VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

500 Anton J. Grossmann

Ob alle Details dieser vor deutschen Vernehmungsbeamten vorgetragenen Lebensgeschichten

der Wahrheit entsprechen, muß allerdings bezweifelt werden. Einige Varianten

(antikommunistische Vergangenheit, zufälliges Versäumen des Sammeltransports)

tauchen schon fast routinemäßig in den Akten auf und dienten wohl zur

Verschleierung des unerlaubten Verlassens eines Arbeitsplatzes. Sehr häufig legten

sich die Flüchtenden auch falsche Namen zu oder trugen gefälschte Ausweise bzw.

Urlaubsscheine bei sich 92 . Eine zweifelsfreie Identifikation erwies sich für die Behörden

als nahezu unmöglich, und nach gelungener Flucht aus einem Industriebetrieb

konnte dann zumindest die eine bessere Ernährung versprechende Stellung auf einem

Bauernhof angetreten werden.

Das Rüstungskommando Würzburg konnte 1944 in Mainfranken den „Schwund"

der ausländischen Arbeitskräfte trotz Verbesserungen auf dem Bewachungssektor

und der Bereitstellung von eigenen Bunkern nicht abschwächen. Der Regierungspräsident

suchte die Lösung des Problems von der entgegengesetzten Seite anzugehen

und erließ eine Anordnung: „... an sämtliche Gemeinden für Anschlag am schwarzen

Brett bzw. Ausschellen, daß das Beschäftigen und Zurückhalten von nicht durch das

Arbeitsamt zugewiesenen ausländischen Arbeitskräften mit Freiheitsstrafen geahndet

wird. Die Bürgermeister und Ortsbauernführer werden besonders verwarnt." 93

Bei Luftangriffen dachten die Ausländer nicht zuerst an Plünderung - wie das

Reichssicherheitshauptamt annahm -, sondern ans Überleben. Dem Selbsterhaltungstrieb

folgend, verließen die Fremden in Scharen die gefährdeten Städte und Rüstungsbetriebe.

Und die Bauern nahmen die Geflohenen gerne als Dienstboten auf.

Als ein Bauer in Hetzelsdorf (Landkreis Ebermannstadt) trotz der Fürsprache des

Bürgermeisters seine zwei russischen Landarbeiter von der Gestapo nicht zurückerhielt,

schloß der Gendarmeriebericht mit folgenden Betrachtungen: „Das wird künftig

zur Folge haben, daß die Arbeitgeber ihre Klagen über die Fremdländischen nicht

mehr vorzubringen wagen, was sich wieder dahin auswirken wird, daß die Ausländer

in ihrer Frechheit und in ihrem Ungehorsam neu bestärkt werden." 94 Der nationalsozialistische

Menschenfang war nach atemberaubender Beschleunigung wieder auf die

Ausgangsposition der Jahre 1939/40 zurückgekehrt. Die größenwahnsinnigen Träume

begannen zu verfliegen; Deutsche und ausländische Arbeiter horteten ihre individuellen

Ressourcen für die Zeit danach.

92 Beispielsweise der 43jährige Tschechoslowake Karl Ira, der bei einer Zugrazzia festgenommen wurde.

Da Ira mehrere Ledertreibriemen und Kugellager mit sich führte, wurde er dem Sondergericht

übergeben (BayHStA, NSDAP 84).

BA/MA, KTB Rüstungskommando Würzburg, Bericht über die Sitzung beim Reichsverteidigungskommissar

Mainfranken, 16. Mai 1944.

94 StAB, MB LR Ebermannstadt, Gendarmerie-Posten Ebermannstadt, 26. Juni 1944.

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