VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Weiterhin wurde grundsätzlich Einigkeit

darüber erzielt, daß der bislang von allen

Seiten verwandte Begriff der Integration

auf seine Brauchbarkeit hin neu überdacht

werden müsse. Peter Hüttenberger (Düsseldorf)

und Helga Grebing (Göttingen)

hoben hervor, daß Integration implizit von

dem Modell einer statischen Gesellschaft

ausgehe, in die eine neue Bevölkerungsgruppe

hineinstößt. In Wirklichkeit sei aber

auch die Gesellschaft der Westzonen nach

1945 grundsätzlichen strukturellen Veränderungsprozessen

unterworfen gewesen,

so daß sich einheimische und zugewanderte

Bevölkerung z.T. ähnlichen bzw. gleichgerichteten

Problemen und Anforderungen

gegenübergesehen hätten, die beiden

Gruppen Umwertungen und neue Normbildungen

abverlangten. Um diese Vorgänge

der Verschmelzung und der gegenseitigen

Durchdringung besser zum Ausdruck

zu bringen, schlug Peter Hüttenberger vor,

bis zur Entwicklung neuer Begrifflichkeiten

statt von Integration vielleicht eher von

amalgamatischen und osmotischen Prozessen

zu sprechen. Diese Prozesse seien zudem

von Region zu Region höchst unterschiedlich

verlaufen; eine bundesweite Angleichung

habe erst Ende der 50er und

dann vor allem im Verlauf der 60er Jahre

stattgefunden, und die Gründe hierfür

seien vor allem in der Eingliederung der

Bundesrepublik in die westliche Staatengemeinschaft

und der zunehmenden Bedeu­

Notizen 629

tung anglo-amerikanischer Einflüsse zu suchen.

Hüttenberger warnte in diesem Zusammenhang

davor, jetzt nach einer jahrelangen

Nichtbeachtung der Relevanz von

Flucht und Vertreibung für die Staatswerdung

und Ausformung der Bundesrepublik

in den umgekehrten Fehler zu verfallen

und diesen Problembereich zu überschätzen.

Das Symposion zur Rolle der Flüchtlinge

und Vertriebenen in der westdeutschen

Nachkriegsgeschichte konnte und sollte

nur erste Anstöße für einen wünschenswerten

Neueinstieg in diesen Themenbereich

geben und dabei die Ansätze der verschiedenen

Fachdisziplinen zueinander in Beziehung

setzen sowie die Vertreter dieser

Forschungszweige anregen, Probleme der

Flüchtlingsforschung zu adoptieren und in

ihre weitere Arbeit miteinzubeziehen.

Nach diesem ,Häuptlingsgespräch' gilt es

nun, die vielfältigen Anregungen zu operationalisieren,

auf ihre Tragfähigkeit zu

überprüfen und in konkrete Forschung ,vor

Ort' umzusetzen. Ein Sammelband mit den

wichtigsten Vorträgen und Diskussionsbeiträgen

ist in Vorbereitung, um das, was hier

nur in großen Linien referiert werden

konnte, möglichst umfassend zugänglich

zu machen; ein Workshop zu dieser Thematik

soll, voraussichtlich im Frühjahr

1987, folgen.

Rainer Schulze

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