VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

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VIERTELJAHRSHEFTE FÜR ZEITGESCHICHTE - Institut für ...

520 Anton J. Grossmann

im Landkreis Aibling durch Gendarmerie, Polizei, Land- und Stadtwacht sowie nationalsozialistische

Funktionäre am 22. Mai 1945 förderte 37 feststehende Messer, einen

Schlagring, ein Beil und einen alten Säbel zutage. Der Rapportführer berichtet

dem Landrat: „Die Besitzer gaben durchwegs an, daß sie die Messer im Gebrauch haben

u. hauptsächlich zum Brotschneiden verwenden. Ein Teil der Messer ist für einen

Angriff nicht geeignet, weil an diesen die Spitze abgebrochen ist." 203

10. Spott, Stolz und Rache

Während des Jahres 1944 wollten sich die Nationalsozialisten noch schnell das Vertrauen

der bisher diffamierten und diskriminierten Ausländer erschleichen, stießen jedoch

auf Spott und Verachtung. Da die Anwendung des „deutschen Grußes" durch

Ausländer als „unerwünscht" galt, hoben gerade die westeuropäischen Fremdarbeiter

den Arm mit einer ans Lächerliche grenzenden Häufig- und Zackigkeit, um dadurch

von den Deutschen die entsprechende Geste zu provozieren. Die Polen, denen der

Hitlergruß untersagt war, verliehen indessen den Symbolen der Unterdrückung einen

neuen Sinn und verwandelten diese zu Zeichen der Zuversicht. Das „Polenkennzeichen"

wurde nicht mehr als Kainsmal abgelehnt, sondern als erkennbares Signum für

die Ablehnung des Nationalsozialismus und zur deutlichen Abwendung von allem

Deutschen demonstrativ zur Schau getragen. „Die Kennzeichnung durch ein P schadet

nicht", las die Auslandsbriefprüfstelle in den Schreiben an die Angehörigen in der

polnischen Heimat, „wir sind stolz darauf." 204

Die westeuropäischen Fremdarbeiter schlossen sich in den kleineren Landgemeinden

vermehrt zu Sportvereinen, Theatergruppen und Freizeitclubs zusammen, in denen

zwar tatsächlich diesen Vergnügungen gefrönt, andererseits aber keine Gelegenheit

ausgelassen wurde, den Nationalsozialismus zu verspotten und der bedrückten

Bevölkerung die nahende Kriegsniederlage anzukündigen. Die sporadischen Ausbrüche

von ausländischer Ausgelassenheit trafen die Einheimischen wie ein Hammerschlag.

Als „besondere Frechheit" bezeichnete der Landrat von Ebersberg (Oberbayern)

ein Gaudium, das sich 20 Franzosen am 11. April 1943 leisteten. Die Franzosen

zogen am Abend „mit Ziehharmonika, Blechtrommel und Blecheimern unter Mitführen

von 2 Stangen, an denen weiße Tücher befestigt sind, singend und lärmend mehrmals

um das Lager herum und dann durch die Ortschaft Kronau" 205 . Wegen der Erregung

der Ortsbewohner verhängte der Landrat für die beiden Rädelsführer drei Tage

Haft und sieben Tage verschärften Arrest. Wohl nicht zu Unrecht fühlten die Kirchdorfer

im Landkreis Bad Aibling (Oberbayern) ihr bayerisches Brauchtum verhöhnt,

als ein Franzose auf einer Betreuungsveranstaltung der DAF in „kurzer Wichs auf-

203 StAM, Wirtschaftliche Lageberichte des Bezirksamts Bad Aibling, Gendarmerie-Kreis Aibling,

26. Mai 1944.

204 BA,R 41/264.

205 BayHStA, MB Reg.-Präs. Oberbayern, April 1943.

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