. Die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser übernehmen

neu errichtete mit Solarpumpen versehene Tiefbohrbrunnen.

5 So z.B. in Lere (vgl. Mali Nord 2009).

112


Abb. 7: Traditioneller Schachtbrunnen (Quelle: Mali Nord 2009)

Das Programm Mali Nord fördert zudem den Ausbau der kleinbäuerlichen

Bewässerungslandwirtschaft. Unter anderem auch im Rahmen der Budgethilfe werden

Gelder für die Errichtung von Bewässerungssystemen bereitgestellt. In Kooperation mit

dem malischen Beratungsdienst für Landwirte werden dabei fast ausschließlich lokale

Arbeitskräfte eingesetzt, für Betrieb und Unterhalt der Anlagen sind die lokalen

Produktionsgemeinschaften selbst verantwortlich. Im Rahmen des Programms wurden

bislang 380 Motorpumpen zur Förderung der Bewässerungslandwirtschaft installiert, die

Kosten für diese Anlagen müssen die Nutzergemeinschaften zu einem Drittel selbst

tragen.

Abb. 8: Errichtung einer Bewässerungsanlage für die Landwirtschaft (Quelle: Mali Nord 2009)

Abb. 9: Errichtung einer Bewässerungsanlage für die Landwirtschaft (Quelle: Mali Nord 2009)

113


Um die Dezentralisierung der Verwaltung zu fördern, unterstützt das Programm Mali

Nord außerdem die 1999 neu konstituierten Landgemeinden. Gefördert werden

Projekte zum Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung, die von den Gemeinden selbst

initiiert wurden, z.B. Wegebaumaßnahmen, Straßenreinigung, Müllabfuhr oder Ausbau

der lokalen Märkte.

Das BMZ zieht eine durchweg positive Bilanz seines Programms Mali Nord. Rund

einhunderttausend Menschen sind an ihre Herkunftsorte zurückgekehrt und bestreiten

heute selbständig ihren Lebensunterhalt. 80 öffentliche Gebäude sind in 45 ländlichen

Gemeinden neu entstanden oder wurden vollständig instand gesetzt, daneben 200 offene

Schachtbrunnen und 13 Wasserversorgungsanlagen (elektrisch oder solar betriebene

Bohrbrunnen). Von 1996 bis 2007 sind 380 Diesel betriebene Motorpumpen importiert

worden, die heute rund 10.000 Hektar bewässern, auf denen rund 40.000 Kleinbauern

und -bäuerinnen arbeiten, die etwa 200.000 Familienangehörige unmittelbar ernähren

und im Jahr 2006 mehr als 60.000 Tonnen ungeschälten Reis produziert haben. Fünf

ländliche Kleinbanken (Mikrofinanzinstitutionen) sind gegründet worden und operieren

bereits erfolgreich.

5. Fazit

Während unserer Exkursion hatten wir Gelegenheit eine ganze Reihe lokaler

Entwicklungsprojekte zu besichtigen und mit zahlreichen Entwicklungs-Koordinatoren auf

nationaler Ebene zu sprechen. Ansatzpunkt für die aktuelle Entwicklungszusammenarbeit

ist eindeutig an der Basis, d. h., man finanziert keine monolithischen Großvorhaben, die

an den Interessen der Betroffenen vorbei gehen, sondern fördert kleine, klar abgegrenzte

Projekte. Dabei wird die lokale Bevölkerung sehr intensiv mit einbezogen bzw. die

Projekte zum Teil von den Menschen vor Ort selbst initiiert und organisiert. Durch die

Einbindung der örtlichen Bevölkerung wird deren Identifikation mit dem Projekt und

damit dessen Aussicht auf Erfolg entscheidend verbessert. Darüber hinaus unterstützt

dieses Vorgehen auch die nationale Strategie der Dezentralisierung der Verwaltung und

der Entwicklung kommunaler Strukturen und trägt so dazu bei, das Leitbild von „Good

Governance“ (auch gegen nach wie vor bestehende Widerstände) umzusetzen. 6

Aber nicht nur auf lokaler Ebene setzen Nichtregierungsorganisationen verstärkt auf die

Eigenverantwortlichkeit der lokalen Bevölkerung. Auch im Rahmen der internationalen

Entwicklungspolitik hat sich die sog. Ownership der Zielländer als allgemein anerkanntes

Prinzip durchgesetzt. Die Empfängerländer tragen dabei selbst die Verantwortung für die

durchgeführten Projekte, denn wirklich nachhaltiger Wandel lässt sich nicht von außen

erzwingen. Da allerdings die ODA (Official Devlopment Assistance) insbesondere westlicher

Geberländer nach wie vor an Bedingungen gebunden ist, befürchten einige

6 Eine gewisse Sonderstellung nimmt das oben beschriebene Kooperationsprogramm „Mali Nord“ ein: aufgrund

seiner Ausmaße – das Interventionsgebiet umfasst 45 Landgemeinden (vgl. Mali Nord 2009) – und seines

umfassenden Programminhaltes sehen einige Kritiker die Gefahr der Untergrabung der staatlichen Autorität im

Projektgebiet. In gewissen Kreisen nennt man die Leiter des Programms auch „die Könige des Nordens“.

Allerdings soll das Projekt seitens der GTZ 2011 auslaufen und dann in die Zuständigkeit des

Landwirtschaftsministeriums eingegliedert werden.

114


Akteure, dass sich die Verantwortlichen der Empfängerländer mehr an den Interessen

der Geber als an den eigenen Interessen ihres Landes orientieren. Zudem befindet sich

die internationale Entwicklungspolitik in einer Umstrukturierungsphase. Ziel dieser

Reform im Rahmen der „Pariser Erklärung“ ist eine bessere Koordination unter den

Geberländern. Die bereits angesprochene Budgethilfe wird von den Akteuren in Mali als

nicht erfolgreich eingeschätzt. Insgesamt sei der Koordinations- und Verwaltungsaufwand

bei dieser Art der Zusammenarbeit viel zu hoch, sie sei zu statisch und zu teuer und

damit ineffektiv.

Die besichtigten Projekte arbeiten allesamt in den Schwerpunktbereichen der deutschen

Entwicklungszusammenarbeit (Dezentralisierung, Landwirtschaft und Ressourcenschutz,

Trinkwasserversorgung und Abwasser- bzw. Müllentsorgung). Im Hinblick auf den

Tuareg-Konflikt und das damit zusammenhängende Nomadenproblem lautet die offizielle

Strategie zwar nicht Sedentarisierung zur Befriedung. Aber insbesondere im Raum von

Timbuktu (dem Projektgebiet von „Mali Nord“) ist die zunehmende Sesshaftwerdung der

nomadischen Stämme deutlich sichtbar. Dies geschieht aber weniger durch staatlichen

Druck als vielmehr aufgrund immer schwieriger werdender Überlebensbedingungen in

den Wüstenregionen. Die soziokulturellen Umwälzungen, die dieser Lebenswandel mit

sich bringt, stellen eine zusätzliche Herausforderung dar, die es zu lösen gilt.

Bleibt abschließend die Frage nach dem Sinn oder Unsinn von Entwicklungszusammenarbeit.

Entwicklungshilfe für Afrika wird massiv und radikal kritisiert – und

zwar von Vertretern des „Nordens“ sowie von Afrikanern selbst. Die Entwicklungspolitik

der Geberländer treibe die afrikanischen Nehmerländer in eine neue Abhängigkeit

und behindere die Entwicklung eines afrikanischen Selbstvertrauens. Das daraus

resultierende Anspruchsdenken auf afrikanischer Seite ebenso wie die Entwicklungszusammenarbeit

zum Selbstzweck der Europäer ist in der Tat problematisch. Ist also

alles für die Katz?

Bundespräsident Horst Köhler wies jüngst darauf hin 7 , dass eine Partnerschaft auf

gleicher Augenhöhe angestrebt werden sollte, eine Partnerschaft mit und nicht für Afrika.

Denn vor dem Hintergrund einer globalisierten, zunehmend vernetzten Welt, sind wir

geradezu auf eine Kooperation in wechselseitigem Interesse angewiesen. Es gilt globale

Probleme wie Klimawandel, Armut und aus fehlenden Perspektiven vor Ort

resultierende Migration, gemeinsam entgegen zu treten.

Es ist sicherlich falsch, die bestehende Asymmetrie der Partner zu verleugnen. Wichtiger

ist es hingegen, zu einem fairen Umgang zwischen Afrika und Europa zu finden.

Entwicklungszusammenarbeit vor diesem Hintergrund ist notwendig und sinnvoll, wenn

sie eine partnerschaftliche Basis hat und im Geiste der Gleichberechtigung geleistet wird.

Aber Entwicklungszusammenarbeit ist nicht in der Lage, die verheerende Armut

grundsätzlich und auf Dauer zu beseitigen. Hier muss vielmehr auf Ebene von

Handelsverträgen angesetzt werden, denn wir können unseren Wohlstand in Europa

unmöglich weiterhin auf Basis niedriger Preise halten. Eng verbunden ist hiermit auch das

Thema Regierungsführung, der so genannten ‚Good Governance’ sowie der Zugang zu

Bildung in afrikanischen Ländern.

7 ZEIT FORUM POLITIK: "Ein neuer Blick auf Afrika?" Horst Köhler im Gespräch mit Prinz Asfa

Wossen Asserate und Unomwinjo Katjipuka-Sibolile Moderation: Bartholomäus Grill (DIE ZEIT); Sonntag,

19.04.2009, Thalia-Theater Hamburg.

115


Literaturverzeichnis

BARTH, Hans K. 1986: Mali. Eine geografische Landeskunde. Darmstadt.

BROETZ, Gabriele 1993: Mali. In: NOHLEN, Dieter; NUSCHELER, Franz (Hg.) 1993:

Handbuch der Dritten Welt. Westafrika und Zentralafrika. Bonn, 298-314.

NUSCHELER, Franz 2006: Entwicklungspolitik. Bonn.

KRINGS, Thomas 1993: Struktur- und Entwicklungsprobleme der Sahelländer. In:

NOHLEN, Dieter; NUSCHELER, Franz (Hg.) 1993: Handbuch der Dritten Welt. Westafrika

und Zentralafrika. Bonn, 130-155.

WELTBANK 2008a: Weltentwicklungsbericht 2008. Agrarwirtschaft für Entwicklung.

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BMZ (Hg.) 2009a: Finanzielle Zusammenarbeit. URL:

http://www.bmz.de/de/wege/bilaterale_ez/zwischenstaatliche_ez/finanz_zusammenarbeit/i

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http://www.bmz.de/de/laender/partnerlaender/mali/index.html , Stand 10.01.2009.

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http://www.bertelsmann-transformationindex.de/fileadmin/pdf/Gutachten_BTI_2008/WCA/Mali.pdf

, Stand 10.01.2009.

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http://www.care.de/fileadmin/redaktion/service/downloads/CARE_Tuareg.pdf ,

Stand 20.12.2008.

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Kanalunterhalts durch bäuerliche Selbstorganisation. Das Beispiel der OERT im

Bewässerungsgebiet des Office du Niger/Mali. URL:

http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2007/1272/pdf/PKS41.pdf , Stand 10.01.2009.

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URL: http://inef.uni-due.de/page/documents/Report93.pdf, Stand 20.12.2008.

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http://hdrstats.undp.org/2008/countries/country_fact_sheets/cty_fs_MLI.html ,

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EXTERNAL/COUNTRIES/AFRICAEXT/MALIEXTN/0,,menuPK:362193~pagePK:141132

~piPK:141107~theSitePK:362183,00.html , Stand 20.12.2008.

116


TEIL II: KURZREFERATE

117


118


Reiseinformationen:

Was bei Reisen nach Mali,

in einen „fremden“ Kulturraum,

von Bedeutung ist

Julia Zimmermann

119


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung...................................................................................................................................... 121

2. Verhaltenstipps ........................................................................................................................... 121

3. Sprache(n) – Bambara ............................................................................................................... 123

4. Essen und Speisen ...................................................................................................................... 123

5. Resümee....................................................................................................................................... 124

120


1. Einleitung

Zur Vorbereitung auf eine Exkursion in ein fremdes Land gehören neben der

geografischen, der politischen und der materiellen auch die Vorbereitungen auf die

Kultur. Anders als in europäischen oder westlich geprägten Ländern kann Mali als

afrikanisches Land als eine Herausforderung bezüglich der Kommunikation und

Verhaltensweisen empfunden werden.

In Westafrika können sogar Alltäglichkeiten einen oft völlig unerwarteten Verlauf

nehmen, es können sich überraschende Hindernisse, aber auch unerwartete Möglichkeiten

auftun.

Das eigentlich Faszinierende dieser Region sind die Menschen mit ihrer lebendigen

Kultur. Fürsorge und Gastfreundschaft sind in Mali tief verwurzelte Bestandteile des

Lebens. Besonders im ländlichen Bereich, stellen Freundlichkeit, Höflichkeit und

Offenheit im Umgang miteinander hoch geschätzte Werte dar.

Kommunikation beginnt mit kleinsten Gesten und bereits ein Lächeln kann Berge

versetzten. Erweist man den Menschen ihren Respekt, achtet ihre Traditionen und bringt

etwas Geduld auf, so wird man es in Mali nicht schwer haben.

2. Verhaltenstipps

Die folgenden Informationen sind ein Versuch einen Einblick in die Verhaltensweisen des

täglichen Lebens, der Bräuche und Wissenswertes zu vermitteln.

● In Mali wird sehr viel Wert auf Höflichkeit und Anstand gelegt. Höflichkeitsformeln

bilden die Grundlage des Begrüßungszeremoniells ohne dass kein auch noch so

unwichtiges Gespräch beginnt. Die Begrüßung ist nicht nur ein Austausch einer kurzen

Grußformel, sondern eine regelrechtes Ritual, bei dem nicht nur die Befindlichkeit des

Gegenüber erfragt wird, sondern die des Ehepartners, der Kinder, der gesamten Familie,

der Arbeit etc. Es wird sich Zeit für den Anderen und die Muße zu plaudern genommen.

Dieser für die Malier übliche "Smalltalk" kann sich hinziehen und verläuft aber zumeist in

sehr heiterer Atmosphäre. Trifft man eine Person mehrmals am Tag, ist sie erneut zu

grüßen (Vgl. Ham 2006, 42). Muss auf der Straße nach dem Weg gefragt werden, so

sollte, mit einem „Guten Tag wie geht es Ihnen?“ begonnen werden und dann erst die

eigentliche Frage gestellt werden, um „nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen“, was

als unhöflich empfunden würde.

● „Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit“ (Därr, Göttler 2005, 45). Was

deutlich zum Ausdruck bringt, wie wichtig es ist auch in frustrierenden Situationen

entspannt, freundlich, respektvoll und geduldig zu bleiben, um den Stolz der Gastgeber

nicht zu verletzten.

● Eine weitere äußerst wichtige Verhaltensregel ist der Gebrauch der rechten Hand. Es

wird nur mit der rechten Hand gegessen, Geschenke werden mit der rechten Hand

gereicht und beim Einkauf sollte die Ware stets mit der rechten Hand angefasst werden.

Die linke Hand gilt als Arbeitshand und als unrein, da man sich mit ihr den Po reinigt (Vgl.

Därr, Göttler 2005, 62).

● In Mali als einem islamisch geprägten Land, ist es wichtig, die Gebetszeiten und

121


eligiösen Feste zu respektieren sowie die herrschenden Sitten und Gebräuche zu

beachten. Vor dem Betreten einer Moschee, bzw. der Gebetshalle, sind die Schuhe

auszuziehen, denn Moscheen dürfen nur in Strümpfen oder barfuss betreten werden

(Vgl. Ham 2006, 47).

● Versprechungen sollten eingehalten oder vermieden werden. Im Zweifelsfall ist es

vertretbar vage Formulierungen wie „Wir werden sehen“, „Es liegt in Gottes Händen“ o.

Ä. zu verwenden. Werden z. B. Fotos versprochen, sollten sie auch geschickt werden

(Vgl. Därr; Göttler 2005, 60).

● Gemeinsames Essen ist ein wichtiger Teil der Gastfreundschaft, deshalb gilt es als

unhöflich, Essen abzulehnen. Um ihnen nichts wegzuessen, kann eine kleine Ausrede

oder Entschuldigung, wie: ich habe gerade gegessen, ich bin krank oder ich habe

Magenschmerzen, hilfreich sein (Vgl. dies.).

● Selbstbeherrschung ist den Maliern sehr wichtig, sie zeigen ihre Emotionen nicht

öffentlich. Das Austauschen von Zärtlichkeiten (Küssen, Umarmen) in der Öffentlichkeit

gilt bei ihnen als unanständig und unpassend.

● Obwohl es auch in Mali gebräuchlicher wird, dem Gegenüber in die Augen zu schauen,

wird der direkte Augenkontakt vermieden. Ein betontes zur Seite schauen bei der

Begrüßung gilt als Zeichen des Respekts, vor allem gegenüber Älteren. In Mali spielt die

Hierarchie eine große Rolle. Wenn ein Malier jemanden während einer Unterhaltung

nicht in die Augen schaut, ist das nicht als Kälte oder Ablehnung zu werten, sondern als

ein Zeichen von Höflichkeit (Vgl. Ham 2006, 42).

● Es macht einen guten Eindruck bei einem Besuch in ländlichen Gegenden den

Dorfältesten die Ankunft anzukündigen, ihn zu begrüßen und seine Erlaubnis einzuholen,

bevor man durch das Dorf wandert.

● Den Armen zu helfen ist ein Teil der afrikanischen Kultur und eine Säule des Islams.

Dennoch sollten nicht einfach Geschenke an bettelnde Kinder verteilt werden, um diese

nicht zu verführen und bei ihnen das Bild des reichen Touristen zu erzeugen (Vgl. ders.,

40).

● Da Mali ein moslemisches Land ist, ist Fotografieren ein etwas sensibles Thema. Der

islamische Glaube verbietet es, Menschen abzubilden. Sollen Menschen fotografiert

werden, ist es empfehlenswert vorher um Erlaubnis zu fragen. Es ist verboten, Polizei,

Kontrollstellen und militärische Objekte aufzunehmen. Manchmal verlangen die

Menschen Geld für Fotos. Besser ist es erst ein bisschen Smalltalk führen, um dann

freundlich zu fragen (Vgl. Därr; Göttler 2005, 62).

● Die Kleidung und das äußere Erscheinungsbild sind in Westafrika sehr wichtig.

Kleidung ist ein Statussymbol, es wird viel Wert auf ordentliche Kleidung gelegt.

Ungepflegt und in abgerissenem Outfit herumzulaufen, könnte als ungeschickt oder sogar

als Provokation empfunden werden. Als Reisender sollte man sich eher konservativ

kleiden. Denn Sporthemden, Shorts oder enge Hosen können als Angriff empfunden. Es

ist angebracht in der Öffentlichkeit lange Röcke oder Hosen zu tragen, Schultern und

Oberarme sowie die Beine vollständig zu bedecken. Speziell für Frauen gilt, um lokale

Gegebenheiten zu respektieren sollten sie sittsam und anständig gekleidet sein, um

Schwierigkeiten zu minimieren (Vgl. Ham 2006, 42). Allgemein kann gesagt werden, je

besser man gekleidet ist, umso besser wird man aufgenommen.

● Neben den persönlichen Gegenständen, die jeder für wichtig hält, eignen sich als

Geschenke und Tauschobjekte z. B. Ansichtskarten von zu Hause, Seifen oder auch

gebrauchte, gut erhaltene Kleidung. Fotos von Zuhause, der Familie oder der

Heimatstadt kommen immer gut an, da man so eine Person mit Geschichte und

Vergangenheit für die Einheimischen ist (Vgl. ders.).

122


Es ist zu empfehlen ein Hals- bzw. Kopftuch mitzunehmen, das vielfältige Verwendung

finden kann: zum Schutz vor Sonne, bei Busfahrten vor Erkältung, als Verbandszeug oder

als Allzweckbeutel.

3. Sprache(n) – Bambara

Neben Französisch als Amtssprache ist Bambara die meistgesprochene Sprache in Mali.

Weitere Sprachen sind zum Beispiel die Dogon-Sprachen, Fula, Songhaï, Soninke,

Tamashek und Bozo.

Ein paar Wörter oder Sätze der lokalen Sprache zu lernen macht einen guten Eindruck,

kann sehr nützlich sein und vieles erleichtern (Vgl. Ham 2006, 42).

Im Folgenden ein paar Vokabeln in Bambara:

- Toubabou/ Toubab - Wort für Weißer

- I be di? - Wie geht es dir?

- Ni Ala sonna - So Gott will.

- I togo ye di? - Wie heißt du?

- N togo ye - Ich heiße

- I ni sogoma - Guten Morgen

- Nse - Danke

- I ni tile! - Guten Tag (12-16 Uhr)

- I ni wula - Guten Tag (16 Uhr - bis Dunkelheit)

- I ni su - Guten Abend

- Ayiwa, ne tagara! - Auf Wiedersehen!

- Hippo - Mali

- n b’a fe - Ich möchte

- n t’a fe - Ich möchte nicht

- nburu - Brot

- ji - Wasser (Straßenverkäufer rufen häufig: „ji be“ – verkaufe

Wasser)

(Vgl. Därr, Göttler 2005, 798)

4. Essen und Speisen

Der Speiseplan der Bevölkerung Malis ist einfach. Regional verschieden wird dreimal am

Tag eine Schüssel Hirsebrei, Yam-Wurzel, Maisbrei oder Reis, mittags und abends meist

mit einer Gemüse-, Fisch-, oder Fleischsoße gegessen (Vgl. Ham 2006, 490). Es gibt eine

Vielzahl an Saucen, in einer Vielfalt an Variationen, die das Essen schmackhaft machen.

Ein sehr bekanntes Gericht in Mali ist das „Mafé“, auch „Riz Arachide“ genannt. Es

besteht aus Reis mit Erdnusssauce. Die Erdnuss ist für die Ernährung sehr bedeutsam. Sie

dient als Öl- und Pflanzenfettlieferant und wird zur Anreicherung von Sauce verwendet.

Des Weiteren findet man Riz Yollof (Reis mit Sauce), Poulet Yassa (Hühnchen in

123


Zwiebelsauce) und entlang des Nigers „Capitaine“, dem Nilbarsch auf den Speisekarten.

Zum Essen setzt man sich in der Regel auf einen kleinen Holzschemel in einen Kreis. Vor

der Mahlzeit wird ein Gefäß mit Wasser zum Händewaschen gereicht. Das Essen selbst

wird in einer großen Schüssel serviert, die in die Mitte auf den Boden gestellt wird.

Gegessen wird mit der rechten Hand. Jeder isst stets vom Rand zur Mitte hin, dem Gast

werden in der Regel die besten Stücke zugeschoben(Vgl. Därr; Göttler 2005, 50).

Nach dem Essen oder auch zwischendurch wird eine Teezeremonie zelebriert. Sie ist

eine gute Gelegenheit mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen.

Erwähnenswert ist auch ein bei uns unbekanntes Gemüse, genannt „Jaxatu“ oder „lokale

Aubergine“. Sie sieht wie eine gelbe und unreife Tomate aus und schmeckt bitter (Vgl.

Ham 2006, 52).

5. Resümee

„Reisen heißt leben lernen“, lautet ein geflügeltes Wort der Toureg. Eine Reise nach Mali

kann als ein Kennen lernen einer anderen Lebensart und –haltung gesehen werden, die

bereichern. Die gezeigten Hinweise oder Verhaltensweisen sind nur ein Ausschnitt aus

vielen kleinen Abweichungen zu unserem täglichen Leben. Es gibt noch weitere Nuancen,

die Mali als Kulturraum prägen und interessant machen. Wenn man versucht die

erwähnten Hinweise einzuhalten kann man einen sehr angenehmen Aufenthalt in Mali

erleben und der Umgang mit der Fremdartigkeit fällt einem leichter. Je respektvoller,

höflicher und freundlicher wir ihnen begegnen, desto aufgeschlossener, toleranter und

unkompliziert geben sie sich.

124


Literaturverzeichnis

DÄRR, Erika; GÖTTLER, Gerhard 2005: Reise Know How Westafrika Sahelländer. Bd. 1, 7.

Aufl., Bielefeld.

HAM, Anthony 2006: Lonely Planet West Africa. 6. Aufl., Footscray; Victoria.

125


126


Timbuktu –

Entwicklung einer nicht nur historischen Metropole

Friederike Brumhard

127


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung...................................................................................................................................... 129

2. Etymologie ................................................................................................................................... 129

3. Geographie .................................................................................................................................. 129

4. Geschichte ................................................................................................................................... 130

4.1. Gründung und Frühzeit ..................................................................................................... 130

4.1.1. Gründung ca. 1100 ..................................................................................................... 130

4.1.2. Reich Mali 1326........................................................................................................... 130

4.1.3. Das Reich Songhai 1468/69 - Die „goldene Stadt“.............................................. 131

4.2. Frühe Neuzeit...................................................................................................................... 132

4.2.1. Die Herrschaft Marokkos 1591............................................................................... 132

4.2.2. Die Herrschaft der Fulbe von Mesina 1826.......................................................... 133

4.3. Kolonialzeit .......................................................................................................................... 133

4.4. Republik Mali ....................................................................................................................... 134

5. Bevölkerung................................................................................................................................. 134

6. Kultur und Sehenswürdigkeiten.............................................................................................. 135

6.1. Weltkulturerbe ................................................................................................................... 135

6.2. Weitere Sehenswürdigkeiten........................................................................................... 135

7. Wirtschaft .................................................................................................................................... 136

8. Mythos Timbuktu ....................................................................................................................... 137

128


„Timbuktu.

Die Perle Afrikas.

Die unauffindbare prächtige Stadt.

Truhe aller Schätze,

Sitz aller barbarischen Götter.

Herz der unbekannten Welt,

Bastion mit tausend Geheimnissen,

gespenstisches Imperium aller Reichtümer,

verfehltes Ziel endloser Reisen,

Quelle aller Gewässer und

Traum eines jeden Himmels.

Timbuktu.

Die Stadt, die kein Weißer je gefunden hat.“

Alessandro Baricco (Baricco 2003, 73 f.)

1. Einleitung

Das oben genannte Zitat macht deutlich, das Timbuktu für uns weit mehr ist als eine

kleine Wüstenstadt in Westafrika, die nach ihrer heutigen Bedeutung eigentlich keiner

kennen dürfte. Es ließen sich endlos weitere Äußerungen anführen, die alle eines

gemeinsam haben: Sie beschreiben Timbuktu als geheimnisvollen, reichen, mysteriösen,

fantastischen Ort.

Durch die folgende Beschreibung der Entwicklung Timbuktus von der Gründung bis

heute wird an verschieden Stellen deutlich werden, wie diese Zuschreibungen entstehen

konnten und welchen Timbuktu tatsächlich heute noch gerecht wird.

2. Etymologie

Es gibt verschiedene Ansätze für die Herleitung des Namens Timbuktu.

Der französische Linguist René Basset leitet den Namen von einer altberberischen

Wortwurzel ab, die „weit entfernt“ oder „versteckt“ bedeutet (Vgl. Basset 1909, 198.).

3. Geographie

Timbuktu liegt am südlichen Rand der Sahara 5km entfernt vom Niger am nördlichsten

Punkt seines Laufes. Bei starkem Hochwasser füllen sich längst ausgetrocknete

Nebenarme des Niger, die „Kanäle der Flusspferde“ tragen, und verursachen in einigen

Stadtteilen heftige Überschwemmungen, zuletzt 2003. (Held 2004, 6.).

Damit ist Timbuktu sehr abgelegen und auch heute ist es immer noch schwierig, den Ort

zu erreichen. Die Schifffahrt ist nur möglich, wenn der Wasserstand es erlaubt. Die

129


Straßen durch die Savanne vom Süden aus versanden schnell und sind dann zeitweise

unpassierbar. Die modernste Variante der Anreise erfolgt über den Flughafen Timbuktu,

der regelmäßig von der Hauptstadt Bamako angeflogen wird.

Das Klima entspricht dem einer Halbwüste, es weht stets der trockenheiße Harmattan-

Wind aus der Sahara. Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei 28° C, wobei die

Monate Mai und Juni mit etwa 34° C am heißesten sind. Der durchschnittliche jährliche

Niederschlag beträgt 170mm. Juli und August sind mit jeweils etwa 56-66mm die

feuchtesten Monate. Die Regengüsse können sintflutartig auftreten und große Schäden an

den aus Lehm erbauten Wohnhäusern und Moscheen verursachen. An spärlicher

Vegetation finden sich hier Dornenbüsche, Tamarisken, Akazien, und Ginster, aber auch

der Baobabs und Palmen, sowie eine Reihe von Nutzbäumen (Held 2004, 6 ff.).

4. Geschichte

Die Geschichte Timbuktus ist wechselvoll, mehrere Reiche unterwarfen und regierten

die Stadt.

Dies wird im Folgenden dargestellt.

4.1. Gründung und Frühzeit

4.1.1. Gründung ca. 1100

Zur Gründung Timbuktus herrscht keine einhellige Meinung. Die Gründung ist nach dem

Tarikh Es-Soudan, einer Chronik des Songhai-Reiches aus dem 17. Jahrhundert, zu Beginn

des 12. Jahrhunderts anzusetzen. Sie besagt, dass Timbuktu von nomadisierenden

Messufa-Tuareg an einer Wasserstelle in der Nähe des Nigerbogens gegründet wurde.

Vermutlich gehen die Ursprünge aber bis ins 9. oder 10. Jahrhundert zurück und

wahrscheinlich müssen schwarzafrikanische Songhai als Gründer des Ortes angesehen

werden (Vgl. Es-Sa’di 1964, 35 f.).

4.1.2. Reich Mali 1326

Die Stadt gehörte ab dem 13. oder frühen 14. Jahrhundert zum Mali-Reich. Der erste

historisch verbürgte und wohl legendärste Herrscher Timbuktus war Kankan Musa,

König von Mali von 1312 bis 1337 (Vgl. Ki-Zerbo 1981, 137.). In den Jahren 1324/25

unternahm er eine prunkvolle Pilgerreise nach Mekka, auf der er von angeblich 60.000

Bediensteten begleitet worden war, und zwei Tonnen Gold mit sich geführt haben soll.

Um die arabischen Herrscher zu beeindrucken, verteilte er so viel Gold, dass in Ägypten

für Jahre der Goldpreis sank und Kankan Musa sich selbst Mittel für die Rückreise leihen

musste. Kankan Musa wurde auf seiner Rückreise von Gelehrten und Handwerkern u. a.

130


nach Timbuktu begleitet. Die Stadt war strategisch von Bedeutung, um die Macht am

Nigerbogen zu festigen. Der Herrscher Malis übernahm die Regierung und ließ vom

Dichter und Architekten Es-Saheli seinen Palast, den Madugu, und die Moschee Djingere

Ber errichten. Timbuktu erlebte einen ersten Aufschwung und wuchs, begünstigt durch

die Stabilität des gewaltigen Reiches Mali, zum religiösen und wirtschaftlichen Zentrum

heran (Vgl. Es-Sa’di 1964, 13 ff.).

Die Geschichte vom unermesslichen Reichtum eines großen Königs im Inneren Afrikas

wurde durch Kaufleute auch nach Europa getragen. In den Hafenstädten verbreiteten

Seeleute Geschichten wie diese und schmückten sie durch ihre Phantasie aus. Auf einer

Karte von Abraham Cresques aus dem Jahr 1375 ist Kankan Musa mit Krone, Zepter

und einer Kugel dargestellt, alle Insignien sind aus Gold. Neben seinem Thron, nördlich

eines Sees, ist erstmals Timbuktu (Tenbuch) in einer Karte eingezeichnet.

Abb. 1: Cresques, Abraham (1375): Katalanischer Atlas (http://www.manntaylor.com/africa1.html, Abruf v.

01.05.09)

4.1.3. Das Reich Songhai 1468/69 - Die „goldene Stadt“

Die größte Blüte erreichte die Stadt unter den Songhai. 1468/69 eroberte Sonni Ali

Timbuktu. Er leitete die Handelskarawanen nun nicht mehr länger durch Walata, sondern

durch Timbuktu und Gao, so dass besonders Timbuktu zum Handelsmittelpunkt

avancierte. Es wurden besonders Salz, Gold und Sklaven aus dem Mossi Land Richtung

Norden transportiert, aber auch Elfenbein, Moschus, Kolanüsse, Pfeffer, Gummi,

Lederwaren sowie Hirse aus dem Süden Westafrikas. Im Gegenzug gelangten aus dem

Norden Metalle und Metallfertigprodukte, Pferde, Waffen, Seide, Schmuck, und Datteln,

aber auch Bücher und Wissen nach Timbuktu. Händler kamen von weit her, um dort

Geschäfte zu machen oder um sich niederzulassen und ihnen folgten die Gelehrten, die

hier ein kosmopolitisches Umfeld fanden. Zu den Lehrern strömten wiederum die

Schüler, so dass sich Timbuktu auch als Mittelpunkt des islamischen Geisteslebens in

131


Westafrika entwickelte. Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert gab es 150-180

Koranschulen, an denen häufig von einem einzigen Lehrer religiöse und juristische

Themen unterrichtet wurden. An der Sankoré-Mosche existierte eine Medresa,

vergleichbar einer mittelalterlichen Universität, an der die arabische Sprache, Rhetorik,

Astrologie, die Rechtsprechung und die Schriften des Korans gelehrt wurden (Vgl. Barth

1858, Bd. 4, 421 f, 619 ff.).

Auch in dieser Periode wurde in Europa die Illusion von Timbuktu als „goldene Stadt“

weiter genährt, beispielsweise durch die Beschreibungen von Leo Africanus, der unter

dem Namen Al-Hassan ben Mohammed ben Ahmed al-Wazzan al Gharnati al-Fassi im

Jahr 1494 in Granada geboren, aber in Fes aufgewachsen ist. Als Diplomat besuchte er

auf seinen Reisen 1510/11 sowie 1512/14 Timbuktu. Die Reise des Leo Africanus hatte

möglicherweise zum Ziel, neue Handelswege zu erkunden (Vgl. Rauchenberger 1999, 36.,

44., 52., 60.). Leo Africanus betont neben den Reichtümern den hohen Stellenwert von

Bildung und Religion in der Stadt:

132

„[...] Der König von Tombutto hat einen großen Schatz von Edelsteinen

und Goldbarren, die teils 50, teils 300 Pfund wiegen. [...] In dieser Stadt

gibt es viele Gelehrte, Vorbeter und Richter, die der König alle unterhält;

er achtet die gebildeten Männer sehr. In Tombutto werden auch viele

Bücher abgesetzt, die aus Barbaria kommen und die alle handgeschrie-

ben sind. Wer Bücher herbeischafft, verdient daran mehr als am Rest

seiner Ware. [...]“ (Rauchenberger 1999, 280 f.)

Sein ursprünglich nicht für den Druck vorgesehenes Manuskript wurde 1550 in Venedig

publiziert, jedoch hatte der Herausgeber Ramusio die Daten durch phantasiereiche

Übertreibungen ergänzt und zementierte damit den Mythos von der unermesslich

reichen Stadt in Afrika. Vor allem die Zahlen, die den Goldhandel betrafen, waren

offenbar bewusst verfälscht worden, um den Absatz des Buches zu steigern (Vgl.

Rauchenberger 1999, 126., 140.).

4.2. Frühe Neuzeit

4.2.1. Die Herrschaft Marokkos 1591

1578 wurde Timbuktu von den Truppen des marokkanischen Sultans Mulai Ahmad al-

Mansur erobert. Die marrokanische Herrschft führte in Timbuktu zum wirtschaftlichen

und intellektuellen Niedergang bis hin zu anarchischen Zuständen, die Stadt konnte nie

mehr ihre alte Blüte entfalten und verlor an Bedeutung. Auch die Karawanen fielen

zunehmend bescheidener aus, was auch am Niedergang des Transsaharahandels

zugunsten des Handels über die Atlantikküste lag (Vgl. Barth 1858, Bd. 4, 442 f.).


4.2.2. Die Herrschaft der Fulbe von Mesina 1826

Zwischen 1826 und 1862 stand die Stadt unter der Oberhoheit des Fulbe-Kalifats von

Massina, jedoch lag die eigentliche Autorität in der Hand des Kunta-Clans der al-Baqquai,

die im 19. Jahrhundert als die bedeutendsten Korangelehrten im westlichen Sudan galten.

Zur Zeit dieser Spannungen gelangte Heinrich Barth nach Timbuktu. Er hielt sich in

britischem Auftrag von September 1853 bis April 1854 in Timbuktu auf, um

Handelsbündnisse abzuschließen. Die Fulbe, die die Stadt regierten, hätten einen

Christen nicht toleriert. So reiste er im Gebiet der Fulbe als Muslim gekleidet. In

Timbuktu gab es wegen seiner Religion ständig bedrohliche Auseinandersetzungen, die

ihn zu dem langen Aufenthalt zwangen (Vgl. Barth 1858, Bd. 4, 447 ff.). Zu dieser Zeit

war Timbuktu für Europäer die ,verbotene Stadt’.

Dieses Verbot war religiös und bezog sich auf Christen und Juden, hatte seinen

Hintergrund aber wahrscheinlich in der Sicherung von Handelsinteressen und der

allgemeinen Unerreichbarkeit für Europäer. So schreibt Leo Africanus: „Der König von

Tombutto ist Todfeind der Juden, von denen man deshalb nicht einen in jenem

Landstrich antrifft“ (Rauchenberger 1999, 281.).

4.3. Kolonialzeit

Die Kolonialzeit begann in Timbuktu trotz des erbitterten Widerstandes der Tuareg und

gegen den Willen der Regierung in Paris mit dem Einmarsch der Franzosen unter

General Joffre im Jahr 1894. Damit hatten sie einen wichtigen strategischen Ort unter

Kontrolle, der es ihnen ermöglichte, das französisch kontrollierte Gebiet über die Sahara

zu erweitern und mit der bereits existierenden Kolonie Algerien zu verbinden. Somit

wurde Timbuktu der Kolonie „Afrique Occidentale Française“, kurz „AOF“ (Französisch-

Westafrika), einverleibt (Vgl. Miner 1953, 12 f.).

Um die Zahl französischer Truppen und einheimischer Hilfstruppen möglichst niedrig zu

halten und damit Kosten zu sparen, verfolgte die französische Kolonialverwaltung einen

konzilianten Kurs gegenüber den Tuareg und sprach eine Amnestie für alle Anführer aus,

die 1893 und 1894 Widerstand gegen die Besatzung geleistet hatten. Der Anführer des

einheimischen Widerstandes, der Neffe des Scheich Ahmad al-Baqqai, Za'in al-Abidin

Ould Sidi Muhamad al-Kunti, musste sich mit seiner Familie und seiner Bibliothek in

Richtung Norden absetzen, wo er 1902 ebenfalls von französischen Truppen vertrieben

wurde.

1916 brach nach einer der schlimmsten Dürrekatastrophen, die der Sahel je erlebt hat,

der Aufstand verschiedener Tuareg Gruppen entlang des Niger aus. Nach der

Niederschlagung des Aufstandes wurden deren Anführer abgesetzt und durch loyale

Personen ersetzt. Insgesamt wurde durch diese Maßnahme die traditionelle Autorität der

Stammesführer systematisch und bewusst unterminiert.

Wirtschaftlich verlor Timbuktu weiterhin an Bedeutung. Die letzte große Karawane alten

Stils mit mehreren Tausend Kamelen kam 1937 von den Tafilalet-Oasen nach Timbuktu

(Vgl. Kaufmann 1964, 218 ff.).

Außer Offizieren und Vertretern von Handelshäusern kamen Europäer oder Amerikaner

nur selten nach Timbuktu. Meistens handelte es sich um Völkerkundler und Schriftsteller,

133


die Timbuktu oft als trostlosen Ort schilderten:

„Dies also ist die Kehrseite der märchenhaften Legende, die auch heute noch um den

Namen Timbuktu schwebt! Der Zauber verfliegt, um sofort einem neuen Zauber Platz

zu machen. Es ist, als ob man ein geträumtes Königreich eines Tages tatsächlich fände.

Man hat es also nicht nur geträumt, aber siehe, es ist nur ein Häufchen Staub, der

leicht durch die Finger rinnt. Nichts ist trauriger als dies Verrinnen, aber es ist eine sehr

große, sehr mächtige Traurigkeit.“ (Sieburg 1938, 244 f.).

4.4. Republik Mali

Kurze Zeit später, am 22. September 1960, wurde die Republik Mali ausgerufen. Die

Regierung unter Staatspräsident Modibo Keita verfolgte sowohl politisch als auch

wirtschaftlich eine sozialistische Linie (Vgl. Imperato 1996, 134 f.). Diese Periode endete

am 19. November 1968 durch einen Militärputsch des Comité Militaire de Liberation

Nationale, der Moussa Traoré an die Macht brachte (Vgl. Imperato 1996, 227 f.). Mit

Beginn seiner Herrschaft gewann der Tourismus an Bedeutung.

Bereits in den 1950er Jahren war es zu Auseinandersetzungen zwischen den Tuareg und

schwarzen Verwaltungsbeamten, die damals noch in französischen Diensten standen,

gekommen. Nach der Unabhängigkeit eskalierte der Konflikt zwischen den Wüstennomaden

und den Vertretern der Staatsmacht, die bemüht war, die unkontrollierbaren

Tuareg sesshaft zu machen. Verstärkt wurden die Spannungen von den Dürren 1967- 73

und 1983-85. In dieser Zeit verloren viele Nomaden ihr Vieh und damit ihre

Existenzgrundlage und waren zur Migration gezwungen. Die Tuareg-Rebellion Anfang der

90er Jahre wurde durch zurückkehrende Dürreflüchtlinge getragen, die zunächst

protestierten, da Hilfslieferungen nicht bei ihnen ankamen. Aus dem Protest entwickelte

sich der bewaffnete Kampf, der die Region destabilisierte. Diese Situation der

Unsicherheit führte zu einem erheblichen Rückgang des zunehmenden Tourismus. Die

Kämpfe setzten sich bis 1995 fort. Als sichtbares Zeichen für das Ende des Konfliktes

wurden am 27. März 1996 feierlich die Waffen verbrannt. Die Friedensflamme in

Timbuktu erinnert an den historischen Friedensschluss (Vgl. Imperato 1996, 235 ff.).

5. Bevölkerung

Timbuktu ist heute die Hauptstadt der gleichnamigen 6. Region, eine Kleinstadt, die

heute ca. 35.000 Einwohner fast aller Ethnien Malis zählt (Stadt Timbuktu:

http://www.tombouctou.net, Abruf v. 21.01.09.). Hier trifft sich die sesshafte Bevölkerung

mit den Nomaden (Mauren und Tuareg) des Nordens. Die Stadt wird von fast allen

Ethnien Malis bewohnt, mehrheitlich aber von Songhai, die vorwiegend Bauern sind und

sich an den Ufern des Nigers angesiedelt haben (Vgl. N’Diaye 1970, 212 ff.). Die den

Touristen bekannteste Ethnie sind die Tuareg. Sie leben als Viehzüchter vor allem

nördlich und östlich von Timbuktu sowie im Nigerbogen. In den Dürrejahren 1968-73

sowie 1983-85 verloren viele Tuareg ihre Herden und damit ihre Lebensgrundlage, was

zu einem Zuzug in die Städte und deren nähere Umgebung führte (Vgl. Klute 1994, 201,

203.). Heute leben fast alle Bewohner vom Tourismus, einige auch vom Handel (Vgl.

Krause 2006, 12.).

134


6. Kultur und Sehenswürdigkeiten

6.1. Weltkulturerbe

Auch wenn es keine goldgepflasterten Straßen zu entdecken gibt, so hat die Geschichte

doch viele Zeugnisse hinterlassen. Heute ist die Mission Culturelle de Tombouctou für

die Konservierung, Restaurierung und Promotion der zum Weltkulturerbe zählenden

Stätten sowie für die Verbreitung der schriftlichen und mündlichen Quellen zur

Lokalgeschichte zuständig.

Die Architektur ist geprägt durch ein- bis zweistöckige Häuser, gebaut aus sonnengetrockneten

Lehmziegeln und alhor, einem Kalkstein, der aus 2-3m unter dem

Wüstensand liegenden Schichten gebrochen wird. In der Altstadt befinden sich die

meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie die drei Lehm-Moscheen, die das Stadtbild

prägen, die Djingere-ber-Moschee, die Sankoré-Moschee und die Sidi-Yahia-Moschee.

Die Moschee Djingere Ber ist die einzige Moschee, die Touristen besichtigen dürfen

(Stadt Timbuktu: http://www.tombouctou.net).

Abb. 2: Moschee Djingere Ber (Krause 2006, 114.)

6.2. Weitere Sehenswürdigkeiten

Ein weiteres Erbe der Blütezeit der Universitäten und der Bildung sind die Bibliotheken.

Obwohl der marokkanische Scheich Mulai Hamed im Jahr 1591 die Stadt eroberte und

viele der Gelehrten sowie einen Großteil der Bücher nach Marokko verschleppte,

konnten einige Familien ihre Schätze retten (Vgl. Obert 2005, 304 f.). Ein wichtiger

Anziehungspunkt für Touristen sind die öffentlich zugänglichen Bibliotheken. In den

letzten Jahren wurde vor allem in Europa, den Vereinigten Staaten und Südafrika auch in

der Presse häufig über die Manuskripte berichtet, so dass die Bibliotheken seit 2001 viele

Touristen angelockt haben (Vgl. Boye 2003, 4 f.).

135


Im Bezirk Abaradiou im Nordwesten der Stadt befindet sich die Flamme de la Paix. An

dem Ort, an dem zur Besiegelung des Friedens im März 1996 die Waffen verbrannt

wurden wurde im März 2002 das gleichnamige Denkmal errichtet (Vance 2001,

http://ww.stat.duke.edu/~ervance/wallemails.html, Abruf v. 19.12.08.). An diesem Platz

treffen sich im Winter auch die Azalai ein: Die letzten Kamelkarawanen, die heute noch

in der Sahara durchgeführt werden (Salzkarawanen). Der Ruhm der reichen Handelsstadt

wird hier manchmal noch sichtbar.

7. Wirtschaft

Da der Region Timbuktu jegliche Industrie fehlt, und sie durch ihr Klima nicht für die

Landwirtschaft geeignet ist, kommt dem Tourismus elementare Bedeutung als größte

Einnahmequelle zu. Sichtbar ist eine Forcierung des Tourismus und der touristischen

Infrastruktur ab Mitte der 90er Jahre. 1999, liegt die Zahl der Touristen, die Timbuktu

jährlich besuchen, grob geschätzt bei 6.000, wobei die Tendenz steigend ist (Vgl. Krause

2006, 50.). Dabei ist die starke Saisonabhängigkeit zu beachten. Den Höhepunkt erreicht

der Tourismus im August und von Oktober bis Februar. In den restlichen Monaten gibt

es aufgrund der großen Hitze kaum Besucher. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer

beträgt lediglich zwei Tage (Vgl. Krause 2006, 51.).

Von den klassischen Handelsgütern der Vergangenheit ist lediglich das Salz übrig

geblieben, das immer noch aus dem Norden geliefert und in Timbuktu bzw. Kabara

portioniert und an Händler verkauft wird, die es auf Pirogen flussaufwärts transportieren

(Vgl. Krause 2006, 78.)

Heute ist Timbuktu eine relativ arme Stadt, die historische Innenstadt ist von wenigen

Ausnahmen abgesehen in einem schlechten Zustand. Sand und Dreck findet sich überall

in den Straßen. Vom Glanz alter Tage ist heute nichts mehr übrig geblieben, die

Bevölkerung ist arm und zum großen Teil arbeitslos. Timbuktu wirkt noch karger als

andere Städte in der Sahelzone. Insgesamt scheint sich die Stadt noch nicht von den

Folgen des Bürgerkriegs mit den Tuareg erholt zu haben. (Vgl. Krause 2006, 89 ff.).

Abb. 3: Timbuktu Viertel Abaradiou (Krause 2006, 118.)

136


8. Mythos Timbuktu

Über die Jahrhunderte hinweg wurde Timbuktu zum Mythos, zur ,goldenen’, ,heiligen’,

,verbotenen’ Stadt, und weil nur so wenige die Stadt tatsächlich sahen somit zum

Synonym für einen weit entlegen exotischen Ort, das Ende der Welt, das schließlich

neben dem tatsächlichen Ort existierte. In dieser Funktion erscheint der Name in

verschiedenen Sprachen, unter anderem im Deutschen und Niederländischen, vor allem

aber im Englischen.

Timbuktu ist ein realer Ort, ein geographischer Ort. Man kann diese Stadt heute

tatsächlich erreichen. Doch ist sie vielen nur als Sprichwort, als Symbol für die Ferne

bekannt, ohne diese lokalisieren zu können oder zu wollen. Der Name an sich weckt

Assoziationen und Phantasien. Und gerade deshalb zieht die Stadt immer noch und

immer mehr Reisende an, die dem Mythos auf den Grund gehen wollen. So auch wir.

137


Literaturverzeichnis

BARICCO, Alessandro 2003: Oceano Mare. Das Märchen vom Wesen des Meeres,

München.

BARTH, Heinrich 1857-58: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den

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VANCE, Eric 2002: URL: http://www.stat.duke.edu/~ervance/wallemails.html

Stand 21.01.2009.

138


Stadtentwicklung:

Bamako, Djenné, Mopti

Ute Tschirner

139


Inhaltsverzeichnis

1. Bamako – Hauptstadt und charakteristisches Beispiel einer Primatstadt..................... 141

1.1. Historische Stadtentwicklung........................................................................................... 141

1.2. Siedlungsstruktur ................................................................................................................ 142

1.3. Maßnahmen zur städtischen Entwicklung in den 1990ern......................................... 143

2. Djenné – Stadt des Mittelalters............................................................................................... 144

3. Mopti – Neue Hafenstadt am Niger....................................................................................... 146

140


Städtegründungen und urbane Entwicklung wurden durch den Transsaharahandel und das

spätere koloniale Handelssystem wesentlich beeinflusst. Am Beispiel dreier Städte

werden die jeweils unterschiedlichen Bedingungen der Stadtentwicklung dargestellt und

der Bedeutungswandel der Städte von der vorkolonialen Zeit bis zur Gegenwart

herausgearbeitet.

1. Bamako – Hauptstadt und charakteristisches Beispiel einer

Primatstadt

1.1. Historische Stadtentwicklung

Bamako wurde entsprechend verschiedenster oraler Überlieferungen als ein kleines

Fischerdorf im 16. Jh. gegründet (vgl. Brandt, 99-100). Vor der französischen Einnahme

Malis im Jahr 1880 hatte Bamako als Stadt am Ufer des Niger lediglich für das

Herrschaftsgebiet des Bambara-Stammes eine lokale Bedeutung. Mit der Einnahme des

Landes und der Etablierung kolonialer Administration zum Ende des 19. Jh. setzte die

Entwicklung zur heutigen Primatstadt ein.

Zu Beginn der französischen Okkupation diente Bamako als militärischer Stützpunkt.

Nachdem sich die französische Kolonialmacht etabliert hat, begann die Kolonialverwaltung

mit dem Ausbau und der infrastrukturellen Erschließung Bamakos. Durch den

Bau der Sticheisenbahnlinie wurde die Stadt 1904 mit der senegalesischen Hafenstadt

Saint-Louis verbunden und so in das koloniale Handelssystem eingegliedert. Im Jahr 1908

wurde Bamako zur offiziellen Hauptstadt von Französisch-Sudan erklärt und erhielt

dadurch insbesondere eine zentrale administrative Funktion. Die Kolonialherrschaft und

die sich neu etablierenden Handelswege veränderten das urbane Systems Malis

grundlegend, sodass sich Bamakos ehemals lokale Umlandfunktion bis 1950 zu einer

überregionalen entwickelte und die Stadt zum zentralen Markt in Westafrika wurde.

Diese wirtschaftliche Funktion als Haupthandelspunkt verlagerte sich jedoch mit der

Unabhängigkeit Malis zunehmend Richtung Osten nach Mopti (vgl. Jones, 46-48).

Die Bevölkerungsentwicklung Bamakos spiegelt diesen Bedeutungswandel der Stadt

wieder. Noch zu Beginn der französischen Präsenz belief sich die Einwohnerzahl

Bamakos schätzungsweise auf 7.000, 1960 lebten bereits 130.000 Menschen in der Stadt

und in den 1970ern kam es, wesentlich beeinflusst durch zahlreiche Dürren, zu einem

überdurchschnittlich starken Bevölkerungsanstieg auf Grund von Zuwanderung (1970-

1775: 10%, 1975-1980: 6%). Niederschlagsreichere Jahre ab 1980, sowie die

Implementation von Programmen zum Ausgleich von ländlicher und urbaner Entwicklung

bewirkten in den folgenden Jahren eine geringere Stadt-Land-Migration, sodass sich die

Wachstumsrate reduzierte (UN, 2007).

Heute liegt die Einwohnerzahl Bamakos bei 1,5 Millionen mit einer jährlichen

Wachstumsrate von 4,4% zwischen 2005 und 2010. Damit leben 12% der Gesamtbevölkerung

Malis in Bamako, wobei insgesamt 38% der städtischen Bevölkerung Malis in

141


der Hauptstadt leben (UN, 2007). Bamako ist sechsmal größer als Segou, die zweitgrößte

Stadt Malis und damit rein quantitativ betrachtet eindeutig eine Primatstadt (vgl. Sokono,

6-7). Doch auch funktional ist die Stadt ein charakteristisches Beispiel. Dreiviertel des

industriellen Sektors befindet sich im Distrikt Bamako und bis 1991 zentrierte sich die

gesamte staatliche Administration in diesem Gebiet. Dieser, aus der Kolonialzeit

stammende und durch die späteren Eliten weitergeführte, Verwaltungs-zentralismus ist

eine wesentliche Ursache für die Entstehung einer Primatstadt (vgl. Hoffmann, 31). Die

charakteristische herausragende Position in der nationalen Städtehierarchie wurde über

einen längeren Zeitraum strukturell herbeigeführt und hat sich dementsprechend

verfestigt.

Mit dem Sturz der Militärdiktatur Moussa Traorés und der Gründung der dritten

Republik trat 1992 eine neue demokratische Verfassung in Kraft, die Dezentralisation in

ihren Grundprinzipien verankerte. Entsprechend dieser politischen Maßnahme wurde

auch die Hauptstadt administrativ dezentralisiert, sodass Bamako heute aus sechs

Kommunen besteht, die sich jeweils in mehrere Quartiere aufgliedern. Insgesamt gibt es

etwa 60 verschiedene Quartiere. Die ältesten dieser Viertel (Bozolo, Niaréla, Cité de

Niger) liegen in der Kommune II und III im nördlichen Teil der Stadt und bilden heute

das Stadtzentrum. Ursprünglich vollzog sich die Stadtentwicklung von diesen Gebieten

ausgehend, auf der nördlichen Seite des Nigers. Mit dem stetigen Bevölkerungszuwachs

expandierte die Stadt um 1960 über den Niger hinaus, sodass auf der südlichen Seite des

Flusses große Wohngebiete entstanden, welche die Stadtfläche nahezu verdoppelten

(Kracher. Die einzige Verbindung zwischen den beiden Stadtteilen besteht durch zwei

Brücken. Der Bau einer dritten Brücke, der von China durchgeführt wird, soll bis in Jahr

2010 realisiert werden.

1.2. Siedlungsstruktur

Das Stadtzentrum ist durch den großen Markt und eine allgemeine Konzentration von

Handwerk und Gewerbe entlang der Straßen gekennzeichnet. Hier und in den

angrenzenden Wohnvierteln ist eine hohe Bebauungsdichte vorzufinden. Um dieses

Kerngebiet herum und auf der südlichen Seite des Nigers wird das Stadtbild durch

Wohnviertel mit einer vergleichsweise geringeren Bebauungsdichte bestimmt (vgl.

Karcher, 226-227). Ingesamt fällt innerhalb vieler Wohngebiete eine Vermischung von

Gebäuden mit einfachem und gehobenem Standard auf, sodass sich Villen in

unmittelbarer Nähe zu kleinen Lehmhäusern finden lassen. Dennoch lassen sich die

einzelnen Quartiere durchaus durch den quantitativen Bestand an gehobenem

Baustandard und der vorhandenen Infrastruktur unterscheiden.

An der Peripherie haben sich so genannte Spontansiedlungen entwickelt, die in ihrem

Entstehen jedoch keineswegs „spontan“ waren. Da die bestehenden Strukturen und

bauliche Maßnahmen auf den starken Bevölkerungszuwachs nicht reagieren konnten,

entstanden in den späten 1960ern in zahlreichen Außenbezirken Bamakos illegale

Siedlungen. Diese entwickelten sich häufig aus älteren Dorfstrukturen, indem lokale

Chief’s Land an Freunde und Verwandte übertrugen. Einige der neuen Besitzer

verkauften das Land an Spekulanten oder Hausbauer, sodass sich über einen längeren

Zeitraum eine neue Siedlung entwickelte. Vom architektonischen Stil und der Bebauungs-

142


dichte unterscheiden sich viele dieser Spontansiedlungen nicht von den einfacheren,

legalen Quartieren. Die wesentliche Differenz besteht jedoch bei der Infrastruktur, da zu

Beginn der Entstehung keines der Gebiete in der städtischen Versorgung integriert war

(vgl. Vaa, 28).

1.3. Maßnahmen zur städtischen Entwicklung in den 1990ern

Nach dem Sturz des Traoré-Regimes und der Gründung der neuen demokratischen

Republik wurden zahlreiche neue Richtlinien eingeleitet. Bereits 1992 veranlasste die

neue Regierung ein spezielles Programm um die Lebensbedingungen in den illegalen

Wohngebieten zu verbessern. Ursache hierfür war die rasante Ausbreitung und

Neugründung von Siedlungen. Noch 1965 lebten nur etwa 5% der Bevölkerung Bamako’s

in den Spontansiedlungen, 1983 waren es etwa 31% und um 1990 bereits 70% (vgl. Vaa,

28). Die Ausstattung der Gebiete mit Straßenlicht und Wasserleitungen, sowie die

Einführung eines Kanalisationssystems an den Hauptstraßen und der Bau von Schulen,

Gesundheitszentren und Marktplätzen waren wesentliche Bestandteile des Programms

(vgl. Karcher, 227). Um diese Umstrukturierung realisieren zu können, wurden

bestehende Häuser abgerissen und deren Bewohner in andere, ausgewiesene Gebiete

umgesiedelt. Leitgedanke der Vorhergehensweise war es, ein Minimum an Wohnhäusern

zu zerstören um ein Maximum an Infrastruktur zu schaffen (vgl. Vaa, 30). Insgesamt

wurden 25 von 33 Siedlungen in das Programm aufgenommen und damit ein sehr großer

Teil der illegalen Wohnviertel zeitgleich legalisiert. Vier Jahre später wurde das

Programm wieder eingestellt. Hauptursache hierfür war, dass die Zuweisung von neuen

Siedlungsgebieten außer Kontrolle geriet. Ursprünglich waren die Grundstücke für die

Ansiedlung der Bewohner der ehemals illegalen Siedlungen vorgesehen. Es kam jedoch

dazu, dass Land an etwaige Interessenten verkauft wurde und ein Großteil der zur

Verfügung stehenden Fläche der Spekulation unterlag. Die zuständigen Akteure der

Landvergabe sahen darin die Möglichkeit um sich für die nächsten Wahlen zu

positionieren. Letztendlich stiegen die Preise so stark an, dass die eigentlichen

Adressaten des Programms von der Erwerbsmöglichkeit von Land ausgeschlossen

wurden (vgl. ebda. 31).

Insgesamt steht das legale Angebot an Land in keiner Relation zu der hohen Nachfrage,

sodass sich ein illegaler Markt für Landverkauf etabliert hat. Um diese Tatsache

einzudämmen und das Angebot an Land zu erhöhen, hat die malische Regierung im Jahr

1992 in Kooperation mit der Weltbank eine Agentur zur Stärkung des Wohnungsbaus

gegründet. Die so genannte „Agence de Cession Immobilière“ (ACI) überwacht den

staatlichen Landbesitz, sorgt für den Aufbau von Infrastruktur und verkauft Land auf

öffentlichen Auktionen. Von den 7.500 Grundbesitztümern, die zwischen 1970 und 2000

verkauft wurden, sind 87 % in der Zeit von 1992-1995 durch die ACI entstanden.

Quantitativ zeigt dies die Wirksamkeit der ACI. Jedoch muss hinterfragt werden, welche

Gruppe die Dienste der Kooperation erreichen: „In the word of Malian researchers, it is a

road of access to property for an economic elite. The overwhelming marjority of Bamako’s

population do not feel concerned by the services this agency has to offer“ (Vaa, 32). Die

Kosten für die Grundstücke sind für die Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich,

sodass auch diese Maßnahme sie indirekt vom legalen Landerwerb ausschließt.

143


Die Errichtung einer weiteren, von der Weltbank und der KfW finanzierten Agentur,

der„Agence d’exécution des trevaux d’intéret public pour l’emploi“ (AGETIPE), wurde

ebenfalls im Jahr 1992 umgesetzt. Die Agentur gehört zu den ausländischen und

internationalen Entwicklungsorganisationen, die eine Art parallele Verwaltung zur

eigentlichen Stadtverwaltung bilden und finanziell und strukturell meist besser

ausgestattet sind. Hauptziele von AGETIPE sind es, temporäre Anstellung in

arbeitsintensiven Kleinprojekten zu fördern um einen Einkommenszuwachs und die

Partizipation der lokalen Bevölkerung zu ermöglichen. Darüber hinaus soll der private

Sektor gefördert und ausgebaut werden. Um dies umzusetzen, finanziert die Agentur

Projekte, die bestimmte Kriterien erfüllen müssen und in ihrer Wirkung einem

öffentlichen Interesse dienen (vgl. Karcher, 231). Entsprechend einer Evaluation der

Weltbank aus dem Jahr 1997 war die Arbeit der AGETIPE sehr erfolgreich und hat in

vielen Bereichen Bamakos sichtbare Veränderungen hervorgebracht. (vgl. Vaa, 32). Die

Struktur des Programms ermöglicht es auch Projekte, meist von NGO’s, in den nicht

autorisierten Siedlungen zu fördern und bietet so die Chance die dortigen

Lebensbedingungen zu verbessern.

Dies stellt einen entscheidenden Vorteil gegenüber den zuvor vorgestellten Programmen

dar. Die mangelnde Umsetzung staatlicher Programme liegt oftmals an dem schwach

ausgeprägten Verwaltungssystem, Korruption und der damit verbundenen Missachtung

der staatlichen Autorität und der eigentlichen Zielsetzungen. Dennoch muss die

flächendeckende Schaffung von Infrastruktur langfristig durch die Stadtverwaltung

realisiert werden, sodass die Verantwortung von der nationalen Regierung getragen wird.

2. Djenné – Stadt des Mittelalters

Das heutige Djénne ist berühmt für seine sudanesische Lehmarchitektur und der großen

Moschee. Im Jahr 1981 wurde die Stadt von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt

und seitdem bestimmen strikte Baureglementierungen den Erhalt des von

Lehmarchitektur geprägten Stadtbildes. Die Stadt ist eine der touristischen

Hauptattraktionen Malis und nimmt damit eine sehr wichtige Funktion innerhalb des

tertiären Sektors ein.

BILD

Die historische Bedeutung der Stadt war vielseitig und wesentlich durch den

Transsaharahandel und den damit verbundenen islamischen Einfluss geprägt. Darüber

hinaus finden sich in der Nähe der heutigen Djennés die archäologischen Überreste einer

wesentlich älteren Stadt. Dies stellt einen wichtigen Beweis für die Existenz von

städtischen Formen in Westafrika dar, die unabhängig vom Fernhandel der

Transsahararoute entstanden sind (vgl. Devisse, 29). Das Forscherehepaar Susan und

Roderick McIntosh entdeckten das so genannte Jenné-Jenno, das vergessene oder alte

Djenné, drei Kilometer östlich der heutigen Stadt. Die erste Ansiedlung in diesem Gebiet

wird auf etwa 250 Jahre v. Chr. datiert (vgl. Snelder, 67). Ausgrabungen zeigten, dass die

Stadt mit ihren runden und rechteckigen Häusern eine Ausbreitung von etwa 30 Hektar

besaß und von einer Stadtmauer umgeben war. Dies deutet daraufhin, dass die Stadt eine

wichtige wirtschaftliche bzw. politische Bedeutung haben musste. Eine genauere

144


Datierung der Stadtmauer ist bisher nicht möglich, es wird aber angenommen, dass

Jenné-Jenno zwischen dem 5. und dem 10. Jahrhundert die heute vorgefundene

Ausdehnung erreichte (vgl. Snelder, 67, Devisse, 3).

Zur Gründung von Djenné gibt es unterschiedliche Auffassungen und Datierungen. Ein

Großteil der Informationen zur historischen Entwicklung von Djenné stammen von

Abderrahman Es-Sa’di, er war Imam der großen Moschee in den 1620ern und 1630ern.

Seiner Chronik zu Folge wurde Djenné etwa 770 n. Chr. gegründet und zu einem

späteren Zeitpunkt an einen anderen Ort verlagert. Der Franzose Maurice Delafosse

vertritt in seinen Schriften die Ansicht, dass die Stadt durch eine Gruppe von Soninke

bereits 800 n. Chr. gegründet wurde, jedoch erst in den 1240ern zu einer

nennenswerten Größe anwuchs (vgl. Snelder, 67). Unter Vernachlässigung der Datierung

lässt sich jedoch bei beiden eine Übereinstimmung in Bezug auf die Bedeutungsentwicklung

von Djenné feststellen. Dementsprechend erlangte die Stadt durch die

Einbindung in den Fernhandel sowohl eine wirtschaftliche, als auch eine zentrale religiöse

Funktion. Seit dem 9. Jahrhundert führte der Fernhandel zwischen dem Norden und dem

Süden Westafrikas zu Stadtgründungen entlang der Handelsroute. Insbesondere an

Grenzgebieten, zwischen Klima- bzw. Vegetationszonen und verschiedenen

Herrschaftsbereichen, kam es zu Stadtgründungen. Diese anfänglichen Siedlungen dienten

zunächst als Lagerstätte bzw. Umschlagsorte. Da der Routenverlauf des Transsaharahandels

wesentlich von gegenwärtigen Machtstrukturen und Herrschaftsreichen

bestimmt war, kam es immer wieder zu einer Verlagerung, sodass neue Städte

entstanden und ehemals wichtige Handelsorte an Bedeutung verloren. Mit dem

Untergang des Ghana-Empires verlagerte sich die Route und Timbuktu wurde zu einer

zentralen Handelsstadt. Etwa zeitgleich wuchs auch die Bedeutung Djennés, sodass die

Stadt zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert durch den Handel bestimmt wurde

(vgl. Winters, 145-146). Der kurze Vergleich zwischen der Entwicklung beider Städte

verdeutlicht die Interdependenz innerhalb der Stadtgenese. Djenné profitierte von der

Bedeutung Timbuktus indem es einerseits ein bedeutender Umschlagsort für

Handelsgüter wurde und andererseits erfüllte es für Timbuktu eine wichtige

Versorgungsfunktion. Auf Grund der vorherrschenden klimatischen Bedingungen konnte

in der Region Timbuktu keine Agrarwirtschaft betrieben werden, sodass die Stadt auf

externe Versorgung angewiesen ist um den Nahrungsmittelbedarf der damaligen hohen

Bevölkerung decken zu können. Djenne diente daher als Sammelstelle für

Agrarprodukte, die über den Niger nach Timbuktu transportiert wurden.

Im 15. Jahrhundert weitete die erste Songhay-Dynastie ihren politischen Machtbereich

von der Hauptstadt Gao Richtung Westen aus und Djenné wurde durch ihren Herrscher

Sonni Ali Bar eingenommen. Anschließend folgte die Fortsetzung der Dynastie durch den

neuen Songhay-Herrscher Askia Mohammed (vgl. Brandt, 148-149). Die politische

Stabilität innerhalb dieser Periode stützte das florierende Wirtschaftsleben und Djenné

erlebte seine Blütezeit. Mit dem Einzug der Marokkaner zum Ende 16. Jahrhunderts und

der erneuten Veränderung der Handelsrouten begann ein stetiger Bedeutungsverlust

Djennés (vgl. Snelder, 69).

Diese historische Entwicklung Djennés lässt einen Vergleich zur Stadtentwicklung von

Lüneburg zu. Beide Städte erlebten im Mittelalter auf Grund ihrer einflussreichen

Positionierung im Handel eine Blütezeit und gerieten nachfolgend in eine Art

Vergessenheit. Die geringeren Einnahmen und die zunehmende Bedeutungslosigkeit im

145


überregionalen Handelsystem hemmten die städtische Entwicklung, sodass die alten

Stadtstrukturen größtenteils erhalten blieben.

3. Mopti – Neue Hafenstadt am Niger

Heute ist Mopti eine kommerzielles Zentrum am Niger und gleichzeitig Hauptstadt der

Region. Noch vor dem 19. Jahrhundert war es jedoch lediglich ein Haltepunkt entlang

der Strecke von Djenné nach Timbuktu. Das kleine Bozo-Fischerdorf zog ausschließlich

einige nomadische Schafhirten an und spielte darüber hinaus nur für die lokale

Versorgung eine wichtige Rolle.

Mit dem Bedeutungsverlust Djennés erlangte Mopti eine neue Position als Hafenstadt am

Niger. 1893 errichteten die Franzosen hier einen Militärstützpunkt und leiteten damit die

wirtschaftliche Entwicklung ein. Wenige Jahre später siedelten die ersten französischen

Händler in dem Gebiet und organisierten von Mopti ausgehend den Warentransport.

Der Bau der Eisenbahnlinie zwischen Bamako und St. Louis integrierte Mopti in das

größere Gebiet von Französisch Sudan und die Stadt wurde wichtiger Exporteur für

Agrarprodukte innerhalb der Kolonien. Hauptexportgut war Reis, der über den Niger

nach Bamako geschifft, und von dort weiter in den Senegal transportiert wurde (vgl.

Guibbert, 108).

Die naturräumlichen und klimatischen Bedingungen schaffen in diesem Gebiet gute

Voraussetzung für die agrarwirtschaftliche Produktion. Die Stadt liegt direkt im

Innendelta des Nigers. Während der Regenzeit kommt es im gesamten Einzugsgebiet des

Nigers und seinen Nebenflüssen zu Überschwemmungen, sodass ein Großteil der Fläche

durch das Schwemmwasser und die mitgetragenen Mineralien fertilisiert wird. Die

heutige wirtschaftliche Stellung Moptis basiert einerseits auf diese naturräumlichen

Bedingungen und andererseits auf die veränderten Handelsstrukturen des 19.

Jahrhunderts und den damit verbundenen, neuen Absatzmärkten.

1908 wurde die große Moschee von Mopti erbaut. Auch dieses Ereignis ist im

Zusammenhang mit der neuen Stellung der Stadt zu sehen. Das wirtschaftliche

Aufstreben einer Region führt zu einer stärkeren Zuwanderungsrate und damit zu einer

höheren städtischen Bevölkerungszahl. Insbesondere in stark religiös geprägten Nationen

bedeutet dieses Bevölkerungswachstum auch die Errichtung neuer Glaubensstätten. „In

general, learning followed commerce. (....) In the twentieth century Mopti, which

boomed owing to it position on the colonial trade routes, eventually became a religious

centre. Even teachers of religion have to eat“ (Winters, 353). In der späteren

Stadtentwicklung kommt es durch diese anfängliche Verbindung zwischen Kommerz und

Religiosität zu einem sich selbst verstärkenden Bevölkerungswachstum: Nicht nur das

wirtschaftliche Potential einer Stadt, sondern auch das Ansehen als religiöses Zentrum,

führt zu einer erhöhten Zuwanderung.

Mit der steigenden Bevölkerungszahl der Stadt musste sich auch die Siedlungsfläche

vergrößern. Um dies zu erzielen, wurde im Jahr 1910 mit dem Bau von Dämmen

begonnen, die bis in Jahr 1954 der Landgewinnung dienten und so die sukzessive

Ausbreitung der Stadt ermöglichten (vgl. Guibbert, 108). Ursprünglich erstreckte sich

146


die Stadt auf mehreren kleinen Inseln im Schwemmbereich der Flüsse Niger und Bali.

Während der Regenzeit waren die Stadteile daher voneinander getrennt. Durch den

Dammbau wurden diese Teile erweitert und insgesamt zu drei, auch in der Regenzeit,

miteinander verbundenen Siedlungsflächen umgeformt (vgl. Brandt, 160).

147


Literaturverzeichnis

GUIBBERT, Jean-Jacques 1983: Mopti: Tradition in the Present. Elements for Reflection

and Action in Medium-Sized Cities in Africa. Mali. In: Taylor, Brian: Reading the

Contemporary African City. Singapore, 101-112.

WINTERS, Christopher 1981: The urban systems of medieval Mali. Journal of Historical

Geography 7 (4), 341-355.

VAA, Mariken 2000: Housing policy after political transition: the case of Bamako.

Environment&Urbanization 12 (1), 27-34.

KARCHER, Silke 1995: Stadtsanierung in Bamako. Die Rolle lokaler Selbsthilfegruppen für

die Stadtsanierung in Bamako/ Mali. In: GROHMANN, Peter; HOFFMANN, Dirk (Hg.):

Andere Städte Anderes Leben. Stadtentwicklung, Umweltkrise und Selbsthilfe in Afrika,

Asien und Lateinamerika. Saarbrücken, 225-242.

VELTON, Ross 2008: Mali. The Bradt Travel Guide. 2. Aufl. Guilford.

SOKONO, O. 1985: Urban primacy in developing countries: the case of Mali. In:

Population Today 13 (4), 6-7.

JONES, Rachel 2007: “You Eat Beans!”: Kin-based Joking Relationships, Obligations, and

Identity in Urban Mali. Macalester College.

SNELDER, Raoul 1984: The Great Mosque at Djenné. Its impact today as a model. Mimar:

Architecture in Development 12, 66-74.

HOFFMANN, Dirk 1995: Die Welt ist Stadt. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen der

globalen Urbanisierung. In: GROHMANN, Peter; HOFFMANN, Dirk (Hg.). Andere Städte

Anderes Leben. Stadtentwicklung, Umweltkrise und Selbsthilfe in Afrika, Asien und

Lateinamerika. Saarbrücken, 17-38.

DEVISSE, Jean 1983: Urban History and Tradition in the Sahel. In: TAYLOR, Brian: Reading

the Contemporary African City. Singapore, 1-8.

148


Traditionelle Architektur in Stadt und Land:

Der Sudanstil

Susann Aland

149


Inhaltsverzeichnis

1. Ursprung und Verbreitung der sudanischen Lehmbauweise ............................................ 151

2. Merkmale der Lehmarchitektur.............................................................................................. 152

2.1. Bürgerliches Wohnhaus .................................................................................................... 152

2.2. Sakrale Bauten..................................................................................................................... 154

3. Stilistische Einflüsse.................................................................................................................... 155

3.1. Animistische Elemente ...................................................................................................... 155

3.2. Islamische Elemente ........................................................................................................... 156

4. Zur Bauweise .............................................................................................................................. 156

5. Vorteile der Lehmbauweise ..................................................................................................... 159

150


1. Ursprung und Verbreitung der sudanischen Lehmbauweise

Der Ursprung der bis heute für westafrikanische Sahel-Länder charakteristischen

Lehmarchitektur ist auf den Raum des Nigerbinnendeltas in Mali zurückzuführen. In

Handelsstädten wie Djenné und Timbuktu entwickelte sich der so genannte Sudanstil aus

zwei verschiedenen kulturellen und religiösen Strömungen, dem Animismus der Volta-

Völker und dem Islam aus Nordafrika (vgl. Abb. 1). Djenné kam im Mittelalter eine große

Bedeutung als Marktzentrum zu, und der Saharahandel verband die beiden Städte eng

miteinander. Über den Wasserweg wurden u. a. Stoffe, Steinsalz, Datteln und Keramik

aus Timbuktu in den Süden gebracht und landwirtschaftliche Produkte, wie Reis, Hirse,

Erdnüsse, aber auch Gold und Sklaven, in den Norden transportiert.

Mit dem Handel breiteten sich der Islam, alte Handwerkstraditionen und Bauweisen aus

Marokko, Algerien und Tunesien in den südlicheren Ländern Westafrikas aus. Hier

vermischte sich der islamische Glaube mit schwarzafrikanischen Traditionen und nahm

animistische Züge in sich auf. Die Verknüpfung von Islam und Animismus ist in der daraus

hervorgehenden Lehmbauweise wieder zu erkennen.

Abb. 1: Verbreitung der Sudanarchitektur im westlichen Afrika

(Krings, Thomas 1984: Die Tradition der urbanen Lehmarchitektur im Obernigergebiet von Mali. In: Die Erde

Nr. 115, 127.)

151


Die Karte in Abbildung 1 zeigt neben dem Kernraum des Sudanstils um Djenné, Mopti

und San auch die weiteren Ausbreitungsrichtungen in den (Nord-)Osten Malis, nach

Guinea und in die Elfenbeinküste.

Auf die stilistischen Merkmale der Lehmarchitektur wird in Kapitel 3 näher eingegangen.

(Krings 1984, 123-128.)

2. Merkmale der Lehmarchitektur

2.1. Bürgerliches Wohnhaus

Der Grundriss der Bürgerhäuser in Djenné ist prinzipiell viereckig. Die Wohngebäude

bestehen in der Regel aus zwei Stockwerken mit einem Flachdach.

Abb. 2: Grundriss eines Bürgerhauses

(Krings 1984, 132.)

152

Erdgeschoss:

1 Hauseingang (goumhu)

2 Vestibül (tafarafara)

3 Innenhof (batuma)

4 Abstellraum (tassike)

Obergeschoss:

5 Zimmer d.

Hausherren

(tafarafara/sifa)

6 Toilette (salanga)

Wie in Abbildung 2 nachzuvollziehen, gelangt man durch den Hauseingang zunächst in ein

Vestibül. In diesem fensterlosen Raum werden Freunde und Bekannte der Familie

empfangen, und auf Grund der relativ kühlen Temperaturen hält man sich während des

Tages hier gerne auf. Wenn die Größe des Raumes es erfordert, wird die Decke von

einer eckigen Säule in der Raummitte gestützt.

Durchquert man einen oder mehrere dieser dunklen Räume, erreicht man den für

islamische Bauten typischen Innenhof. Als Aufenthaltsort für die Frauen und Mädchen, an

dem sie die Mahlzeiten zubereiten, ist er von mehreren viereckigen Räumen umgeben, so

dass Fremden der Einblick verwehrt bleibt. Die umliegenden Räume sind ebenfalls für die

Frauen und Kinder des Hauses vorgesehen.


Vom Innenhof oder einem der Räume führt eine schmale und steile Treppe ins

Obergeschoss, zu den Räumlichkeiten des Hausherrn. Sein Schlafzimmer liegt direkt über

dem Eingangsbereich. Weitere Zimmer im zweiten Stockwerk fungieren als Lagerräume

für Hirse und Reis, und der hintere Teil setzt sich meist als Dachterrasse, die in warmen

Nächten gern als Schlafplatz genutzt wird, fort. Eine niedrige Lehmmauer schließt sie zum

Rand des Gebäudes ab. In einer hinteren Ecke des Flachdaches befindet sich die Toilette,

ein kleines einzelnes Lehmhäuschen. In die Außenmauern sind auf Höhe des Daches

tönerne Wasserspeier mit eingearbeitet, über die das Regenwasser abfließen kann.

Abb. 3a: Schema Bürgerhausfassade

(Krings 1984, 132.)

Abb. 3b: Fassade eines Bürgerhause in Djenné

(eigene Aufnahme)

1 Hauseingang (goumhu)

2 Tür-Vorbau (saria)

3 Risalit (sara fa wey)

4 Fenster im Aijimez-Stil (soro funey)

5 Tritthölzer (toron)

6 Phallische Lehmsäulchen (potige idye)

7 Lehmzinnenkrone (soro diokoti)

8 Zierlöcher (soro tabai)

9 Eckzinnen (sara fa har)

153


Je nach Vermögen der Hausbewohner ist die Straßenfront mehr oder minder reich

gestaltet. Abbildung 3 veranschaulicht das Idealschema der Fassadengesaltung. Der

Haupteingang wird durch zwei massive Mauerstützen und ein beide verbindendes kleines

Vordach eingerahmt, so dass ein kleiner Vorraum entsteht. Der Eingangsbereich wird

durch ein sich nach oben hin anschließendes Risalit mit einer Querverbindung, die mit

einer Reihe von Holzbündeln verziert ist, weiter betont. Die aus der Fassade hervor

stehenden „toron-Hölzer“ dienen neben ihrer dekorativen Funktion vor allem als

Baugerüst für Renovierungsarbeiten. Das kleine Fenster zwischen diesen Hölzern und

dem Eingang ist mit einem Gittertürchen aus Holz im marokkanischen Stil versehen.

Über den Holzbalken befindet sich ein eckiges Lehmrelief, das kleine eckige und

phallusartige Lehmsäulen umschließt und über dem Niveau des Flachdaches in einer

Lehmzinnenkrone endet. Eckzinnen des Daches, auf die lehmumkleidete Keramiktöpfe

gesteckt sind, lassen das Gebäude optisch höher erscheinen, als es tatsächlich ist. (Krings

1984, 130-134.)

2.2. Sakrale Bauten

Bei der Betrachtung der Lehmarchitektur im Sudan dürfen die Gebäude der Geistlichkeit

nicht fehlen. Die Moschee ist nicht nur zentraler Punkt des islamischen Glaubens und der

Stadt, sondern auch der Inbegriff der sudanischen Lehmarchitektur. Da die Moschee von

Djenné in der Literatur häufig als eine der eindrucksvollsten Sakralbauten dieser Art

genannt wird, soll sie nun beispielhaft näher beschrieben werden.

Der quadratische Bau wurde 1907 nach einem Vorbild aus dem Jahr 1830 errichtet und

misst bei einer Höhe von 20 Metern etwa 150 Meter Länge. Eine breite Terrasse mit

umlaufender niedriger Lehmmauer trennt das Gebäude vom direkt anschließenden

Marktplatz, der etwas tiefer liegt. Über Treppenaufgänge, die beidseitig von

Lehmzinnenpaaren begleitet werden, ist die Moschee für Gläubige zugänglich.

Abb. 4: Moschee in Djenné

(eigene Aufnahme)

154


Die Struktur der Außenmauern macht deutlich, warum man von der Sudanarchitektur

auch als Sudangotik spricht: Viele gleichmäßig angeordnete Stützpfeiler treten aus der

Fassade hervor und betonen die Senkrechte des Bauwerk Zusätzlich erhöhen optisch

drei Minarette, die auf der Marktplatzseite über das Niveau des Daches hinaus ragen, die

Moschee. Die viereckigen Türme werden nach oben hin schmaler, gehen in dünne

Lehmzinnen über und tragen an ihren Enden Keramikgefäße und Straußeneier. Die in

Kapitel 2.1 bereits erwähnten funktionalen und dekorativen Holzbalkenbündel zieren in

gleichen Abständen neben den Türmen der Moschee auch die restliche Außenfassade.

Jedes Jahr vor Beginn der Regenzeit dienen sie als Tritthölzer für die Maurer, die im

Rahmen eines geschäftigen Volksfestes eine neue Wasser abweisende Lehmschicht

auftragen. (Krings 1984, 128 ff.)

100 massive viereckige Lehmsäulen stützen das Flachdach, welches auf einer Grundlage

aus Holzbalken konstruiert ist. Am Fuße sind die Säulen etwa einen Meter dick und

gehen unter der Decke in Form von Spitzbögen ineinander über, was erneut die

Bezeichnung Sudangotik erklärt. Da in die Mauer nur wenige kleine Fenster eingearbeitet

sind, tragen in das Dach eingemauerte Tontöpfe ohne Boden zur Be- bzw. Entlüftung des

Gebäudes bei. Bei Regenfällen können diese mit Deckeln verschlossen werden. (Gardi,

René 1973: Auch im Lehmhaus lässt sich’s leben. Über traditionelles Bauen und Wohnen

in Westafrika, 241 f.)

3. Stilistische Einflüsse

Im einleitenden Kapitel über Ursprung und Verbreitung der Sudanarchitektur wurde

bereits angesprochen, dass sich in dieser Bauweise verschiedene Einflüsse vereinen und

zu besonderen stilistischen Merkmalen führen. Einige der charakteristischen

Eigenschaften werden in den beiden folgenden Teilkapiteln näher beleuchtet.

3.1. Animistische Elemente

Als eine schwarzafrikanische Naturreligion beinhaltet der Animismus den Glauben an

übernatürliche Kräfte, die sämtlichen Erdenbewohnern, Tieren, Pflanzen und Elementen,

wie Feuer und Wind, innewohnen und sich auf das Schicksal der Menschen auswirken.

Um diese Mächte positiv zu stimmen, werden diverse Opfergaben gebracht und

Zauberrituale durchgeführt, wie z. B. Fruchtbarkeitszeremonien. Auch die Seelen

verstorbener Ahnen werden verehrt und in diese Praktiken mit einbezogen, da sie

weiterhin Bewohner der Erde bleiben.

Dieser Hintergrund lässt sich mit einigen Elementen der Fassadengestaltung sudanischer

Gebäude in Verbindung bringen: mit den konischen Lehmzinnen, die zu mehreren oder

auch einzeln vor dem Haus oder auf dem Dach des Dorfchefs stehen. Ihnen wird von

vielen Volksgruppen der Savanne eine mythische Bedeutung zugeschrieben. Konische

Pfeiler aus Lehm oder Stein fungieren als Ahnengräber oder bei den Dogon auch als

155


Opferaltäre für ihren Schöpfergott Amma. Die Form der Lehmpfeiler ist vermutlich

durch die in der umliegenden Landschaft typischen Termitenhügel inspiriert. In einem

Schöpfermythos der Dogon stellen die Termitenhügel Vorbilder für das Wohnen und

Speichern von Vorräten dar und bieten Schutz vor wilden Tieren. Diese Symbolkraft

kann somit mit den Lehmzinnen der sudanischen Architektur assoziiert werden, um

damit nur eine unter zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten zu nennen. In der Mande-

Sprache lautet die Bezeichnung für die Eckzinnen auf den Dächern „sara far har“, was mit

„Grabstätte“, „Schönheit“ und „Fruchtbarkeit“ gleich gesetzt werden kann. Hier werden

wiederum der Kreislauf des Lebens und der enge Zusammenhang mit dem Tod

symbolisiert.

Neben den Lehmpfeilern wird auch dem architektonisch betonten Hauseingang eine

kultisch-religiöse Bedeutung zu geschrieben. Die durch das aufwärts strebende

Lehmrelief über dem Portal betonte Senkrechte unterstreicht die Vormachtstellung des

Hausherrn. (Krings 1984, 136-139.)

3.2. Islamische Elemente

Bei der Beschreibung des Aufbaus eines Bürgerhauses im Sudanstil in Kapitel 2.1 wurde

schon die Innenhoforientierung als typisches islamisches Merkmal genannt. Die Innenhöfe

als Aufenthaltsort und die ebenfalls charakteristischen kleinen Fenster in den Außenmauern

schützen die Intimität der Hausbewohner. Vor den Fenstern sind traditionell

Gittertürchen aus Holz angebracht, deren Verarbeitungsweise in Hufeisen- oder

Schlüssellochformen ihre marokkanische Herkunft verraten.

Weitere islamische Kennzeichen sind der viereckige Grundriss der Häuser, das leicht

geneigte Flachdach, deren Entwässerung über tönerne Wasserspeier in den Außenmauern

erfolgt, die Lehmziegel und die spezielle Deckenkonstruktion, die aus mehreren

Schichten Holzbalken und Palmblättern besteht. (Nähere Details dazu sind in Kapitel 4 zu

finden.)

Die islamischen Einflüsse machen sich darüber hinaus auch in der Struktur der Stadt

bemerkbar. Das orientalische Sackgassenprinzip ist in Djennés Altstadt durch schmale,

häufig abbiegende Gassen, die durch eng aneinander anschließende Außenmauern der

Wohnkomplexe begrenzt sind, zu erkennen. (Krings 1984, 139-142.)

4. Zur Bauweise

Da sich die Arbeitsschritte und die Konstruktion von Wohnhäusern und sakralen

Gebäuden in ihrem Grundaufbau kaum unterscheiden, wird im Anschluss allgemein die

Bauweise der Sudanarchitektur erläutert.

Nachdem das Baugelände mit einer Feldhacke eingeebnet wurde, zeichnet der Bauherr

ohne jegliche Bauzeichnungen den Grundriss auf den Boden. Bei einer Moschee wird als

156


erstes die nach Osten gerichtete Wand („kibla“) vermerkt. Die Linien werden

mittlerweile mit Hilfe von Schnüren bestimmt. Für die Grundmauern, die gewöhnlich aus

zwei Ziegelreihen bestehen, reicht ein flacher Erdaushub au Der Fußboden der

Innenräume, deren Höhe meist über dem äußeren Boden liegt, um dem Eintreten von

Regenwasser entgegen zu wirken, wird mit Lehmmörtel gefüllt und fest gestampft.

Lehm als Grundbaustoff ist auf Grund der vielen Seitenarme des Nigers fast überall zu

finden. Mit der Feldhacke wird der lehmige Boden entnommen, Wasser und je nach

Verwendungszweck unterschiedliche pflanzliche Zusätze hinzu gegeben und mit den

Füßen vermengt. Oft werden auch Reste von alten Gebäuden als Bausubstanz weiter

verwendet und unter den Lehmbrei gemischt. In drei Formen wird der Lehm verarbeitet:

Zur Ziegelherstellung kommen grobe Reis- und Hirsehäcksel dazu, Bindemörtel bedarf

der Zufuhr von Dung, und für Putzmörtel wird neben Reisspreu, Dung, Mehl von

Baobab-Früchten und Erde von Termitenhügeln auch Karité-Butter beigemengt.

Letzteres ist für die Außenwände und das Dach von besonderer Bedeutung, denn die

Karité-Butter sorgt für eine Wasser abweisende Außenschicht. Der Putzmörtel muss

mindestens drei Monate lang unter ständiger Wasserzufuhr lagern, bevor er verwendet

werden kann. Die Ziegelherstellung kann schon nach zwei bis drei Tagen beginnen. Vor

der Kolonialisierung wurden die Ziegel mit Händen geformt und hatten eine eher

rundliche Gestalt. Die Kolonialherren führten Holzrahmen ein, mit denen fortan

quaderförmige Ziegel produziert wurden. Die geformten Ziegel müssen zwei bis drei

Wochen trocknen, dabei täglich gewendet werden, damit sie gleichmäßig trocknen und

keine Risse entstehen.

Um die Mauern hoch zu ziehen, muss viel Mörtel benutzt werden. Deshalb ist allerdings

recht schnell eine Baupause erforderlich, damit der Mörtel nachtrocknen kann und die

Mauer sich nicht unter ihrem Eigengewicht und dem des Maurers, der gewöhnlich

zusätzlich auf ihr lastet, verformt.

Abb. 5a: Schema einer Treppenkonstruktion

(Gruner, Dorothee 1990: Die Lehm-Moschee am Niger: Dokumentation eines traditionellen Bautyps, 67.)

157


Abb. 5b: Treppenkonstruktion

(eigene Aufnahme)

Die Treppen im Haus hingegen bestehen weniger aus massiven Mauern, sondern eher

aus einer Konstruktion aus Holzbalken. Die Basisbalken werden schräg in die Mauern mit

eingearbeitet und schaffen einen Hohlraum, der gern als kühler Lagerraum für

Wasserkrüge genutzt wird. Auf den langen Balken werden kürzere Querhölzer befestigt,

auf denen dann die Lehmziegel der einzelnen Treppenstufen folgen.

Abb. 6: Deckenkonstruktion auf Stützwänden

(eigene Aufnahme)

158


Das Flachdach in der Mittelniger- und Volta-Niger-Region ruht auf den Außenmauern des

Gebäudes und je nach Raumgröße zusätzlich auf einzelnen Stützen oder Stützwänden,

welche wiederum Grundlage für die Holzprofile der Decke sind. Auf die durchschnittlich

zwei bis zweieinhalb Meter langen Holzbalken werden Flechtmatten oder Palmblätter

gelegt. Darauf folgen schichtweise Lehmmörtel, Lehmziegel, Lehm- und schließlich

Putzmörtel. Die oben erwähnten Wasserspeier bestehen heute in den Städten

größtenteils aus gebranntem Ton, während sie auf dem Land manchmal noch nach alter

Methode aus halbierten Palmhölzern zu sehen sind.

Abb. 7: Wasserspeier aus Holz in Kenekolo, nahe Kati

(eigene Aufnahme)

In einer zwei bis fünf Zentimeter dicken Schicht schützt der Putzmörtel Dach und

Außenfassaden vor zu schneller Verwitterung. Die Europäer brachten zwar die

Maurerkelle mit nach Mali, jedoch sieht man noch heute mancherorts, wie der Putz ohne

Werkzeug nur mit der flachen Hand aufgetragen wird. (Gruner 1990, 59-70.)

Zu den traditionellen Werkzeugen zählen die Feldhacke, Flechtkörbe und Kalebassen für

die Mörtelherstellung, das permanente Baugerüst in Form der „toron-Hölzer“ und

Leitern. (Gruner 1990, 75 f.)

5. Vorteile der Lehmbauweise

Wie zuvor mehrfach angedeutet, ist die Lehmbauweise besonders an die klimatischen

Bedingungen im Sudan angepasst. Die Wände und die massiven Decken, die auf die Art

und Weise, wie sie in Kapitel 4 beschrieben ist, bis zu 60 Zentimeter stark werden

können, haben den großen Vorteil, dass sie tagsüber die Räume verhältnismäßig kühl

halten und umgekehrt ebenso die Wärme des Tages in kühlen Nächten speichern.

(Gruner 1990, 66.)

Lehm ist auf Grund seiner großräumigen Verfügbarkeit außerdem ein sehr

kostengünstiger Baustoff und ermöglicht das Bauen ohne auf teure Importe aus

Industrieländern, wie Zement und Stahl, angewiesen zu sein. Des Weiteren sind für die

Herstellung der Lehmziegel und des Mörtels keine modernen Technologien notwendig,

159


denn die Lehmmasse wird mittels Händen und Füßen vorbereitet und weiterverarbeitet.

Auch der Transport bedeutet keine großen zusätzlichen Kosten, da gewöhnlich keine

weiten Strecken vom Herstellungsort zur Baustelle zurückgelegt werden müssen.

Aus der Tatsache, dass viele einzelne Arbeitsschritte dieser Architektur auf Handarbeit

und schwerer körperlicher Arbeit basieren, leitet sich ein weiterer Vorteil ab: Der

Einsatz von vielen Arbeitskräften ist notwendig und die Beschäftigtenzahl hoch. Hinzu

kommt die recht hohe Anfälligkeit für Verwitterung der Bausubstanz, so dass über das

Bauen der Gebäude hinaus auch regelmäßig Renovierungsarbeiten vorgenommen werden

müssen. Die Tradition der Lehmbauweise zählt somit zu den so genannten „angepassten

Technologien“ im Rahmen entwicklungspolitischer Überlegungen. Nicht nur das

Errichten von Lehmgebäuden, sondern vor allem auch das Reparieren der

Außenfassaden, was bspw. bei der Moschee in Djenné die gesamte Stadt mit einbezieht,

stärkt den Zusammenhalt der Helfenden untereinander und fördert die Identifizierung

mit der regionalen Kultur. (Krings 1984, 126.)

160


Literaturverzeichnis

GARDI, René 1973: Auch im Lehmhaus lässt sich’s leben. Über traditionelles Bauen und

Wohnen in Westafrika. Graz.

GRUNER, Dorothee 1990: Die Lehm-Moschee am Niger: Dokumentation eines

traditionellen Bautyps. Stuttgart.

KRINGS, Thomas 1984: Die Tradition der urbanen Lehmarchitektur im Obernigergebiet

von Mali. In: Die Erde Nr. 115, 123-144.

161


162


Kulturelle Konstruktion von Landschaft -

die Wissenschaftsreisen von Heinrich Barth

Lisa Trager

163


Inhaltsverzeichnis

1. Biographie .................................................................................................................................... 165

2. Die große Expedition durch Afrika ........................................................................................ 165

3. Besonderheiten der Forschung Barths .................................................................................. 166

4. Kulturelle Konstruktion von Landschaft ............................................................................... 167

164


1. Biographie

Johann Heinrich Barth wurde 1821 in Hamburg geboren. Er war der jüngste Sohn eines

Überseekaufmannes und dessen Frau, die zwar beide nicht zum Bildungsbürgertum

gehörten, aber alles taten um ihren Kindern Zugang zu höherer Bildung zu verschaffen.

So besuchte Heinrich Barth zunächst eine Privatschule in Hamburg und wechselte später

auf das Johanneum, wo er schon in frühen Jahren durch großen Ehrgeiz und Fleiß auffiel.

So brachte er sich beispielsweise neben der Schule selbst Englisch und Arabisch bei (vgl.

Deck 2006, 5ff). Sein großes Sprachentalent war ihm auf seinen späteren Reisen natürlich

äußerst nützlich. 1839 begann er sein Studium in Berlin, wobei er sich mit der Wahl des

Studiengebiets sehr schwer tat und schließlich Altertumswissenschaften, Germanistik,

sowie Geographie studierte. Nach einer einjährigen Reise nach Italien promovierte er

1844 schließlich August Boeck, einem Altertumswissenschaftler, sowie Carl Ritter, der

bis heute als Begründer der modernen Geographie gilt. Nach seinem Studium versuchte

Barth als Hauslehrer und Dozent zu arbeiten, war aber auf Grund seiner mangelnden

pädagogischen und rhetorischen Fähigkeiten nur mäßig erfolgreich. 1845 unternahm er

dann seine erste Reise außerhalb Europas, auf die er sich in London vorbereitete. Zu

diesem Zeitpunkt sprach er bereits vier Sprachen und studierte den Koran. Die Reise

führte ihn durch Südfrankreich, Spanien, Algerien, Tunesien, Malta, Ägypten, Palästina,

Damaskus, Beirut, Zypern, Rhodos, Konstantinopel und im Dezember 1847 erreichte er

wieder Hamburg (vgl. Deck 2006, 7).

1849 wurde der britische Forscher James Richardson von der britischen Regierung mit

einer Reise in das Innere Afrikas und vor allem in das Sultanat von Bornu beauftragt, mit

welchem sich die Regierung ein Handelsverhältnis erhoffte. Heinrich Barth wurde als

Richardsons Begleiter ausgewählt, ebenso wie Adolf Overweg, ein deutscher Astronom

und Geologe. Insgesamt dauerte die Exkursion knapp sechs Jahre; 1855 kehrte Barth als

einziger Überlebender zurück nach Europa (vgl. Deck 2006, 12ff). Zwei Jahre später

veröffentlichte er dann sein fünfbändiges Werk „Reisen und Entdeckungen in Nord- und

Centralafrika in den Jahren 1849 bis 1855“, welches er aus seinen präzisen Aufzeichnungen

während der Reise erstellte. Zu diesem Zeitpunkt wurde Barth in wissenschaftlichen

Kreisen als Forscher geschätzt, in gesellschaftlichen Kreisen jedoch kaum

wahrgenommen, da seine nüchternen, faktenreichen Erzählungen nicht der Stimme der

Zeit entsprachen, welche lieber fantastische Abenteuer von dem „schwarzen Kontinent“

erzählt bekam. So verließ er 1858 England und ging mit der Hoffnung die Professur Carl

Ritters übernehmen zu können nach Berlin. Von dort aus unternahm er noch mehrere

kürzere Reisen und bekam schließlich eine außerordentliche Professur. 1865, mit nur 44

Jahren verstarb Barth an einem Magendurchbruch und wurde auf dem Kreuzberger

Friedhof in Berlin beigesetzt (vgl. Deck 2006, 25).

2. Die große Expedition durch Afrika

Die große Expedition durch Afrika stellt die wichtigste Exkursion von Heinrich Barth dar.

James Richardson, der englische Forscher, der mit der Führung der Reise beauftragt

wurde, hatte in vorherigen Jahren bereits das gesamte nördliche Afrika bereist. Mit der

großen Expediton verfolgte er nicht nur die ökonomischen Ziele der britischen

165


Regierung, sondern auch eigene, vor allem politisch geprägte Absichten. Richardson galt

als einer der bedeutendsten Gegner des Sklavenhandels zu seiner Zeit und die

Abschaffung selbigen war ein erklärtes Ziel seiner Exkursion. Barths Absichten waren

weniger ökonomischer oder politischer Natur: er wollte schlicht und einfach einen

Kontinent erforschen, von dem die westliche Welt bisher kaum etwas wusste (vgl. Deck

2006, 11f). Diese unterschiedlichen Beweggründe für die Reise ließ die zwei Forscher

während der Reise immer wieder aneinander stoßen. Die knapp sechsjährige Reise

würde heute rund zehn Landesgrenzen überqueren: Libyen, Niger, Nigeria, Tschad,

Benin, Burkina Faso, Mali und Kamerun. Nicht nur die unterschiedlichen Interessen

stellten immer wieder ein Problem während der Reise dar, auch die finanzielle Situation

war oft schwierig. Dazu kam, dass die Forscher sich in teilweise kaum erforschten

Gebieten bewegten, es deswegen kaum Karten zur Orientierung gab. Nach mehreren

Monaten Vorbereitungszeit in Tripolis, startete die Expedition schließlich im März 1950.

Ab diesem Moment nannte sich Barth „Abd al-Karim“ (Diener des Allerhöchsten) und

trug einheimische Tracht. Diese Maßnahmen, ebenso wie seine Kenntnisse der Sprache

und des Korans, sollten zu seiner eigenen Sicherheit dienen. 1851 entschließen sich die

drei Forscher zu trennen und jeder für sich weiterzuforschen. Kurze Zeit später starb

Richardson, Barth zeigte sich jedoch wenig beeindruckt und übernahm die Führung der

Reise, deren Route er änderte und nach Timbuktu verlegte (vgl. Deck 2006, 18f). Kurze

Zeit bevor Overweg und Barth nach Timbuktu aufbrachen, starb jedoch auch Overweg

an Malaria. Heinrich Barth zog also alleine los und gab sich aus Angst wie Alexander

Gordon Laing zuvor ermordet zu werden als islamischer Prediger aus. Sein Versteckspiel

flog jedoch sehr schnell auf und er zog damit noch mehr Unmut auf sich und bekam

sogar Morddrohungen gesendet. Dies lag auch daran, dass er zu einem äußerst

ungünstigen Zeitpunkt in Timbuktu ankam, da der einzige ihm wohlgesonnen Mann, der

Scheich Ssid Ahmed El-Bakay nicht vor Ort war. Als dieser jedoch kurze Zeit später in

der Stadt ankam, rettete er Barth vor den aufgebrachten Menschen. Zuhause in Europa

galt Barth mittlerweile als verschollen, deswegen wurde der deutsche Ernst Vogel

geschickt ihn zu suchen. Sie trafen in Timbuktu aufeinander, trennten sich jedoch kurz

darauf erneut und Vogel wurde einige Monate später in Wadai ermordet, wo er für

einen Spion gehalten wurde. Im Mai 1955 begann Barth schließlich seine Rückreise nach

Tripolis über die Bornu-Straße, eine berühmte Handelsroute zu der Zeit. Insgesamt legte

er rund 15.500 km zurück (vgl. Deck 2006, 24).

3. Besonderheiten der Forschung Barths

Wichtig zu beachten ist, dass die Dinge, die die Forschung Heinrich Barths so besonders

gemacht haben immer im Kontext des 19. Jahrhunderts gesehen werden müssen. Auch

wenn sie in der heutigen Zeit und beim heutigen Standpunkt der Wissenschaft teilweise

banal erscheinen, waren es zu Lebzeiten Barths grundlegende Besonderheiten gegenüber

dem üblichen Verhalten von Forschungsreisenden. Die Tatsache, dass Barth die Sprache

der Kulturen, die er besuchte, lernte und später sogar analysierte ist ein anschauliches

Beispiel dafür. Auch sein Interesse für den Koran und den Islam waren außergewöhnlich.

Außerdem versuchte Barth in Kontakt mit der lokalen Bevölkerung zu treten und suchte

das Gespräch mit fremden Menschen. Seine Anpassung ging sogar so weit, dass er sich

selbst verleugnete und sich als andere Personen ausgab, so zum Beispiel als „Abd al-

Karim“. Ein weiterer besonderer Aspekt seiner Reisen war die Tatsache, dass er es

166


vermied Gewalt und Waffen anzuwenden. Dies war eine durchaus übliche Vorgehensweise

der Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Barth war jedoch vor allem interessiert

am Alltag der Menschen, er betrieb als einer der ersten Wissenschaftler die so genannte

„teilnehmende Beobachtung“, eine ethnologische Forschungsmethode, die erst einige

Jahre nach Barth offiziell eingeführt wurde (vgl. Deck 2006, 42). Um den Alltag der

Menschen beobachten und daran teilnehmen zu können, war Barth klar, dass er auf

Gewalt verzichten musste. Eine der wichtigsten Errungenschaften der Wissenschaft

Barths war jedoch die Tatsache, dass er Afrika eine Geschichte und damit Wichtigkeit

zusprach. Die traditionelle Geschichtswissenschaft beschäftigte sich hauptsächlich mit

schriftlichen Quellen, diese waren aber kaum zu finden in Afrika, aus diesem Grund

wurde oft argumentiert, Afrika hätte keine Geschichte. Barth hingegen beschäftigte sich

explizit mit der oralen Kultur, d.h. mit mündlichen Überlieferungen und Geschichten (vgl.

Heinrich-Barth Institut 2006). Außerdem war er durch sein breitgefächertes Studium

wohl einer der ersten Wissenschaftler, der einen interdisziplinären Ansatz vertrat und

damit vielleicht ein Ahne der heutigen Kulturwissenschaft.

All diese Besonderheiten der Forschung Barth sind jedoch, wie Yvonne Deck feststellt

mit Vorsicht zu genießen, da die heutige Sicht leicht dazu tendiert Barth zu verherrlichen.

Heinrich Barth war trotz der teils außergewöhnlichen Merkmale seiner Forschung

trotzdem Mann seiner Zeit, er war europäisch geprägt und auch stolz auf sein

europäisches Erbe. So hielt er trotz seines Interesses für Afrika Europa für das Ideal des

Fortschritts und Afrika für zurückgeblieben (vgl. Deck 2006, 45).

4. Kulturelle Konstruktion von Landschaft

Dass Forscher ihre Ergebnisse durch ihre Erfahrungen, Gefühle und Wahrnehmung

beeinflussen, ist lange bekannt, dabei stand aber immer eher die Betrachtung von

anderen Menschen im Fokus der Kritik. Gleichzeitig ist aber auch die Wahrnehmung von

scheinbar „objektiven“ Landschaften subjektiv geprägt (vgl. Harms 2006, 174). Dies wird

umso deutlicher beschäftigen wir uns mit den scheinbar objektiven Landschaftsbeschreibungen

Heinrich Barths. Robert Harms stellt in seinem Essay zwei wichtige

Einflüsse auf die Konstruktion von Landschaft in Barths Berichten fest: die aufkommenden

Naturwissenschaften mit ihrem Drang zu Kategorisierung und Ordnung, sowie die

europäische Landschaftsmalerei, bei der ästhetische Ideale aus Europa auf die Landschaft

appliziert wurden (vgl. Harms 2006, 176ff) . Beide Aspekte kann man in den Berichten

Barths und seinen Beschreibungen von Natur immer wieder erkennen. In seinen

Schilderungen kopierte Heinrich Barth allerdings nicht nur vorherrschende Ideale,

sondern verknüpfte sie auch untereinander und ließ seine lokalen Kenntnisse in seine

Berichte mit einfließen. Es bleibt festzuhalten, dass wir uns stets der Tatsache bewusst

machen müssen, dass wir die Dinge immer in einem kulturellen Kontext erfassen,

reflektieren und mit unserem europäischem Hintergrund viele Dinge nicht verstehen

bzw. sehen können oder sie anders interpretieren.

167


Literaturverzeichnis

DECK, Yvonne 2006: Heinrich Barth in Afrika. Der Umgang mit dem Fremden. Eine

Analyse seines großen Reisewerks. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität

Konstanz.

HARMS, Robert 2006: Heinrich Barth’s Construction of Nature. In: DIAWARA, Mamadou

et al: Heinrich Barth et l’Afrique. Köln, 173 -183.

Heinrich-Barth-Institut 2006: Zehn Seiten eines Afrikaforschers. URL: http://www.unikoeln.de/hbi/10_s_barth_bio.html,

Stand 02.02.2009.

168


Die Frau im islamisch geprägten Mali

Elena Konrad

169


Inhaltsverzeichnis

1. Die Frau im islamisch geprägten Mali...................................................................................1721

2. Weibliche Genitalverstümmelung........................................................................................... 172

170


1. Die Frau im islamisch geprägten Mali

Die Frauen spielen eine sehr wichtige Rolle im sozialen, sowie auch wirtschaftlichen

Leben Malis. Sie arbeiten sehr hart und verdienen aber meistens nur wenig Geld, ganz zu

schweigen von der unbezahlten Arbeit im Haushalt. Generell lässt sich feststellen, dass

die Frauen in Mali in vielen Bereichen, wie z.B. soziales und ökonomisches Leben, Zugang

zu Bildung und generelle Rechte noch sehr benachteiligt werden. Dabei spielen jedoch

viele Faktoren eine Rolle, so genießen die Frauen in der Stadt oft größere Freiheiten als

die Frauen im ländlichen Raum. Weitere Faktoren welche die Stellung der Frau

beeinflussen sind die finanzielle Situation der Familie, der Bildungsgrad des Ehemanns

bzw. der Familienmitglieder und auch deren religiöse Überzeugungen, sowie die

Persönlichkeit der Frau. Die Rechte der Frau können auch je nach Ethnie variieren, so

gilt z.B. bei den Tuareg das Mutterrecht und die Frau nimmt eine besondere Stellung in

der Familie ein u.a. als „Herrin des Familienzelts“. Im Gegensatz haben bei den Soninké

die Frauen generell eher wenig Freiraum und verlassen kaum das Haus.

Laut Verfassung sind Frau und Mann gleichberechtigt, doch in der Realität sieht dies meist

anderes aus. Zum Teil stehen den Frauen bestimmte Recht zwar per Gesetz zu, doch der

Alltag ist vor allem an den Traditionen orientiert. Eine Gleichberechtigung ist weit

entfernt, so liegt z.B. die Analphabetenquote bei Frauen um einiges höher als bei den

Männern und auch im Wirtschaftsleben und bei der Einklage ihrer Rechte herrscht

weiterhin Ungleichheit. Dabei sind die Frauen im Wirtschaftsleben stark vertreten, wie

wir auch vor Ort feststellten, arbeiten sehr viele von ihnen als Händlerinnen oder

Verkäuferinnen. Doch laut IHK sind nur 1% der Frauen Inhaberinnen eines festen

Ladenlokals. Sobald es Richtung Massenabsatz geht, finden sich fast nur Männer wieder

und verdrängen z.T. sogar die Frauen aus ursprünglichen Frauendomänen. Erschwerend

kommt hinzu, dass Frauen traditionell eher leicht verderbliche Waren verkaufen und

Männer länger haltbare und auch besser nachgefragte Produkte.

In der Landwirtschaft übernehmen Frauen ebenfalls einen Großteil der Arbeit, doch auch

hier haben sie zu kämpfen mit Gesetzten die ihnen den Besitz von Land verbieten, sowie

erschwertem Zugang zu landwirtschaftlichem Equipment und Krediten. In der Politik sind

die Frauen noch relativ wenig vertreten, 10% macht ihr Anteil in der Nationalversammlung

aus, von 26 Ministerposten sind 6 von Frauen besetzt. Seit 1997 gibt es

erstmals eine Frauenministerin, welche sich für die Stärkung der Rechte der Frauen

einsetzt. Für sie ist es wichtig, dass auch in anderen Bereich der Politik, wie Agrarwirtschaft

oder Umwelt, die Frauen in Fragestellungen miteinbezogen werden. Doch sie

hatte anfangs, zum Teil aber auch bis heute, mit vielen Vorurteilen vor allem ihrer

männlichen Kollegen zu kämpfen.

Der Alltag der Frauen ist vor allem durch familiäre Pflichten geprägt, die klassische Rolle

ist immer noch die der Hausfrau und Mutter. Zu den Aufgaben gehören meist Kochen,

Wasser und Brennholz holen, Sauberhalten des Haushalts und Wäschewaschen – oft mit

großer körperlicher Anstrengung verbunden. Schon als kleines Mädchen werden

schwere Aufgaben im Haushalt übernommen. Die meisten Mädchen werden sehr jung

verheiratet mit einem oftmals wesentlich älteren Partner. Offiziell dürfen Mädchen erst

mit 18 verheiratet werden, mit Einverständnis der Eltern mit 15 Jahren, doch die

Grenzen werden oft unterschritten. Die Eheschließung gilt meist als Verbindung zweier

Familien und wird von den Eltern arrangiert. Häusliche Gewalt ist keine Seltenheit. In

171


Mali ist die Polygamie erlaubt, bis zu vier Ehefrauen darf laut Koran ein Mann haben,

unter der Voraussetzung alle gleich zu behandeln. In der Realität kommt es jedoch oft zu

Problemen und Streitigkeiten zwischen den Familienmitgliedern. Besonders auch bei

sogenannten „Versorgungsehen“, die entstehen wenn eine verwitwete Frau den Bruder

ihres verstorbenen Mannes heiratet bzw. heiraten muss.

Mit der Mutterrolle steigt der soziale Status einer Frau und viele Kinder bedeuten im

Großteil des Landes immer noch ein gesellschaftliches Prestige. Ein großes Problem

stellen Schwangerschaften bei jungen, unverheirateten Mädchen dar, da auf diese, um

nicht von der Familie ausgestoßen zu werden, oft illegale Abtreibungen erfolgen. Laut

Schätzungen des Familienministeriums sind 90% der Bevölkerung nicht auszureichend

aufgeklärt.

Abschließend lässt sich sagen, dass es auch einige positive Entwicklungen gibt, so steigt

zum Beispiel die Einschulungsrate der Mädchen, die Zahl der arrangierten Ehen ist

rückläufig und es gibt immer wieder Beispiele von Frauen die sich erfolgreich im

Wirtschaftsleben behaupten. Als erfolgreiches Beispiel kann man die Frauen des Cercle

de Niono nennen. Sie leisten einen erfolgreichen Beitrag der Stärkung der Frauen im

Bereich Politik und Landwirtschaft und können durch ihre aktives Engagement als Vorbild

für andere Frauen der Region dienen. Kritisch anzumerken ist, dass die Führungsfrauen

des Cercle de Niono alle aus besseren Verhältnissen kommen und es sich so erst leisten

können viel Zeit für politische Arbeit aufzuwenden. Frauen aus armen Verhältnissen, die

den ganzen Tag schwer arbeiten müssen, werden kaum die Kraft finden sich nebenher

noch politisch zu betätigen. Bis die Benachteiligung der Frauen in allen Bereichen

schrittweise überwunden werden kann, ist es noch ein langer Weg.

2. Weibliche Genitalverstümmelung

In Mali sind über 90% der Frauen von der weiblichen Genitalverstümmelung betroffen.

Dabei variiert der Anteil der beschnittenen Frauen geringfügig je nach Ethnie. Der Eingriff

wird im Vergleich zu früher bei immer jüngeren Mädchen durchgeführt – 80% sind bei

der Beschneidung unter 5 Jahren alt. Es birgt ein enormes gesundheitliches Risiko und

beschränkt die Frauen in weiten Bereichen ihres Lebens. Als Gründe für die

Praktizierung werden Tradition, Religion und die Kontrolle der weiblichen Sexualität

angegeben. Oftmals gilt die Einstellung, nur eine beschnittene Frau ist sozial anerkannt

und findet einen Ehemann. Über die Risiken sind jedoch die wenigsten aufgeklärt, denn

Beschneidung ist ein gesellschaftliches Tabuthema. Meist kann sich dem Thema nur über

gesundheitliche Aspekte bzw. Risiken im Gespräch mit der Bevölkerung genährt werden.

In Mali wird das Problem nur von einer kleinen Elite wahrgenommen und Befürworter

der Praxis nehmen laut Umfragen sogar zu. Bei vielen herrscht die Meinung vor, dass das

Verbot der Beschneidung ein Feldzug des Westens sei, welchem man nicht nachgeben

dürfe. Von Staatesseite ist die Beschneidung theoretisch verboten, da Mali das Maputo

Protokoll unterschrieben hat, was deren Abschaffung fordert. Es gab bisher jedoch noch

keinen einzigen Fall vor Gericht und auch im Staatsrecht scheiterten bisherige Versuche

einer Gesetzesausarbeitung. Ein Programm zur Abschaffung der FGM 8 wurde geschaffen,

8 FGM : Female Genital Mutilation : englischer Begriff für Weibliche Genitalverstümmelung.

172


doch viele NGOs kritisieren, dass sich der malische Staat zu dem Thema nicht eindeutig

positioniert.

Einen großen Einfluss auf das Thema haben auch religiöse Führer, da der Großteil der

Bevölkerung davon ausgeht die Beschneidung sei islamisch und in der Religion begründet.

Viele Imame üben Druck aus zur Aufrechterhaltung der Praxis, z.B. durch Gebete und

auch über Radiosendungen. Von konservativen Kreisen werden Aktionen gegen FGM

sabotiert und Druck auf die Regierung ausgeübt. Nur eine sehr kleine Gruppe von

Imamen hat sich bisher öffentlich gegen FGM ausgesprochen.

Zahlreiche NGOs engagieren sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Nur durch

viele kleine Schritte wie z.B. auch die Sensibilisierungsarbeit von GAAS Mali kann langsam

ein Umdenken bewirkt werden. Förderlich ist sicher ein integrativer Ansatz, der den

Staat, die Religionsführer, die gesamte Zivilgesellschaft und Beschneiderinnen mit

einbezieht. Den Beschneiderinnen muss zum Beispiel die Möglichkeit einer alternativen

Erwerbstätigkeit nach Beendigung der Praktik gegeben werden.

Auch im Bereich Entwicklungszusammenarbeit spielt das Thema FGM eine Rolle. Es gibt

eine „Geber-Themengruppe“ zu deren Mitgliedern z.B. UNICEF, WHO, EU und NGOs

wie Care Mali zählen und welche im Reglfall alle zwei Monate tagt. Zusammengearbeitet

wird zum Beispiel bei der Organisation von verschiedenen Aktivitäten am Internationalen

Tag „Null Toleranz der Weiblichen Genitalverstümmelung“, sowie der Organisation von

Konferenzen zum Thema FGM. Zu den Aktivitäten der einzelnen Gruppen zählen etwa

die Behandlung von Folgeschäden der FGM, Organisation einer Konferenz mit Religionsführern,

Sensibilisierung im Bereich Gesundheit und Menschenrechte. Der ded sieht ein

voranbringendes Vorgehen in der Kombination folgender Schritte: einen rechtlichen

Rahmen gegen die FGM zu schaffen und Aufklärungsarbeit bei relevanten Berufsgruppen

leisten, den Staat bei der Durchführung des Programms gegen FGM und seiner

Positionierung zu unterstützen, Dialog mit religiösen Führern führen und auch Rat von

Imamen außerhalb Malis suchen und die Aktivitäten der NGOs und der Geber-Grupper

zu koordinieren, so dass möglicht effektiv gearbeitet und kooperiert werden kann.

173


Literaturverzeichnis

RICHTER, Gritt 2007: Hintergründe und Empfehlungen für den Politikdialog zur

Überwindung von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) in Mali. Positionspapier der

deutschen EZ in Mali für die Regierungsverhandlungen im Dezember 2007. Bamako.

RONDEAU, Chantal; BOUCHARD, Hélène 2007: Commerçantes et épouses à Dakar et à

Bamako. Paris.

SCHNEIDER, Claudia 2001: Das starke Geschlecht. Frauenleben in Mali. Bamako.

United Nations Development Fund for Women: The Struggle Against FGM in Mali. URL:

http://www.unifem.org/gender_issues/voices_from_the_field/story.php?StoryID=396,

Stand 10.05.2009.

174


Umweltsituation in Mali

Theresa Lauw

175


Inhaltsverzeichnis

1. Wasser.......................................................................................................................................... 177

2. Desertifikation ............................................................................................................................ 177

3. Müll................................................................................................................................................ 177

4. Ufererosion ................................................................................................................................. 178

5. Abholzung .................................................................................................................................... 178

176


Der Reiseführer Lonley Planet nennt in dem Abschnitt über Mali Überholzung,

Überweidung und Desertifikation die größten Umweltprobleme des Landes. Auf der

Webseite von Germany Trade and Invest zu z. B., finden sich zahlreiche Artikel zum

Thema Wasserressourcenmanagement, was darauf schließen lässt, dass diese Institution

dies als primär zu behebendes Problem sieht. Andere Internetquellen beschreiben ganz

andere Probleme als die Gravierernsten. Insgesamt ist nur sehr wenig zu dem Thema zu

finden. Im Folgenden möchte ich die unterschiedlichen Auffassungen die ich vor der Reise

nach Mali recherchieren konnte Stichpunktartig zusammenfassen.

1. Wasser

Abwasser: Die Abwasserversorgung in Mali ist kaum, und wenn dann unzureichend

vorhanden. Eine staatliche Organisation dieser gibt es nicht. Die Abwässer gelangen auf

direktem Weg in stehende und fließende Gewässer sowie in den Boden.

Gewässerverschmutzung: In die Gewässer Malis gelangt ein sehr großer Teil der

Abwasser von Haushalten und Industrie. Zudem wird in den Flüssen und Seen Malis mit

stark tensidhaltigen Waschmitteln gewaschen und die Abfallstoffe von Stickstoff-

Düngemitteln aus der Landwirtschaft in die Gewässer geleitet.

Trinkwasser: Lediglich rund 12% der malischen Bevölkerung steht sauberes Trinkwasser

zur Verfügung.

2. Desertifikation

Desertifikaton oder auch fortschreitende Wüstenbildung wird in Mali durch Deflation,

Abholzung, Überweidung und Versalzung der Böden hervorgerufen.

Weite Teile des Landes sind von diesem Problem betroffen. Insbesondere die nördlichen

Regionen Malis, südlich der Sahara sind gezwungen gegen den fortschreitenden Prozess

anzukämpfen. In den letzten 20 Jahren soll der Harmattan, ein Nordostpassat zwischen

0° und 20° nördlicher Breite, die Wüste um ungefähr 100 Kilometer weiter nach Süden

vorgeschoben haben.

Timbuktu, heute eine mitten in der Halbwüste gelegene Stadt, lag vor 100 Jahren noch in

grünen Landschaften und vor 40 Jahren direkt am Niger. Die malische Regierung

versucht nun gemeinsam mit Hilfsorganisationen die Dünen zu stoppen. Es werden

Erosions-Schutzwälle gebaut, widerstandsfähige Bäume gepflanzt und die Dünen mit

Hecken und Gräsern befestigt, um Wind und Sand auszubremsen.

3. Müll

In Mali gibt es keine hinreichende Müll- oder Abfallentsorgung. Keinerlei staatliche

Organisation. In Großstätten werden die Abfälle teilweise von privaten Unternehmen aus

den Haushalten abgeholt jedoch danach lediglich außerhalb der Stadt gelagert oder in

nahe gelegene Gewässer entsorgt.

177


4. Ufererosion

Alle Fließgewässer Malis, insbesondere der Niger, sind von Ufererosion und drohender

Versandung betroffen. Dies führt zu einer Abnahme der Wassermenge und somit zu

einer Verringerung des hydrostatischen Niveaus und zur Störung der Fließgeschwindigkeit.

Unzureichende Mengen an Wasser, für Landwirtschaft und zur

Trinkwasserversorgung sind die Folge.

5. Abholzung

Zur Gewinnung von Brennholz werden in Mali aktuell 100.000 Hektar Wald pro Jahr

abgeholzt. Dies bedeutet eine durchschnittliche jährliche Entwaldung von 0,71%.

Die Prognosen besagen, dass es eine sofortiges Einstellen der Abholzung sowie

breitflächige Aufforstungsprojekte bedarf, da es sonst bis im Jahr 2011 nicht mehr genug

Brennholz für die gesamte malische Bevölkerung zum Kochen gäbe.

Zudem hat fortlaufende Abholzung weitere Verwüstung zur Folge.

178


Literaturverzeichnis

HAM, A. 2006: West Africa. 6. Aufl.

WODTCKE, A. 1991: West-Afrika: Reisehandbuch; Niger, Burkina Faso, Mali, Senegal

Elfenbeinküste, Ghana, Togo Benin. 2. Aufl., Hohenthann.

BRITISH GEOLOGICAL SURVEY 2002: Groundwater Quality: Mali. URL:

http://www.wateraid.org/documents/plugin_documents/maligroundwater.pdf,

Stand 14.01.2008.

PAPE, C. 2006: Kampf gegen endlose Sandlandschaften in Mali. URL:

http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,1962583,00.html, Stand 11.01.2008.

SCHUBERT, R. 2005: Konfliktprävention bei der Nutzung internationaler Gewässer am

Fallbeispiel Niger. URL: http://www.fes.de/in_afrika/pl_mali.htm, Stand 09.01.2008.

SEEBORGER, K. U.: Landesübersicht & Naturraum in Kürze: Mali. URL:

http://liportal.inwent.org/mali/ueberblick.html, Stand: 11.01.2008.

http://www.les-eaux-du-sahel.ch/

http://mongabay.com/

179


180


TEIL III: REISEPROTOKOLLE

181


Samstag, 07. Februar 2009

Abreise Hamburg

Um 11:00 Uhr Treffen am Flughafen Hamburg, AirFrance-Schalter.

● Es kommt zu Unruhe vor der Abreise, da Mirja Greßmann ihren alten Pass

eingepackt hat. Glücklicherweise regelt sich das Problem und wir können

gemeinsam die Reise nach Bamako antreten.

● Flug Hamburg-Paris: 13:00-14:35 Uhr. Landung bei Schneetreiben in Paris.

Warten auf das „Boarding“ unseres Anschlussfluges nach Bamako.

● Flug Paris-Bamako: geplant 16:40-21:20 Uhr. Aufgrund von vereisten

Tragflächen des Flugzeugs eine Verzögerung der Abreise um etwa vier Stunden.

Unterhaltungsprogramm durch die Stewards. Nach etwa zwei Stunden ein kleiner

Snack in Form von Salzbrezeln. Informationen über die Weiterreise erfolgen sehr

spärlich.

Ankunft Bamako

● Um 01:30 Uhr Ortszeit Ankunft im angenehm warmen, nächtlichen Bamako.

Warten auf unser Gepäck. Am Airport in Bamako treffen wir auf unsere Guides

Oumar und Mohamed sowie unseren Bus. Sie bringen uns ins Hotel „Ségueré“ im

Stadtteil Torokorobougou in Bamako.

182


● Check-in. Aufteilung der Zimmer. Erste Nacht im sommerlichen Mali ...

Verfasser: Sally Ollech, Robert Oschatz

183


Sonntag, 08. Februar 2009

Frühstück

● Bis 10:00 Uhr Frühstück auf der Dachterrasse unseres Hotels mit Blick über

Bamako. Im Innenhof des Hotels hören wir die Referate von Susann Arland

„Denkmäler in Bamako“ und Ute Tschirner zu der „Stadt Bamako“.

Stadtrundfahrt

● Um 11:00 Uhr beginnt die Stadtrundfahrt zu den einzelnen Denkmälern.

Währenddessen hielten Susann Arland und Marie Dorstewitz direkt zu den

einzelnen Monumenten Kurz-Referate.

184

Abb.: Le Tour de l’Afrique

Hier konnten wir erstmals mit etwas mehr Zeit den Straßenverkehr in Bamako

beobachten, da sich das Denkmal auf einer Verkehrsinsel inmitten eines

Kreisverkehrs befindet: Motorräder, Busse, Autos, Fahrräder und Eselskarren –

alles bewegt sich in gegenseitiger Rücksichtnahme um „Le Tour de L’Afrique“

herum.


● Besichtigung des Denkmals, von oben hatte man einen guten Blick über

Bamako. Von dort konnten wir auch eine Hochzeitsgesellschaft am Fuße des

Turmes beobachten, die sich mit einem Teil unserer Gruppe fotografieren ließ.

● An den Innenwänden des Turmes befinden sich auf jedem Stockwerk

Wandmalereien:

● Anschließend folgte ein Besuch des Märtyrer-, des Independence- und des

Peace-Monuments, jeweils mit Ausführungen zum Hintergrund der Monumente.

Abb.: Märtyrer-Monument

● Beim Peace-Monument beobachteten wir erneut die verschiedene Nutzung der

Verkehrsflächen. Hier folgte ein kleiner theoretischer Input von Herrn Pez: Zu

beobachten war die Umsetzung des sogenannten „Shared space“-Konzepts, bei

dem verschiedene Verkehrsteilnehmer – Fahrradfahrer, Autofahrer oder auch

Fußgänger – ohne weitere Regulierungsmaßnahmen die gleiche Verkehrsfläche

nutzen. Dies erfordert einen gegenseitige Rücksicht und Aufmerksamkeit aller

Verkehrsteilnehmer.

Abb.: Verkehr am Peace-Monument, Ambulanter Straßenhandel

185


● Außerdem wies Herr Pez auf die lokale Einzelhandelsstruktur hin: Ambulanter

Straßenhandel im Gegensatz zum stationären Straßenhandel. Dieses Phänomen

war schon zuvor im Straßenbild zu erkennen.

Mittags: 14:00 Uhr, Mittagessen im Restaurant „Bintou Bamba“ (Reis)

Nachmittags:

15:00 Uhr, Besuch im Nationalmuseum (Frauenmuseum war leider geschlossen).

● Dabei wurde als erstes der Bereich ‚Textilien aus Mali’ besucht. In dieser

Abteilung werden verschiedene Kleidungsstücke präsentiert, wie beispielsweise

der Boubou als ein klassisches malisches Gewand. Des Weiteren werden die

unterschiedlichen Färbetechniken und Stoffe erklärt. Es gibt traditionell

verschiedene Möglichkeiten zu färben, beispielsweise mit Ton oder Blättern.

Ausgestellte Stoffe: Batik- und Indigo-Stoffe, Bogolan- und Damast-Stoffe,

Wollstoffe (laine) sowie Kaasa als ein Schafswollstoff. Neben Kleidungsstoffen ist

auch der Tapis ausgestellt, ein Stoff der in Häusern für dekorative Zwecke

genutzt wird.

● Im zweiten Abschnitt der Museums-Führung wurde uns die Abteilung der

‚Rituellen Objekte’ gezeigt. Jede Ethnie besitzt ihre eigenen rituellen Figuren, die

in Form von Masken und Plastiken dargestellt werden. Häufig sind es dabei Tiere,

die jeweils eine Bedeutung besitzen, z. B. Krokodile dienen dem Schutz oder

Schlangen stellen meist eine Gefahr dar.

● Im dritten Bereich ‚Le Mali Millenaire’ befinden sich Exponate, welche die

Geschichte Malis dokumentieren, wie beispielsweise geologische Fundstücke

186


und Darstellungen der Siedlungen der Tellem, einem Pygmäenvolk, das während

des 11. bis 16. Jahrhunderts im Dogonland in Felswänden gesiedelt haben soll.

Abb.: Nationalmuseum Bamako

Abends: Geldwechsel im Hotel zum unsagbar guten Kurs von 1 Euro : 653 CFA.

● Erstes abendliches Erkunden der Umgebung.

Verfasser: Sally Ollech, Robert Oschatz

187


Montag, 09. Februar 2009

Frühstück: 09:00 Uhr „Petit déjeuner“ mit Blick über Bamako!

● Um 10:00 Uhr Gesprächstermin bei der Deutschen Botschaft in Bamako.

Begrüßung durch Botschafter Karl Flittner. Ausführliches Gespräch über Mali und

die Tätigkeitsfelder der Deutschen Botschaft in Bamako. Außerdem stand Birgit

Joussen, Referentin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit der Botschaft Bamako,

uns für Fragen zur Verfügung. Sie ist Hauptverantwortliche für die „Coopération

Mali Allemagne“.

● Markt: 12:45 Uhr. Unser erster, wenngleich auch kurzer, Marktbesuch beim

„Maison des Artisans“ an der „Grand Mosquée“. Erste Erkundung der Stadt zu

Fuß.

● Essen: 14:00 Uhr, Mittagessen im Restaurant „Bintou Bamba“ (Hirse)

● Um 15:00 Uhr Gesprächstermin beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in

Bamako. Begrüßung durch die Landesdirektorin Anke Weimann. Im Anschluss

folgten die Präsentationen der einzelnen Koordinatoren: Arnim Fischer zum

Sektor ‚Kommunale Entwicklung’, Emanuela Finke zum Sektor ‚Zivilgesellschaft’

und Anne Marie Ran zum Sektor ‚Landwirtschaftliche Entwicklung’.

188


● Im Anschluss ein Spaziergang durch die Straßen von Torokorobougou zurück

zum Hotel: spielende Kinder, Frauen, die Wäsche waschen, Kühe, Ziegen und

Hühner neben parkenden Autos und teetrinkenden Männern – das alles mitten in

Bamako, der Hauptstadt von Mali.

● Abends ein Besuch bei der Färberin Fatoumata Sidibé und ihrer Familie in

Badalabougou.

● Ausklang des zweiten Tages in Bamako auf unserer Dachterrasse mit

nächtlichem Blick über den Niger im Mondschein.

Verfasser: Sally Ollech, Robert Oschatz

189


Dienstag, 10. Februar 2009

Am dritten Exkursionstag fuhren wir nach Kati, einem Ort ca. 15 km von Bamako

entfernt, um das Projekt „Petits Barrages Beledougou“ zu besichtigen.

Das sich zurzeit in einer Evaluierungsphase befindende Pilotprojekt wird

unterstützt von DNA (Direction Nationale Agriculture), ded und kfw (Kreditanstalt

für Wiederaufbau). Ein bereits existierendes Konzept in Bandiagara diente als

Vorbild. Nach einer kurzen Einführung durch die Mitarbeiter fuhren wir weiter in

das Dorf Kénékolo um einen Eindruck vor Ort zu gewinnen. 2007 wurden im Dorf

Kénékolo, welches etwa 730 Einwohner zählt, ein Staudamm, ein

Drahtschotterkastendamm und 18 Brunnen gebaut. Der Impuls, das Projekt dort

durchzuführen, kam von der lokalen Bevölkerung selbst und wurde auch mit ihrer

aktiven Mitarbeit durchgeführt. Drei umliegende Dörfer profitieren vom Staudamm

und konnten ihre Ernteerträge wesentlich erhöhen. Durch das Stauen des

Regenwassers während der Regenzeit erhöht sich der Grundwasserspiegel und

das Wasser kann über einen längeren Zeitraum genutzt werden. Somit hat sich

die Anbaufläche verdoppelt und es sind in diesem Jahr erstmals drei Ernten

möglich. Auch die Vielfalt der Agrarprodukte hat sich erhöht, angebaut werden

unter anderem Zwiebeln, Kartoffeln, Paprika, Kohl, Tomaten, Tabak und Reis.

Außerdem wird die lokale Aubergine kultiviert, welche uns auch sogleich zur

Verkostung angeboten wurde, aber auf wenig Begeisterung stieß, da sie bitter

schmeckt. Ein Teil der Ernte dient der Selbstversorgung, der Überschuss wird

selbst auf den umliegenden Märkten oder an Zwischenhändler aus Bamako und

Kayes verkauft.

Als wir im Dorf ankamen, wurden wir von den Bewohnern freudig und mit

persönlichem Handschlag begrüßt. Bei der anschließenden Vorstellungsrunde

wurden uns die Dorfältesten und Komiteemitglieder vorgestellt. Nach einer

Besichtigung des Staudamms und der Anbaufelder in der glühenden Mittagshitze

kehrten so manche mit roten Köpfen zurück.

190


Um das Mittagessen, das aus Reis und Soße bestand, einzunehmen, gruppierten

wir uns um große Schüsseln, aus denen wir mit den Händen aßen. Erst später

erfuhren wir, dass Reis für die Dorfbewohner etwas Besonderes ist und nur zu

festlichen Anlässen verzehrt wird. Danach gab es die Gelegenheit gegenseitig

Fragen zu stellen, was viel Zeit in Anspruch nahm, da alles Gesagte von

Bambara ins Französische und ins Deutsche bzw. andersherum übersetzt

werden musste. Margarethas Frage nach den Dorffesten gab den Anstoß eine

Musik- und Tanzeinlage vorzuführen, wofür extra eine Trommel aus dem 7 km

entfernten Nachbardorf mit dem Fahrrad geholt wurde. Danach waren wir mit

einem Lied an der Reihe und sangen nach langer Diskussion „An der

Nordseeküste“. Anschließend wurden Frau Luttmann und Herr Pez offiziell in die

Diara Familie aufgenommen und es folgte eine ausgiebige Verabschiedung.

Verfasser: Julia Zimmermann, Elena Konrad

191


Mittwoch, 11. Februar 2009

Nach drei Tagen in der pulsierenden Hauptstadt Bamako ging es weiter ins eher

beschauliche und von Lehmbauten geprägte Ségou. Nachdem die Fahrt bereits

von zwei Motorpannen unterbrochen wurde, mussten wir in Ségou auf einen

Ersatzbus ausweichen, da unserer seinen Dienst verweigerte. Nach dem

Mittagessen ging es zum CPEL (Conseil pour la Promotion de l’Économie locale),

eine von privaten Wirtschaftsleuten finanzierte Organisation, die sich im Bereich

Tourismus, Agrarwirtschaft, Ressourcenschutz und Abfallbeseitigung einsetzt. Als

erstes besichtigten wir eine Frauenkooperative, welche u.a. Karitébutter und

Trockenfrüchte herstellt. Das Projekt wurde 1996 von der UN ins Leben gerufen

und läuft seit 2003 eigenständig. 11 Dörfer aus der Umgebung liefern

Kariténüsse, welche von 20 Frauen weiterverarbeitet werden. Die Karitébutter

wird in Mali als Körperpflegeprodukt und Ingredienz zur Soßenherstellung

verwendet. Auf demselben Gelände stehen zwei solarbetriebene Trockengeräte,

in denen Früchte, Gemüse und Fleisch getrocknet werden, und zwar bis zu 800

kg pro Tag.

Später, im Centre d’Information, wurden uns dann weitere Projektbereiche

vorgestellt. Ziel von CPEL ist es die Vernetzung der lokalen Wirtschaftsakteure zu

fördern, Jungunternehmern Starthilfe zu geben und den Austausch mit Experten

zu ermöglichen. Außerdem soll aus der Transitstadt Ségou ein attraktiver

Tourismusort gemacht werden. Mit Hilfe eines Festivals, einer Kunstgalerie sowie

neuer Informationsmedien (Internetseite, Prospekt etc. ) sollen die Touristen dazu

animiert werden, ihren Aufenthalt in Ségou zu verlängern.

Verfasser: Julia Zimmermann, Elena Konrad

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Donnerstag, 12. Februar 2009

Heute besuchten wir die Organisation ALPHALOG in Niono, ein etwa 150 km von

Ségou entfernter Ort. Auf dem Programm standen Projekte zu Sanitäranlagen,

Abfallbeseitigung und Frauenförderung.

Anschließend fuhren wir zu einer Interessengemeinschaft zur Müllentsorgung und

Abwasserreinigung, die 1999 durch die Unterstützung Alphalog ins Leben gerufen

wurde und heute als eigenständiges Unternehmen arbeitet. Nach einer

dreimonatigen Sensibilisierungskampagne, um der Bevölkerung die Bedeutung

der Nutzung sanitärer Anlagen bewusst zu machen, wurden die ersten Latrinen in

den Höfen der Haushalte installiert. Sie werden von 10 – 20 Personen benutzt

und alle 6 Monate von der GIE geleert. Die Fäkalien werden zu Kompost

weiterverarbeitet und teilweise auch verkauft. In einem Viertel von Niono werden

seit neustem auch Öko-Toiletten installiert, die eine Weiterentwicklung der

Latrinentoilette darstellen. Die Stehtoilette setzt sich aus einem Abfluss für Urin

und einen Abfluss für Exkremente zusammen, ein dritter Abfluss dient dem

Auffangen des Handwaschwassers. Durch diese Trennung wird eine spätere

Nutzung zur Bewässerung bzw. als Dünger für die Haushalte möglich.

Im Bereich der Abfallbeseitigung werden von GIE Mülltonnen an die Familie

verteilt und regelmäßig entleert. Das Mülldepot wurde ebenfalls von uns

besichtigt. Es gibt Pläne den Müll in Zukunft zu Autostoppern, Pflastersteinen und

Kunststoffgegenständen zu verarbeiten.

Am Nachmittag trafen wir uns mit den Repräsentantinnen des Cercle de Niono.

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Das Netzwerk, dem alle Kommunen von Niono angehören, wurde 2007

gegründet und dient der Stärkung der Frauen in der Politik. Der Anteil der Frauen

in offiziellen Institutionen und Gremien soll erhöht werden. Beispielsweise sind in

landwirtschaftlichen Gremien bisher keine Frauen vertreten, dies soll unter

anderem durch Sensibilisierungskampagnen geändert werden. Abschließend

lernten wir einen Abschiedsgruß, den die Frauen am Ende ihrer Treffen

durchführen.

Verfasser: Julia Zimmermann, Elena Konrad

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Freitag, 13. Februar 2009

Abfahrt Ségou: 8:00 Uhr

unterwegs:

• Die Dornsavanne ist gekennzeichnet durch schüttere Vegetation, kein kniehohes

Gras und Sukkulenten wie Dornensträucher und Baobab-Bäume.

• Termitenhügel: Die Termiten selbst leben tiefer unter der Erdeoberfläche.

In den Termitenhügeln befinden sich Gänge und Löcher, die Zugang zur

Oberfläche haben. Wenn der Wind über die Öffnungen streicht, entsteht

ein Unterdruck, so dass Luft der unterirdischen Höhle entzogen wird. Ohne

dieses Entlüftungssystem wären die Temperaturen für die Termiten und

deren Eier zu hoch, um überleben zu können. (Anmerkung: Das gleiche

Prinzip wird beim Bau von Moscheen angewandt. Bodenlose Tonkrüge, die

in das Dach mit eingemauert werden, sorgen für eine Entlüftung des Gebäudes.)

Mittag in San: 12:30 Uhr (ca. 200 km nördlich von Ségou)

unterwegs: Schichtstufen (vgl. Referat)

Ankunft Sévaré: 16:30 Uhr (ca. 12 km von Mopti entfernt)

Mopti: 18:00 Uhr

• Gemeinsame Runde im Restaurant am Bani

Verfasser: Susann Ahland, Mirja Greßmann

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Samstag, 14. Februar 2009

Gruppentreffen

• Belastungen durch das Bio-Klima: Gefühl des „verkartert“ seins, verstärkte

Müdigkeit, Reizung der Atemwege

Gründe für die Belastungen sind

• die Hitze, welche zu einer hohen Wärmegrundbelastung des Körpers

führt,

• die Trockenheit: der Körper gibt Feuchtigkeit an die Umgebung ab,

wodurch die Schleimhäute austrocknen können

• die starke Luftverschmutzung, insbesondere durch Staub und Abgase

Folglich kann Bronchialkranken eine Reise nach Mali nicht empfohlen werden.

