VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

ifzmuenchen

VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 509

Ersteren Vorschlag lehnte das bayerische Innenministerium mit Verweis auf die

Zuständigkeit des Reichsführers SS ab, der zweite kollidierte mit den längerfristigen

Interessen der Bauern. Haft- und Lageraufenthalte entzogen dem Hof die Arbeitskräfte

vorübergehend oder auf Dauer, die aber trotz aller "Widerborstigkeiten dringend

benötigt wurden. Ein Bauer aus dem oberbayerischen Bachstelzen (Landkreis

Mühldorf) nahm im Verlauf einer tätlichen Auseinandersetzung sogar eine Ohrfeige

in Kauf. Eine Anzeige des polnischen Knechts lehnte er mit der Begründung ab, daß

„es vorbei sei und weil der Pole ein guter Arbeiter sei, auf den er sich verlassen könne"

145 .

Dessenungeachtet blieb es gerade im Amtsbereich des Mühldorfer Scharfmachers

ein riskantes Unterfangen, widerspenstiges Benehmen am Arbeitsplatz zu wagen. Der

29jährige Franiczek Porula aus Radomsk, tätig in Oberhöhenberg, wurde auf sechs

Monate in das Konzentrationslager Flossenbürg eingewiesen; der 19jährige Ludwig

Swidzinski aus Dabrowa, angestellt bei einer Bäckerei in Mühldorf, wurde „auf unbestimmte

Zeit" in ein Konzentrationslager überstellt 146 . Wegen „Blaumachens" erstatteten

zwei Firmen (GmbH zur Verwertung chemischer Erzeugnisse und Deutsche

Sprengchemie) im oberbayerischen Landkreis Wolfratshausen gegen ausländische

Arbeiter unbekannter Nationalität ebenso Anzeige wie die Messerschmitt-Werke in

Ottobrunn (Landkreis München) gegen zwei Dänen. Zum Zwecke der Einschüchterung

wurden alle Beklagten in Polizeihaft genommen 147 .

Bis Mitte 1942 war die subtile Verweigerungstechnik der Polen von fast allen ausländischen

Arbeitskräften in Industrie und Landwirtschaft übernommen worden. Eine

abwartende Einstellung 148 im Hinblick auf die Auswirkungen der Frontereignisse

und die geringstmögliche Arbeitsleistung charakterisierten das Verhalten der Fremdund

Zwangsarbeiter. Möglichst schonend und unauffällig über die Runden zu kommen,

lautete das Motto, über dessen Befolgung die Gendarmerie schreibt: „Bei den

bei der Deutschen Sprengchemie Werk Kraiburg beschäftigten ausländischen Arbeitern,

besonders bei den Franzosen und teilweise auch schon bei den Ukrainern macht

sich eine starke Bummelei bemerkbar, d. h. bei einem Teil der französischen Arbeiter

und Arbeiterinnen ist dies schon ein langwährender Zustand." 149

Weder ost- noch westeuropäische Arbeiter sahen sich motiviert, die abgeforderte

Stundenzahl tagtäglich am Fließband zu ver- oder eine hohe Arbeitsleistung zu erbringen.

Der Landrat von Gunzenhausen vermeldet in einer akribisch geführten Statistik

150 für April 1943 in insgesamt 97 Fällen das Eingreifen der Gestapo wegen

„Bummelei" am Arbeitsplatz und sonstiger Vergehen gegen die Arbeitsdisziplin. Den

Ausführungen des Landrats zufolge genügte bei den Polen und Sowjetrussen eine

145

Ebenda.

146

StAM, LRA 54951 und 54 955, Stapoleitstelle München vom 3. März und vom 18. August 1941.

147

BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern, Juli/Dezember 1941.

148

Selbst der Landrat von Mühldorf apostrophierte eine „fast unheimliche Ruhe" unter den ausländischen

Arbeitern seines Kreises (StAM, MB LR, April 1942).

149

StAM, MB LR Mühldorf, Gendarmerie-Posten Buchbach, November 1942.

150 StAN, LRA Gunzenhausen, 3153/3, 27. April 1943.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine