VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

558 Hans-Henning Schröder

Genosse N. S. Chruscev hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, Partei- und Wirtschaftsleitung

in Industrie, Bauwesen und kommunaler Wirtschaft erheblich zu verbessern und

Rolle und Verantwortlichkeit von Gebiets- und Stadtkomitees, der ganzen Partei in diesem

Bereich zu erhöhen 175 .

Der Parteiapparat sollte konkreter und wirksamer als bisher in die Leitung von Betrieben

und Kolchosen eingreifen. Um das aber möglich zu machen, wollte Chruscev

die einzelnen Teile des Apparates spezialisieren: Für Landwirtschaft und Industrie

sollten unterschiedliche Organisationsbereiche zuständig sein, deren Mitarbeiter dazu

über die nötigen Fachkenntnisse verfügen sollten 176 . Nach einem langwierigen

Prozeß der Konsensbildung verabschiedete das Plenum des ZK im November 1962

eine Entschließung über die Reorganisation der Partei. Die gesamte Parteiorganisation,

von den Grundorganisationen bis hinauf zu den Gebietskomitees wurde nach

dem „Produktionsprinzip" neu gegliedert. Innerhalb einer Region sollten von nun an

zwei unabhängige Parteiorganisationen bestehen, eine, die den Agrarsektor, eine

zweite, die den Industriebereich betreute 177 .

Die Umstrukturierung wurde rasch durchgeführt, doch erfaßte sie nicht die ganze

Partei. In 48 von 134 Gebieten und Regionen bestanden die einheitlichen Komitees

fort, in 11 gab es nur Agrarkomitees, lediglich in 75 wurde die duale Organisation

verwirklicht 178 . Die Zweiteilung des Apparates machte umfangreiche Kaderverschiebungen

notwendig, viele neugeschaffene Stellen waren zu besetzen 179 . Es scheint, daß

es kurzfristig gelang, den Parteiapparat in Bewegung zu bringen - die Presse jedenfalls

war voll von Berichten über Gebietskomitees, deren Mitglieder ihre Schreibtische

im Stich ließen und sich an die Produktionsfront begaben 180 . Es gab jedoch auch

eine starke Opposition, angefangen von den Mitarbeitern der Fachapparate, in deren

Arbeit sich die Parteisekretäre einmischten, bis hin zu Parteisekretären, deren Einflußbereich

durch die Aufspaltung der Organisation eingeengt worden war 181 . Die

Eile, mit der die Reform nach Chruscevs Absetzung 1964 rückgängig gemacht wurde,

deutet darauf hin, daß diese Opposition recht stark war. Gewiß war sie auch ein

Faktor, der Chruscevs Entmachtung beförderte. Folgt man sowjetischen Angaben

von 1964 und 1965, war die Reorganisation ein Fehlschlag. Die Nachteile überwogen

danach die Vorteile ganz entschieden. Die Aufteilung in industrielle und agrarische

Zonen, die oft nicht eindeutig durchführbar war, die Dislozierung von Betrieben, de-

175

Vgl. Ulucsat' rukovodstva predprijatijami i strojkami, in: Pravda 31. 7. 62, S. 2.

176

Zu Chruscevs Kalkül vgl. Khrushchev Remembers II, 1, S. 136 f., wo er die Parteireform nachträglich

verteidigt.

177

KPSS t.8, S.386-395; Meissner, in: Boettcher, Bilanz, S.150f., 153; Chotiner, S. 163 ff.; Armstrong,

in: Soviet Studies XVII, 1965/66, S. 417 ff.

178

Chotiner, S. 196 f.

179

Ebenda, S.201 ff.; Armstrong, in: Soviet Studies XVII, 1965/66, S.422ff., 429f.

180

Vgl. z.B. N. Antonov/I. Kir'janov, Strojki - v centre vnimanija, in: Pravda 1.3. 63, S. 2; A. Lukas,

Ekonomiceskaja rabota na predprijatijach, in: Partijnaja Zizn' 1963, No. 17, S.27-31; Chotiner,

S. 215-271 mit zahlreichen Beispielen.

181

Vgl. Lukas, in: Partijnaja Zizn' 1963, No. 17, S.28; Armstrong, in: Soviet Studies XVII, 1965/66,

S.426f.

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