VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ifzmuenchen

VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

506 Anton J. Grossmann

schen 125 ) konnte die Gestapo in Bayern nur Schäden durch Selbstentzündung feststellen.

Entscheidend war aber das Moment der Verunsicherung und das Gespenst der

„fünften Kolonne" auf deutschem Boden, das die nationalsozialistischen Sicherheitsorgane

umtrieb.

Nachweisbarer Beliebtheit erfreuten sich die Radiosendungen des jeweiligen nationalen

Widerstands, wohl nicht zuletzt deshalb, weil diese meist in der Muttersprache

ausgestrahlt wurden und damit die sprachliche Isoliertheit zu durchbrechen halfen.

Die Inhalte dieser Sendungen gaben zu angeregten Diskussionen Anlaß und wurden

„brockenweise" auch an deutsche Arbeitskollegen weitergegeben. Die Ausländer besaßen

aber in den seltensten Fällen ein eigenes Radiogerät und benötigten deshalb die

Unterstützung eines Deutschen 126 . Im oberbayerischen Weiler Reit (Landkreis Ebersberg)

erlaubte der Bauer Daniel Wurth sechs polnischen Dienstboten, die Sendungen

des polnischen Exils aus Paris und Toulouse in seiner Stube zu hören. Wegen eines

Verstoßes gegen die Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen vom

1. Januar 1939 holte die Gestapo aus München Anfang 1940 sowohl den Bauern als

auch die Polen ab 127 .

Die Zuhörerschaft für Sendungen in deutscher Sprache des alliierten „Soldatensenders

West", vereinigt mit dem „Kurzwellensender Atlantik", dürfte Ende September

1944 unter den Ausländern recht gering gewesen sein. Ungehört verhallten vermutlich

folgende Instruktionen: „Die organisierten Truppen, die von den ausländischen

Arbeitern in Deutschland gebildet wurden, müssen jetzt zur Aktion übergehen.

Sie müssen die von ihnen gebrachten Pläne durchführen. Die Mitglieder dieser Gruppen

müssen jedoch unorganisierten Widerstand vermeiden, ebenso nutzlose Provokationen

der Gestapo." 128

Da die Hauptlast der Flugblätter von den alliierten Flugzeugen über den west- und

norddeutschen Großstädten ausgeladen wurde, erreichte nur vom Winde verwehtes

Streugut die bayerischen Lande. In den durchgesehenen Aktenbeständen fand sich

kein einziges Specimen 129 , aber der Präsident des Oberlandesgerichts Bamberg be-

125

„Diese Brandflaschen sind etwa 16 cm hoch, haben einen Durchmesser von ungefähr 6,5 cm und

sind mit 3 verschiedenfarbigen Flüssigkeiten, die sich bei Zufuhr von Sauerstoff sofort entzünden,

gefüllt. Jede Brandflasche ist in eine Blechkapsel eingeschlossen und hat auf den Flaschenhals eine

Blechröhre aufgesetzt, an der sich eine mit einer Rille versehene Metallkugel befindet. In der Rille

ist eine Schnur und an dieser ein ungefähr 40 cm langer und 5 cm breiter Stoffstreifen befestigt"

(IfZ, MA 442/2, Meldungen wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse).

126

Eine Ausnahme dürfte der Lagerführer in Aschau (Landkreis Mühldorf) gewesen sein, der zufällig

einen ausländischen Sender hörte und gleich das gesamte Lager aufschaltete (StAM, MB LR, Gendarmerie-Posten,

28. Mai 1943).

127

StAM, LRA 67183, LR Ebersberg, 29. Januar- 9. Februar 1940. Vgl. auch die Festnahme des Polen

Valenty Lispoki im Mai 1941 (StAM, LRA 54951).

128

IfZ, MA 442/2, Meldungen wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse, Sonderbeilage zu Nr. 5 vom

29. September 1944: Feindsabotage im Reich unter Heranziehung ausländischer Arbeiter und Abwurf

von Sabotagemitteln durch Feindflugzeuge.

129

Abgedruckte Flugblätter finden sich in: Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945,

Stadtarchiv Dortmund 1981, S. 195.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine