VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ANTON J. GROSSMANN

FREMD- UND ZWANGSARBEITER IN BAYERN

1939-1945

1. Zur Situation der Ausländer während des Krieges

Den ausländischen Fremd- und Zwangsarbeitern, die während des Krieges in Industrie

und Landwirtschaft des Reiches tätig waren, gestand das nationalsozialistische

Regime keinerlei arbeitsrechtliche Ansprüche zu. Vom zugewiesenen Arbeitsplatz bis

hin zur abgeforderten Arbeitsstundenzahl stand kein einziger Faktor aus dem Bereich

der Leistungserfüllung zur Disposition von Individualarrangements oder von Kollektivverhandlungen.

Auch die Höhe des Leistungsentgelts unterlag dem zentralistischen

Diktat des Reichsarbeitsministers bzw. des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz

und fand eine Modifizierung durch den Arbeitgeber allenfalls dahingehend,

daß der Lohn auf betrügerische Weise geschmälert oder als Folge undurchsichtiger

Verrechnungstricks gar vollständig einbehalten wurde. Eine wohlwollendere Behandlung

als die von den Nationalsozialisten vorgeschriebene Knechtung und Isolation

der Ausländer blieb immer die Ausnahme. Im ländlichen Bayern ist jedoch eine große

Zahl von Fällen nachgewiesen, in denen die bäuerlichen Dienstherren die nationalsozialistischen

Kontrollnormen unterliefen und dem ausländischen Gesinde - zumindest

in der ohnehin kärglich bemessenen Spanne der arbeitsfreien Zeit - eine gewisse

Freizügigkeit zugestanden wissen wollten 1 .

Die penible Normierung des alltäglichen Arbeitslebens und Freizeitverhaltens sowie

die buchstäbliche Ausbeutung bis aufs Blut führten aber rasch zu individuellen

und gemeinschaftlich organisierten Kämpfen um menschenwürdige Arbeitsbedingungen.

Die Konfrontation mit dem nationalsozialistischen System auf seinen verschiedenen

lokalen und behördlichen Ebenen erfolgte durch verzweifelte Gewalttaten

Einzelner, gemeinschaftliche Auflehnung solidarischer Gruppen und den

Versuchen zum Aufbau politischer Widerstandsorganisationen im Untergrund. Am

erfolgreichsten im Sinne der Sicherung der eigenen Existenz erwies sich die differenzierte

Verweigerung durch die Erbringung der geringstmöglichen Arbeitsleistung.

Diese elementare Überlebensstrategie bewirkte zudem eine permanente Schädigung

der auf Maximalleistung der menschlichen Kapazitäten ausgelegten deutschen Wirtschaft.

Die Korrekturversuche durch die ausländische Arbeiterschaft führten ausnahmslos

' Beispiele für diese Haltung finden sich in vorangegangenen Aufsätzen des Verfassers zum Themenkreis

der ausländischen Arbeiter in Bayern während des Nationalsozialismus: Fremd- und Zwangsarbeiter

in Bayern 1939-1945, in: Klaus J. Bade (Hrsg.), Auswanderer - Wanderarbeiter - Gastarbeiter.

Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts,

Ostfildern 1984, S. 611-614; Polen und Sowjetrussen als Arbeiter in Bayern 1939-1945, in:

Archiv für Sozialgeschichte, XXIV. Bd., 1984, S. 355-397.

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