Maßnahmen um den Belastungen entgegen zu wirken sind neben der

Aufnahme von viel Flüssigkeit, die Vermeidung von direkter

Sonneneinstrahlung, die Zufuhr von Mineralien, die Anregung des Kreislaufs

durch Bewegung sowie das Schwenken eines nassen Tuchs. Die einsetzende

Verdunstungsenergie bewirkt, dass sich die zugeführte Luft und das Tuch

abkühlen. Mit dem nassen Tuch können Gesicht, Nacken und Extremitäten

befeuchtet werden.

• Erläuterung zur Entstehung der Schichtstufenlandschaft (Vgl. Ausarbeitung)

• Referat über Mopti (Vgl. Ausarbeitung)

• Referat über Lehmbauten (Vgl. Ausarbeitung)

Besuch des Perlenmuseums

• Farafina Tigne, Besitzer des Perlenmuseums, erzählte die Geschichte und

Bedeutung der verschiedenen Perlen. Perlen aus Venezien wurden beispielsweise

als Tauschmittel verwendet (1 Perle = 3 Sklaven). Großer

Perlenschmuck ist auch heute noch ein Zeichen für Reichtum und jede

Ethnie bevorzugt einen bestimmten Perlentyp. Neben der privaten Perlenausstellung

bot das Museum auch einen Einblick in die malische Kultur.

Gezeigt wurden u. a. ein ein Kilogramm schweres Silberarmband einer Touareg-Frau,

welches den Reichtum und die Stärke dieser Frauen symbolisiert

sowie ein fünfschneidiges Schwert und ein Türschloss. Das Türschloss

besitzt drei Phasen der Öffnung: das kleine Schloss symbolisiert

das Kind, das Mittlere die Mutter und das große Schloss steht symbolisch

für den Vater. Zum Öffnen der Tür muss grundsätzlich mit allen Dreien verhandelt

werden, allerdings wird auch davon ausgegangen, dass wenn das

Kind überzeugt wurde, alle überzeugt wurden. Gegen Ende der Führung

wurde noch auf die Bedeutung der Frau eingegangen: ohne Frauen geht

gar nichts, mit Frauen ist man(n) allerdings verloren. Dennoch sei die Frau

nach Gott das Wichtigste im Leben eines Mannes.

• Möglichkeit zum Kauf von Perlenschmuck und Souvenirs

Mittagessen: 13:00 Uhr

Einladung zu Musik und Tanz vor dem Perlenmuseum: 15:00 Uhr

Mopti: 17:00 Uhr

• Pirogenfahrt auf dem Bani

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• Besuch eines Bozo-Fischerdorfs: Gezeigt wurde u. a. wie die Bozo-Fischer

ihren Fisch konservieren, wobei zwischen zwei Methoden unterschieden

werden kann:

• Räuchern: Das Verbrennen des Fisches, das zwar schnell geht, der

so konservierte Fisch ist allerdings nur ein paar Tage haltbar

• Trocknen: Der Fisch wird ca. einen Monat in der Sonne getrocknet.

Dieses Verfahren dauert zwar länger als das Räuchern, dafür ist

dieser konservierte Fisch aber auch länger haltbar.

• Gemeinsame Runde im Restaurant am Bani

Sévaré: abends

• Agence de Bassin du Fleuve Niger

Die Agentur ist eine öffentliche Verwaltung zum Schutz des Flusses Niger. Sie

wurde 2002 gegründet und ist eine Unterabteilung des Umweltministeriums mit

Hauptsitz in Bamako.

Die Hauptaufgabe der ABFN ist die Wahrung des Niger als Lebensader des

Landes.

Je nach Region (Sahara, Sahel, Sudanzone) werden zum Schutz des Nigers

unterschiedliche Maßnahmen durchgeführt. Im Norden des Landes

beispielsweise ist der Niger von der Sandabtragung durch den Wind bedroht. Die

Deflation begünstigt eine Versandung des Flusses. Mit der Hilfe von

Aufforstungsprojekten wird der Deflation entgegengewirkt.

In Bamako stellt die Einleitung der Industrieabfälle für den Niger ein großes

Problem dar. Zur Zeit der Einführung von Industrieanlagen gab es noch keine

Organe für den Umweltschutz. Heute wird, bevor eine Industrie eingerichtet wird,

überprüft, ob die Umweltschutzvorgaben eingehalten werden. Gesetzestexte sind

zwar vorhanden, allerdings fehlt es an Personal und den finanziellen Mitteln, um

die Einhaltung zu überprüfen.

Um die Umwelt und den Niger zu schützen setzt die Agentur außerdem auf

Aufklärung, Sensibilisierung, Kommunikation und Ausbildung. Jedoch ist die

Ansprache der Bevölkerung schwierig, da 80 % der Bevölkerung nicht zur Schule

gegangen sind.

Weitere Umweltprobleme ergeben sich aus

• der Übernutzung der Weideflächen: nach Aussagen der ABNF beuten

80 % der Bevölkerung die Natur aus, sodass jedes Jahr 1000 ha verloren

gehen.

• dem Umgang mit Plastiktüten

• dem steigenden Holzbedarf z. B. zum Kochen, wobei es an finanziellen

Mitteln fehlt, um Alternativen nutzen zu können.

der starken Sedimentation: Vor 20 Jahren war der Niger noch 0,5 m tiefer.

Gegenmaßnahmen sind der Uferschutz und das kostspielige Ausbaggern

des Nigers

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Damit der Niger als Lebensader des Landes gewahrt wird, können die

Schutzmaßnahmen nicht ausschließlich auf den Niger angewendet werden,

sondern müssen auch dessen Zuflüsse mit einbeziehen.

Verfasser: Susann Ahland, Mirja Greßmann

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Sonntag, 15. Februar 2009

Abfahrt Sévaré: 9:00 Uhr

Ankunft Djenné: 12:00 Uhr

Referate: Djenné; sakrale Architektur (Teil 2)

Mission Culturelle: 16:00 Uhr Stadtführung durch Djenné

• Die Geschichte der Stadt Djenné beginnt mit dem Grab der Jungfrau „Tapama“.

Der Name bedeutet „unsere große Schwester“. Die Stadtmauer

brach bei Bauarbeiten immer wieder zusammen. Ein Menschenopfer war

notwendig, um die Zukunft der Stadt zu retten. Tapama, die einzige Tochter

eines Bozo-Ehepaares, opferte sich freiwillig. Danach wurde ihr Name

nie wieder ausgesprochen. Der Ort des Grabes hat weiterhin rituelle Bedeutungen,

so sollen z. B. Wünsche, die hier ausgesprochen werden auch

in Erfüllung gehen. Neben dem Grab befand sich das ursprüngliche Eingangstor

der Stadtmauer.

• Zur Abwasserproblematik:

Bis 2006 wurde Abwasser über offene Aquädukte aus den Häusern

geleitet. Heute erfolgt die Abwasserentsorgung einiger Haushalte über

Rohre, die mit Filtern (in Form von Sand in Zwischenauffangstationen)

ausgestattet sind. Das Rohrsystem wird von der KfW-Bank finanziert. Da

die Filter jedoch nicht regelmäßig gesäubert werden, tritt das Abwasser

stellenweise aus.

• Zu Besonderheiten der Bauweise:

Das Wohnhaus, das wir besichtigten, ist ca. 100 Jahre alt. Umbauten

wurden in den 1960er Jahren unternommen.

Der Vorbau des Eingangsbereiches sollte die Bewohner des Hauses vor

Eindringlingen schützen. Die Dunkelheit in diesem Bereich wurde durch

teilweise zwei oder drei fensterlose Vestibüle hintereinander verstärkt und

erschwerte die Orientierung. Durch ein kleines rundes Fenster im ersten

Obergeschoss (in der Straßenfront) und zusätzlich ein kleines Loch im

Fußboden kann der Hausherr kontrollieren, wer durch den Eingang kommt.

Der Aufenthaltsort der Frauen ist der Innenhof. Aus klimatischen Gründen

ist er gewöhnlich recht klein.

Die Anzahl der Zinnen in der Lehmzinnenkrone hat heute keine einheitliche

Bedeutung mehr. Sie sind eher Schmuckelemente. Zwei Säulen in der

Fassade des Hauses kann bedeuten, dass der Mann zwei Frauen hat. (Es

gibt mehrere Interpretationsmöglichkeiten.)

Seit der Ernennung zum Weltkulturerbe im Jahr 1988 ist es verboten mit

Beton zu bauen. Basis der Lehmbauweise ist die ständige Erneuerung,

hauptsächlich der Fassaden. Jedes Jahr im April bzw. Mai, bevor die

Regenzeit beginnt, wird die Fassade der Moschee restauriert, um sie

besser vor dem Regen zu schützen. Frisch verputzte Fassaden (mit einer

Mischung aus Lehm, zermahlenen Baobab-Blättern, Foniohäcksel und

Karité-Butter) wirken wie Zement. Die typisch marokkanischen

Fensterläden sind so konzipiert, dass man von drinnen hinaus, aber nicht

von außen hinein sehen kann.

• 1819 wurde die erste große Moschee zerstört, woraufhin mehrere kleine

Moscheen gebaut wurden. Der große Friedhof, der noch aus der Kolonialzeit

stammt, liegt außerhalb der Stadt und wird heute nicht mehr genutzt.

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• Zur Baustelle des zukünftigen Museums:

Das Museum soll im Mai fertig gestellt sein und wird u. a.

Archäologieausstellungen zeigen. Der Bau wird von der EU unterstützt. Die

Mission Culturelle kontrolliert die Baufortschritte.

• In Djennés Südosten befinden sich Schmieden, im Süden leben Bozo, im

Norden und Nordosten Händler und im Westen der Stadt Bambara und

Bobo.

• Seit der Ernennung zum Weltkulturerbe gewann der Tourismus in Djenné

an Bedeutung. Mit der Aufnahme in Reiseführer usw. wurden bspw. Anfahrtswege

ausgebaut. Vorher brauchte man zwei Tage, um in die Stadt zu

kommen.

• Die Bibliothek befindet sich im Aufbau. Von der teils schon vorhandenen

Sammlung ist noch nichts ausleihbar.

zur Mission Culturelle:

Die Mission Culturelle ist eine staatliche Organisation und Teil des

Kultusministeriums. Die ca. 10 Beschäftigten werden vom Staat bezahlt.

Sie wurde nach der Ernennung zum Weltkulturerbe gegründet, um die u. a.

Erfüllung der Auflagen zu kontrollieren und ist in Mali neben Djenné in

Timbuktu und Bandiagara vertreten. Alle sechs Monate muss ein Bericht an

die UNESCO geschickte werden. Zusätzlich überprüft alle drei Jahre eine

Delegation von Spezialisten die Situation. Die zwei Hauptaufgaben der

Mission Culturelle sind a) Recherche, Forschung und Dokumentation und

b) Sensibilisierung. Ausländische Projekte können an sie heran treten und

finanzielle Unterstützung bekommen. Die Projekte in Djenné werden mit

der Mission Culturelle als Partner zusammen durchgeführt.

Verfasser: Susann Ahland, Mirja Greßmann

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Montag, 16. Februar 2009

8.00h Besuch der Ausgrabungsstätte Djenné djeno

- Die Ausgrabungsstätte (33ha, höher gelegen als das heutige Djenné) wird

von der Mission Culturelle von Djenné betrieben, die und bereits am Tag

zuvor durch die Stadt geführt hatten.

- Es handelt sich um das historische Djenné, 7km vom heutigen

Stadtzentrum entfernt.

- 1975 wurde die Stätte durch die Grabungen des Ehepaars McIntosh

international bekannt, unterstützt wurden diese von American Express und

National Geographic, die auch einen Preis an dieses Projekt für den am

besten konservierten Ort Afrikas verliehen – unter anderem ist er mit

Bäumen umpflanzt worden zum Schutz vor Erosion.

- Zu den historischen Einwohnern sagt die traditionelle Überlieferung es

habe sich um Bozo gehandelt, aber die Untersuchung der Gebisszähne,

kam nicht zu dem Schluss, dass sie viel Fisch aßen. Sie kamen aus Dja,

was auch kleines Dja – djani genannt wurde und daher der heutige Name

djenné.

- Djenné gilt als die älteste Stadt Westafrikas und war bis 1970 von Wasser

umgeben.

- Der Zeittafel konnten wir Folgendes entnehmen:

© Mathias Becker

- Die Piktograme in den einzelnen Ebenen zeigen an, welche kulturellen

Errungenschaften nachweisbar sind

- Bei den Krügen mit Deckel handelt es sich nicht um Vorratsgefäße,

sondern in diesen wurden die Toten begraben. Dazu wurde der Körper vor

201


202

der Leichenstarre in die Embryonalstellung gebracht, ein Loch im Boden

ließ die Körperflüssigkeiten austreten.

- Ausgrabungsstätten sind mit dem Problem der Grabräuber konfrontiert, in

diesem Fall kommen auch Viehhirten, um das ungenutzte Land zu nutzen

– das Gebiet ist von einem Grüngürtel umgeben, um es vor weiterer

Erosion zu schützen. Leider gibt es derzeit kein Projekt, dass vor Ort

arbeitet und die Erde wird stetig durch den Wind abgetragen – vieles liegt

frei und wird nicht geborgen, da es im Boden noch am Besten konserviert

werden kann. Außerdem gäbe es keinen, der die Objekte archivieren

könnte und in Mali selbst fehlen z. B. Labore für die Altersbestimmung.

© Prof. Dr. Peter Pez

- Wir hatten ein mulmiges Gefühl von einem studierten Archäologen geführt

über die Häuser, Krüge und – wenn er uns nicht darauf hingewiesen hätte

– Schädel zu laufen...


© Prof. Dr. Peter Pez

- Es gibt einen Wächter. Allerdings ist der montags auf dem Markt in Djenné.

Musée du site

- Ausgangspunkt unsere Besichtigung war das Museum der Mission

Culturelle gewesen, in dem Tafeln und Exponate die Siedlungsgeschichte

im Gebiet des heutigen Djenné beleuchteten und dabei auch

Überlieferungen der oralen Tradition berücksichtigten

- Mamadou nutzte die Gelegenheit uns mit einigen Besonderheiten der

Bambara-Kultur, aber auch der Bozo vertraut zu machen (schließlich war

Djenné früher eine Insel) und versuchte uns auch das „Kastensystem“ und

die Rolle der Frau im Islam näher zu bringen – letztlich eine gute

Wiederholung dessen, was wir schon in den Seminarsitzungen diskutiert

hatten

Markttag in Djenné

© Prof. Dr. Peter Pez

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11.00h – 12.30h Marktbummel

© Mathias Becker

© Mathias Becker

13.00h Gemeinsames Mittagessen im Hotel

14.00h Referat zu Timbuktu

Fahrt Djenné – Mopti-Sevaré

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© Mathias Becker

Am späten Nachmittag fuhren wir zurück nach Mopti-Sevaré bevor die Händler

mit ihren Pferdekarren die Ausfahrten blockieren würden. Dort verbrachten die

Timbuktu-Reisenden eine Nacht bevor sie Ihre Wüstentour starteten. Die

Bandiagara-Reisenden fuhren dagegen nach einem herzlichen Abschied noch

eine kurze Stunde bis zur Unterkunft „Toguna“, in der Hauptstadt des

Dogonlandes.

Verfasser: Margaretha Kühneweg, Mathias Becker

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Bandiagara

17. – 20. Februar 2009

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Dienstag, 17. Februar 2009

Mission Culturelle Bandiagara (Vormittags)

Birgit Fecher vom ded heißt uns Willkommen, stellt uns die Mission Culturelle

(MC) und die Mitarbeiter vor und gibt einen Überblick über die Zusammenarbeit

von der MC und dem ded.

Mission Culturelle

• 1989 Dogonland wird zum Weltkulturerbe erklärt, daher Bedarf nach

dezentralen Strukturen zum Schutz und der Inwertsetzung

• 1993 Gründung der Mission Culturelle als Zweigstelle des Kultusministeriums

• Entwicklung eines Planes zur Konservierung des Weltkulturerbes auf der

einen Seite und der Entwicklung eines angepassten Tourismus auf der anderen

Seite

• Entsprechende Aktivitäten zusammen mit Unesco, Auswärtigem Amt und

Universtäten in Cratère und Leiden:

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o Inventarisierung der Architektur, Bauformen und Bautechniken der

Dörfer an der Falaise

o Generationenübergreifende Instandsetzung der Gemeinschaftshäuser

zum Transfer der alten Bauweisen. Dabei Harmonisierung von

alten und neuen Bauformen, zum Beispiel traditionelle Bauweise mit

neuen Bauformen (Stahlträger) um Ressourcen zu schützen, und

Bevölkerung zur selbständigen Instandhaltung zu befähigen

o Recherche der eigenen Geschichte

o Sensibilisierung für das Kulturerbe und die eigene Geschichte und

gegen einen Ausverkauf der Kultur bedingt durch Armut und Konflikte

mit dem Islam und dem Christentum (durch Theaterstücke). In

diesem Zusammenhang Bau von kommunalen Museen in Nombori,

Endeé (Handwerkermuseumm zum Erhalt von Handwerkstechniken)

und Soroly

o Organisation eines Museumsfestivals der drei Museen um die regionale

Zusammenarbeit zu fördern

o Beratung der Kommunen und Anregung zur Zusammenarbeit von

Kommunen und privatem Sektor (ähnlich wie bei CPEL in Ségou)

o Organisation des internationalen Tages der Biodiversität zum Austausch

über das Wissen über Weltnaturerbe und einheimische

Pflanzen

o Daraufhin Auflegen eines Guide d`Ecotourisme, um den Tourismus

zeitlich zu entzerren

o Beschilderung als Information für Touristen

o Einrichtung einer Website

o Führung von Besuchergruppen

Allgemeines Problem ist die kurzfristige Unterstützung von Projekten für 2-3

Jahre, so dass Dezentralisierung und Infrastrukturen nicht nachhaltig etabliert

werden können, da eine richtige Verwaltung fehlt. Schwierig ist auch die


Abstimmung von den Bedürfnissen der Bevölkerung und denen der Touristen.

Zusammenarbeit mit ded

• 1999 Beginn der Zusammenarbeit für Projekt „Ecotourisme en pays Dogon“,

mit dem Ziel einen angepassten Tourismus zum Profit der Bevölkerung

und gleichzeitig zum Schutz des kulturellen Erbes zu entwickeln

Mittagessen in der Stadt

Centre médicine traditionnelle Bandiagara (Nachmittags)

• Gegründet 1986 durch den Italiener Pierro Copo, der die traditionelle Medizin

erforschen und stärken wollte und begann ein umfangreiches Magazin

mit Pflanzenproben anzulegen

• Heute Sammelstelle für Wissen über traditionelle Heilpflanzen,

Forschungszentrum und Produktionsort (staatlich gestütztes Privatunternehmen)

• Forschung nach genauer Dosierung der Heilmittel und Kultivierung und

Zuchtforschung seltener Pflanzen unterstützt durch die Heilerassoziation

auf dem Gelände

• Herstellung von Hustensaft und verschiedenen Pulvern aus Pflanzen gegen

Verstopfung, Durchfall, Rheuma, Hepatitis B, Bluthochdruck, Hämmoriden,

Diabetes, Malaria (Zutaten werden von Frauen gesammelt, die dafür

bezahlt werden)

• Vertrieb über Zusammenschluss von Apothekern in mehreren Regionen,

auch in Krankenhäusern beliebt, da als Generika anerkannt und billiger als

Schulmedizin

• Kompetenzen des Centres regional bekannt, deshalb wird besonders

Ambulanz zur Geburtshilfe viel genutzt und qualifizierte Heiler werden bei

Anfragen vermittelt www.inrspmali.org

Danach Besuch beim Schneider Almoctar Diarra, der ein Ausbildungs- und

Alphabetisierungsprogramm für benachteiligte Mädchen ins Leben gerufen hat.

• Er bringt ihnen neben Schneidern auch lesen und schreiben bei, was in der

staatlichen Ausbildung eigentlich nicht enthalten ist

• Um ihnen einen Berufseinstieg zu erleichtern teilen sich drei Schülerinnen

sein altes Atelier ohne Miete zu zahlen

• Eine seiner Schulerinnen arbeitet mittlerweile erfolgreich in Bamako

Abends Einladung zu Mariam Cissé, einer Freundin von Anke und Frau

Luttmann, die für uns kocht und uns ihre selbst gemachten Perlenketten zeigt

Verfasser: Friederike Brumhard

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Mittwoch, 18. Februar 2009

École Mamadou Tolo Bandiagara (Vormittags)

Gespräch mit M. Touré, dem Schuldirektor über seine eigene Schule und das

Schulsystem in Mali. Er nimmt sich sehr viel Zeit für uns, da auch an diesem Tag

gestreikt wird.

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• Allgemeines Schulalter in Mali 7 bis 14 Jahre

• Nach der Grundschule (bis zur 6. Klasse) folgt Abschlusstest als Zulassung

für weiterführende Schule

• Nach der weiterführenden Schule folgt ein Beratungsgespräch und

Entscheidung für Gymnasium oder Ausbildung

• Die Ausbildung der Lehrer erfolgt an der Universität (Institut formation du

metre) dauert 4 Jahre, dabei gibt es Ausbildung in den Fächern, aber auch

in Psychologie und Pädagogik

• Nach dem Studium wird man einer Stadt zugewiesen

• Lehrer werden vom Staat bezahlt und erhalten Rente und

Krankenversicherung, es gibt aber häufig Streiks wegen der schlechten

Bedingungen, so wird zum Beispiel Wohngeld

• Den Beruf Lehrer ergreifen sowohl Männer als auch Frauen

• Die École Mamadou Tolo ist eine der zwei weiterführenden Schulen (Collège)

in Bandiagara mit 7., 8. und 9. Klasse

• Sie gehört zu einem Schulzentrum mit 7 Schulen (5 Grundschulen und 2

Weiterführende)

• Es gibt 369 Schüler (159 Mädchen und 210 Jungs)

• Über 110 Schüler pro Klasse

• 7 Lehrer

• Angebotene Fächer: Französisch, Englisch, Geographie, Mathematik, Physik,

Chemie, Biologie, Geschichte, Hauswirtschaftslehre, Ethik, Musik,

Sport

• Unterrichtszeiten: 6 Stunden täglich, außer Donnerstags (4 Stunden)

• Es wird kein Schulgeld erhoben, aber einmal pro Jahr 650 FCFA für Kreide

und Kopien

• In Bandiagara gehen 50 % der Kinder in die Schule, weil keine Schulpflicht

besteht und sie für die meisten Familien immer noch zu teuer ist bzw. der

Arbeitsausfall der Kinder zu groß. Muslime haben außerdem Vorbehalte

davor, Mädchen in die Schule zu schicken

• Die Schüler kommen aus Bandiagara, aber auch aus entfernten umliegenden

Dörfern mit dem Fahrrad oder Motorrad, trotzdem ist Schwänzen sehr

selten

• 65% der Abgänger vom Collège gehen aufs Gymnasium, davon nur 20%

Mädchen

• Es bestehen Brieffreundschaften zu Schulen im Ausland, zum Beispiel in

Frankreich

• Jeden Morgen versammeln sich alle Schüler beim Fahnenapell und singen

die Nationalhymne


• Es gibt keine Schuluniform, an anderen Schulen ist dies aber durchaus üblich

Nach dem Gespräch interviewen wir noch einige Kinder, die trotz des Streiks zur

Schule gekommen sind. Die meisten wollen Arzt, Lehrer oder Juristen werden

und sind traurig, dass die Schule ausfällt.

GAAS Mali Bandiagara (Nachmittags)

Besuch der malischen NGO, wo uns die Mitarbeiter die umfassende Arbeit der

NGO vorstellen.

GAAS Mali

• GAAS Mali setzt sich seit vielen Jahren für die Bekämpfung von Aids,

weiblicher Genitalverstümmelung und Kinderhandel ein und fördert Demokratisierung,

Nahrungsmittelsicherheit (Wasserhygiene, Abfallentsorgung)

und Alphabetisierung

• Die NGO hat ihren Hauptsitz in Bandiagara, aber sie ist auch in Ségou und

Bamako vertreten

• Die Hauptstelle beschäftigt 60 Mitarbeiter und vor allem auch Mitarbeiterinnen,

die in 20 Gemeinden und 260 Dörfern arbeiten

Thema Beschneidung

• In Mali sind 98% der Frauen beschnitten

• Es gibt kein Gesetz gegen die Beschneidung, laut GAAS Mali ist die Überzeugung

der Menschen ohnehin wichtiger

• Die Gründe für die Beschneidung sind vielfältig:

o Die Menschen glauben, dass sie Klitoris einem Penis entspricht und

sie deshalb einer Frau entfernt werden muss

o Es wird außerdem argumentiert, dass eine unbeschnittene Frau frivol

ist und einen schlechten Charakter hat

o Teilweise wird die Beschneidung auch auf den Koran zurückgeführt,

eine Konferenz wichtiger Imame vor zwei Jahren konnte sich aber

nicht einigen, ob der Koran die Beschneidung vorschreibt oder nicht,

dazu gibt es durch verschiedene Auslegung sehr unterschiedliche

Standpunkte

o Früher war die Beschneidung ein Initiationsritus im frühen Erwachsenenalter,

heute wird sie allerdings im frühen Kindesalter durchgeführt

• Nicht alle Ethnien führen die Beschneidung durch, daher ist eine Heirat für

unbeschnittene Frauen durchaus möglich, sogar mit Partnern, in deren

Dorf Beschneidung eigentlich üblich ist (dies wird meist erst bei Vielehe

zum Problem)

• Die Beschneidungskampagne von GAAS Mali wird von PLAN Mali finanziert

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• Sie ist Teil hervorgegangen aus dem Projekt „Reproduktionsgesundheit“,

das über Beschneidung, Aids, Verhütung und Familienplanung aufklären

soll

• Dabei ist das Vorgehen die Gefahren aufzuzeigen und nicht einfach ein

Verbot zu fordern

• Im Mittelpunkt steht die Einbeziehung der Menschen, die mittlerweile selber

zu Botschaftern werden

• GAAS Mali Mitarbeiter treten in Kontakt mit wichtigen Personen im Dorf

(Imam, Dorfchef, Frauenchefin, Pastor) und fragen sie, wie eine Sensibilisierung

erfolgen könnte

• Dann folgt Sensibilisierung aller Gruppen einzeln in Gesprächen (Mädchen,

Jungen, Männer, Frauen)

o Kinder werden sensibilisiert für ihr Recht auf Gesundheit

o Frauen werden durch Videopräsentation sensibilisiert für den

Zusammenhang zwischen der Beschneidung und späteren Komplikationen

• Teilweise auch „Tag des Nachdenkens“ mit Workshops für Lehrer, Dorfvertreter

und Kommunalbeamter, in dem sie Sensibilisierung reflektieren

• Besonders gefördert wird die Aufklärung an den Schulen, da Sexualität eigentlich

ein Tabuthema ist, aber Lehrer sie thematisieren dürfen (Durch die

Plädoyerarbeit der NGOs stehen sexuelle Aufklärung und Aids Aufklärung

jetzt fest im Lehrplan)

• GAAS Mali wählt unter den Schülern Botschafter aus, die dann die Aufklärungsarbeit

bei den Gleichaltrigen leisten sollen

• Wenn ein Dorf entschlossen hat, die Beschneidung abzuschaffen, gibt es

als Offizielle Bestätigung eine große Zeremonie mit dem Bürgermeister und

Politikern

• Die Dörfer sollen sich dann gegenseitig „anstecken“, indem sie Aktionspläne

erstellen, wie sie andere vom Beenden der Beschneidung überzeugen

können und dann selbst Sensibilisierungsarbeit leisten

• Eine von PLAN Mali finanzierte Studie nach 5 Jahren belegte einen großen

Erfolg dieser Art von einbeziehender Aufklärungsarbeit, sodass das Projekt

verlängert wird

• GAAS Mali vermittelt nun seine Strategie an anderer NGOs

Thema Aids

• In Mali sind „nur“ 1,3% der Bevölkerung HIV positiv

• Laut GAAS Mali ist dies auch ein Verdienst der NGOs und ihrer

Aufklärungsarbeit

• Besonders stark gefährdet sind Gruppen wie

o Prostituierte

o LKW Fahrer

o Reisende Frauen und Händlerinnen, die sich durch Sex die Weiterreise

verdienen

o Soldaten, die in stärker HIV betroffenen Ländern Frauen vergewaltigen


• Kondome sind nicht wirklich verbreitet und akzeptiert und die meisten Menschen

lassen sich nicht testen

• Die Regierung betreibt eher passive Aufklärungsarbeit durch Schilder

• GAAS Mali leistet aktive Aufklärungsarbeit durch Rollenspiele, Videos,

Theater, die die Menschen zur Diskussion über Risiken und Verhütungsmethoden

anregen soll

• GAAS Mali unterstützt aber auch Infizierte indem es ihnen Kleidung,

Medikamente und Schulgeld für die Kinder bezahlt, oder nach der Diagnose

die Angehörigen aufklärt

• HIV Infizierte sind mittlerweile nicht mehr so stark tabuisiert wie früher, und

werden in Aufklärungsarbeit einbezogen

Danach Bummel durch die Stadt und spontanes Gruppenfoto bei einem

einheimischen Fotografen und der Rest des Tages FREI!

Verfasser: Friederike Brumhard

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Donnerstag, 19. Februar 2009

214

Nombori

• Gegen 9.30 Uhr Abfahrt Richtung Nombori (Dogondorf an der Falaise)

• Die Fahrt geht zunächst an einem Fluss entlang, an den die typischen

Zwiebelfelder der Dogon angrenzen. Der Boden ist ursprünglich völlig unfruchtbar,

da felsig, deshalb wurde eine dünne Schicht Erde aufgetragen,

die zum Zwiebelanbau genügt. Ein anderer Grund für die Konzentration auf

den Zwiebelanbau ist die große Nachfrage und der gute Preis. Die Gärten

sind durch niedrige Steinmauern voneinander getrennt. Nach der Ernte

wird das Grün der Zwiebeln zu Bällchen gerollt, getrocknet und ebenfalls

verkauft.

• Je näher wir der Schichtstufe kommen, desto karger wird die Landschaft,

sie ist dominiert von dem relativ ebenen Felsplateau.

• Am Rand der Schichtstufe halten wir an und lassen den Bus zurück. Unser

Gepäck wird mit einem Eselswagen transportiert, wir klettern den Steilhang

(250m bis 400m hoch) hinunter. Der Blick hinunter ins Tal ist fantastisch.

Nombori liegt direkt am Fuß des Steilhangs, davor wieder die typischen

Zwiebelfelder, an die eine Dünenlandschaft mit spärlicher Vegetation angrenzt.

• In Nombori angekommen klettern wir zu unserem Campement „Baobab“

hinauf. Das Ganze Dorf besteht aus Lehmhäusern, die sich relativ weit den

Abhang hinaufziehen und zwischen großen Felsbrocken oft erst auf den

zweiten Blick zu erkennen sind. Dazwischen befinden sich die typischen

Getreidespeicher mit spitzen Strohdächern. Männer und Frauen haben

darin getrennte Aufbewahrungsräume.

• Nach einer Mittagspause begrüßen wir zuerst den Dorfältesten, der die

„Geschäfte“ an seinen Sohn abgegeben hat und nur noch eine Repräsentationsfunktion

inne hat. Nach eigenen Angaben ist er 107 Jahre alt, und

das Geheimnis für sein hohes Alter ist, dass er in seinem Leben sowohl

Gutes, als auch Schlechtes gesehen hat.

• Anschließend teilen wir uns in zwei Gruppen auf, und erkunden mit zwei

(jugendlichen) Führern das Dorf. Nombori hat vier Viertel, die jeweils nach

den Sippen Gindo, Togo, Cassagé und Arou getrennt sind. Die Einwohnerzahl

die sie uns nennen, schwankt zwischen 1000 und 15.000 Menschen.

• Abdul führt uns zunächst zur protestantischen Kirche, die in Nombori neben

dem Islam relativ stark vertreten ist. In dem Lehmbau mit Vorraum und

Innenraum findet jeden Sonntag ein Gottesdienst statt, zu dem nach seinen

Angaben 3000 Menschen kommen (das ist jedoch aufgrund der Größe

eine völlig utopische Angabe). Außerdem gibt es täglich Andachten und

Gesangsübungsstunden. Interessant sind auch die Gesangsbücher auf

Dogon und die verschiedenen Instrumente, die im Gottesdienst benutzt

werden. So wird beispielsweise auch die Glocke durch eine Tröte ersetzt.

• Es folgt ein Besuch beim Imam, dessen Sohn Priester geworden ist. Als

bewundernswertes Beispiel für Respekt zwischen den Religionen erklärt er

uns, dass das Nebeneinander verschiedener Religionen im Dorf für ihn völlig

normal ist und die toten der verschiedenen Konfessionen sogar nebeneinander

beerdigt werden.


• Mit Blick auf die Speicherhäuschen erzählt Abdul uns, dass der Anbau zwischen

Männer und Frauen getrennt wird. So bauen die Frauen Datteln und

Erdnüsse an, die Männer hingegen Bohnen, Tomaten, Auberginen, Hirse,

Couscous, Zwiebeln und Salat. Die Frauen bekommen dann Hirse und

Gemüse von den Männern und lagern es nach der Weiterverarbeitung in

ihrem Speicher. Alle fünf Tage findet ein Markt statt.

• Ganz oben am Rande des Dorfes befinden sich Löcher im Fels, in denen

zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert die frühen Siedler – die Telem –

lebten. Da die Löcher so klein sind glauben die Menschen noch heute,

dass die Tellem Zwerge waren, Knochenfunde haben das aber widerlegt.

Noch heute werden selten Bewohner in den Felshöhlen beerdigt, überwiegend

jedoch in der Ebene. Hier oben ist auch der Platz des Hogons, dem

religiösen Oberhaupt der Dogon. Er ist unter anderem für die Opferungen

zuständig. Eigentlich wurde in Nombori von drei Alten bereits ein Hogon

ernannt, aber er hat noch nicht seinen Platz eingenommen, weil er seine

Familie nicht verlassen will. Der Hogon muss nämlich wie ein Eremit völlig

abgeschieden leben und darf Essen uns Wasser nur von einer Jungfrau

empfangen. Zu den Dogon Zeremonien kommen nur die Animisten, Christen

und Muslime können sich mit ihrer ursprünglichen Religion nicht mehr

identifizieren und verkaufen ihre alten Kultobjekte.

• Danach passieren wir die Togina – das Palaverhaus – von der es in jedem

Viertel eins gibt und eins für das gesamte Dorf. Es besteht aus vier Pfählen

und einem ca. 50cm dicken, strohgedeckten Dach gegen die Sonne. Das

Dach ist so niedrig gebaut, dass man nur sitzen, und nicht vor Problemen

„weglaufen“ kann. Bei Problemen wird hier eine Versammlung einberufen,

aber auch um Kinder zu Impfen oder die Mädchen auf die Beschneidung

vorzubereiten.

• In Nombori gibt es außerdem eine Schule mit 6 Lehren, ein (unnutzbares)

Krankenhaus und ein Museum, das in Zusammenarbeit mit der Mission

Culturelle aufgebaut wurde.

Zum Abendessen gibt es To (Hirsebrei mit Sauce, die mit Fischbrühwürfeln

gewürzt wurde), den die meisten von uns wegen des intensiven Geschmacks nur

probieren wollen. Dazu gibt es Yam mit Gemüse und Hirsbier aus einer großen

Kalebasse.

Unser Fahrer Oumar liegt schon betrunken am Tisch, er hat als Songhai eine

Scherzbeziehung mit dem gesamten Dogondorf, war den ganzen Tag über sehr

aufgedreht und hat wohl ein Beruhigungsbier zu viel getrunken.

Nach dem Essen tanzen die Frauen des Dorfes in ihren wunderschönen

Indigogewändern für uns bzw. besonders für Frau Luttmann. Die Systematik des

Tanzes bleibt über die gesamten zwei Stunden immer gleich, und bald werden

junge Männer und Frauen ebenfalls mit einbezogen und natürlich auch wir

Besucher.

Verfasser: Friederike Brumhard

215


Freitag, 20. Februar 2009

Nach einer Nacht im Freien auf dem Dach des Campements und einem

Frühstück mit köstlichen Baignets sprechen wir mit M. Guindo, unserem Begleiter

und langjährigen Mitarbeiter der Mission Culturelle über seine Arbeit in Nombori.

Er hat mit der Sensibilisierungsarbeit gegen den Ausverkauf der Dogonkultur

begonnen und den Aufbau des Museums begleitet.

216

• Nachdem das Dogonland zum Weltkulturerbe erklärt wurde, wurde in mehr

als 200 Dörfern mit Informations- und Sensibilisierungsarbeit begonnen um

den Schutz der Kultur voranzutreiben

• Vorher gab es zahlreiche Läden, wo Kultobjekte verkauft wurden, nun sollten

Museen gebaut werden, um die Kultur zu bewahren und nachhaltig

daran zu verdienen

• In Nombori wurden den Menschen die Objekte nicht abgekauft, sondern

die Spender erhalten eine Art Steuer dafür oder Lebensmittel in schlechten

Zeiten. Man kann auch einen Kredit beim Museum aufnehmen, wenn man

ein Objekt eingelagert hat, was besonders in Krisenjahren stark genutzt

wird um zum Beispiel Tiere zu kaufen (Feldbau nur 3 Monate möglich)

• Die Bezahlung der Objekte richtet sich dabei nach dem Alter, dem Hersteller

und der Genauigkeit der Geschichte des Stückes, die von einem Komitee

aus alten erfahrenen Menschen begutachtet werden

• Am Anfang war die Betreuung des Museums sehr schwierig, weil sie für die

Menschen neben der Feldarbeit eine Zusatzarbeit darstellt, oft vergaßen

sie es einfach

• Heute ist das Dorf sehr zufrieden mit dem Museum, weil es mehr Touristen

in das Dorf bringt. Früher war Nombori nur ein Durchgangsort, heute bleiben

immer mehr Touristen über Nacht. Dadurch sind mehrere private

Campements entstanden.

• Mittlerweile gibt es jeden Monat ein Treffen, um über die Entwicklung des

Museums zu beraten

• Es wurde eine Cafeteria eingerichtet, für welche die Mitarbeiter in einem

Restaurant in Bandiagara ausgebildet werden

• Die Führer werden im Nationalmuseum in Bamako ausgebildet

• Es liegen Pläne vor, dass am Fuß der Falaise von Marrokanern ein Hotel

gebaut werden soll. M. Gindo erzählt von guten Verträgen mit dem Dorf, da

diese angeboten haben, dass Nombori den geplanten Wasserturm mitnutzen

kann. Wegen der starken Wasserknappheit, erscheint uns der Plan in

dieser Gegend ein Hotel zu bauen schlichtweg wahnsinnig.

Besuch beim Sohn des Dorfchefs, dessen Frau in der Nacht ein Kind geboren

hat.

Besuch des Museums, das uns noch nicht so fortschrittlich erscheint, wie M.

Guindo es angepriesen hat. Der Führer ist sehr unsicher und liest meist nur von

den Schildern ab und die Cafeteria ist völlig verwaist.

In der Schule bringen zwei Touristengruppen den Unterricht völlig zum Erliegen.


Rückweg durch die Dünen und zurück auf das Plateau wo unser Bus noch auf

uns wartet.

Rückfahrt nach Bandiagara.

Abends Essen mit Birgit Fecher vom ded, in dem wir unsere Eindrücke bezüglich

der Touristenfreundlichkeit in Nombori schildern. Insgesamt sind wir überwältigt

von der Gastfreundschaft, wir würden den Bewohnern aber mehr Bewusstsein für

ihre Intimsphäre wünschen, da wir das Gefühl hatten, dass sie sich vor Touristen

selten trauen schlechtes Verhalten anzusprechen oder Besichtigungswünsche

abzuschlagen.

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218


Timbuktu

17. – 20. Februar 2009

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Dienstag, 17. Februar 2009

Hinfahrt nach Timbuktu

220

• Aufteilung der 15 Personen auf die drei Geländewagen

• Nach der Stadt Douzenta passieren wir den Zeugenberg „Montane de

Gambia“ (vgl. Mirjas Ausarbeitung - Zeugenberge, siehe Abb. 1). Der Berg

wurde von der Falaise abgetrennt und spaltet sich wiederum in kleine

Bestandteile. Um den Zeugenberg herum befindet sich ein Schuttwall aus

dem Erosionsmaterial, der Glacier genannt wird

• Auf dem Weg nach Timbuktu stellen wir eine beginnende Dünenbildung

fest. In der Halbwüste befinden sich Trockenflussbetten (Wadis), die an

den Furten betoniert sind damit die Vielzahl an kleinen Orten ,und auch

Timbuktu, nicht von der Außenwelt abgeschnitten werden wenn Regenzeit

ist

• Abends: gemeinsames Essen mit unserem Fremdenführer in Timbuktu.

Anschließendes Teetrinken mit Mohammed.

Verfasser: Mirjam Krüger


Mittwoch, 18. Februar 2009

Stadtführung mit unserem Fremdenführer Kalili, der uns die 3 Tage in Timbuktu

begleiten wird.

• 3. Moscheen in Timbuktu: Die Moschee Djngurei-Ber ist die älteste und

größte Timbuktus und wurde im Jahre 1325 von Kanaka Musa erbaut. Sie

verfügt über 2 Minarette und es finden mehr als 1300 Personen in ihr Platz.

In der Moschee gibt es getrennte Bereiche für Frauen und Männer, junge

Frauen und ältere Frauen (ab den Wechseljahren) dürfen die Moschee

nicht betreten.

Die zweite Moschee in Timbuktu ist kleiner und wurde im Jahre 1400

erbaut. Sie ist nach ihrem ersten Imam Sidi Yahiga benannt, der aus

Andalusien kam und gleichzeitig der letzte Heilige Timbuktus ist.

Auch die dritte Moschee Sankoré wurde im 15. Jahrhundert, also zur

Blütezeit Timbuktus, erbaut. An ihr war die wichtigste Universität

angegliedert, in der alle Dokumente der Stadt gelagert waren. Nachdem

das Songhai-Reich zerbrach und der Reichtum verflogen war verließen

viele der Gelehrten und Reichen Mali und viele Dokumente der Stadt

gelangten so ins Ausland (beispielsweise nach Frankreich, Marokko). Bis

heute kämpft der Präsident Malis dafür diese Dokumente zurück in die

Stadt zu bekommen.

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222

Alle drei Moscheen bestehen aus Lehm und müssen jährlich vor der

Regenzeit wieder restauriert werden, da der Lehm ausgewaschen wird.

Lehmbauweise vs. Kalkstein: Die Häuser und Moscheen werden traditionell

aus Lehm erbaut, allerdings benutzten inzwischen wohlhabende Einwohner

auch Kalkstein, da dieser länger hält als der Lehm und nicht jedes Jahr

restauriert werden muss. Es muss beim Bau von Kalksteinhäusern ein

Antrag bei der UNESCO gestellt werden, da die traditionellen Lehmhäuser

zu dem Kulturerbe Timbuktus gehören. Viele Einwohner Timbuktus sind

gegen die Bauweise mit Kalkstein, weil eine jahrhundertlange Tradition

verloren geht

• Heiligenkult: In Timbuktu gibt es 333 Heilige, die über die ganze Stadt

verteilt sind. Die Einwohner kontaktieren bei familiären oder anders

gelagerten Problemen den Ältesten und dieser sagt ihm, zu welchem

Heiligen die Person gehen muss. In Timbuktu gibt es eine sehr

ausgeprägte Heiligenkultur, so dass auch viele Menschen aus den

Nachbarländern hierhin pilgern und die Heiligen kontaktieren.

• Der Friedhof: Die Muslime kennen das Kreuz als Symbol auf einem Grab

nicht und es ist ebenfalls unüblich den Namen des Toten aufzuschreiben.

Der Leichnam wird in Stoff eingewickelt und mit dem Kopf gen Mekka

begraben.

Große Feste: In der Stadt werden traditionell drei große Feste gefeiert.

Dazu zählt die Feier zum Ende des Fastenmonats Ramadan, das Sheep-

Festival, bei dem ein Schaf für die Gläubigen, die zu Arm oder Krank sind

um nach Mekka zu pilgern geopfert wird und das Maulut Festival. Dieses

Festival wird zu Ehren der Geburt des Propheten Mohammeds gefeiert und

findet um die größte Moschee Djngurei-Ber herum statt. An diesem Fest

können alle Anwohner teilnehmen und eine dreifache Teilnahme ist

gleichzustellen mit einer Fahrt nach Mekka.

• Die Koranschulen: Sowohl Mädchen als auch Jungen in Timbuktu gehen

zur Koranschule, in denen sie den Koran und die Religion erlernen. Viele

Kinder besuchen die Koranschulen nur in den Ferien oder am

Wochenende, wenn sie nicht in der „richtigen“ Schule (Medersen) sind oder


ihren Familien bei der Hausarbeit helfen. Einige Jungs werden von ihren

Familien geschickt, um bei dem Koranlehrer zu leben. Sie müssen dafür

Essen und Kleidung erbetteln und dieses an den Lehrer abgeben. Viele

dieser Kinder sprechen kein arabisch und lernen „nur mit dem Herzen“- sie

werden Talise genannt. Es sind vor allem Jungen aus armen

Verhältnissen, dessen Eltern keine andere Möglichkeit sehen ihre Kinder

aufzuziehen

• Im Hause der Tuareg: Die Haustüren der Tuareg bestehen aus drei

Ringen, die symbolisch für den Vater, die Mutter und das Kind stehen. Sie

bestehen aus Tik-Holz, dass aus der Elfenbeinküste stammt. Das Innere

des Hauses besteht aus Lehm, der Boden ist aus Sand und die Wände

sind häufig farbig bemalt. Die Töchter des Hauses folgen im Alltag der

Mutter und lernen so ihre Aufgaben währen die Söhne die handwerklichen

Tätigkeiten vom Vater erlernen. Ein Tuareg-Mann muss in seinem Leben

ein Handwerk erlernen um eine Frau zu bekommen und die Familie später

zu ernähren.

Die Frau hat bei den Tuareg eine sehr hohe Stellung…

Einige Familien haben vor ihren Häusern einen großen Lehmofen stehen,

in dem das traditionelle Brot „Takula“ gepacken wird.

• Die Bellas: Die Bellas sind eine Ethnie, die als Hausangestellte der Tuareg

arbeiten. Bis ins 20. Jahrhundert waren die Bellas die Sklaven der Tuareg.

Sie leben in Zelten um Timbuktu herum, die aus einem Holzgepflecht

bestehen und mit Tierhaut abgedeckt werden.

• Kanalisation: In Timbuktus Altstadt entsteht Schritt für Schritt ein

Kanalisationssystem. Das Abwasser fließt über Pipelines aus den Häusern

und gelangt in eine Unterwasserleitung. Dort wird es gesammelt und

beispielsweise für die Lehmherstellung verwendet. Dieses System ist ein

riesen Fortschritt, da in vielen Teilen Timbuktus und in allen anderes

Städten Malis das Abwasser direkt auf die Wege gekippt wird.

Einhergehend mit diesem Projekt werden die Sandwege in der Altstadt

ebenfalls mit Steinen ausgelegt, damit die Unterwasserleitungen entstehen

können. Die Tuareg versprechen sich von diesen Maßnahmen, dass in

Zukunft noch mehr Touristen Timbuktu besuchen.

• Das „reiche“ Timbuktu: im 15. Jahrhundert war Timbuktu eine bekannte

und reiche Handelsstadt des Songhai-Reiches. In der Stadt waren mehr als

150 Koranschulen ansässig und 20.000 Studenten lebten hier, sie galt als

das Zentrum der Gebildeten. Timbuktu war ebenfalls ein wichtiges Zentrum

für den Handel von Wüstensalz und Gold. In dieser Blütezeit kamen auch

viele Erforscher aus dem Ausland und der erste von ihnen war der Araber

Ibn Battula im Jahre 1353, der auch viele Bücher über Timbuktu schrieb.

Für die nachfolgenden Forscher gestaltete es sich schwieriger, da sie der

arabischen Sprache nicht mächtig waren. Der Schotte Major Alexander

Gordon Laing kam 1826 nach Timbuktu und wurde von den Tuareg

ermordet, da er sich nicht mit ihnen Verständigen konnte und die Tuareg

dachten, dass er in Europa über ihr Handelsgeschäft berichten wollte. Der

Eroberer René Caillié, der kurz nach dem Schotten eintraf bereitete sich

besser auf seine Afrika-Forschung vor- er lernte arabisch und gab sich als

Muslim aus. Er kehrte als erster Europäer erfolgreich nach Frankreich

zurück und keiner glaube ihm, dass er tatsächlich in Timbuktu gewesen ist.

223


224

Um dies zu prüfen würde dann der deutsche Andreas Barth nach Timbuktu

entsandt. (vgl. Referat von Friedericke Brumhardt). Die Häuser der

europäischen Afrika-Forscher sind in Timbuktu zu besichtigen.

• Der Markt: Der größte Markt Timbuktus ist in die Quartiere Kochen, Tiere

und Dekoration unterteilt. Die Früchte und das Gemüse müssen aus dem

Süden Malis hierher transportiert werden und sind deshalb durchschnittlich

teurer als im restlichen Mali.

• Das Salz, für das Timbuktu bekannt ist, wird in einer Salzmine in der Wüste

gewonnen. Die Reise dorthin dauert 15 Tage hin und wieder zurück mit

einer Karawane. Anschließend an die Stadtführung haben wir auf dem

größten Markt Timbuktus in dem Restaurant „Poulet dòr“ zu Mittag

gegessen.

• Um vier Uhr nachmittags sind wir mit Dromedaren in ein Campement in der

Wüste geritten. Dort wurden wir herzlich mit einem Abendessen begrüßt,

es gab ein Lamm und dazu Takula, das traditionelle Brot. Nach einem

kleinen Lagerfeuer haben wir in Zelten oder optional im Freien übernachtet.


• Wir haben das außergewöhnliche Phänomen erlebt, dass es in der Wüste

während der Trockenzeit leicht geregnet hat. (siehe Abb. 7) Dieses lässt

sich dadurch erklären, dass der Passatwind ausgesetzt hat. Dadurch kann

die thermische Inversion stattfinden- die Flüssigkeit aus dem Wasser

(Niger) verdunstet und es regnet. Durch die Wolkendecke hatten wir aber

eine sehr milde Nacht.

• Das Campement ist ein gutes Beispiel wie endogene Potenziale des

Landes wie in diesem Beispiel die Landschaft optimal genutzt werden um

nachhaltigen Tourismus auszuüben (vgl. Ausarbeitung „Nachhaltiger

Tourismus“ von Mirjam Krüger

Verfasser: Mirjam Krüger

225


Donnerstag, 19. Februar 2009

226

• Frühstück im Camp

• Rückfahrt nach Timbuktu mit Geländewagen

• Tin Telout/Treffen mit El Kassim Ag Hade

Tin Telut (Ort an dem die Elefanten waren) ein 1963 als Durchgangscamp

der Nomaden gegründeter Ort unweit des Niger, heute eines der

Vorzeigeprojekte der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Mali.

Die dort lebenden Menschen sichern ihren Lebensunterhalt hauptsächlich

als nomadische Viehhalter, Ackerbauen und Fischer. Desertifikation,

Dürren und Bevölkerungswachstum erschweren die Lebensbedingungen.

Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen, ausgelöst durch

Forderungen der Tuareg nach Selbstverwaltung, erschütterten zwischen

1990 und 1995 die Gegend.

In Tin Telut treffen wir El Kassim Ag Hade, den Vertreter des Programms Mali-

Nord in Timbuktu.

Wegen der miserablen Situation der Gegend – neben dem Krieg wurden die

ansässig gewordenen Menschen zusätzlich mit großen Dürren, Aufteilung der

Wüste in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten im Norden,

Westsahara, Mauretanien und Mali im Westen und Niger, Tschad und Sudan

im Süden bzw. Osten und dauerhaft zunehmender Desertifikation konfrontiert -

sowie die Gunstlage Tin Telouts dank der Nähe zum Niger wählte die GTZ im

August 1995 den Ort als Standort für ein Notfallprojekt. 1998 ging dies zu

einem der heute 36 Landgemeinden für das Programm Mali Nord über.


Folgende Ziele wurden formuliert:

• Aufbau der Infrastruktur (Neubau und Wiederherrichtung von

Brunnen, Bewässerungsanlagen, Wohnhäusern, Schulen,

Krankenhäusern und Strassen)

• Wiederherstellung der staatlichen Verwaltung

• Schaffung einer neuen Existenzgrundlage für die nun sesshaft

gewordene Bevölkerung mit modernen Bewässerungsmethoden

durch Motorpumpen

• (Wieder-)Aufbau der politischen Unterstützung durch die malische

Regierung

• Materielle Förderung

Nachdem die Finanzierung abgeklärt war 9 , wurde direkt mit der Arbeit begonnen.

Saatgut und langwirtschaftliche Geräte sind gestellt worden. Es galt keine Zeit zu

verlieren, da der Monat August mit der Aussaht stets den Beginn der

landwirtschaftlichen Saison darstellt.

Parallel dazu bauten die Zivilbevölkerung in Zusammenarbeit mit Fachkräften das

Dorf auf – Gesundheitszentren, ein Schulgebäude mit sechs Klassen für rund 100

Kinder und eine solarbetriebene Wasserpumpe zur Trinkwasserversorgung des

gesamten Dorfes wurden gebaut und die GTZ begann mit der politische

Aufklärungsarbeit Verschiedene Ethnien wurden zusammengeführt, indem sie u.

a. gemeinsam von ein und derselben Wasserpumpe Gebrauch machen mussten.

Zudem bildete die GTZ KrankenpflegerInnen für die Gesundheitszentren aus.

!998 wurde das Notfallprojekt zu einem Entwicklungsprojekt erweitert, welcher in

1. Linie den großflächigen Reisanbau (trotz des Wüstengebiets) als kurzfristiges

Ziel setze. Erste Maßnahmen waren die Installation einer solarbetriebenen

Wasserpumpe. Bis 1990 konnten 30 ha Reisfelder kultiviert werden, bis heute

sind es 300 ha.

Bei unserer Rundfahrt durch das Dorf, entlang der landwirtschaftlich genutzte

Fläche bis hin zu einem Seitenarm des Niger erzählt uns El Kassim Ag Hade von

den zwei zentralen Problemen der Region.

1. die zwei Extremen von zu viel Wasser in der Regenzeit zwischen Juni und

September und kein Wasser über den Rest des Jahres. Dies sagt uns, dass die

Nebenarme des Niger keine perennierenden Gewässer sind, d. h. sie nicht das

ganze Jahr über Wasser führen.

2. die stetig zunehmende Verwüstung, Desertifikation. Zu letzteren Punkt sagt er,

dass wenn in den nächsten 50 Jahre die Wüstenbildung in einem ähnlichen

Tempo voranschreite wie es die letzten 50 Jahre der Fall war, der Niger nicht

mehr vorhanden sein werde. Dies führe zu einer starken Gefährdung der

9 Finanziert wird das Projekt Mali Nord aus Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit der

Bunderregierung. Drei Fünftel der 63,9 Mio. Euro in Form von Technischer Zusammenarbeit über die

GTZ, zwei Fünftel in Form von Finanzieller Zusammenarbeit über die KfW. Zudem hat das

Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) das Programm Mali-Nord von 1996 bis 1999 mit

Euro 2 Mio. finanziert. Das Nothilfeprogramm der Europaeischen Kommission (ECHO) hat zwischen

1996 und 1999 insgesamt EURO 4 Mio. beigesteuert.

Das Welternährungsprogramm (WEP) gewährt keine finanziellen Leistungen, sondern liefert Getreide,

Öl und Fischkonserven. Seine Zuwendungen von 1996 bis Ende 2006 hatten einen Gegenwert von

rund Euro 3,2 Mio. Aus Mitteln der japanischen Kooperation beauftragt das WEP das Programm Mali-

Nord daneben seit dem Jahr 2006 alljährlich drei neue dörfliche Bewässerungsfelder (PIV) im Sektor

Bara Issa herzurichten. Quelle: http://www.mali-nord.de (13.04.2009)

227


Landwirtschaft rund um Tin Telut. Diesem Prozess, werde durch Anpflanzung von

Bäumen und Sträuchern entgegengearbeitet, sagt er.

Während dieser Fahrt stellen wir fest, das der ausgetrocknete Boden sehr

sandhaltig ist und schließen auf Grund der Rissbildung auf einen erhöhten Gehalt

von Ton.

Am Fluss angelangt zeigt uns der Vertreter des Programms Mali Nord eine der

420 motorisierten Wasserpumpen der Region Timbuktu, die zur Bewässerung der

Felder verwendet werden. Diese bewässern jeweils 40 ha, haben eine Wert von

15 000 000 CFA ( ca. 23 000€) und seien von der GTZ bezahlt worden. Zudem

bilde die GTZ pro Pupe zwei Fachkräfte aus, welche diese warten können und

stelle eine Reperaturwerkstatt mit Ersatzteilen und zwei Ingeneuren.

Dank dieser Pumpen, könne pro Hektar im Jahr bis zu fünf mal geerntet werden.

Auf der Rückfahrt kommen wir auf das Thema Bodenversalzung zu sprechen.

Das Problem liegt der fehlenden Entwässerung trotz Bewässerung zu Grunde.

Im Boden werden Salze angereichert, welche nicht wieder herausgewaschen

werden. Eine Versalzung des Bodens ist die Folge.

Später unterhalten wir uns in Gemütlicher Runde mit einem Glas Tee unter einem

typischen Tuareg-Zelt. El Kassim Ag Hade erzählt uns von der heutigen

Lebensweise der Touareg on Tin Telut. Auch wenn die Dorbewohner unserer

Ansicht nach sesshaft geworden seien, seien sie es von der Mentalität noch

lange nicht, sagt er. Auch wenn sie nicht mehr die Herren der Wüste mit ihren

über 100 Rinden und Kamelen sind, träumen jedoch alle noch von dem Leben als

Nomaden. Dies führe dazu, dass es nach wie vor viele gibt die in der

landwirtschaftlichen Nebensaison zwischen Januar und August mit einer kleinen

Herde unterwegs seien, auch wenn dies nicht mehr zum Überleben notwendig

sei. Dies sei die Balance zwischen Tradition und Moderne. Übrigens, sagt er,

habe der Krieg nicht nur Nachteile, insbesondere für die heutige Zeit mit sich

geführt. Zum Beispiel haben viele junge Männer in den Gefangenlagern andere

Dinge gelernt, als bisher von Generation zu Generation weitergegeben wurde

(Nomadentum und Viehzucht). Das habe dazu geführt, dass einige heute

228


Einstellungen beim Staat oder dem Militär bekommen konnten.

Auf unsere Fragen antwortet El Kassim Ag Hade wie folgt:

StudentIn: „Wie groß ist das Land in etwa, was eine Familie zu bestellen hat?“

Antwort: „Die Größe des Feldes ist abhängig von der Größe der Familie.

Zwischen einen halben und drei Hektar. Dabei wird grundsätzlich ein Teil er

Erträge gespart. Dies gleicht einem nachhaltigem Ansatz“.

StudentIn: „ Wie ist die Arbeit zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?“

Antwort: „Es gibt eine klare Aufteilung der Aufgaben. Die Frauen kümmern sich

um den Haushalt, die Wäsche und die Kinder und erledigen die Aussaht und die

Pflege auf dem Feld. Die Männer sind für das Ernten und Lagern der Erträge

zuständig.

StudentIn: „Hat die schöne Zufahrtsstarsse nach Tin Telut auch was mit dem

Projekt zu tun?“

Antwort: „Nein, die Strasse wurde von der EU subventioniert.“

StudentIn: „ Wie ist die Trinkwasserversorgung organisiert?

Antwort: „Alle haben gleichermaßen das Recht zum Zugang zum Wasser und

zahlen dafür den gleichen monatlichen Beitrag. Von dem Geld werden

Reparaturen bezahlt. Normalerweise liegt es in der Tradition, dass ein Touareg

einen Anderen, sowie dessen Vieh immer von seinem Wasser umsonst trinken

lässt. Niemand darf einem Anderen Wasser verweigern. Leider ist das in der

Größenordnung wie die es heutzutage der Fall ist nicht mehr möglich. Manchmal

kommen bei absoluter Trockenheit Savannenführer mit über 400 Kamelen. Also

zahlen die Vorüberziehenden einen kleinen Betrag für das Wasser, in er Regel

pro Kamel.“

StudentIn: „Wie gelangen die Dorfbewohner an Güter die sie nicht selbst

produzieren können?“

Antwort: „Es wird immer etwas von den Erträgen aber z. B. auch vom

229


Kunsthandwerk zum Tausch aufbewahrt.“

Leider haben wir auf Grund von Zeitmangel nicht mehr die Möglichkeit über das

Erreichen oder das Scheitern der zu Beginn formulierten Ziele von 1995 zu

sprechen.

• Einladung bei Mohameds Familie

Am Abend sind wir die der Familie unseres „Busguides“ (er ist nicht der Fahrer,

sondern dessen Assistent) Mohammed eingeladen. Wir werden laut singend und

tanzen empfangen (siehe Abb. 11) und uns werden sofort Getränke angeboten.

Als es dunkel wird werden wir in das Haus einem von Mohammends Brüdern

geleitet um dort Abend zu essen (siehe Abb.12). Wir bekommen ein 3-gängies

Menü (Salat mit Brot, Hünchen mit Couscous und Pommes Frites, süßes

Hirsegetränk) bei dem allem Anschein nach weder Kosten noch Mühen gespart

wurden. Die symbolische (Geld-)Geschenkübergabe verläuft sehr emotional.

Gegen 22.00Uhr verabschieden wir uns von der großen Familie.

• Übernachtung im Hotel in Timbuktu

Verfasser: Theresa Lauw

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Freitag, 20. Februar 2009

• Rückfahrt von Timbuktu nach Sevare´ über Douzenta.

Erste Krankheiterscheinungen bei StudentInnen treten auf. Mittagessen in

Douzenta (Brot mit Omelette).

• Ankunft in Sevaré gegen 17.30Uhr

Verfasser: Theresa Lauw

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Samstag, 21. Februar 2009

Abfahrt in Bandiagara

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- nach dem Frühstück machen wir noch ein Abschiedsfoto mit M. Guindo

(der frühere Haushälter von Dr. Luttmann) und Marianne (die Nachbarin,

die Perlenketten fertigt), die mit ihrer Tochter Fatime gekommen ist

- beim Gepäckeinladen kommt es noch zu einem schmerzhaften

Zwischenfall für Friederike: sie wird von einem Skorpion gebissen, der wohl

von unseren Essensvorräten angelockt wurde – Anke therapiert mit den

berühmten Dogonzwiebeln

Fahrt nach Mopti-Sevaré

- beim Aufbruch gegen 9.00h winkt das gesamt Personal der Toguna

- wir haben strahlenden Sonnenschein und die Stimmung ist gut

- die restlichen Berge an Gastgeschenken, die wir während der letzten Tage

in B. eingeheimst haben, teilen wir auf der Fahrt untereinander auf

- Lisa nutzt die Gelegenheit, um die Perspektive von Muhammeds Platz aus

zu testen

- da die Fahrertür des Busses immer wieder während der Fahrt von selbts

aufgeht, greifen wir durch und fixieren sie mit Hilfe einer Kordel – auch

wenn Omar das für überflüssig hält...

Ankunft in Mopti-Sevaré

- nach einem fröhlichen Wiedersehen mit den Timbuktu-Reisenden wird uns

das Ausmaß der Krankenfälle erst richtig bewusst – in den vergangen

Tagen hatten immer mehr mit Durchfallerkrankungen zu kämpfen

- Prof. Pez greift auf seine Ausbildung als Sanitäter zurück und steht allen

bei – Nachtwachen inklusive

- wir bemühen uns Kranke und Gesunde trotz beengten Räumlichkeiten zu

trennen

- die für heute geplante Weiterfahrt nach Ségou ist unter diesen Umständen

nicht möglich – dankenswerterweise überließ uns Jutta das Gästehaus

spontan für eine weitere Nacht

- da es nicht genug Betten für alle gab, nutzten wir unsere Moskitodome und

breiteten uns auf Terasse und Dach aus

Atelier de transformation des des déchets plastiques de Sevaré

- Prof. Pez fuhr am Nachmittag mit allen Gesunden zu einem Projekt der

NRO „AGAKAN“, die Plastikmüll recyclen

- Die Wertstoffe werden von (überwiegend) Frauen auf den Feldern

aufgelesen (wie an anderer Stelle erwähnt, wird in Mali der Müll, der zum


größten Teil organisch ist, als Dünger verwendet, wodurch auch

Plastiktüten etc. überall herum liegen). Samstags kann das Material

abgegeben werden – daher sahen wir viele Frauen auf dem Gelände.

- Pro Kilo gibt es 50 CFA

- So können auch Familienmitglieder, die bisher nichts zum

Haushaltseinkommen beitrugen, dieses steigern

© Prof. Dr. Peter Pez

- Das Material wird in Öfen geschmolzen und mit Sand versetzt

- Die entstehende schwarze Masse wird in Formen gegossen und zu Briketts

gebrannt

- Diese werden zum Straßenbau genutzt und halten normaler Belastung

stand. Es gibt sie in zwei Qualitäten (4kg schwere für Plätze und Wege, 7

kg schwere für Straßen, die von LKWs und Bussen befahren werden). Für

die 4kg-Briketts braucht man 25kg Plastik und 60kg Sand, für die 7kg-

Briketts 35kg und ebensoviel Sand. Man erhält 20 Briketts. Teilweise wird

auch Gummi beigemischt.

- Es gibt ein Archiv mit Mustern unterschiedlicher Form/Zusammensetzung:

© Mathias Becker

233


234

- Die Arbeiter tragen Masken zum Schutz gegen giftige Gase, die uns der

Vorarbeiter auf Nachfrage zeigte – eine konsequente Anwendung war für

uns aber nicht zu erkennen. Viele der Stoffe, die noch auf dem Schild an

der Einfahrt aufgeführt sind, werden nicht mehr verarbeitet, da sie zu giftig

sind:

© Mathias Becker

- Insgesamt werden zehn Leute beschäftigt.

Lateritabbau

© Prof. Dr. Peter Pez

- Anschließend weist uns Prof. Pez noch auf einen nahe gelegenen

Lateritabbau hin


- Das Material wird in Gruben abgegraben und für den Straßenbau

verwendet, wobei es durch bewässerte Walzen verfestigt wird.

- In seiner Mikroform kann es als Granulat für wirtschaftliche oder private

Zementherstellung dienen. Die Granulatmischungen differieren je nach

Klima, letztendlich ist das Material aber nicht geschützt genug gegen

Erosion.

- In unserem Fall war das Laterit bis auf den Grundwasserspiegel

abgegraben worden.

- Prof. Pez wies darauf hin, dass das Material über Jahrmillionen der Erosion

ausgesetzt war und so auch andere Stoffe ausgewaschen wurden. Hier

vermutete er Kieselerde, Hermathit und Fe2O (Eisen) wegen der

Rotfärbung.

- Es handelt sich um Sedimentgestein, was an der Schichtung des

Ausgangsgesteins auf 10 m Tiefe zu sehen ist.

- Auch weiße Teile waren sichtbar, vermutlich Kalk (vgl. Kreideberg in

Lüneburg, wo die Kreide oberflächlich angeschnitten ansteht).

- In einer Pfütze wies Prof. Pez des weiteren auf eine Schrumpfrissbildung

doppelter Handbreite hin – hier quillt Ton.

- Der gefundene Lateritklumpen ist verhüttungsfähig, aber nicht

verhüttungswürdig.

- Entstanden ist das Material durch Insolationsverwitterung (gr.

Temperaturunterschiede)

Anschließend hatten wir Freizeit bzw. die Möglichkeit nochmals nach Mopti zu

fahren.

Verfasser: Margaretha Kühneweg, Mathias Becker

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Sonntag, 22. Februar 2009

Fahrt von Mopti-Sevaré nach Ségou

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- Am Morgen verkündete Prof. Pez, dass Transportfähigkeit gegeben

- Abdoulaye Guindo, der uns am 14.02. über die Arbeit der Agence du

Bassin du fleuve Niger berichtet hatte, kam um uns zu verabschieden und

machte ein Gruppenfoto

- Gegen 9h traten wir die Fahrt nach Ségou an

- Mittagessen in San

- Bei einer kleineren Panne vertrieben wir uns die Zeit mit Papayaessen und

wurden unfreiwillig zu einer Attraktion – eine große Reisegruppe ruht sich,

teils liegend, im Schatten der verwaisten Markständen aus und isst auch

noch in der Öffentlichkeit! Nein, keines der Kinder wollte mit essen.

Ségou – Bogolanzentrum „Le Ndomo“

- Nach mehr als sechs Stunden Fahrt erreichten wir das uns bereits

bekannte Hotel „Djoliba“

- Direkt nach dem Abladen brachen alle, die noch Energie hatten zu einem

mit Dr. Luttmann zu einem berühmten Handwerkszentrum auf

- Wir hatten kein Treffen vereinbart und der anwesende Hausmeister konnte

den Besitzer auch nicht mehr erreichen, aber Mamadou, einer seiner

Schüler, der sich bereits selbständig gemacht hat, kam eigens um uns alles

zu zeigen

- Das Zentrum befindet sich in einem großen Gebäudekomplex, der

aufwendig im Bankostil gestaltet wurde, und das typische Rot der Häuser

von Ségou aufweist

- Wir wurden auf die Architektur des Eingangsbereichs hingewiesen: die fünf

Zinnen verweisen auf die fünf Hörner an der Maske der ersten

Initiationsphase in der Mandégesellschaft, die wiederum für die fünf Finger

einer Hand stehen; Kaurimuscheln dienten früher als Währung und

symbolisieren Reichtum; die Anzahl fünf kann man auch als drei und zwei

sehen – die Symbole für Mann bzw. Frau und zusammen genommen das

Symbol für Vollkommenheit


© Robert Oschatz

- Fazit: es handelt sich um einen Ort für junge Menschen

- Die Zeit der Initiation soll jungen Menschen, die auf der Suche nach

Wissen sind, jemanden an die Seite stellen, der Ihnen zeigt, wie man im

Leben zurecht kommt

- „Le Ndomo“ bietet Kurse in der Bogolantechnik für junge Leute

- In der Stadt gibt es noch ein weiteres Zentrum für Frauen

-

- Zum Färben werden Pflanzen verwendet – diese bei den Bambara und den

Bozo bekannten natürlichen Farbstoffe werden erforscht und weiter

entwickelt

- Die Stoffe müssen mind. 24 Stunden einweichen

- Beispiele für Farbstoffe sind „Ngalama“ (Blättersud; grün), wilde Trauben

(blau), Rinde (rot) – mit Hilfe dieser Grundfarben werden alle anderen

gemischt

© Robert Oschatz

- Das eigentliche Muster ist schwarz (Tonerde)

Traditionell wurde der gesamte Stoff schwarz gefärbt, indem der aufgetragene

Ton mit einem natürlichen Fixierer reagierte und das Muster anschließend mit

einem anderen Mittel heraus geätzt – heute trägt man einfach die schwarzen

Linien auf, was wir auch ausprobieren und dank der schnellen Wirkung des

Fixieres das Produkt auch mit nehmen durften

© Robert Oschatz

- Unser Muster lehnte sich allerdings nicht an die historischen Vorbilder an –

zuvor hatten wir einen Crashkurs in den Symbolen erhalten, die traditionell

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238

- bei Bogolanstoffen Verwendung finden – vielen waren so mystisch und

mehrfach codiert, dass wir nicht mehr zwischen Scherzen unseres Führers

und tatsächlichen Bedeutungen zu unterscheiden vermochten

- Auf dem Gelände gab es auch ein Museum mit einer sehr gut gemachten

Ausstellung (von den Rohstoffen, über die gefärbten Stoffe bis zu den

Varianten der Muster wurde alles von Exponaten repräsentiert) mit einem

umfangreichen Shop.

Verfasser: Margaretha Kühneweg, Mathias Becker, Robert Oschatz


Montag, 23. Februar 2009

08:00 Uhr Abfahrt in Segou

ca. 13:00 Uhr Ankunft in Bamako

Mittagessen bei Bintou

15:00 Uhr Termin bei der Friedrich Ebert Stiftung Bamako (FES)

• Empfang durch Dr. Salabary Doumbia, Programmassistent, sowie

Reinhold Plate, Leiter der FES Bamako. Die deutsche politische Stiftung

FES gibt es seit 1968 in Mali, entstanden ist sie durch ein

Vermarktungsgesellschaftsprojekt für eine Fischereigenossenschaft in

Mopti. Während der Traoré Diktatur unterstützte die FES die

Oppositionsbewegung, bis die Diktatur schließlich 1986/87 anfing zu

bröseln. In den Jahren 1990-92 erfolgte dann eine Revolution angeführt

durch Konaré, welcher im Anschluss der erste demokratisch gewählte

Präsident Malis wurde. Unter Konarés Präsidentschaft förderte die FES

die Entstehung von Genossenschaften, klein- und mittelständiger

Industrie, sowie demokratische Ansätze. Dabei unterstützte sie z.B. die

unterschiedlichen Parteien (wie Adema, RPM…), Medien und

unterschiedliche Organisationen und Gewerkschaften.

• Heute arbeitet die FES weniger auf nationaler und mehr auf regionaler

Ebene. Die dabei wichtigsten Punkte sind Handel und sicherheitspolitische

Fragen.

• Hauptaufgabe der FES ist die politische Beratung der Parteien,

Nationalversammlung, Gewerkschaften, Medienverbänden,

Jugendverbänden… Dabei fungiert sie weniger als Geber, eher als Partner

der Organisationen. Den Organisationen werden Themen vorgeschlagen,

auch werden Seminare, Workshops, Ateliers durchgeführt. Außerdem

bietet die FES Orientierung für schlecht organisierte Parteien und hilft bei

der Entwicklung von neuen Parteien.

• Die FES hat als einzige deutsche politische Stiftung einen Sitz in Mali. Es

gibt eine gewisse Spezialisierung zwischen den einzelnen Stiftungen,

diese Abstimmung und Spezialisierung ist gewünscht von Seiten der

Geberländer um eine Vielfalt entwicklungspolitischer Ansätze zu

ermöglichen. Jede Woche findet ein Entwicklungszusammenarbeitstreffen

in der deutschen Botschaft statt, bei der die Arbeit gegenseitig abgestimmt

wird.

• Gewerkschaftsbewegung Malis: Die UNTM war die ursprüngliche

Dachorganisation der Gewerkschaften, nach 1998 wurde sie durch die

CSDM abgelöst. Die CSDM umfasst 12 Gewerkschaftsbranchen und ist

auch regional/lokal vertreten. Mit beiden Organisationen arbeitete die FES

zusammen. Themen der Zusammenarbeit waren u.a. Arbeitsnormen,

Vorbereitung internationaler Treffen oder auch das Kyoto-Abkommen.

Mali orientiert sich in seiner politischen und wirtschaftlichen Organisation

am französischen Modell: Im öffentlichen Dienst (Schulen, Universitäten,

Verwaltungen…) sind die Gewerkschaften stark vertreten, im

privatindustriellen Bereich, vor allem in der Goldindustrie, eher weniger.

• Bureau d’Immigration CGEM: Das Immigrationsbüro besteht erst seit

wenigen Monaten in Bamako. Es hat die folgenden Aufgaben: 1)

Erforschung der Migration in Mali 2) Information und Unterstützung

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freiwilliger und unfreiwilliger Rückkehrer 3) Informationen über legale

Migrationsmöglichkeiten 4) Sensibilisierung für Gefahren illegaler

Migration 5) Einbeziehung von im Ausland lebenden Maliern in die

malische Entwicklung. Das Projekt ist EU finanziert und entstand aus der

Argumentation, dass der Geldfluss von in der EU lebenden Migranten

größer sei als die EU Fördermittel. Diese Geldströme werden jedoch nicht

für die Entwicklung ausgegeben. Das CGEM stellt damit ein Testprojekt

und einen Versuch die Migration zu kanalisieren dar. Das Projekt wird

äußerst kritisch betrachtet, da unterstellt wird lediglich billige malische

Arbeitskräfte für die europäische Landwirtschaft finden zu wollen.

• Mangel an politischem Interesse ist ein großes Problem für Mali,

verursacht durch Geldmangel und Mangel an Bildung. Mali hat eine sehr

hohe Analphabetenquote und das Niveau der Bildung sinkt. Ein

Strukturanpassungsprogramm in den 80er Jahren führte zu zahlreichen

Entlassungen von Lehrkräften und zur Schließung von

Lehrerbildungsinstituten. Durch die mangelnde Bildung sind die Malier

weder regional noch international konkurrenzfähig. Ein Grund dafür ist

auch die Nicht- Unterstützung der mittleren Schicht.

• Ein weiteres Problem ist die Abwanderung der Jugendlichen vom Land in

die Stadt. Eine Lösung hierfür wäre die Landwirtschaft attraktiver zu

machen.

• Die extreme Vermehrung der Non-Governmental Organizations wird

problematisch gesehen, da viele Gelder aus dem Ausland fließen, es

Modethemen gibt und die gesamte Arbeit relativ wenig koordiniert wird.

Die FES unterstützt NGO Arbeit in der Legislative und im Parlament nicht.

Auch werden z.B. Frauen nur innerhalb von Parteien gefördert.

Verfasser: Lisa Trager, Melanie Kühl


Dienstag, 24. Februar 2009

10:30 Uhr Termin bei Point Sud (PS), ein wissenschaftliches

Forschungszentrum in Bamako

• Empfang durch Moussa Sissoko, Leiter des Zentrums und mehrere

Mitarbeiter unterschiedlicher Projekte

• Ziel von Point Sud ist die Erforschung lokalen Wissens. Das Zentrum

kooperiert mit der Universität Frankfurt. Es wurde 1998 gegründet durch

die Universität Bayreuth, damals noch mit einer Konzentration der

Forschung auf das Office du Niger. Heute ist es ein Treffpunkt und bietet

Austausch an für internationale Forscher, die nach Mali kommen. Das

Zentrum vertritt einen multidisziplinären Ansatz, vertreten sind z.B. die

Felder Medizin, Soziologie, Agronomie, Ethnologie… Auch die Ausbildung

junger malischer Forscher ist eine wichtige Aufgabe von PS. Diese wird in

der Regel von malischen oder senegalesischen Lehrern übernommen.

Auch ist eine punktuelle Ausbildung möglich durch bestimmte „personnes

resources“. Bisher wurden 50 Akademiker weitergebildet und an

ausländische Forschungsgruppen vermittelt. Das Zentrum hat außerdem

eine Koordinierungsfunktion in den folgenden Forschungsfeldern: 1)

Konfliktmanagement 2) Dezentralisierung 3) Auswirkungen der Menschen

auf ihre natürliche Umwelt 4) Medien/Technik 5) Immigration. Ein weiteres

Aufgabenfeld ist die Informationsvermittlung durch Konferenzen.

• Ein großes Problem in Mali stellt die Konkurrenz zwischen traditionellen

Machtstrukturen und der Macht des Staates dar.

• Dezentralisierung ist erst seit 1992 in Mali in Angriff genommen worden,

die konkrete Umsetzung erst in den 2000er Jahren. Faktoren, die zu dem

Dezentralisierungsprozess geführt haben waren u.a. die Überwindung des

Regimes von Traoré 1990/91 und die Touareg Rebellion im Jahre 1991.

Mali ist damit das erste afrikanische Land, das Dezentralisierung auf

nationaler Ebene durchgesetzt hat. Heute hat Mali insgesamt 703

Gemeinden.

• Ziel der Dezentralisierung war die Stärkung der Demokratisierung der

staatlichen Institutionen und der Gesellschaft. Heute nehmen die meisten

Gemeinden die Dezentralisierungsideen an, halten aber gleichzeitig auch

an stark traditionellen Strukturen fest. Der Dezentralisierungsprozess

erweist sich als äußerst schwierig, ein Erfolg ist aber die Tatsache, dass

heute mehr Entscheidungen als zuvor auf kommunaler Ebene getroffen

werden.

• Das lokale Wissen kann auch helfen menschliche Auswirkungen auf die

Umwelt zu beschränken. Viele der heutigen „modernen“ Techniken sind

nicht angepasst an die lokalen Gegebenheiten. Wichtig ist hier eine

Bewusstseinsstärkung und die Hervorhebung der Vorteile lokalen Wissens.

• Wissensvermittlung erfolgt bei PS durch das Aussprechen von

Handlungsempfehlungen, Studien und Workshops, zu denen Politiker,

Minister… eingeladen werden.

• Ein aktuelles Forschungsprojekt ist die Erforschung des Einflusses des

Handys auf das Festnetz. Das malische Festnetz kann die Bedürfnisse der

Bevölkerung nicht stillen, da die Hauptanbieter überfordert sind.

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Gleichzeitig wird erforscht wie das Handy unterschiedliche Formen des

sozialen Miteinanders verändert.

Verfasser: Lisa Trager, Melanie Kühl


Mittwoch, 25. Februar 2009

10:00 Uhr Termin bei der Deutschen Gesellschaft für Technische

Zusammenarbeit (GTZ) in Bamako

• Empfang durch Dr. Michaela Braun Yao, technische Beraterin

• Umweltpolitik Malis: Ziel der GTZ ist es u.a. die Millenium Goals in Mali

umzusetzen. Diese waren zunächst eher sozial orientiert, mittlerweile liegt

der Schwerpunkt auf Wirtschaft, Landwirtschaftsförderung, sowie auf

Umweltthematiken. Die GTZ versucht den Gedanken an Umwelt in den

nationalen Parteien durch strategische Umweltprüfungen zu fördern.

Hauptaspekte sind hier erstens Fluss- und Wassermanagement und

zweitens Forst.

• Geberabstimmung: Ein großes Problem ist hier die Kanalisierung der

Gelder. Es gibt zahlreiche Geber in Mali (z.B. Weltbank, UNO,

europäische, chinesische, amerikanische Geber), die Gebergelder jedoch

zu kanalisieren bedeutet einen sehr großen Verwaltungsaufwand. Um dies

zu umgehen wurde die sogenannte SCAP (stratégie commune d’appui de

paye) eingeführt, nach der sich auf maximal drei Sektoren konzentriert

werden soll. Privilegierter Sektor ist hier vor allem die Agrarwirtschaft, das

Thema Umwelt hat viel Aufmerksamkeit verloren durch diesen Prozess.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wird sich nur noch bis 2011

damit beschäftigen. Danach werden sich hauptsächlich die dänische und

schwedische EZ mit dem Thema Umwelt beschäftigen, aber auch diese

haben keine längerfristige Agenda. Das neueste Modethema ist

Klimawandel, dementsprechend viele Gelder fließen hier.

• Ein Problem in Mali ist, dass die nationalen Strukturen wenig

zusammenarbeiten und jeder eher für sich kämpft. Ein Beispiel hierfür ist

die nationale Forstbehörde, die in insgesamt drei Bereiche aufgeteilt

wurde: 1) Landwirtschaft 2) Fischerei, Viehzucht 3) Umwelt. Durch den

Dezentralisierungsprozess konnten kleine Infrastrukturverbesserungen

ermöglicht werden, aber es fehlen weiterhin finanzielle Mittel um die

laufenden Kosten zu decken. Eine Möglichkeit wäre eine Kopfsteuer der

Gemeinden, dies ist aber sehr schwierig umzusetzen.

• Bei einer Ausweitung der Reisproduktion in Mali stellt vor allem die

spontane und willkürliche Landvergabe durch den Präsidenten ein Problem

dar. Auch das Wassermanagement ist stark betroffen. Korruption und

Skandale spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Verbesserung der

Bewässerungsmethoden steht zwar bereits auf den Agenden, wichtig ist

jedoch auch zu beachten, dass eine Ausweitung der Reisproduktion ein

zusätzlicher CO2 Produzent wäre (durch Abholzung und Methangase).

• Solarenergie und Photovoltaik sind häufig nur Thema in kleineren

Projekten, das nationale Energieministerium beschäftigt sich eher mit

Holzenergie. Probleme bei Solarenergie/Photovoltaik sind der Unterhalt der

Anlagen und die Ausbildung der Betreiber.

• Budgethilfe ist, anders als Projektfinanzierung, nicht an bestimmte

Projekte, wohl aber an bestimmte Sektoren, gebunden. Voraussetzung

hierfür sind eine klare Politik, Aktionspläne, sowie die Zusicherung der

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Eigenkompetenz an die Länder. Dies wird jedoch stark kontrolliert durch

harte Indikatoren.

• Die Verkehrsinfrastruktur Malis weist starke Mängel auf. Eine evtl. groß

angelegte Budgethilfe durch die EU ist deswegen schwierig, da unklar ist

auf welchen Verkehrssektor sich konzentriert werden sollte. Probleme des

Eisenbahnverkehrs sind seine große Statik, dadurch entstehende

mangelnde Flexibilität, sowie hohe Unterhaltskosten. Auch die Grenzen

und eventuelle Grenzüberschreitungen sind für die Eisenbahnen

komplizierter als für den Flugverkehr. Momentan sind jedoch Straßen der

Favorit der Förderer.

• Die Abstimmung in Umweltfragen mit den Nachbarländern ist bisher noch

relativ begrenzt. Es existiert zwar die ABN (Authorité du bassin du Niger)

mit einem zentralen Sitz in Niamé, welche die Abstimmung zwischen den

Sahelländern regeln soll, jedoch bleibt es fraglich ob es über die politischen

Debatten hinaus auch zur Umsetzung von Plänen kommt.

Verfasser: Lisa Trager, Melanie Kühl

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