VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ter Traditionen und Kulturgüter unter dem

Motto „ehe sie verklingen" benutzt habe;

Fragen des Einlebens und der Akkulturation

seien demgegenüber bislang viel zu

wenig in den Blick genommen worden. Als

Forschungsperspektive aus der Sicht seines

Faches schlug Hermann Bausinger vor,

Flucht und Vertreibung sowie ihre Folgewirkungen

für die Gesellschaft der Bundesrepublik

in den weiteren Zusammenhang

der Migrationsforschung zu stellen „mit einem

spezifisch kulturwissenschaftlichen

Zugang zu der Migrationsgeschichte". Außerdem

müßten die zweite und dritte Generation

in die Untersuchungen miteinbezogen

werden, um zu Aussagen über

längerfristige Wandlungsprozesse bei

Orientierungs- und Identitätsmustern,

Normen und Verhaltensweisen von Einheimischen

und von Zugewanderten kommen

zu können. Ergänzt wurden diese Ausführungen

durch den Hinweis, daß im Hinblick

auf die politische Kultur der Bundesrepublik

Deutschland auch die Erforschung

der zeitgenössischen Selbstdeutung,

d.h. der Erkenntnis und der Verarbeitung

der eigenen neuen und fremden

Situation unmittelbar nach Flucht oder

Vertreibung, Aufmerksamkeit verdiene;

hierzu seien entsprechende Ansätze der

Mentalitätsforschung nutzbar zu machen.

In eine ähnliche Richtung gingen die

Vorstellungen der Vertreter der osteuropäischen

Geschichte. Hartmut Boockmann

(Göttingen) umriß die Bedeutung der Vorgeschichte

der Flüchtlinge und Vertriebenen,

ihres ,Vorlebens' in der alten Heimat,

für die Prozesse der Aufnahme und der

Seßhaftwerdung im Westen, deren Bewältigung

unterschiedlich verlaufen sei je nach

den Traditionslinien der Herkunftsgebiete

und den sich daraus ergebenden Prägungen

und Prädispositionen der geflüchteten

bzw. vertriebenen Bevölkerungsgruppen.

Hans Lemberg (Marburg) verwies in diesem

Zusammenhang auf die Rolle der ,Ge­

Notizen 627

sinnungsgemeinschaften' als Traditionsträger

und -bewahrer und machte gleichzeitig

darauf aufmerksam, daß der Verlauf der

Seßhaftwerdung in der Bundesrepublik

maßgeblich auch davon abhängig gewesen

sei, ob in den Aufnahmegebieten gleiche

oder gleichartige Institutionen bzw. Organisationen

wie in der Heimat vorhanden

waren. Allgemein wurde betont, daß es gelte,

die jeweilige individuelle und kollektive

Situation vor Flucht und Vertreibung stärker

als bisher mit der nach der Ankunft im

Westen zu verknüpfen.

Die Bedeutung der Verwaltungsgeschichte

für die Flüchtlingsforschung zeigte

Thomas Ellwein (Konstanz) in seinem

Beitrag auf, wobei er vier Dimensionen der

Betrachtungsweise unterschied: die Dimension

der Notwendigkeit, der Politik,

der Verwaltung sowie der Betroffenen und

ihres sozialen Umfeldes. Die Flüchtlinge

und Vertriebenen seien mit ihrer Ankunft

zuallererst einmal ein Problem und eine

Herausforderung für die lokalen und regionalen

Verwaltungen gewesen; die Politik,

d. h. die jeweilige Landesregierung, habe

deutlich langsamer als die Verwaltungen

reagiert bzw. diese zum Teil zunächst sogar

zu bremsen versucht. Thomas Ellwein regte

die Durchführung von fallstudienartigen

Untersuchungen bezogen auf einzelne

Kreise oder auch Regierungsbezirke an,

um die spezifischen Ansätze und die Rolle

der Verwaltung bei der Lösung des Flüchtlingsproblems

herauszuarbeiten. Er resümierte,

daß der spätestens seit 1947/48

überall festzustellende Kampf der allgemeinen

Verwaltung gegen die besondere

Flüchtlingsverwaltung auch einen Kampf

der Mehrheit gegen die Minderheit widerspiegele.

Ein umfangreicher Fragenkatalog zum

Themenbereich Flüchtlinge und wirtschaftliche

Entwicklung der Westzonen

bzw. der Bundesrepublik wurde von Gerold

Ambrosius (Bremen) entworfen.

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