VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

514 Anton J. Grossmann

Bruch des Kalkwerks - auch von Deutschen - ausschließlich im Akkord gearbeitet

würde. Einen Arbeitsplatzwechsel lehnte das Kalkwerk ab und damit mußten die Bulgaren

unter den von ihnen abgelehnten Arbeitsbedingungen weitermachen.

Der spektakulärste Streik auf dem Rüstungssektor fand am 10. Dezember 1941 innerhalb

der Flugwerft der Lufthansa in München-Riem statt. Wegen einiger ungewöhnlicher

Merkmale und der vorzüglichen Überlieferungslage 172 sollen dieser Ausstand

und seine Vorgeschichte ausführlicher dargestellt werden.

Die Bayerischen Motorenwerke (BMW) hatten im August 1941 vom Generalluftzeugmeister

die Ausführung dringender Reparaturarbeiten an Flugzeugen übertragen

bekommen und benötigten deshalb sofort ausländische Arbeitskräfte. Anfang

September trafen etwa 70 Ungarn in München ein, die zu diesem Auslandseinsatz genötigt

worden waren und dementsprechend »völlig unlustig" zu Werke gingen. Genau

genommen konnten die Ungarn die vorgesehene Tätigkeit gar nicht aufnehmen,

da die meisten von ihnen aus handwerklichen Berufen (Maurer, Friseure, Schuster,

Schornsteinfeger) kamen und für die feinmechanische Arbeit erst umgeschult werden

mußten. Die Mißhelligkeiten häuften sich, da die Ungarn wegen ihrer überhasteten

Deportation nur unzureichend mit Winterkleidung ausgestattet und zudem in einem

provisorischen „Auffanglager" untergebracht waren. Hinzu kam, daß sich die Ungarn

durch bürokratische Schikanen bei der Überweisung ihrer Löhne an die Angehörigen

in der Heimat behindert fühlten.

Ganz offensichtlich bemühte sich BMW um eine Verbesserung der unzulänglichen

Lebensbedingungen, lehnte aber die Zahlung eines angeblich versprochenen Stundenlohns

von RM 2.- bei freier Verpflegung und Unterkunft ab. „Um keinen Zweifel

über Rechte und Pflichten der ausländischen Gefolgschaftsmitglieder aufkommen zu

lassen, wurde darüberhinaus noch eine allgemeine Belehrung durch einen Vertreter

der DAF ... im Beisein des Herrn Kriminalsekretärs ... der Geheimen Staatspolizei

durchgeführt." Die Ungarn ließen sich aber nicht einschüchtern und traten in Streik.

Ebenfalls in Riem tätige Bulgaren, Kroaten und Holländer lehnten eine Beteiligung

am Ausstand ab.

Die Wiederaufnahme der Arbeit erzwang die Gestapo rasch durch die Festnahme

dreier „Rädelsführer". Da aber zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland

und Ungarn seit 1939 ein zwischenstaatliches Abkommen über Gastarbeiter bestand,

schaltete sich überraschend das ungarische Generalkonsulat in München ein 173 . In einem

als schwierig bezeichneten Gespräch zwischen dem Generalkonsulat und BMW

wurde für die Zukunft eine engere Zusammenarbeit vereinbart und die Belehrung aller

ungarischen Arbeiter in Münchner Betrieben durch einen Delegierten des Budapester

Arbeits- und Handelsministeriums angekündigt. Da ein Beamter der Gestapo in-

172 BayHStA, MA 104987.

173 Es handelt sich hier um den für Bayern einzigen aktenkundigen Fall einer Intervention der Heimatregierung.

Im Jahr 1941 soll der französische Industrielle Bruneton, der französische Zivilarbeiter

bei verschiedenen Firmen in Nürnberg besuchte, „restlose Zufriedenheit und Bewunderung für die

sozialen Verhältnisse in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich" geäußert haben (BA/MA, KTB

Rüko Nürnberg).

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