VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

512 Anton J. Grossmann

darnach braucht man nicht erst zu fragen" 163 . Bereits vorher hatte die Leitung der

NSDAP des gleichen Kreises die Situation aus nationalsozialistischer Sicht drastisch

geschildert: „In den letzten Wochen wurde allgemein ein arrogantes und widersätzliches

Benehmen bei sämtlichen fremdländischen Nationen festgestellt. Auch die Arbeitsleistungen

in den Betrieben haben häufig merkbar nachgelassen. Ein Grund

schlechter Ernährung ist hierbei nicht gegeben, obwohl dies in vielen Fällen vorgetäuscht

wird und wurde. Auch die Behandlung gab hierzu keinen Anlaß. Es steht vielmehr

klar und eindeutig fest, daß die politischen und Kriegsverhältnisse als Grund

hierfür maßgebend sind. Auffallend ist das passive Verhalten der französischen Zivilkräfte.

Wenn von dort vor wenigen Wochen von dem einen oder anderen noch der

deutsche Gruß geboten wurde, so entfällt dies heute. Ebenso sind sie in ihrer Haltung

mehr als zu beanstanden. Auch die Ostarbeitskräfte glauben Anforderungen stellen

bzw. Anweisungen nicht mehr beachten zu müssen. Frech und zynisch, wenn nicht

herausfordernd benehmen sich die Polen, die sich häufig schon als die Herren der

Zeit fühlen." 164

8. Solidarische Gemeinschaftsaktionen und Arbeitsniederlegungen

In einigen wenigen Fällen fanden sich die ausländischen Arbeiter zu einer gemeinschaftlichen

Protestaktion zusammen, um gegen spezielle Mißstände durch einen

kurzfristigen Streik zu demonstrieren. Der industrielle Arbeitseinsatz in geschlossenen

Gruppen und die lagermäßige Unterbringung förderten zwar die Absprachemöglichkeiten

unter den Fremd- und Zwangsarbeitern, doch die für eine Arbeitsniederlegung

notwendige Voraussetzung der Solidarität blieb immer auf die Angehörigen

einer Nation beschränkt. Eine von den Nationalsozialisten gefürchtete

und oft beschworene 165 Einheitsfront aller Ausländer gegen „Betriebsführer" und

NS-Staat zeichnete sich nicht einmal in Ansätzen ab. Wurden in den Baracken Pläne

zum Ausstand geschmiedet, so lag meistens eine länger anhaltende Unzufriedenheit

über die Verpflegung 166 oder über die Löhne vor. Dagegen begründeten drei

Polen ihre Arbeitsverweigerung am 8. Dezember 1939 mit dem Hinweis auf den

von ihnen geheiligten Feiertag „Maria Unbefleckte Empfängnis". Der Rapport

für den Landrat von Friedberg (Oberbayern) schließt mit den Worten: „Durch Ver-

163

StAW, MB LR, 28. Juni 1944.

164

Ebenda, 8. Mai 1944.

165

Siehe als ein Beispiel von vielen: StAB, MB LR Ebermannstadt, Gendarmerie-Kreisführer, Oktober

1941.

166

„. . .am 6.11.1941 vormittags in der Bettstellenfabrik Noris in Feucht 23 polnische Zivilarbeiter die

Arbeit verweigerten mit der Begründung, daß das Abendessen am 5. 11. 1941 schlecht gewesen sei.

Nach Prüfung der Kost durch die Gestapo Nürnberg und Belehrung der Polen wurden diese zur

Arbeitsstelle zurückgeführt und haben gegen 10 Uhr ihre Arbeit wieder aufgenommen. Das Abendessen

bestand am 5.11.1941 aus Suppe, Haschee mit Kartoffeln und Brot" (BayHStA, Reichsstatthalter

378).

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