VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 505

tion eine Hausdurchsuchung, die Osinski anhand der aufgefundenen Flugblätter und

Bilder als glühenden Patrioten und Anhänger der polnischen Exilregierung auswies 120 .

Ganz ähnlich wie Osinski argumentierte auch der Russe Wassili Kaseew, der aber für

Aktionen plädierte: „Sei nicht so dumm und arbeite für Deutschland gut. Sehe dich

bei deinem Bauern nach Waffen und Munition um. Wenn wir Waffen haben, sind wir

stark. Gehe mit mir und wir bilden eine Bande. Bei großem Fliegeralarm werden wir

dann die Fabrik kaputt machen und flüchten." 121 Den bei der Deutschen Sprengchemie

in Kraiburg beschäftigten Kaseew holte die Gestapo ab.

Die kommunistische Agitation mündete im letzten Lebensjahr des Dritten Reiches

häufiger im Aufruf zur Subversion; die tatsächliche Organisation illegaler Zirkel blieb

aber die Ausnahme. Getragen wurde diese kämpferische Variante der ideologischen

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von der Minderheit einiger osteuropäischer

Ärzte, die gezielt zu diesem Zweck ins Reich gekommen oder hierher verschlagen

worden waren. Es dürfte allerdings den Kern der Sache treffen, wenn die

Gestapo in seltener Klarsicht die aktiven Kommunisten unter diesen Ärzten als „intellektuelle

Rückversicherer" bezeichnete 122 . Eine Ausnahme von dieser Regel stellte sicher

der 37jährige „Ostarzt" Nicitin aus Riga dar, den die Gestapo Würzburg als

„überzeugten Marxisten und Kommunisten" charakterisierte, „ der nur die Ziele des

Bolschewismus im Auge hat" 123 . Nicitin war im Juni 1942 nach Deutschland gekommen

und hatte nach einer kurzen Phase als Industriearbeiter eine Beschäftigung als

„Ostarzt" bei der DAF-Kreiswaltung Aschaffenburg (Unterfranken) übernommen.

In dieser Eigenschaft oblag ihm die ärztliche Betreuung aller in der weiteren Umgebung

eingesetzten und in Gemeinschaftslagern untergebrachten Russen. Nicitin

nutzte seine Position, in Zusammenarbeit mit mindestens einem deutschen Kommunisten,

erfolgreich zum Aufbau konspirativer Zirkel. „Der Ostarzt Dr. Nicitin wurde

wegen versuchter Bildung von Widerstandsgruppen und Vorbereitung zum bewaffneten

Aufstand gemäß Anordnung des RSHA am 28. November 1944 exekutiert."

b) Die „Fünfte Kolonne" der Alliierten

Den latenten oder offenkundigen Antagonismus zwischen Reichsdeutschen und Ausländern

suchten die Alliierten im Verbund mit Exilregierungen durch Radiosendungen

sowie Flugblätter, in denen zur Sabotage oder zumindest zur Arbeitsniederlegung

aufgerufen wurde, weiter zu schüren. Bis zu welchem Maße sich die Fremdund

Zwangsarbeiter durch die alliierten Medien überhaupt beeinflussen oder gar zu

Sabotageakten „fernlenken" ließen, wird wohl eine offene Frage bleiben. Trotz minutiöser

Anweisungen in allen gängigen Sprachen 124 für die effiziente Anwendung der

abgeworfenen Sabotagemittel (Hochspannungsstörgeräte, Brandsäcke und Brandfla-

120

StAW, Gestapo 12733.

121

StAM, MB LR Mühldorf, Gendarmerie-Posten Kraiburg, 24. November 1944.

122

IfZ, MA 442/2, Meldungen wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, Juni 1942-September 1944.

123

StAW, Gestapo 4400.

124

Henryk Grygiel weiß sogar von Flugblättern in hebräischer Sprache zu berichten, vgl. Hungern für

Hitler, S. 149.

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