VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

(lutherischen) eigenen Standorts unermüdlich

bereit war, der ganzen Kirche zu dienen,

sich nahezu an jeden Tisch zu setzen

und mit Freund und Feind zu verhandeln,

gibt das edierte und zu edierende Schriftgut

in großer Breite wieder, wie die Kirchenführer

der verschiedenen Lager in Euphorie

und Resignation um die „Verantwortung

für die Kirche" rangen und wie sie

sich unter den gegebenen Umständen im

Gespräch mit Repräsentanten von Staat

und NSDAP bemühten, um Verständnis

für das Proprium der Kirche zu werben (im

bereits vorliegenden 1. Band etwa mit Adolf

Hitler, Wilhelm Frick, Franz Pfeffer von

Salomon).

In mehr oder minder ausführlichen

Notizen bis hin zu wörtlichen Redebeiträgen

ist festgehalten, was in regulär bestehenden

und neu konstituierten Körperschaften,

kurzlebigen Ausschüssen mit

noch kurzlebigeren Unterausschüssen, adhoc

zusammengerufenen, situationsbedingt

sich etablierenden und auseinanderdriftenden

Gesprächsrunden verhandelt

wurde. Manche der dokumentierten Gremien

und Kontakte, aber auch verschiedene

Personen kommen durch die Edition

erstmals ins Blickfeld der zeitgeschichtlichen

Forschung 2 . Nicht zuletzt erhält auch

Meisers persönliche Lebensleistung schärfere

Konturen als bisher.

Meiser hat als engagierter Insider über

Jahrzehnte, oft unter schwierigen Umständen,

den Meinungsbildungsprozeß innerhalb

seines Aktionsfeldes mit dem Stift festgehalten.

Seine Texte werden vollständig

publiziert, so wie sie in den Wachstuchheften

mit gelegentlichen Einlagen (bis 1938)

und auf losen Bögen hinterlassen worden

sind. Die Aufzeichnungen, teils in Gabelsberger

Stenographie, teils in einer Mischung

aus lateinischer und deutscher

2 Zum Forschungsstand der evangelischen Zeitgeschichte

vgl. die Einleitung von Band 1,

S. XIX.

Notizen 625

Langschrift, mit zahlreichen, auch ganz

persönlichen, Kürzeln und Abkürzungen

niedergeschrieben, spiegeln deutlich ihren

Entstehungsprozeß wider: Meiser schrieb

häufig, aber nicht immer mit, wenn er anwesend

war; er notierte vielfach Daten und

Gesprächsteilnehmer, aber unvollständig

und nicht regelmäßig; er benannte Gremien

dem Zeitgebrauch entsprechend oder

gar nicht; er verhörte sich oder konnte mit

dem Tempo der oft dramatischen Verhandlungen

nicht mithalten; er machte Unterbrechungen

nicht deutlich und hörte auf zu

schreiben, wenn er eigene Voten vorbereitete

- die er selten genug skizzierte.

Eine derartige Feststellung beabsichtigt

nicht im geringsten, den Wert der Überlieferung

zu schmälern; sie will nur darauf

hinweisen, daß es verhältnismäßig aufwendiger

editorischer Aufbereitung und Kommentierung

bedarf, damit sie die Aussagekraft

bekommt, von der oben die Rede ist.

Erst in mehreren Phasen - von der Neuübertragung

und Revision der Texte 3 bis zu

ihrer endgültigen Drucklegung - gelingt

es, Personen zu identifizieren, Datierungen

richtigzustellen, Bezeichnungen für

Gremien festzulegen und inhaltliche Zusammenhänge

aufzuzeigen. Da die gedruckte

Literatur in vielen Fällen dafür wenig

hergibt, werden - sofern vorhanden -

Aktenstücke, überwiegend aus kirchlichen

Archiven, als „Gegenüberlieferung" für

den Kommentar herangezogen. Alle diese

Stücke sind noch einmal gesondert nachgewiesen,

so daß die Edition gleichzeitig eine

Vielfalt weiterer neuer Quellen für die Forschung

dokumentiert.

Hannelore Braun

3 Für diese Edition wurden auch alle Texte revidiert,

die der bayerische Pfarrer Ernst Henn in

den 60er Jahren übertragen hatte. Sein Maschinenskript

wurde in der älteren Literatur

gelegentlich herangezogen und - etwas mißverständlich

- als „Sitzungstagebücher" oder

„Tagebücher" Meisers bezeichnet.

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