VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 495

4. Die Flucht vom Arbeitsplatz als Massenphänomen

Viele der ausländischen Arbeiter ließen sich selbst durch die Androhung solch extremer

Zwangsmaßnahmen nicht mehr widerstandslos dem nationalsozialistischen Reglement

unterwerfen und durchbrachen insbesondere das Aufenthaltsgebot an Arbeitsplatz

und -ort. Die Fluchtbewegungen nahmen in der zweiten Hälfte des Jahres

1942 epidemischen Charakter an. Aus den Lagern der Augsburger Messerschmittwerke

verschwanden die Russen ebenso schnell wie aus den Nürnberger Rüstungsbetrieben,

wo im Juni 1942 ca. 400 abgängig waren 71 . Der Leichtbauplattenfabrik Reichenberger

in Piding (Landkreis Berchtesgaden) lief die Belegschaft geschlossen

davon, wurde aber in der näheren Umgebung wieder aufgegriffen und zumindest

vorübergehend wieder an den alten Arbeitsplatz zurückgebracht 72 .

Das Fluktuationspotential an Ausländern, die ungebunden über Land zogen, nahm

zeitweise beachtliche Ausmaße an. Zwischen dem 12. Juli und dem 26. September

1942 nahm die Schutzpolizei eines mittelfränkischen Landkreises 15 Russen ohne Arbeitspapiere

fest. Im oberbayerischen Amtsgerichtsgefängnis Rosenheim saßen

„durchschnittlich" 20 Ukrainer in Haft, und die Gendarmerie von Ampfing (Landkreis

Mühldorf) verhaftete allein im Juli 1942 18 „vagabundisierende" Ukrainer 73 .

Diesen „Abwanderungstrieb" suchte die Stapoleitstelle Nürnberg zumindest auf regionaler

Ebene einzudämmen, indem die Landräte ihres Zuständigkeitsbereichs aufgefordert

wurden, alle wegen „Flucht" festgenommenen Russen ohne Ausnahme in

das Notgefängnis Nürnberg, das den bezeichnenden Namen „Russenwiese" trug, zu

verschicken 74 . Dieses Gefängnis bildete den Ausgangspunkt für die jahrelange Verschleppung

in Konzentrationslager.

Die Mobilität der ausländischen Fremd- und Zwangsarbeiter konnte auch 1943

weder in der Stadt noch auf dem Land gezügelt werden. Allein die Kriminalpolizei

München griff im Berichtsmonat August 849 Ausländer auf, die ihren Arbeitsplatz

unerlaubt verlassen hatten. Im September war deren Zahl sogar auf 1421 angestiegen

75 . Einen guten Einblick in das Maß der Widersetzlichkeit und die Aufbruchsstimmung

gibt der Monatsbericht des Gendarmerie-Postens Ampfing (Landkreis Mühldorf)

vom Mai 1943, der aufzählt: „... 4 ukrainische Arbeiterinnen, diese konnten

ergriffen und auf ihre Arbeitsplätze zurückgeführt werden. 1 russische Arbeiterin,

diese konnte nicht ergriffen werden. 1 ehemaliger russischer Kriegsgefangener ukrainischer

Nationalität, auch dieser konnte nicht ergriffen werden. 1 ukr. Landarbeiter

wurde wegen ungebührlichen Verhaltens dem Arbeitgeber gegenüber 3 Tage bei Wasser

und Brot in den hiesigen Gemeindearrest gesperrt.

3 ukr. Landarbeiter, die in der Umgebung von Obing, LK. Traunstein, ihren Arbeitge-

71

BA/MA, KTB Rüstungskommando Würzburg, Besprechung vom 20. Juni 1942.

72

StAM, MB LR Berchtesgaden, November 1942.

73

BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern, August 1942.

74

StAN, LRA Gunzenhausen, 3152, Stapoleitstelle Nürnberg, 13. November 1942.

75

BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern, September/Oktober 1943. Zum Zahlenmaterial für den

Landkreis Traunstein siehe ebenda, Januar 1943.

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