VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

590 Rüdiger Griepenburg

kratischen Sozialismus, das „Manifest der demokratischen Sozialisten des ehemaligen

Konzentrationslagers Buchenwald" 25 . Nach fast acht Jahren Haft im Zuchthaus

und im Konzentrationslager befreit, übernahm Brill das Amt eines Regierungspräsidenten

des neuen Landes Thüringen und die Leitung des „Bundes demokratischer

Sozialisten" 26 . Nach dem Wechsel der Besatzungsmacht in Thüringen wurde Brill aus

seinem Amt entlassen, die Verbreitung des Buchenwalder Manifestes wurde untersagt

und der „Bund demokratischer Sozialisten" mußte sich in den Landesverband Thüringen

der vom Berliner Zentralausschuß unter Grotewohl geleiteten SPD der sowjetischen

Besatzungszone umwandeln 27 . Brill wurde der erste Vorsitzende dieser Organisation,

für die sich das Verhältnis zur KPD im Herbst und Winter 1945 zum

entscheidenden Problem entwickelte.

Seit der Zeit gemeinsamen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Diktatur

und gemeinsamer Zuchthaus- und Konzentrationslagerhaft war für Brill eine gemeinsame

Organisation von Kommunisten und Sozialdemokraten möglich geworden;

der „Bund demokratischer Sozialisten" war gerade darauf hin konzipiert. Nachdem

1945 SPD und KPD als getrennte Parteien wiedererstanden waren, sah er in

ihrer engen Kooperation die notwendige Basis sozialistischer Politik in einer nachfaschistischen

Gesellschaft 28 . Im Herbst 1945 modifizierte er diese Auffassung; durch

die organisatorische Vereinigung von SPD und KPD allein werde noch nicht die erstrebte

„Einheit der Arbeiterklasse" erreicht. Die vielfältigen Spaltungen der Arbeiterschaft

in Deutschland seien objektiv begründet, eine Einheit könne allein durch den

föderativen Zusammenschluß aller politischen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen

und kulturellen Arbeiterorganisationen geschaffen werden, die sich nur auf ein

gemeinsames kurzfristiges Aktionsprogramm verständigen sollten 29 . In einem solchen,

an westeuropäischen Organisationsformen orientierten Einigungskonzept war

kein Platz für die Dominanz oder gar das Monopol einer einzigen politischen Richtung.

Die thüringer KPD reagierte zunächst nicht auf die sozialdemokratischen Koope-

25

Der Text des Buchenwalder Manifestes ist wiederabgedruckt u. a. bei Manfred Overesch, Deutschland

1945-1949. Vorgeschichte und Gründung der Bundesrepublik, Düsseldorf 1979, S. 171—176.

26

Näheres dazu bei Overesch, Hermann Brill.

27

Protokoll der Sitzung des Landesvorstandes Thüringen der SPD am 6.8.1945 in Weimar. Kopie im

Besitz des Verfassers.

28

Rede des Genossen Dr. Hermann Brill anläßlich der 1. Landeskonferenz des Bundes der Demokratischen

Sozialisten (SPD) am 8. Juli 1945. Kopie im Besitz des Verfassers.

29

„Wie kommen wir zur sozialistischen Einheit der deutschen Arbeiterklasse?" Referat von Dr. Hermann

L. Brill nebst Debatte und Schlußwort in der Sitzung des Gesamtvorstandes des Landesverbandes

Thüringen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 26. November 1945 in Weimar.

Kopie im Besitz des Verfassers.

Brill rekurrierte auch hier wieder auf frühere linkssozialistische Vorstellungen, nach denen die notwendige

„Einheit der Arbeiterklasse" allein durch gemeinsame Aktionen aller Arbeiterorganisationen,

nie aber durch ein gemeinsames Grundsatzprogramm möglich war. Diese Konzeption ist am

klarsten ausgeführt bei A. Gurland, Die Rolle der KPD in der deutschen Revolution, in: Der Klassenkampf,

2. Jg. 1928, S.664-669.

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