VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

466 Kai von Jena

karger Worte bin und große Phrasen hasse. Sie werden es darum zu würdigen wissen,

wenn ich Ihnen sage, daß ich, während Sie gesprochen haben, die Flügel der Weltgeschichte

in diesem Raum gespürt habe. Mein Wille zur Wiedergutmachung ist aufrichtig.

Ich betrachte sie als ein großes moralisches Problem und eine Ehrenschuld des

neuen Deutschland. Sie haben mich richtig eingeschätzt. Ich bin bereit, die Verantwortung

für die Erklärung, die sie wünschen, auf mich zu nehmen. Ich bitte Sie,

gleich jetzt im Nebenzimmer meiner Sekretärin den Entwurf eines solchen Briefes zu

diktieren, und Sie werden noch im Laufe des heutigen Tages ein Schreiben von mir

erhalten." 22

Das Goldmann übergebene Schreiben brachte den Wunsch der Bundesregierung

nach Aufnahme von Wiedergutmachungsverhandlungen mit Vertretern Israels und

des jüdischen Volkes zum Ausdruck und enthielt die gewünschte Erklärung, die in

der Note Israels vom 12. März 1951 gestellten Ansprüche von einer Milliarde Dollar

zur Grundlage der Besprechungen zu machen. Hervorgehoben wurde in dem Schreiben,

daß die deutschen Leistungen in Form von Warenlieferungen erfolgen sollten 23 .

Als Ben Gurion mit dieser Zusage am 7. Januar 1952 vom israelischen Parlament

die Zustimmung zur Aufnahme der Verhandlungen mit der Bundesregierung erbat,

gab es gewalttätige Demonstrationen vor dem israelischen Parlamentsgebäude, an

denen sich mehr als 10 000 Personen beteiligten. Hunderte von Demonstranten und

Polizisten wurden verletzt. Das Wort „Blutgeld", das in einem gegen die Aufnahme

der Verhandlungen gerichteten Pamphlet gebraucht worden war, wurde in Israel außerordentlich

populär 24 . Mit 61 gegen 50 Stimmen wurde der Antrag Ben Gurions

schließlich am 9. Januar 1952 angenommen.

Erste Verhandlungsphase

Für die Leitung einer deutschen Verhandlungsdelegation gewann Adenauer auf Vorschlag

von Staatssekretär Walter Hallstein im Februar 1952 Professor Franz Böhm.

Böhm war 1938 wegen seiner Kritik an der nationalsozialistischen Rassenpolitik die

Lehrbefugnis entzogen worden, 1945 und 1946 war er hessischer Kultusminister gewesen

und seit 1946 lehrte er Bürgerliches, Handels- und Wirtschaftsrecht an der

Universität Frankfurt. Als Böhms Stellvertreter wurde der Rechtsanwalt und Wiedergutmachungsbeauftragte

von Baden-Württemberg, Otto Küster, ernannt. Seine Berufung

ging auf eine Anregung von Goldmann zurück 25 .

Noch im Februar wurden zur Vorbereitung auf die Verhandlungen interministerielle

Besprechungen aufgenommen, an denen Vertreter des Bundeskanzleramtes, des

22

Ebenda, S.385f. Vgl. auch die Tagebucheintragung Blankenhorns vom 6.12. 1951, BArch, NL

Blankenhorn/9.

23

Konrad Adenauer, Erinnerungen 1953-1955 (Band 2), Stuttgart 1966, S. 138 f. und AA II 244-13

Bd. 5.

24 Inge Deutschkron, S. 43.

25 Vermerk vom 3. März 1952 in AA II 244-13 Bd. 1.

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