VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

Fremd- und Zwangsarbeit in Bayern 1939-1945 517

ten dann ihre Untersuchungen unbelastet von ideologischen Wunschergebnissen und

deckten häufig Nachlässigkeiten als Ursache der angeblichen Sabotage auf.

Bis Ende 1941 wurden eigentlich nur vier Ausländer der aktiven und absichtlichen

Beschädigung von Gegenständen überführt: Der 25jährige polnische Landarbeiter

Stanislaus Zabiecylik hielt Eisenstücke in einen laufenden Motor und zerstörte ihn

dadurch vollständig. Ein Ukrainer verriet Zabiecylik, der wegen Sachbeschädigung

beim Landgericht München angeklagt wurde 183 . Details über die Sabotage eines

Weißrussen im Weidener Betrieb Hermann, einer Firma der Arbeitsgemeinschaft der

Schlosserwerkstätten, liegen nicht vor 184 .

Am 24. August 1940 lagen in der Nähe des Bahnhofs Schwabmünchen (Schwaben)

fünf Laschen (eiserne Schienenverbindungsstücke) auf den Gleisen. Dieser Anschlag

auf die Reichsbahn mißlang jedoch kläglich, da ein Personenzug das Hindernis problem-

und schadlos zur Seite räumte. Die Gestapo nahm die Ermittlungen auf und

verhaftete zwei polnische Bahnarbeiter, die von Zeugen in der Nähe des Tatorts gesehen

worden waren 185 . Im November 1940 fand im Raum Regensburg (Oberpfalz) auf

die gleiche Weise ein weiterer Anschlag auf die Reichsbahn statt.

Obwohl nicht der kleinste Hinweis auf eine allgemeine Erhebung der Ausländer

vorlag, reagierte die Gestapo mit hysterischem Aktivismus auf Gerüchte, die Polen

des Landkreises Gunzenhausen (Mittelfranken) hätten im Februar 1942 auf Verabredung

binnen 30 Minuten alle verfügbaren Rasiermesser aufgekauft. Eine gründliche

Durchsuchung von Schränken und Kisten erbrachte folgendes Ergebnis: „Die Polen

dürften im Laufe des vorigen Jahres in Gunzenhausen ca. 40 Rasiermesser gekauft

haben. Da im Landkreis Gunzenhausen ca. 240 männliche Polen eingesetzt sind, ist

die Zahl der eingekauften Messer im Verhältnis nicht hoch." 186 Die Gendarmerie

schloß daraus, die Messer dienten zum Rasieren. Dieser Logik vermochte sich letztlich

auch die Gestapo in Nürnberg nicht zu verschließen und ersuchte den Landrat einen

Monat nach der Razzia, den Polen die „vorläufig sichergestellten Rasiermesser

wieder zurückzugeben" 187 . Der „Polenputsch" von Gunzenhausen lieferte aber als

Nebenergebnis zumindest Hinweise auf die Armut der Verdächtigten: „Weiter hat die

Kontrolle ergeben, daß die Polen weitere zusammengehamsterte Sachen nicht in Besitz

hatten und daß ihre gesamte Habseligkeit nur aus alten Kleidern und Lumpen besteht."

188

Das Gespenst des Aufruhrs quälte Gestapo und Polizei immerfort. Die Lage an der

Front, die Zunahme der Ausländer im Reich und die aufkeimende Angst leisteten im

Frühjahr 1943 der Verbreitung von Gerüchten über einen bevorstehenden Aufstand

183

StAM, MB LR Weilheim, Dezember 1940.

184

BA/MA, KTB Rüko Nürnberg.

185

BayHStA, Reichsstatthalter 377.

186

StAN, LRA Gunzenhausen, 3153/2, Bürgermeister Gunzenhausen, 6. März 1942.

187

Ebenda, 9. April 1942.

188

Ebenda, Gendarmeriestation Döckingen, 7. März 1942.

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