VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

510 Anton J. Grossmann

einmalige „Belehrung bzw. Verwarnung" durch die Gestapo, um einen tadelsfreien

Arbeitseinsatz im nationalsozialistischen Sinne zu erzwingen. Allerdings wurden in

diesem Monat April des Jahres 1943 auch ein Pole und ein Franzose in Konzentrationslager

eingewiesen - der Franzose wegen des Delikts der fortgesetzten Bummelei.

Die Allgemeingültigkeit des Gunzenhausener Zahlenmaterials wird durch das Beispiel

eines heereswichtigen Betriebs im Landkreis Mühldorf erhärtet: Am 17. Juli

1943 - einem Samstag - blieben 96 ausländische Arbeiter der Spätschicht fern 151 .

Unentschuldigtes Fernbleiben, vor allem an Sonn- und Feiertagen oder bei Nachtschichten

152 , vorgeschützte Krankheiten 153 sowie „Bummelantentum" stellten Mittel

des Widerstands gegen die Ausbeutung durch das nationalsozialistische Wirtschaftsimperium

oder kapitalistische Unternehmer dar: Bei geringstmöglicher Einzelgefährdung

wurde eine maximale Schädigung erzielt.

Die Bekämpfung des „Arbeitsvertragsbruchs" - darunter subsumierten die Nationalsozialisten

auch Bummelei und Blaumachen - von Ausländern oblag nach einer

Vereinbarung mit dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz und der DAF

ausschließlich der Gestapo 154 . Diese zeigte sich gegenüber den Klagen der Industrie

ebenso aufgeschlossen wie es früher Sauckel gewesen war und billigte die automatische

Verlängerung der vereinbarten Vertragsdauer, um unentschuldigtes Fernbleiben

(verspätete Rückkehr vom Urlaub, Verbüßung von Gefängnisstrafen oder Lagerstrafen,

Bummelei) nacharbeiten zu lassen 155 . Mit dem Reizwort des „Produktionsausfalls"

war es der Industrie ein leichtes, die Gestapo zur Einleitung von Disziplinarmaßnahmen

zu veranlassen. Fünf Tschechoslowaken, die am 4. Juli 1943 - einem

Sonntag - im Reichsbahnlager Breitwiese (Landkreis Berchtesgaden) nicht zur Arbeit

kamen, wären von nationalsozialistischem Rechts wegen (Erlaß des Reichsführers SS

vom 10. April 1943 zur Bekämpfung des Arbeitsvertragsbruchs von Protektoratsangehörigen

auf Arbeitsplätzen im Reich) der Gestapo auszuliefern gewesen. In diesem

Fall war das Glück auf seiten der Fremden, denn der Landrat schaltete die Gestapo

nicht ein und erkannte auf Sonntagsarrest bzw. in einem Fall von fortgesetzter Widerspenstigkeit

auf zehn Tage Haft im Amtsgefängnis 156 .

Zur Beschleunigung der Aburteilung von „Arbeitsvertragsbrüchigen" bei gleichzeitiger

Wahrung des Primats der Produktionssteigerung drang die Gestapo direkt in die

Betriebe ein. Ab 13. Juli 1943 durfte in größeren Rüstungsbetrieben eine interne

Schiedsstelle unter dem Vorsitz der Gestapo und unter Hinzuziehung von Vertretern

des Reichstreuhänders der Arbeit und der DAF saumselige Ausländer selbständig und

151

StAM, MB LR, 20. Juli 1943.

152

Siehe dazu die Arbeitsverweigerung von fünf Serbinnen, zwei Ungarinnen und einer Kroatin

(StAM, MB LR Mühldorf, Gendarmerie-Posten Aschau, 28. Mai 1943).

153

Homze (S. 253) meint dazu für 1944: „... the sick rate of foreign workers was consistently twice as

high as that of Germans." Obwohl bei Homze nicht immer klar zu erkennen war, worauf seine

Schlußfolgerungen basieren, vgl. zum Thema: S. 252 f., S. 255-257, S. 259.

154

Erlaß des Reichsführers SS vom 8. Mai 1943, in: Erlaßsammlung, S. 107 f.

155

Pfahlmann, S. 154 f.

156

StAM, MB LR, Dienstbericht der Polizeistation Berchtesgaden vom 26. Juli 1943.

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