VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

572 Sally Marks

stücke sowohl in Paris wie in Brüssel während der unmittelbar folgenden Urlaubstage

verlegt. Außerdem verlor Herriot, nachdem er sich von den Unbilden der Londoner

Konferenz erholt hatte, keine Zeit, jene Mitglieder des französischen Diplomatischen

Dienstes loszuwerden, die seinen linken Anhängern in der Nationalversammlung besonders

mißliebig waren. Zu den Opfern des sozialistischen Ingrimms gehörten der

französische Botschafter in London und Peretti, der so eilends nach Madrid abgeschoben

wurde, daß er nach seinem September-Urlaub, den er im Anschluß an die

Londoner Konferenz genommen hatte, nicht einmal einen Tag zum Quai d'Orsay

zurückkehren durfte 46 .

Danach verlor der Quai d'Orsay die Frage aus den Augen, während leitende Beamte

des belgischen Außenministeriums, die vielleicht nie informiert worden waren,

da keiner von ihnen an der Besprechung vom 16. August teilgenommen hatte, weiterhin

von der Annahme ausgingen, daß keine Verpflichtung existiere 47 . Selbst die Ende

1924 erfolgende Veröffentlichung des deutschen Weißbuchs über die Londoner Konferenz,

in dem Marx' Memorandum vom 16. August abgedruckt war, half dem Gedächtnis

in Paris und Brüssel nicht nach, wo sich Minister und Ministerialbeamte mit

aktuellen Nöten herumschlugen und sich noch nicht mit Problemen beschäftigten,

die erst in acht oder zehn Monaten akut werden mochten. Die aktuelle Frage, die Ende

1924 anstand, lautete, ob die erste Rheinland-Zone tatsächlich am 10. Januar 1925

geräumt werden würde, eine Frage, der unmittelbare Bedeutung für die Aufrechterhaltung

der Besetzung des Ruhrgebiets und der drei Städte zukam. Die Franzosen

befürchteten, daß die Briten das Kölner Problem benutzen würden, um eine frühe

Räumung beider Ruhrbezirke zu erzwingen 48 , doch machten sie keinen Versuch zur

Verifizierung, und die lange Debatte über die Kölner Zone fand ohne ausdrückliche

Erwähnung der Ruhr oder Düsseldorfs statt; das konnte geschehen, weil die Fragen

zwar geographisch zusammenhingen, aber rechtlich getrennt waren. In gleicher Weise

hat im Januar 1925 die alliierte Finanzkonferenz, nachdem die Räumung Kölns

verschoben worden war, die Ruhr-Einnahmen zugeteilt, ohne an weitere und möglicherweise

umstrittene Probleme zu rühren.

Zu diesem Zeitpunkt hatten jene wenigen Franzosen und Belgier, die unterrichtet

waren, die am 16. August 1924 eingegangenen Verpflichtungen offenbar tatsächlich

vergessen. Das Gedächtnis der deutschen Politiker war jedoch besser. Im Frühjahr informierte

Karl Jarres, Bürgermeister von Duisburg und Minister im Kabinett Marx,

seinen Düsseldorfer Kollegen, die Alliierten hätten zugesagt, die drei Städte gleichzeitig

mit dem Ruhrgebiet zu räumen - was zu einem Bericht in der „Kölnischen Zeitung"

führte. Dieser Bericht wiederum veranlaßte Anfragen des Präsidenten der Inter-Alliierten

Hochkommission für das Rheinland, Paul Tirard, des Oberbefehlsha-

46

Peretti an Briand, 29. und 30. Juni 1925, FMAE Z/RGR/1521; Crewe an MacDonald, 22.10.1924,

FO 371/10546.

47

Van Zuylen-Memo, 30.8.1924, Belgisches Außenministerium Brüssel (künftig zit.: BMAE), Classement

B (künftig zit.: B), Akte 350.

48

Tirard an Herriot, 6.10.1923, FMAE B/156.

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