VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ifzmuenchen

VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

586 Rüdiger Griepenburg

1948 in grundsätzlichen Fragen festzulegen. Wenn das die Absicht der Ministerpräsidenten

gewesen war, dann hatten sie es versäumt, dem Konvent wesentliche Entscheidungen

vorzugeben. Weil sie fehlten, mußte der Verfassungsausschuß zu einem Gremium

werden, in dem auch grundsätzliche verfassungspolitische Auseinandersetzungen

ausgetragen wurden und das in entscheidenden Fragen der Verfassung des neuen

westdeutschen Staates selbständig nach einem parteiübergreifenden Konsens suchte.

In den Grundsatzdebatten des Herrenchiemseer Verfassungskonvents vertrat der Bevollmächtigte

der hessischen Landesregierung Prof. Hermann Louis Brill am geschlossensten

und eigenständig die theoretischen Positionen eines demokratischen

Sozialismus.

Schon seine Biographie machte Brill zu einer Ausnahmeerscheinung unter den Verfassungsrechtlern

in Herrenchiemsee 5 : als einziger von ihnen war er als aktiver Gegner

der nationalsozialistischen Diktatur fast acht Jahre im Zuchthaus Brandenburg

und im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen, als er 1945 durch amerikanische

Truppen befreit wurde; seine Schwester war im KZ Ravensbrück umgekommen.

1895 im thüringischen Gräfenroda geboren, wuchs Brill in einer Handwerkerfamilie

auf, die von der sozialistischen Weltanschauung des Vaters geprägt wurde.

Der Schüler des Herzog-Ernst-Seminars in Gotha gehörte dem „Jungwandervogel"

an und nahm 1913 an dem Freideutschen Jugendtag, dem Treffen der deutschen Jugendbewegung

auf dem Meißner, teil 6 . Kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges

wurde Brill Lehrer; vom August 1914 bis zum Dezember 1918 war er - unterbrochen

durch Verwundungen und Krankheit - Soldat. Noch vor der Novemberrevolution

trat er der 1917 gegründeten USPD bei und gehörte in den Anfangsjahren der

Weimarer Republik zu der Minderheit dieser Partei, die sich 1920 nicht den „21 Bedingungen

für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale" unterwarf und

die nach der Vereinigung der USPD-Mehrheit mit der KPD im Dezember 1920 die

USPD als organisatorische Form des deutschen Linkssozialismus bis zur Vereinigung

mit der SPD 1922 als eigenständige Partei weiterführte 7 . Nach 1922 bildete diese po-

5

Die beste bisher vorliegende Teilbiographie Brills ist: Manfred Overesch, Hermann Brill und die

Neuanfänge deutscher Politik in Thüringen 1945, in: VfZ 27 (1979), S. 524-569. Overesch wird

demnächst eine umfassende Biographie Brills veröffentlichen.

6

Werner Helwig, Die Blaue Blume des Wandervogels, Heidenheim 1980, S. 83 (Bericht von Walter

Hammer).

7

Der Linkssozialismus war eine selbständige politische Bewegung neben Kommunismus und Sozialdemokratie.

Seine deutlichste Ausprägung fand er historisch im Austromarxismus zwischen 1918

und 1934. Wegen seines umfassenden Anspruchs als einer „Kulturbewegung", seiner starken theoretischen

Orientierung und der Betonung einer bewußten Entscheidung für den Sozialismus wirkte

er auf Intellektuelle besonders anziehend. Er wurde in Deutschland nach der Vereinigung von

USPD und SPD 1922 zu einer Richtung in der Sozialdemokratie. Zur Selbstdarstellung vgl. besonders

Max Adler, Die Kulturbedeutung des Sozialismus, Wien 1924; ders., Linkssozialismus. Notwendige

Betrachtungen über Reformismus und revolutionären Sozialismus, Karlsbad 1933; A. Gurland,

Der proletarische Klassenkampf in der Gegenwart. Zur taktischen Orientierung der

Sozialdemokratie in der Nachkriegsphase des Kapitalismus, Leipzig 1925; ders., Marxismus und

Diktatur, Leipzig 1930.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine