VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ifzmuenchen

VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 493

45jährige Bäcker und Landarbeiter Vinzente Fritz aus Krakau, der nach zweieinhalbjährigem

Arbeitseinsatz seine kranke Frau besuchen wollte und im Kreis Gunzenhausen

aufgegriffen wurde 61 . Die verschärften Strafmaße des Jahres 1942 bekam auch ein

anderer Pole zu spüren, der im November wegen „Arbeitsvertragsbruchs" vom Sondergericht

Bayreuth zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde 62 .

Wesentlich rigoroser noch als bei den Polen wurde bei den 1942 vermehrt eintreffenden

Sowjetrussen der Arbeitszwang durchgesetzt, da diese ohnehin als Kriegsgefangene

galten. Die Gestapo definierte das unerlaubte Verlassen eines zugeteilten Arbeitsplatzes

durch einen Russen als „Fluchtversuch", der sofortige Fahndungsmaßnahmen

der örtlichen Gendarmerie „wie bei einem Verbrecher" erforderlich mache:

„Sowjetrussische Arbeitskräfte, die ohne Aufsicht angetroffen werden und der Flucht

verdächtig sind, sind festzunehmen und in jedem Fall... der Geheimen Staatspolizei

zuzuführen." 63 Sobald die sowjetischen Arbeiter in die Fänge der Gestapo geraten

waren, erfolgte in der Regel Einweisung in ein Konzentrationslager und erbarmungslose

Ausbeutung durch das Wirtschaftsimperium der SS. Aus diesem Grund ließ sich

die Gestapo im Falle der Russen ihr Strafverfolgungsmonopol nicht streitig machen

und sicherte sich - teils mit Hilfe der NSDAP-Hoheitsträger - das alleinige Zugriffsrecht.

Davon wußten die vier Russen vermutlich nichts, die im Juli 1942 unter dem Zaun

des Barackenlagers der Vereinigten Metallwerke in Aschaffenburg (Unterfranken)

durchkrochen, um auf einem Bauernhof zumindest ausreichend Essen für ihre Arbeit

zu bekommen. Die Vier

- Vladimir Skorik, 17 Jahre, aus Kiew, Landarbeiter

- Iwan Borodin, 21 Jahre, aus Usinskoi, Landarbeiter

- Petro Osadschi, 19 Jahre, aus Nastaschlia, Landarbeiter

- Paul Szabo, 17 Jahre, aus Tekeschuidka, Landarbeiter

hatten es nur einen Monat in der Fabrik ausgehalten, da sie des Metallhandwerks unkundig

waren 64 und deshalb Akkordleistungen nicht erbringen konnten. Die vier

Russen kamen in einem Güterzug immerhin bis in das mittelfränkische Gunzenhausen,

wo sie von der Bahnpolizei festgenommen wurden. Ihre Spur verliert sich im

Sammeltransport zur Gestapo nach Nürnberg 65 .

Öfter wurden 1942 von Polizei- oder NSDAP-Streifen Russen und auch Ukrainer

aufgegriffen, die verzweifelt und orientierungslos umherirrten, da sich die wenigsten

verständigen konnten. Der 16jährige Sergej Schutenko aus Kiew erklärte einem Dol-

61

StAN, LRA Gunzenhausen, 3152, Gendarmerie-Posten Döckingen, 5. September 1942.

62

StAB, MB LR Ebermannstadt, 2. November 1942.

63

StAN LRA Gunzenhausen, 3152, Gestapo-Nürnberg, 11. April 1942.

64

Die Zuteilung ungewohnter Arbeit findet sich sehr häufig als Ursache für das Verlassen des Arbeitsplatzes.

Siehe auch das Schicksal eines sechzehnjährigen Jungen aus Kiew (StAN, LRA Gunzenhausen,

3152, Schutzpolizei Gunzenhausen, 14.Mai 1942).

65

StAN, LRA Gunzenhausen, 3152. Auf ähnliche Weise verschwanden vier Russen in den Lagern der

SS, die aus der Eisengießerei Hofmann im unterfränkischen Windsheim weggelaufen waren (StAN,

MB Gendarmerie-Posten und Bürgermeister Uffenheim, 27. Oktober 1942).

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine