VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

484 Anton J. Grossmann

die Mehrzahl der Fremden sehnlicher als das Ende von Drangsal und Ausbeutung.

Träume von einer Entschädigung für die Zwangsarbeit begannen zu gedeihen und

vereinzelt erhob sich sogar der Ruf nach Rache.

Der Präsident des Oberlandesgerichts München berichtete im November 1943,

daß von den Ausländern „für Deutschland ungünstige Frontvorgänge mit offenem

Hohn aufgenommen" würden 10 . Nach den Beobachtungen der Gendarmerie des

Landkreises Mühldorf (Oberbayern) zeigten die französischen Zivilarbeiter 1943 ihre

Genugtuung über die alliierten Flugzeuge am Himmel am deutlichsten 11 . Zwar hatte

der Landrat von Mühldorf noch ein Jahr zuvor geglaubt, bei den französischen Rüstungsarbeitern

beiderlei Geschlechts eine antibolschewistische Stimmung ausmachen

zu können 12 , doch „verschärfte" Werbemaßnahmen innerhalb Frankreichs, die Arbeitsdienstpflicht

13 und die miserable Behandlung hatten wohl trotz der gemeinsamen

Ablehnung des Kommunismus jegliche Ansätze zu Bündnisbanden zerstört. Der

Freudenausbruch der Französin Jeannie Chochonneau über einen Luftangriff auf

München im Januar 1943 geriet allerdings so spektakulär, daß sie von der Gestapo

abgeholt wurde 14 . Die Freude der Franzosen ist verständlich, denn ihr Ziel läßt sich

am deutlichsten erkennen: baldige Heimkehr.

Hochgespannte Erwartungen knüpften einige Polen und auch Russen an die erhoffte

Niederlage Nazideutschlands. Gerüchte und Phantastereien verschmolzen zu

der Idee, die Bauernhöfe würden an die polnischen Landarbeiter übergeben und die

bayerischen Vorbesitzer nähmen die Stellung der Dienstboten ein 15 . Eine Ukrainerin

gab ihrer Bäuerin das Versprechen: „Oh, wenn jetzt die Russen kommen nach

Deutschland, ich ihnen sagen, daß du gut mit mir gewesen, daß du gleich tot gemacht

wirst, nicht vorher erst lange geschunden." 16 Der Siegeszuversicht von Angehörigen

der Feindstaaten wurde mit zunehmender Kriegsdauer auf dem Lande immer seltener

von den Einheimischen widersprochen 17 . Angst vor Rache und dem Verlust des Eigentums

breitete sich in Form einer defaitistischen Stimmung im bayerischen Bauernland

aus. Verschiedentlich gaben sich die Hofbesitzer den Ausländern gegenüber als

10

Institut für Zeitgeschichte (IfZ), MA 430/1.

11

StAM, MB LR Mühldorf, MB Gendarmerie-Posten Buchbach vom 28. Mai 1943.

12

Ebenda, MB LR, Februar 1942.

13

Siehe dazu: Hans Pfahlmann, Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in der deutschen Kriegswirtschaft

1939-1945, Darmstadt 1969, S. 38-41.

14

BayHStA, MB Regierungspräsident Oberbayern, Februar 1943. - Hämisches Lächeln bei Fliegeralarm

konnte zur Denunziation führen, erinnert sich Celina Drozdek über ihre Zwangsarbeitszeit

in Bremen, in: Hungern für Hitler. Erinnnerungen polnischer Zwangsarbeiter im Deutschen Reich

1940-1945, Hamburg 1984, S. 189.

15

Staatsarchiv Nürnberg (StAN), Weltanschauliche Lageberichte Kreis-Schulungsämter, Kreis-

Schulungsamt Eichstätt vom 1. Oktober 1943; siehe auch: BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern,

Januar 1943.

16

Staatsarchiv Neuburg (StANeu), Berichte der SD-Außenstelle Friedberg, 8. Februar 1943; siehe

auch: StAN, MB LR Hilpoltstein, 30. März 1943.

17

Ebenda, 14.November 1943.

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