VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ifzmuenchen

VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

626 Notizen

SYMPOSION ZUR ROLLE DER FLÜCHTLINGE

UND VERTRIEBENEN IN DER WESTDEUTSCHEN

NACHKRIEGSGESCHICHTE IN GÖTTINGEN

Nach einer längeren Stagnation der

Flüchtlingsforschung seit Anfang der 60er

Jahre ist in letzter Zeit, nicht zuletzt angeregt

von Fragestellungen aus der Lokal-,

Regional- und Alltagsgeschichtsforschung

sowie von neuen methodologischen Zugriffen

wie der Oral History, das Interesse

an der Geschichte von Flucht und Vertreibung

deutscher Bevölkerungsgruppen aus

ihrer Heimat in Mittel-, Ost- und Südosteuropa

nach dem Zweiten Weltkrieg sowie

vor allem an den Prozessen der Aufnahme

und Seßhaftwerdung dieser Bevölkerungsgruppen

in den Westzonen bzw. der Bundesrepublik

Deutschland wieder gewachsen

und hat bereits erste repräsentable

Untersuchungen hervorgebracht. Um der

sich anbahnenden produktiven Neuorientierung

der Flüchtlingsforschung einen entsprechenden

Schub zu geben und um vor

einem solchen generellen Neueinstieg in

die wissenschaftliche Bearbeitung eines

Themenbereichs, der lange politisch belastet

und auch instrumentalisiert war und

von dem bis heute noch Verunsicherungen,

Irritationen und Verletzungen ausgehen,

übergreifende Forschungskonzepte und

Forschungsstrategien gründlich zu diskutieren,

fand vom 16. bis 18. Juni 1986 in

Göttingen ein vom Arbeitskreis „Geschichte

des Landes Niedersachsen (nach 1945)"

veranstaltetes Symposion zur Rolle der

Flüchtlinge und Vertriebenen in der westdeutschen

Nachkriegsgeschichte statt. An

dieser Arbeitstagung unter der Leitung von

Helga Grebing (Göttingen) nahmen rund

50 Wissenschaftler aus den verschiedensten

Fachdisziplinen teil: Historiker, Sozial-,

Politik- und Wirtschaftswissenschaftler,

Volkskundler, Agarsoziologen, Demographen,

Statistiker sowie Archivare.

In ihrem Einführungsvortrag führte Helga

Grebing aus, daß das Ziel des Symposions

nicht die nochmalige Austragung älterer

wissenschaftlich-politischer Kontroversen

über historische Ursachen und Wirkungszusammenhänge

von Flucht und

Vertreibung der Deutschen nach 1945,

sondern vielmehr der „gemeinsame Aufbruch

zu neuen Ufern" sei. Dazu gehöre es

allerdings, sowohl zu akzeptieren, daß

Flucht und Vertreibung durch die nationalsozialistische

Gewaltherrschaft über große

Teile Europas verursacht worden seien, als

auch anzuerkennen, daß es sich bei dem

Schicksal der deutschen Flüchtlinge und

Vertriebenen um eine zum Teil bis heute

andauernde Leidensgeschichte handele. In

diesem Sinne solle, ausgehend von einer

Bilanzierung des Ertrages der bisherigen

Flüchtlingsforschung, die Formulierung

von weiterführenden Fragestellungen sowie

die Entwicklung von übergreifenden

Arbeitsperspektiven im Mittelpunkt der Tagung

stehen.

Die Vertreter der verschiedenen Fachdisziplinen

zeigten in ihren Referaten vor

allem Defizite und die sieh daraus ergebenden

Desiderate für die zukünftige Flüchtlingsforschung

auf. So wies Hermann Bausinger

(Tübingen) darauf hin, daß die

Volkskunde die Flüchtlinge und Vertriebenen

überwiegend als Materiallieferanten

für die Sammlung und Dokumentation al-

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine