VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

498 Anton J. Grossmann

mann der DAF vier „Rädelsführer" auf zwei Tage in verschärften Arrest nehmen 86 .

Offensichtlich eingeschüchtert von dieser ungewohnten Härte spendeten die Italiener

bei der Lagersammlung für das Winterhilfswerk 170 Reichsmark 87 . Die hysterische

Reaktion auf den Abfall Italiens legte sich aber bezüglich der Behandlung der italienischen

Fremdarbeiter. Die italienischen Militärinternierten wurden sukzessive wieder

in ein ziviles Arbeitsverhältnis versetzt.

b) Individuelle Fluchtschicksale von Arbeitern aus dem Osten

Auch das Jahr 1944 zeichnete sich durch Massenfluchten vom Arbeitsplatz aus. Vorbeugende

Maßnahmen wie ein möglichst heimatferner Einsatzort brachten keine

Besserung für die nationalsozialistischen Wirtschaftsplaner. Erleichtert wurde das

Entkommen neben der Kriegssituation im allgemeinen durch den Schlendrian bei den

Kontrollen der „Ostarbeiter"-Lager 88 . Die Behörden fühlten sich durch die massenhaft

auftretende Arbeitsunwilligkeit überfordert und das institutionelle Chaos brach

aus. Sogar die Gestapo sah sich zu Konzessionen genötigt 89 und billigte wegen der

Überbelegung der Polizeigefängnisse die Umvermittlung durch das Arbeitsamt als

Alternative zur Einweisung in das Arbeitserziehungs- bzw. Konzentrationslager. Da

der Bedarf an Arbeitskräften weiter ungedeckt war, stand im Vordergrund der Bemühungen

der Nationalsozialisten die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß.

Im Zentrum des Interesses der Ausländer stand die Überlebensfrage. Da ihr Leben

sowohl durch alliierte Bomben als auch durch nationalsozialistische Gewalt in Form

von Ausbeutung bedroht war, kam es in den städtischen Industriezentren bei Fliegeralarm

zu panikartigen Absetzbewegungen ganzer Belegschaften. Allein im Wehrkreis

XIII (Nürnberg) wurden im Monat Februar 1945 wegen Arbeitsniederlegung

festgenommen: 57 Deutsche, 302 „Ostarbeiter", 377 Polen, 143 Franzosen, 87 „Protektoratsangehörige"

und 42 Südosteuropäer. Weitere 288 ausländische Arbeiter listete

die Kriegsfahndung auf 90 . Hierbei handelte es sich nur um die aktenkundigen

„Fronflüchter". Einige der - zumindest vorübergehend - Entkommenen sollen anhand

ihrer dürftigen Biographie vorgestellt werden 91 :

- Andreas Worobjew, Russe, 18 Jahre

86 StAM, MB LR, September 1943.

87 BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern, September 1943.

88 „Kontrollen der Ostarbeiterlager haben gezeigt, daß ein Teil der Lagerführer und der Bewachungsmänner

die Überwachung der Lager sehr nachlässig durchführt. So wurde von mehreren Wachmännern

gemeldet, daß alle Arbeitskräfte im Lager anwesend seien, dabei stellte sich jedoch heraus, daß

dies nicht der Fall war und daß einige Lagerinsassen fehlten. In einem anderen Ostarbeiterlager wurden

3 Fremdvölkische eines anderen Lagers angetroffen. In einem weiteren Lager war der deutsche

Bewachungsposten überhaupt nicht anwesend; die Ostarbeiter waren sich selbst überlassen" (Geheime

Staatspolizei, Staatspolizeistelle Nürnberg/Fürth vom 22. März 1944, StAN, LRA Gunzenhausen,

3152).

89 Runderlaß des Reichsführers SS vom 21. Februar 1944, in: Erlaßsammlung, S.202.

90 BayHStA, NSDAP, Der Höhere SS- und Polizeiführer im Wehrkreis XIII, 15.März 1945.

91 Alle Beispiele stammen aus der Aktenüberlieferung des mittelfränkischen Landkreises Gunzenhau-

sen (StAN, LRA Gunzenhausen, 3153).

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