VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 507

richtete am 30. April 1940 seinem Reichsjustizminister, daß Flugblätter in polnischer

Sprache über der oberfränkischen Metropole abgeworfen wurden 130 . Bessere Informationen

liegen über den alliierten Einsatz von Sabotagemitteln vor. Nach einer Aufstellung

der Gestapo sind bis zum Herbst 1944 nur zweimal Brandsätze in Bayern abgesetzt

worden: am 13./14.August 1942 in Regensburg (Oberpfalz) und am

25. September 1944 in Aschaffenburg (Unterfranken). „Sabotageakte mit den neuartigen

Brandstiftungsmitteln sind nicht gemeldet worden." 131 Die von den Alliierten

geplante konzertierte Aktion hatte in Bayern nicht in dem vom Sender „Atlantik"

propagierten Sinne gegriffen: „Die neuen Dinger, die der Feind heute über der Heimat

abgeschmissen hat, diese Feueranzünder für die Fremdarbeiter, die werden wohl

bei den zuständigen Behörden keinen Zweifel darüber lassen, was sie sich da eingebrockt

haben mit ihrer wahllosen Fremdarbeitereinfuhr ins Reich. Was sie sich da für

'ne Riesenlaus in'n Pelz gesetzt haben. 12 Millionen gutorganisierte feindliche Ausländer,

die kriegen jetzt vom Feind ganz offen schon das Werkzeug abgeworfen, mit

dem sie brandstiften gehen sollen." 132

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die menschenverachtende Instrumentalisierung

des Potentials der Ausländer durch die Alliierten. Das Ziel der Propaganda

war nicht etwa die Gewinnung von Verbündeten; die Fremd- und Zwangsarbeiter

- von denen der britische Organisationschef ohnehin keine hohe Meinung

hatte 133 - sollten als Kanonenfutter verheizt werden. Eine schiefe Informationslage

und eine völlige Überschätzung der Auswirkungen der eigenen Propagandaaktivitäten

führten auf britischer Seite zu folgender Fehleinschätzung: „Die Deutschen wurden

gegen die Fremdarbeiter mobilisiert. Plötzlich waren diese keine Freunde und

Helfer mehr, sondern wurden wie gefürchtete Feinde behandelt, wie ein ,Trojanisches

Pferd' innerhalb der Festung." 134 Langfristig wirkte sich die alliierte Strategie sicher

zuungunsten der Fremdarbeiter aus und verschlechterte deren Position weiter, ohne

daß diese größere Aktionen gegen Rüstungsbetriebe oder Wehrmachtseinrichtungen

unternommen hätten.

7. „Mußt lernen immer scheen langsam arbeiten" 135

Mit dem Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941 schwand für die

polnischen Arbeiter im Reich endgültig die Hoffnung dahin, in absehbarer Zeit ihre

persönliche Freiheit durch die Rückkehr in ein souveränes Polen zurückgewinnen zu

130 IfZ, MA 430/2.

131 IfZ, MA 442/2.

132 Ebenda.

133 Sefton Delmer sah in den Fremdarbeitern „willige Kollaborateure, die sich von der guten Bezahlung

mit dem guten Essen, die der schlaue Rüstungsminister ihnen gab, nach Deutschland hatten

locken lassen" (Sefton Delmer, Die Deutschen und ich, Hamburg 1962, S. 553).

134 Ebenda, S. 533.

135 Dies empfahl Zbyszko Matuszewski, in: Hungern für Hitler, S. 22.

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