VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Herrenchiemseer Tagebuch 1948 607

erfuhr, daß er während der ganzen Nazizeit Rechtsanwalt war 104 , nur einen unbestimmten

Eindruck gewinne. Pfeiffer ist zum Teil diplomatisch unbewegt, zum Teil

zustimmend. Dr. Schwalber 105 , der Staatssekretär im bayerischen M. d. L, Ministerialrat

Leusser 106 sind bei den politischen Parteien im ständigen Meinungsaustausch und

widersprechen halblaut, aber sehr bestimmt allen meinen Ausführungen in der Oberhausfrage.

In der Frage der Legitimität schließt sich auch Pfeiffer diesem Widerspruch

an. Nach Beendigung meiner Rede, die etwa 50 Minuten gedauert hat, - ich

bedauere, daß ich nicht 1 1/2 Stunden gesprochen habe - ich hätte die Aufmerksamkeit

bis zu Ende gehabt und viel mehr sagen können - gratulierten mir Suhr, Dr. Danckwerts

sagt französisch: „Mon compliment". Baade, der sich nach den ersten fünf Minuten,

obgleich er nicht an der Innenseite des gegenüberliegenden Tisches saß, ganz

zu mir umgewandt hatte und mir während der Rede wiederholt zunickte, steht danach

lächelnd auf und nickt wiederholt sehr erfreut. Die jungen Mitarbeiter waren so

gespannt, daß sie, wie Dr. Praß 107 , Hamburg, Zeichen von Erschöpfung verraten.

Herr Dr. Heubl 108 , der Sekretär des Ausschusses, hat sich mit außerordentlich aufgeschlossenem

Gesicht eine Menge Notizen gemacht. Nach Beendigung meiner Rede

sagt Schmid als Vorsitzender, daß wohl alle das Bedürfnis hätten, jetzt eine Pause zu

machen. Suhr kommt sofort zu mir und sagt: „Sie haben die Lage völlig verändert",

gestern war der Ton bayerisch-föderalistisch, heute ist er demokratisch und sozialistisch

geworden, ohne daß dabei das Föderalistische verloren ging". Jetzt kommt

auch Drexelius und sagt: „Das war eine Sache".

In der Pause bekümmere ich mich um niemand. Es bilden sich aber überall Gruppen.

Schließlich steht die ganze CDU zusammen und konferiert sehr intensiv. Nach der

Wiedereröffnung der Sitzung meldet sich Dr. Süsterhenn 109 , der sich schon in diesem

Augenblick als der Klügste von allen erweist, weil er Pfeiffer an politischer und juristischer

Bildung überlegen ist und die diplomatische Geschicklichkeit Pfeiffers in der

Taktik durch den guten „Köll'sche Witz" kompensiert. Er schlägt Eintritt in die Einzelberatung

vor. Dies geschieht, sie kommt jedoch erst nach der Mittagspause in Fluß.

In der Einzeldebatte überragen Süsterhenn, Baade, Suhr und ich das allgemeine

Niveau. Am Ende des Tages sind alle so erschöpft, daß Pfeiffer die ehrliche Überzeugung

aller ausspricht, als er am Schlusse der Sitzung erklärt, die außerordentlich konzentrierte

Form meiner Rede und der Debatte habe den „Verfassungskonvent" auf ei-

104

Bucher, S. XXIV, schreibt über die Tätigkeit von Drexelius während der nationalsozialistischen

Herrschaft: „Er arbeitete als Rechtsanwalt und verteidigte vornehmlich junge Parteifreunde in

Strafverfahren."

105

Josef Schwalber (1902-1968), CSU, Mitglied des Verfassungspolitischen Ausschusses der CDU/

CSU, Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Bevollmächtigter Bayerns in Herrenchiemsee.

106

Claus Leusser, Leiter der Rechts- und Verfassungsabteilung in der bayerischen Staatskanzlei.

107

Johannes Praß, Regierungsrat in Hamburg.

108

Franz Heubl, CSU, Sekretär des Verfassungskonvents, 1962-1978 Bayerischer Staatsminister für

Bundesangelegenheiten; seitdem Präsident des Bayerischen Landtages.

109

Adolf Süsterhenn (1905-1974), CDU, Justiz- und Kultusminister in Rheinland-Pfalz, Bevollmäch­

tigter dieses Landes in Herrenchiemsee.

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