VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 497

wurde, solidarisierten sich die zwölf Franzosen, die ebenfalls bei Hofmann beschäftigt

waren, und traten in Streik. Die anschließenden Vorgänge spielten sich wie folgt

ab: „Durch Heranziehung von drei Männern der Schutzpolizei Windsheim nahmen

die französischen Zivilarbeiter unter Androhung der Schußwaffe ihre Arbeit wieder

auf. Wegen Dringlichkeit der vorliegenden Rüstungsaufträge wurde auf Bitten des

Betriebsführers von einer Festnahme abgesehen. Im weiteren verlief ihre Arbeit reibungslos."

79 Ungünstige Erfahrungen mußte die Reichsbahndirektion München mit

den holländischen Fremdarbeitern machen. Von ursprünglich 800 Mann blieben nur

375. Der Rest war „abgehauen oder vom Urlaub nicht zurückgekehrt" 80 .

Ansonsten konnten von allen Ausländern am ehesten noch die Dänen durch die engen

Maschen des nationalsozialistischen Sicherheits- und Terrorapparates schlüpfen,

da sie auf Intervention des Auswärtigen Amtes ab 17. Juli 1943 von allen staatspolizeilichen

Maßnahmen verschont blieben 81 . Franzosen (ab 30. November 1943), Belgier

und Niederländer (ab 6. März 1944) unterlagen jedoch bei unbefugter Heimreise der

zwangsweisen Rückführung an den Arbeitsplatz in Deutschland und wurden zur

Fahndung ausgeschrieben 82 . Der Präsident des Oberlandesgerichts München argwöhnte

in dieser Vorgehensweise eine Tendenz zur Straflosigkeit und damit implizit

eine Benachteiligung der deutschen Arbeiter, gegen die bei „Arbeitsuntreue" strafrechtlich

vorgegangen werde 83 .

Drastisch verschlechtert hatte sich die Situation der Italiener im Reich. Nach den

Vorgängen des Sommers 1943 galt Italien nicht mehr als befreundeter Staat, und die

freiwillig nach Deutschland gekommenen Arbeitskräfte firmierten als Militärinternierte.

Diese Zivilgefangenen, deren Arbeitsleistung von den meisten Arbeitgebern

abschätzig beurteilt wurde 84 , durften nach dem 27. Juli 1943 zur Aburteilung wegen

Arbeitsvergehen entgegen den bisherigen Vereinbarungen nicht mehr nach Italien abgeschoben

werden. Am 9. September 1943 stellte der Reichsführer SS in einem Erlaß

fest, daß die Einweisung von Italienern in ein Konzentrationslager „ohne weiteres

möglich" sei 85 . In einem Wohnlager der Deutschen Sprengchemie in Kraiburg (Landkreis

Mühldorf) lebten 800 Russen, 425 Franzosen, 170 Italiener, ferner Slowaken,

Polen, Slowenen, Griechen, Bulgaren, Ungarn, Spanier, Tschechoslowaken sowie

Ukrainer - insgesamt 2500 Ausländer - auf engstem Raum zusammen. Die Italiener,

vornehmlich Sizilianer, wollten im August 1943 in ihre krisengeschüttelte Heimat zurückkehren.

Um ihre Entlassung zu erzwingen, verweigerten ca. 30 von ihnen die Arbeitsaufnahme.

Der Landrat von Mühldorf ließ in seiner Eigenschaft als Kreisob-

79

StAN, LRA Uffenheim, 661, Schutzpolizei, 28. September 1943. Über das weitere Schicksal des

Pierre Puerto liegen keine Erkenntnisse vor.

80

BA, R 41 /264, Schreiben der Zentralen Auslandsbriefprüfstelle, 10. Januar 1942.

81

Pfahlmann, S. 137.

82

Erlaßsammlung, S. 203, und Pfahlmann, S. 159, Fußnoten 38 und 39.

83

IfZ, MA 430/1, OLGPräsident an Reichsjustizminister, 31. Juli 1944.

84

BA, Reichsarbeitsministerium.

85

Hermann Graml, Italienische Gastarbeiter in Deutschland, in: Gutachten des Instituts für Zeitge­

schichte, Bd. II, Stuttgart 1966, S. 135.

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