VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

508 Anton J. Grossmann

können 136 . Warum sollten die Polen also einen besonderen Arbeitseifer an den Tag legen?

Da die vollständige Arbeitsverweigerung sich als unkalkulierbares Risiko erwiesen

hatte, verlegten sich die Polen darauf, durch nachlässige Leistung und häufige

Abwesenheiten ihre Kräfte zu schonen.

Schon im Herbst 1940 hatten sich acht Polen im Tonwerk Pflügler im oberbayerischen

Rohrbach (Landkreis Mühldorf) auf vielfältige Weise ihrer Pflichten zu entziehen

gewußt, so daß sich der Eigentümer schriftlich beim Landrat beklagte, „unentschuldigtes

Fernbleiben von der Arbeit ist die Regel" 137 . Diese Strategie diente in

erster Linie dazu, die individuellen Überlebensaussichten zu verbessern, die Schädigung

der nationalsozialistischen Volkswirtschaft und insbesondere der Rüstungsindustrie

wurde als „Beigabe" gerne in Kauf genommen. Im Laufe des Jahres 1941 setzte

sich unter den Polen die Parole durch: „Langsam schaffen, Deutschland so gut wie

kaputt." 138 Es hieß also bloß noch die deutsche Niederlage abzuwarten. Die Aussichten

dafür wurden auf den sonntäglichen Zusammenkünften ausdauernd diskutiert,

und am Montag war dann jegliche Arbeitslust endgültig erloschen 139 .

Sobald die polnischen Landarbeiter begannen, ihren Dienst nur mehr nachlässig zu

erfüllen, oder den Arbeitsbeginn absichtlich verzögerten, wurde gewöhnlich die Polizei

auf den Bauernhof gerufen. Diese Demonstration der Staatsgewalt genügte meist

zur Einschüchterung der Polen und garantierte dem deutschen Dienstherrn zumindest

vorübergehend eine ausreichende Arbeitserfüllung. Bei fortgesetzter Arbeitsverweigerung

belehrte, verwarnte und - wie unverblümt in den Monatsberichten des Regierungspräsidenten

von Oberbayern bedeutet wird 140 - prügelte die bayerische

Polizei. Seine eigenen Vorstellungen über die Behandlung von Polen hatte der Gendarmerieposten

Buchbach (Landkreis Mühldorf): „Am besten würden sie auf die

,Handsprache' reagieren, was sich immer wieder nachweisen läßt: Es handelt sich

einfach um ein ganz verhetztes, teils tierisch veranlagtes, minderwertiges Volk." 141

Ähnlich verhetzte Amtswalter nationalsozialistischer Gesinnung forderten entsprechend

eine schärfere Bestrafung von Unbotmäßigkeiten polnischer Dienstboten und

Industriearbeiter. Der Landrat von Gunzenhausen, wo Mitte 1941 209 männliche

und 91 weibliche Polen tätig waren 142 , wollte das Recht zur körperlichen Züchtigung

den Arbeitgebern anvertrauen 143 , sein Kollege aus Mühldorf drängte auf Einweisung

in ein Zwangsarbeitslager 144 .

136

So beschreibt die Stimmung der Polen der Dienstbericht des Gendarmerie-Posten Mittenwald vom

24. Juli 1941 (StAM, MB LR Garmisch-Partenkirchen).

137

StAM, MB LR, 23. September 1940.

138

StAB, MB LR Ebermannstadt, Lagebericht des Gendarmerie-Posten Aufseß vom 26. Oktober

1941.

139

Ebenda, Gendarmerie-Kreis Ebermannstadt, 26. Februar 1941.

140

BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern, September 1941.

141

StAM, MB LR, Februar 1941.

142

StAN, LRA Gunzenhausen, 3150, Arbeitsamtnebenstelle Gunzenhausen, 25. Juni 1941.

143 Ebenda, Staatsminister des Innern, 30. April 1941.

144 StAM, MB LR, Januar 1941.

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