VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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Anton J. Grossmann

unwilliges Verhalten 56 „grundsätzlich mit staatspolizeilichen Maßnahmen" 57 . Die

Sanktionen der Gestapo (Belehrung, Verwarnung, kurzfristige Haft in verschärfter

Form, Arbeitserziehungs- oder Konzentrationslager) richteten sich primär gegen Polen,

Ukrainer und Weißrussen, schlossen aber die Angehörigen anderer Staaten, auch

befreundeter, mit ein. Bei der Festnahme von „Vertragsbrüchigen" Bulgaren, Dänen,

Kroaten, Slowaken, Rumänen, Ungarn und Spaniern mußten weiterhin die bei der

DAF bzw. dem Reichsnährstand eingesetzten Betreuer benachrichtigt werden 58 . Da

auch die Gestapo die Erhaltung der Arbeitskraft als zentrale Aufgabe beschrieb, blieben

zahlreiche Arbeitsämter auch 1942 bei ihrer Gewohnheit, Polen, die einen Arbeitsplatz

verlassen hatten, ohne weiteres Aufsehen und vor allem ohne Einschaltung

der Gestapo an eine neue Stelle zu vermitteln. Der Erlaß des Reichsführers SS vom

19. Januar 1942 erteilte den zuständigen Stapoleitstellen deshalb auch den Auftrag,

Festnahme und Bestrafung von Polen dem ausländischen Teil der Belegschaft des Betriebes

und - auf dem Land - dem ganzen Dorf bekanntzugeben. Ohne zuviele Fragen

zu stellen, hatten die Bauern nämlich begonnen, aus den Städten weggelaufene

Polen und Sowjetrussen in ihre Dienste zu nehmen. Zur Unterbindung dieser illegalen

Arbeitskräftebeschaffung ließ der Landrat des niederbayerischen Kreises Griesbach

alle „arbeitsflüchtigen" Polen und Russen im Amtsblatt namentlich abdrucken 59 .

Aber selbst die Anwendung aller Vorsichtsmaßnahmen und die Androhung schärfster

Bestrafung konnten die Symptome nicht entfernen: Heimweh und Unzufriedenheit

mit den Lebensbedingungen. Hören wir die Gründe, die der 18jährige Eugen

Czosnek aus Zawiercie (a. d. Warthe), der für einen Wochenlohn von 28 Reichsmark

als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle der Firma Sagerer und Wörner in Niederbayern

beschäftigt war, im Januar 1942 in recht gutem Deutsch für seine „Flucht" zu Protokoll

gab: „Ich arbeite seit etwa 20 Monaten in Deutschland ... wurde mir versprochen,

daß ich, wenn es kalt wird, Urlaub bekomme. Es durften auch einige Polen in

Urlaub fahren. Es handelt sich bei diesen um Verheiratete. Wir Ledigen sollten jetzt

Urlaub bekommen. Am letzten Samstag wurde uns bekanntgegeben, daß der Urlaub

nach Polen gesperrt ist. Darauf entschloß ich mich, auf eigene Faust nach Polen zu

fahren .. ." 60 Obwohl eigentlich dem Czosnek Unrecht angetan worden war, wurde

dieser wegen „Arbeitsvertragsbruch" für 14 Tage im Landgerichtsgefängnis in Passau

in Haft genommen und dann an den alten Arbeitsplatz zurückgeführt. Czosnek ist

vermutlich geprügelt und für den Wiederholungsfall mit scharfen Strafen bedroht

worden. Ähnlich erging es zahlreichen polnischen Landarbeitern, die aber letztlich

die Rückkehr auch zu einem groben Dienstherrn einer Einweisung in ein Konzentrationslager

vorzuziehen wußten. An die Gestapo weitergereicht wurde dagegen der

56 Eine Übersicht über die verschiedenen Verstöße gegen Arbeitseinsatz mit der anzuwendenden

Sanktion, abgestuft nach Nationalität, gab die Gestapo Nürnberg in Form eines Faltblattes im Mai

1942 heraus (StAN, LRA Gunzenhausen, 3152).

57 StAN, LRA Gunzenhausen, 3152, und Erlaßsammlung, S. 9 f.

58 Pfahlmann, S. 158, Fußnote 34.

59 StA Landshut (StAL), Rep. 164/6, Nr. 1015.

60 StAL, 1011, Gendarmerie-Posten Pocking, 13. Januar 1942.

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